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Full text of "Beiträge zur Charakterologie: Mit besonderer Berücksichtigung pädagogischer ..."

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Befoiibtret Seridfjid^tigund päbagogifd^tt ^laitn. 



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Dr. 3nlm iBitl|tt(ett. 



(Erftet fhuil* 







1867. 









%qA 9ted6t ber Ueberfe^ong »trb botbel^aften. 



@ttt 5Dattfe«opfer 

wcittcö ^ci6c6 98tÄtt<tt; 



toad fie gebaut ^ 



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»orrclic. 



^ie %taQt Oumctilian'S: Numquid melius dicere 
m, quam potes? lonnte meine 3tt)eifel befd^toid^tigen 
l^elfcn^ ob id^ b(tö toorlieflenbe aSBeri fo toie e^^ einmal ge= 
toorben ifl ber Oeffentlid|f!eit übergeben foEte ober nid^t 
3d^ f agte mir nämlid^ : toa^ bu baran l^ätteft beffer mad^en 
tbnnen, fonnteft bu nid^t beffer mad^en^ toeil bu aU @{(abe 
h^ t&glid^en S3rotö auf biejjenige SSoQenbung, toeld^e allein 
aud^ bir f eiber i^fttte genügen. fönnen, J;>eraid^ten mufeteft, 
ba e^ an jener ftetigen äRujse gebrad^, bei n^eld^er ftd^ VLn^ 
ebenffeiten be^ @til^ unb ber ganzen S)arftellung leidster 
bermeiben, ali^ n)ie ftd^ fold^e f)>äter mit nad^träglid^er 
Seile toegfd^affen laffen. 

Sin £^eil feined ^ni^altö erfd^ien ju Md^aeti^ 1864 
mit bem Programm ber ffüffttn Sürgerfd^ule )u Sauenburg 
in Sommern unter ber 93e)eid^nung .^^dbagogifd^-d^aral^ 
terologifd^e Fragmente" unb gleid^jeitig in @e))aratabbrudE 
unter bem S^itel ,^®runb)üge }u einer S^atterologie mit 
befonberer Serüdfid^tigung j>äbagogifd^er gragen" (SKnflom)« 
SHefe^ ^rud^ftiidE führten bamal^ nad^ftel^enbe ®A|e beim 
fiefer ein: 

„gßie bie ^Pf^c^ologie atö ^ülf gtoiffenf c^aft in ben S)ienft 
ber ^ftbagogtt unb beren it>raltifd^er Slu^übung tritt, fo ift 
bie @t^ale eine reid^e ^nbfifttte .})fi;d^ologif(^er a3eobad^=s 



vin Sötcebe. 

tungen, unb ol^ ©rtrftge biefeS frud^tbarcn SBed^fetoerl^ält^ 
niffe^ n)ünfd^e i^ ba^ }unäd^fi SSorgelegte aufgenommen 
in feigen. @ü fann e^ }ugleid^ mün)ir!en gu einer ^m^^ 
ttgung lanbläuftger SCnjtd^ten über bie ©tettung ber Seelen^ 
lunbe jur ©rjiel^ungglei^re, unb in^befonbere bem Srrtl^um 
entgegenarbeiten, afö bringe eine ^Ile untoergorenen 
cafuijiifd^en 3Wateriate ober ein J^otter ©d^ematiömuö für 
bequemfie ©inrubricirung ber 3nbit)ibualitäten ben Seigrer 
fonberlid^ ttjeiter in ber aSerfolgung feiner S^ede. Älareg 
SSetoufetf ein um bie ©darauf en, innerl^alb n>eld^er atteit^ bon 
einer ©intoirfung ouf ben Söö^ng äberl^aupt bie 3lebe fein 
lann, ifl ja bie SSorbebingung für rid^tige^ älnn^enben ber 
babei }u @ebote ftel^enben SRittel. Unb bied ^l^ema ein^ 
maC tt)ieber ju erörtern, bafür liegt ebenfo iM Slnla§ wt 
in ber l^&ufig begegnenben Ueberf d^A^ung ber 3Rad^t, meldte 
ber ©rjiel^ung^f unft toirfCid^ inneit^ol^nt, n)ie in ber jumeifl 
burd^ fold^e^ @|trem it>rot)ocirten äJertennung il^rer bod^ 
immerl^in mSglid^en (Srfolge. Oft genug gel^t ber eine VLn^ 
Derfianb unmittelbar in ben anbemüber; biefelben äleltertt, 
loeld^e onfang« geneigt finb, alle SSeranttoortlid^feit für 
baö «@eratl^en» il^rer Äinber ber Sd^ule ober bem in ben 
toerfd^iebenften formen t)on an^m l^er an biefelben l^eron- 
fretenben 83eif!j)iele jujutoftljen, oud^ tool billig genug, ftd^ 
felber toegen taufenbfad^er, Heiner ober großer, S3erf&unp 
niffe anjuflagen, — ebenbiefelben toerfatten ^p&ttt leicht öor^ 
eilig in untröfllid^e^ Sßer jagen, ba^ l^offnung«lofer ®leid^ 
gültigfeit jum ^anb^ n>irb, alle« gelten lä^, toie e« eben 
gel^t, unb in fiumjjfer SRefignation nun ate ein unentrinm 
bare« ©d^idffal i^innimmt unb beflagt, toa« fx^ bei mel^r 
3Kutl^ unb aSefonnenl^eit bod^ nod^ red^t tt)ol^l jum SSeffem 
tt)enben liefee. 

„SBenn aber berartige @ntmut^igung i|fren n&d^ften 
@runb im Mangel an richtiger äBürbigung berjenigen ^^ 



8embe. * ix 

bä)ibualität ^at, mlift Dbject ber ©rjiel^ung iß, fo tommt 
nid^t tniitber ntanc|itnal aud^ auf feiten be^ er^iel^enben @ub:: 
jectö eine Unftd^erl^eit im ®elbftt>ertrauen ^or, n)eld^e in 
entfj)red^enber SJerfennung beS SÄed^tö ber eigenen 3fwbis 
^ibuolit&t n)ut)elt; unb mtSf fold^en, meldte biefer ©efal^r 
auSgefe|t ftnb, n)irb bie @]^araIterologie mand^es pr 
©tmunterung fagen fönnen, inbem bur^ fie angeredeten 
©elbjlarrflagen ber Soben entjogen tt)irb. aSerflftnbigen wir 
un3 alfo jm)örberfl über SBefen unb älufgobe biefer, l^ier ium 
erjlen mal unter eigenem Slamen aufttetenben, SBifffufd^aft ! " 

©ie SCufnal^me, meldte biefe ^rö6e fftnbe, füllte ent= 
fc^eiben über bie iperau^gabe be^ ®anim. Dbiool aber 
bie ju fold^er ermunternben Stimmen mel^r nur bie j)äba= 
gögifd^e ©eite baran im Sluge l^atten, fo ifi bod^ feitbem 
gerobe biefe in ber Sluöfül^rtmg unb legten SRebaction 
me^r unb mel^r jurfidgetreten unb mag nur nod^ aU ^t^ 
legentlid^e l^anbtDerl^m&^ige äSerbr&mung angefel^en te>erben. 

ein Sal^r fj)Äter — im ^erbfl 1865 — toar baiS 
%oxiyt brudfertig gemad^t, tt)urbe jebod^ im 3Rai 1866 
einer nod^maligen SRetnfion toon mir unterzogen unb fottte 
gerobe in bie 3)ru(Ierei gegeben toerben, ald ber Slu^brud^ 
bed ftriege^ neuen ätufentJ^alt brad^te. @eitbem l^abe id^ 
geglaubt ntid^ jjeber eingreifenben Slenberung enti^alten, 
fDld^e^ aber (xa biefer ©tette nid^t unertüäl^nt laffen ju 
foKen, um falfd^er äuffaffung entgegenjutoirfen, tt)enn es 
fd^elnen fönnte, ba^ bie8 unb jjeneS barin jeitl^er t)on ben 
®reigniffen imberlegt »orben fei. Der ©d^ttJierigfeiten unb 
ber Ungtmft ber aSer^ftltniffe toar fd^on fo genug gemefen 
unb einem genriffenl^aften @e|et bie Slrbeit ol^nel^in nid^t 
leidet gemad^t. 3)arum unterblieb baS Eintragen nid^t nur 
gtd^erer Serid^tigungen, fonbern aud^ überfid^tlid^erer ©n- 
gongaaj>itel, te»ie id^ pe f onft felber für ein J>aar Stbfd^nitte 
tt>ih*e getofinfd^t \i(&z(^,\ unb id^ fud^te mid^ bei bem 



X SJotrcbe* 

©cbanlen ju Berul^tgen, bafe bte 3tt>if#enjett nteine 
änfd^auungen im loefentlid^en nid^t l^atte etfd^üttem fön* 
nen, btefetten alfo tool auf Beiferm Orunbe ol^ bem einet 
Wofeen ^ge^meinung pelzen n>ütben. 

SIm Itebflen iebod^ l^ätte id^ bem ®anjen ba« %av^ 
toort: 

^i(be mir nidt^t ein td^ fBnnte tt>ae (eieren, 
2!)ie iE^enfd^en gu Beffern unb gu Befel^ren 

jum 9Rottü gegeben, um fo am Uir^eften @rn)attungen^ 
bie id^ nid^t erregen n>oIIte^ toot^ubeugen. S)enn in^be^ 
fonbere toürben fid^ alle biejenigen getäufd^t ftnben, iwld^e 
»ermutigen mftd^ten, eö gebe in biefem 83ud^ t)iel ,,ptci' 
tifd^e aßinfe", etioa gar eine Einleitung über bod^ einjelne 
aSorfd^riften ium Unterrid^ten unb erjid^en; unb gerob^ 
über ben Slbfd^nitt, loeld^er Don bem aWobificabilitätö:^ 
!|)roblem unb anbern l^eifeln fingen ^anbelt unb für te>eld^en. 
jjeneg SSelenntnife t)orjug^toeife gilt, toerben bie blofeen ^rafc 
tifer urt^eilen, er fei für ü^re Sebürfniffe unb 3toede aHju 
fte^tifd^ aufgefallen. @benfo l^abe id^ mid^ bed älbfd^toeifeniS. 
}u birect legi^latorifd^en Erörterungen enthalten, toieiool 
für bie lex ferenda, 3. 33. fiinftiger ^rüfung^reglement«, 
fld^ im})licite mand^ 5ßoflulat erl^eben toirb, barauf gerid^tet, 
bafe nid^t fort unb fort baö Slllerungleid^artigfle nad^ einem 
unb bemfelben 3Sla%c tapirt toerbe. 

Uebrigen« benfe id^ toon biefem SSud^e, tt)ie öon allen 
anbern aud^: baö Slufnei^men frember ©ebatrfcn.in unfere 
SebenSanfd^auungen unb ^Rajdmm ift nur ba ein lebenbige^^;. 
tt)o eg fo unmerflid^ öor fid^ gel^t, tote bie äffimilation bjer 
Seibei^nai^rung, tt)o alfo ber Sßieberfd^lag au^ ber Ißeftüre 
fo toenig too^rnel^mbar „anfe^t", toie.biegrud^t unter bem. 
3Belfen ber 33läte; unb nur loer toäl^nt, e« fei auf ein %p' 
^liciren au^ioenbig gelerntet Siegeln abgefel^en, öerfennt, 



Somt)€. XI 

toaS. aQe pSibaQoq^\6ft Sl^eorie in ben 9iext>aä)t gebrad^t 
j^di^ fd^Ie^tl^in unnü| }u fein, ^r b<tö felbftti^ätige 
äßad^iSti^um ber ©eifleMarl^ett unb fomit für baS unrefleo 
tirte ^anbetn bleibt barum nid^t unfrud^tbar^ toa^ beim 
einjdfaH atterbingS nid^t mel^r afö ha ober bort em!j)fan8ene 
,,9ute Seigre" öor bem 33ett)u|tfein fielet — ber ©efammfe^ 
l^eit unferer 3nteffectualtl&ätigfeit fann e§ ja bod^ einverleibt 
fein, iwe äff ber übrige SCrobition^gel^alt unfern SBBefen^, 
ä&ol^l ober ifl ba«^ affemal ein l^öd^ft bebenflid^e^ @^m^tom, 
tümti un^ fofort nad^ bem ipören ober Sefen einer ©arftet 
lung bag Sett)ufetf ein lommt: e^ fei nid^t^ baöon l^aften ge^ 
blieben; benn bo^ befagt: ba^ ©an je fei an^ blofeen Segrip^ 
confiructionen aufgefül^rt; — tt)eil n&mlid^ nur ba§ 2lnfd^au= 
li^e fi(i^ einjjrägt imb atö ein germent, ba§ man „bel^ält" 
unb bei fid^ bel^ält, forttoirfen fann. 

@old^e @rtt)ägungen mögen mid^ aud^ einer au^füi^r:: 
li^ent 3ti)ologie uberl^eben, inbem id^ ba^ ©eftänbnife au^^ 
fj)red^e, toie e^ mir nid^t entgel^t, ba^ id^ burd^ ben toeiten 
Äbflanb ju>if<i^en ben SBel^anblung^toeifen meinet ®egen= 
fionbeS in ben öerfd^iebenen Slbfd^nitten mid^ felber ber 
ä^ntlage .auggefefet i^abe, e^ fei t)on mir eine ungleid^= 
mäßige Slet^obe befolgt loorben. SBäl^renb einige fid^ an 
©teBen befd^toeren toerben über eine abftrufe ©d^toerfäffig- 
feit in breiter 35efj>red^ung metai)l^^fifd^er ^^agen, loer^ 
ben onbere meinen, man öermiffe bie fd^ulgetool^nte gorm 
„f|«culatiDer" aOSiffenfd^aftlid^f eit, too bie ©iction gerobeju 
rl^etorifd^ gefärbt fei obey l^inabfleige auf baö SRiöeau eine§ 
nöd^emen common-sense, tü^a toie bie <Bpxai)i ber ^ßo^ 
!()ulat|>^iIofo})l^en be§ 18. Sa^rl^unbert^. (Sin 3lrd^it)ar für 
bie Acta philosophorum n:)ie di. ^atfm ff&Ü f d^on ein leeret 
%0gi) fut mid^ ^>arat: er tt)irb ol^ne toeitere^ mid^ feinen 
„2:]^eoi)]^rajien" (t)gl. SR.^a^m, „Slrtl^ur ©d^ojjenl^auer", 
»erlin 1864, @. 104, mit 3lnfj)ielung auf ein t>on ©d^O:: 



XII Sorre^c. 

pmfjantt fettft brieflid^f gegen SuHu^ ^auenftSbt*] ge« 
hxan<S)U^ SSBort) einreiben: — ba^ öon mit aufgeBtad^te 
2;iteltt)ort ift gar ju öerlodenb baju. S)ett befcrtf)tit)en 
©tüden U)irb man abfr redten, tt)a^ SeioeiJ neuerbing« 
ba^ SSiftonäre am ©d^riftfleHer genannt l^at; ben bebuo 
ti^en bte logifd^e 83änbtgleit, unb benjenigen, todift ate 
ein mittjere^ ®enre aud^ bie %oxm ber bloßen „Sieflesion" 
nid^t t>erfd^mÄ]^en, alle „toal^rl^aft j)^ilofoj)]^ifd^e" 2;iefe 
beflreiten. 8Ba^ fott i6) baju t>iel anberS fagen, ate mit 

Gerrit ©ottfrieb loBefan: 
„3^ (äff' mix' 9 ff alt gefattett; 
äßatt tiii^tet mir n^tö anberS an, 
«I« meinen «rübern allen''? 

3Rit ber 3lnlage tt)irb aHm&i^Kc^ fid^ fc^on befreunben, 
toer nur erfl erfennen ttjiH, tt)ie S^^alt unb ©arfleHung 
immer concreter toerben, j|e h)eiter bie »etrad^tung in bai5 
aSefonbere t>orrüdtt. Unb iDenn man bann tveiter in ©es 
trad^t jiel^t, ba§ ber Slitel lein gefd^foffene« ©^flem, f^p 
bern nur SBaumaterial ^erfj)rid^t, fo Iftfet fid^ nid^t füglid^ 
ber aSorh)urf ergeben, id^ ^fttte ein ©todtoerl in ®ranit, 
ein anbereg in ©anbjlein, ein brittej^ in »adtfiein, ein i>xtt^ 
te^ aU ^ad^toerl, ein fünftel afö ^oliban aufgefill^tt unb 
tt)ol gar bem ®anim nod^ ein ©tü(f in ®ifen* unb &lai^ 
confiruction l^injugefügt. S)afür tftume id^ benn aud^ jes 
bem fold^en Sefer, ml6)m, nid^t baran liegte übetoS bie 
Slnfnfi!i)fungen an grül^ergefagte« gu tjerfolgen, toißig bo^ 
Siedet ein, nad^ feinem inbiDÄueHen ©efd^mad „Äu*Iefe" 
JU galten in bem, \oa^ gerabe i^n an^ie^^en mag ; — tooBte 
id^ bod^ mand^e ^Probleme nid^t fohjol löfen, ali5 6fod auf^: 
jeigen. 9htr bitte id^ al^bann, bie ä(nmerlungen nic^t um 
befel^en^ ju überf dalagen; benn biefelben finb Ieine«tt>eg«, toie 



*) ^xtifViX @(l^o))enl^auer. 8on i^m. UelSer tl^n. &. 496. 



Sorrcbe. xm 

fottfl tt)0l, lebfglid^ mit ienem „ gelefirten/' SaHafl ange- 
f&Dt^ t>on tDeld^nt mannet t)ermetnt^ er lönne ol|fne i^n bem 
Älel feinet tofffenfd^aftlid^m fjafitjeug« nid^t ben redeten 
Tiefgang unb ba« rid^ttg fd^ftoebenbe ©leid^getoid^ft be^ un* 
tem ©c^ipraume« geben. 

SlBeltt gerabe ßefem ^on jener — ba§ id^ fo fage — 
lajem ^ßtap« gegenüber ttjirb t>ieBeid^t ber au^gebe^nte 
©ebraud^f t)on f^emblDörtem einer entfd^u&igung bebürfen, 
jumal in einer 3^*^ tt)0 6inf(i^rftnlung beffelben öielerfeitö 
ju einer nationalen ^flid^t fott gemad^t werben, aber 
tt)eber bin id^ ber SWeinung, ba§ tt)ir unfere 3Rutterfj)rad^e 
f^änben, toenn. tt)ir unfere gftfiigfeit ju feinem Unterfd^ei= 
bungen nid^ft unbenu|t laffen, inbem toir enttt^eber öon av2^ 
vo&tti entnel^men^ tüa^ un^ ba^eim bei aQem Steid^tl^unt 
ijerfagt i% ober, ben SBertretem einer j)rfiben ©d^ulf))rad^e 
jum %xo^, nic^t tjerfd^mälj^^, toa« in bem SSereid^ ber 
^robinjialtamen unb anberer nid^t folonfäl^iger Su^brudt^ 
toeifen an berbem äu^lunft^mitteln pc^ un^ barbietet, 
um S)inge beim redeten Slamen ju nmam, benen i^re 3la= 
tur feinen Änf^mid^ auf gart äjil^etifd^e »efianblung toer« 
leifit; nod|f l^alte id^ ei^ ^r ein btUigei^ Slnftnnen, ba^ je^ 
ntanb unbered^gter 93olt^tl^ämli(^Ieit gu Siebe ftd^ fd^Ar:: 
ferer ©ejeid^nungen entf dalagen f olle, bloiJ bamit bief em unb 
\mttn ein oberf{Ad^li(^eS SSerft&nbni^ erleid^tet toerbe; benn 
im allgemeinen imrb man bo(^ emften i^m jutrauen 
muffen, fie l^ätten allemal il^re guten ®rünbe baju gehabt, 
t9D fte bem f^emben unb Ungetoo^nten t>or bem (Sin^ei- 
mifd^en unb ®eU)0^nlid^en ben äSorjug gegeben l^aben. 
S)eimod^ tM id^ l^iermit S^bemnitAt na^gefud^t ffabm fär 
aDe bie ^e, too bal^in ju befinben fein foHte, ba§ nid^t« 
ate eine getoiffe »equemlid^Ieit im SSeibei^alten be^ gerabe 
mir 3uf AQig ©elAuflgflen jur älbn)eid^ung bon fonfi U^b^ 
lid^ffim mid^ berleitet f)af>e. 



XIV Sprrebe. 

Uttioerfdl^nttd^er älbgunii ober unäbeminblid^er ®ldif^ 
gäliig!ett tDirb fretlid^ biefe^ 93u(i^ I^egegnen bei aQen jene» 
„©efunben", bie jtd^ ilj^re^ (Slüdlic^feinö fd^ier ate ein«: 
Xugenb tül^men itnb mit ilj^tem 3?afcrünH)fen unfete ©atite 
^)robociren, h)ä^renb fie afe ^)raltifd^e unb „reaIj)olitif(^e'' 
Seute öetratl^en, toeld^er Slrt ba^ „®Ül(f" fei, ba^ fie ftd^ 
unb anbetn bereiten tooHen, erlauft um alle^ ®ble, toa^ 
bie aRenfd^enbruft belegen fann, mit ber fd^nöben 3w^ 
mut^ung: i^ unb trini, liebe @eele, benn aUeS anbere ift 
Ji^orl^eit ! 

5Rur U)eil e^ bennod^ auf ®rben öiel jerfd^lagene $er= 
Jen gibt, läfet fid^ auf einige ®mj)fÄnglid^feit red^nen für 
Slefultate eine^^ bielgel^e|ten Seben^, unb fold^e toiegt für 
ba^ ©emütl^ me^r benn jebe älnerlennung berfetten ate 
einer bloö geiftigen Seiflung. 

ajon bem, toa^ fonft nod^ in SSorreben gefagt gu tott- 
ben ^)flegt, entl^ftlt bie @d^rift fetter an geeigneten Orten 
ba^ Siötl^ige über meine Stellung gu SBorgängern unb 
SKeiftem. Sin eine bef onbere Älaffe \)on Sef em l^abe id| 
in conscribendo nid^t gebadet, unb bie flauen nid^t au«? 
brüdtlid^ abjufd^redkn, bagu gab ber jufäUige Umftanb mir 
ben aJlutl^, bafe gerabe fold^e be« SJud^e« (gntflef^ung mit 
freunblid^em Slntl^eil begleitet f^ahm — ber tiefem Se= 
jiel^ung l^ier nid^t ju gebenfen, toeld^e bie SBibmung Au^brüdtt. 

3U)ar njeife ic^ tool^l, toie gerabe eine aufeer ben.5pai5== 
teien jlel^enbe Dbjectiöit&t . leidet toiel ©egner unb nid^ \>id 
Anhänger berfd^afft; bennod^ lebe id^ b^ Hoffnung', baj5 
toa^ iä) l^ier ya bieten l^abe fo toenig ber fjreunbe tt)ie ber 
^einbe ^af)l i)erminbem iperbe, unb b^f^oüb ergel^t meine 
@inlabung an beibe gleid^ unbefangen: „Sßeffmt e3 i^in!" 

Sauenburg in ^ßommem, im Februar 1867. 



3inl^alt bed erflen ^taihti. 



•eite 

fBnttbt vn— xiT 

(Etttleititttg. 

9e0¥tff unb Umfang bet S^raltetologie ... i 

3it])]tctofif4|t Surbetra^tititgeit« 

1. fBtbecf^rüc^e in ben tCeugerungen bet 3nbtt>ibuaIMt ... 3 

2. lieber güQe bec 3nbbibuaIttSten, namentlid^ burci^ fLbtotu 
drangen ))om iDltttelmag , befonbetd in inteKectueKer dtiäftmt^ 7 

8* iBorI5ufige9 über ben Bufammenl^ang jtoifd^en ben intellec^ 
tuellen nnb ben bitect bem SBillen ange^i^renben (Elementen 
ber SttbiöibuafttSt 13 

ober 

@runb}äge. 

1. 2)ie 2:emt>eramente 18 

2. ^ortfe^nng. ^te £eni))erantente in intern ^erl^Sftntg gn 
(Eonfiitntion nnb Slatnrett 38 

3. 2)eT ®egenfat be§ ®i^«!oIo« unb <Sufo(o9 a(9 Wta^ ber 
?eibe»«ffiMgfeit ^. . . 45 

i. 2)ie etl^iffi^en (Smnbbifferensen '. . . 50 

6efon)eret Sl|eU 

ober 

SluSfül^rungen. 

Iti^bergang. 
9e0ba^(tmigff0Tine» mtb ^mibfifitteK bet (El^atatterologie ... 65 



®eitc 

1. %19 <Sd^etntem))erainente auftretenbe Q[oin^Ucationen , beten 
j^enngetc^en unb bte Wtttf^oht i\)xtv ^udfonberung .... 62 

2. 2)te S^em^eramente in ^erbinbnng mit bem ^ofobi^nifd^en ®t^ 
ßenfa^ unb Reibet Segiel^nng gum iptafHfd^en ober re^robuc« 
titoen @J?flem (Zama @una) 77 

3. 2)iefetben (Som^Ie^e anf il^r ^ed^fe(t)er^ä(tntg gut tnteQectu« 
eilen ©erfd^iebenl^eit angefel^en 87 

4. S^erfotgurtg ber Btöjcr httxaöftttm äRifd^unge^robuctc in fei* 
nere ©^ielarten 96 

5. Sed^felbegiel^nng gtcifd^en ben etl^ifci^en unb ^ofob))nif(i^en ®e^ 
genfä^en 102 

6. gortfe^ung. Unterfd^iebe naci^ bem SWagöer^ättniffe ber Äraft 107 

7. @(4Iug. Sßod^ einige gemifd^te (grfdf^cinnngen au8 ben burci^ '^ 
fd^tt)an(enbe (Strengen gmeifel^aften Gebieten 112 

!S)ie 3nt|iutal)tatät0frage 

unb 

L gormuUrung ber fernem Probleme 118 

2. SDie Sm^utabiütätdfrage ^om etl^ifci^en nnb t9om ci^arattero' 
logifd^en @tanb^unft 125 

3. gortfefeung. 2)er ^m^ntabilitStefrage unb bem SWobifica* 
bilitäte^roblem geraeinfame ©ebiete 128 

4. gortfe^ung. ^te fogenannten ©eifledfianfl^eiten unb tl^re 
(i^arafterotogifd^e ^ebeutung, ))orgugdn>eife t)on ber etl^ifd^en 
©eite betrad^tet, mit Uebergang gum SBcfen be« Äffectö . 134 

5. gortfe^jung. SBeitere ©ctraci^tung ber ^(ffectl^anbtnngen unb 
t^>re« ^erl^ältniffee gur ©epnnung 144 

6. 2)ie @ingelfragen, in n>eld^e bad äl'^obificabiUtätSiproblem [x6f 
gerlegt . 148 

7. ^anfl^afte Steigerung ber S)v$!oIie; ^p^od^onbrie unb i9er« 

' »anbtc (Srfd^einungen , 149 

8. j^o^mifdje @inn>irhtngen in i^ren d^araTteroIogifcitien golgen. 15$ 

9. S^Jarfotifa unb Stimulantia, gunäd^fl nad^ i^rer öerfd^ie* 
benen Sirlung auf berfc^iebene (Sonftitutionen unb f>tx t)er« 
fd^icbenem S^Jaturett 157 

10^ Vorläufige ffe^tifd^e @^)ifobe '. 162 

11. 2)ie ^l^Snomenaliter ben ^^angeborenen'' (E^arafter ,,umtt>an» 
betnben'' gactoren. a) ^a9 Seben unb bie Seben9k)er]^SUniffe 
aller Urt, fammt ben ))on i^nen aufgebrungenen @en)ö$« ^ 

nnngen, Srfal^rungen unb ,,@inbrüden'' 167 

X2». gortfe^ung. l>) m^tiäft folgen bt% etnf adrett dttUSectfl^ 



Sml^alt bei» erften Sanbed. xTn 

eette 

Betet^entt^s, al^gtfe^en t»on babei tttoa aitf brfttf&l^ ^etfolg» 

tcti „cr^e^fiii^tn'* Stowfen 174 

13. S)ie Ueberfd^S^ung ber im engem ®mnt ^ftgogtf^en (Sin* 
n>icfiingen;.iteB{l ^arabafen Aber man^txld 8er!ebTtbetteit 
ht9 @(l^ii(meiflertbum6r btbaltifd^e, met^obologifd^e ntib 
attbere SCbtmnigen 179 

14« 2)ie äRobificabtlMtöfrage ))on ber metat^^^pf^'^Mfclett ©eite 202 

15. gfortfe^ititg. 2)te äSbgUd^fttt ber fogenaniiten ©elbfibebetr« 
fd^ung, ^elbflerjtebntig, ^ttbp^xthinuQ itnb ber ,t^t^t^ 
mag'' über^att»>t .^ . . . . 211 

16« 9ieca^ititIation r nebfl gonnultrung iDeiterer (Sotif equen^en . 221 

17. gottfet^mig. S^tne, i^etDiffen, i^etotffen^angfi , ©eiDtffen« 
b<tftigi^eit, ^anbeln nad^ (Bhnnbfäten unb 3beftlett .... 227 

18. ^oviitiinnQ. 2>ie 3n#aiiaen bed et|^ifd|«ii gatalUrntt« . . 282 

19. ^rtfe^nng* Autonomie <ÜM ^ercu^feigimg ieber Stn^ttta" 
bilität 246 

20. goTtfe^mtg. Sunfd^, BtU^dt, ©timmitiig (mit nod^tno^ 
Itger ^erüdfid^tigung be9 ^ofobi^mfd^en (Slemeotd). . . . 255 

21. {^ortfe^mig. 2)ie (SinlDürfe ht$ WLttxiat\9mva in vetro« 

' f^ectiber ^fd^ä^ung .263 

22. f^ortfe^nng. 2)ie bämontfd^e Tladft fittUd^er ,,)^er(om^ 
menbeit" 269 

23. ©d^IußbcmerfuKg mit Uebergang '. . . 271 

24. S)ie 2)emoratifatton im bud^ftSbttd^en ©inne aX9 ,,@ntfitt« 
lid^ung" 273 

25. 2)er 3iibit>tbiialt9mud atd fout>erane ^ritil % , 282 

26. gortfc<jung. Sßirflid^c unb t)crmeintttc^c griöoUtSt . . .\ 289 

27. gortfeöung. 2)cr ,,moroItfd^c md\ä)xiiV* bei mtUxn unb 
3nbtt)ibuen, befonbcrö nad^ ^tx^lixun^ ber „3lntorttät'* . 293 

28. ^it energie^emmenbe Sirfnng ber rcflectircnbcn ©efbfl* 
bcobadftung 298 

29. 2)ie fogenannte fittUd^e ^ereblung ; Sirtung bed ÜBetf^ietd 
nebfl beren ^oraudfegungen; fßertb ber !BegaUtät, aud^ 

nad^ ibrer ©ebcutung für hxt innere «ScIbflberfBbnnng . . 300 

30. {Jortfe^nng. @m})fängUd^feit för'bie entfü^ncnbc Äraft bc8 
Seibenö unb ber ©träfe in ber SBed^felbegic^nng mcnfd^^ 
lieber (Eoejiftena . 310 

31. (Bxtn^tvL ber (Smanci^ation t)ön fittltc^en @d^ran!en in 
praxi unb in thesi 316 

# 

Sit Commnnfam^robina. 

1. J^a9 Sneinanber bott SBiKe unb SnteKect im allgemeinen 
nnb bie ^egirfe il^rer $ommuniond))robin| 325 



I 



©eile 

2* !dcr 9li{fat9irtc6 ober ®a(r(eit9btan9 aU ®trekti»ii4ilt 326 

3. Sottfe^uttg. 2)a« 9$erl^5Itntg bt9 (Sinjetnett gn Hefetn ^a»> 
t^ol usb bte MitifHf feieren »er^SItniffe« 382 

4. dntcnnejao: 9Ketat>l^i^fif4e 9nl6Ii((e in bte letzten SBiSenft- 
gttetfe 334 

5. goctfetung. 2)te in Wx\pxuäf genommene ^enberflettmif 
bei denief 348 

6. 9?a<l^tl^ef(e ber einfeitig inteffectueSen 9Ui9BiIbnng für ben 
(E^arafter aU ju enoecbenben 347 

7. 2)ie f(ufmer!fam!ett at9 t>a9 beutlid^^e Btoifd^engeBtet tMW 
ifötae nnb SnteÜect 360 

8. ^tffx ober loeniger )»on bem f&tx^ttaii bed ^iSen« jnm 
SnteOect oBl^angige (S^arafterdgeiifd^aften 362 

9* (Stntge bem 3ngenba(ter. at9 C^at(t!terpl^5nomene boqng« 

tDetfe eigentl^fimltd^es ^^Untngenben^'r mit einem (S^cnrf | 

über 3cr(h:entljeit nnb Scrfajrenl^eit 367 j 

10. 3tttermc|ao: ^i^tUi^Utt — «tttmüt^igfeit — bnibenbef | 
3[n«ljarren 387 

11. 9tftdtgang: (SUi paar SBürte über bie $rognofe nad^ ben 
3ngenb))]^anomenen im allgemeinen 394 

Sit SHeriiegrobt 

« 

)ota bamtt }iifammet4i]tgt 

1. 2)e/ (Sigenfinn, an ftc!^ nnb in feiner bamonifd^en 9latur. 397 

2. Sortfet^nng. Ste^tl^aBerei nnb CuetlB^ftgYett 400 

3. gortfe^nng. (Si^noni^mifdEfe fCBgrenanng be9 Q^genfinnt 

gegen i^erioanbte (Sigenfci^aften 404 j 

4* 2)ie ^abagogifdSfe 8eianblung bed Stgenfinnd 411 

5. SEBirflid^e nnb fd^ctnbare (S^arafterfd^toäd&e , gegen bte Sr* | 

f^etnnng^toetfe ed^ter SiHendflarle gehalten 417 

6^ SSefen nnb Urtcn ber fogcnanntcn (S^araftcrloftgfcit ... 428 

7. gortfeftung. ffitnbfd^iefe (S^araftere 431 

8. gortjeftung — : (E^arattcrloflgfeit, toerfd^iebcn naä} ben a:em- 
^eramenten; ^eSeitSten nnb ®cnttment«; ha9 eigentliche 
Snm^entl^nm — nnb ?[bfd^Iug 433 



€tnl(Unn0. 



©cgtiff uttb Umfang bet Sl^ataltctologie* 

2lfö eine „ ^Phänomenologie be« SBitten^" f)at bie 
ß^arafterologie ben SBiUen ate in 3nbii)ibualitäten 
übevf)au\>t erfd^einenben fennen ju leieren. Snfofem ift fie 
eine befcrfc>)tit)e aSiffenfd^aft unb fann fid^ aud^ auf Se^ 
trad^tung ber gefammten %f)xemdt auöbel^nen. Site 2^l^eil 
ber 3lntl^roi)ologie befd^tänft fie fid^ auf Slnal^fe ber 5p er = 
fönlid^Ieit unb fftHt mit beftimmten 3lbfd^mtten ber fo- 
genannten ^f^d^ologie im engem ©inne jufammen. ©ie 
lann babei fo loenig toie irgenbeine anbere j)^ilofoj)l^ifd^e 
UJigciplin ber metoj^l^^fifd^en ©runblage entrat^en, unb fo 
oft fie fid^ auf biefe jurüdbejiei^t, mufe fie bebuctit) t>er^ 
fahren. S)e^l^at6 ift t)on jebem SSerfud^, fie f^ftematifd^ 
barjuftetten, ein Slu^ioeig barüber ju verlangen, auf ioeld^ 
meta^^l^^fifd^e SSorauj8fe|ungen er fid^ ju ftü^en gebeult; 
aud^ fd^on barum, loeil nur in ber 3ä[nlel^nung an eine 
bereite feftftel^enbe ober in ber Sled^tfertigung einer neu 
aufgefteHten ^Terminologie fidlere unb i)otte SBerftänblid^feit 
bie nöt^igen Oarantien finbet. Qnbem alfo bie l^ier ge= 
lieferten SSeiträge ouf bem ^on Srtl^ur ©d^o!i)enl^auer 
gelegten gunbamente %n^ f äffen, fe|en biefelben im gan= 
jen eine Sefanntfd^aft mit beffen Se^re unb 3lu^bru(Ji^= 

Saj^ttfen, (S^ataltetologie. I. 1 



2 (Stniettung. 

toeife toorau^. Qn^befonbere ift e8 bag ^Problem ijom 
lebenbigen SSerl^ältntfe jtoifd^en SBiHe unb äWotib, bejfen 
Söfung barin geförbett werben foH; unb fd^on l^tera«^ er- 
l^^ellt, ba§ jtoar bie reine ©rfenntnifelel^re — ©ianoiologte 
— foU)ie bie eigentlid^e äftl^etifd^e X^eorie i)on unfeter 
aBiffenfd^aft auögefd^Ioffen bleibt, nid^t aber iXb^f}au\>t bie 
SBefd^äftigung mit bent SnteHect unb feinen ©igenf d^aften ; 
benn fotoeit biefe ba^ ®e))rftge ber 3nbii)ibualität mit^ 
beftimmen, fatten fie auc^ unter. j|ene^ ^Problem, unb ba§ 
aSortoiegen ber einen ober anbern SnteHectualfunction auf 
beren Gonnej mit bem aBiUen^fem jurüdjufül^ren, mad^t 
gerabe eine ber ipau^jtaufgaben ber Gl^arafterologie au^, 
mit toeld^er fid^ bie SKobificabilität^frage in h)efentlid^en 
©tüden aufs innigfte öerbinbet, fobafe e§ jugleid^ biefe 
©eiten fein toerben, an toeld^e fid^ ijorjugStoeife baS Qn- 
tereffe beS ^ßäbagogen atö fold^en !niH)fen mu^. 

Siegt es nun bem erften, bafe id^ fo fage, attgemeinen 
%f}ül ber ß^aralterologie ob, bie ©runbformen unb ®runb=: 
floffe, ioeld^e ben inbii)ibuellen Gl^arafter confHtuiren, ju 
llaffificiren, fo loäre eigentUd^ in biefen aud^ eine geftflet 
lung in SBetreff ber intettectuetten Anlagen aufzunehmen — 
nad^ Ueberioiegen je 1) bes SBerftanbeS; 2) ber finnlid^en 
Slnfd^auung; 3) ber ©inbilbungSlraft ; 4) ber ^ßj^antafie, 
als ber ©eburtsfiätte ber i)latonifd^en 3been; 5) ber aSer= 
nunft, als SBermögenS ber Segriffe ober bes abftracten 
©enfenS; 6) beS ©ebäd^tniffeS, als ber 2lufbett)a^rungS:= 
fäl^igleit für Segriffe, im Unterfd^iebe bon ber ©rinnerung, 
u. f. tt). 3lIIein einerfeitS ift tbm l^ierfür eine SBertoeifung 
auf bie Vorgänger am el^ejien guläffig, unb anbererfeits 
ioirb l^ierju Oe^örenbeS entioeber fd^on in ber (Einleitung 
jur ©^)rad^e fommen, ober es toirb ©ad^e beS jioeiten, 
„befonbem", S^^eilS fein, baS einfc^lagenbe SWaterial je 
an feinem Drte ju verarbeiten ; ebenfo loie eS biefem über== 
laffen bleibt, bie nad^ il^ren Dbj[ecten fid^ bifferenjirenben 
©!i)ecialneigungen, fammt ibiof^nfratifd^en ^\)mpati}\m unb 
SfntitJatl^ien, Siebl^abereien ober ©elüften unb S!li)erfionen, 



Segtiff unb Umfang bcr ß^arafterologic. 3 

in ©rtoägung ju jie^en. ®^ l^at nämlid^ ber befonbere 
Xffnl, bemgemftfe me^t conftructti) toerfal^renb, ju feinem 
Dbject bie 3Wifd^ungen unb 3Wifd^ung§ber^äItniffe, in unb 
nad^ meldten jene formalen unb materialen ®iemente ju 
einer Snbiöibualitftt jufammentreten. 

Somit getoiffermafeen jugleid^ mor^jl^ologifd^er unb 
ätiologifd^er Statut, ift bie ©l^arafterologie fel^r lool^l ge= 
eignet, ein Sinbeglieb jtoifd^en rein ijjf^ci^ologifd^er unb 
et^ifd^er SBetrad^tungiSioeife l^erjuftetten. 

SSie ber ^ßftbagogi! , f o f)at fte aud^ ber Griminalifti! 
unb ^ßf^d^iatrie bie ^ßrolegomena ju liefern unb barf fid^ 
gelegentüd^ ber Stbfd^ä|ung ber fittlid^en ©ignitdt il^rer 
SJI^atfa^en nid^t entjiel^en, ipenngleic^ ftreng ju unter- 
fd^eiben bleibt, ob ein gegebene^ ^räbicat d^aralterologifd^, 
b. f). auf bai§ l^anbelnbe Qnbibibuum felber, ober nur afe 
auf eine (Sinjell^anblung belogen jur änttjenbung fommt; 
benn au^ Ie|terer ift ber ©d^lufe auf erfiereö ol^ne SWit- 
berüdEftd^tigung fämmtlid^er d^arafterologifd^er gactoren 
unb ber beterminirenben SD'lotii)e aUemal t)oreiIig. SEBir 
lönnen j. 33. in einem befonbern %aü jemanb^ SBenel^men 
eigenfinnig nennen, flnb aber barum nod^ nid^t ol^ne loei^ 
tereö bered^tigt, ©igenfinn für ün SWerftnal feinet Sl^a= 
rafter^ auöjugeben. 

@ntf^)re^enb nun ber angefünbigten Slbfid^t, an allen 
fünften ben ^^ftbagogifd^en SRufeanioenbungen bie 5perfi)ec= 
tite freijul^alten, mag fogleid^ bie nähere S3egrünbung be^ 
SRed^t^ ber ©l^arafterologie auf bem SBege ber Snbuction 
i^re »elege ebenfalls wm gelbe ber i)ftbagogifd^en 6r= 
fa^rung auflefen. 

^nbuctortfd^e SJorbetrad^tungen. 
h ®iberf<jrilrl&e in bcn ^teu^erungen ber Stibitiibuolität* 

5Wit nod^ größerer ©id^erl^eit al^ toomit Seibnij be^ 
^aui)ten burfte, bafe in aUm aSBälbern nid^t jioei »Ifttter 

1* 



4 ßinleitung. 

einanber loöHtg gleid^en, läfet fid^ fagen, ba§ unter allen 
SRenfd^en, bie j|e gelebt l^aben, je^t leben ober etnft leben 
toerben, ntd^t jtoei einanber fd^led^tl^in gleid^ finb; — mit 
nod^ größerer, toeil, abgefel^en t)on ber geringern SBal^r^ 
fd^einlid^Ieit, toeld^e für fold^e abfolute ©leid^l^eit bie flei^^ 
nere Slnjal^l menfd^lid^er Qinbibibuen bietet, bie SWerfmale, 
bie biefe ©leid^l^eit conftituiren müßten, ungleid^ mannig- 
faltiger finb beim 3Wenfd^en atö beim blatte. 6^ gibt ja 
nid^t^ Dberffäd^lid^ereg afö ba^ (Sinreil^en ber 3Jlenfd^en in 
fo unbeftimmte Äategorien, mie gut unb böfe, Sug unb 
bumm, fd^toad^ unb ftarl u. bgl. m. 

Sber feltener ^)flegt bebad^t ju toerben, bafe fd^on im 
Änaben::, ja im Äinbe^ter biefe ®ii)erfität ftd^ funbgibt, 
bafe auc^ fein Säugling, lein Shilling bem anbern in 
allen ©tüdEen gleid^ ift; unb bod^ bebarf e^ toeber be§ 
SDlüroffo))^, ba^ nn^ i)ietteid^t erft bie SSerfd^iebenl^eit jlüeier 
Slätter t)or 3lugen legt, nod^ ber ©d^äfertt>ei^l^eit, bie jeben 
J&ammel ber eigenen ipeerbe bom anbern unterfd^eibet, fon- 
bem nur be^ liebei)onen ©ingel^en^ auf bie lleinften Steu§e= 
rungen be^ Äinbe^it)efen§, um ju erfennen, ba§ jtoar ba^ 

sunt pueri pueri, pueri puerilia tractant fein boUe^ Siedet 

bel^ält, aber bie puerilia jebe^ einjelnen im detail gerabe 
ebenfo fel^r nur fld^ felbft gleid^ finb, mie bie pueri felber, 
einer im SSergleic^ i\xm anbern. Unb eben folange aU 
toix beim Äinbe nod^ auf eine Deutung feiner f^mbolifc^en 
3eid^enf^)rad^e angeft)ief en finb , folange alf o aud^ Sä^^^ng 
in feiner SBeife, fi^ ju geben, burd^ abfi^tlid^e SSerftettung 
nod^ nid^t möglid^ ifi, unb ßonbenienj ober „Slnftanb" ge^ 
toiffe ©en^oi^nl^eiten nod^ nid^t jur „jn^eiten 5Katur" gemad^t 
l^aben : gerabe fo lange l&fet fid^, f ogar ol^ne bef onbere ® e= 
fc^id^lid^Ieit unb ©rfal^rung, au^ bem ganjen mimifd^en 
unb fonfiigen Iftr^^erlid^en ©ebaren beffelben tin jiemlid^ 
fidlerer ©d^lufe auf^ Qnnere — jumal ba^ Xemi)erament 
unb bie etl^ifd^e Slnlage — jiel^en. 

®od^ möd^ten ton un^ nid^t t)erinen in bie gineffen 
ber baby-education, toeld^e neuerbingi^ bem 5pebantentl|fum 



^Snbuctottfd^e SoTbetrac^tutigen. 5 

fo Breiten 3:;ummelt)la| eröffnet ^at, fonbem befd^ränfen 
un^ bei vorläufiger ©sennjlification auf^ Änabenalter unb 
auf einen S3Ii(f in bie erjie bie bejie ©d^ulfiube, ber fd^on 
überreid^lid^*e Slu^beute geiüäl^ren toirb.*) 

S)a flit gleid^ ber „Träumer" neben bem „SBinb^unb" 
— beibe f)at ber Seigrer in feine Siftl^e gerüdt, ben einen 
ju gelegentlid^er Slufrüttelung, ben anbern, um nötl^igens 
fatt§ ber S^teutl^eit unb i^ren folgen ju njel^ren. SBic 
aber, toenn ft)ir biefelben knabm bann auf bem ®pkU 
plal^ toieberfeben unb bod^ laum toiebererlennen, toeil ^ier 
aa^ ber „©d^lafmü^e" ein „Sftitter o^ne gurd^t unb 2^= 
bei", au^ bem etoig „©t)ielerigen" ein feiger ©udmäufer 
geworben ift? Ober toir ffo^pitixm bei einem Goffegen unb 
finb tooffer SBertounberung, unfern burd^ SRegfamleit unb ' 
(gifer auögejeid^neten Äiebling auf ber unterflen 83anl in 
buntt)fer Sll^eilnal^mlofigfeit Ij^inbrüten unb unter unabläf- 
figem Säbel mürrifd^ unb i)erbroffen ju feilten, loäl^renb 
berfelbe 3unge, ber i)on nn^ atö unijerbefferli^er %anU 
P^k^ //jw citteiA Outen träge", tftglid^ ©^elte belommt, 
flral|ilenben Sluge^, im SBoUgefü^l foeben entj^fangenen SobejJ 
ob bejier Seifhing, aufl^ord^t unb fid^ nod^ ejtra ber längfi^ 
erfel^nten ©tunbe freut, ft)o er aud^ öor un^ in günfügerm 
Sid^t ftd^ jeigen fönne. SBeld^er Seigrer lennt fie nid^t, bie 
unerquidlid^en Debatten ber SBerfe|ung§5 unb Abiturienten^ 
i)rüf unggsßonferenjen, too über baä 5ßlu^ l^ier unb ba^ SKi^ 
nu^ bort faft unijermeiblid^ ein geilfd^en entfielet, folange 
nid^t bie inbibibualifirenbe ÖJered^tigfeit burd^bringt, ftarf 
genug, um ben ©goiärnu^ ju überloinben, ber gerabe nur 



♦) stuf ba« frühere Ätnbc^alter aurüdgrctfcnb IJat ©d^eibert 
in einem Vortrage, ,,2)cr Äcrn ber (Srgtcjung^frage'', ben ba« 2ai\^^ 
Uin'\^t $äbag. 9(rd^i^, 1865, mittl^etUe (berfelbe ifl f^äter aud^ aU 
@e^aratabbru(t im nämttd^en Vertage erfd^tenen), mit überaus an« 
f))re(!Efenber Snbibibuatifirunci tint dttif^t t>on ©egenfSgen borgefül^rt, 
\oxt jte fd^on in ben erflen Sebendja^ren gu Sage treten; a. a. O,, 
@. 562—565, 



6 ehtleituttg. 

ba« eigene %a<S) für loott unb entfd^eibenb toiff gelten laffen? 
— aSeld^e« SWttglieb eine« ga^lreid^ern Se^retcottegiumiS 
wäre nid^t fd^on erftaunt, tomn anä) bei ^eflfe^ung ber 
©enfur über ba§ ^Betragen ber einzelnen bie urtl^eile iu^ 
teilen fo h)eit aui^einanbergel^en, bafe ijon beut einetf ber^^ 
felbe ©d^üler atö 9Wufier ber SBefd^eibenl^eit ge^)riefen toirb, 
ben ber anbere afö ftörrifd^ d^arafterifirt ? ®a berul^igen 
fid^ benn tuol bie SSertreter be^ mittlem Urtl^eifö bei ber 
ainnal^me: jener l^abe „toerjogen^', h)o biefer nid^t „rid^tig 
ju nel^men" i)erftanben — unb bie toa^ren ©rünbe fold^er 
S)ifferenj liegen bod^ nod^ ijiel tiefer. aJlan brandet bafür 
gar nid^t einmal jurüdjugel^en auf bie rätl^fel^aften 3ho^ 
tit>e unerflftrlic^er B\)m\>atifim unb 3lnti))at^ien — obtool 
aud^ fold^e ©el^eimniffe mit l^ineinf))ielen — unb barf fid^ 
ebenfo toenig berul^igen bei einer Berufung auf bie 3Äad^t 
i)orgefa§ter SKeinungen: bie entfd^eibenben gactoren fatten 
babei meiftenö in (Sebiete, an toeld^e junäd^fi niemanb 
benft, ber fid^ fold^e ^agen nid^t au^brüdlid^ ate ^ro= 
blem gefteHt l^at. 

®{e ©d^ablonirfud^t ift eine iDeiter i[)erbreitete Äranfl^eit, 
atö man gemeiniglid^ fid^ unb anbern jugeftel^en lüill; il^r 
untrüglic^fteg ©9m))tom ber atte Xage \>emommm^ ©to^- 
feufjer: „mie l^aben lüir un^ bod^ in bem unb bem ge= 
täufd^t!" unb ba^ lüirb nid^t anberö Werben, Weil bie 
gro^e SWenge ber SHd^tenben niemals aufl^ören Wirb, mit 
einer unglaublid^ fleinen Slnjal^l bon Segriffen afö um 
biegfamen 3Kafeftäben ju l^antieren. 2Ber afö gereifter 
3Jlann unb gereiften 'Scannern gegenüber fo leidet mit fei- 
nem 3Serbict fertig ift, wie Will man bon bem erwarten, 
er werbe Änaben gegenüber, an benen bod^ all bie in^ 
Stuge JU faffenben Äennjeid^en geWöl^nlid^ erft in Wenig 
fi^tbaren ÄeimanfÄ|en t)orl^anben finb, mit mel^r Untere 
fd^eibungiSgabe, b. f), geredeter t)erfa^ren? 3Ber f eiber 
wenig ober nid^t^ 3Rarfirte5 an fid^ trägt, wo fotten bem 
bie gül^lfÄben l^eröorwad^fen, mit welken er jart unb leife 
bie galten unb gältd^en fremben Sßefen^ betaften lönnte? 



3n^uctonfd^e SoTbetradfttungem 7 

SBer fetter Bis inS ©d^toabcnalter ein etoig grüner unb 
etoig glatter ^Jrifd^fling bleibt, tool^er fott bem ba§ SBer* 
ftänbnife fommen für bie 3tatnx eines Änaben, um beffen 
SRunbtoinfel fd^on bie ^pnxm juifen i)on jener ^^^fios 
gnomie, bie il^m einfl baS SluSfe^en beS 3^t:lebtfeinS 
geben mu§? 3« fö ^toaö finbet bann tool ber ungebut 
bige SWc^tfenner eitel 3;ro| unb ©ettftgef&Higfeit, toäl^renb 
ber aci^tfam ßoufd^enbe burd^ bie l^arte raul^e Ärufie baS 
Sittem eines im tieffien Qnnem toeid^en unb nur burd^f 
©d^eu t>erfd^rum))ften ©emüti^S öemimmt unb tbm toer^ 
möge biefeS aSerfiänbniffeS pd^ beffen ganje Siebe geh^innt» 



2. Ueber %Mt ber ^nbtbtbitalitSten, namentli^ burii^ 
9lb)Det(]^ttngtit üom äßtttelmag, befouberS tu inteOet- 

tueOer Stiftung. 

©amtt ifi natürlid^ nid^t in SKbrebe gefteHt, bafe eS 
aud^ getoiffe mel^r ober minber feftflel^enbe ®runbt9J)en gibt, 
beren ®rfd^einungSft)eife toeniger tt)iberf^)rud^St)oIle 9Wo- 
mente entl^Ält. 3lber aud^ bie ga^l biefer t)flegt toiel ju 
rafd^ abgef d^loffen , bie ijorttjaltenben ®egenfä|e toiel ju 
toeit gefaxt, bie Sluancirungen burd^ \>id gu »enig garben 
unb ©d^attirungen verfolgt ju lüerben. SBaS an einer 
3nbü)ibualität nid^t ol^ne Ueberfd^ufe unb S)eficit l^inein= 
pa^t in ben Slai^men mitgebrad^ter gorberungen, ift na- 
mentlid^ benen ein ©reuel, bie fid^ gern ber eigenen „®e= 
funbl^eit" rühmen, unb bie wxf^n am Dbject aufgezeigten 
aBiberft)rü(^e i)erlegen fld^ alsbann gern in bie SBeurtl^ei- 
lung, ft^eld^e baS ©ubject auffiettt. 9Ran loerlangt g- 33. 
2;üd^tigeS unb ©olibeS; aber fobalb bieS faum merflid^ 
einen 89eigefd^madE ijon „Slltflugl^eit" ober gar „5pi^ilifter^ 
^aftigleit" angenommen, finbet eS aud^ feine ®nabe me^r 
t>or ben Slugen beS, felber bon „^fd^e" firo^enben, Stif- 
ters. SWan toitt , ba^ ber angel^enbe 3üngling „ettoaS auf 
fid^ ^olte", point d'honneur l^abe; aber fobalb fold^eS 



8 dinleitun^. 

©elfcfigefüi^I unbequem toirb, fei e« gegen 3Ritfd^üler ober 
Seigrer, befd^toert man fid^ übet Unöerträglid^leit, ober eS 
l^eifet: „ber Qunge ift unau^ftel^ltd^ emi)finblid^". 3Kan 
ftettt an bie ©))i|e beö ©ittencobej für bie ©d^ule ben 
®a|: „gleife ift bie ©arbinaltugenb be^ ©c^üler^!" Slber 
ttjenn einer im emfigen ©ammeln unb 3«f<t«wienfto^)i)eln 
fein aJlafe finben fann, toirb fold^ traurige ^ßarobie bei§ 
©d^iHer'fd^en „®enie b. f). gleife" aud^ nur mit ad^fet 
judenbem 33ebauern bef^Jöttelt. SBa^ anber^ liegt hierin, 
atö ba^ Verlangen, bafe mit freier ©elbfttl^ätigfeit nad^ 
inbii)ibuenem Seruf gelernt toerben fotte? — aber gleid^^ 
jeitig f offen bie gortfd^ritte mit ber (Sffe meßbar, in allen 
©egenfiÄnben ba^ „5penfum" angeeignet fein. 3eber gad^= 
lel^rer nimmt cbm aU fold^er für feine eigene 5ßerfon ba^ 
non omnia possumus omnes in 3lnf))rud^; aber tt>el^e bem 
armen Surf d^en, ber bag Unglücf l^at, gerabe für biefen 
®egenftanb toeber SReigung nod^ Begabung ju befi^en ■— 
unb $egel fagt: „jeber fann ein biefer fein"; fo fann 
baS: „3a, 33auer, ba0 ift ganj loa^ anber^!" I^ierbei aud^ 
jebem begegnen. — ^mn aber gar eine ®rinnerung an 
bie einji felber in äffen gäd^ern ^)räftirte ©ur^fd^nittö- 
leiftung (jum ©lüdE ift ja ber Slu^toei^ barüber gefüi^rter 
5ßroto!offe geloöl^nlid^ nid^t gleid^ jur $anb) fold^e gorbe- 
rung unterftü^en toiff, bann liegt ber SSerbad^t fel^r na^e, 
ber tt>arme Sßerfed^ter ber 3Kittelmä§igfeit i)laibire in pro- 
pria causa. — ^afe bon ber l^iernad^ ju forbemben ©r^ 
toeiterung be^ fogenannten ßom^jenfation^f^ftem^ für 5prü- 
fungen ber 2luffa| in ber aWutterfprad^e ftet^ unberül^rt 
bleiben mu§, berul^t im legten ©runbe gerabe auf ber Un^ 
erfe|lid^feit ber 3nbit)ibualitÄt^entloidelung , toeld^er l^ier 
ba^ SBort gerebet toerben foff. 9Kag immerl^in SSörne 
suo jure fid^ barüber luftig gemad^t ^aben, ba§ man be:: 
rei^tö bon Änaben unb Sü^gKngen „©til" verlange, ba 
bie toenigften aWänner einen l^ätten — bie ©eltung beS 
le style c'est rhomine meme fielet bennod^ nid^t ganj 
aufeerl^alb ber ©d^uljeit; ift 'ber ©til „bie ^l^^fiognomie 



/ 



^nbuctottfdfte Sotb^trad^tungen. 9 

beö ©eifte«", f o muft Tw^ ber ©til be« Änaben unb Sünfl* 
lingS 3U bem bes einftigen SRonne^ genau fo t)erl^alten, 
ti>ie bie nod^ nii)t feft geworbenen ©efic^töjäge ber 3ugenb 
}u ben aui^ge^^r&gten ^enen beS reifem äUter^. Unb tt)ie 
es ©efid^ter gibt, benen man mit größter Qni>et^6)t boS 
^rognoftüon fleUen fann, fte it)erben zeitlebens f(^al unb 
fabe bleiben, unb anbere, in benen fd^on alle ©d^&rfe 
reid^em ©rieben^ j)räformirt ift: fo bleibt bem Sluge beS 
Äunbigen nid^t lange »erborgen, ob biefer unb jener ©d^il= 
ler einft einen ©til f)abm ttjerbe ober nid^t. S)abei ift ber 
Siegel nad^ benjenigen bie günftigfie ^ßrognofe ju ftetten, 
njeld^e jur ^pubert&tSjeit tDader „mit ber ®})rad^e ringen" 
unb fid^ toie SKaultoürfe fo tief in i^re aSorfteHungSgfinge 
eintoü^len, ba§ fle ben SEBeg jur lichten Älarl^eit nic^t gleid^ 
jurüdtpnben fönnen: fie bilben ben »offen ®egenfa| ju 
jener Slrt t>on furjat^migen ©eiftern, benen gleid^ „bie 
Suft ausgebt", fobalb man einmal mit il^nen bie 3;aud^er5 
glode betreten möd^te, ol^ne loeld^e bie ©d^S^e ber S^iefe 
fid^ nic^t lieben laffen. *) ©inige t>on imm gelangen frei- 



*) 2)ane6en iebod^ qxU t9 einen anbern modus cogitandi, ben 
man aud^ aU eine ^rt geifitgen ^fl^mdd begetd^nen mBd^te, ber aber, 
fokoenig mie bad Ux^txüä^i Sßl^nta immer Sungenfc^m&d^e , !eine9« 
tvegd attemal ©d^kDcid^e ber 2)enIIi:aft inbicirt; bielmel^r toiberflrebt 
berfe(be nur bem rafd^en Sed^fet ber ^orflettungen unb gemiffen %U 
bretiaturen eined bünbigen @d^(ugberfa^rend ; für fein nod^ fo f(^n)te«> 
rtge^ Problem fe^It i^m ba9 i^erflänbnig, bie ,,$affung0fraft''; nur 
toiti er 3<tt l^aben, fcnfl beßemmt il^n ba9 ©efü^I, nid^t „mit« 
lommen'S nid^t ,,<Sd^ritt ]^atten")uli^nnen; bad trip^etnbe Sorko^rtd« 
fd^reiten ifl il^m aber aud^ jutDtber; er fe^t imax nur tangfam einen 
gug toor ben anbern, aber nic^t in furjem ^bßanb, fonbern totiU 
aud^olenb unb mit 9{ad^brudf; er bietet in rein inteHectueHer ^t* 
giebung bas <§^eitenfiüd gu bem, n>a9 mir f^citer ati gorm be9 ^^^leg» 
matiter^ c unb ^nämatt!er9 c tennen lernen toerben, unb toirb fid^ 
oft genug, tt)o nid^t gar immer, mit einer biefer beiben j£em^erament9« 
beflimmtl^eiten jufammenfinben. ^m übetpen ftnb biefe armen lurg« 
atbmigen ©elfter unb (£^araltere baran, totnn bad Seben fie gufammen« 
to}ß}ßtlt mit ben „^ibbcligcn" (trepidi) — mit jener Älaffe öon Seuten, 



10 einlettung. 

lid^ niemate toieber an bie fonnenl^effe Dbetfldd^c*), bod^ 
öerfjjred^cn fie in ber JJugenb affc, einft afe Rip\e mit 
mel^r ober toeniger j)^UofoH)l^if(i^em Stnflufl ftd^ ju bcloäl^ren, 
uttb bürfen, beiläufig bemerft, ben Seigrer öeranlaffen, ffxa 
unb tpieber abftd^tlid^ eine S)enlaufgabe aU %f)tma )u 
fteHen, bereit 83ett)ältigung ©d^ülerfräfte eigentUd^ über= 
fleigt: 

SBenn {id^ ber äTlofl aud^ gan) abfurb geBerbet, 
(Sd gibt gule^t bod^ nod^ *nen SBeitt. 

S)agegen l&gt bie äBaffer^eUe beiS SCu^brudS in ber 
genannten ^eriobe äSeri^arren im ©eid^ten für aQe Seiten 
erttjarten. Sieben biefem ©egenfa^jaar ber ©d^iperfäffigleit 
unb ©etpanbtl^eit fielet als toto genere bat)on i^erfd^ieben 



bie nid^t« bon ruhiger @tettgfeit totffen unb fld^ unter ,, Steig" ein 
atl^entlofed betreibe t)orfleI[en, n>eld^e9 toit ein Sntermejjo ha9 be« 
quente iRid^t^t^un unterl^rid^t, bamit nur ba9 Cbliegenbe be[d^afft 
toerbe. 2)ann ge^t e9 an ein flennen unb 3agen unb Ueberftür^en — 
naäf ber U^r foH atlt9 fertig fein; ob pl^t^pfd^ed unb pft^d^ifd^ed ^t* 
finben eben je^t (Sinfprud^ erl^eben möd^ten, banad^ mirb nid^t ge^ 
fragt — )u jeber anbern 3^it ^<^^ m^tt 3^it j"in gaulengen — mon 
ftt^tt unb geberbet ftd^ al9 ben @f(a^en feiner eigenen Arbeit , — 
carttirt ben Steiler unb richtet, n>enn aud^ unbetougt, gutceilen Uu« 
l^eit an, roti^t9 !eine 3utunft mel^r audgngleid^en Dermag. Sßa^r« 
^aft SBefriebigenbed aber toirb auf biefem Sege nirgenbd gu ©tanbe 
gebrad^t, benn aVit9, toa9 fo ausgerichtet toirb, bel^ätt baS (S^e^räge 
be« Ueberl^afteten. (Sin fold^es £^un bleibt fegentos, toeU ed feelen* 
Io9, b. b* nid^t Dom innerflen ®eifle I^erau6getrieben ifl, eine bloge 
9{fl]^rtgtett ber ©lieber, baS entfd^iebenfie ©egenflfidf gum fliH fletigen 
©d^affen loal^r^aft tfit^tiger 9laturen. (i@gt. aud^ ^eben unb ^^d^rif' 
ten be« M. 3. %x. gtatttd^, Don Ä. gr. Sebberl^ofe, 4,5lufr., @. 86; 
205 fg. unb 444: über (Sommer* unb ©Interobjl; unb®. 347 fg. unb über 
Ingenia tarda, coli. ®. 438.) 

*) 3u tl^nen bürfte ein ^erbart gu ^SffUn fein , ber mit eifrigem 
gorfcberfinn gtoar bie Probleme aufgutofil^ten tt)eig unb in bereu ent« 
legenfle @eitengänge fid^ bertieft, aber !eiu9 gu einer befriebigenben 
i^Bfung ftt^rt, toeil Ui il^m jeber <StoI[en nur meiter in ben nS(iften, 
nid^t gurfltf nad^ auf märt« leitet, toäl^renb gerabe hierin fid^ ^^e* 
^enl^aner*« (9r9ge offenbart. 



Sfnbuctorif^e Sorbettad^tun^en. 11 

ba^ ber armfeligfcit In SBorten unb ©ebanfen unb be« 
^l^rafenteid^t^um^. £e|term $aate fel^lt gftnjlid^ to>a^ bem 
etilem gemeinfant, aber in ijerfd^iebenen ©toben ber Quan- 
tität unb 3[ntenfttat, eigen ifl: ba^ SSermögen ber 3ntuitton, 
jene^ innere ©d^auen (nid^t bloö abjhracte, fuiperficielle 
begreifen i. e. Setaften) ber SBorflellungen, toeld^e^ auf 
feiner ^ö#en ©tufe bie ^p^antape ate fünfllerifd^e« 3Ser^ 
mögen, bie $ßerce))tion ber iplatonifd^en Qbeen au^mac^t. 
— angefd^aute^ aber ifl ba^ rinjige, toa^ bem Äo|>f toir!^ 
lid^en gni^alt gibt — blofee, )oon ber Slnfd^auung nid^t 
garantirte Segriffe finb nur hülfen unb aU fold^e leer. 

®ag ift fd^on taufenb- unb aber taufenbmal auS* 
gefiprod^en, alfo ein i^erjlid^ trivialer ©a^ — unb bennod^ 
fd^eint nod^ niematö rechter @mfl bamit gemad^t, il^n tt)irl= 
lid^ ber ßint^eilung inteDectueffer Anlagen ju ®runbe )u 
legen unb au§ i^m bibaftifc^e SolgefÄ|e in aller Strenge 
ber ©onfequenj l^erjuleiten. 3»t ©egentl^eil: eine ganje 
SRei^e gefe^lid^er Qfnflitutionen berul^t auf ber SRid^tad^tung 
beffelben. — ©elbfl bie ©lementarfd^ule, hjeld^e feit ^jjefla^ 
lojji mit i^rem fogenannten Slnfd^auungöunterrid^t il^m 
geredet gu tt)erben fd^ien, tt)ar unleugbar auf ben SIbttjeg 
geratl^en, bie gewonnenen Stnfc^auungen hjieber ju 9e^ 
griffen ju t)erflüd^tigen; unb \üa^ ba^ intuitiije SSermögen 
toedten, üben unb bilben fottte, ifl auf bem SBege jener 
Sublimation, ober red^t eigentlid^ trodtenen S)eftillation, 
aui^gemünbet in abftracte „S)enf Übungen". — ©o ijoffs 
ftänbig tt)ie ba§ ®^mnafium fonnte fie aber ber ejtremin 
©infeitigfeit nid^t anl^eimfallen, toeil i^r ein ©egengetoid^t 
blieb in Silbung^factoren toon unjerftörbar finnlid^er 3latur. 
Äeine^toeg^ jlebod^ ift ben ©egnem ber ©^mnafialbilbung 
einjurftumen, bafe e^ beren fjunbamente toefentlid^ fei, ju 
rein formaliftifd^er SRet^obe toerurti^eilt ju bleiben SBJa^tr^ 
lid^, bie ©riechen, — bieg aSott reinfter, Harfler unb iJoH- 
fler Slnfd^auung! — ^aben eS am tt)enigflen ju öerant^ 
»orten, toenn man i^re ©eifte^fd^öjjfungen mi^braud^t ju 
©jercitien ber 3lbflraction; ober nid^t einmal ben SRömem 



13 (Sittlettung. 

mit t^rem ©ubfumtion^ ^ itnb ©ubotbination^genie in 
Siedet, ©:t>ra(i^e unb ftrteg^toefen fällt ber S^l^lgriff jur 
ßafi, tDenn t)on i^nen mei^r für ßogif, ate für |>raftif(i^= 
nüd^temc SBerflänbigfeit foff gelernt toerben. SBa^ fönnen 
fie baffir, ba§ ^^ilologifd^e ©c^ulmeifter il^ren abftracteften 
unb allerun|>raftifd^jien ©d^ftbel — ben ®l^ren=3^uniu^ — 
jum ©cifte^red, man toeife faum, fott man fagen: erl^öl^t 
ober emiebrigt l^aben? — toa^ gar für bie ©umme ber 
2J^orl^«it, nad^ toeld^er bie ge^lerjol^l lateinifd^er ejtem^ 
j)oraIten jum ©^rtt^ unb ß^jmtmeter für bie ingenia un^ 
ferer ©^mnafiaften getoäl^lt hjorben? SBie grünblid^ )oct^ 
feiert bie§ ift. Hefte fid^ nur nad^loeifen auf hjeiten Umtoegen 
burd^ ba^ f^3rac^})l^ilofoJ)l^ifd^e S^errain — ^ier fommt eiS 
nur barauf axir um SBamung^tafel auf Juristen toor jener 
jtoeifd^neibigen ttngered^tigfeit, toeld^e in bemfelben SWafte 
bie intuitiv begabten jurüdfe|t, toie fie bie „fd^Iagfertig" 
inH)rot)ifirenben aWofaifarbeiter betoor^ugt, beren aKufit)^ 
iieine bie memorirten 5ßaragraj)^en il^rer lateinifd^en ©ram^ 
mata finb. Unb toeil anber^too *) k)on uni^ öerfud^t ifl, 
nad^ Anleitung unb äRaftgabe ber ^on ©c^o^en^auer 
„ju (Snbe gebadeten" S)ianoiologie Äant'^ ben „Silbungg^ 
toert^ ber aRatl^ematif" auf feinen Saarbeftanb ju rebu^ 
ciren, fo fei ^ier nur conjiatirt, baft bie Äe^rfeite be^ 
obenangegebenen SEBed^felcurfe^ ?ßroteft erl^ebt gegen bie aWei:^ 
nung: bie SRatl^ematif fönne ate bie 3Biffenfd^aft ber rei= 
ntn älnfd^auung ba^ rid^tige @om|)Iement ^ergeben jur 
anfc^auung^lofen ©rammatlf. 33ielme^r finb in ber SKa^ 
t^emotil ejcellirenbe Äöipfe bie aJHld^brüber ber beflen ®p 
tem|>oralienfd^reiber — unb ioeil bei beiben ba^ formale 
©ebäd^tnift ba^ gute S3efte t^un muft, fo gefeffen fid^ il^nen 
meiften^ nod^ bie gelben ber l^iftorifd^en, geogra})l^ifd^en 
unb naturtoijfenfd^aftlid^en Slomenclaturen ju, tt)äl^renb bie 
einfad^fte 5ßrobe ber 3ntuitiütalente bie ^J^^FiI «nb ©i^e^ 



*) 3n ber ©d^uljettung für bie ©craogtfiümcr @d^le«tt>i0 * ^ol- 
ßeitt itnb Sauenburg , 1857, ^x. 21, 25 unb 26. 



3nbuctorif4e Sorbettad^tungetu 18 

nric fein toetben (fotoeit beten 3n^lt nid^t in tnatffmci^ 
tifd^e gormein aufgellt, fonbem 6aufalitätöi)erfi4ltniffe bot» 
fül^rt), eine reid^ere ober an ber Sluffaffung bei^ pxaQ- 
matifd^en Qn^anmmf)anQ^ in ber ©efd^id^te fid^ mad^en 
l&fet, beren ©l^araftere enblid^ nur bem nad^fd^affenben 
Dic^terftnne fid^ erfd^liefeen. 

S)amit finb bereite aKarffieine für einige ®tuppm t>on 
SnbitoibualitÄten fljirt. ©e^en toir jefet ju, toie fc^on 
hierfür Goiffficienten d^arafterologifd^er SRatur im engem 
Sinne mit in 83etrad^t fommen* 



3« SurlSnftgej über ben äufammeitliaitg stpifd^en ben 
inteOectueOeit nnb ben birect bem SSiOen attge^iüretiben 

Slementen ber Snbtbtbnalttüt. 

e« finb, toie fd^on ©• 2 angebeutet toerben mu^te, 
bie intellectuetten SÄerftnale einer SnbitoibualitÄt mit 
nickten fo losgetrennt t)on ber ftemgrunblage ber ganzen 
5ßcrfönBd^feit, bem SBillen, bafe jebe beliebige SD«= 
f^ung beiber SJefianbt^eile benfbar ttJäre; — unb bieg 
mag um fo mel^r l^ier |>rononart toerben, je mel^r ber ttr« 
lieber ber $l^ilofo)>l^ie bed SBiKenS aus anbem ®ränben 
fld^ Jjeranlafet fanb, bie ©onberung ber SBelt ate SBBiffe 
unb ate aSorfieHung f o f ^arf bur^gufül^ren , ba§ jtoif d^en 
beiben ein nid^t gu toermittelnber S)ualiSmuS ju Haffen 
fd^eint aSielmel^r enH)fie]^It eS fic^, bem Srüdfd^en nad^s 
gufipüren, loeld^e« bur^ ,,baS SSunber xar i^oxiqv" tt>oU 
lenbeS unb erfenncnbeS ©ubject in ein „3d^" öerbinbet, 
unb bie ©teilen aufjufud^en, tt)o ber 3inteIIect bem SBiUen 
als bie ^öd^fte Slüte feiner „Dbjectitftt" entleimt 

@S gibt ja bo(^ unberlennbar ©renggebiete gn^ifd^en 
beiben ©eiten ber Sfnbibibualejiftenj, toelc^e beiben gemeim 
fam finb: bal^in gel^ören ber SBiffenStrieb (öon ber S^eu* 
gier bis jum metaj)^9fifd^en Sebürfnife) unb jeber Slct ber 
Slufmerlfamfeit, bal^in aud^ bie @rinnerung im Unterfd^ieb 



14 (Stnleitung. 

\>om ©ebftc^tnife, — ja fogar bie gfi^igfeit ä^^^tifc^er 5per= 
cej)tion, fofetn fie bebingt ift burd^ bai^, toa^ Äant bie 
„Sntereffelofigfeit", ©^o^)m]^aucr bo^ jeittoeiHge ©d^toei^ 
gen affe^ SBoffen^ nennt; benn offenbar fönnte bod^ ba^ 
Äji^etifd^e Dbject nic^t al^ „Quieto" toirfen, mm fd^led^t- 
l^in ©leid^gültigfeit gegeneinanber baö einjige SSerl^ftltnife 
gtt)ifd^en ben Dbjecten be^ rein erfennenben ©ubjectö unb 
bem SBttten toäre. — 38od^ toeniger aber fann ii>otte Un= 
abl^ängigfeit boneinanber beftel^en jtoifd^en befümmten in^ 
tellectuellen Stnlagen unb ben 3Kerfmaten beö Snbitoibual- 
^aralter^ , ber i^r Präger ift. 3n ^infid^t auf ba§ ,,®mW 
f)at ©d^D^jenl^auer bie^ fc^on felbft im einjelnen nad^^ 
gefciefen unb bamit fel^r fefle 9ln^aft5})unfte für eine ber- 
artige ttnterfud^ung uni^ an bie §anb gegeben. — Slufeer^ 
bem aber finben fid^ aud^ fold^e ©teilen bei il^m, too er 
ebenbaff elbe auf anbere gftHe antoenbet; j. 83. too er eine 
getoiffe Oebulb unb ftillei^altenbe^ Slufmerfen afö ein ©r^ 
forbemife für bebeutenbe^ matl^ematifd^e^ Talent d^arafte^ 
rijirt (SB. a. SB. u. 33., 3. Stufl., II, 157 fg.). *) SBarum 
foUte e« benn ba nid^t aud^ un§ juftel^en, ettoa ju unter- 
fud^en, h)ie k)iel Sll^eil an gutem ©jtem^joralefd^reiben bie 
ftaltblfttigfeit l^at? überl^au^Jt, toie toeit ba^ SBort )oon ber 
„Xem^eramentSfad^e" aud^ auf ©d^üler5„^ugenben" Sin? 



*) (Sd ifl ba9 nid^td anbetet ald tüai in fetner nattjen ft^flemlofen 
SBeife ber neuerbtng9 and Sid^t gezogene %iatüä) (a.a.O., <^. 266 fg.) bie 
{fS^ig!eit nennt rr^^^nge aneinanber gu benfen''. Sir merben biefen intui* 
tionSreic^en ^äbagogen bed Dorigen 3al^r]^unbert9 no(f) oft ertoS^nen; 
freiließ nur in gelegentUd^en iRad^trSgen, benn bie ©runbgebanfen bor* 
liegenber Arbeit n)aren im ganzen längfl feflgefleHt, el^e id^ bie dnU 
bedfung mad^te, in toxt fra:|)43anten Uebereinflimntungen berfelbe nid^t 
nur mit @d^o^en^auer unb beffen ^rämiffen, fonbem aud^ mit 
mit in ben (SonduflDnen fid^ begegnet, b>e(d^e id^ an ber $anb ber 
(Srgiel^erbeobad^tung aud biefen p giel^fen gesagt l^abe. SBer bie <Sd^id' 
fale ber Söerfe @d^openl^auer'« bebenft, toirb e« ol^nel^in Begreiflich 
finben, toenn gerabe beffen SJere^rer mit einer getoiffen <Si?m:|)at]^ie 
aßen benjenigen entgegenfommen , beren 35erbienfie gfeid^fatt« einer 
fd^merbegreifKiii^en ^erfd^oHenl^eit erfl entrtff«n toerben mugten. 



Snbuctorifd^e Sotbetraij^tungen. 15 

toenbung leibet? 6« jÄl^^lt unter bie Ungercc^tigfeiten bet 
„®efunben", tjon einem ©jamengfieber nid^t^ toijfen ju 
tootten — fie begreifen nid^t, bafe nur äufeerüd^ Slnge^ 
lerntet äffe Slugenblid gur Jp^nb fein fann. SBer getoo^nt 
ifi, äffen geiftigen S^^l^alt, ben er in fld^ aufnimmt, ju 
ijerarbeiten, gerabe ber lüirb burd^ ba^ Oefüi^l bopptlt 
ftarf aufgeregt: je^t gilt e^ ^rom^te« 2(nttt)orten! 

Stud^ für ba^ geiftige ©gentium gilt ber Unterfd^ieb 
öon eigent^um unb »erift- ©ö gibt Äö^jfe — ba« finb 
bie tieferen meift unb reid^en — bie i^aben öiel gu eigen, 
ober n)enig afö ftüffige^ Rapital gleid^ baar in promptu; 

— unb e« gibt anbere, bie oberfläc^lid^en, aber „gett)cg;ibs 
ten", bie l^aben t)iel entlel^nten 33efife, ftembe^ ©gentium, 
bequemet ©rbgut, bie fönnen immer im:|orot)ifiren — i^nen 
gel^t bie 3Rünje nie au^ — eö ift aber auc^ banad^: lau= 
ter ^leingelb! bie i^erftei^en bie ^unfi nid^t, au^ ))offem 
©d^ad^t JU fd^öi^fen, einl^eitlid^ ©rofee^ auSjul^auen — fie 
briffiren oft im ©jamen mit 3tx. I — aud^ beim abfragen 
ber ©efd^id^te ber 5p^ilofoj)^ie — aber nie in ber ^pi^ilo^ 
foi)l^ie f eiber — einfad^, toeil jie nid^t „©elbftbenfer" finb, 
SBer aber fo fein bi^c^en glitterftaat an fid^ trägt in toeit^ 
aufgebaufd^ten galten: ber gtli nun einmal in ber SBelt 
für reid^, unb fold^en ©d^ein l^ertoorjurufen, barauf aMn 
ifi mand^ k)ielgej)riefene SKet^obe angelegt; benn toie bie 
3iergärtnerei bie garben- unb gormen^jrad^t ber SBlumen 
mit ^rei^geben jeglid^er Sefrud^tung^fäl^igfeit fünftlid^ er? 
i)'6\)t, fo „erjielt" bie l^eutige SBriffant- unb gorcirerjie^ung 
ba^ ©id^tbar=2lbfragbare auf ftoften jeber SBerinnerli^ung* 
SBer in ijofftoid^tigem gemünjten ®olbe einen fc^toeren 35eutel 
mit \i(S) ]^Uppt, ber ^ei^t ein pauvre diable — donec 
demonstretur contrarium. S)agegen ber „SBBinbbeutel", 
ber ein ganje^ guber luftiger gabitftten auf feinen breiten 
©d^ultern trägt, gilt beim großen Raufen für iijtereffant 

— iper bebftd^tig folibe ©ebanfen guten Älangeö aui^gibt, 
ber mufe barauf gefaxt fein, für einen ^au^l^älterifd^en 
©jjarer au^ Srtot^ angefel^en ju werben* 



16 Gtntettung. 

3fm fleinen be^Ätigt jebc ®jtemj)oralecortcctut biefette 
6rfa^tung: bie emper nad^benfenben Staturen toittern 
©4ft)terigfciten, too leine finb, «nb bermel^rett fo tl^re 
^el^Ierja^l, ol^ne bie toirflici^e Qualität il^rer Slrbeit ju Jjer* 
fd^Ied^tem — unb umgefe^tt liefern bie ^jj^legmatifd^en gted^- 
föj)fe, unbeirrt toon ©cru^)eln unb S^^f^tn, ettoa^ Gor^ 
recte^ — freilid^ \)on jener ßorrect^eit, beren jtoeifel^aften 
SBertl^ fd^on ©dritter in einem Diftid^on benuncirt f)at 

©elbfi ba§ ®ebdd^tni§ in feiner ganj mec^anifd^en 
2^^fttig!eit be^ aRemoriren^ fielet fid^tbar unter ber ®in= 
toirlung be^ SBitten« — nid^t nur nad^i 3Ra§gabe bei^ „fiuft 
unJ) Siebe junt S)inge mad^t alle 5tRül^e unb Slrbeit geringe" 
— fonbem aud^ fofem gurd^t bie Äraft be^ SlneigneniS 
la^mt: bie SSorfteHung , bafe etn^aiS fd^toer t)om ©eb&d^tni§ 
bellten toerbe, erfd^ioert ba^ Slu^toenbiglernen felber* 
SWand^er lernt mit großer ßeid^tigfeit unb ©id^erl^eit SSo^ 
cabeln, aber bag öertDed^felung^fofe ©iniprÄgen toon ©igen- 
namen in ber @eoQtapf)k tviU if)m nid^t gelingen — bei 
anbern ifl baö Umgefel^rte ber gall. — %üx beibe l^at bie 
toieber^olt gemad^te @rf a^rung ettoa^ 6ntmutl^igenbe^ ; fie 
bilben fid^ julefet ein, ein^^ ober baS anbere burd^auö nid^t 
ju lönnen — unb toie eine ftje Sbee flört fie jule|t biefer 
SBai^n bei jebem neuen Slnlauf, ben fie nel^men; bi^ enblid^ 
t)ielleid^t ein glüdlic^er 3«fött fie überjeugt, bafe e^ ben= 
nod^ aud^ gel^e. Unb um ben eintritt biefe^ ©efü^fe ju 
befd^leurtigen, ift für ben Sel^renben bie aWajime inbicirt: 
nid^t^ forciren ju toollen, toeil bie^ bie SÄengftlid^feit nur 
fleigem toürbe. ©r überlajfe fol^e ©c^üler für biefeg gad^ 
eine 3^t I^ng fid^ f eiber, ftelle an fie feine ^agen, über= 
l^öre il^nen nod^ toeniger bie ganje aufgegebene ßection, 
fonbem i)ertraue junftd^fl bem semper aliquid haeret — 
bann toirb fid^ bem erften bünnen 8obenfa| aHmft^lid^ 
fd^on mel^r anl^eften, loenn nid^t me^r jeber SSerfud^, burd^ 
ben fid^ einbrängenben ®laubm an feine JBergeblid^feit 
felber, toieber bereitelt iüirb — unb ein ganj unöermerft 
bleibenbe^ ©inüben toirb mel^r gewinnen, ate bie fortgefe|te 



3inbuctorifd^e Sorbetrad^tungcn. 17 

Oual beg „ 6in^)auf en^ " jemals toermöd^te, um fo fd^Ieu^ 
niger, je intenfitoer ba§ ©elbftoertrauen gehräftigt iüirb.*) 

SBer in einer geiftigen 5C^ätig!eit „mit ganjer ©eele" 
babei ifi, lüirb alfo toieHeid^t bie ©id^er^eit öermiffen laffen, 
aber toal^rlid^ an 2^üd^tigfeit bem nid^t nad^ftel^en, toeld^er 
bie 3[^)atl^ie \>ox i^m "ooxau^ffat ®ag })ra!ttfd^e Seben 
fieHt beS^alb nad^l^er regelmäßig eine anbere Siangorbnung 
ber ©eifter ^er afö bie Socation nad^ imiprotoifirten ^rü= 
fungöleiftungen; beffen ganj ju gefd^toeigen, baß nid^t nur 
bie Unjut)erläffigfeit bei l^äu^Iid^en Seiftungen burd^ reget 
mäßig unter SKuffid^t angefertigte ©ipecimina geiüiffermaßen 
fd^eint legalifirt ju toerben, fonbem aud^ ber ©dualer burd^ 
fold^e aHju häufige Verarbeiten balb jjeber ftetigen, gefam- 
mclten unb mit SRul^e ©elbftcontrole au^übenben S^^ätigfeit^^: 
toeife enttoöl^nt toerben fann. 

5Rid^t einmal, tüte fid^ bod^ ertt^arten ließe, für bie 
Surifterei finb bie blo^ fd^lagfertigen Äö^)fe befonber^ taug= 
lid^ — benn aud^ ba genügt ja nid^t ba§ abftracte ©ub= 
fumiren, fonbem bie einzelnen 9ied^t§l^anblungen tooHen 
in il^re acte jerlegt, aUe ^lebenbejüge bead^tet fein — unb 
bie^ beibe^ ift toeit mel^r ©ad^e be^ anfd^auenben §Berftan= 
beg, ate beg bloßen Siegelfinnö, unb nur biefe^ le|tere 
erforbemiß jum „juriftifd^en Äo^fe" bejeid^net ©d^iöer'g 
äu^brud „tobellarifd^er SSerftanb", für bejfen Kriterium 
bie gä^igfeit be§ einorbnen« in getoiffe Äreife unb Segrip^^ 
fj)l^ären gelten muß. 



*) 2)ic^ tft glcid^ »icbcr ein ^uitft, on tocld^em tvir mit äljin* 
lid^en ^at^6)läQtn glattid^'d giifammentreffen. 



Sa^nfeitr <Sl^araTterologie. I. 



/ 



^ii^tmtxntx 9:i|eil 



ober 



©ruubsflge. 



L 2)te Xtmpttümtntt. 

ftcitt anbetet Rcöpitd ber ^Pf^d^ologic pflegt fo fc^t 
ba^ Saicn|>ublilum ju bcfd^ftftigen tolc bie Unterfd^eibung 
ber 3^cttH)eramente, unb bo^ begegnet man nic^t leidet 
irgenbtDo einem gtöfeetn Unbermögen, SRed^enfd^aft ju geben 
bon bem, toa^ bei getoiffen lanbläufigen Flamen borgejiellt 
toitb, ate eben auf biefem ©ebiete. äSage, öeriüorrene, ben 
t)erf(^iebenflen |)f^d^ifd^en Functionen entlehnte, ebenfo 
unllare toie unbeutlid^e Slngaben muffen ^ier, toie freilid^ 
oft genug aud^ anberSioo, ben SWangel an toirflid^ fonberm 
ben SBeftimmungen berfteden; alle ©renjlinien finb )oex^ 
fd^üttet mit einem SBuft balb l^iet^ balb bort^er aufgegriffener 
SWerlmale, unb bie ßonfufion gijjfett in angeblichen 
SDWfc^ungen t>on ©lementen, bie ebenfo unberträglid^ finb 
toie geuer unb SBaffer, e^ müfete benn ber ,,Qttv SWifro^ 
foi^mu^" bejg aWej)^ifto|>l^eleg auf äffen ©äffen leibi^aftig 
umherlaufen. 



3)ie Zm,pttamentt. 19 

äKein e^ fo&xe ungerecht, einjig bie Dbcrflftd^Kd^fett 
bcr ^opnlaxp]\)i)oloQk für folc^ ein S)ur(^einanbcttt>erfen 
t)eranttoortli(ä^ ju mad^en; e^ liegt k)ieltnel^r bie ©d^toierigs 
feit in ber ©a^e f eiber; unb bafe jebeS neue ßel^rbucl^ ber 
5ßf^(^oIogie bag alte ^Problem anber« anfaßt, betoeifl fatfc^ 
fam, tt)ie bie SBiffenfd^aft f eiber feine^toeg^ auiS bem 
©d^toanfen l^erau^ ift 3a, jeber, toelc^er fid^ toieberl^olt 
unb einigermafeen umftd^tig bie l^ier einfd^lagenben fragen 
öorgel^alten ^at, tt)irb balb genug inne gettjorben fein, toie 
iljin bo^ Unbefriebigenbe ber getoonnenen Slefultate ju im= 
mer neuen 3Serfud^en anfjjomen mufe, feiner ©arflellung 
eine größere S)urd^pd^tigleit ju erarbeiten. 

©0 ift eg nid^t etioa für eine öerbraud^te 5ßl^rafe ber 
^feubobefd^eibeni^eit )u l^alten, tomn bie nad^fiel^enben @rs 
örterungen ft(^ für nid^tS mei^r ausgeben unb für ni(^t^ 
me^r angefel^en ju toerben iüünfd^en, ate für ben jüngften 
S3erfu(^ nad^ bieten, bie ate ©rgebniffe emften unb unbe^^ 
fangenen 3la6)hmlmi borangegangen unb al^ unjul&nglid^ 
bertt)orfen toorben jtnb. 

SBenn eg i^nen gelingt, bem gebanfenlofen SSermifd^en 
unb ber fieten ixe-raßaaLC sJc «XXo y£vo<; ein ©nbe ju 
ma^en unb ftatt beffen bie jtoeifell^aften 3it)ifd^enflufen mit 
einiger ©c^ärfe ate fold^e ju marfiren, fo toerben jte an 
i^rem 2;^eil einen Seitrag gur Klärung be^ SBertoorrenen 
geliefert IjK^en, toeld^er ^inreid^t, bie babei geübte ©elbjls 
Verleugnung ju bergüten. — Sltö ben äct einer fold^en 
nftmlid^ barf id^ e^ bejeid^nen, bafe id^ mid^ juleit ent= 
fd^loffen , nad^ einem borläupgen Slu^funft^mittel ju greifen, 
ttjeld^e^ ber fonftigen SBeife meiner S)enfarbeiten fo fremb^^ 
artig toie möglich ifi 5Bon ^aufe au^ ein abgefagter geinb 
atter rein fd^ematifd^en SRubricirungen, l^abe id^ bod^ ge- 
glaubt, in biefem %aU ben 3^^^ "^^ S)eutlid^feit unb 
Ueberfid^tlid^Ieit am beften }u förbem, te)enn id^ eine %a^ 
belle boranfleUte, n)eld^e geeignet fein !dnnte, bem neuen 
Aufbau ium beffer biftinguirenben ©runbgerüfte ju bienen ; 
unb inbem id^ jebe ©rlÄuterung einer f j)ätem S)etaiffirung 



20 ©tuttbjügc. 

Dorbc^alte, meine id^, ben SBottoutf eine§ Siücffall^ in 
,,längft übertounbene 2luf f affung^toeif en " nic^t f dienen ju 
bürfen, ber gutoerfid^t mi^ getröftenb, bafe toer über ba^ 
blofee @eri)3^)e l^iitau^blicft, feine ®rtt>artung neuer ®efid^t^= 
punft^ and} nid^t ganj getäufd^t finben toirb. 

auf bie ®efal^r ^in, ber ßiebl^aberei für eine fd^ola= 
ftifd^e SJemtinologie bejid^ügt ju ttjerben, jle^e id^ nid^t 
an, nöt^igenfatt^ bie 3al|>l ber l^ergebrad^ten Sßomen nod^ 
um einige felbftgetoä^lte ju t^ermei^ren, für beren SSerftfinb^ 
lid^feit bie nad^folgenbe ©jem^^Iificirung forgen mag. 

©0 fd;eibe id^ öorneloeg bie ^ofob^nif (icoaois; — 
oSuvT)) ab Seigre toon ben ©raben ber 6a^)acitfit für 
©d^merj unb fiuft (bie 2Bal^l ber JSejeid^nung ift befümmt 
burd^ ba^ a potiori fit denominatio) nad^ bem ®egenfa| 
ber S^^folie (SupcoXfa) unb (Sufolie (suxoXta) an& ber 
Seigre wn ben 5rem^)eramenten gänjlid^ au^, um biefe, fo 
wn jlebem fojufagen materiellen Äriterium burd^au^ frei, 
auöfd^liejsli^ auf bie rein formal-quantitativen Unterfd^iebe 
nad^ ben Oraben ber ©Spontaneität, Sftece^jtibitftt, 
Smipreffionabilitfit unb Sieagibilität ju grünben, 
toeld^en bie toier ©egenfa^^jaare: ftarf unb fd^n^ad^ — rafd^ 
unb langfam — tief unb flad^ — nad^l^altig unb flüd^tig — 
entfipred^en. Unb bamit fold^e Sefer, bie fid^ nad^ SSor= 
liebe unb ©eloöl^nung leidet möd^ten abfd^redEen laffen, ein 
fd^etnbar von allem ©oncreten abgen:)anbte^ gelb itjeitefter 
Slbftractionen unb ungeläuflgfier ^Begriffe überl^au^)t ju be^ 
treten, einfivoeilen geneigter gemad^t toerben, mir toeiter 
in folgen, mag eine mdglid^ft popnl&x^ (Srflärung junäd^ft 
Derbeutlid^en, um ft)a^ e^ fid^ im allgemeinen l^ierbei ^an= 
belt. SSieHeid^t hjirb bann ber 3Keta^)l^is>fifer in bem, toa^ 
x6) f)ux nur ate ^j^^fifalifd^e Slnalogien unb aSeranfd^au* 
lid^ungMittel ^eranjie^e, fogar m^ SSefenöeinl^eit, t)crfd^ie= 
bene ©rfd^einung^toeifen eine« Qbentlfd^en auf öerfd^iebe^ 
nen 5Wanifeftation«ftufen be« all=einen SGßillen«, erfennen. 
©d^on bie unbelebte Sftatur bietet ja ^l^änomene bar, in 
loeld^en toir ein „f^)ontane«" SSerl^alten toal^mel^men; ba- 



S)ie Xetnt>etamente. 21 

f)\n ifl nid^t nur bie d^emif^e Sttffinität, fonbern bereite bie^ 
jenige Qualität ju jÄl^len, toeld^e in ber Seigre toon 3Wag5 
netiSmuS unb ©leftricität i^re 35arftettung finbet; bo^ ©ifen 
bringt ber magnetifd^en Äraft grofee SBereittoittigfeit mU 
gegen, fid^ burc^ fie beftimmen ju laffen, unb bie gatoa== 
nifd^e Siei^e gibt bie ganje ©cala fämmtlid^er ©lentente in 
Ä^nlid^em SJeri^alten. ®em })araffei fielet bie lange ©tufen^ 
folge ber lebenbigen SBefen — fd^on im ^Pflanjenreid^ an= 
^ebenb nad^ bem Unterfd^ieb jtoifd^en rafd^cm unb lang= 
famem SBod^^t^um unb fortlaufenb ju jenen 3;i|^ieren, be^ 
ren ganje^ SBefen SBetoegung ju fein fd^eint (finnreid^ 
legte unfere <Bpxa6)e biefe Seobad^tung in einzelne 3lamen 
f eiber i^inein: fliege, ©d^lüalbe u. bgl.). 3n ber 3)lenfd^en= 
toeU ttJünfd^t bie ^nbiöibualit&t bon f d^hjad^er ©|)ontaneität, 
möglid^ft lange in Unt^ätigleit i)erl^arren ju fönnen, unb 
toartet affemal erft ba^ ^erannal^en ber erregenben ^Rotitoe 
ab , toäl^renb bie t)on [tarier ©Spontaneität biefe ,,an^ eige^^ 
nem Slntriebe" auffud^t; unb toeil legtere afferbingö afe 
befonber^ actito fid^ barjiefft, fo bejeic^net ein ungenauer 
©Jjrad^gebraud^ erflere gern aU eine „mel^r ^)affitoe 5Ratur", 
lüobei nid^t i>ergeffen ttjerben barf, ba| felbji unfer „lei^ 
benb" oft ben bloßen ®egenfa| jum Xl^Ätig^ein au^brücft 
(J.S3. 3Äarie ©tuart, U, 8: 

2)en!et ntd^t, bag iä) fte letbenb ^ätte 
3um Zoht gc^en laffenl). 

S)iefe Unterfd^eibung nad^ fd^toad^er unb ftarfer ©^jontanei- 
tat befagt alfo noc^ gar nid^t^ barüber, ob bie Äraft f eiber, 
loeld^er bie ©i)ontaneität afö^pr&bicat il^rerßrfd^einung^ltjeife 
beigelegt ioirb, grofe ober Hein, energifdö ober nid^t fei; 
unb ebenfo tt)enig ift e^ affemal gett)ife, bafe dn Sffiiffe öon 
[tarier ©Spontaneität jugleid^ aud^ bie ©igenfd^aft befi^t, 
ein fid^ barbietenbeg 9Kotit) raf d^ in fid^ auf junel^men ; bie^ 
rid^tet fid^ öielme^r nad^ ber 9lece:p tibi tat*), aU njeld^e 



*) %u^ für jtc muffen mx bieö grembtoort fcetbc^alteu; bcnn 



22 ®tunb)üg6. 

wn ber @!pontaneität ebenfo unabl^ftngig ifl, toic ctoa bie 
^ftl^igfeit ber einzelnen Äör^jer , gctoiffe f ogenanntc 2let^er= 
fd^toingungen rafd^ f ort jui^Pan^en , ober ba^ Sid^t burd^ 
ft^ ^inburd^julaffen, toon i^rer ^ärte unb SJtd^tigfeit, ober 
ioie bie SBeid^l^eit t>om fipecififd^en ©eloid^t. aBieberum 
ober l^at bie SRece^tibität atö fold^e ntd^t^ ju tl^un mit ber 
gäl^igfeit, m 9Motit) lange bei fid^ aufjubetoal^ren, ober 
baffelbe in ftd^ fortn:)irfen ju laffen, ja, nid^t einmal mit 
bem 3Ka^e, biö ju njeld^em fid^ ber ©inbrud beffelben fo= 
jufagen in ben SBillen einbohrt — fte befiimmt nur ben 
erfien SWoment, ba^ erjle ©tabium feiner ©intoirfung, näm^ 
Ud^ bie 3rftbauer öon feinem erften ^eranfommen bi« ju 
bem Slugenblide, too e^ in ber 3;i^at toirffam toirb. Db 
ein SWotit» ftd^ eintoül^lt — f oaufagen bi« an^ 3Rarf beS Oe- 
fammtioilleng ber 3nbii>ibualitfit — ba§ rid^tet fid^ nad^ ber 
Sm^^reffionabilitat: ©ta^I unb ©ifen ftnb einanberja 
aud^ nid^t gleich in ber „3;reue", mit toeld^er fle ben in 
fie übergeleiteten SKagneti^muä in fid^ aufbeloal^ren. (2ln 
biefer ©tette üermelben toir ben Sluäbrud „©enfibilität", 
um benfelben für anberioeitige aSertt)enbung aufjuf^jaren; 
— folange bie Db=„©enfitit)en" mit il^rem Stnf^rud^ 
auf »ürgerred^t in ber ©^jrad^e ber 5Rert)ent)atl^ologie nod^ 
nid^t enbgültig ab:: unb jur Siul^e genjiefen finb, toerben 
\t)ix jenen Xerminu^ aud^ jur Sejeid^nung franfl^after SReijs 
barfeit ber Sm^ir^ffionabilität ni^t ganj entbel^ren fönnen.) 
3lber felbft tt)a^ „einem hi^ in^ innerfte ^cr^ einfd^neibet", 
tt)ül^lt be^l^alb nid^t immer aud^ ben SBiHen felber auf ju 
anbauember ©egenfirebung — bei flüd^tiger 3leagibi= 
lit&t l^ört ber SBiUe balb auf, fid^ toonbem eingetretenen 
3Rotiü fotticitiren iü laffen. (S^in SWenfd^ \)f>n tiefer 3m- 



ais^ tu bem, tcM toh auf beutfc^ Q^m^fängtid^Ieit nennettr lägt 
fi^ noäf t)ertnöge eine9 Ui^t irreleitenben ^c:^43elfinn9 ein iD^oment 
ber ®i|)ontanettät — beö Slufne^mcntDotten« unb *m8gen8 — unb ber 
5Recej>tiöität — be« Äufne^>menfönncn« — untcrfd^eibcn. 



Sie Xemperamente. 23 

})teffionaWIitat lann, h)ie ein Sd^toamm, fid^ fojufagen boH- 
gefogcn ffabm ^oon (Sinbrüden, unb feine ganje 9leaction 
befleißt nur barin, biefem gleid^, ju finfen unb fortan re^ 
gunff^lo^ ju bleiben — ober nad^ einem anbem Silbe: toa^ 
bie 3wtt)refjtonabilitÄt, ber 6aj)iffarattraction niel^r afö ber 
bloßen 5ßorofität öergleid^bar, in fid^ oufbetoal^rt, fann an 
ben SGBanbungen beffen, toa& nunmel^r fein ©efäfe gett)or= 
ben, einen Stoff finben, jtoifd^en toeld^em unb ifftn f eiber 
fein d^emifd^er 5ßrocefe entfielet ober nur ein balb vorüber* 
ge^enber, infolge beffen eine Ärufle fld^ bilbet, bie »eitere 
eintoirfung jtoifd^en SBitte unb aRotiö öerl^inbert — bann 
ifi feine nac^i^altige SReagibilität öor^anben; benn bie 
aieagibilitÄt brüdt bag frül^ere ober fipatere 3lufl^ören ber 
Slad^toirfung ber 3Wotii>e an^, unb in biefem ©inne Reifet 
,,flü^tig fein" baffelbe, toie eine ©ad^e, bie man l^at 
auf fi(^ ioirfen laffen, balb lieber fal^ren laffen, fie leidet 
öneber „aufgeben"* 9lafd^e^ äuff äugen unb ^iefsin^fid^- 
einfidfem 5 laffen einer glüffigleit feiten^ eine^ feflen Äör:* 
ptx2 finb alfo in ber J)^^fifd^en SBelt bie aSorgftnge, ioeld^e 
ben d^arafterologifd^en ©rfc^einungen ber 3lecej3tii)it&t unb 
3mj3refftonabilität cntf^^red^en. — 3Rit biefen Slnfd^auungen 
gel^e man bie S^abelle bur^ (f. ©• 24), bi^ ber befonbere 
2;^eil bie weitere aufgäbe übernimmt, in gefd^loffenerer 
Sünbigfeit auj^jufü^ren, tva^ ^ier ijorerfl nur bienen follte, 
bie ©ad^e burd^ illufirirenbe ®leid^niffe, ol^ne ioiffenfd^aft^ 
lid^e ©trenge, getoiff ermaßen „munbred^t" ju mad^en für 
®aumm, bie bei „trodfener" ©})eife leidet ba^ ©efü^l beiS 
Slu^gebörrtfeini^ befommen. 



24 



Onmbjflge. 







taitet* 
tat: 


3?ece^ti* 
büät: 


3mi)ref* 

fionaBitt* 

tat: 


8icagt6i* 
atät: 


2^em|)erament : 


1. 


I. 


M 


ruf* 


tief 


nad^l^altig 


(|ioIetif(| a. 


2. 


i-in. 


ftatl 


raf« 


flad^ 


nad^^alttg 


d^olcrifd^ b. 


3. 


ML 


ftatf 


wfrj 


tief 


püd^Hg 


d^olerifd^ c. 


4. 


n. 


ftaxt 


rafd^ 


M 


flüditig 


fangitinifd^ a. 


5. 


IM. 


\ä)toaäf 


rafd^ 


ffa* 


mm 


fanguinifd^b. 


6. 


ii-m. 


flarf 


kngf am 


ffatif 


nmm 


fanguinifd^c. 


7. 


ni. 


flarf 


lattgfam 


flac^ 


mdfyaim 


^i^Iegmatifdj a. 


8. 


IIMV. 


fd^hjod^ 


(angfam 

• 


frac^ 


m6)Him 


:|>^Iegmattf(^>b 


9. 


UM. 


ftarf 


langfam 


tief 


nadji^aüig 


:|>Megmottfd&c 


10. 


IV. 


fdjtoail^ 


rafd^ 


tief 


na($l^altig 


anämatifd^ a. 


IL 


IV J. 


f^ioa^ 


rafd^ 


tief 


P*ttg 


anämatifd^ b. 


12. 


lY-III. 


fd^toat^ 


kngfotn 


tief 


nadd^aUtg 


anämatifd^ c. 


13. 


MV*) 


fc^mod^ 


raf4 


flad^ 


na($]^alttg 


d^olcrtfd^ d. 


14 


IMV. 


fd^toad^ 


langfam 


ffa* 


P«tiö 


fanguinifd^ d. 


15. 


in-ii. 


jlarf 


(angfam 


tief 


Pci^tig 


:|>]^Icgmatifd^ d. 


16. 


iv-n. 


f4)oa4 


langfam 


tief 


Pci^tig 


anämattfd^ d. 



*) ein bem ©angutnifcr gcnSl^erter 3lnämatifcr (sub 16) ober 
ein bem SlnSmattfer genäljierter ©anguinifer (sub 14) erfd^cint attcr- 
biug^ cbcnfo h)ie ein bem Slnämatifcr genäherter (S^olcrifer (sub 13), 
unmittelljar alö eine contradictio in adjecto, unb tt)tr!Ud^ be^ätt 
biefcr nur ein« feiner beibcn toefentüc^icn SWerfmale , toic aud^ ber bem 
@anguinifer gcnäl^ertc ^Ifitegmatifer (sub 15). 5lbcr babei bilft ent* 
iceber (sub 13) bie glad^l^eit ber Sm^reffionabilität bie @d^h)äci^e ber 
@:pontaneität au^glcid^cn, ober (sub 14) bie langfame 9lece:|>tit>ität 
\)ält ber fd^hjad&cn @J)ontanettät bie Sßage, ober (sub 15) bie tiefe 
äm^refftonabilität tt>irb burdjj bie flild^tigc ÜJeagibilität neutralifirt ; 
über cnblid^ (sub 16) bie flüi^tige Sifeagibilität balancirt bie langfamc 
9?ece:|)tiöität. SebenfaHö laffen fic^ fold^e SKifd^naturen unfd^mer in 
ber Örfal^rung nad^toeifen. greilid^ raubt i^^nen ber innere ^ibcr= 
f^rudfi i^rcö 2ßefcu3 mit ber @in^cit and) jebcu redeten ^alt unb fo* 
mit jebc SCnlage gur Süd^tigf eit , mälfircnb unter ben mit c begeid^* 
netcn Kombinationen befonberö toertböoüe, ja crquidftic^e (Srfd^ei* 
nungen »jorfommen fönnen. 



3)ie Zemipttammie. 25 

3n biefer Sicd&effe finb bei Slufflellung bcr jtoifd^en 
jenen gactoren möglid^en ©ombinationen äberatt bie:* 
jenigen 3Werfmale fld^tbar au^gejetd^net, toeld^e je in erflet 
ober .jtoetter Sinie ba^ ©J^atafteriftifd^e unb für ben ba^ 
neben^el^enben S^em'^jetomentönamen @ntf(i^eibenbe l^ergeben, 
unb toäl^tenb nnter biefen ben reinften Älaffent^|)uS ein 
beigefefetes a fennjetd^net, f ollen b-c-d je ba^ aRofe beö 
Slbftanbe^ 'oon bemfelben auöbtüd en. *) S)emgemft§ toat 
ijorlommenbenfattä ju entfd^eiben, auf meldte ©eite foju- 
fagen bei ©leid^l^eit ber ©ttmmen bie getoi(^tigem fatten, 
unb ob c ober b getoftl^lt tourbe, fonnte ebenfo nur bo? 
ioon abhängen, ob bie au^faffenben SWerftnale mel^r ober 
toeniger d^arafteriftifd^ finb; b^iel^ung^ioeife bai)on, toie 
loenig ober loie üiel biefelben burd^ bie 6igentl^ümlid^!eit 
ber an il^re ©teffe tretenben com:>)enfirt toerben* ©ofem^ 
ioo d inbicirt ift, aBewal eine ©renjftufe t)orl^anben fein 
mufe, ift e^ freittd^ an^ benlbar, baJ3 bie ®ntfd^eibung 
fdjmanfenb bleibt, toe^l^alb bie mit d bejeid^neten -In ab^ 
gefonberter @xü)^pt am 6nbe jufammengeftettt loorben 
finb.**) 



*) 2)em (S^emifer mi^gen baBei getetffe gortneln fetner Siffen« 
f(^aft einfatten, toie unterd^torige ^ämt, öfloxx^t ^ävat, ViTxttxäflov* 
fäure, &flox\äüVt unb Ueiberd^Iorfäure — Op}h unb O^t^bul — ^nlb« 
o^t^b unb $)^^ero^)^b nc!6ft vettern (SomBinaticnen: fd^toefelfaurc« 
@ijen0(^b, f(!(iiDefiigfaured (Stfenoj:)^n( — tin^aö), anberttialbfad^, $mei« 
fad^ u. f. to. faure ©atge — Mn — Mn, O, — Mn 0, — Mn 
O3 — M112 O7 u. f. tD. 

**) gfüt biejenigen, koetd^e fid^ bie äfUil^e geben n>offen, an obtgec 
Tabelle bie nV^oht be9 'Sttditntj^tmpti^** bamit gu ntad^en, bag fte 
ein beliebig ^eraudgegriffened 3nbit)iDnunt baranf anfe^en, in tpeld^e 
ber fed^ge^^n Stubtüen ed mit feinem Temperament gn {leiten fornme^ 
fann, mt fid^ bon felbfl t)er{le^t, and^ ein objectiü begrünbete^ 
^d^tvanfen, eine Unfid^erl^eit ber (Sntfd^eibnng, aud ber 9{elatit)ität 
ber t)ier (^egenfätje entflel^en: ed fann gtoeifel^aft bleiben, oh eine 
«Spontaneität fd^toac^ ober flart, eine 9{eagibi(ität Pd^tig ober nad^« 
baltig 3u nennen fei u« f« f.; benu ed gibt natürlidb überaKein iDKtt^ 
iered, ))on bem e@ fd^mer, mo nid^t gar unmögUd^ ifl, gu fagen, ob 



26 9rttnb)üge. 

3Benn aber aud^ nod^ in bcr fo refultitenben ®tuj)- 
pitutifi me SeßAtigung beiS les extremes se touchent 
mehrmals fld^ atö unaui^toeii^lbar ertoeift^ fo batf ba^ aU 
eine @atantie bafüt anQe^pxs>^m ioerben, bafe bie 3lebens 
einanberotbnung bem realen Seben^ nid^t einem toiViSit'- 
ßd^en (Sonjhruiren, il^re ^etfunft berbonft; benn gerobe 
eine abfh:acte Symmetrie l^ier erreid^en tooDen^ l^ie^e ber 
natürlid^en SBuntl^eit ©eiDalt antl^un. 

®ne v>ereinfad^enbe Slebuction ber JJabette ipftre atter* 
bingg ba fiattl|faft, tt)o bie ©ini^eit bon „rafd^" unb „ftarl" 
ate i^eftigleit, üon „langfam" unb „f<^te)ad^" d« Sau? 
I^eit ber Srritabilitfit eintreten fann; ober fd^on bie 
reinen formen bed 9in&matxttt^ unb ^l^legmatiferd bmqm 
ftd^ fold^er @in)n)&ngun8 nid^t — bod fei uniS eine Wiax^ 
nung, weiter fd^emotiftrenb )u e£))erimentiren^ um fo mel^r^ 
atö an ber 3^ritabilität als ©rregbarleit aud^ bie 9tea? 
gibilit&t älnt^eil l^at; toeS^alb bon leidet unb fd^toer er:: 
regbaren Slaturen gefprod^en tt>irb. 



ed bieffeit obec ienfett be6 {^a(btrung9^unYte6 liege — unb ba bie^ 
toon fämmtlid^en (i^arafterologtfd^en (SIementen gilt, fo finb aUerbtng« 
bie gäSe I^Sufig genug , too mir unfer Urtl^eil fudpeubiren muffen, 
obfc^on auf bie t>»ffnung l^in, fernere Beobachtung lönne babei nod^ 
äRomente erfennen laffen, meiere ben ,,9u9f(i^tag geben'' — unb ido 
bie« zutrifft, f^red^en tt>tr Don einer r»tt>ettig au0ge))r5gten'\ n^ie im 
entgegengefet^ten %atLt ^on einer Mf^arf marürten" ¥erf9nU(i^reit 
Wian fleHe ft<j^ iebec^ äberl^au^t ba9 Ctrlennen ber allgemeinen ^xu 
terien für bie einzelnen 9lummem nac^ ber XaUViz nic^t aK^n ein« 
fa(!^ Dor ; indbefonbere Bei ber 9{ece)>titität bleibt bie Beobad^tung, an« 
flatt koirtUtb — toorauf ed beim ^emi^erament al9 fold^em anfommt — 
au^fc^Iiefilid^ ba« Ser^Sttnig be6 Siaen« sum fßtoüty in« 9uge ^u 
f äffen, leicht etnfeitig auf ba« inteOectuelle (Seebären befd^rSnlt, tt>a« 
um fo c^er gu Serioe^felungen fü^tt, al« aSerbing« bie innige 3n^ 
fammenge^Brigteit be« inbibibueflen SBiUen« mit feinem SnteClect (anm 
in einem anbem ®tfi(fe fo beutlid^ )u erfennen i^, toie gerabe in 
biefem; aber nur beflo mebr mug man fid^ gegenwärtig bitten , bag 
^btegmatif^e 9^aturen, auf toeld^e jebe« ^Ttotit nur fcl^r langfam ein« 
n>ir(t, ntd(^t feiten ))on fiberrafc^enb fcbncfler „9nffaffnng«gabe", unb um« 
gefe^rt fangninifd^e gfattergeifler, beren SBotten auf leifefle ^nrei^ung 
^ entgüttbet, ebenfo oft „fe^r fd^tt>er i»on $3egriff" ßnb. 



Sie Xemt>etaniente* 27 

@l^er toxxh t§ nöti^ig fein, nod^ befUmmter aU e^ bereitö 
in ber ^nmerlung gut SobeEe gefd^el^en ifl, ber @inrebe )u be« 
gegnen, an6f biefe Sifie fil^re factifd^e Unmöglid^leiten auf; 
nid^t nur infofem, afe j* 33, ein ,,6l^olerifer d" ein Un^ 
bing fei, toeil fd^toad^e Spontaneität ben Segriff be^ 6l^o- 
lerifer^ toftttig aufl^ebe; fonbern aud^ infofem, aÜ bie fd^on 
i)om ©anguinifer c auögefagte, unb an einem anbem (d) 
gar neben ©d^toäd^e ber Spontaneität bel^auptete Sang^ 
famfeit ber SReceptitoität l^inreid^e, ein ©iberojl^lon gu er- 
geben; — mit einem JBorte: ber Äußern SSoIIflänbigleit 
ju Siebe feien unbenfbare Sßerbinbungen mit aufgenommen 
unb obenbrein ben Flamen ©etoalt angetan. 

Si^ auf toeitere^ erioibem ioir hierauf nur fo üiel: 
atterbing^ operirt e^ fid^ bequemer mit reinen 0egenfä|en — 
bod^ man probire ^ nur einmal, n)ie toeit man bamit 
lommt, unb toie balb fld^ bann bie abflracte Si^i^eorie t>on 
ber ©mpirie im ©tid^ gelaffen finbet. *) 



*) 93tr bfirfen an biefer Stelle nid^t vorgreifen in ben ^efon* 
bem Xf^tit, nnb o^ne eine berarttge Sntici^atton ift edfaunt t^un« 
U(^, haß hio^ SBegifferte in concrete 9{amen umjnfe^en. 2)o(( mag 
eine Knmertnng einfimeiten conflatiren, bag es ^6^ in ben^^if^en» 
gliebern (einedn>eg0 Uo9 um d^aratterologtfc^e ICnontalten l^anbeU, 
unb ba9 toermeintlic!^ Unbenfbare ni(!^t feiten gerabe ha^ %Ht&gLi^t 
audbrücft. 3n biefem @inne toiS folgenbed Sergetd^nig, georbnet 
na4 ben 9htntmern ber ZabtUtf benrtt^eilt fein; baffelbe foll geigen, 
n>ie fid), menngleid^ in )6erf(l^me(iung mit anbern Elementen, beren 
^eraud^ebung erfl in ber golge Vorgenommen n>erben lann, bie 
i^em^eramente nngefäl^r andnel^men; unb t9 ent^SU fomit gngleid^ 
eine toeitere Stntttnbigung bom Snt^alt bed ,,Befonbern Xht\i9**, ge« 
tt>ifferma6en einige ber tuic^tigfien ^a^itelüBerf Triften für biefen: 

1) 2)ie grogartige ^elbennatur — man beule an einen Sut^er! 

2) 2)er frifd^e, tü(!^tige iftann, bou fhraffer, teic^t fogar etma« ptta^ 
lantcr {Haftung; nad^ UmfiSnben alfo aud^ „htx gefunbe Sunge". 

3) 2>er Iet(^tent)ünbUd^e (S^arafter; vor allem ber 3re at9 gut" 
mflt^iger ,,$abbi^"; ba^u ber $oIe nnb 3taüener. 4) 2>er {eic^ti* 
(ebtge ttTltn^^ ber @tunbe'\ ba6 ,,munlere'' äTZabd^en, bie SrangBßn 
nnb ber ,, quedtfUberne '^ ®a8cogner ber Unelboten. 5) SDer fd^neE 
fCufbraufenbe o(^ne ^udbaner; ,,ba9 e^altirte grauenjimmer". 6) 2)er 



28 ©tunbjügc. 

Um 5Ramen ju fjobetn, ifi ober DottenbiJ ein unftud^t: 
bare« »eginnen unb eigentlid^ fd^on abgefd^nitten burd^ 
ba« 3ugeflftttbni§: tnond^e« bleibt fd^toanlenb. 3^ l^abe 
nur «nmafegebli^e SSorfc^lftge für ap^^rojimatibe »ejeid^- 
nungen mad^en motten, bon beren SJetaifö id^ willig jebe« 
einer überieugenben »elel^rung jjrei^gebe. ®laubt alfö 
etoa einer, ben „Slnftmatifer c", tpeil er aud^ bie beiben 
$am)tmerlmale be« 5ß^Iegmatiferg an fid^ trägt, für eine 
©})ielart wn biefem anfeilen ju muffen, fo l^abe id^ nid^tä 
bagegen; man berliert baburd^ l^öd^ften« an £eid^tig{eit be« 
®ruj)i)iren«. 

änbere lieber möd^ten meinen, flad^e 3m:>)reffionabi5 
lität fei bem ©l^olerifer „natürlid^er", unb be^i^alb l^ätten 
e^olerifer a unb ©l^olerifer b iJ^re 3tamm ju taufd^en, 
unb jener bielmel^r fei eine bem 5ßl|ilegmatiler genftl^erte 
Äuance; aHein gerabe ber reine X\))pn^ be« ^^legma tt>irb 
burd^ Xiefe b^ 3mj)refftonabilitftt getrübt 



flu^ibe ^i^Io^f. 7) 2)er MtMü^i , htb^ti^t unb aaegeit nüci^terne 
energtfd^e Cunctator; ber ^nglänber. 8) 2)er faumfeHge, eigenfttt« 
xtige, ,,(equeme'' Strbeiter — ^oUcinber; bie flittt^fätige ©d^affnerin. 
9) i>tx mit yiaäfhxnd ianhtinht ü^emüt^ömenfd^ — ®d^u>a6e; abtx 
au4 ber nntxhittüä^t ganattfer — @)>amer. 10) ^Der tmpfinbli^t, 
nad^trägerifd^e ^äfto'däflin^; aSer audf eine Uid^t)»erU^te ebelgeartete, 
bod^ in fid^ (altlofe 9^atnr »ie ®oet^e'« £affo ober SSert^er. 11) 
2)er halb erfd^Iaffenbe (Sntl^ujiafi; bie im ^eräd^tU(!^en 6tnne „fenti^ 
mentale'' ^d^to&rmerin. 12) 2)te f d^toererregte ; bod^ um fo treuer 
aud^orrenbe grauennatur; aber anö^ ber uuioerföt^nlid^ ©roHenbe, am 
leid^teflen erlennbar im l^'öl^ern Sl(ter. 13) ^er reizbare i^rie^gram, 
untuflig jur Snitiatite toic jur fr&ftigen ÄBtoel^r; ber ,,,triebclfc:^f" 
unb bie „Äeiferin''. 14) 2)er flum^f finnig atbcrne fd^laffe ©efett; 
ber 9{eger unb ber ^aI6e 3biot. 15) 2)er launenhaft t>erbroffene, 
träge ©tarrfo^f, „©öoticr" unb ber „liolj toerbrießlic^ fd^mere S^iarr'^ 
n^ie !S)unot« ben iSonnetable nennt (^d^itter'9 ,,3ungfrau k)on JOrlean«'', 
I, 2). 16) S)cr ,,e»ige trafeelcr''; ber „erbärmUd^e SBid^t" öoH 
verhaltenen 3ngrimm9; ber äugerlid^ inbolente unb (0pat\}i\ä}t Xx&n^ 
mtXf ber, leidet gei^cinfelt, alled, toa^ i^n ^^urmt'S in fid^ ^^^inunter« 
ttürgf' unb beim ^en^ngtfeiu eigener ^aftloftgteit innerüd^ ,,t)er« 
Wffen" »irb. 



3)ie XempnamenU. 2ß 

©0 liege fid^ nttt tnel^r ober toeniget 6|^icane tool 
jebe Slumtnet beanftanben , unb ber SRed^tfertigungen burd^ 
Stad^tüeifen i?on ©omipenfationen loäre lein ©übe, toenn 
tttd^t berücffid^tigt werben fott, bafe e§ ijotetft nur barauf 
anfommt, überJ^auj^t in Setreff einer ^ijirung fid^ ju 
einigen; unb ha toirb benn tool bie SBerft&nbigung junäd^ft 
für ben Slcunen ,,3[nämatifer" ju erftreben fein. 

3ur negativen ©m^fel^lung fann e^ bemfelben vorläufig 
gereid^en, bafe er ba^ ffienomination^genuiB nid^t toerläfet 
unb inSbefonbere ben ®egenfa| jum ©anguinifer fd^arf 
genug auöbriidtt. *) ®er Siome aber, toeld^er trabttioneff 
bie bierte ©teile unter ben S^emiperamenten einnimmt, mufe 
toeid^en, toeil er borjug^toeife e^ ift, ber bie entftanbene 
Gonfufion tjerfd^ulbet f}at 3Mjt nur, bafe bei ber SBor^ 
Rettung i)om aReland^olifer atter SWad^brudE auf ben Sm« 
Jjreffionabilität^grab ju fallen pflegt; biefelbe l^at aud^ in 
ganj onberer SBeite beS Umfangt iJ^ren ibentifd^en mate^^ 
riellen Snl^alt am 33egriff be^ StiipcoXoc, afe in toeld^r ber 
©anguinifer bem euxoXoi; gleid^gefiellt toerben barf. Unb 
fud^en tt>ir nad^ ber ^erfonification ber matten SRad^l^altigs 
feit unb nad^i^alttgen 9Kattigfeit, afö bem ©egenfa^ pm 
d^olerifd^en entfd^loffenen „SWann ber %f}at'', fo bliebe beim 
SWeland^olif er i^öd^fieng ba^ öage aWerfmal ber äbertt)iegen= 
ben ^paffitoität bepel^en, benn ba^ Sluffud^en einer toeä}^ 
felnben, jiet^ frifd^en gülle ^tm ®inbrüdEen liebt unter 
Umftänben gerabe aud^ ber 3Keland^olifer. — ©agegen re^ 
^jrftfetttiren ba^ anämatifd^e ^Temperament junäd^ft unb ju^ 
meift jene fleinlid^en 3?aturen, bie toon nid^t^ fiarf unb 
fräftig afficirt, aber bafür i>on maleren ßappalien ju nad^? 



*) Unb tDemt hit mebtcmtfd^e $^))ot]&efe fiäf begrünben liege, 
itaci^ tvetti^er bie l^eutige ^tx^ofitat mit bet Tlobt üdermägtger $(ut« 
abg(L|)fungen im t^origen ^a^il^tinbert einen Bufammenl^ang i^'dttt, fo 
toaxt bie ^e^eic^nung fogar t>ont <^tanb:|pun!t ber $at()o(ogie an^ ge* 
^ü^t; bann Ratten bie Italiener t>iel]ieid^t noä) bie $eriobe t>or ftd^, 
in »eld^er n>ir unb ^(biond bletd^e Zbäfttx je^t fd^on {leiten. 



30 ' ®runb}Ü9e. 

I^altigej: SReactföu angeregt werben, S)er änämatifer, übet- 
äff geneigt, bon ettoai^ „iJtel SBefen^ ju mad^en", ifl in 
ben Keinen SBotlommniffen be^ äfftog^ toon entfe|Ilci^er 
„tlmflänblici^feit". ®a« Heinfle SSorl^aben, ju toeld^em 
ein SRinimum f^)ontanen (Sntfd^lujTe^ gehört, fann il^n in 
eine fieberl^afte Aufregung betfeien; tagelang Verfolgt e^ 
il^n, ba§ et einen ©efd^aft^btief ju fd^teiben obet einen 
Stu^gang, um ©tfunbigungen einjujiel^en, u* bgL abjumad^en 
ffcibe — eine ttntul^e, füt beten Sejeidsinung bet ©d^tift^ 
f|)tad^e toiebet bag ted^te 3Bott fe^lt — ein niebetbeutfd^et 
5ßtobinjiali^mu^ bafüt ift „püttjerig''. ®t bejeid^net jene 
,,83eba^tfamfeit", bie au^ einet ,,a3ebenflid^feit" in bie 
anbete getätl^ unb auf intmet neue ©ctujjel ftö^t; ben 
®egenfa| ju jebet „butd^gteifenben" unb ,,einfd^neibenben" 
ipanblung^to^ife, unb bet aWangel l^ietan ifi ja eben iebem 
fol(^en „Äleinigfeitj^Itämet" eigen. 

®o jtnb e^ bet Slnätttatif et unb, ndd^fi i^m, bet ©ans 
guinifet, in toeld^en Spontaneität unb bai8, toa^ tt>it bie 
SReagibilitfit ju nennen gesagt l^aben, in il^tet 83etfd^ieben= 
l^eit am beutüd^flen aui^einanbettteten. S)ie ©pontoneitftt 
n&mttd^ gibt eine ä3eftimmung be^ SSet^alten^ beS SSiiffend 
bot ©inhjitlung bet SKotibe, alfo bei^jenigen, toa^ bet 
SBiffe an Suft fojufagen, äbetl^au})t ftd^ ju betl^ätigen, ben 
SWotiben entgegenbringt*) — unb befaßt, toenn man tolff, 
ben Untetfd^ieb bon Seb^aftigfeit **) unb fiafe^eit — bie 



*) a)te reine ©^ontaneitÄt erfd^eint aU „txxih'* jur ar^atiglett, 
al9 <Stre(fam(eU unb, in gmedtofer iBet^ätigung , unter UmflSnben 
al« SDhit^toittc; erfl tt)o jle fid^ mit ber SRece^jtiöitot gur SrritobititSt 
Derbinbet, fann il^r i>a9 $r£bicat „^tQ\amUiV* gufomnten, unb btefe 
gum i^eid^tfmn fä(^ren. 2)er di^oUvihx toirb leicht mut^miHig , ber 
^anguinifer fa^ Qtxo'6f)nlxäf leid^tfinnig fein« 

*•) Unfetc Umgangfif^rac^c begeid^net fogar etwa« ber reinen 
€^>ontaneitSt fe^r nal^e ©tel^enbc« mit bem SBorte ,,8ebcn" felber in 
9iudbru(f«»eifen tiDte: ,ft9 ift lein Seben in bem ä^enfc^en''; nnb t9 
ift al9 eine »eitere i^ergweigung i>it\t9 ^ebraudl^d angufe^en, bag 
man {agen ^9rt: ,,ber Kaffee mug einem morgeniS txft bie 2ihtn9* 



Sie Ztmpttamtnie. 81 

aieagibilität bagcgcn gibt baS aRafe ber 3«tenjttät, mit 
toeld^er bet SBitte burd^ betettö in SBirffamfeit getretene 
3Rotiüe in äctiröät toetfe|t, famrnt ber t)on biefer gnten* 
fitat abl^ängigen S^tbauer, tt>ftl^renb toeld^er er in »ctitols 
tat erl^alten tolrb. Unb fotoentg allemal ftarfe Qponta^ 
neität mit rafd^er 3*ece})ttoität jufammen ifi, eben fotoentg 
toiberfprid^t ettoa unbebingt eine flad^e 3m^)refftonabiIität 
nad^l^alttger SReagibilität* 9inäf ein fu:>)erficieH bletbenber 
©nbrud fann lange aufbetoai^rt toerben unb fö forttoirfen, 
mib ob bie^ ober ba§ ©egentl^eil gefd^ie^ft, toirb ebenfatt« 
nid^t baburd^ bebingt, tote bie urfj)rüngltd^e ^ßercejjtion, 
fei e« langfam ober rafd^, fei e^ mit Seb^aftigfelt ober 
SWattigfeit, erfolgte. 

©d^on ^teraui^ erl^efft, toie Spontaneität unb Sleagt« 
bttttftt iebeiS für fid^ nod^ nid^t au^reld^en, um über ble 
abfolute, nid^t blo« relatitoe, 2;^atfraftigfeit bei^ SBltten« ju 
befinben; unb gendt^igt, toie totr e^ jtnb, ©d^ritt für 



geifler toecfen" (tDomit man Derglcid^en ma^f toa9 8rubcr äKartiu 
gum ©ö^ Don ber SBirfnng btd Setnd fagt), ober: „bie (ü(ile ^txhft* 
Inft belebt''; benn f^rifii^e nnb 9^übi0!eit fmb bie SRobificationen, 
t9el(]^en int iOaufe bed Za^9 bie Steugerung^metfen ber €>^ontanettät 
fic^ au^gefe^t geigen. Ser ni(^t nfxi\äf** 1% ifl f<^I5ftig, abgef^annt, 
unb bad <^egent(ei( bed (Srfrifci^enben ^aben toir am 2)uni)>fma(i^enben. 
2)a0 fd^täfrige nnb bnnt^fe Sefen ift toie ^alb abgeflorben; badfrifd^e 
nnb muntere toie boi^^e(t{ebenbtg , unb toer fid^ frifd^ fübtt, ffat ein 
gepeigerted Seben9gefÜ(i(, b« ^. eben, er ifl fetner ©^ontaneität in er* 
^B^tem ®rabe inne getoorben. Unb umgelel^rt: ba« (Srfd^kffenbe 
großer ^i^e (toie ungeto$(n(i(i^er Stritt) t>er(iiIFt un« gn einem an« 
f(^au(id^en ^erfiSnbnig be« inbtfc^en Ouiettdmud, ben ade SDoctrin 
nur in abflracter kläffe uns oorfü^ren tann. 2)a9 etngige, toad 
unter folc^er Hemmung ber @))ontaneität nod^ aU iiafi unb ^d^merj 
em))funben toirb, tfl bie Snbioibualeanfiena felber aU fold^e, ba< bloge 
2)afein, unb äffe 9lerOenaffectionen gelten auf in biet negatioe ^ine — 
ber 2>dfmtxi tote bie Seibenf(i^aft f^ueigt, unb Ueberna^me eines po* 
fittt>en ©(^merged toirb aUbann fafi gur (Srquicfung, toeü folc^er nod^ 
ein afftrmatit>ed Snnefein ber (Spfleug tu fi(^ fc^Iiegt, fobag unter 
folf^er (limattid^en (Stntotrtung fogar bie ^afleiung faum einen Kuf« 
toanb etgentlt(i^er @e(bfh)erleugnung lu erforbem ff^eint. 



32 (Bminb^üge. 

©d^ritt mit ber Unjulfttiglid^!ett bcr ©^ra^e unb il^iten 
§omon^mien ein ©omjjromife einjuge^en, trollen toxx no^- 
tnolS betonen, toie im obigen ©d^ema ber SBegriff „©tätfe" 
nur eine ^ro^JortioneH^grabueffe, nid^t jene materieUsquan^ 
titatit)e S)ifferenj ber Qnbiioibuald^araftere angibt, toeld^e 
erft in befx 6 n e r g i e g r a b e n il^ren 3luöbru(f ftnbet. ®ief e 
toerben toir ate felbftänbigen d^arafterologifd^en Factor, ber 
aüm anbem 3Kifd^ungen gum 2^räger bienen fann, für 
fid^ gu betrad^ten l^aben, toäl^renb l^ier ber contrftre ®egen= 
fa| ju ©t&rfe nid^t eigentliche ober abfolute Äraftlofigfeit, 
fonbern ©d^toftd^e ate ©^non^mon öon glaul^eit, 3Rattig- 
feit (in bem ©inne, ioie man t)on SWattl^ergigfeit fi)rid^t) 
unb ©d^laffl^eit ifi. — S5e^gleid^en erfannten toir ja in 
ber 3leagibilität m 3lttribut be^ 3^*1 ^"^^^^ntoirf en^ , ate 
beö Slangential^rnnfteS , t)on SBitte unb 3Kotti), fobafe aud^ 
beren äBefen ber nad^ftel^enben gormuHrung, auf beren 
SBerftänbUd^Ieit loir nunmel^r red^nen bürfen, nid^t i^inber^ 
ttd^ ift: 

S)a§ 2!enH)erament ift ber ®j^onent für ba^ rein for^ 
male SBerl^ältnife jtoifd^en aBitte unb 3Kotit), brü({t foju:: 
fagen nur ba^ ©efefe be^ SWed^ani^mu^ ber 2iBitten§beftim= 
mungen an^, alfo ein bloS 5ßro))ortionatQuantitatii;)e^ (nid^t 
ein SKateriatOuantitatiüe^, aU ioeld^e^ erft in ber Gl^araf ter^ 
energie gegeben ift), ba§ jebe qualitatit)e 33eftimmtl^eit erft 
anber^tool^er bejiel^t. 

3n Sinfei^ung ber ©nergiegrabe lönnen folgenbe (^x^ 
Tagungen bienen, bie SSereinbarfeit großer ©ifferenjen 
innerl^alb berfelben mit i?erfd^iebenen 2;em})erament§formen 
jü erl^ärten. äßenn ben reinen 5ßl^Iegmati!er fein ®Ieid^= 
mutl^, alfo ein innere^ ©leid^toiegen; au^ jeid^net, fo ifl 
bamit nod^ gar nid^t barüber entfd^ieben, ob e§ Heine ober 
grofee ®ett)id^te finb, bie in je jioei ©dualen ber ^oppeU 
toage liegenb einanber bie Salance l^alten; unb ebenfo 
toenig betoeifi momentaner Ungeftüm beS ß^olerifer^, Wenn 
er fid^ nid^t jugleid^ in ftetiger SBieberfel^r auf ein iben:= 
tifd^eS Si^l rid^tet, für einen l^ol^en ®rab loal^r^aft intens 



Sie Zemt^etanteitte. 83 

ftoer fttftftiflfeit 3a, fcttfl bet «nftmatifet lam ein be= 
träd^tlid^e« duantum @netgic in ftd^ liegen, nur bafe e» 
an ÄleiniflWten ijerjettelt toirb, «m ©onguinifer enblid^ 
ober conH)enfilrt fid^ bie fd^embate ©eringfügiglcit leidet in 
beflo leb^afterm SBed^fel innerl^alb lutjer 3«tinterballe. 
®^ gibt fogat einen bloßen ©d^ein träger ^pafftüität, too 
bennod^ über einen reid^en gonb^ nad^|>altiger (Snergie üer^ 
fügt toirb. ®ai5 jeigt fid^ namentlidg> bei fold^en 5ß^legs 
matifem, bie jugleid^ SuptoXot finb unb t)on il^ren $anbs= 
lungen leinen redeten @rfolg erwarten: il^r SBotten fd^eint 
erlal^mt — fie leiben lieber, atö bafe fie ftd^ ber gleid^faH« 
nid^t fd^merjlofen aRül^e be« ^anbeln^ unterhielten; aber 
toa^ fie f dienen, toa^ fie abl^&lt, bie älnflrengung be8 
%^wx& auf fld^ ju nehmen, ift hjeniger bie Sefd^toerbe ber 
t^atfÄd^lid^en SluiSfül|frung, ate ber bejHmmenbe, bie 3ni« 
tiatit)e ergreifenbe SfBiUeni^act felber — fie finb eben nur 
fc^toer beftimtttbar, aber ftnb fie einmal über ben Slrtlauf 
^inaug, fo fe|en fie bag SBerl mit nad^l^altiger Sonfequenj 
fort unb fd^einen fajl mü^eloS, hjie bie gefto^ene Äugel 
bergab, ju laufen, feiner Leitern 3nH)ulfe bebürftig, toie 
fie j. 83- beim ß^olerifer c nod^ oft nöt^ig toerben; benn 
biefem ifi e^ loirHid^ — gerabe toeil baiS ©to^= unb dludf 
toelfe gu feiner SC^ätigfeit^form gel^ört — eigen, bafe in 
bie Raufen feinei^ ipanbdn^ unb au^erbem nad^ allen 9lid^= 
tungen, in loeld^en er augenblidflid^ nid^t gerabe befd^äftlgt 
iji, ©trid^e öon gnbolenj ober ^paXffie fatten. — SBie t^ 
Seute gibt, bie bo« inftinctftje ©efül^l be« ^ungeri^ nid^t 
fennen, aber bod^ mit ftarlem 2H)petit effen, wenn bie 
©!t>eifen erft t)orgelegt finb: fo brftngt fid^ ber 5ßl^legma^ 
tiler nid^t jum ^anbeln ^eran — aber einmal barin, läfet 
er e^ an fid^ burd^^ nid^t fel^len, fonbern „greift taj>fer 
ju'', toietool il^m bie lebhafte Irritabilität abgel^t, toeld^e rafd^ 
juf&l^irt in l^inbembem ober auöfül^renbem „ßinfd^reiten/' 
tteberi^au^jt muffen meine SSorfd^lftge bringenb toünfd^en, 
mit üöttiger Unbefangenheit aufgenommen ju ioerben ; benn 
tm getoiffen, ioal^rfd^einlid^ mitgebrad^ten, Slebenborflet 

Oal^ttfctt, S§avciItetoIo9ie« I. 3 



34 (Scunbiftge* 

litngen md^t ium boraud entfagt f)C(t, lann tl^nen nintmemel^t 
geredet »erben. Solange g. 85. jemanb ,,:j)I^Iegmatif(^" 
für ein ffaü>t& @d^im))ftoort nimmt unb ftd^ be^^alb nid^t 
unter biefer 3lubril auffud^en mag, f)at er bie Intention 
ber Tabelle nod^ Q&nili6) ^tttannt 9lid^t minber, toer 
eüoa umgelei^rt ba^ d^olerifd^e 5i;em))erament aU fd^led^t« 
f)m unvereinbar mit e^ter äBeibUd^feit anfielet unb gleid^ 
beleibigt auffal^ren möd^te^ tomn man if)m fagt^ feine eble 
^eunbin fei eine reine ßl^olerilerin , — afe ob ^eftigeiS , un= ' 
geb&nbigte^ äCufbraufen hcS eigentttd^e ^ennaeid^en unb 
inner^Ib bei^ toeiblid^en ®efd^led^t^ ber ,^au^brad^e" ber 
einjige benibare 'S^\fpn^ für bie^ 2lem|>eroment toäre, ober 
man jum minbefien eine Virago fid^ babei öorfieffen mü|te, 
3Wd^tÄ von attebem! ©old^er Srrtl^um berui^t aber toieberum 
auf ber falfd^en ätnno^me, |ebe^ ber ad^t äßerfmale fei 
obfolut ober n>oI gar im @£trem beiS @u^erlatit)^ )u ber:: 
fieil^en; m&^renb ba^ 9füd^tige ift, fid^ äberaS bie toppdU 
9ielatit)it&t gegentoärtig }u galten ^ nad^ tt)eld^er ed abge^: 
fd^ft|t fein loill: nämlid^ einerfeit« nad^ feinem SJerl^ÄltniB 
}um ^urd^fd^nitt über^au))t unb anbererfeitiS nad^ feiner 
^topiyxtion gu ben brei anbem^ neben il^m in berfelben 
3nbi)[>ibualität beflei^enben Sem))eramenti8factoren. (&^ f^ci 
alfo niemanb von feiner Sem))erament£befd^affenl^eit ol^ne 
toeitere« etwa« für feinen guten 9luf jubeforgen. aSer 
fid^ umjufel^en toei^, fann ftd^ unfd^toer jHttgefeflete grauen- 
naturen toergegentoftrtigen, bie er d^olerifd^ a nennen mut, 
toeil bei il^nen ©eifl unb iperj mit gleid^er Sebi^faftigleit 
ber aOBelt offen fteJ^fen unb il^r ®emüt^ an 2;iefe ber 3m= 
»)refftonabißtat unb SRad^l^altigfeit ber »eagibilitftföon !ei^ 
nem ftd^ tibertreffen Iftfet; bennod^ l^aben fie nid^t« von 
einer Heroine an fid^ unb betoeifen il^re @rö§e meift nur 
im Bulben unb ger&ufd^lofer, bod^ nie ermattenber ^filfe 
bei frember 3lt>ti}; ifi bod^ 93irtuofitAt im Seiben ^ jumal 
auc^ im (Ertragen för^erlid^er ©d^merjen unb ®ntbel^rungen 
(befonber« be« ©d^tofe«) ein ©tärfeborjug beiS fogenannten 
fd^to&d^em ober jartem ®efd^Ied^ti$, toeld^en lein 3RQxm 



3)ie 2efn))nainente. 35 

beflteiten ioitb, ber übexffawpt offenen Äuge« in einer %a= 
milie gelebt |fat. 

©0 v>erfel^rt e« aber toftre, bie energiegrabe t>on 
©pontaneität unb SReagibilität fd^Ied^t^fin trennbar ju 
benfen, ba fte ja bo<i^ innerl^alb biefer formen ftd^ mani- 
fefüren muffen, fo tt>ä)erftnnig unb obenbrein für jebe ein^ 
^eitUd^e d^arafterologifd^e äuffaffung \)emid^tenb ttJürbe e« 
fein, bie 3m^)reffionabilitÄt ate burd^aui^ inbifferent gegen 
jeben beliebigen Ofnl^aU rein für ft(^ fefll^alten gu tootten- 
^elntel^r toerben ttnr uni^ jeber ©tette ju freuen l^aben, 
an b[>el(i^er ftd^ ein 9!lnfa| barbietet, 'oon bem an^ fid^ ju 
anbem ^l^eilen ber C^aralterologie äHabucte ^finüberfO^ren 
laffen. ^cbtn toir t^ bei ber 3;enH)erament«le^re nur mit 
®raben ju tl^un, fo interefprt nn» ja in ber (Sti^if nwe 
in ber ^ofob^nif ber nad^ biefen ®raben gemeffene ©tof f : 
in jener befommen bie 2;^ätigleiten, in biefer bie ®inbrü(fe 
i^ren Snl^alt — unb ®ut unb S9öfe, ©d^merj unb Sufl 
treten ate materielle ®intl^eilung§grünbe in ©eltung; 
n>omit fid^ fofort bai^ ^Dictum erlebigt: bie S^ugenb fei 
3^emt)eramenti^fa(^e, tt>eld^ed neuerbingi^ fogar in bem ©inne 
reiwifHnirt ift, ba§ bag abflracte Ouantum aSBitten^energie 
bo^ 3Ra^ ber et^if d^en ^ignit&t beflimmen foQ. Ob info^ 
fem ttü>a» SSSa^rei^ baran ift, atö bad eine 2^em!t)erament 
me^r al^ ba^ anbere geeignet ift, ftttlid^e 3^äd^tig{eit 
ju garantiren, ift eine anbere ^age, beren Wttige erlc= 
bigung erft bei Setrad^tung ber SfUfd^ungen ungleid^rtiger 
3nbi^ibualitAtiSeIemente ju ©tanbe lommen tann. 

SSir begnfigen un^ für je|t, afö mit bem 9tefuttat 
unferiS bid^erigen 9[udfd^ett^ungi$))roceffeiS, bomit, nod^matö 
}u conflatiren, toie bie fogenannten bier ^emjjeramente nad^ 
geiDö^nlid^er 9lamengebung gar nid^t einmal unius generis 
pnb, bal^er einige 5paare unter il^nen einanber fo ioenig 
oudfd^Iie^en , ba^ innerl^ialb berfelben 3nbiv>ibualitat jtoei 
nebeneinanber in boQer Integrität befielen fönnten« ^0(^ 
tooim mir ^ier nid^t burc^ eine ouiBfü^rlid^ere ftritü frem- 

8* 



36 (intiiHftdt* 

ber {Definitionm bnt Stoitm für )>i){ttbe S^atle^ungeti nix^ 
leitet beengen. 

9hit fofetn e^ tAtfyxQ fd^einen lonn^ unfere eigenen 
XufßeQungen gegen bie älngri^e beiou^ter ober un6eit>u|ter 
SRiiSbeutungen )u unüoaOen, mögen i^fier nod^ einige Sinjel? 
bemerhtngen bie ©teile t>i)rgef(i^obener Sofien einnehmen. 
3n fold^er ^orbeugenben Slbftd^t olfD toerbe baton erinnert, 
ba| bie 9ielatitnt&ten wn rafd^ unb langfam, fläd^tig unb 
bauemb ober nad^^altig nid^t an einer @ecunbenu^r i^ren 
SRalflob l^en: ^l^legmatiler toerben fo oft in SRimiten 
^^aufgebrad^t^^ toie ©anguinüer jahrelang unter ber "Staäf^ 
ioirfung eine^ einzigen 3m^ulf eiS fortgefd^oben toerben Un^ 
nm, fobal }. 9* t>on ^ieraud nid^td im äBege flAnbe, 
einen äße^anber ben ©ro^en ben ©anguinilem bei)U)fi^len. 
2[m aOgemeinen aber tann man jagen: bem ©ongitinifer 
finb mel^r bie älffecte, bem (Si^foleriler me^r bie Seibm^ 
fd^aften eigen. S)er „mobile" ©anguinüer mit feiner nid^fc: 
ottemben S^^genblid^Ieit beranfd^aulid^t ba^ Bpxxdfto^tt: 
„am rottenben ©tein loddgifi fein 3Roog"; ber unermub^ 
lid^e ei^olerüer l^anbelt nad^ bem 3Bal^If)>rud^: „9ta{i' iSf, 
fo rofi' id^/' Unb bie feit $egel beliebte Sermengung 
ber Xem))eramente mit ben ®gentl^ümli4fleiten ber 2tbm^i^ 
alter enti^&lt boc^ fo ^iel an SKc^tigem, baB man aäex^ 
bing^ jugeben fann: ben erflen jtoanjig Sauren {lel^t baS 
fanguinifd^e, ben jioeiten ba^ d^olerifd^e, ben britten baiS 
|>l^legmatifd^e unb bem Sieft bad anämoüfd^e SBefen am 
natürlid^ften (le^tere^ namentlid^ in ber ^orm bed älnfi- 
matilerd c, ioo}u bie Um>erf0l^nlid^!eit ber ©reife fUmmt. 
— „©ie SBett ate ©itte unb »orfleBung", 3. äufl., H, 267: 

The young man's wrath is like light straw on fire; 
But like red-hot steel is the old man's ire); 

nOmlid^ fo toie jebed SRuftÜftüdC in toerfd^iebenen Dcto^en 
gef))ielt toerben tann^ aber nur eine bie feinem 3n^lt oxv^ 
gemeffen^e ifl, unb toie ju Sa^noten ein befd^unigteiS 
Xm^o ftd^ nid^t fd^iden toiS. Unb toenn bie äßelobie 



2){e ZempetammU* 37 

eines Solföttebei^ aU SRarfd^ ober Xan^ftäd t)em)enbet 
\oxxh, ift baS nid^t^ toie n>enn ein €l^arafterinl|falt tt>eld^et 
jum äSefen eines ^l^legmatilerS c J^amtonifd^ am beßen 
fltmmt^ fid^ genau iDieberftnbet bei einem (SfyolcaÜtt b ober 
einem ©anguinüer? 

SUd^t einmal ber urf^ßrünglid^en (St^mologie beS 3Bor^ 
teS 2^perament (-temperare-) finb toir gänjlid^ untreu 
geioorben — benn ob toir bie 2;em^)eramente jtoar nii^t 
an^ ©äftemifd^ungen herleiten, fo fiellen fte bod^ aud^ nn^ 
ein 9DKfd^ungSt)erl^ältni§, nftmlid^ ber ©trebungS- unb 3(n= 
eignungSformen bar, unb ber beibel^altene 3lam^ jielt uns 
öberbieS ab auf baS ^robuct beS Qü^ammmtohtm^ t)on 
rein 3nnerli(^5©ub|ectibem mit bem bon au^en ^injutre* 
tenben. 

a)a Hegt benn bie 8Se:rfud^ung na^e, bie S^emi)eramente 
red^t einfad^ bie ®rabe ber ©lafiicitfttbeS SEBittenS, ober 
nod^ lürjer: !t)f^d^ifd^e ©lafiicitfttSgrabe ju nmnm. Slffein 
es iji uns betonet, toie aud^ bieS fein fel^ir aJliSßd^eS l^at* 
®enn toie bem SBBiUen eine bon allen Unterfd^ieben nad^ 
2;emi)eramenten unabhängige ©(^nettfraft innetool^nt, offen- 
bart fid^ in all ben Ratten, tt)o berfelbe, lange rejjrimirt, 
in xifatm ber SSerjtoeiflung auSbrid^t, felbft toem er nur 
über m 3Rinimum ))^^fifd^er Äraft t)erfttgt, ®ann ifl er 
einer entfeffelten ©})ringfeber gleid^, bie mit einmaligem 
SJuffd^netten alle Slad^l^altigfcit ber SBirfung verliert, 
töäl^renb bie eingefd^loffene — ber gebänbigte, aber nic^t 
bem ©efnidtioerben attju nal^ gebrai^te aBitte — fietig forfc: 
rüÄt unb, als Ul^rfeber, toieber aufgewogen, toerben lann 
— toaS mit ber in SReiJblten „ber!t)ufften" 8SoffSlraft j- S5. 
nid^t me^r möglid^ ifi. 

®od^ unbeirrt toon biefem latus claudicans unferS 
simile fd^lie^en toir im Sntereffe überfid^tlid^er 5Reca!t)itu= 
lation unfere 3)arlegung mit folgenber Sßergleid^ung : ber 
änftmatifer ifl einer ^o^llugel t)on bünner ©utta^^erd^a, 
ber ©anguinifer einem mafjtben ©nmmibaU, ber 6l^ole= 
rifer einer elf enbeinenen SBittarbfugel, ber ^p^legmatiler 



38 ®runb}üge. 

einer eid^enen Aegetlugel Al^nlid^; toobei nic^t t)erf(l^to>iegen 
tDerben foD, bag bctö 93Ub bad SRoment ber 9teagi6ilit&t 
ein it)eni0 auf Unlofien ber ®))i)ntaneit&t t)eranfd^auU(i^t. 
^er &<S)tottpnv!tt bed tertiom comparaüoms f&Kt t)ielleid^t 
mit etoaiS ju großem SHad^brud in bie gäl^igleit, bie ur:= 
fprünglid^e @eflalt imb S)imenfton nad^ erfolgtem Sln!t)ral[ 
in mei^fr ober minber fefier ©elbftbe^ou^tung toieberju- 
gctoinnen. S)ann ftdnbe an bem ßjtrem, toeld^e^ in un^ 
ferer S^obeEe ber 9ln&mati!er c einnimmt^ eine toeid^ feud^te 
£el^m{ugel^ bie jeben @inbrud t)oII em))f&ngt unb bauemb 
fefll^&lt, bi^ fie bei aUin heftigem fd^malpd^igem @toB 
auiSeinanberbrid^t ober bei breitfläd^igem )ur Sd^eibe, too 
nid^t ju amor^dl^er SSreimaffe gequetfd^t koirb. SKeu^erlid^ 
angetrödtnet mit fpröber Dberfläd^e entfpräd^e fie bem ^l^leg- 
motifer b, ber \a atö ©ubf^)eciei^ nad^ Äantifd^er ©d^ei= 
bung fd^on t)om toadmi (ft^enifd^en) }um tr&gen (afil^e- 
nifd^en) 5pi^legma fid^ l^inüberneigt. 3ene3, bei un^ ^^l^- 
motifd^ a unb c^ l&^t fid^ meifteniS too^I toiQig uml^er- 
f d^leubem unb tr&gt in ber Flegel nur ©d^rammen bat>on ; 
ober tomn c^ aSe^ o^ne biele jarte dtiidftd^ten bor ftd^ 
nieberioirft, gibt e& juloeilen bod^ aud^ tiefgel^enbe 9Kf[e, 
ioeld^e nur bie jftl^e ^ejtur nid^t ju jertrümmernben SpaU 
im ioerben lä^t. 



2« 9ottfe$ttttg. ^te !Sem|)eramente in tl^rem I6er]^ä(tttit 

}tt (Eonftttntton nnb 9latnreO. 

9lod^ loeniger afe oben ein 3i*fÄWtti^^<^tt9 jte>ifd^en 
2^em})erament unb ftttlid^er 2^üd^tigfeit g&njlid^ in äbrebe 
geflefft loerben burfte, Ift^t pc^ ^ne ärt bon äJertoanbtfd^aft 
tjerlennen, in toeld^er bie XemperamentSunterfd^iebe )u 
geioiffen ßigenl^eiten ber organifd^en ©l^fteme flel^en. ffien^ 
nod^ toirb aud^ bei beren äSetrad^tung fic^ ergeben, ioie es 
nad^ bem augenbUdHid^en ©tanbe ber miffenfd^aftlid^en 
Debatte un£ mei^fr obliegt, bem @efe|e ber ©^ecificotion 



S)ie Sem))eramente, (Eonfttttttion unb SRatuteD. 39 

aiS bem ber ^omogeneit&t @enüge )u tl^un; benn eS ifl 
biSl^er^ t9ie ü6erl^au))t, fo anäf in biefem Stade, auf um 
ferm @ebiete augenfd^einlid^ me^r butd^ 93ermengungen 
unb äSetkoed^felungen gegen hai: entium varietates non 
temere esse minuendas, als butd^ l^aarfvattenbe ^it)tfiO' 
neu unb @u6bit)ifionen toiber baS: entia praeter neces- 
sitatem non esse multiplicanda gefünbigt tpotben. — ^oU 
lenbs feitbem eine \>on jebem ^^Atitici^nntiS^^ fid^ emanci:: 
t)irenbe moteriatiflifd^e älnfd^auungiSloeife bie SSerfud^e ge« 
^&uft i^ot, ben äludgangd))unft für bie ^f^d^ologie t)on 
bet ))^^(tologifcl^en (Stmpim, ftatt t)on ben Ur))l^&nomenen 
bed äSeiDu^tfeind )u nehmen, fd^eint eS an ber 3^Ur bem 
fomotifd^ älccibenteQen mit ^lad^brud feinen ^la| an fecun- 
bdret @telle anjutoeifen, mag eS übrigen^ unter bem 3la? 
mm ^^Sonftitutbn^^ ober mit inbifd^er Terminologie als 
3^ma ®una (t)gl. @d^ot)enl^auer, ,,^ie SBelt als SBiQe 
unb »orftettung", 3.3lufI.,I,379, unb: „SBiCe in berSKo^ 
tur", 2- älufl., ©. 31 fg.) feine 5ßrätenfionen erlj^eben- 

Unfere n&d^fte Aufgabe, nad^ bem suum cuique baS 
2^emt)erament unb feine SSariet&ten feß ju um^irlen, er- 
laubt uns, ein mel^r negatit>eS äSerfa^ren innezuhalten, 
unb entl^ebt vin^ bamit jugleid^ einem guten S^eil ber 
@d^tt>ierigfeiten, loeld^e baS Unjuldnglid^e ber t)orgefunbenen 
Determination beS S3egriffS „(Sonflitution" mit fid^ bringen 
lönnte. Offenbar ftreiten fid^ um beffen 3i^9^^örigfeit 5p^^5 
fiologie unb ^atl^ologie. ^Kein, toäl^renb tt»ir bei ber 
äluffieUung ber SemperamentSgru!|)^en nid^t anfianben, auf 
eigene 9!}eranttt)ortung am ^rabitioneüen Umbeutungen, ja 
felbfl bie @nt)iel^ung t)on 3tamm unb @ebietstl^etlen t)or^ 
{unel^men, \a gerabe auf biefe SBeife eS mdglid^ mad^ten, 
bel^ufS ber ju rettenben äSerft&nblid^Ieit nid^t allgu toeit t)on 
ben burd^ Ueberlieferung f eft geworbenen SSorfteUungen uns 
ya entfernen, — ^anbelt es fid^ j|a ^ier nid^t fotool um 
eine 9let>ifion birect ))fvd^ologifd^er ©laubenSartilel , als 
um bie 9lnlel^nung an b^ftimmte ^ad^lDiffenfc^aften, unb eS 
jiemt fld^,babei Autoritäten für biefe nid^t ungefragt ju laffen. 



40 ®tunb)1lde« 

(S&fat i^otte bie Sonfütution im Xuge, ai& er feine 
infUncttoe @d^eu tor ben magern unb fein SSertrouen )u 
ben fetten bürgern au&^pxaä). $SS)x entlegnen bie 3Rtiu 
cafler bie beiben ^anbtxtobtttt ,Jififpoä)ovi)ct'^ unb ^Jifp^ 
rifd^", mit bencn fie fid^ fo gern bie unbequemjlen ^ßa* 
tienten wm ^alfe fd^affen; unb auf i^re ©el^eimniffe be- 
' rufen ftd^ bie „nert)dfen" S)amen unb iperren, fobalb fie 
burd^ il^re Saunen fd^toierig iDerben. 3Benn aber ^iiS^o- 
fUion unb $rAbidt)D{itionen, ^i$!t>i)nirtfein unb 9Ud^tbid^ 
j)onirtfein in ber Gonftitutton unb ben auf biefe toirfenben 
©inpjfen il^ren ®runb l^aben, fo ergibt fid^ jjebenfaff« eine, 
iDenngleid^ umfi&nblid^ t)ermittelte, äS^ie^ung }u getoiffen 
äSorbebingungen be^ ftttUc^en 2ebm^, unb fott)eit biefed 
an Stimmungen, Liebhabereien für befummle ä3efd^&fti= 
gungen, übaffaulpt ibiof^nhatifd^en ©^m)}atl^ien unb ^n^ 
ti)>atl^ien, unb nad^ ben Dbjecten ftd^ bifferengirenben 9lei^ 
gungen unb 3lt)erfiDnen, ©elfifien ber SBßllerei, Xrunffud^t, 
aBottufl u. f. w. (ß, 2) feinen Sn^alt belommt, flc^t eä 
in einem engern ober lofem Gaufalberbanbe ju bemienigen 
&om))Ies t)l^^fiDlogifd^'!t)at^Dlogifd^er äSorg&nge, toeld^er ata 
lärjefien aU Sonftitution bejeid^net toirb. ^ag eben t>iel 
5ßatl^ologifd^e8 l^ineinfj)ielt unb inSbefonbere getoiffe in- 
ücterirte Anomalien in ben j)l^i^fiologifc^cn 5ßroceffen, 
mad^t e^ gugleid^ erll&rlid^, toarumim KinbeS^ unb Anaben^ 
alter noc^ feiten an bie ßonflitution aippeüitt toirb, ©o 
t)iel erlennt aud^ ber £aie; unb too er mit ben Qntentio^ 
neu be^ ^p^ilofo^j^en an biefe S)inge herantritt, mn^ e« 
il^m gejiattet fein, el^e er bie ©Jjecialforfd^er ju 3Borte 
fommen lä^t, eine ©rinnerung öor jubringen baran, ba§ 
bod^ aud^ biefe — in ber ©t)rad^e Bpimio!^ gefprod^en 
— riiodi unb accibentcHen ^^Änomene in ber ©ubjianj, 
ober, Äantifd^i©d^DVen^auerifd(f au^gcbrüdt, im S)ing an 
fid^, im j)rfteEiftenjieIIen, intelligibeln aOBefen, i^r Gorrelat 
^aben muffen, toenngleid^ beffen 3lad^tt)eifung faum je ge^ 
Hngen toirb (bgL üom entgegengefe|ten SluSgangSj)unft 
boffelbe gefagt in ©(^Dt)en^auer, „5ßaralij>omena", 1- auf!.. 



2)ie 3^em))eramente, (EonfKiuiion imb SlatuteD. 41 

§* 102 b^ gegen (Snbe). 3)emgem&g ifi beim aud^ ben l^iet 
einfd^logenben ^oBlemen in einer audfül^tlid^en ^ifoxaite^ 
tologie il^te eingel^enbe Setrad^tung )u Tefet:t)iren. 

hiermit ifl ^ugleid^ bie nötl^ige 93em)al^ntng eingelegt 
gegen bie in nad^fte^enben Zitaten auf anbern (Srunb« 
onfd^auungen fu|enben 93el^au)9tungen. 

3un&d^fi fteittd^ bmaffvt Soi^anned mmtt feinen (S^cm 
rolter ote t)^il0fo)}^ifd^ gefd^utter ^^^ftülog batin^ bag er 
auä)rädQid^ tor einer 93erit>ed^felung ton SonfUtution unb 
Xem}}er(unent toomt Qk fagt in feinem ^,Jpanb6ud^ ber ^^^fto^ 
lügie bed aßenfd^en" (Äoblenj 1840), II, 575 fg-: „affer* 
bing^ liegt ed f e^r nal^e, in ben ®runbformen ber Functionen 
unb i^rer organifd^en S^fieme eine 93egrilnbung ber Xem^ 
it^amente )u fud^en, }. 93. in beut t>egetatit)en, motorifd^en 
unb fenftbeln ©^fiem, unb k)on bem äSortoiegen eine^ bie:: 
f er ©i^fteme bie geifiigen ®igenfd^aften ber 2;enH)eramente 
abzuleiten, aber bie SRuj^Iellraft ifi loeit entfernt, d^ole- 
rifd^ ju mad^en — e^ gibt fel^r Magere 9Renfd^en genug 
t)on entfefelid^em ^l^legma.*) .... SKan mu§ öielmel^r 
wn ben 2^ettH)eranienten getoiffe })l^i?fiologifd^e (Sonfti^ 
tutionen unterfd^eiben, bie aKerbingd auf bie relatibe Slud^ 
bilbung ber organifd^en @i^fiteme gegrünbet ftnb, ioie bie 
muÄfulöfe, t)egetatibe, fenfible ©onfKtution, toeld^e fid^ mit 
ben Temperamenten t>erbinben Idnnen. SBaiS bie Seigre 
t)on ben ^emt)eramenten gar bertoirrt l^at, ifl bie Ser^s 
mifd^mtg ber ipatl^ologifd^en (Sonflitutionen mit bem 
Xent|)eramente. IDa foSen bie ^l^legmattler l^m)}l^atifd^ 
fein ... . bie @anguinifd^en fttl^rt man bid ium pfftifU 
jtfd^en ^abitu^ unb )ur ip^tl^iftfd^en (S^onfUtution .... bie 
e^oleriler foSen )u Jtranf^eiten ber £eber bid))onirt fein. 
. . . @^ gibt jebod^ t^iele Sl^oleriler, bie fid^ im älffect 
aSe^ el^er berberben ald bie £eber, }. S3. fd^led^t berbauen. 



*) Unb, fe^e ^ Wh^t t^W toemger an (Sorpulena indintrenbe 
C^otetifeT. 



42 ^nmbjftge« 

^ftjfto^jfeti bdmimm, {tttern unb juÄen/' — 3m übrigen 
ober nennt et bie %ufftellung ber 2;en^)etamente „m* 
alt, öortrefpid^ unb toietteid^t untwbefferUd^" unb nur „bie 
SegrüiAung ber Xtten fo fel^lerl^aft aU H)xt älnftd^ten k)on 
ben (Srunbbeftanbtl^eilen bed ntenfd^Iid^en £ör))erd^'; unb 
banad^, ba^, tt)enigftend für ben @anguiniler unb 9ReIan^ 
d^oliter, an6) iffta ba^ Uebertoiegen t)on IBufl ober Unlufi 
ben Gintl^eilung^grunb i^ergibt, ifl e$ ju toürbigen, toenn 
er in bie Sefümmung ber Temperamente aud^ ,,bie 9lal^ 
rung, toäift bie ©trebungen unb ©emütl^iSerregungen in 
ber SRifd^ung unb in ben S^^ft^^^n ^^^ organiftrten 
Steile — alfo in ber Sonftitution — öorfinben", auf^ 
nimmt; tt)ad un^ kDenigftenS boi^ Sted^t befiätigt, in einer 
e^arotterologie biefe SRomente nid^t au^er Sld^t }u laffen. 

^em ^^ftologen laffen toir je|t ben ^at^ologen an 
bie @eüe treten. 

Sei äBunberlid^ ftnben ttnr folgenbe SSeptimmung 
O^^anbbud^ ber ^at^ofogie unb 2;^eraj)ie" [Stuttgart 1854], 
9b. 2, älbtl^. 1, @. 3 fg. mit ä3ei)iel^ung einer ©teQe aui^ 
»b. 1 [Stuttgart 1850], ©. 212): „S)ie ßonjlüution ifl 
ber Inbegriff ber gefammten Drgonifationdtoerl^tniffe bed 
Rüxptt^ . . . . fte ift jut>0rberft }u betrachten afö nod^ in 
ber »reite ber ©efunbij^ belegen — l^ört aber auf nor^ 
mal ju fein, toenn aKe ober fe^r ^oiele unb namentlid^ 
toiäftx^t ^eile beS Jtöt^er^ abnorme S^ftänbe, abnormeiS 
^nctiomren jeigen. . . . ^ie ßon^tution^anomolien, un- 
ermeglid^ unb un^&^lig in il^rer SRanntd^faltigleit, muffen 
bod^ be^ufiS ber SBetrad^tung unb SBefd^reibung in länfi' 
lid^e Äategorien abgegrenzt loerben. . . . 9lur ifl nie- 
mals in überfeinen, ba| . . . . t)iele ber natürlid^en ^at^ 
lommniffe nid^t in bie gemad^ten Kategorien, fonbem auf 
bie ©renken fallen, toeld^e bad Softem gebogen unb für 
ttjeld^e ber ©ebraud^ feinen 3iamen gefd^affen." — SHatür- 
lid^ gilt etttja^ ganj analoge^ für jeben SBerfud^ c^arafte:^ 
rologifd^er Slnal^fe, toa& bei biefer Oelegen^eit ein für 
aQemal bemerft fein mdge ; t>^xf)&U e^ fic^ bamit bod^ laum 



Sie Temperamente, Sonftitution unb StatureQ. 48 

onberd cäS mit ber Xbgrengung bet ^a^x^iitüm je nad^ 
aftronütnift^er 83e{Ummung im ftalenber unb na^ bem^ 
btx\tmx!tli^m äBttterung Bei feiner (Sintl^lung folgetd)en 
äSolfögefüi^I: bie ))0!|DulAten SSe^eid^nungen ioerben ein 
qxo^mtif^ an^tvffdb ber oben obgefledten Slatfjeid^en 
faQenbed @ebiet bef äffen ^ mdf beiben Seiten ^ovx einen 
in^ anbete l^inäbetgreifenb. 

älber t)0n ber l^ier in 9tebe fiel^enben 93er))fltcl^tung^ 
bie Se^re t)on ben Temperamenten in fi>forttgen 3ufammen^ 
ffaxiQ )u bringen mit ber (SonfUtution^boctrin^ entbinbet 
uns t)oSenbS ber toeitere ®a^ (o. a. 0.^ @. 7): ^^9lud^ 
l^ier ti)ie überall grenzt bo^ für normal (Srad^tete in fo 
unmerflid^en Uebergftngen an bad unbejtoeifelt Jlranf^afte, 
ba^ ^l^i^fiofogie unb ^ati^ologie ein fel^r breites gemein« 
fd^aftlid^eS ®ebiet i^en." — SBir toürbcn olfo l^ier faum 
einen @d^ritt t)orn)&rtS tl^un lönnen^ ol^ne baS %€xtain 
ber ^f^d^iatrie }u betreten^ für ti)eld^e mir bod^ ft&ä)^tn^ 
einige SJorarbeiten ju liefern l^oben. 

9lad^ bem pathologia docet physiologiam möd^ten 
koir xmS aber nod^ über einen anbem Segriff Status er- 
holen bei ben ©m^jirilern — bod^ ba feigen toir m& erfl 
red^t t)ergeblid|; nad^ e^acten SSefUmmungen tm unb ftnben 
uns olfo auf ben @))rad^gebraud^ in feiner aKerDogefien 
Unfif^erl^eit angennefen^ toenn ioir nn^ boS Serl^&ltmjs 
beS 9laturelU Ilar pi mod^en fud^en^ einerfeits ium re« 
tribirten ^em!|£)eramentsbegriff^ atü^ererfeits }u ber @)[>^äre^ 
beren äSetrad^tung @egenftanb ber ^ofob^il fein toirb. 

3)aS ©ti^mon fd^eint hierbei bie fd^ioanfenbe Slüffig* 
feit beS Segrip lebiglid^ fanctioniren ju toollen — nur 
fo t)iel l&jst ftd^ fagen: teineStoegS jebe ,,natürlid^ älnloge'^ 
— toometoeg lamn jemals bie inteHectuette — ifi in bitfen 
Slamen mit einbegriffen. — ®ne anbere Simitation lä|t 
fid^ nad^ ber äBol^rne^mung auffteHen^ ba^ bei einem 
^nne, ioeld^er baS brei^igfte SebenSjai^r überfd^ritten i^at, 
nic^t leidet jemanb fid^ getrauen toirb^ t>on 92atureD )u 
f^red^en. @oUte maa borauS fd^liejsen bürfen, ba^ eS ftd^ 



44 ®mnbsü^e. 

)um Sl^ataltet t>erl^alte, tme bte 3ugenb jttm äßtet^ mie 
bet ^erling )ur reifen Traube? Schlagt nid^t and) ein 
ttebergeioid^t fomotifd^et Sefiimntungdgtfinbe über bte 3Ra6)t 
ber Sleffesion babel t)or?. Unb V)er^atrt nid^t beim toeib« 
liefen ©efd^led^t, mit feiner, ber be« 3«8^ttbalter« &ffn? 
lid^er bleibenben, 6^ar<dtergeflaltung , ba^ 9latureQ I&nger 
in ©eftung afe beim m&nnKd^en? — S)em einen neibet 
man fein l^^eitereiS, „glücMtd^e«", ben anbem emj)fie^tt fein 
liebeni^ioarbiged , am britten beHagt man fein toilbe^ 3la^ 
tureD. Xber ouc^ (Sigenftnn unb ^urd^tfamleit l^ören iDir 
aU @ac^e bed SlatureUiS bejeid^nen, Jturj, tt)ie bidl^er 
unter ba« 2^emj)erament, fo werben nod^ je|t unter biefen 
Segriff bie bid))aratefien 3Hnge gufammengefalt, unb man 
mdc^te ftd^ biefe^ 9{amend aU eined ^errenlofen ®utd be^ 
mft^^igen, um ber SSerlegeni^eit ein 6t^e gu mad^en, toeld^e 
uniS fofort entfielt, weil U)ir für bie ®egenfA|e SuoxoXoc 
unb suxoXoc (eine vox media beft^en. ätUein fold^er Dc^ 
cu})attDn ftel^t ber Umfianb entgegen, ba^ babei t)on bem 
bod^ n)ol n>efentlid^en Vloment bes Slid^tentmidelten gänj^ 
Hd^ mägte abgefe^en n)erben. SBir beulen bei Statureff 
toitlliä) aUemal an ein 9latürUd^ed im ®egenfa| jum @r^ 
lünflelten, Äffectirten, angelernten, Sleflectirten unb „(Sr^ 
tDorbenen^'; unb tDenn aud^ babei ber eti^ifd^e ®el^alt ge^ 
gen bie ©timmungj^farbe jurüdttritt, fo l^aben toir barin 
bo(^ immer erfl eine, nod^ mand^erlei JBerttjifc^ungen ber 
ßineamente blo^geftettte, änbeutung beffen, toa« am „rei* 
fen" 3Jlenfd^en afe ®^^(oIie ober ©uloUe pd^ beutlid^ an^^ ' 
Vrftgt. 

Sied lft|t ftd^ t)erbeutlid^en burd^ ein entf))re(^enbed 
Serl^&ltni^ auf mel^r moralifd^em ©ebiet: bie fittlid^e Ein- 
lage, bie in i^rer (grfd^einungdtoeife nod^ nid^t burd^ ®r- 
fal^rung ober ©elbjlerjie^ung bergejlalt umgeformt ifl, ba^ 
pe im eminenten ©inne ß^arafter ^ei&en f ßnnte , toirb tool 
®emütl^dart genannt, unb gerabeioeil in beiben ^&Sen 
ber SBbflftrungj^^roceß nod^ nid^t bottjogen ifl, behalt biefer 
»egriff, tok ber bei^ 9laturetti5, ettoa« (E^aotifd^e«^ umfaßt 



^pttolxt tttib Cubne. 45 

einen (&owpUi loerfd^iebenen lQueIl))un{ten entßammenber^ 
naä) terfd^iebenen S^d^tungen auSlaufenber äSSefenddu^e^ 
tunken unb t^ettt mit bem Statuten bog Sod^ fotDol mit 
Wetftnalm ber eigentlid^en Xemt)etamente tok mit fold^en, 
toeld^e et^ifd^e obet ^ofob^nifd^e Differenzen bejeid^nen (fa 
ifl t>on einer ,,fin{lem'' ©emüt^^art bie Siebe), toerbunben 
}u toerben,*) 

3mmer^in alfo lonnten xm& biefe beiben ben Heber? 
gong vermitteln jur nAd^ftfolgenben 93etrad^tung. 

3. 2)er ^egenfa^ ht9 &i)cxoXo<; mtb «SxoXoc aU Vta^ ber 

Seiben^ftt^igleit. 

SBir treten in biefen, afe ^ofob^nif bejeid^neten, 
2;^eil ber Gl^^arafterologie ein mit bem Setoufetfein, ba^ 
tt)ir mand^erlei ©nioänbe ju befftmjjfen l^oben »erben, 
ober aud^ mit ber Hoffnung, ba| ber $am)tgebanfe beffelben 
leidster auf SBeifatt toerbe red^nen bilrfen, atö ber Befremb^ 
lid^e 9lame. 

Slid^t für biefen, tooffl aber für bie Terminologie be8 
®egenfa|eS innerl^alb beffelben bürfen toir ba« SRed^t 
in Slnfj)rud^ nehmen, ate ®rben ©d^oj)enl^auer'i8 l^auSs 



*) S^rcr anttqutrtcn Ztxmvnote^it entficibct, treffen mit bem 
Cbengefagteit fo ixtmüdf bie Seftimmnitgen gufammettf t»tl^t bie 
„€>i9noni^mW i»on ^ber^atb, Maa^ anb Ornbo übet „^^nt»nt** 
nnb beren Unterfci^ieb i»oit ,, (Sefinnung '' gibt. 2)ie Urtifel „2)enf« 
ort" (II, 50), „3)enfuTtg«art" (ebenb., @. 56 fg.) unb „Oefinnung" 
(III, 187 fg.) Derbienen me^r al9 biefe anbere biefed tBerfed nadf* 
gelefen )u »erben. Uebrigend ffaU id^ ed mir nic^t jur Aufgabe 
gemacht, (£ngß (S^efagted bIo9 gu trabtren -- foabern 0eIbßgeba(^te0 
bargulegen, meifl nnbefümmert barum, ob anbere {d^on 3bentif(^e9, 
9e(n(i($e9 ober SBiberf))re(J^enbed ))orgebra4t ^Stten — est autem 
verafD index soi et falsi, nnb toen ba9 anmaglid^ ober unbef^eiben 
gef^rod^en bfintt, bem ßt^t e0 ja frei, (tn)U)ufttgen: nee non falsom 
stti et veri; bann (at er ia ixol^ aftebem Sludfic^t, ettoo« |a lernen, 
toenn audf nur e contrario unb per inversionem. 



46 Stunbjüse. 

gu^atten, bem e» ate großes SBw^bienft um bte Älatl^eit 
Vf^ologifd^er SHnal^fe angered^nct njerben tnufe, baß et 
bieg eiement mit fd^arfem ©4nitt ati^gefonbert unb für 
ftd^ IffingefteHt ^at, obgleid^ er f elfter e« nod^ bem %empt^ 
rammt f tibf umirt *) : unter ber SJegibe biefeS $eerfül^rer§ 
toirb ein einbürgern biefer beiben 9lamen in ben iDijfen* 
fd^aftlid^en ©j)rad^geBraucl^ nid^t ausbleiben, mögen an^ 
bie ^^ilologen bleffeid^t bagegen bie ®inrebe eri^eben Ion- 
nen, ber ©imt biefer SBSörter bd ben alten f eiber — inS^ 
befonbere bü ^ßlato unb SlrifioteleS — fei ein anbe:= 
rer, engerer uhb, bei 8ucxoXoc toenigftenS, ein nid^ts lue- 
niger ate etl^ifd^ inbifferenter getoefen. **) ®aß bie beut- 
fd^en Segriffe Slrübfinn unb grö^ftnn benfelben Snl^alt 
faum annftl^ernb toiebergeben, liegt auf ber ^anb, unb 
tt)ir muffen uns alfo fd^on bequemen, j[e|t nod^ fo toenig 
geläufige Segriffe fotoeit nur möglid^ mit Seid^tigfeit ju 
l^anbl^aben. 

aSid^tiger ift eS, gleid^ eingangs aud^ berjenigen Sluf^ 
faffung entgegenzutreten, toeld^e geneigt fein n>irb, mate- 
rialiter bie gange Unterfud^ung abjufd^neiben burd^ bie 
fategorifd^e SeJ^aujJtung : jebe S)i^Sfolie ift ein franfl^after 
3ufianb. S)aS ift freilid^ eine petitio principii, toeld^e ben 
©temj)el bornirtefier (Sinfeitigleil beutlid^ genug an ber 
©tim trägt — toer nid^t ift it>ie fie f eiber, ben l^^aben 
aDejeit biefe „®efunben" par excellence am liebfien als 
„£agaret|f' ober Sebkmcanbibaten'^ beifeitegufd^ieben ge- 
fud^ , unb fid^ mit ü^nen auf b>iffenf d^ftlic^er älrena i^erum- 



*) 2)te {^au^tfitnen MerüBer ftttben fid^ in ,,^ie fBklt al9 mUt unb 
»otfleffung", 3. «ufl., 1, 372 fg., unb „^orerga", 1. «ufl., I, 311 fg., 
unb beten 3nf)aU x^ beim goTgenben atterbing« aU betannt i»oran^ 
flefeftt. 

•♦) Ob toir bei nnfcrer ^emenbung berfe(ben auäf mit ben Sin* 
gniflen in (Sottifion geratjen t»erbe«, »eig id^ nifbt, ha eine ^cüi, 
t»tläft i^re (St^ntotogte in l^etbinbung mit bet bt» latetnifciS^en colere 
tn ber Äu^n'fd^en ^citfd^ttft bef^tii^t, mir nid^t an ©efid^t gefom* 
mtn ift. 



S^fSlolte unb dufolie« 47 

)ubal0m, gibt rdmal» ,,m &dtau^iü fttt (Sdtter''. 
9Ran Idnnte i^nen alfo einfad^ — (Krobl^t mit Otob^eit 
obfd^Iagenb — baiS (Stoet^e^fd^e: 

2)en Xtü^ti \pM t>a9 fßUtä^tn nie, 
Unb tDcnn er fie Beim StxaQtn \)&ttt, 

auf ben Sauftxt^ f^reiben unb fte i^rer dqmm äBeiSl^rit 
überlaffen (bellten laffen fte fxä) nun etnntal nid^t: ein 
ed^ter: (Sutolod tann ein ganjei^ !|)effinri^fd^eiS Si^fiem fid^ 
in abstracto angeeignet f^obm, c^ fogar gelegentlid^ fei« 
nen ^rebigten eintoetleiben, unb )ule|t bleibt et bod^ bo« 
bei: fo lann e^ tpenigflen^ btüben beffer gel^). Slbe? 
aiidf in ref^^ectoblem unb minbet fanotifd^en Mp^m fluten 
nod^ 9tefte ber Segriffi^onfufiDu, n>eC(^e bie 9leland^olie 
ate ^f^d^iotrifd^e (Srfd^einung unb baiS toeilanb fogenannte 
melanc^olifd^e ,,2;em^erament^' nid^t au^einonber^u^alten 
loetmag^ unb biefen gegenüber ifi immer toieber mit aSem 
Slac^brud $u acctpütm, toa^ jebe ^v^logie aoSbrädtlid^ 
lel^irt ober ftiSfd^n^eigenb onerlennt^ unb toaS aud^ 3o« 
Cannes SKttller'd ^arfieOung ber Semt}eramente itaplu 
citt: bie tt^eiteflen Slbftänbe ber (tme aSerbtngS erfi ©d^o^ 
pnäfmtx ertonnt l^at^ am einzelnen ^nbiisHbuum fefl^ 
^el^enben) aRa|t)erfd^ieben^etten in ber Sapadm för 
@<l^mer} unb Suft fönnen nod^ — nad^ bem obigen Sud« 
brudt SBunberlid^'« - ,M ber »reite ber 0efttnb|^ 
belegen fein^'; fonft l^&tte ja fiber^uipt niemals t>im einem 
mdand^olifd^en 2:emi|)erament bie Siebe fein Unwn {obf 
gleid^ nid^t geleugnet tuerben foO, ba^ beffen »egriff nad^ 
öbti(^er SefUmmung bem, tood @d^ot}eni^Ktuer unter 5D^d? 
lolie toerftanben toiffen toill, nid^t fc^led^t^in congruent ift). 
9Ber aber ganj !t>D))uiarer »elege bebürftig, ber mag 
^ befmnen, bafe bod^ „wn SRatur" einer „emfter" ift 
ate ber anbere, biefer äffe« leidet, jener äffe« „gar ju" 
fd^toer nimmt unb ,,fid^ ju ^ergen gelten lft§t"; unb ba§ 
er fd^on oft toon Seuten igiat fjjred^en l^ören, bie unjtoeifet 
^aft sani mentis unb bod^ geneigt feien, aUe^ ,M^^^ 



48 (Smttb)ü0e. 

2u feigen '^; toogegen otibem bie ganje Sßelt tn rofenfarbe« 
nem S^te erglftnje, tt)e§|ial6 fie ,,^üxqIo^'' f)mAnt&nieln; 
uttb, bamit aud^ l^ierbei bie (Stabtmterfd^iebe Innet^alb 
jebeg ®cgenfa|gl{ebe« m<i^t überfeinen toerben, gugleid^ 
barauf, bafe, toer „tool^lgemutin" (alfo „ßute« aWutl^e«" unb 
autoerfid^tlid^ be^ ©elingen^ getoärtig, ober „getro^", b. ff. 
im SSertrauen auf einen ertoönfci^ten SuSgang feinet ^ot^ 
l^oben^, ober „freubig", nÄmlid^ ijom SJetou^tfein eines 
guten 3ttJede« getragen) feine (Strafe jie^t, barum nid^t 
fd^n ,, luftig" l^ei^en lann, nod^ „frol^", tt)er, t)iettei(^t 
inmttten tiefjler aBeJ^mutl^, an irgenbetner Äleinigleit, ettoa 
einer feimctiben SBlume n. bgl. „^dnt %ttube l^at", fotoes 
nig »ic jeber „nad^benWid^" ©nl^toanbelnbe für mtn 
@riej^gram ju l^olten ift. ^eSglei^^en^ unb faft nod|i mel^r, 
1^ man fiii^, Segriffe toie „lebenS&iftig" unb ^^l^umos 
rijttf d^" über (Einen ßeijlen gu f dalagen- ®er f|)ecieffe X^l 
ber Sl^arafterobgie toirb biefe unb nod^ tnand^e anbere 
^aarrei^en in einer reid^ ftd^ gttebernben S^non^mil auS^ 
eittanberjul^alten ^aben — alfo j. 83. foioenig ben Unter? 
fc^eb jtoifd^en bem S)^Slolod unb ^^!|)od^onber tok itoi^äfm 
bem @u{oloj^ unb Seid^finnigen (e0 gibt fogar ^dd^fl ^,f^$ 
libe" ©SxoXot — atterliebfte jungen, mit allem juf rieben, 
uvb als Slrbeiter ebenfo braud^bar unb juioerläffig, ti^ie 
gern gefeiten aU SRitgenie^er beS ^eierabenbs) fd^ulbig 
bleiben bürf en — toäl^rettb ber allgemeine X^eil nur feffe 
fteUt, to>eldne Elemente überi^a^Dt in äSetrad^t fommen, unb 
an SMifd^ungen nur erinnert, um ju jeigen, ba§ l^ier nid^t 
blöd t>cn $irngefi)>inflen, fonbem i)on 9tealit&ten bie Stebe 
Vjt, bie unier anberm 9lamen aud^ im t&glid^en &cbm be? 
fUjrod^en »erben. *) 

3eber toei§, toa« gemeint ifl, tt>enn ein Äranfer Kagt: 
ber Sd^merj ift nid^t gerobe i^eftig, aber -Anwerft em:pftiib« 



*) ^te ^^i^flfer erinnere id^ an bie fd^Iagenbe Analogie, totläft 
bie Xi^at\aäft barBietet, bag für t}erf($iebene Stoffe betfd^iebene Sarme* 
tna;rima becbad^tet »erben. 



^rfihVit itnb 6uIo(ie. 49 

Ii<^ — bod^ nid^t jeber bebenft, ba§ fojitfagen ber ©i| 
ber „i^eftigw" ©d^merjen bie ©jjontanettat, ber „tm!p^r(t^ 
lid^en'' bie Sieagibilitöt iß — unb bag bemgem&^ ein i>pis 
(oIoiS unb ein S))^!oloS nid^t bUi )U:ieierlei^ fonbem toie^ 
lerlei fein fann, je nad^bem für bie ©d^ntergen — fei eg 
beS Stütpeti ober bed ©emfitl^iS — bie eine ober onbere 
ber aufgeffil^rten ^em^eramentöformen bie S^r&gerin ifl. 
Ob toir mit fold^er 93erbt)(|9t)elun0 b>irlttd^ fd^on bie ga^I 
ber äBinbrofe erreid^en^ ober ob ftd^ nid^t Hebne^ir ntond^e 
unmdglid^e äSerbinbungen ergeben toürben^ nm| gleid^faltö 
unou^gemad^t bleiben. 

S)er in 9lebe fte^enbe ©egenfol an fid^ gel^drt bem 
©elbfUnnefein beS b^oQenben 3nbit)ibuum8 im @efäl^l an^ 
unb jloar bem ©efül^l nod^ feiner ^Relation ju ber @e« 
famm^eit ber @reigni^e, mläjt bie 3^^<i^ ^^ Sßünfd^e 
bed 3nbit)ibuuntö — n^Qm bieg nun fubjectiioe, mögen eS 
bie gange 9Renfd^l^eit angd^enbe fein — enüoeber fdrbem 
ober l^emmen. 

SBie f el^r ber )>of obl^if d^e Unterf d^ieb ein ux^ptunQi 
lidjier, „angeborener", fei, betoeifen bie gälte — fie ftnb 
letnegtoegg fo feiten, toie bie meiften annel^men mfid^ten — 
100 fd^on in ber „güidlid^en" Jtinbl^eit fid^ SebenSüberbru^ 
lunbgibt, ol^ne ba^ an eine t)erborgene gerrättung beg 
Organismus gu beulen to&re. 3n ber ©d^ule mad^en 
einem bie 5u^oXot gu fd^affen atö ängflUd^e, felbfl)oer« 
trauenSlofe ©dualer, bie nie toagen )u geigen toaS fie 
ioiffen, unb ftets bertten: eS gelingt bod^ nid^t; unb einer 
©d^ülerarbeit ifl folgenber ©euf^er entnommen: „S)eraRenfd^ 
ioirb überall gu ioenig gefragt, ob er mit bem gufrieben, 
toa^ mit \ifm loorgenommen toerben foQ; er mirb nid^t 
einmal gefragt, ob er gur äBelt lommen U)olle 
ober nid^t, unb baS ifi ein großes Uebel, benn man ge^ 
r&tl^ in groge 93erlegenl^eiten oft blo8, toeil man auf ber 
äBelt ift, unb anbere Seute nel^men eS einem nod^ bagu 
übel." 

älber ba tein d^arafterologifd^eS Clement irgenbtoo in 



50 dhnm^üge« 

tcimt 3f^iwi9 ffd^ ftetl^Ätigt, fo ifl au4 Bei W^em ciw 
SiiiApitfung auf bi^ @efammlf£rl&ung bet übrigen !fKani« 
fefiotlonen ^äbfUoet^&nilidf , unb tDU l^aben eiS babet tmäf^ 
ouiS nid^ blo^ mit ber @eite ber ^offi^it&t )u ti^n; )Hel^ 
nu!]^ umib bie gtj^e (Srnt^fAnoac^Idt füt get^iffe klaffen 
t)<n fönbrüdfm bie gon^ ^blunQ6\t>d^ tniti^eflimmen 
(). S3« i^im (S^^cH^tStx, tDenn biefetr jugleid^ S)9^i>li»^ i% 
eeteris paribiis eine gebiiffe ^)äi»:pfimg bttrc^ ä^tftd^tig!eit 
^ $i^e MnQtn), vok ße onber^feitö nid^t an^ttffalb 
aOed Sufcomten^angiS mit bet inteÜectueBeti S^gobimg 
fielet; benn eS fa^t offenbar ber ^t^i^UU^ bm gitflanb 
)»at unb nad^ beir SvfäQutig feiner äSiinfd^ (ISUHen^^ 
firebttngen), alfo o^ne ^age ben Utngtv «nbonemben, 
ins ^»ge; bec Sutolo^ bcigegen eigentHd^ nur bie £^ 
fod^e bei$ firfüSttfeiniS, olfo ein mef^Ud^ 3ilf>imnUm&. 

Un^ eniUid^ ift beim Uebergang jn ben etl^d^ 
Oi:unbbiffeten^ ond^ biie^ nod^ jn beniierfen^ ka^ ber 
^i^^folo^ ebenfo gut au^ frembem al^ an& rtßmm 2^ 
ätol^rung fäar feine €igeti|feit jjigSfm jtonn, unb ber Sitfolo^ 
feine ^eiterteit jut^dlen b0d^ nur mi ben ^id relatiber 
@{eid^<tigteit gegen M^ @Ienb ber 9Ritmenfd^en Uitoafftm 
mag; o^ bo^ babuni^ fd^mt ber ®a$ ju einem ^itbaren 
Mfft): jlener l^^e bor biefem ben SSorjiug gvOj^erer ^iAe^ 
fiü^eit, ober biefer fei an ^ fd^on egoiftifd^ geocrtet. 



4^ ^te iäixVlim fitotiMfeieirjcit 

SBa» fttr bie M«l^erige aietrad^tung ^n bur^Midlter 
ei^ giift nid^ nur feS unb ^unfel, e^ gifiit mä) %atben 
m bin iSuMfi^it U» inbäf>tt)neS[ien iSeben» ^ baiS tritt nrn 
^oSeuM )u STage^ itu> bie ^Anpmonobgte bei» SSMOen^ 
be(^t i|Mdmäye 9tntnrfi>rm«n l^inder fM^ la^t, um ül an 
ba^ ^Problem bor jubringen, ob bem fuBftantieHen ©runb^ 
Witten felSw tixit: ^eterogeneitÄt in ben ^erfd^iebenen Qn- 



S)ie etl^if(^eii OhmivM>tfferensen. 5i 

bii^uin jnldtmite, eber Db ein mit ft/ff ibetrtlf^e« ttmef^n 
irt aQen Sßed^letf^^un^ feine Jgfomdgeneitat b^mi^te.*) 

SSir fe^en Hefelbe IDto^ng frei iD^em egoifüfd^ ^etg^» 
ling 9bi$il, frei bem ebeln gelben atmffttviMi Sem, frei 
betn SBitfeibigeyi^ bev ^ut ^Ife unfftlrid, Stauet, frei bem 
groufamen 3)tf#Auet Qk^obenftfube erfegen — alfo nM^ 
frlo^ {|uanf{t<tt{b, fimbem au^ materieüiter t^etfd^ic^bene 
aBfcItengen mif bie gleite Utfad^e etfolgen* — ^ca gifrl 
nniS ftatt frIM gt^abueaer Unterfd^iebe f^eciftfd|fe SHffetenjen 
— «rtb jtottt Jene, bie „unter bem ©fanb^ninft be« ^^ffeniS" 
bie SRotal f^ali^. 

2)ennedif ge|ft itnS bafref nid^ ber gofnje ^n^t bet 
fiygenomnten S^ngenblefnre an — xttatAii^ n^t berjetiig^^, 
meU^et fi^ mit Singen frefd^fttgt, bie Mt frlo^ ViuiMiat^ 
tugenben, formale, inbfrecte ^filfjmittel ber S^ik^gfeit, 
bet vlrtuft ober x^^^'^f Mo^ ©ieiierinttett ber dnjigen 
€arbinaltugenb, ber Siebe, ober nneigentli^ Stttgettlben, 
nmn^ mft^d^^/ H^eil fte, an mto ffStt fi<| abfa|>^oret SSe^ 
beutmig, Aenfo fei4^ fr^fen tDie guten ^toe^en fBrberftd^ 
fein »mien; toie: $lei1^, St^arfamfett, !Reinf kffell *'*), Drb^ 



*) ilatlftjan tief fSng>p gitm erttetr nral gettudPf Wat, fanh id$ 
Bei @^o))en^auer ha9 ^efentitnig {totl6^t9 %xaum^bt: „fin9 &(ioptn* 
\)autx'9 SRa^lai", &. 897 fg., rnttt^eilt), aud^ feine $^irofo))l^ie \)aU 
biee ,f]6^^Dttftt aOei $rcBIeme" ntd^t gelSfl; unb eBen toeil td^ tnid^ 
ni4^t ßt ben ehtett oHieMBe, bet nad^ iQnt nbiefett fibatvmbjn tt^ 

aU auf ein Bettgnifi , Ht bte im ,,6efonbe^ 2l^i(e** gegeBeneit <St^ 
Ihrtevuttgeft eitrf^tagenbet ^tageit mit i^trer fd^etttfi^dt mmerl^Attnig« 
mitigeir Xirtpi^id^it «>ofe lofffetifi^itftftd^e eered^ttgmtg fKiben. 

**) f&kt IntBffottbcre bet mt 3f Ibd^ett bc]^e(t f9bfi^e Slintt fftt 
fiu^te ^anbetfeit bvil^ ditd^ yn einem ^emmnig toerft^Stiger Siebe 
mnben tinm, ift Irefflid^ l^t<nrgeffoBen itr einem fftHfef bet ^d^fbv 
fd^en Clm^»))ibk inm gftte^at übet SMbd^tjiefnng; 9ott ncd^ 
mUe« ftljfettbeii SttiftMgetir ^H einen «Mmomanift^en (S^ataftet an^ 
ntifmtn, nrftb Bei beti ^^d^ataftetoTogifd^en 9(bm)tmit{Kett" bie 9{ebr 
fein; l^iet ölet m<(rg f^im einef fbiofi^ratlf^n 9P6fV$ene9 tot allem 
@(l^mu3 , ^oHenbe ^ox Ungejtefet, gebadet toerben, i»etml^ge beffen ein 

4* 



52 Snttx^Sü^e« 

nunggfinn, 9Jl&|igfett, Sonfequenj, aRutl^, 3Bft6igung, Iura, 
aUe bie @igenfd|faften, toeld^e betn ftttlk^en äßitim an ber 
§anb bet Älugl^eit tool ben ©|)iclraum ebnw^ aber nimmer^ 
ntel^t iffta ben Jlanon auffielen lönnen. ^ie SInlage )u 
bieffn allen rui^t tl^^eifö auf ben bereitö genauer beft)rod^e= 
nen, tl^eite auf ben auf ©. 2 fg. unb 40 ju öorlftufiger ©r- 
toäl^nung gelangten (^aratterologifd^en Elementen ^ unb fie 
befonnnen eine eti^ifd^e @eltung erfl burd^ ben @el^att ber 
SKottoe, benen fie untertl^an finb — fielen alfo bem eigent^ 
ttd^ fUtttd^en £e&en laum nä^er al& bie ^^l^^fiologifd^en 
gunctionen: offen, S^rinfen, ©d^lafen, 3lt|imen u. bgl., bie 
an fid^ aud^ toeber gut nod^ 6öfe finb unb bod^ fotool 
SSBerte ber Xugenb toie ber „©ünbe" to erben lönnen; 
lefetere« in^befonbere, tt)o bie „(Selüfte" aU „Safter" fic^ 
Derfeftigen, toeld^e, im Unterfd^iebe öon Biofeen „Untugen^ 
ben"*), fo gern axS bem 83oben ber 6ott|iitution i^re 
9lal^rung jiei^en. • 

@eitbem aber mel^r unb mel^r baiS dffentUd^e ©eioiffen 
gefäl^rbet toirb burd^ ben SRüdfatt in eine „l^ieibnifc^e" 
älnfd^auungStt^eife, b>eld^e bie !t>olitifd^e Qu\>txl&^\iQlüt jum 
eigentlichen Äriterium fittlid^en SSert^e^ erl^^eben unb, täg^ 
lid^ an» 3^tung^))ublilum geti^Sl^nlid^en ©d^tagei^ fid^ abref^ 
firenb, ober beutfd^e Siteratur in !>)lattefter SKoralifirung 



mUbtl^^tiged grauenJ^erj Ux^ttx fld^ entfd^Iiegen to&tU, ba< (efete 
eigene $emb toeg^ufd^enlen, atö tva9, an toeld^em ber belannte „9lxmt* 
leutegeruii^'' iafUt, aud^ nur mit ben Singerf)>iten aninfaffen, 

*) Tlan toirb nSmUd^ tool nid^t irregel^en, toenn man ben 
^^d^iff ffUntugenb'' ald bereite bnrd^ ben ^pxadt^ibxanät auf ba9 
®egent]^eil einiger t)on ben oben fogenannten ^üif^tngenben etnge* 
f darauf t betrad^tet Sediere fagt 3ean $anl in feiner „2tt>ana**, 
§. 122, @. 650 (2. ^nß*, 1814), nnter bem i^egriff „fluad^e £ed^' 
nif" gnfammen, tool^in er and^ bie (Sarbinaltngenb ber (S^inefen, bie 
$BfU(^feit, red^net, unb bagn toürbe ed flimmen, ba| man aud^ fcld^e 
unliebfame ^genfd^aften toxt ^i^bringlid^feit unter bie ,,Untngenben" 
a&^It (toHdft man im ©inne t)on fd^led^ten SCngetol^l^nungen ia felbfl 
^^ieren beUegt). 



Sie etl^ifd^en ®¥imbbtffetettsen. 53 

^{porifd^ frttifxtettb, virtus mit Xltigenb, burd^ ©ctu^el 
leidet beirrte ©d^toäd^e mit fiufeerjler SSertoorfenlifeit ibeirti« 
ficiren möd^te, — feitbem ift eS erjl red^t an ber S^t, ber 
urti^eitenben Oered^tigfeit ein fid^erere^ gunbament unter* 
breiten ju "fyd^m burd^ Slufjeigtmg be3 planm, faubern 
SaugrunbeiS, auf toeld^em allein eine toirflid^ ein^eitßd^e 
(Sonjlruction ber il^atfad^en be^ jtttlid^en S3elt)u^tfein^ mög* 
lid^ erfd^eint 

©0 ioißo^ n&mlxä) bie abftufungen ftttlid^en SBertl^e^ 
jtnb, fo genügt bod^ gu öorläufiger Slbfledung ber ®ren= 
Jen iene^ ©runbfd^ema, loeld^e^ ©d^o^^enl^^auer an mel^^s 
rem ©teilen V)orgejeid^net l^at; bie SKifd^ungSioer^ältniffe 
unb ü^re SRelation ju ben bereite cm&ffntm ©oefjtcienten 
loerben nur um fo überfid^tlid^er, loenn tt)ir junftd^ji bie 
^nbamentalgegenf Ä^e red^t Har f äffen ; f ogar einige ©reH- 
l^eit t)on aSBei^ unb ©d^toarj fann einfttoeilen nid^t fd^aben 
— ba^ öerioafd^ene ®rau brftngt fid^ immer nod^ frü^ 
genug ber SBetrad^tung auf. 

3)ie Statur, b. f). ber 3fn^alt, ber für ben gegebenen 
3fnbit)ibuald^arafter loirffamen SJlotitoe ifl ber ®int]^eilung«= 
grunb bei ber etl^ifd^en ©laffificatiDn ber Qnbiöibuen unb 
fann nid^t einfad^er bejeid^net toerben afö burd^: 1) eige= 
nes SBol^l, 2) frembe^ SBel^ie, 3) frembe^ SBo^t, 4) eige^ 
ne^ SBel^e, benen paxaUd ^el^en: 1) ©goi^mu^, 2) 8300:= 
^eit, 3) amtreib, 4) «fcefe; toft^renb „®erec^tig!eit" ber 
ru^enbe SBagebalfen l^ei^en fann, ber bie 83alance jioifd^en 
1) unb 3) »ermittelt. (©d^oj)enl5iauer, „S)ie SOBelt ate SBitte 
unb SJorftettung", 3. Slufl., II, 695; coli. „Ueber bie ©runb* 
läge ber SRoral", 2. SÄuff., befonberiS §. 16, ©. 209 fg., 
§. 20, ©. 252 fg.) 

®ag rein etl^ifd^e ©lement gibt bem Seben^brama fei* 
nen 3wl^alt unb ®el^alt — entfj)rid^t ben SCcteur^ felber. 
S)ai5 SJem^^erament entfd^eibet über baö %m,pt> il^rer ®efien; 
©onfHtution unb Slaturell beftimmen SJla^fe, ßoflüm unb 
ajlanieren (alfo ba^ ©oftüm ber ©eele); ben Unterfd^ieb 
beS @ufolo« unb Sii^öfolo^ gibt bie ipeffigfeit ober 3)üfter= 



54 fihmiAiftfte. 

nift ^ ^^tatmsMmäftunQ loieber^ nttb bod bie ^nb^ 
Iting accon^gmienb^ Ocd^iet ^t bono^ äne ^ur- ober 
SSpQ^ Tonart )u Mi)\m, tD&J^enb bie (Snergiegrobe an 
be(fm Sovte ober ^(m<> i^ftett 9luSbrud finben^ Me (S^on^ 
fHtutioii uHb äiatureS ^ugleid^ aud^ an ber Klangfarbe ber 
^^ft:f#i^benen dNlt^tn^te« 



ütfon^tttv ^l^tii 



ober 



^u^Wrungetu 



Uebergang. 

^t „aU^imm ^^üV l^ot biejenigen Kategorien in^ 
fornmengefteSt, aui^ beten ^ad^^erf bie W^^mQdeUmmU, 
vMtn Wibttca6)t il^rer ^rf(|fiebenen (Stcabe^ ju fo reid^en^ 
nimmermel^t audjuj&i^lenben ^ermutationen )ufammentreten 
!önnen. ^ber ei^ ergab fid^ aud^, ba^ eine unangreifbare 
Slebeneindnberorbnung be^ !Kä(^ft)ufammengel^örigen fid^ 
an feinem ^utüU burd^füi^ren laffe, ba fein Clement ^om 
anbem abjolut getrennt U)erben barf^ toeil ein^ baS an^ 
bere altemirenb forbert unb binbet, ^i^^ bunte gülle be^ 
SRonnid^faltigen mad^t eine überaQ fid^tbare ©tetigfeit be^ 
gortgong^ gerabqu unmägUd^ unb fd^ä^t un& jogar hti 
fc^einbar iDiUfürlid^em iperauSgreifen einzelner Kreuzungen 
gegen ben äSortDurf^ bie älufgabe f^ftematifd^er 9iei|^<= 
bilbung aus bem ätuge )u \>^xlmm. 

%>^ tt)eniger aber fann bie Gi^faraEterologie es über^ 
nel^men, in bem ©inne ju einem ^,SefHmmen" jeber belie^^ 



56 Uebergang. 

bigcn Sinbtoibualität anjuleiten, tote ettoa eine f^jlematifci^e 
SBotanif ober S^ologie bte fämmtlid^en aWerfmale ber U^ 
fannten ^Pflanjen ober SJi^iere fo üoHftänbig anjugeben f^at, 
bafe jebe SSertoed^felung au^gefd^loffen ifi. Q^av fott aud^ 
unfere SBijfenfd^aft bie i)erjci^tebenen Qptdc^ fenntlid^ 
mad^en; aber il^re SBefd^reibungen fommen nid^t auS mit 
blofeen Sflominalformen, jonbem toerben ebenfo oft ba^ 
aSerbutn ju ^ülfe nd^men muffen; benn gleid^ bem d^emi^ 
fd^en Clement ifl bie ^erfönlid^feit i)or allem ju ipräbidren 
nad^ ber SBeife, toie fie ,,reagirt". 35eS^alb ift e^ mit 
bem ©eciren ober S^tgliebem nid^t get^an ; bielmel^r muffen 
tt)ir ein SSerfai^ren einf dalagen, bem analog, toa^ i)on Siebig 
— mit fHUfd^toeigenber Slnerfennung be§ SBiHen^loefen^ in 
aCem Slealen — i)on ber aßet^obe be^ ß^emifer^ fagt: 
,,3ebe^ S)ing l^at feinen ß^arafter; toir fud^en e§ jum 
^anbeln ju bringen, um barau^ baS, loa^ i^m eigen ift, 
ju erlennen/' ©elbfiberfiänblid^ jebod^ fielet bem ©l^arafc 
terologen nod^ toeniger i)oHe eEi)erimentirfrei^eit ju aU 
toie b^m ^ßl^^pologen — benn jene§ SSerfud^e Würben leidet 
nod^ graufamer au^fatten ate biefe^ SBiüifectionen. Slm 
attertt)enigfien aber bürfen toir un^ bie aWenfd^enefemiplare 
einfangen, toie ber ©ammler feine Äftfer, um fie bann 
aufgef!piefet in feinen ®la8fajlen ju ftedCen. 2llfo fielet ftd^ 
ber dl^arafterolog meifl auf bie Äunfi be« SBeobad^ten^ 
angetoiefen, unb fie ifl für xf)n eine um fo fd^toerere, als 
©d^lufe unb Urtl^eil l^ier atebalb nod^ grünblid^ef üerfftlfd^t 
ioerben, foloie aud^ nur ber geringfügigpte ber mitbeftim= 
menben Umfiänbe au^er 2ld^t gelaffen loorben ift. Unb 
ioä^renb ioirllid^e 3erf e|ung§!j)roceffe einzuleiten, bem Sl^a- 
ralterforfd^er niemals gemattet fein fann, barf er es ^öd^s 
fienS mad^en toie ber „Jjrobirenbe" ©olbfd^mieb, unb Hebung 
mu§ i^n ba^in bringen, biefem gleid^ fojufagen an^ einer 
Biofeen Gontactloirfung bie 5ßrot)ortionen in ber jebeSmal 
borliegenben „Segirung" ju ermitteln, ol^ne baS SWifd^ungS^ 
pxoinct felber ju jerfiören, toie ber anal^fxrenbe ®^emifer 
ober ber tergleid^enbe SCnatom* 



SSeobad^tungSfotmen unb gfuttbjlätten ber 6l^ata!tcrologie. 57 

Slnbererfeitö toerben i^m gctoiffe fefljui^altenbe Slrt 
befiimntungen bereite entgegengebrad^t — bon ber im 
@t)ra(^reid^tl^um fid^ mit unbetoujster gein^eit funbgebenben 
SGBei^^eit ber SSöIfer. 3)ennod^ fann i^m bie ©^non^mil 
nur bie SHenfie eine^ SBegttJeifer^ leiften: fie liefert nur 
ba^ 9Rateriai ber tJ^atfäd^lid^en Unterfd^iebe — er l^at 
ndd^jutt)eifen, in toeld^em innem 3«fflii^tt^^nl^<^ng bie eine 
©rfd^einung mit ber anbem fte^t. — S)er ©^non^mifer 
j.SB. fagt nn$, tt)ie „erjümt — erbittert — verbittert — 
erbofl" nid^t gleid^bebeutenb; aber xf}n ge^t eS nid^t^ an, 
ba§ nid^t blo^ bie SWotibe t^erfd^ieben , burd^ toeld^e biefe 
©efül^le l^erbeigefül^rt Serben, fonbem aud^ bie d^araftero^ 
logifd^en SBorau^feiungen für jebe^ berfelben anbere finb» 
©enn n?&^renb ber ß^oleriler leidet unb auf |)Iö^lid^en 
anlafe in ^oxn gerätl^, fj>eid^ert ba§ fid^ t)erbitternbe @t^ 
müü) be« StnÄmattferS bie (Srinnerungen auf an aH bie 
gfttte, ft)0 fein SRed^t mi^ad^tet njurbe, meil entttjeber feine 
SRad^giebigleit ober feine SBel^rlofigfeit jum aWi^braud^ ein- 
lub; unb bie fo entfie^enbe ©timmung §ei^t in ber SHd^s^ 
tung auf il^ren Url^eber ©rbitterung, folange nod^ nid^t 
auf irgenbtoeld^e ®egentoirfung ganj üerjid^tet ifl; ob er 
aber fold^e* SBerjid^ten ftd^ abgetoinnt, l^ängt jugleid^ bon 
bem etl^ifd^en ®l^arafter beS 5BerIe|ten af>. — SBie ber 
©t>rad^gebraud^ ben ©d^elm i)om ©d^alf, ben SBid^t bom 
Sum^) unterfd^eibet, ba^ le^rt un^ bie ©^non^mif; aber 
toie biefe Unterfd^eibung auf tiefer jie^enbe SBurjeln ^in- 
ioeifi, ba^ !ann erjl bie ß^arafterologie jeigen* S)ie ©d^ub* 
fäd^er für imfere 9Ruflerfammlung emi)fangen loir mit 
5Romenclatur t^erfel^en au^ ber $anb ber Bpxa^m — il^ren 
3n^alt einjureil^en in bie f^flematifd^e Drbnung unb biefe 
®inrei^ung ju red^tfertigen ifl unfere ©ad^e. 3ttfofem ift 
ad^tfamejS sinfammeln ber t)om ©^jrad^borratl^ fijirten 
SKerfmale unb 2^l^ätigfeit§formen eine ber SBorarbeiten für 
ben befonbem S^^eil ber Gi^arafterologie; aber loie ber 
SWineralog an bem Slegifler ju einem ^anbbud^ für fein 
%a6) nur bie aSoHfiänbigfeit feiner ©ammlung controliren 



58 Ufteging* 

foim^ f0 ^abm auäf ttnr und an bte ^mb^ätten bet 
^Hnge f el6ar ju begeben, um ba» iut^ hk blogen Segnffe 
aufmerffoin geimu^te Xuge auf beut Srntcfelb ber Wkdüäf^ 
toi emfig um^erfc^toeifen tu laffen nod^ ben lebenbigen 
Utbilbent jener^ \>on ber Qpxa^t wxS ubecliefertrn, £etcl^ 
name ber SU^^action* S>a iß lein aSutM bed Sderd fo 
unfc^einBar, ba§ er una&gefud^t bleiben burfte. SRand^ 
tM>n^ bem, tood ber ^iftoriter ignoriren xm^, mögen toir 
beim S)id^ter finben; aber eS gibt Snbi^tbuolformen fo 
eigenartige ba| faum bie ^arafterifüf eined @]^ 
f:|>eate i^nen ganj nad^^tdommm Mtnag, unb anbere 
t>or^fii]|iren mu^, im ©el^orfom gegen äf^fetif^Sefefte, fdbfi 
ber ®i^ter übttffmpt i)ermeiben, toie bie &e\äfiäfU fie 
gar nid^t ))erjei^net, tt>eil fie in l^ifiorifd^er ^^ftd^t eo 
ipso reine 9lullen finb« 99ei bem ober, tood und einzig 
wm täglid^ £eben bargeboten ioirb, bringt bie ©ubjjeo 
titntät beS (Sntbederd gro|e Unfid^er^eit in @d^ermtg 
lote aSeobad^tung l^inein; meint boc^ ber Anei))te)irtl^ tmt 
mm, ber fein ^räl^fUUt unb älbenbbrot lieber yu ^oufe 
berjel^rt: ,,ber Jterl taugt m^tö'% unb bergigt obenbrein, 
ioad äBal^reil an bem @a|e ifl: .^äBir lernen bie SRenfd^ 
nid^t lennm^ toenn fie ju und tovmm; tx>it w&^ttx 
)u il^nen ge^en^ im )u erfol^ren, te)ie ed mit ü^nen 
fte^t" 

SÖenn ed und nun aud^ nod^ obl&ge, auger ber aXi* 
gemeinen ^inmeifung auf bie d^rolterologifd^en ^ogb^ 
rebiere bem Sefer aQ bie ßunftgriffe unb ^/^fiffe^' bed d^a:; 
ratterologifd^en äßeibmannd aud}u))Iaubeme fo müßten toir 
i^m ben 9iatl^ ertJ^eUen^ fid^ indbefonbere neben bie ^rten^ 
tifd^e auf ben älnftanb ^u begeben. 9Iamentlid^ em^ofiei^lt 
ed ftd^ , n)o man SGSeiber ober anämatif d^e S'laturen :||>rüf enb 
}u beobad^ten u^änfd^t^ bag man fte )um &pkUn betoege 
— unb ed bleibt fid^jiemlid^ gl^d^/ ob ed babei um @elb 
ober um bie bloge Gl^re gel^e« 3Bte fte l^ier bie Keinen 
BufitSigleiten bed ©d^idfald J^innel^meU; ebenfo toerben fte 
fid^ ju ben großen @rlebniffen oerijfalten — unb baneben 



Seobad^tungSfomnen unb gunb^en bet Sl^ataltetologie. 69 

tetten ob^t: {lernen ^itf^ta an hm %a^ legen — unb 
bie äRienen eine mäft %üfLe tmtl^ognomifd^ ©toffed, tef)). 
t^e Gonflotirnng gvoget @ell^{ibel^et:rfd^ung barHeten. (93g(. 
^ottid^, a. a» SD., &. 282 fg.) — 9(uf bie d^taftetologif^ 
Säebeutfontf eit t>on Briefen l^t f d^fon B^tfpmf^wt oufm^ 
fam gemad^ *- unb e£ fei uni nur gefiott^, ^ut ^t&ci^ 
fknng be? batin gegel^nen äJlalflabeS l^er ein paat aS« 
gemeine a9emer{ungen ^in^upfügen« S^nätl^ft: 3eim Snef« 
fd^ei6en i{i bet ^etfe^t: m6)t fo üon gab^eit unb eonbe^: 
niens etngefd^nätt toie bei mänbli(|fen Unterrebnungen; unb 
fiybann: ber geiftoid^te 9Rcmn ift an^ bemfeCBen @tunbe 
unfäl^g, einen ed^en, b. 1^. mänblid^en SSecte^ möglid^ 
erfe^enben, Srief au f^reiben, au» toeld^ hai einf&ltigfie 
^ouenjinrntet im @tanbe fein \»\xh, m^ SRänner babutd^ 
pi üb^mfd^en, ba^ es fo ]|iAbfd^ in Errief fteEem miS^. 
Uni labert bie Sleflesidn am fteien^ unge(iemmten @rgie^en 
unf^H Deutens unb gäl^Iene -- ha» 9latürlid^e, ba« &ifs 
9e|enla|f^ felbec f^ fommt nni leidet ali etttHü» Shri? 
^ioles bor — unb um bem au^^ittoeui^n^ gemtl^m ioit 
ins j^od^tiibenb ^ßat^etifd^ ober in 3^an ^ ^outifitenbe 
5ß<H«ten — uiÄ f0 ~ felbft bei tiefftem @nn>finben — leid^ 
in ben ®d^ein, Üo^e Qmömentö t)on und )u gdben^ ioä{ 
oSe» S^fgefleljte unb g^rcirte ba0 aRtötrauen erregt^ tt^ 
d^jS i^felt, ob iibed^aupt m foliber Aetn botl^m^en fei« 
Umgele]^ Iftnn felbfi ein ftod^ ^öl^en heim äBeibe und 
befled^ — miiMm unb berüden — betpmJge be« ^aud^a 
ber 9toibet&t, u^ld^er burd^ bie äleu^rungen feineiB innem 
SebenS mel^i ^ie reinen (^fd^äftScorref^onbenjen bleiben 
Igriet natitrlid^ 4u|er Setrcui^t ^ ober bann l&^t fld^ fagen: 
aUintiet t)erf d^den mit ii^irm abriefen meifi ^iÜtan^attiUl 
ober gar Sbl^onbiungen ~ uiA finb'd @efül^lj6fad^en^ fo 
merben e» ^i^mnen — SRdbd^en- unb ^auenbriefe mut|^ 
nm an toie Sie^ ol^ne diff\fi^mm ober^ in il^rem i^olben 
^d^san ^om aHttiglid^en äiatag, ioiei^^^Ken. — @elbfl 
bie bei eritflen S>eii{em f onp; übel angefe^ienen ^.äfti^tifd^en 



60 ttebetgang. 

2;i^c^" l^aben — jumal bei ber „unftfU^etifci^en" SRatut 
be« toetblid^en Oefd^led^t« (f. 3ln^ang I) •— ^teran t^ten 
SRcij; benn ®cfj)rä^e über Äunft unb Siteratur getoftl^ren 
ben SBorti^eil, in« 3««^^ i^^^ SWenfd^enleben^ tjorjubtingen 
unb, unter bem ©d^ein i)5ttiger Unbefangenheit an einem 
Dbject ftd^ ergel^enb, bie berborgenflen ©el^eimniffe ber ©üb« 
jectibit&t l^erioor juloden unb ju belauf d^en ; man f)Oxi)t vm^ 
bemerft ben SBeurt^eilenben an^, Inbem man nur bie S^^ 
tentionen be§ SHd^ter^ ergri|nben ju tootten vorgibt. 

®efd^i(!te gntriguanten ntüffen allemal geborene 3n= 
tuitib^l^ralterologen fein; fie muffen ja baiS ,,3Bit ©^jed 
fängt man SWäufe" jur 2lntt)enbung bringen, inbem jte 
jebem G^arafter biejenigen 9Rotibe \>oxf}altm, auf toeld^c 
er ju reagiren am bereiteren ifi. ©o Iftfet fid^ ein XeU^ 
i^eim nur,, fangen", toenn man i^m ©elegenl^eit gibt, feinen 
®)elmut^ ju betl^Ätigen, ober feinem (Sl^rbegriff gemä§ ju 
i^anbeln. Unb toie iebeS 3Bitb feinen eigenen Ä&ber for^» 
bert, fo gibt e8 aud^ in ber 9Renfd^entt)eIt fold^e, bie nur 
ein Suber in bie galle lodt, unb anbere, bie fd^on auf 
aSogelbeeren jufd^na^)j)en* 

Uebrigen^ ftette man [mSj bie ipülfe, toeld^e ber toal^re 
©id^ter bem 6^ara!teroIogen entgegenbringt, aud^ nid^t 
allju gro§ tor. ^mn jeber Äünftler, iDeld^er nid^t nad^ 
SBegriffen „bilbet" (alfo blo« ^ßrftbicate ju einem \yoi^an^ 
benen ©ubject l^injufügt), fonbern nad^ ber 3bee „fd^afft", 
fteat bag SBefen, ben G^aralter, bie aBitten^obiectitat fo 
l^in tote bie Statur felBer: afö ©in^eit, bie in feine ^e^ 
fd^reibung aufgebt, unb bie in jeber abflracten Slnali^fe 
jerfiört ioirb, toeil bamit gerabe ber lebenbige ®eift toer= 
loren ge^t SRur ab jlracte, in SBegriffe faßbare %\)pm, 
j. 33. ber ©eij^ate, ber SSlaujlrum^jf, ber SJagebieb u. bgl. 
laffen fld^ in anal^tifd^er SSefd^reibung erfd^öj)fen, unb es 
finb bie fd^led^teften 35id^ter, toeld^e, ^btn bermöge ber blö3 
attegorifd^en SRatur i^rer ©eflaften, hierfür ben meifien 
©toff liefern, toÄ^renb bie beften fe^r toenig ober gar 
nid^tS bieten, toaS in fold^er SBeife bereits jugerid^tet toärc 



Seobad^tungi^formen tinb ^nbftdtten ber Sl^araltetofogie. 61 

für bie begttfflid^e gormulirung. S)eÄl^alb fftttnen iüir 
aud^ unfere „SSefannten" intuitti) ted^t genau toürbigen, 
ober es batf uni nid^t iDunbem, toenn e« uns nid^t ge= 
ßngen toiU, anbem öerfiSnblid^ ju machen, toaS toir öon 
jenen „burd^S ©efül^l" toiffen- S)a« gelingt felbfi einem 
©id^tet nid^t, toeil bo« fd^led^ti^^w Snbiöibuctte unfagbar 
bleibt, unb er aud^ in feinen b.id^terifd^en ©l^aralteren 
biefen inbibibueSfien Stern, baS punctum saliens ber gan^^ 
jen 5perf5nlid^feit, nid^t mittete eines ßigenfd^aftStoort« an^^ 
f})red^en, fonbem immer nur al^nen laffen lann, ate ben 
burd^ atte, grofee toie Heine, Sleufeerungen unb SB^atenJ^in^ 
burd^fd^toebenben gemeinfamen ®etfl. 

(5Bom S^roum ote einer üueBe d^arafterologifd^er ©r^ 
fenntnife toirb nod^ unten am (gingang unferer »etrad^tung 
ber ©emätl^Santinomien bie 9%ebe fein.) 



!lDte uäd^fien ^ifci^ungen« 



1. %18 ^SiftintmifttmtisAt mftttttnit Camtdicotiimen^ 

@d mu^te @. 23 ))ie 6tfeb%uiig melier fd^PcMkttet 
Snftanjen gegen unfere 2;ettii)erament3beftimmung bem be= 
fonbem %f)exU jugetoiefen werben; unb rüdgreifenb rid^ten 
toir ie|t unfer Slugenmerf junftd^fi auf getolffe ©d^ein- 
tettt|)eramente , b. ^. auf fold^e ^ßl^ftttomene, bei benen bog 
Sufammenfein mit anberartigen ®lementen ben Srrtl^um 
nal^elegt^ n)ir l^&tten ed mit einem anbem al8 bem n^irflid^ 
t)orl^anbenen SJentperamente ju tl^un. 

gür fold^e gftHe muffen toir un^ jutoörberfi ber tid^s 
tigen 9leagentien i)eriid^ern, bamit nid^t ettoa ber „ge^aU 
tene" ©l^olerifer für einen 5ß^legmati!er genommen, ober 
ber „l^eftifd^ reijbare" Slnftmatiler mit feinem SBiberfipiel, 
bmt gefunben ©anguinüer, t)ertoed^felt njerbe* Sntonio'g 
ablel^nenbe^: 

!3)er iD^ägige toirb üfterd tait genannt 

^on S^enfd^en, bte fid^ toarnt t)or anbem glauben, 

©eil fte bte «»tfee piegenb üBerfäUt — 

foH und i\t>ax nid^t t^erleiten, ben befonnenen „9lealiften" 
aUiu fel^r auf Un!often feinet „ibealiftifd^en" ©egenjjart^ 
„^erau^juftreid^en" ober gar einjuftimmen in bie mafelofe 



ttel^d^aiung, toclc^e mneMtiQi ton fetten ber ^^gefwnben^ 
Äritil in ^toaufl 0ebta<i^t ip — f«p mö^te man glauben: 
tm ber eigenen ^etjlefigreit einen toeffVidlm 9>tdmat\tA 
jttjHlegen — ober aW aUgemeingflItiget 6a| ent^Aft 
ti ho^ imtnerl^in tm bel^erjigendioecf^e Sßanmng \>ox 
tmfeebfld^em a6utt|ieilen — imb batot un« ju l^ten, 
^ben t9ir boi^!t)eIten 9lnla|^ fofetn ei^ ein privüeginm 
odioBum ifi getabe ber ^on unS auf ^äftitt unb Stritt 
befftmjjften DbetffW^id^feit, bie, ^Jd^neÄ fertig mit bem 
»wrt", burd^ ©ttffifance im „Hbf^nre^^ im^iren 
mbiftt, )uH)eileii ^l^ne nur eine Sl^nung \>on ber S^IU 
iDfIgfett i^ter VMiftlU iu ffabm, gun^eilen freilitj^ au<^ im 
SSetou^efoi i^rerttnfid^erl^t nur um [0 lauter aufttum^fenb* 

SßaS oier ben S^ralter gum ,^ gehaltenen'' mad^t, 
ifl }unA<if^ yimv ein mAd^tige SRoüDe itwfd^fc^iebenber 
:Ö[nt0Bed; aSm biefer fonn fldfi ebenfo tt^ol od^ „htxtöf^ 
nenbet ''^ in ben SHefifi bea ®goiMtuS ^eBen, toie ate ,,t9eife 
mo^eWelenbeii" ben 3*«*«^ *^w Äiebe unterorbnm; 
unb bie Prüfung l^ot jtd^ bemnod^ )ugle{d| auf bie etl^if^en 
S>ifferen)en }u erflredlen« 

a«i el^i^ ettt^ielH f^^ imferer Oeobod^tung ba» 
m^^mefen ber @t>0ntaneitAt bed einjelnen; benn ge^^ 
^en f^on Me ^ABe tmter bie 9(iiMNi|!tnen, ttH) fte al^ 
^,®trebfamfett'' (a(a unld^e me|f bMwt beto^eifü, bemt bie 
Hd^e ,,»et»iebfamfett'0 su 2;(ige tritt, fo nad^ rnefr bte» 
letiigen/ ttn> fle fic^ sum ,,1tnteme|mimgagei^'^ fieigert. 
9nmrl|fatb ber i&ttnim bes ®et9&i^nlid^n aber ifl e& aber? 
au9 f^tper, mit einiger Sid^erl^t ju ecfennen, too bie 
®|»0ntanettAt auf^ imb bie XeagibilitAt onfäfugt, ober 
vM anbem 9Borten: ya entf<^eiben, xo\t Mel ber SSet^ti^ 
gung erft burd^ bereit» eingetretene SVotli^e angeregt konrbe, 
uttb nrie t)iel \ä^n t)0«l^ fejufogen im %vfiiarCt^i ber So« 
leti( fd^Inmme^cte; unb bot imfid^ere 6d|ftoan!en im aSer« 
fKcl^, eine gegebene IßerfüynUiJ^eit miferer Lobelie eingu^ 
orbnen/ erllArt fid^ %\xm gri^jsten St^eil eben au# biefer 
@d^rigteit. 99ie bie ,,gebunbene'' SSiärme erft me^or 



64 2)ie nftd^ften SRifd^iinsen. 

ip, m fte jur „freien" getoorben: fo gejiattet meifleti^ 
au6f etil bo^ ©id^ftöartoerben bet ©ipontaneltÄt in ber 
SieagibilitÄt (toie eben bei ber ,,a3etriebjamfeit") einen 
aiüdf c^lu§ auf ba^ bief er i)orau^ge[e|te Quantum i)on jener* 
S)enn felbfi ber „®ifer", in toeld^em fid^ bod^ bie ©^)om 
taneitfit mit am birecteften offenbart, gel^ört nid^t fo rein 
nur biefer an, loie etioa bie „Slujgbauer" ©ad^e ber SRea^ 
gibißt&t ifl; mand^er ioirb erfl eifrig, nad^bem er langfom 
„toarm" getoorben ift für irgenbein Sntereffe, unb felbft 
ein ^legmatiler b , beffen f d^toad^e @))ontaneität fid^ barin 
'oexx&tff, bag er bie S)inge gern ,,an {td^ l^eran!ommen 
läfet", lann l^emad^ in feiner SSel^arrßd^feit tüs>a& an ben 
^g l^g^n, toa^ bem @ifer toenigfteniS fel^r Ai^nlid^ fielet; 
— nod^ weniger aber l^ält langfame 9tece|>tit)ität babon 
ab , fid^ red^t eifrig an ber ^urd^fäl^rung irgenbeiner @ad^e 
ju betijfeiligen; nur ^&Ü fte fid^ i;>on jeber „Ueberftürjung" 
fem. 2)ie flarle @))ontaneität fielet fd^on immer auf b^ta 
älnftanb, ob nid^t ein 3Roü\> fld^ einfteQe, unb toiH fd^on 
l^anbeln, nod^ el^e bie 9lecet)tit)itAt 3^t gel^obt l^at, boiS 
3Rotii) ganj ju erf ennen; fo toartet ber d^olerifd^e ©d^üler 
gar nid^t ab, ba^ bie t^age erft t)oEft&nbig audgef))rod^en 
ioerbe, unb fein „äberf})rubelnber" ©eifi })la|t begi^lb mei* 
fien^ mit einer unüberlegten älnttoort ^M>ox. S)emnad^ 
offenbart fid^ bie @)>ontaneit&t überl^au^t aud^ in bem, 
tüo» man „einen unruljiigen ®eift l^oben" nennt, toobei 
man an jene Unfäi^igfeit benft, fid^ ööttiger Äul^e. I^inju- 
g^ben, ba^ S)enfen, „S^lan^'' ober güi^len nid^t irgenb* 
tt>ie ju befd^ftftigen, fonbern bie innem SBorjleffungareü^en 
gan) il^ren eigenen @ang gelten p laffen. äHd f ranf^^a^er 
Suflonb artet e^ in jene ©d^Iaflofigteit ou^, bie )[>on„®e« 
banlenjagb" Ij^^rrül^rt unb nid^t feiten ein SJorbote beä 
SBal^nfinnd ift, toeld^er bann meiften^ atö „xajfpdxQ^ äßef en" 
fld^ äußert* S)a^ DoQe @egenbUb }u fold^er überreizten 
aSetoeglid^feit beS Sntettect^ bietet ber „SCräumer", ber in 
bumj)fem ^inbrüten feinen ©nbrudt felbfttl^ätig verarbeitet, 
in beffen Jpirn be^l^alb aud^ ade ©^uren fid^ atöbalb t>er^ 



@$eintmt>etantente« 65 

tDifd^en, tocil pix ©j)ontaneität bie 3m))reffionab{litat fe^It, 
tt>&f)vm\> ber „©tüblet" biefe in reid^cm SWafee befi|t 

Unb nid^t anberö fielet e^ um bie SBemeffung ber 3tn^ 
})teffionabilität SGBer gelool^ntift, a priori einSleid^^ 
getoid^t jtoijd^en biefer unb ber 3lece!t)ti\)itftt anjunel^men, 
ber toirb ani) geneigt fein, einer fft^t ungeiprüfter aSor^ 
nrtl^eile Oe^ör ju geben, unb j- 33. an feiner bermeint- 
lid^en „SWenfd^enlenntnife" fofort irre toerben muffen, toenn 
er getoal^rt, toie „fritifd^e", ja „faufiifd^e SRaturen" fogar 
i)or ganj Vulgären SfKl^rftilden in SBeid^wütl^igfeit jer= 
fd^melgen !önnen, toaS bod^ feineiBtoegS eine ©eltenl^eit ifi; 
e^ fittb ia a\x6) bie trourigften Suc^oXot, beren ©eläd^ter 
toir bei fomifd^en ©cenen am lauteften aui bem 5ßarterre 
l^erauffd^aHen öftren* 

©ebulb ijl bie ^ugenb ber ©|)ontaneität, Streue 
bie ber Sw^^t^^pönabttität — b(tö 3lid^ttt>arten!önnen einer 
ber pd^erften ©rabmeffer für bie ©tärle jener, unb nid^t 
bon ungeifai^r tam gerobe ein ^ettene ju bem 3lu^f^>rud^: 
ouTo Ti TcpayiJL icz ^xiTcovov To 7cpo<;8oxav (Menander 
apud Stobaeum). SSJie fd^on baS jiille ©ntgegeni^arren 
ol^ne ein SWeberfäm^fen be« t)orö>ärtöbrftngenben innem 
©trebenS nid^t möglid^ ifl, fo ertt>arb pd^ bie in Seib unb 
Unbill au^l^arrenbe @ebulb t)or)ug^tt)eife ben äSeinamen 
ber „d^riftlid^en"; benn fie ift eine SSorfd^uIe ber eigent- 
lid^en Slfcef e toie nid^tö anbereS ; befle|ft fie bod^ im le|ten 
©runbe in einer fteten ©elbfttoerleugnung be« auf fd^merg^ 
erleid^tembe Slbtoe^r bebad^ten SBilten^ — ift alfo bie ein= 
fad^fte unb natürlid^fle gorm feiner ©elbpt)emeinung, bie 
pd^ gegen bie ©^jontaneität unb fomit gegen ben SBiffen 
— um einmal ^egel'fd^ ju f^)red^en — in feinem reinen 
gfirpd^fein rid^tet. Unb gerabe an ber Slnlage jur ®e=: 
bulb jeigt e^ pd^, toie bie ©tarle ber ©|)ontaneität beim 
©liolerifer eine anbere ip als beim ©anguintfer, für h>et 
d^en biefelbe ja aud^ nid^t ju ben in erper Sinie d^araf^ 
teriftif(^en aßerhnalen jfi^lt ^e Püc^tige 9leagibiHtät 
bes le|tem mad^t ü^n geneigt, pd^ leidet befd^toid^tigen, 

Sa^nfen, <£l^avaIteroIogie. I. 5 



(S6 S)ie nA#eH Sllifd^uiigen. 

b. 1^. butd| irgendein neueä SWotlb \>on im ungebulbig^ 
©ef^annifrtn auf bett eintritt eine^ erwarteten ©reigniffig 
allenfen ju Idffen, ft)äl^tenb ber ©i^olerifer „gahj aufgellt" 
in bie Ängelegenl^eit, teeld^e iJ^tt gerabe occHj>irt> älfd, fö^ 
tanäe er Hid^t mit ®el6jlb^l^errfci^ung fic^ bagegen ftetttml, 
ftd^ üngebulbiger jeigt atö jener, ©iefer Unlerf^i^b ifi 
änä) gtattid^ ni^t entgangen; benn toa« er (a. a. ©^ 
@. 355), t)tAt ber gtö^ern „JBtegfamifeit" ber ,,SBüben" im 
aSer^ld^ mit beh günglingeh fagt, läuft baraüf l^lnau^, 
ba^ ©<)(mtaneität unb 9ieagibilitftt iPäi^renb be« Äna6en^ 
aüm itt ll^ret ©elbftbeJ^mjtung noc^ berjjertigen Sefiigleit 
entbefiren, toeld^e erfl fnit bem Haren ^emagtfeltt um ben 
Utttfang ber eigenen Ätaft unb um bte itt eigenen Statut 
am meiften entfi)red^enben ^totdc fid^ einfießln fann; fö= 
(angeaber biefe^ rtod^ nid^t "oexf^äniin, ift e^ leidster, burd^ 
mometttöne 3letje einem fid^ funbgebenben SSetlangen ent= 
gegenjunjirlen; njer nod^ nid^t rec^t ,,tt)el$ toag er tt)itt"> 
ijl bei Huger SBel^anblung fei^r balb umjuftimmen. ®e^ 
l^alb fönnen ÄinbertoÄrterinnen, ft)eld^e fid^ auf bief e Äimft 
nid^t ijerlle^en, fd^on bte Säuglinge fo unertrftglid^ ungtc 
bülbig mad^en, w&^^penb nad^ jenem ®efe|e öetfal^reAb 
etne QttoV^^ äBirtuofität in angemeffenet »efc^äftigungg* 
weife fetbfi nod^ <m inttactftbeipen „©d^reti^atö" SBunber^ 
binge tjertid^tet* 

®et ©ebulb ijerhxiftbt ijl bie Streue, ftyfem fie auf 
birr pl^flgfeit 6erul^t, benjentgen SUlottben, tt>eld^e einmal 
etregtre ©efü^Ie gefä^rben !9mrte«, feine 3Äad^t über bos^ 
®emftt^ einjuräumert, ^tbat gibt e^ oud^i eine @d^ti»^ 
treue ber ^igenfinnigen ©elbfibe^uptung; abefc bieiB äfter- 
bilb ber rü^tenbftfn ^ugenb füllte feinem beten l^oj^en fitfc= 
lid^en Sßetll^ t^erbdd^igen; benn ed^ie Streue ift D^ne Hebung 
im ©elbfl6efam:|)fen wnbenfbat unb fallt genau genommen 
fc^ön Öberwiegenb unt^rbfe^.öSate t)ierte aufgeftettte etl^tf^e 
iStunbform, aud^ b^^alb, t^etl fte feinen aul^trl^alS il^t^r 
felbft ttegt^nben ^md t>erfolgt, aOetn in fxS) f eiber il^rt 
»efrtebigung fud^t unb pnbet. ®er toa^ri^aift Sirene fd^eut 



44 



e^intempetamenle« 67 

jebe Untreue afö einen SlbfaH bon feinem fcejfem Selbfl, 
)9eit fle aQemal ^ugleic^ ein f^eDet an ber äßa^irl^aftiflleit, 
biefer J^eilig^firengfien unter ben wenfd^l^eitberbinbenben fflöt« 
tinnen, ifi — unb toie bem S)eutfd^en ,,2;reu unb ®lauben 
0,3:^rauen") untrennbar ftnb, bem SSriten ,,treu unb too^ir 
in einen SSegriff jufammenge^en, fo ermahnt mit fc^dnem 
5)oj)!t)eIftnn ^oloniui^ ben fd^eibenben ©ol^n: 

This above all: To thine own seif be trae; 
And it mnst follow as the aight the day, 
Thou canst not then be false to any man. 

p^HamleV, I, 3. 

Unb bie 3:od^ter ber 2:rette ift bie S)anlbarleit^ bie 
be0 @m))fan8enen fUIt gebeult, auc^ tvenn fie boS nid^t 
fennttt(^ mad^en, it(^ nic^t ^.erlenntlid^'' betoeifen tonn, 
^od^ i^at aud^ fte i^r @egenMIb — baS nad^tr&gerifc^e 
©rübeÖT ber 3la^e ifi*8, ba3 nld^t „öergeffen" fonn ba« 
erfal^rene Unred^t, bie erlittene ÄrSnfung — ,,banfbar" 
unb „lancrsBche" flnb bie Äel^rfeiten einer unb berfelben 
Xreue ber gm^jrefftonobiHtät. 

%Oi^tofXi, ntad^t bie 9lbfd^A|ung ber 9iecet)tibitftt, 
abgefel^en i^on ber oben&eft)ri)(^enen 93en9e<^felung, fafi gar 
feine ©(^toierigleit — fie gibt fid^ foaufagen am naitjflen 
ju erfennen — bcnn ein in biefer SBejie^ung biffmtuliren- 
ber S3rutu9 )t>irb nur unter ganj befonbem UmflAnben jn 
^)rftfumiren fein. — Uebrigen« ifl felbjl bie Songfondeit ber 
Stece^ti^tät — bied ^omel^mfte oi^alterifHIon beiS gil^Icgi: 
matiferS — nid^t ol^ne eine ii^r eigentl^ämlid^e £ugetib : ^ 
ifl bie Sangmutl^; benn, toie mit jeber 9teaction, berjie^ 
ber ^l^Iegmatiter aud^ mit ber Strafe unb l&|t bie Sd^ui^ 
erft btö ju einem geitiiffen 9ta^e fi(^ auffummiren, el^e er 
bagegen einfd^reitet ; falU nid^t ettoa ein {torler ^t>ySmsA 
i^n anreiht, aldbolb eine ^^ätemebur^^ beS herleiten Sted^tS 
ober ber geißörten Orbnung }u fud^en. SKber ^ccMs^wxai 
ift ed fd^u>ad^e @!t)i)ntaneitat, toeld^e bie SbiSfibung biefer 
3:ugenb erleid^tert; bed^alb ftnb ceteris paribns bie SRfit» 



68 3)ie nd^ften SRifii&ungen. 

ter Icmgtttät^iflet atö bie SBftter, unb bie ©rofe&ltent am 
aUerlangntütJ^tgflett — bie lajfen fid^ t)on ben ungezogenen 
(Snfeln nur ju oft „auf ber Siafe fi)ielen", unb toer im 
gto^ätterlid^en ^aufe grofe genjorben, ^)flegt nod^ ,^\)er= 
jogener" unb bei d^olerifd^iem ober fanguinifd^em Xm.'p^^ 
xammt no6) „unbänbiger" ju fein aU bie @öl&ne ber 
aSittoen. 2)er 3©^« be^ „l^i|igen" ©l^oleriferS toaUt fo^ 
fort auf, too ber Sangmütl^ige nod^ erft abtoartet, too^ 
.„au§ bem S)tnge toerben toiH", unb ber fanguinifd^e 
„a3raufefoj>f" fann eg fd^Ied^terbing^ nid^t begreifen, toie 
man „bei fo ettoaö nid^t au^ ber ^ant fahren" foHe, gür 
bie Unterfd^iebe ber 9lece^)tit)ität allein ifl bie SSergleid^ung 
ganj jutreffenb, ioeld^e man mit SSorliebe für bie %^mpc^ 
ramente f eiber gebrandet ^at: mit guten unb fd^Ied^ten 
SBärmeleitern — langfam „tl^aut auf", toer üon langfamer 
3iecet)tibität ift — unb bem „fod^t balb ba« Slut", beffen 
3lece^)tibitÄt öon befonberer SRafd^l^eit ift — tjmn man 
iDirb ja njieberum nid^t i)ergeffen bürfen, bajs e^ fid^ bü 
biefem Segriff ber 9tece:|)tit)itÄt um bie ®ntt)fänglid^leit für 
3Rotit)e unb ©emüti^öeinbrüde, nid^t birect um bie 3fiafd^= 
l^ett ber intellectueffen Sluffaffung^gabe l^anbelt, i^eld^e toir 
jtoar nid^t für abfolut unabl^fingig tion jener l^alten, aber 
böd^ auc^ fo fe^r für ein ©ecunbäre^ unb burd^ toeitere 
3toifd^englieber SSermittelte^, bafe e^ m^ nid^t fofort ba« 
6once!|)t t)erfd^iebt, toenn toir ettoa bei ©dualem t)on faft 
a^)at^ifd^ ©leid^gültigfeit be^ 5ßl^legma^ einem aufeer^ 
gett)öl^nlid|f „ leid^tlernigen " Äoipfe begegnen — fo toenig 
toU ba^ (Begentl^eil : auf faffenbe „©d^toerlemigleit" bei gro= 
^er SBiHenSirritabilitfit — toir toiffen ja überbie^ fd^on, 
*aj3 bie^ nad^ ben berfd^iebenen Sel^robjecten berfd^ieben ju 
fein pflegt. — SBenn alfo tauf enberlei äftotibe bie „ t)erl^at 
tene" ©tjontaneität genjiff ermaßen gu einer öerl^üllten 
mad^en tonnen, genügt ber Siegel nad^ fd^on bie einzige 
©itelfeit atö SJriebfeber, bajs einer mit ber 2lrt feiner 9ie^ 
ce!t)tti)ität nid^t „l^inter bem SSerge l^alte", toäl^renb bie 
^^atax ber SReagibilität oft genug „belauert" fein ioiff unb 



@(^emtempetamente. 69 

jebe 2trt Don Uebetrafd^ung für pc atö ^ptöbirflein fid^ 
em^fic^ft; benn gerabe im erften Gontact, el^e bte reflec^^ 
tirte . ßontcnance 3^t gctoinnt , il^rc SWa^Ie bor julegen, 
tjetrfttl^ fid^ bie Oegentoirfung in gar ntand^erlei SBeifc. 
Sm toenigflen leidet „Verliert bie gaffung" ber 5ßl^Iegma= 
Wer — bie aTapalfa brandet er t)om ©toiler nid^t erft 
ju lernen. Slber unter bem QtoatiQ t>on 6ont>enieng unb 
©itte tjermag un§ fd^on ba§ fanguinifd^e 2Bei6, unterfHi|t 
t)on einer angeborenen, rätl^fel^aften, faum irgenbhjeld^er 
Uebung bebürftigcn aSirtuofität im 35iffimuliren, einen 
Slugenblid ju täufd^en; unb tt)enn fid^ bie d^olerifd^en ^u 
plomaUn noi) beffer auf i^ren SSortl^eil t>erftanben, fo 
toürben fie ftc^ ben t)otten 33art ftel^en laffen, bejfen ^Ce^^ 
leologie ©d^ojjeni^auer atten ®rnfte^ barin finbet, bafe 
äu^erlid^ erfe^t n^erben foffte, toa^ bem SBeibe t)on .^aufe 
au§ innetoo^nt: eine größere ©etoanbtl^eit in Sel^errfd^ung 
beS 9Wienenfj)ieI^. SBer feine ©emütJ^Sbetoegungen „Der^ 
bei^t", t)err&ti^ ja baburd^ fd;on, ba^ er ein ©el^eimnife 
l^abe unb bamit, nad^ ^ean ^aul, biefe^ f eiber toenigften^ 
jur ißälfte. 3ln benen alfo, bie „fid^ geben n)ie p^ finb", 
muffen bie 6lementarobfert)ationen angepeilt lüerben. 3Ba^ 
ben (betroffenen „beflürjt", fann ben SWitfül^lenben „er= 
fd^üttern", unb felbft ben relatit) ©leid^gültigen „confter- 
niren" unb „betroffen", ober, tomrC^ ein ^^legmatifer ifl, 
toenigftenö /rftufeig" mad^en. SBa^ ben rul^igen S^^6)ancx 
„in erflaunen fe|en" mag, „t)erbu|t" leidet ben, loeld^er 
gteid^ eine Slnttoort barauf bei ber $anb l^aben foHte, unb, 
loeil er fie nid^t l^at, mit ftodenber Stimme unb offenem 
5Wunbe baftel^t, aU entfül^re biefem bie flumme grage: 
„tt>a^ tt)itt ba^ l^ei^en?" ober „toa§ foU id^ baju fagen?" 
®ibt bem 3Serbu^tfein eine 3)oft§ Sornirt^eit nod^ ein be« 
fonbere^ ©efd^mädd^en, fo })flegen toir an^ „elfte ©ebot" 
ju a))j)ettiren — benn Dor un^ fielet ber „SBerblüffte"; 
ber l^ält erft red^t 3Waulaffen feil, möd^t* er bod^ toiffen, 
h)ie er eigentlid^ baju fomme, auf fo cttoa^ g^f^fet fein 
unb tool gar nod^ SRebe ftel^en ju fotten. 838o ber fangui^ 



70 S)ie itAd^fien fBüHilx^tn. 

nifci^c ©ttlölo« nur für eine 3^it lang ,M^l^i^^ bleibt 
(t^etl fein S)enten ft4 Demirtt)/ ba feigen h)ir ben anft^ 
matifd^en ®v*foto3 auf bie S)auer „eingcfd^üd^tert". 
(gfccnberfelbc toirb, toottenb^ bei „ncrt)ftfer" SReiabarfeit, 
leidet „f^^«*)&<ift" ««*> ^öd^ toeit entfernt t)on eigentlid^er 
„Slngfl" fein — man brandet nur^ an aBattenjiein ju er- 
innern. äRand^er gittert beim unt)ermutl^eten Slnblid einer 
3Kau« unb fielet fejl im bid^teflen Äugelregen — aud^ ba« 
gehört jur »rt be« Slnämatifer«. SJer ©c^redl^afte „fAl^rt 
jufammen" für einen SCugenblidt unb tl^ut einen ©d^ritt 
rüdtofirtÄ, aber fann ben ©inbrudf fofort t)ern)inben; ber 
geige „bebt'' inmitten ber — t)ietteid^t nur eingebilbeten — 
©efal^r, ber älengftlid^c fd^on bor ber blo« möglid^en, bie 
il^im iebodji feine ©nbilbung^fraft aU eine mirHid^e unb 
nol^e bergegentoärtigt^ ©d^on Su^brüdfe tt)ie: „bie Slngft 
befällt, überlommt einen" entl^alten aufeer bem SKo^ 
ment ber ^affit^ität im SSerl^alten }um angfterregenben 
SRotit) ba« aWerfmal beg ^ßWfelid^en unb SWomentanen, 
Slffectmft^igen, wogegen gurd^t eine bauernbe ©timmung 
bejeid^net- 3n a:Jobe«furd^t lebt jeber, ber ba« ßeben lieb 
l^at, fo oft il^m ba« ä3eto)ugtfein tommt, bdg er einmal 
jlerben mufe; in S^obe«angfl nur toer eine fofort brol^enbe 
®ef al^r für fein 2^bm t>or Slugen fielet ober, ju feigen meint. 
2)ie gurdjit fafet anii) ferner ftel^enbe aWöglid^Ieiten in« SKuge 
mit bem SBetoufetf^W/ ba§ beren aSertt)ir!lid^ung fobalb 
nod^ nid^t ju ertoarten fei, unb nimmt bemgemäg auf 
Slittel 3ur S^ettung Sebad^t ober {tel^t fid^ nad^ $ülfe um. 
333er Slngft enH)finbet ~ j. 33. bor l^erannal^enber ©i^^olera 
— i^egt fein SSertrauen ju benf barer $ülfe, fonbem fud^t 
attemal fein $eil in ber glud^t. S)ie Slngft treibt t)on 
Rinnen, bie geig^eit bannt auf bem gledEe feft. ®en ^^^ 
j)od5>onber nennen tt)ir ftngftlid^, tt)eil er ba« fteinjle ©d^merj* 
gefül^l auf grote«! ausgemalte Urfad^en jurüdtfül^rt unb 
flünblid^ feinen — ioom&glid^ tägli^ getoed^felten •— Slrjt 
mit bem SSerlangen beftürmt, i^m SRittel ber Slbioel^r ober 
immer „Ijeniblere" aSorfc^riften einer bifttetifd^en ^xop^tf^ 



Uiß an)uge|^en; obtx einen l^^^od^onbem ®eneralif{tmu$ 
bet ^^^eit )u }ei|ien, fyabm ti)ir felbft bann nid^t un6e^ 

fel^ens ein 9fte^t,tt)enn er of)nt ©d^njertjlreid^ bie ^am^ 

ipetfc©tellunß })reiöflibt — S)ie Seftürjung toirlt momentan 
beif geiglieit^ bie ©d^red^aftigleit ber Slngft gleid^. ®en 
Seftütäten toerläfet bie Sntfd^loffeni^eit/ unb ber erftarrenbe 
^lid f^mboUrirt bie loorüberge^enbe S&l^mung; ba$ tü^= 
aufgeriifene äluge bei$ äSerbu^ten m^d^te bie ab^anben ge- , 
b)mmene @eifte^gegentt)art iDieber l^erbei^olen — ben )ur 
glud^t gekoanbten ^nteUect am Sd^of^fe ^^aden unb }urüd(' 
rufen; ber SBerblüffte, fd^on bon 3latur nid^t attju „be= 
fonnen"^ bü^t unter bem unerwarteten — ja felbft unter 
bem um^er^offten — ©efd^ei^en fein bigd^en SSefinnung, 
unb tüa& i^m an flarem I)enlen juti^eil geiDorben t>oKenb^ 
ein. ®er ©d^reö^afte unb Slengftlid^e fel^ien fid^ unfidfiep 
f d^toeifenben Sluge^ nac^ ^ülfe um — ber Slengfilid^ie aud^ 
in bie §erne^ \oci)in auäfd^liejslid^ fi^ bad @efül^l ber 
„33angig!eit" rid^tet (toe^l^alb aud^ bag intperfoneHe „mir 
bangt" fo gut mit „nad^" n>ie „um" toerbunben lüirb — 
jeneiS befonber^ fübbeutfc^ munbartlid^ im ©inne beä ©ej^^^ 
nm&, gerobe fo toie ba£ finnberiDanbte „t» tf)ut mir al^nb 
nod^ i^m" et^mologifd^ mit „ao^nung", bem ber jeitlic^en 
ejetme jugefe^rten ©efüi^le/ unb mit „Sllti^em" unb „a^i^na", 
Siv6,\kQi, bem )[)orti)ärtS ftrebenben $aud^e^ jufammenl^ängt). 
gür bie Xemj)eramentgerlennung ift bemgemäg bog „Sans 
gen" o^ne SBerti^ — unb fönntc un^ hü ber Slu^fd^eibung 
\ex uned^ten £em))eramente nur infotoeit angelten ^ als 
npd^mate ber ^p^tolic il^r Xem!t)eramentSd^ara{ter ju be^ 
ftreiten toäre. aSaS nod^ im ©unfel ber Sufunjt »er- 
borgen rul^t^ tann aUerbingS a{S SSorfleKungSbUb mit 
Dotter aWotitotraft im Qnnern tt)irfen, aber nid^t jur ®in= 
ftd^t in bie inbiioibueUe Sieagibilität gegen äußere Stealit&ten 
toerl&elfen. %üx biefe ift bie SJ^Sfolie mel^r eine 3Soraug=^ 
fe|ung als eine gormf eiber, tt^iebie ,,33löbigfeit" beS 2lnÄ= 
matilerS biefen baju j)rÄbiS))onirt, leidet „öerlegen", toe^ 
ni^fienS ,;betreten" ju werben; Worauf wir übrigens nod^ 



72 3)ic itä*ften SBifd^ungen. 

in anberm 3ufamtnenl^ang, be^uf§ bcr ctJ^ifd^en 3Bütbigung 
biefet unb beth)anbter ©tgcnfd^aftcn, jurüdlommen toerben. 

^paraboja fönncn felbft ben fcdften ©l^olerifer ptvplcic 
mad^en — fofern nur ber ^UUtd habet in SBerlegen^cit 
gerätl^; Itjeil aber 6l|ioIeri!cr unb ^l^legmatilcr einem ber^* 
artigen Oefül^l am liebflen in jeber ®eftalt au2 bem SBege 
gelten (ber ©anguinifer möd^f ^ aud^ gern — bod^ fein Xem* 
!perament forgt fetter bafür, ba^ er bie Se!anntfd^aft ba* 
mit immer tt)ieber erneuere), fo erllärt fid^'ö bieffeid^t fd^on 
l^ierauö, ba§ biefe sperren burd^au^ !eine ^eunbe Don ^a= 
rabojien ju fein ^Jflegen — ja man bamit tool eigentlid^ 
am cl^eften bei ber grauentoelt ©lüdE mad^t, too nid^t gar 
bei ber ^auentoelt bamit am el^eften fein ©lüdf, ba bereu 
3Wel^rjal^l fid^ an§ jmeite unb britte 2^emj)erament t)ertl^eilen 
bürfte. Unb mag'§ aud^ felber n)ie ein 5ßarabojon Hingen, 
fo ijl'^ bod^ toa^r: in ber ©efettigfeit bienen fd^roff auf= 
geflettte ^ßarabogien baju, burd^ momentane 6ntfrembung 
bie ©emütl^er nad^l^altig einanber ju näl^ent; benn fie jei* 
gen in ber ^eterogenften gorm ba§ tro^bem beftel^enbe 
Oemeinfame ber funbamentalen SBeltanfd^auung auf. ®a§ 
5ßaraboEienfj3ieI l^at ja mit bem SBi^e bieS gemeinfam, ba^ 
e§ auf bem Sel^agen berul^t, bie Unjulänglid^!eit aller 
2lbftractionen inbirect imb ftifffd^meigenb barjutl^un. SUn- 
bererfeit^ j)articij)irt e^ an ber SBal^r^eit atter ©iäleftif: 
bie ©infeitigfeit ju t)erl^inbem unb felbige ju bd&mp^m 
mit bem ©ränd^en SRid^tigfeit, n^eld^e^ aud^ in ber ejtra^ 
Dagantefien Sei^au^jtung nod^ tjori^anben ifi. 2Cn fid^ aber 
l^at e^ fein einfad^fle^ SRed^t unb feinen untpiberftel^Iid^en 
9ieij für aUe, bie nid^t gerablinige glad^fö!pfe finb, barin, 
baB e^ atter S^ribialitftt birect unb abftd^tlid^ ben Ärieg 
erflärt unbju jenem <Stannm l^inüberleitet, tt)eld;e^ aWo- 
tit) JU „toeiterm" 3lad^ben!en Itjirb. %üx bermaubte SKa= 
turen aber bient e^ afö @rfennung^jeid^en, tvmn man 
finbet, ba^ anbere aud^ fd^on unfere flüd^tigen ©infötte 
fid^ l^aben burd^ ben Äoj)f gelten laffen. 

Stoeifel an ber S^^^lÄfftgteit ber im Obigen entl^afc 



6(i^eintem)}etantente. 73 

tenen ©onbe für bie Spontanität mßd^ten enblid^ nod^ 
einem auffieigen, n^eld^er fid^ flberl^auHJt cjeh)unbert, ba^ 
ber reinen gorm be^ 5ßl^Iegmatifer^ ©tär!e ber Spontan 
neität beigelegt Sorben — aber ba^jenige „refolute" 
SEBefen, toeld^e^ toir am ed^ten 5ßl[ilegmatifer finben, ift mit 
Sangfamfeit ber 5iecej)tibität fel^r n^oi^l vereinbar — benn 
biefe fann hjol ba5 ?5affen eineö ®ntfci^lufye§ t)erjögem, 
aber bejfen Slu^fül^rung nid^t auf Italien — unb bieSe:: 
reittoitttgfeit, bo^ nad^ einigem „33ebenfen" 33efd^loffene 
aföbalb in^ SEßerf ju fe|en, berbanft ber ^pi^Iegmatifer cbm 
ber ©tärle feiner ©Jpontaneität — unb l^at bann bor bem 
tjieHeid^t nur rafllofen Sl^olerifer bie Unermübüd^feit i)Dr:= 
au^ — tt)ir aber in biefer ©ifferenj ein toeitereö 3KitteI, 
ben uned^ten t)om ed^ten ^pi^Iegmatüer ju unterfd^eiben» 

Slfö eine ber atterl^äufigften 58errt)ed^felungen ift an- 
gefünbtgtermafeen nun nod; bie be^ ®ufoIo^ mit bem ©an- 
guiniler in Setrad^t ju nel^men. SBie bie frül^ere ^^emJpe- 
rament^lel^re fid^ überl^auJpt nid^t fd^eute, gleid^jeitig i)er= 
fd^iebene Gintl^eilung^grünbe nebeneinanber jur 2lntt)enbung 
ju bringen, fo tourben t)on il^r ba^ fanguinifd;e unb melan= 
d^olifd^e Semj^erament übertoiegenb auf bie ©u^ceJptibilitfit 
für ©efül^le geftellt, itJäl^renb ba^ anbere 5paar — d^ole^^ 
rifd^ unb Jpl^Iegmatifd^ — eine feflftel^enbe ^roJportionalität 
jtoifd^en ber ©j)ontaneität unb ber reci^jirten 6intt)ir(ung 
au^brüdEen mod^te. ®a l^ie^ eS: ber ©anguinifer Verar- 
beitet innerlid^ feinen, ber 3Keland^olifer alle ©inbrüdte — 
bal^er l^at biefer fo biet ©inn für aU „bie Keinen ®inge" 
an^, benen dn ^can ^avl feine jartefte ^poefie gettjibmet. 
— S)en fogenannten SWleland^olifer werben n)ir unten im 
Slbfd^nitt t)om „©emütl^^menfd^en" unb afe feine ©d^ranfe 
in ^infid^t auf bie Jpraftifd^e „Sraud^barfeit" eben biefe 
Eingebung an ba^ Unfd^einbare fennen lernen. 35a^ toix 
aber dnm fold^en Slnämatifer c öfter traurig afö l^eiter 
finben toerben, liegt am Sauf ber SBelt, afö tpeld^er mei^r 
trübe benn frol^e 6inbrüdEe l^erbeifül^rt. ®em entf^^red^enb 
ift umgelel^rt bie §eiterfeit be^ ed^ten, nid^t blo^ toegen 



^^X^ani^m^t ®ufoli€ Ijafft? ang«fe|»enen, ©anguinifer« m^ffx 
mx <?^rtn; eg fin^ nt^t tviiAlid) me^x fröi^Ud^e aU trübe 
Stimmungen in il&m — fonbent ber xa\6f^ SBed^fel in f^i? 
nen ©wütl^^jiiftänben ift bie cinjige Utfad^fe, toenn Hm 
Ztm^x ü&e? iffn bauernb bie ^errf^aft gewinnt 

©0 l^ltm S)ir wd^ l^ie^ an bem ©trebenfeft, tortd^ieÄ 
ung fd^on oben S. 39 geleitet f)at: „ba^ 2;eniperament wnb 
feine ^ariet&ten na^ b^m suum cuique ebenfo fefi ju um^: 
jiffen"^ tpic äU biebamitbi^l^er confunbirten®ebiete; unb 
)(penn ^^ babei aEerbing^ ol^fne eine tl^eilmeife Umb^utung 
i^efgebyod^t^ S^etwinologien nid^t abgel^ien fonnte, ja fo^* 
gar bie 3Jßtl^igung i)orl(ig, ber bi^l^erigen 2;em})erament*^ 
leiste ^/mit ge^tffen ©ebietsti^eilen aud^ einen Flamen ju 
entjiejfen'': fo jeigt fidgi gerobe an biefer ©teUe, wie ein 
W^eS 35erfa^ren nid^t blo? im 3fntereffe ber leid§item SBer:: 
ftänbUd^feit eingefd^togen tpurbe, fonbern aud^ in ber %f}^ 
fid^t, „unä nld^t allju toeit "oon ben burd^ Ueberlieferung 
feft geiporbcnen SBorfteffungen ju entfernen"^ Ueberbieg ab^ 
iiefe fid^ aHein auf biefem 9Bege i&offen^ bie bunten, frau:? 
fen Seben^erfd^einungen aud^ nur ber fd^einbar pnn^elftm 
3nbit)ibuaKtW ein^eitlid^en QJefid^töpunften ju unterteilen. 
SBie bie^ burd^ bod hinüber ^ unb ^erüberf^iel^n ber ani^i 
finanber}ul^altenbm (Srfd^einungsmeifen gan^ au§erorbe)tt? 
li^ erfd^tDert ta>vä>, bo^ l^at fid^ ja bereitiS mel^r aU ein? 
mal fattfam fül^lbar gemad^t- SBir feigen ja j. ©. ben- 
jenigm/ tteld^er insgemein ein SJleland^olifer genannt toirb, 
mit ganj^r ©eele aud|f in ba« fid^ i)erfenfen^ tt^og il^n im 
nerlidp b^glüdft — unb ber ®rab, in toeld^em er l^ierju 
neigen mag, ift nid^t unmittelbar burd^ fein Xem^l^e^ment, 
fünbem babutd^ beftimmt, ob er b aneben mel^rk^om^u« 
Ipipg pbei: i>om ®^iS!oloä in fid^ trögt (®e^l^alb ijfaben 
»iJ? obm ©. 29 unii 47 einer fd^led^tjj^inigen Sbentifi^ 
cirung beg SJ^^folo« mit bem fogenannten aJlelanc|ioIif er t)or= 
jubouen gefud^t.) 

S)er ^n&matiler ift aber aud^ infofern an ben $la| 
be^ ^eland^olifer^ gerügt, als bie äl^atl^ie bie ^ri^ation 



@$emtent)}etatnente. 75 

üm^ ber il^m grunbitJefentlid^en SKerfmale fcejeid^net^ 
©elbfl bie Dbcrfläcl^Iid^feit fielet nad^gerabe bcüjon ab, ein 
,,inboIente^ SBefen" für bag fid^erfic unb it)id^tigfie Äenn^ 
jeid^en eines 5ßl|ilegmatilerS ju l^alten — benn bet SRefipect 
üor einem — jutoeilen fogar l^öd^ft — energifd^en 5ß](>leg= 
matifer ifi ebenfo fel^r im Steigen, toie ber loox einem im 
©runbe „fci^IcH)})fd§iiüänjigen" ßl^olerifer im ©inlen be- 
griffen — man f}at fid^ eben — unöermerft — fd^on ber 
rid^tigem Sluffaffung genäl^ert unb angefangen, bie 2;em= 
jjeramentöunterfd^iebe Weniger in ben Oegenfafe toon aBiUenS^ 
ftärle unb Sl^aralterfd^tPäd^e ^u verlegen, aU banad^ 5u 
fragen, ob bie ©^^öntaneität (ref:p. SReagibilität) ftoB- ober 
rudtoeife nad^ au^cn bränge, ober ftetig jurüdtoirfe. 

®od^ überfe^e man nid^t: felbft im Sereid^ beg Gi^os 
lerilerS fann man auf ©rfd^einungen fto^en, it)eld^e für 
(Sigenti^ümlic^teiten beS 3ReIand^oIi{erS Pflegen angefel^ien 
2U toerben; e§ fann (unb bamit gelten loir nod^ etioaS 
^inauS über baS, toa^ ©d^o))enl^auer, „2)ie 2Belt aU SBiUe 
unb aSorfteHung ", I, §. 57 im ©^Iufeabfa|, anbeutet) 
bie ganje Energie fogufagen nad^ innen f dalagen, unb bie 
intenfiöe ©lafticität eine« Ci^olerifer« a — (iumal, bod^ 
nid^t auSfd^Iiefelid^, toenn biefer jugleid^ ©^StoloS ifl — 
beim @u(oloS toirb freilid^ ba« SRotiü ein anbere« fein unb 
ber (grfolg leidster im ©inne ber ßeben^bejal^ung auffallen) 
fid^ einfeitig ber SBerarbeitung me^ Ungeheuern ©d^merje« 
gutoenben, 3n fold^en gÄtten tritt bie 2;i^atfrajt gar nid^t 
nad^ au^en, ol^ne ba§ fie beSloegen aufhörte, biefen 3la- 
mm ju berbienen — bie blo^e SereittoiHigfeit jum gort= 
esiftiren ift bann fd^on aU \i)t grofee« SBerf anjuerfennen 
— felbft il^re ©igenl^eit be« ftofenjeifen SBirf en« brandet pe 
nx6)t aufjugeben, loo fie fid^ fo in« ©efü^feleben berfd^Iiefet: 
benn gegen bie intermittirenb toieberfei^renben Singriffe beö 
aufgefrifd^ten SBel^S brandet'« einen iebeSmal t)on neuem 
aufgenommenen Ramp^ unb nur ein immer toieber er^^ 
rungener ©ieg garantirt ben gortbefi| be« einmal ®r= 
fSirtpften — aU SJeifJpiel bergegentoärtigc man fid^ ben 



76 S)ie tt8(3^ften aMifd^un^en. 

^nm 5ßaulu^ gettjorbenen ©aulu^, aber aud^ atte Slfceten 
wn urf:(3rängKci^ großer aBitten^beJ^emenj. 

®^ ifl un^ ja überl^auj^t nie in ben ©inn gefommen, 
in SKbrebe [teilen ju tootten, ba^ gettjiffe S^enHJerament^- 
formen !|)räfumirbarerh)eife fid^ leidster mit ®^^fölie, an^^ 
bere mit ©ufolie jufammenfinben werben — nur ift ju 
befreiten, bafe fid^ ein fold^e^ S^f^^^menfein a priori 
fidler be^au^^ten lajfe. 9Kag aud^ flad^e Sfm^jreffionabi^ 
iität gettjiffermafeen jur ©ufoUe, tiefe jur ®^0folie 
:>)räbi^:(3oniren, fo barf barau^ bod^ niemanb eine au^nal^m- 
lofe Siegel mad^en ober biefe gar auf ba§ ,,metalogifd^e" 
@efe| ber Sbentitftt ftü|en Collen. SBa^ ju fold^er irt^ 
ti^ümlid^en ^nnal^me t)erfü]^ren fann, ift namentlid^ bie 
©d^hjierigfeit, toeld^e bamit berbunben ift, em^^irifd^ ge= 
gebene ^perfönlid^feiten wn fold^em fd^einbaren Sieben^ 
einanberbeftel^en ber ©egenfft^e nad^ unferer 5Cem:(3erament^5 
tabelle rid^tig ju beftimmen, fofem nämlid^ bie Dberfläd^:: 
lid^feit allemal geneigt fein toirb, ©rfd^einungen \t>k ben 
fanguinifd^en unb anämatifd^en ®ufolo^ miteinanber ju 
t)ertt)ed^feln. 2Bir lönnen j, SB. beim (Sl^olerifer c mit 
einiger SBal^rfd^einlid^feit ©^^folie unb beim ©anguinifer 
d mit nod^ größerer — ©ufolie tjermutl^en; aber fd^on 
unfere Seif^^iele ju d^olerifd^ d (ß. 28, Slnm.) festen 
©^^tolie Ui flad^er 3»»i^)refftonabilitÄt tjorau^ ; unb inbem 
tt)ir fie l^ier bermel^ren um ba§ „leidet :j)iquirte" unb bann 
tagelang fd^mottenbe , ober, bei trofeigerer ©inneöart, „mau= 
lenbe" grauen jimmer orbinären ©d^lage§, tüiffen toir ju- 
gleid^, bafe ber „t)ergrämelte ©auerto:t)f' unb ber ,,nnm^^ 
fte^lic^e Quengler", \ok ba§ fogenannte „unjufriebene ©e^ 
müti^" nid^t in biefelbe SRubrif, fonbern unter „anäma^^ 
tifd^ d" gel^ören. Unb obgleid^ Seid^tfinn afe 3Wanifefiai 
tion^tüeifc be^ ©anguiniler^ erlannt tourbe (©. 30, Slnm.), 
fo fd^lie^t bod^ ber eble ©ruft eine§ d^olerifd^en ®^§folo^ 
ba^ Segelten „ leid^tfinniger ©treidle" fotoenig an^, mie 
bie ®^^folie eine^ ed^ten Slnämatifer^, ba§ \oxx benfelben 
jutoeilen in red^t „aufgeräumter" ©timmung antreffen (n)ie 



Temperamente; pofob^nif^er ®egenfa^ unb plaftifd^eS @#em. 77 

ein 3tanier „aufgeräumt" l^ei§t, toenn barin nirgenb« 
ntel^r etoa^ „im 83Bege fielet")- 33ei ber ®EettH)lification ju 
„fanguinifd^ c" l^aben toir ben „ftuj)iben ^ifefo^f" genannt 

— unb bamit aud^ l^ier bel^au!>)tet, ba§ SJ^gfolie ijorforn^: 
men fann, too jeber a priori „unbefel^enS" gern auf @us 
lolie fd^Iie^en njürbe. — ®en gönnen sab 14 unb 16 ber 
2;abette jeigte fic^ — nad^ il^ren brei gemeinfamen SKert 
malen — eine geft>iife ©tuttH)fl^eit eigen, unb fold^e l&%t 
fid^ ol^ne ©influfe auf bie intettectuette ©eite ber Snbibi: 
buatttät laum t)orfleIIen, — aber nur, tt)o atö i>ierte^ 3Rerfc 
mal flad^e S^t^teffionabilitfit l^injutrat, fallen toix m^ ber 
©tum^^fl^eit eine „blöbe" 35um!>)f^eit be^ gül^len« Serben 

— unb bafe fold^e ber eufolie SSorfd^ub leijien tann^ ge- 
reid^t biefer nid^t gerabe jur @nH)fel^lung. 

äBunbt l^at (in @u|(on)'^ „Unterl^altungen am l^ftuslid^en 
$erb", 1861) in ba« Signalement be^ ©anguinifer^ unb 
ei^oleriferä einen rafd^en, in ba^ be^ 5ßl^legmatifer8 unb 
9Reland^oltter^ einen langfamen ^M aufgenommen, unb 
toenn toir un^ nid^t bie 33efd^ränfung auferlegt l^fttten, i>on 
)>^^ftognomifd^en 93efiätigungen burd^toeg abjufel^en, fo 
toürbe l^ier aQerbing^ ein @£cur^ über bie „SlrtiKerie be^ 
S(ugeS" am ^la|e fein. 



2. 2)ie !£em)ieramente in SerBtnbttng mit bem tiofob^- 

nif^en (^egenfa$ ttnb beiber lBe}te^nng snm :|ilaftif(l^en ober 

re)irobitcttbett ©Aftern (^l^ama @una). 

©elegentlid^ (©. 50) fiprad^en toir fd^on babon, ba§ ba« 
Jpanbeln be^ ßi^oleriler^ burd^ S)^^lolie eine getoiffe S)äm? 
^)fung erfahren fftnne; l^ier bürfen loir J^injufefeen: nur ben 
d^olerifd^en (Sulolo^ toirb ein abfolut rafd^e^ abgreifen fenn= 
jeid^nen. Umgefel^rt l^aben toir, too fid^ Slnämatie mit 
2)^«Iolie burd^loebt, ben ^ßrotot^J) be^ Urängfierlingg ober 
beS aßjeit unau^flel^lid^ nörgelnben „Duerfo))feö". da- 
gegen fd^eint beim anAmatifd^en (SufoloS an Sllbernl^eit 



7Ö S)ie ndd&flcn SDUfd^ungcit. 

firelfenbc SufHgfeit be§ fobcn mattre de plaisir inbiclrt ju 
fein, toennglelc^ um fold^en ^ßoflen m^ gern ein ©ans 
gutnifer, juntal bon ber gotm d, amWten toirb, faD« ifim 
nnr bie etforberlid^e eutolte ben ©!>)orn baju anfefet. 
(3lftl^ereS l^ierju im folgenben Äa!t)itel) 

aber n)ir iootten berfud^en, bie nad^ ben möglid^en 
S)o!>)i3ettreujungen am toeiteften au^einanberfiegenben Kip- 
po[üa einanber gegenüberaufleDen , um in bemfelben 3«= 
fammenl^ang gugleid^ nad^gutragen, n^a^ über bie aSejiel^ung 
jttJifd^en ©onfiitution , 2;em})erament unb ^)ofob9nifd^em 
®egenfa|, mel^r neben unb außer afö tro| ben aSamungen 
\>ox leid^tfertigem Sbentificiren, toie fte frul^er anzubringen 
nwren, ipaftbare^ jid^ aufjletten läßt. 

©d^led^te SSerbauung ^at leidet SSerftimmtfetn jur golge 

— auf biefen ©rfal^rung^fafe beruft fid^ ber meta!>)^^fiHofe 
Stanbjjunft lieber ate auf ben ebenfö toal^ren: ©emütl^^^ 
\)erfiimmung jiefit leidet eine 5Digeftion^ft8rung nad^ pd^ — 
benn lefeterer jtel^t beinal^e fd^on fjjiritualiflifd^ an^ unb 
it)iberfe|t ftd^ iebenfaH« ber fo bequemen ®ntftellung, mit= 
tete toeld^er man erjlern in ein ,,aSerfiimmtfein ifl bie gölge 
fd^led^ter SSerbauung" umformen möd^te. ®^ pa^ ben 
SBerfed^tern beg „ber SWenfdgi ifl toa« er ißt" nid^t in il^ren 
Äram, baß SRameau'« SKeffe („3larciß") nur bie l^albe 
SBal^ri^eit fagt. SBie immer bei ber S^lg^tung : Post hoc, 
ergo propter hoc, fo toirb auc^ bon jenem, confequent 
fein tt)ottenben unb barüber einfeitig loerbenben, 9Roni?mu8 
ignorirt, baß in ber ©aufaHette jeber Swpanb jugleid^ 
SBirfung unb Urfad^e ift, unb baß eö gar nid^t be« SRotl^? 
bel^elfi^, eine aHemal jtoeifell^afte SBed^fetoirfimg ju fta- 
tuiren, bebarf, um nad^ einanber in^ SBetoußtfeln tretenbe 
©rfc^einungen afe nebeneinanber bejie^enbe Sleußerung«= 
toeifen eine« unb beffelben ©runbioefen« gelten ju laffen. 

— Db ba« bie Sntefiinalf^^ftre, atö „©id^tbarfeit be« 
SBiffen« ju effen", „berjlimmenbe" SKotito eine materielle 
tteberlabung be§ SJaud^« ober eine Slffection be3 ®emütl^8 
ift: ba« änbert nid^t« an ben beiben nebeneinanber ^tv^ 



0b> \oM einem ,;{tn 3Wagen liegt"> HoffUd^fet öbetr geilttget 
9tätvix Vjt, ttägt ntd^tö au« für bi^ ^j^^ftöCogtfcli^^JÄtl^ol^ 
gifdffm unb bie ^f9^ologif(^^affectii<)en Sßfthmg^tt. X0et 
bem e^arafteti^l^gen ifl e« tetne«tt>eg« ebenfo dleid^gäl% 
o& et fdei| ober nid^t n^ei^^ toa^ jebe^mal bft« priüs, hui 
lüpd^pov Tfi 4)ucj€i fei, unb i|fm liegt nid^t toenig batön, 
anetfannt ju feigen, bafe el&ertfd gut „angefcotette'' — toifi 
fagen: im inteDigibeln ©l|iaraftet »urjelnbe — ©^Äfotte 
eine l^abituette ©c^wädfie be« ^^tepröbuctiben ©Aftern«", 
wfee anbauetnbe Dbftructlön bie ÖtfidfFeinungen ber 35^^= 
um mit flc^ füllten Wnne, — unb infofern interefjlrt 
i^n bet ,,^\iM'' ate ,,äu^etet Xii^bntd ber Sonflitution, 
ber fld^ fjd Oft \}Mf&U tok Ux @^:|)tomencont|)l^ jur 
Ätanfl^ett'' (SBunberli^; a. a. D.), fo fel^r i^m au6) \m 
hwcäf bie @ntf<l^eibung bari^er erfd^in^ert mirb, auf t^eld^et 
ber Beiben ©eiten er ba« tttfj^rängltd^e „eaufalitAt^mowent" 
^u fttd^*n Igiabe* *) — Jffiotauf tt)ir a&er l^inau^tooHen, ijl 
bief^: bie ^^j^olie Iftgt leibarm bleiben unb nid^t gern 
ju l}offm Sauren lommen — bei bet Sutotie gibt' B rotl^e 
»oÄen unb „i)raHeÄ" 3eH*ngetoebe — furj eine üsfipi^e 
^lafKl — 5Dod^ Änber« freiließ ,,je^rt" bie "SitfStoik am 
^IflegmoUfer unb ®anguini(et, tibtt bei ^dj^er, ani>erB 
imm ei^erUer unb KnäntatSer, ober bei tiefer 3m:)}ref« 

Stüein bie t^erfd^ebene äBid^tigteit , n^eld^e bie tner 
jufammentretenben Stfd^einungSformen bei$ 9BiEeniS j[e fftr 
eitt ^tMperament l^aben, t^erbiefet tm», einfad^ bie ad^t 



*) ^ettüu baffefh glft ttatfiradj füt bte ttixtA^itt Hgttttltd^et 
^efl|tt0friiftf Reiten, infofern MefelBe el^cnfö »ft t}»tt rrf4»itilUlfi(n'' 
lbte.i»on „tnkItmICen'' 9(tt0gaHdd:|»H)tftetl an|ü|ebcR Htf ba ito^toet«« 
l^are <STfranfnngen ber (^l^irnfuBflang elbenfo gut fecuhbäre folgen 
Doraufgegangener ©emütl^derfd^üttetungen ober fonßtger ,,9ltetatio<> 
nett", tt(l ^timorbiäre Urtatijen erp aKmS^lid^ ju 2^age tretenbtt 
„@e'ii^e^f}(rimgen" affer %xt fein fönncn. 



80 S)ie näd^ften aRifd^ungen. 

^aare l^^^rau^jul^ebett, in toeld^en atte t)iet 3Retfmale con^ 
träte ©egcnf ä|e bilbcn ; benn bafe bte^ j. S. aud^ bd bem 
ßl^olmfer d unb 5ßl^lcgmatifer d (sub 13 unb 15) cin= 
trifft, fann l^öd^ftenS einen Leitern Seleg für ba§ extrema 
sese tangunt liefern, unb biefer loerliert naä) bem, tt)a^ 
in ber Slnmerfung jur Tabelle bereits über innere ©om= 
jpenfationen gefagt toorben, fogar alles Ueberrafd^enbe. 
SBol^l aber gibt eS eingelne ^aare, bie fofort als i>oIle 
©egenfft^e inS Sluge f))ringen;.bal^in red^nen n^ir: 

d^olerifd^ a (1) unb fahguinifd^ d (14), 
fanguinifci^ a (4) unb anämatifd^ c (12), 
d^olerifd^ b (2) unb anämatifd^ d (16), 
fanguinifd^ b (5) unb !|)l^legmatifd^ c (9), 
unb felbft nod^: !t)]^legmatifd^ a (7) unb anämatifd^ b (11), 
auf bie ©efal^r ^in, fo the lovely Lady il^rem ^^xtn 
©emal^l unmittelbar gegenüberftetten ju muffen; fd^eint 
bod^ ein Süd auf beiber „6or^)orifatu)n" baS SRed^t i^ierju 
lebiglid^ ju erhärten: il^r fd^mad^tenbeS „2^l^eegefid^t" mbcn 
feine robufle ©l^err^i)l^^fiognomie gel^alten — unbfold^er 
©egenfafe ift eS j|a, toeld^er unS an biefer ©teile junäd^ft 
befd^äftigt, inbem toir un^ ben ©egenfafe ber Xmipcva:^ 
mente überall burd^ ben ^ofob^nifd^en berfd^ärft i>orflellen, 
fobafe ber d^olerifd^e (a) SJ^stoloS bem fanguinifd^en (d) 
ßufoloS, ber fanguinifd^e (a) (gulobs bem an&matifd^en 
(c) S^SfoloS, unb ber :t)l^legmatifd^e (a) ®ufoloS toieberum 
bem anämatifd^en (b) ®^SfoloS, aber aud^ ber d^olerifd^e 
(b) ©ufoloS bem anftmatifd^en (d) S)^SfoloS unb ber fan- 
guinifd^e (b) ©ufoloS bem |)]^legmatifd^en (c) ©^SfoloS 
gegenübertritt. 

©al^en tt)ir bon ben nad^ l^ergebrad^ter ©reitl^eilung 
als irritables , f enfibleS unb Jplaftifd^eS ©^jlem bejeid^neten 
aSitalfunctionen bie beiben erftem beim ^^emJperamentS^ 
unb :t)ofob^nifd^en Unterfd^iebe genjiffermafeen birect betl^ei= 
ligt* fo tt)urbe eS je^t unfere 2lufgabe, aud^ baS britte 
©^ftem, ijon ©d^o:penl^auer (an ben ©. 39 angegebenen 
©teilen) mit gutem 3^ug nad^ inbifd^er SCerminologie als 



Temperamente; ))ofob9nifd^t ®egenfa| unb filoftifd^ed Softem. 81 

Xama @nna borgefül^tt, auf feine d^arafterologlfd^e 85e^ 
beutung angufel^en. S)affeI6e maäft jid^ fofott lenntlid^ 
als baS^ bie nad^ au^cn gerid^tete SSiillenSbetl^fttigung re« 
tatbitenbe, bic nftc^fie Dbjectitftt be§ SnbibibuatotHen«, 
ben eigenen Seib, formirenbe, „toegetatibe" ©lement. — 
Unb i>on i^m glauben toir ntel^r hcffavüptm ju bürfen, afö 
toa^ ftd^ in unbefHntmterer, beinal^e nnx negatitoer, Raffung 
oben ©. 40 f>on ber Gonftitution fagen lie§ : ba§ fettige im im 
tettigibeln SBefen irgenbtoie i^r dondat f)abm muffe, ©ie 
SBerbinbung, in ttjeld^er ba§ reiprobuctiioe ©^flem beim ge^^ 
gebenen 3nbit>ibuum mit Srritabilitftt unb ©enpbilität 
auftritt, toitb lein rein juf&HigeS, beliebige^ unb fd^Ied^t^ 
^in toanbettareS SSeri^ältnife barftetten, fonbem eS toirb 
ju biefer toie ju jener mel^r ober minber fic^tbar in um- 
gelehrter ^ßrojjortion — ber golge einer getoiffen antago* 
nijlifd^en 9ieci})rocität — fielen. (3n Äl^nlic^em ©inne 
fj^rid^tSd^oipen^auer, ,,5ßaraKj)omena", 1. Slufl., II, §.94, 
bon einem „Salancement ber brei j)l^^fiologifd^en ©runb^ 
Irftfte".) S)emgemä§ lönnen ttnr bei ber frftftigen Sni- 
tabilitftt unb ©enftbilitÄt beS d^olerifd^en ©V^foloS am 
loenigften eine jlarfe ®ntn)i(lelung beffetten erwarten: am 
magern ©affiuS ift aud^ bieS bem ©äfar jutoiber, ba§ ber 
(©^aff))eare, „3uliu« ©äfar", 1,2) fid^ röl^men barf, ben 
»Kbalen einft im 3Bettfam|)f i^rer Äär))erfraft übertounben 
ju l^aben, ja, ber ©infenbe nad^ il^m ^iiVit berlangenb 
ben Slrm auSfireden mu§te. SSottenbS aber mag ber nad^ 
%tftanni^ 2;rad^tenbe fold^e SDWfd^ung beöl^att nic^t, toeil 
fie begreiflid^erhjeife tt)ie feine anbere jum SReboIutionftr 
biS!|)onirt — baneben ober banim j[ebod^ gleid^faDS jum 
tragifd^en ^eüm unb jum f^fiematifd^en ^ßefflmifien ä la 
83^ron, toie jum blutbeifd^enben 3^töten, ber in äutoS be %6 
feinen ®urft nad^ SBeltbemid^tung fül^It, toeil feine jäl^e 
aSemunft bei fd^load^em SSerftanbe il^n nid^t auf bie ruhige 
ipö^e beg übertoiegenb Iritifd^en, nid^t blo^ energifc^en, 
fonbem aud^ Haren, ©eifteS ju erl^eben bermag, bon ber 
au^ bie SBelt unb il^r ©lenb überfd^aucnb ein Seo|)arbi 



82 Sie nMt^n S^Hfiiftimgnt 

noi) bf r bic^tetif d^en @eflaltung f fil^tg bleibt älber it)e^^ 
3utifKit intttwr ber Stttettcct barreid^en mag: ba ttnc bort 
b^egnen toir ftct^ ber gleid^en Sßolarttät; tija^ fold^cii 
beuten antijiHXtf^if d^ , ja anti)>obif(^ t{i^ bamit bef duftigen 
fie fid^ am bei^atriid^ften: il^re, ^[ntipati^ien finb jugleid^ 
il^re ißieb^bereiett, al\o fojufagen oud^ tl^re @tfxttpatf}m: 
bag i^en SBibetfirebenbe K|elt i^r ©elb|igefül^I unb lenft 
fie ob t>ön ber unerquidßd^ öj)^ofitiongU)fen 83etrad|>tung 
ber 3lu&ettit)elt -— ©treit ift il^r Sebenöelement, fei e« atö 
SRauferei in ber ©orffd^enfe, fei e^ ate 5ßolemif bc* un? 
ermübltd^en disputax im ipörfaal ober auf ben Se]^be!^lä|en 
ber Siteratur.*) 

@l^e man t)on biefer ^egel äluSnal^men gefunben }u 
l^aben bel^au^)ten barf , mu§ man im concreten giatte untere 
fud^t ^aben, ob nid^ etoa ein Sanguiniler für einen (S,ffo^ 



*) 3m f(i^(tmmen @inne Bcjeid^net man foId|e ,rltam^ftufl" gern 
M ,f^äribnin<f^tf' ~ abev an^ an biefer i|t ein bo:|^:)9e(ter Urf^rung 
in unterfd^etben: toer im ^oügefül^I überfd^üfPger ^raft mit jiebem 
r^gcrn anBinbct" unb ben 3lnlag gu ©trcit unb ^ant mit natöcm 
SWut^toittcn „t)om 3<iWttc Brid^t'S alfo l^eraugforbcrnb auftritt, ifl an* 
berd gu beurt^etlen, ald totx für fid^ ni<$t^ n>eniger aU greube am 
^ftber l^ot, aber t^ermDge fe^r em|>ftnb(i(^er %eadibiUiät unb tiefer 
3m))refflonabiUtät leidet unb oft in bie Sage fcmmt, fiä^ ^f einer ^aut 
toel^ren" ober i^m tl^cuere 9lnfd^auungen Vertreten, gel^eittgte $ofl* 
tioncn t)ertl^cibtgcn ju muffen : einen folc^cn nennt S5ulgu8 and^ „jlreit* 
ffJd^tlg", toieteol er ntcmal« <Strett „fud^t", fonbern nur in bie 
@d^ranlen tritt ^ ino ^ftid^t ober ®tW, befonbeiS Pietät, i^n anf« 
ruft. %htx für berartigen gel^bel^anbfd^u]^ l^at ber ^l^ilifler fein $er« 
flänbnig; i^m i^^^, tüit immer, bequemer, nad^ bem Btogen Infd^ein 
gu urtl^eilen, unb er f^rid^t gar öon „fleinlid^em ©ebaren", über ba« 
er jld^ erl^aben bünft, totit er 5Bert(> unb ©röge nur natif ©rofd^en 
unb @d^effeln ta^irt* 2)ftbei Bleibt hit UnterträgHd^fett ht9 reinen 
I ^nSmatilerS in il^rer gangen UnerträgUd^!eit befleißen, unb \oU {ein 

©ort gur ^ntfd^ulbigung be« „ ©törefrieb« '' gefagt fein, ber feine 
boe^aftc greube baran l^at, unfd^ulbtgc JJ'^euben l^armlofcr Wltn^ 
fd^en gn trüben, fei e« inbem er :|)Ium^) mit gäuflen breinfd^tfigt, 
fei ed inbem er mit toenig ^^ nnb t)iel Sel^agen giftige @;|>ottkuge 
nm ftd^ f^ri^t. 



lerifet gel^ialten fd, ober tofe tief Me ^J;i^lie ging — 
leitete toirb 6ei frid^en D}j:()ofttion^ÄntteTn, bie niemate 
ea toeiter aU bii jum linfen Sentrum bringen, nic^t gar 
einfd^neibenb fein — »nb enbßd^ gibt e^ auf ber ftu|erflen 
Sinfen SWÄmter genug, toeld^e einjig unb aBein i^r fri^ 
tifd^er @ei^ bal^in föi^^rte, obgleid^ fie \>tn ^au§ au^ jum 
®efd^Ied^t ber auggeit^rflgteften eSxoXot gei^dren. ^ie ebenfo 
gut« afö ntatt^iet^igen „StttKberalen" i>ereinigen fogar 
nid^t feiten ^jl^legmalifd^e »onl^owie mit unioertöftflttiii^er 
@u!olie unb treten bedl^alb regelma|ig \>on ber S^ü^ne ab, 
fobalb ble @a«i^e anfängt „6mfl ju iüerben". 

aSBo bagegen, toie im J)l^legmatifd^n unb anftmatifd^en 
S)^?^otoj^, ber ©enfibiKtftt bie SrritoWlitftt nid^t ganj bai3 
@leid^eti>id^t |iält, ba ifl eine mittlere @t&i^ be^ ^lofü:^ 
fd^en ©^ftemi^ inbicirt — unb toit gewinnen bie über^» 
rafd^nbfte 33eftÄtigung beffen in .imt Umflanbe, ba^ 
©^ff^eare n?irflid^ bie JpomletSnatuT mit einigem ©mbom 
pcixtl auj^ftattet! 

S3Kr fällten bereit«, tt>ie e* gonj in berfelben Sonfes 
quenj liegt, bafe bie, in SBhiÄfelfraft unb Änöd^faftigleit 
jid^ obj|ectii)irenbe, S^tabilitdt fid^ atn ungel^femmtepten ba 
nieberfd^lftgt, too feine a)^8folie fie ftflrt; fo tritt m» in 
bem c^olerifd^en 6u!oIoä fofort ber „frifd^e, freie, frol^e, 
fromme" (al&eutfd^ gleicht tüd^tige) Säumer bor Slugen, 
ben feine gettfüHe am ©jjringen unb Älettern ^finbert — 
e« i^ ber %\fpu» berer, bie {td^ gern ber mens sana in 
corpore sano rül^men, — ber mutl^ige Ärteger, ber fedEe 
unb bod^ bel^rrlid^e D!()^)ofition3mann, ber ei|te ^Reformer, 
bem ^ox aUem auc^ ber fonguinifd^e SuGolo« loeräd^tlid^ i% 
toeil biefer ben ©Eattirten, ben ©d^iofttmer uiÄ (Bnifyu= 
fiaflen — turtum, ben toinbigen ^anjofen mad^t, toeld^e^j 
mir un« gar nid^t anber^ afe mit jierlid^em, noeber befow^ 
ber« mudfulöfem nod^ boUem ^r^erbou üorfieQen ffinnen. 
S>ie fanguinifd^ie Sufolie fäl^rt il^re ipelbentfiaten unter bem 
?ßrii)ilegium be§ @u})l^emiSmu8 „©d^ölerfd^toänfe" «lÄ 
„©tubentenfireid^e" au«, unb il^re Vergeltungen nad^ bem 

6* 



84 Sie nA#en aRifd^unftetu 

Xitulud: ^,9lufle]^nung gegen bie Organe bet öffentlid^en 
Dtbnung^' befd^r&nlen ftd^ auf näc^tlid^en @tra|enunfug 
ober Äratoaffe, bie „f^nft Leiter leinen S^ed" ^aben unb 
Aber (alenntufttalifd^e ^emonflrationen nid^t leidet l^inau^« 
geilen. Unb jur toeitem ©r^artung beffen, bafe biefelbe 
i^ren toollen Oegenfaft am ^)Wegmatifc^en SJ^gfolo^ l^at, lön* 
• nen toir unö nad^ einem bialeftifd^en ®efe|, toeld^e^ nid^t 
minber für bie SBittengftrebungen aU für bie logifd^en 
S)enIj)roceffe ein pUlßifc^ Umfc^lagen in^ ©egentl^eil er^^ 
folgen lä^t, auf ben leinegtoegö unerl^örten SBorgang be^ 
rufen, too jjener SBeg, ben ©d^o:j)enl^auer 8euTepo<; tcXouc 
nennt, gerabe fold^e b\§ haifin leichtlebige 3lc(tuxm ber 
^Ärteften «fcefe ju^l^rt, für toeld^e bod^ an fid^ bie S)i>«^ 
lotte bed ^l^legmatiterd bie natürliche ^ebingung ju fein 
fd^eint, fofem biefe fid^ bem „OuietiSmu^" juneigt, beffen 
egoiftifd^e ©eftalt in politicis ate SReactionär and ©elbft- 
fud^t, aU conferbatitoer „ganatifer ber Siul^e", aU boctri« 
nftrer Slbfolutift l^inlfinglid^ gelennjeid^net ift; toäl^renb bie 
felbfiioerleugnenbe SBeltp^tigfeit mit Äafteiung nur auf 
bem »oben moralifd^ entgegengefefeter »efd^affeni^eit; aud 
bem ^ingebung^reid^en ©emütl^, ertoäd^ft. ^vbmi tourbe 
bereit« oben ©. 75 fg. erloäl^nt, n)ie aud^ bie Äraft, toeld^e 
in ber ^ßeriobe ber ©anfara afe d^olerifd^e fid^ betl^fitigte, 
in ber aSemeinung forttoirfen fann — man benfe \oor allem 
an einen Slbftlarb! SBie bie ißeid^tigfeit be« Slnlaffe« jum 
©elbfimorb einen SWa^jlab für bie 5Ciefe ber ®^«folie gibt, 
fo aud^ ber ®rab be« Seibert« , toelc^er bei gleid^er mora= 
lifd^er Slnlage erforberlid^ ift, um jur SBemeinung be^ 
SBiUenä, jum CluietiSmu«, ju füi^ren. SSei mmt^mi)^' 
nuto ffiellini mit feinen Helen StüdtfaHen in bie ©anfara 
erfd^eint ber SBille ate nur be^jrimirt, be^jotenjirt, nid^t 
ate aufgel^oben — ate nur fu^^jenbirt in feinen gunctio^ 
ncn, nid^t aU toirlungSunfäl^ig gemad^t. Ueberl^au))t ifl 
ber 3Bille, ebenfo gut toie für acte ber SSejal^ung, px&iid^ 
ponitt, ipräbeterminirt unb ^räformirt, bei gegebenem Sin- 
la§ fid^ ju ijemeinen — ba§ Ouietib toirft mit ber gleid^en 



Zem^^etamente; ))ofob9nifd^et ®egenfa^ unb ))Iaftif(i^ed 69flem. 85 

Sllotl^tocnbigfeit toie jebe« anbete aRotiö — fo gut tt)ie bet 
3[nboIente ftärfere Sncitamente ate "ber ©anguinif er broud^t, 
fo gelangt ber ©ulolo^ aud^ nur burd^ fd^toerere Seiben 
afe ber 35^öIolo« jur SBemeinung, — felbfl too biefe 
nur jeittoeißg Dorlommt. SBD&er bie auf ber Dberflftd^e 
liegenbe Orabbifferenj ;ift aud^ l^ier nid^t ba^ ©ntfd^ei^ 
benbe, fonbem bie im intelligibeln ©l^arafter be^ 
grünbete SWaPeftimmung be§ inbtioibuett erforberltd^en 
®rabe^, toeld^e, für Slcteur toie ^vf\i)autx gleid^fel^r nur 
a posteriori pd^er erlennbar, öor il^rem öottenbeten 6in< 
tritt nad^ em^)irifd^ Dorliegenben S)aten l^öd^flenÄ mit einiger 
SBal^rfd^einlid^feit öorau^bered^net toerben lann. 

3Beld^ ein ganj anbere^ 33ilb bagegen taud^t öor un^ 
ferer Erinnerung auf mit bem !))I^Iegmatifd^en (Sulolo^^ an 
ben eigentlid^ baS popul&xe löetoufetfein bei ber »ejeid^- 
nw^S „^i^legmatifer" allein benft. 35a i^aben toir (bgl. ba^ 
StapM bom „guten OefeHfd^after'O iwe „behäbig" freunb- 
lid^en alten Ferren botf Slugen, bie in ber Sugenb afö 
„coulante"'a5onbii)ant3, fd^on toeil e3 il^re SBequemlid^feit 
toürbe geffil^rbet l^aben, niemanb ba« SBaffer trübten, unb 
im Älter gar banlbare Slifd^gäfie pnb — borau«gefe|t, 
bafe il^rer ©ourmanbife, biefer 3Ranifeftation ber bei il^nen 
t)om)iegenben SRe^jrobuctibitftt, bie nötl^ige i^ulbigung nid^t 
tjerfagt toerbe. ©tetg ium ©d^lid^ten unb „auftragen" 
aller Gonflicte geneigt, betl^ätigen fie eine getoiffe ^ä^oltelt 
in ^rät)enti\oma§regeln gegen aHe^, toa^ pren fönnte, 
unb il^re Sloleranj flnbet nur an ben „etoigen Ärafeelem" 
unb „Ouerulanten" ü^re ©d^ranle; benn Unijertrftglid^feit 
gilt i^nen fd^ier für ber Slobfünben aHerfd^limmfie. SBom 
eigentlid^en ^artei!am:t)f galten fie fid^ — barin t)om it^i^leg* 
matifd^en ©^Slolo« tjerfd^ieben — itoax lieber fem; finb 
aber, too bie SRotl^ ruft, bod^ bie geborenen SSunbe^genoffen 
berer, bie fid^ in ©taat unb Äird^e auf bie äufeerfie Siedete, 
b. f). bie ©eite ber jebeömaligen aJlad^tinl^aber, fe|en, — 
nota bene loenn unb fotoeit il^nen bie SJauer biefer 3Bac^t 
garantirt fd^eint; fonft Ift^t fie i^r feiner Snjiinct für bie 



1 



86 3)te tiääffkfx aRtfc^nngeR« 

Scbinpngf n bet eigenen Sic^erl^eit im Sager betet hUrbtn, 
benen bie Sulunft itffdxt, pimal hai 93el^attung^bettn5gen 
i^tmt Xem)>etament ^fel ju tDefentlic^ ifl^ als bag bei 
i^nen auf leiii^ten unb l^ftuftgen ^atteitoec^fel ju ted^nen 
)t)&te^ ttttb mel^t nod^ ald bei anbetn bleiben bei il^nen bie 
etften Sugenbeinbtüdte unb StgieJ^ungSeinfläffe fätS gange 
Seben entfd^eib^b. gu ®(^id^aföfc^l&gen betl^alten fie 
ft«l^ tote Seut^^ beten igaut leidet ^eüt (ba2 ©egentl^eit 
fött ia mäf bet SSoltetegel auf linbetföl^nlici^feit bei8 <St* 
mütl^d beuten), }u SSunben — fte t)ettDinben betgleid^en 
balb unb boQft&nbig, fobag e£ für fte nur acute @eeCen« 
leiben gibt — ein teCatiöeS ®lud^ nämftd^ fofetn bdS 
S)taflif(i^e in ganjet 3^tenfitftt nut em)}funben toitb^ too 
ed @^toniftl^eS im ©efolge ^at: bie imntet offenen Sßunben 
ber Xbmxijt^ bet ©otgen, beä ®tams, bes Äummet« unb bet 
fottgefe^ten S&uf(i^ngen. @elbfl ba<$ ©etoiffen fd^eint bei 
i^nen an bet ^tibilegittl^eit ju ^attici|)iten: benn toit bied 
SJem^öetament gegen foi^toeteS Seiben fid^ett, fo — menig* 
flen« bis gu geibiffem ®tabe — aud|> bot fd^ftoetet 
@d^ulb — n>e^atb niemanb leid^tet als fo ein (SUidi* 
linb )E>etgeffen lann, ba| et übet^aa))t ein @eit)iffen in 
fti^ ttägt 

93on bm l^iet angegebenen 3ii0^ ^^T^ ^<ut ein gut 
2;^eil toiebetfinben, tomn man fid^ umfielet nad^ ben claf^ 
fifi^en SRejJtäfentanlen, ioeld^e füt biefen Xifpn^ bie eng= 
lifd(ie 3lationalitftt lief ett — fei eS, »o ein ^almetflon fei«= 
nett un^etflöti^ten jpumot bel^auf^et, tt>äifxttü> bie O^fi^o:^ 
fltion htti Slurtlt beS ©toots unbermeibHd^ nennt, fei es, 
HH) ein einfAdJer ©d^tf[ä6a^3itan fid^ bel^arrltd^ toeigett, 
einen ßootfeit an 83orb ju nel^^men, tt>fi|ftettb bet Dtfan 
bie naiven @anbb&nle umtoft. 



aRit&efUmmung b«6 SitteOectiS. 8T 

3. Siefelben (^ovüfltft auf tl|r föed^feltietptiiig gitr iit« 
teSectueSett Serfd^iebenl^eit angefe^en. 

SBir lommen ie|t jur gmauetrn SSetta^tung eineiS 
2;i^eüö öon benjenigen ^ßroMemen, törid^e nad^ ©• 13 fg. 
t)on ber ©tfol^tung un^ gcfteHt toerbcn, unb fniH)fen mits 
tetö einer SESiebetl^olung bed bort ®efagten an. 

@o fd^toff auci^ an ©teilen t)on @d^o!|E)enl^auer ein 
9)uaIiSmui^ )toifd^en äBiUe unb ^nteUect betont ioirb, fo 
teid^t bod^ ba^ einzige Jta})itel ,ßüm ©enie'^ i^in, um ben 
9to})^ort )u confiatiren, meldtet jtoifd^en bem 3nbü[)ibuat 
d^after unb ben inbit)tbueQen älnlagen beiS 3nteQect^ nir^ 
genbd ganj geleugnet toetben lann. 3m ©egentl^eil nimmt 
unter ben Slufgaben, toeld^e ber betailßrenbe SluiSbau fei- 
net S^flentö mit [x^ bringt^ gerabe bie ^^^age nad^ ber 
Slbl^flngigfeit be^ inbibibueKen SnteSectS bom inbit)tbueQen 
S^aratter einen fel^r l^ol^en 9iang ein; ia einen um fo 
l^d^ern^ cüä erft burd^ i^re grünblid^e Söfung mand^e un^ 
geredete SKnfiage gegen bie gonje Seigre toirb gum SBerftum- 
men gebrati^t toerben lömten. 92od^ immer tt)irb, felbfl 
toon befreunbeter ©eite (j. 85. in ber ®U)inner*fd^en Sio- 
gro^l^ie), beffcatput, baS @^ftem laffe ba eine em^flnblid^e 
Süde^ ft)o ba^ ©emüti^ jur S)arfiteQung ^&tte gelangen 
muffen; — unb toirflid^ toirb nur ein ad^tfame« 2luge ben 
Drt entbedm, too aud^ biefer ©rfd^einung^form be^ SBifc 
lend ü^r dtt6)t juti^eil loirb ; benn fafl fd^eint e^^ al^ l^abe 
ber Slrd^itett gefCiffentlid^ bie fünfte berJ^üKt^ too an fei- 
nem JBau aud^ l^ierfür bie Slnfftfee gegeben jinb. 3«^^- 
fonbere ift eö ber rafd^e Uebergang bon ben Functionen 
ber SrrttobilitÄt ju benen ber ©enfibüität (<m toeld^er leg^ 
tem fofort bie ©rfennen^- unb SJorfleHungöfeite mit gan- 
zer SBud^t t)orbringt), iooburd^ bie äuffaffung irregeleitet 
toirb; benn l^ier toirb bie S^^ifd^nftufe ber öorftellung^- 
lofen @m:))ftnbung unb bed jjeber begrifflid^en Raffung auä^ 
toeid^ben ®eful^tefaftü6erf:|)rungen, toeilba« fcientififc^e 
Sntereffe be« S)ettlerg atebolb ber §rage nod^ bem SSer- 



88 3)ie nd^ften SRifdftungen. 

5>&ltnife ber anfd^auenben ju ber aftftracten erlenntnifeÄ 
toeife jueilt, ol^ne fid^ in bem ®ebiet aufzuhalten, ba3 als 
® emeingefül^l ben %\x^anQ^pnntt ber int engflen ©inne 
:|)f^(i^ologifci^ Untetfud^ung auMai^m mü^te. — ^\x6) 
tt)ir bürfen für unfere näd^ften S^Jede fo toeit nid^t jurildt 
gelten (toie toix benn äberl^auj)t in biefen ttnterfud^ungen 
auf iebe meta:j)l^^ftfd^e (Srgtünbung t)erjid^ten) ; iDol^l aber 
uns umfel^en nad^ benjenigen ßl^arafterf ormen , toeld^e 
als niebrigjie ©tufen ein leid^tereS SBerftänbnife getoäl^- 
ren, als toiebie ^öl^er enttoidtelten, — unb in biefem ©inne 
gefd^iel^t eS, ba^ toir bie toenig erquidElid^e Setrad^tüng 
bes reinen SlnämatilerS DoranfieEen. SJenn einen fo Hein- 
lid^ organifirten Gl^arafter lönnen toir uns nid^t leidet int 
aSerein mit ref:t)ectabeln SnteHectSanlagen DorfteHen: fold^e 
tt)ürben fd^on über baS ganj ©ignitfttslofe l^intoegl^eben. 
©d^on. ber augenfällige ßontraft jtoifd^en Urfad^e unb SBir:! 
fung, SWotit) unb SBiUenSerregung, toeifl bem bomirten 
ainämatifer feinen 5ßla| meiftenS unter ben „fomifd^en 
^ßerfonen" an, unb unter ben gad^rollen ber ©d^auf})ieler 
l^at il^n ioorjugStoeife ber „:t)oltembe Sllte" ju vertreten. 
aSJer bie aSergleid^ung beS ßi^olerilerS unb 5pi^legmatiferS 
mit guten unb fd^led^ten SBärmeleitem gelten lä^t, tt)irb 
in fold^em Stnämatiler, jumal t)on ber gorm b, baS ^jer* 
manente ©trol^feuer ber t5ibibuS= ober ©d^toefell^oljnaturen 
erlennen, bie immerfort "oon gunlenf:t)rül^en auflobem unb, 
jeber leml^aften ©ubftanj entbel^renb, fo loenig bauemb 
Sid^t als aBärme tjerbreiten. ©S finb, ioo S)^Slolie ^inju^ 
tritt, jene aUejeit,, SJerbrie^lid^en", t)on benen SBed^flein'S 
Heines ©ebid^t ein fo föpd^ l^umoriflifd^eS, toie brama- 
tifd^ belebtes Silbd^en gibt. „Slergerlid^fein" ifi il^re ®runb^ 
fümmung, „nid^ts ift il^nen red^t", jebe ^iege an ber 
SBanb unb ber eigene ©d^atten finb in Ermangelung an- 
bem „©orgenfioffs" genügenb, um fie bei fd^led^ter Saune 
ju erhalten; benn, loie bem aJlibaS aHeS ju ®olb, fo toirb 
bem aSerbrie&lid^en aUeS, toaS il^m unter bie ^änbe lommt, 
ju 2lergermaterte, iJoHenbS mnn bie SHaturanlage burd^ 



anHkfltmmunQ be9 SnteDectS. 89 

i^^^o(^0nbtieno(i^franIl^aft^oten}ttti{l; unb^ \oie &6f^pti^ 
l^ouer ganj tid^tig bemtdt*), niemanb bleibt ed^ter Slefigs 
natton imjugänglid^er^ atö biefe engl^etjigen^ nie jufrie:: 
benen Unlieben^toütbigflen aSet ^l^ilifter; fte ftnb bo^ ob^ 
flo^enbe 3^^^^^ <^It^^ beffen^ tottö ol^ douce m^lancolie 
bte iperjen bezaubert, ^er morosa canities fel^tt aKe 
®ro^l^eit^ toie fte bod^ ber austeritas be^ d^olerifd^en ober 
bet tristitia be^ pffltQmatifi^fm^pStolo^ eignen (ann; unb 
toftl^renb bie ^Ij^tftnen be§ fonguinifd^en ©^islolo^, b. I^»- 
be$ )oon unangene^imen Ginbrüden i^eftig^ ober aud^ ebenfo 
flüd^tig tt>ie leicht «fficirten, ftet« cüoa^ SRül^renbeg bel^Uen, 
erregt ber anftmatifd^e ©^islolo^ mit feinem „f^wertöitjfifd^en" 
aSefennur Slntipatl^ie, bie laum ein aWitleib neben fid^ auf^ 
lommen Wfet. (Äör^)erlid^em Untool^lfein gegenüber ftnb foU^e 
Slaturen ba^, toa^ ber ©d^toabe^toel^leibig", ber ?ßlatt- 
beutfd^e „l^Abettg" unb „"tJÄtoerig" — i)imj)elig — nennt) 
Um toirttid^ gro^eis Scib fümmert er pd^ ja f eiber foum, unb 
trftfe il^n ber äSerluft eine^ untoieberbringlid^en ®uM, er 
ttrflrbe beifen f eiber nid^t einmal red^t inne, abgqogen burd^ 
accibentette ttnannel^^mlid^feiten: beim 2;obe nft^fier Singe- 
l^örigen f&me toal^rer @d^merj gar nid^t auf in i^m über 
bie mit bem 99egräbni^ unb ^raueranjug t)erbunbenen 
„unleiblic^en ttmflftnbe" unb „fd^eup^en SluiSgaben". 
aSie fd^on biefe Slnbeutungen jeigen, ifl an fold^en aRen^ 
f d^en eben aOed Ileinlid^ unb toiberlid^ , t)or allem aud^ bie 
ftttlid^e Seite; unb boS ä3ilb be^ anämatifd^en (Suloloi^*^ 



*) W' fMt Seit at9 mmt unb fßoxfttfLnn^", S. %nfl., l, 468 fg., 
mit n^axallpomtna**, 1. %nfi., U, 477, §. 322. 

**) Tlan fSnnte frdlid^ fehler gu ber WltxnunQ fommen, tote bit 
29elt einmal eingertd^tet, fei ba« etgenttifl^ einUnbing, ha bie „ffet« 
nen grenben'' unb ®enfiffe flet«, ber 9^atur ber @ad^e naä/, ta]^ 
borübergel^enb finb unb ba9 Seben ntd^t banad^ anget^an, nnan9« 
gefegt in rafd^er g^lge neuen gfreubenftoffgujuftt^ren; aber bie Sir!« 
Itf^feit toiib aviäf (ier gu bem (Sorrectib ber Slbflraction , auf totiäftB 
tt)ir 9fter, initlit @. 82 fg., )u ^txtßti\tn l^atten; bie Slb^action \at 



90 Sie näi)fttfL SRtf^tultefi* 

toärbe taum an^iel^enbet aM^aüm, mit bm ^ü^ A^ 
enegenbet 92afd^l^afttg{ett bei eimgem 3^^9^f^tna|m^ 
commis^ioo^ageur^^aften Serliebtfeind unb glatter d^ten:» 
reifecrct, j^änrifd^er ^eubc am unel^rcnl^aftm ^töfit<i^ 
unb fü|en X)ufete ftetet äBeittlaune, gedenl^after (Sitfllett 
unb aÖetl^ol^lfler 9lenomntiftetei. Dber tooSm toit jenen 
nocl^ iniS teifete SUter begleiten, um il^n ol^ unauiSfiel|f^ 
lid^en i^udti^rannen an ber Seite feineiS n>eib{i(i^en $en« 
bÄnt«, ber feifenben SBantl^^ip^, toieber juflnben ? ober ein 
®tan iBerfianb mel^r in bie SDWfd^ung loerfen, um ben 
Wa^S^^ „@t)ine^)0litilug" bet S)Änen börau« etfte^en gu 
fe^? — 3Ber ncrd^ nod^ genauetet Sefanntfd^ft lüfiern 
i^, ber möge bie ©elegeni^eit boju in ber etften ber fd^led^i- 
t«ßen unferer entarteten 93Dai))offen auffud^en! ^ie @tl^s 
nögttt^l^ie ioeifl bie Sekge bafttr auf in ganzen 9iaffm 
unb SSötlem: jene inbolenten SBilben ber @ilbfee unb 
Sfrilad, an benen feine @it)ilifatto.n l^aftet, lüeil einzig 
ba$ S3ebärfnig be$ älugenblidte il^ren ftum))fen Sinn occu« 
'pxxi, gel^ören mit il^rer loäfien Brutalität ebenfo fe^r l^ier^ 
\)n, xovt jene in bunt^fer ©leid^gültigteit l^infaulenben 
S3ett)o^ner gropdbtifd^er $roletariert>ierteI unb bie SRaffe 
Iftnblid^er SKmtutljf, ber fettft bie Energie be« SSerbre^en« 
abl^anben gelommen ifl. 3fn ber ©d^ule ftnb*^ jene flet« 
i)erbroffenen unb toerfd^Ioffenen SDlurrtö^, für toeld^e j[eb« 
9lttfgabe nur bie 93ebeutung ^, il^rer S^rägi^eit eine 
unbequeme Saft ju fein; toä^renb ber fanguinif<l^ 3^Üng 
aud^ IDOI grünblid^ faul fein lann, aber bann bod^ irgenb^^ 
ettoa^ nad^ feinem penchant vornimmt unb mit ®ifer treibt, 
unb nur bie ärbeit^Iafi möglid^fi rafd^ abfd^üttelt, um nid^t 
l^lerin aHju lange geflört ju fein (f. baS nftd^jie Äaj)itel). 
SJenlen tt)ir un$ ceteris paribus ein ^ttbibibuum tote baS 
öorl^er bejefd^nete mit -einer Äleinigleit mel^r ^jerfönlid^en 



ttämli^ in biefem $atte bo« 9{a((gittetn ber Suß ftberfe^eit , totXi^H 
in grBgeru Proportionen jja eben and^ ben ^^(egmatif(!^en iSnloi»« 



SDtiftefliwfitifng be» ^ntellectd. 9t 

%9nhi auSgeflattet, fo toitb ftd^ fogleii^ bie ^fifftgtett jur 
äSerfd^mi^tl^eit^ öbtx aud^ ber Snätnotiter junt Sanguinilet 
gefietgett l^oben, unb ed ifl boS S^^S i^^ Sbenteutct 
unb ©d^iDinblet borffanben^ an tDeld^em baS tDefetttli^e 
fWcrlmal bet „Oetoanbtl^eit" bie fanguinifd^e SSolubilttdt 
:t)O^Iitt* ©bmbaffelbe in« ©^olerifd^e üfenfe^t gibt bie 
SntriguantenroBe im ©tile ber ®täfin SJerjl^, toäl^renb 
bem fd^Ieid^enben SRänfefd^ntieb mä) bem äßobeil jefuittfd^et 
Seid^dter eine fo gto^e S)i)fc« ton ^l^legma mitgegeben 
fein mu^, als nötl^ig ifl, \m toenigften« bie äufeenfeite in 
glatte "galten ju legen, toaß ol^ne fidlere SBered^nung b« 
beabftd^tigten ©inbrud« niemals mögtitl^ fein tDirb. @o 
flel^en toit »ieber bor ber gleid^faH« bereit« — ©. 14 — be« 
rü^irten ßnf ammengel^örigleit be« p^Iegma« unb be£ Sted^en« 
ge^te« ober matl^ematifd^en Talents. (Sd ift ber gebulbige 
®leiii^utl^, ber, aSet genialen @£trat)agani abl^olb, ftd^ 
am tmttigflett binben läfet bon ber unerbittlid^en golgerid^* 
tigleit mat^emattfd^er Dit^erationen, unb nic^t minber emfig 
rein logifii^en SJifiinctionen nad^gel^t. SDWt toenig ®pim^ 
taneität unb biet vis inertiae läfet fid^ l^ier fd^on (Srfledt- 
ßd^e« leiflen. ©o tüirb e« etflärlid^, ba§ in Q^ioten- 
anflalten — alfo bei geiftiger Srnbecittitfit — matl^ema^ 
tifd^e Hebungen atö SBedEmittel fid^ brgud^bar jeigen, ja 
(EretinÄ fid^ jUtt^eilen burd^ <Sebftd^tm^, matl^ematifd^e«, 
muftlaKfd^« unb 3^^wttalent auljeid^nen (t)gL „QIIufirirteÄ 
gomitienbud^ be« Defterreid^ifd^en Slo^b^ 1859, .i&eft 7, 
©. 241 : „5Der Slbenbberg", bon Dr. Slmolb ^irfd^) ; benn 
biefe Dier formen :t)f^d^ifd^er 2:i^ätigleit l^aben \a ba« ®e- 
meinfame, bie j)afftbe Aneignung unb 3?ad^6ilbuttg bor= 
»alten ju taffen. 3n«befonbere bie affat^ematit fe|t nur 
bie gäl^igfeit borau«, pd^ ungefiört fortbeioegen ju lönnen 
in einer angefangenen Oebanlenreil^e — bie fjjontane 3ni* 
tiatibe eine« eigenen ttrt^eitö ip baju gar nid^t, fettfi bei 
Sbfung ober Slufflnbung ju jlettenber SKufgaben nur fd^einbar, 
erforberli^, unb bie jjraftifd^e unb fonfiige Sornirtl^eit großer 
3Watl^ematifer fielet ^ierju aud^ nid^t gerabe in SBiberfi()rud^. 



92 2)ie n&ä)^en Wl^i^mitn. 

(gjS tfl jener ©letd^mutl^ berjenigc ©inn, bet utiS 
©eutfd^en ben Slamen eines aSolfö ioon SKeta^jl^^füem eln^ 
brod^te; aber S. geuerbad^ a^nte toenigftenS boS SKd^tige, 
ate er für ben toa^rl^aft })^iIofo^l^ifc^en Äo^f einen 3ufa| 
franjöfifd^en Oeblütö verlangte.*) S)enn nur für bie 
,,tro(Ienen" %oxmdn ber Sogil, S)ianoioIogie unb DntO:^ 
logie reid^t ber Oeifi beS })I^Iegmatifd^en SJenlerS aus — 
fd^on baS antitl^etifd^e ®pxd beS ©iaIeftiferS forbert be= 
lebtem 5ßuföfd^lag — unb toie fel^r für alle et'^ifd^en 
Probleme erft boS pectus est, quod facit philosophum 
gilt, bafür mögen, toenngleid^ nur e contrario, fo bod^ 
instar plurium, bie 3lamm ©})ino§a, ©d^Ieiermad^er, ^er^ 
bart, j|a felbfl Äant unb aUe Slnl^änger beS lategorifd^en 
3m^3eratiDS unb feiner ©efd^toifier jeugen. Unb fo laffen 
ftd^ nod^ gar mand^e Siequiflten für bie tjerfd^iebenen Se:: 
rufsarten in ben l^ier betrad^teten Snbibibualitfttöelementen 
aufzeigen. S)ie ed^te virtus philologica (über ioeld^e feiner^ 
jeit bie „ Un^olitifd^en Sieber" beS 5ßl^iIoIogen ^offmann 
t)on fjöttersleben eine fd^arfe Sauge ber ©elbfüronifirung 
auSgoffen) fefet eigentlid^ einen Slnämatiler t)orauS, einen 
Siebl^aber emfiefien ©treitö über SWifroIogien mit ent^^ 
f:t)rec^enber „Sttlribie" — bann erfd^eint eS nid^t atö aufftHig, 
ba§ ber ©ammelftiri^ eines ©obet ju ben Slrabitionen ge^ 
rabe ber le^bener Uniüerfität gel^ört: bie 3Weberlänber finb 
\a aud^ in ber ftunft ©etailliften ä la SJenner fo gut tüie im 
Seben (in ber SluSfd^müdung ü^rer Käufer unb ©arten) 



*) 3n: r»®orIfittflge ^r^cfen gut «cformatbti ber «pi^tIofoj)l^ic"; 
9{uge^^,,9[neIbota'^II, 62fg.: »^iRurba, too tt^ . . . . mit bem fci^otafli« 
fd^en ^I^Ugma ber beutfd^en 3ßeta:|>^Vf^I ha9 anttfd^okflifd^e, fanguinifd^e 
^rinct)) bed fran^Bflfd^en (Senfuaiiidmud unb STlatertaüdmud t)ereiiitgt, 
nur ba tfl Seben unb ^al^r^ett. . . . 5Der toai^re, ber mit bem Seben, 
bem iDZenfd^enJbentifd^e $^iIofo:|>l^ rnnfi gallo :» germantfd^en ®eblüt9 
fein"; aber ba« Sßettere: SJhttter: granjöfln, SSater: ©entfdjer, unb 
beffen ^udfü^^rung fielet im birecten ^tberf:|>rud^ gur (Srbnd^lettst^eorie 
@(io:|}enl^auer*d, fo fel^r biefer au^ eine äl^nlid^e ^ifc^ung für« ®t* 
nie forbert. 



aRitbefßmntimg bed SnteaectS. 93 

— unb il^te ©tommbertoanbten in ^lorbfrie^lanb i^ertreiben 
fid^ nod^ l^eutjutofle bei il^ren gcfettigen 3«fÄttitti«tföttften 
bie Seit mit bem BUUcti unb SJöfen matl^ematifci^er äuf^ 
goben, l^aben unter i^ren Sonb^leuten fogor angefel^ene 
Sutobibaften in ben mät^ematifd^en 35i^i|)ßnen aufju= 
toeifen, unb ba^ Sebürfni^ beö SJeid^baue« tl^ut boj^ ©ei* 
nige, fold^ ein „Snterejfe" unter il^nen toaä) ju erl^alten. 
ebenfo mü^m bie Sänger be8 in ben Sud^flaben, b. f). 
bie ätpl^obete ber S)ibifionen unb ©ubbiioifionen, einge- 
jtt)ftngten Sled^t^ eine tool^re Siömerru^e bef{|en, toomit 
lieber bie englifd^e ®efe|e^j)ebanterei im bejlen ©inHang 
fielet. — Ueberl^auj)t ijl \a ben ©eutfd^en ber fidlere 3nftinct 
eine« bon sens meift abl^anben gefommen; ftatt nad^ fot 
d^em ^anbeln fie immer unb überatt lieber nad^ „®runb= 
fft|en", b. i). abflrocten Siegeln, unb anftatt bei ejegetifd^en 
unb anbent Sluj^legungen ftd^ an baS ju l^alten, toa^ ioor« 
liegt, Ilaubem fie mit üerjtoidten 3nterj)retationgfünfieleien 
in ben einfad^ften Sud^ftabenfinn einen angeblid^en „®eift" 
l^inein, an toeld^en ber unbefangene Url^eber be« ju com^ 
mentirenben ©^riftfiüd« nimmermel^r lann gebadet l^aben; 
benn „legt^^r nid^t an^, fo legt^l^r bod^ unter", \pf>tUt 
la ©oetl^e» ^cb^ wn i^nen trägt ein fertige« ©^ftem 
t^eoretifd^er 2lnfd^auungen in feinem Stoppe i^erum — ba- 
l^er rül^rt fein SJRangel an SlnfteHigfeit unb Drganifation«' 
unterorbnung — „jtoölf S)eutfd^e, breijel^n 3Keinungen" 
l^öl^nt ber Slmerilaner. — ^Praltifd^ fid^ jeber SSBillfilr unter« 
toerfenb, bleibt ber 5Deutfd^e tl^eoretifc^ auf feine „^Prin* 
cij)ien" berfeffen, — toitt fid^ in thesi nie ber SBirflid^feit 
fügen, fonbem fie nad^ feinen „Qbeen" mobein, — um 
in praxi ba« toiUfftl^rigjie SBerfjeug jeber Unbemunft ju 
toerben. 6« fel^len bem ®ro« biefer SRation bie ^avdpU 
beflanbtl^eile aller ed^ten ©enialität: bie tieffinnige %n^ 
fd^auung fammt ber biefe mit ber Slbfiraction bermittelnben 
Urtl^eifefraft — be^i^alb bleibt fein ©igentoiHe fo gern, toa8 
er bei Äinbern ift: ©igenflnn — §egel toürbe fagen: e« 
fel^lt il^m bie S^eil^eit, bie (Sinfid^t in bie SRotl^toenbigfeit ift. 



84 Sie nAd^ftm SRif^mtgitc 

&t ffot nid^t, \ok bet SnglAnber, bie Xrabitbn ttm>er« 
Iirödiflid^fr ®efet|e unb gefepd^n (Sel^ord^ — beil er 
fo lange fubiectber äSiiSIür f)at gel^amen mäffen, fo miff 
er^ fobalb et {td^ bet |ieiinnenben %^dn entlebigt fü^U/ 
oud^ bie eigene caprid&fe @ubjectibtt&t jur @kltung bringen, 
too immer er tann."*") Unb auf biefe Stationoluntugenb 



*) ^9 fd^etnt uti9 mit ber ^otitif fettfotn gegangen gu fein unb 

gel^t nn9 wäf tägUd^ f«: bie ttiteflectueHe Aneignung iß unfer an« 

geerbte^ $at^o9, nnb biefes Detfiel einmal auf SeTfaffung^gefi^id^te. 

Sin ©d^iller fonnte @oIon unb ^i^furg nod^ mit ber obieetiben itil^Ie 

Äanttfc^er „3ntere|TeIofigfcit^' bctrod^tcn. ®on ba an botirt bie feit« 

f ame i^ertoed^felung , baß bie ^eutfd^en meinten , für bie <Sa(^e felber 

Begeiflert gu fein^ n>a^renb nur ba« SDtffcn barum f!e em&rmte. 

3^e9l^(b ifl aCed fp gemad^t, fo forcirt, fo gong unb gar nid^t naito 

unb originell, toa^ in ^eutfd^Ianb an ^olitifd^en gragen für ®egei« 

fierung gelten follttc -- unb ba8 ift ber eigentliche Äcrn beim lieber* 

i^anbnel^men bed )7oIitifc^en SDoctrinarismud. Sie gang anber« ber 

^rangofel SBir muffen nn9 erfl befinnen, »ir reffectiren erfl barfiber 

unb toerben gtt>eifei^aft, toenn bon ougen (er Urt^eUe UxfJt mtHxif 

unb fragen und erfl: ifl t9 nun ni^t an vm9, m9 uno ore }u f(^ä« 

men, toenn anber« toir und ald im ^efl^ bon ^^ationalgefüftl ge« 

riren »oOen? ifl ed j[e^t nic^t an ber S^^^t S" lamentiren, bag und 

^Mneinfinn fe^tt? u. bgl. m., toa» immer itieber berrät^, toie biefe 

(^efül^Ie vat9 angelernte (sentiax^nts) , auf rein tl^eoretifdj^em )9Skge in 

und biticingelommene finb, alfo and^ feine 3^rei6]^attd:|}fKege fenur 

t^erbienen. — !^arum el^rlic^ auf $oIitif ^ergid^tet unb ^audbater ge« 

f:|)telt unb ©d^ulmeifler bagul — fo erfüllt ber 2)eutfd^e feinen ©e* 

mf, nnb ed ifl ja gar lein ®runb, angune^men, baß ed gum ,,an« 

pnbigen ^erP' gel^Brt, für $olitif dntereffe gn l^aben ober gn (eu« 

d^eln, blöd toeil bie ^Iten ed l^atten — b« 1^. bie (Sried^en unb 9tö« 

mer — - unb unfere ^ad)Hxn ed nod^ l^aben 1 2)ie $inbu unb ^erfcr — 

unfere alten S^ettern — Ratten ed aud^ nid^t — toarum fottten toir 

benn me^r fein tooHen ald bie? Sirllid^r ba l^at man ft(^ ben 

©oet^e gu loben, ber aud feiner ec^t bentfd^en ißribatenge nid^t l^er« 

audiDoHte mit feinen ^id^tungen unb e^i^ d^nug geßanb: „"^oti* 

tifd^ Sieb — ein garfiig ^iebl" n>ä(renb ©d^ilter ein abflracted $a« 

tl^od Verfolgte, bon toeld^em ^rt^atim fein ariflolratifd^^fc^tv&bifc^^ar« 

ticulariflif($ gearteted ©emüt^ aud^ nid^t aügu k>iel »ugte* Unb ba9 

mit 9{ed^t unb ed^t ,, national'' obenbrein, benn bie eingig enbogene 

$olitif, bie bem S>eutfd^en in S^eifd^ unb ^lut fledt, (et|tnad^ Sud« 



{Attft )ulf|t cmd^ ein guter X^eit ^inan^ ^m f cfaser fil^ 
fo^ififien Siebl^aberei, feinem Wletteirtifc^ «eto?)^ 
ciren, feiner SReigung jur ©i^ftemmod^erei; toir finb ein 
aSolf i)on „S)enfem" im einfeitigen, fd^Iimmen ©inne: un^ 
ftre @t&rle in ber 9[bflractiDn bleibt nur }u oft ungejügeft 
t)on ber älnfd^auung. @o retrutirt ftd^ t)ornel^mIici^ au^ 
unfern Sanböleuten — 5pi^iIologen, 3Katl^ematifem, aWeta^ 
pff^Uxn u* f^ f. — jene Qunft ber SHogene^offen, bie 
am fftUm S^age mit einer £ateme bie @onne am $immel 
fud^en. X)e^^b gelten aud^ bie tmrtlid^ gro|eit äHutort: 
täten unter ben ^l^ilofo^^en bei nn» fo tütnig, mü> ^egel 
iQurbe bei ber SRaffe ber S)enIenn)oIlenben (few men think, 
bat all irill have opinions) fo beliebt^ t^eil er bie ^ov^ 
t^etänetftt be^ abfhracten @eban{end )(nroclamirte unb ba> 
mit eine Xugenb gerobe bed @d^toabenftamme^ auf bie 
@^i|e triebe eine 3^ugenb, ):)ermdge beren 93. ^uetbaäf in 
fea&en S^orfgefd^id^ten ol^^ne flagrante ä3erle|ung ber Statur« 
UHil^l^eit in bie ^ten ber getfUgen @emanbung, mit ber 
er feine StoiermAbd^en undleibete, f^jt^tnogiftifd^e Bp&ne ein« 
ftreuen burfte. — 3a, fogar in ber jjüngil notd^ florirenben 
3ubilirfu€^t tritt folc^e Unart }u Soge: ba^ beutfd^e Stational« 
gefftl^fl {lommert ftd^ cm unb näi^rt fid^ an abflracten Er- 
innerungen — gan^e Staaten tanjen einiger auf ber ©eifen« 
Wafe il{n:ef Sl^nenruij^m«. — 3)amit aber t)erle|ter ©tolg 
biefen ©toj^fcufjer nid^t borfd^nett afö reinei^ hors d'ceuvre 
über Säorb toerfe, nel^men toir fd^leunigfl unfern 9tüd^ 
auf unfern ^l^legmatifd^en SRati^ematilu^ mit ben ^tod 
fragen: lann baö funbige Sluge in jenem „gemüt^lid^" 
tttttoefen bag ju ©runbe Kegenbe ^pijflegma toerfemten? — 
unb n)eift bie ©tatiftit $äQe nad^, tno ein Watl^ematifud 
t>f>m reinften SBaffer fein ^au^tbud^ jumad^te unb fid^ 
}um längften ©d^lafe fc^lafen legte, toeil er bie SebenS^ 



iDeid aUtx ©efd^id^te: Sa^rung ber SnbtDibualttSt, fon>o( ber 
(SingcIBürger tote ber ,, ©tfimme" — alle« anbere t|! angelernter 
@(^ti>ittbel. 



96 SHe ndd^en SRifd^ungett. 

bolonce \>tdotm, hcS S)efidt unb ^Itanco in bet SebeniSs 
bUonce etted^net ^attc? 



4. Strfolgung ber Mälzet betrail^tetett 9}if$it0gS|irobitcte 

in feinere @|iielarten. 

Site toit bie ©ufolie unb SJ^^Iolie Befiimmt fd^ieben 
t)on bcn rein ^roit)ortionaI= quantitativen S)iff erengen, ge^^ 
mannen toir bereit« einen großen SJorfiprung öor ber bi^^ 
l^erigen Sei^anblung ber 3;emlt)eranient«lel^re, burd^ toeld^en 
toir fd^on einem guten S^l^eil ber ffionfufion entrüdtt tont^ 
ben, bie Don ^aQer an bie« jta:^itel ber ^fij^d^ologie be» 
l^errfd|>t unb pd^ bafl) in ber ©^arafteriftrung beä einen, 
balb be« anbern S^emjjerament«, jumeifi aber beim SWe? 
land^öliler unb ^^legmatüer, ger&d^t l^at. 3(Ilein ^ocUßän^ 
big ioirb biefe SSerioirrung erft befeitigt, tomn toir mn 
au6) ebenfo fd^arf ba« äu^einanberl^alten beffen burd^- 
ffil^ren/ toa^ gleid^faK« blo« formalen jQuantum«^ ober 
©rabunterfc^ieben angel^ört, unb beffen, loa«, qualitatit) 
angefel^en, ©ad^e ber materialen 2Bitten«ef[entia f eiber, 
ber iDefentlid^en, alfo ijor allem ber etl^ifd^en Dualitfiten 
be« äBiKen« ifi. 

S)a fragt e« fld^ j. 33. gleid^ nod^mate, toie toeit bem 
«ßi^tegma atö fold^em bie 2:rfigl^eit, bie f^auli^eit inl^ärire. 
an fid^ i)erträgt Rd^ offenbar bie nad^i^altige unb fiarfe 
aSBirfung ber 3Kotit)e fel^r lool^l mit einer regen ©^)onta= 
neität be« SBiUen«; unb felbfl loo man fo ioeit ging, bie 
2;em^eramente ju bloßen ®eftt]^Ut)erl^Ältniffen l^erab^ 
jufefeen — ein ©runbirrt^um , toeil ba« ©efül^I nur ber 
83eU)u§tfein«s, nid^t ber S)afein«feite be« SBillen« ange^ 
ffört — ioerl^el^fte man fld^ nid^t, ba§ ba« ^ßi^Iegma ate 
„ba« ©leid^geioid^t \oon Spontaneität — im ©irtne einer 
felbftti^ätigen aSerarbeitung — unb 9lece:|)tii)itdt -— im 
©inne einer jjaffiüen ©rregbarf eit" bem ni^t entgegenjiel^e, 
an beiben ©eiten be« aSBageballen« gro§e®ett>id^t«qManta 



Seinetc Spielarten/ 97 

f(i^tt)ebettb ju benfen, — ein ©ebanfe, tocld^er ja and) bei 
un^ fd^on lüieberl^oft feinen Slu^brud fanb (©. 32 fg. 
unb 73 fg.)/ wwi> «^^ ^^^ ii^ ^tioa^ anberm ©ehjanbe an& 
Soi^. 3WüIIer*^ 5ßl^^fiologie Dorgefü^rt toerben ntag, toobei 
tt)ir bie bajioifd^enfiegenben Slu^füi^rungen — befonber^ 
tpeil fie birect ®tl^ifci^e§ l^ineinjiel^en — nid^t mit vertreten: 
„. . . . eö ift l^ier eine getoiffe ®rö§e be3 geiftigen Seben^, 
tt)ie in iebem anbern 2^em:t)eramente möglid^ . . ♦ . man 
läfet fid^ nid^t leidet ju ^anblungen i^inrei^en, toeld^e man 
morgen bereut, man fann fidlerer unb jutjerlftffiger fein, 
feine Erfolge fidlerer bered^nen; in ber ©efai^r unb im mU 
fd^eibenben SWoment l^at man, tomn e^ auf 9latl^, S3ered^= 
nung, ©rtoägung unb nid^t auf eine fd^neU ju entloidfelnbe 
©nergie anfommt, feine Ärftfte jufammen, .... @minn 
inx6) Saubern unb bel^utfam bered^nenbe Slu^bauer. — 
S)er 5pi^Iegmatifer fd^Iie^t nid^t i^äufige greunbfd^aften unb 
brid^t fie nid^t. . . . ©eine ^läne erreid^t er toeniger fidler, 
toenn e^ auf Äraftentloidfelung in furjer 3^it anlommt, unb 
anbere eilen il^m bann t)orau§; toenn e§ feine 6üe l^at 
unb fid^ bie ©ad^e abloarten lä^t, fommt er ru^ig jum 
3iele, ioenn anbere ^^el^ler über gel^Ier gemad^t unb Wngft 
• . . . abloeg^ g^füi^rt finb. ®er ^ßl^legmatifd^e f ennt feine 
©renjen unb ioirb nid^t in frembe ©ebiete unb in Eon- 
flicte gebrad^t — t)ermeibet ©elbfttäufd^ungen." SGSa^ 
bann afe „eine fd^on !patl^ologifd^e ©rfd^einung" bejeid^net 
loirb: „jene Slrt be^ ^pi^Iegma, toeld^e burd^ S^rägl^eit, 
Sl^ati^ie, 5Cl^eilnal^mIofigf eit, Unfd^Iüffigleit, ßangeloeile, 
3KangeI an gaffungöfraft, Sangfamfeit ber geiftigen gort= 
fd^ritte fid^ au^jeid^net unb ben toenig tief em!|)funbenen 
©d^merj ber Slrbeit unb Slnftrengung t)orjiel^t" — ba^ ift 
Don unö bereite tl^eilö unter bie SRifd^ung t)on ^l^legma 
unb 3)^^foIie, tl^eite unter bie SRebenformen be^ ^^legma 
— befonber^ d — tl^eite unter baö anämatifd^e SJem^era- 
ment gebogen, loä^renb e^ fic^ \a f}kt gerabe um bie 
ftricten ©onberungen l^anbelt, unb aWülIer^^ tjorl^erge^enbe 



98 3)ie näd^ften 2Rif(i^unden. 

Slngaben am üottfiftnbigften ouf ben 5pi^Iegmatifer a, je^ 
bod^ jum 2^l^eil aud^ auf ben 5|8^tegmatiler c ipaffen. 

3tt>ar liegen bie Seiten glüdlid^ leintet un^, too man 
auf ben armen SBöotiern l^eruml^a<fte unb t)on Rätter t)om 
Temperamentum Boeoticum rusticum atque quadratum 
allerlei auftifd^te unb geber fo freunblid^ toar, quadratum 
mit ,,Dierfd^rötig" it)ieberjugeben, — bie gered^tere (Se- 
fd^id^t^forfd^ung f)at ingtoifd^en bem ©tamme, toel^em aud^ 
©ipaminonba^ unb pnbar ongei^örten, eine toürbigere 
©tettung angetoiefen, ettoa neben ben ©d^toaben ©eutfd^- 
lanb^, bie, mnn fie einmal in flammen gefegt finb, einer 
fel^r intenfxt)en ©rregung fid^ fällig jeigen unb ben pf}UQ^ 
matifd^en SWeland^olifern im gleid^ unten naiver bejeid^^ 
neten Binne anjurei^en finb. 3nbe§ überl^ebt ung ba^ 
nid^t ber Öetrad^tung be^ ® egenftanbe^ , ber, toenn aud^ 
ber Jiame nidbt j)affen mag, in ber ©rfai^rung unleugbar 
t)orfommt. ®g gibt bod^ ebm blöbfinnig l^infiarrenbe 
SRenfd^en mit langfamftem 5ßutefd^lag, toeld^e nod^ ^eut- 
jutage ,,:pl^legmatifd^e SBöotier" genannt toerben (felbft 
©d^o:penl^auer ftettt: „Ueber ben SBBitten in ber Statur", 
2, älufl., ©. 31 unb 32, nod^ »dotier neben S^ama Ouna); 
aber ba^ ift eine gorm ber Steigerung be^ anftmatifd^en 
ober !pl^legmatifd^en 2;em:t)erament^ (nnt) jloar beiber md' 
ften^ in ber gorm b ober d) burd^ Seimifd^ung t)on l^m- 
pf)aü^6)a ©onftitution unb inbeciHem Sntellect auf ber 
(Srunblage eine^ ganj fd^laffen SBiUen^. 

SlnbererfeitS ioar e^ (©. 33 unb 75) unter bie ©gen^ 
tl^ümlid^Ieiten be^ d^olerifd^en SCemiperament^ aufjunei^men, 
ba§ bü il^m jeittoeife gSaufen beg ©rregtioerben«, a^ati^ifd^e 
3nteri)atte, eintreten, nämlid^ allemal, ttymn m i^omogener 
gieij ausbleibt. S)a^ dolce far niente be^ d^olerifd^en 
Qtaliener^ gibt einen Seleg l^ierfür. älber fogar ber 
©anguinifer ift fold^er 3Komente ber fd^laffen 9lu^e fft^ig, unb 
eg fommt, ioie toir fd^on ©. 90 fa^en, nur auf bie genauere 
»eftimmung ber begriffe an , ob loir bann auc^ toon %x&q^ 
f)üt ober gaul^ieit fj)red^en iooHen* S)ie ©c^ulerfai^rung 



?Jeinete ©^)ielattcn. 99 

toufete un§ batjon ju erjäl^letr, ba§ bie fanguinifd^en ©d^ü= 
ler, toeld^e il^rer SRatur nad^ allemal aud^ bie flüd^tigen 
finb, metften^ Pflletd^ bem ^^abel ber ,,gaull^eit" untere 
liegen, fofetn faul ben @egenfa| jum gleife al^ nü|= 
li^em »efc^äftifltfein au^brüdt (toie ber „3;räg^e*t" bie 
Slrbeit^luft, ber Säffigfeit bie ©mfigfeit entgegengefe|t 
ijl). ©fielen, im ©inne bon jtoedlofer ÄraftbetJ^ätigung, 
Vjt ba^ Clement fold^er Staturen, bie man alfo nid^t oi^ne 
toeitere^ trftge nmnm loirb. gtoar finb jie läffig unb 
«nbereit ju jeber Slrbeit, bie i^rer SHeigung n)iberf^)rid^t, 
alfo unbequemen Dbliegenl^eiten gegenüber aud^ tool „i)er= 
broffen" (mie ber „Slrbeit^fd^eue" bei jeber 3«»iutl^ung, 
bie an feine S:i^fttigfeit gefteHt toirb), aber feiten gang 
rul^ig ober gar trftumerifd^. 35er ©anguinifer afe fold^er 
ift „munter (alacer), auc^ tvmn er nid^t l^eiter unb i)er= 
gnügt (laetus) ift (loie ein &e^px&6) bei rafd^em SSed^fel 
t)on Siebe unb ©egenrebe einen „muntern" aSerlauf i^at); 
ber Slnämatifer leidet f d^läfrig (segnis), aud^ oi^ine „nieber= 
gefd^lagen" ju fein — remissus, aber nid^t immer demis- 
sus* „Träumerei" tritt atö jeittoeiliger S^ft^nb öfter bei 
ben ^l^legmatifd^ gearteten 3nbii)ibuen auf, jebod^ nid^t 
ol^ne baj5 aud^ fold^e i^re Siebi^abereien i^aben, meldte mit 
fid^tlid^em ©ifer bon il^nen betrieben toerben. 

3Son biefen allen finb alfo nod^ bie eigentlid^ ftum^jfen 
unb bum^fen, bie immer unb überatt jur Slrbeit unluftigen 
SRenfd^en, toon abf olut geringer ©tftrfe ber Spontaneität 
unb SReagibilitftt, b. f}, i)on ganj fd^toad^em @nergiegrabe, 
öerfd^ieben, beren e^ atterbing^ aud^ gibt — unb, loie loir 
in einMang mit bem grül^ergefagten gleid^ l^injufe^en 
looHen: in ben SBarietäten aller öier ^lemiperamente toie 
fonjiiger d^aralterologifd^er ©lemente gibt, ,,B(i)lapp= 
fd^toänje" fommen fo gut im genus cholericum loie anae- 
maticum, fo gut atö suxoXot toie atö SucxoXot, fo gut m^ 
ter ben ®ef (Reiten loie unter ben S)ummfö^)f en , fo gut 
binter ber 3Wa^fe ber ®utmütl^ig!eit toie ber ^üde t)or, 
unb tt>ir toerben ii^rer ©rfenntnife unb SSBürbigung n&l^er 



100 ^ie nä#en aWifd^ungcn. 

treten, tt>mn tt)ir baran anfnüifyfen, bafe fid^ aud^ bie ®rabe, 
tüeld^e je toon ben 3:^ettt^)eramentg= unb ^jofob^nifd^en SJiffe- 
tenjen auögebrüiit tt)erben, untereinanbet in eine gegen= 
feitige ^ro^)ortion fe|en laffen unb fo eine ganj neue Sleii^e 
t)on 9Rifd^ung§nuancen refultiren ntu^, je nad^bem bei bem 
gegebenen 3;nbit)ibuum über^au^)t (um einmal ber Äürje 
px Siebe biefe einfad^ern SSejeid^nungen ju gebraud^en, 
tt)obei „©enfibilität" jiemlid^ ebenfo bie eint;eit t>on 5Re= 
ce|3tit)ität unb 3m^)reffionabiIität au^brüät tt)ie im a3i§= 
l^erigen fd^on jutüeilen „QfrritabilitÄt" bie t)on ©Spontaneität 
unb Sfteagibilität, ivm S^l^eil aud^ mit (Sinfd^lufe ber @nergie= 
grabe) bie BdU beg ©enfibeln ober ^rritabeln, ber „^af= 
fibität" ober „3lctit>ität" beutlid^er l^erau^tritt. 

S)a tt)erben tt)ir bie d^olerifd^en SucxoXoi jerfaffen 
feigen in ben ßi^olerifer aU S)^§foIo§ unb in ben 35^^foto^ 
ate ßl^olerifer; bie anämatifd^jen suxoXot in ben 2i[näma= 
tifer aU ®ufolo§ unb in ben ®ufoIo^ ate Slnämatifer 
u. f. f., bi^ bie frül^er gefunbenen ^aare fid^ in bie bo!()= 
^3elte Slnja^I n)erben gef^alten l^aben — jum SJ^eil in 
Uebereinftimmung mit ber me^r geläufigen aU ftet§ aud^ 
flar gebadeten ©d^eibung, i)om ®efül^tö= unb ©l^arafter* 
menfd^en. SBo ber Slad^brud auf bie 2;emperament§eigen= 
fd^aft fällt, tritt ber 3lame für biefe t)oran unb umgefel^rt. 

Einige 33eif!piele mögen bie^ fd^on l^ier erläutern — 
einige mel^r folgen nod^ weiter unten (© . 112 fg.) ; ganj t)oll= 
ftänbige 3luf jäl^lung mürbe jmedlo^ ermüben. — S)er 61^0= 
lerifer (meiften^ b) ate ©ufolo^ ^at ftarfe Irritabilität, 
gemäßigte ©enftbilität unb fräftige, gefunbe, alfo jebem 
®£trem fern bleibenbe 9ie^)robuctit>ität i)on befonber^ gün= 
ftiger 9Ru§!elentn)i(felung unb Änod^enl^aftigfeit. Sei bem 
d^olerifd^en @u!olo^ (sive ®u!olo^ ate ©^olerifer, mel^r 
ber gorm c ober d genäl^ert) ift bie 3in:itabilität ettoa^ 
fd^iDäd^cr, bie ©enfibilität etlDa^ ftärfer ate bei jenem, 
bie 3le!()robuctibität loeniger fräftig, mel^r bem S^Kgetoebe 
ate bem Änod^enbau jugeit)enbet — \t>a^ am 5Rorbitaliener, 
in^befonbere am Sßenetianer, nid^t auf bie ©eite ^)l^legma= 



. gcincre Spielarten. 101 

tifd^er 35^§fölie fallt, ift ^ierl^er ju giel^en. — ®er ©an- 
guittifcr atö ©ufolo^ unb ber ßufolo^ ate ©anguinifer 
toerben fid^ etoa unterfd^eiben toie ber 5ßarifer unb ©a^s 
cogner — beibe finb „leibarm" (bgl. Slnl^ang 11). Setoeg= 
lid^feit (nid^t (Energie) ber Si^^itabilität toie ber ©enfibi= 
lität l^&It l^ier bie ^)laftifd^en Functionen nieber; bie ^raft 
toirft i^ier fojufagen mel^r im 93lut atö in beffen SRieber= 
fd^Iag, ben SRuMeln, Änod^en unb gett^eilen. — ®er 
5p]|ilegmatifer (meiften^, toenn nid^t au^fd^liejsüd^ b) als 
(SufoloS l^at fiarfe 9le:t)robuction, f^toad^e ©enfibilität unb 
ün SWinimum bon ©^)ontaneität in ber Irritabilität, toaS 
aber ebenfo toenig ^jaffibe 3*^i8^^i^ ö?ie gelegentli^ rol^e 
Brutalität auSfd^liefet, tüeS^alb toit tun S3ebenfen ju tra- 
gen braud^en, bie bierfeligen 2lltbaiern ^ier unterjubringen, 
dagegen ber ©ufolo^ atö ^i^Jegmatifer (a ober d, jutoeilen 
felbft c) l^at ioeniger ftarfe 3le!()robuctibität, ettt>a^ mel^r 
©enfibilität unb felbft ettoaS größere Srritabilit« — 
©olbfmitl^'S „Vicar of Wakefield" mit feinem unbertoüft= 
lid^en ©leid^mutl^ bei l^erjlid^er ©emüti^ötreue unb gelegent= 
lid^er ©ntfd^loffen^eit mag il^n beranfd^aulid^en, beSgleid^en 
bie ^ottänber unb biejjenigen ätl^io!|)ifc^en SSölfer, ioeld^e 
nid^t aU ©anguinifer (d ober c) auSjufd^eiben finb. 

e§ toirb ein d^olerifd^er ©c^la:t)!()fd^toanj tool allemal 
ein ®^SloloS atö ßi^oleriler (tneiftenS c) fein unb fid^ ge= 
berben ioie jjeber , bem eö f o toenig am !|3l^9fif d^en toie am 
moralifd^en SRutl^e ber ©elbftaufo!()ferung gebrid^t, ben aber 
Banpd unb S^^if^/ S^^g^n nad^ fittKd^em Siedet unb 
fluger SluSfül^rung nid^t baju fommen laffen, fein innere 
lid^ entfd^iebeneS SSotten in äußere ^Realität umgufe|en: 
toir benfen an einen ©i^arafter, ber ettoa jtoifd^en ^amlet 
unb bem 33rutuS in ©^affpeare'^ „Julius 6äfar" bie 
3Jlitte hielte; — jener loar ja nämlid^ bem ®^Sfolo§ atö 
Slnämatifer (a) beijujä]|ilen, unb biefer jeigt enblid^ bod^ 
ju biel ©ntfd^loffenl^eit unb ©rabitation beS erften ©d^rttteS, 
um nid^t für einen ßi^olerifer (bem a genähert) atö 2)^^- 
foloS gelten ju muffen. ®ie in Siebe fte^enbe ©j^arafter^ 



102 ®ie nA<j^fien aRifd^ungen. 

mifd^ung bagegen ^)flcgt nad^ furjem SKufbraufen toieber 
in ^offnungglojtgfeit ju erlahmen, (^amlet gibt mit bem 
unj'citigctt 3)reinfal^ren gegen 5ßoloniuö toenigflen^ einen 
SBeleg au§ i)ettoanbtem ©ebiete-) 3lug ben 3lationaIitäti^= 
tifpm Hefern bie italienifd^en unb !()ölnifd^en 9lek)olutionen 
nur attju reid^Iid^e SBeif^)iele, tüeld^e freilid^ infofern ganj 
reine nid^t ^eij^en fönnen, atö in il^nen bo^ ß&^menbe jum 
ai^eil au^ ber Seimifd^ung unlauterer Seibenfd^aften l^ert^or* 
ging* — dagegen ermal^nen bie fielen Sfteftauration^:: 
^erioben in ber beutfd^en ©efd^id^te baju, bie Don ©er^ 
t)inu§ u. 31. gezogene ^parattele jtoifd^eu ipamlet unb bem 
„beutfd^en SDWd^el" nur unter ber angebeuteten (ginfd^rän= 
fung ju acce:t)tiren, tt)eil unfere Station in all i^ren Ääm= 
p^m unb Kriegen — unter ben ^o^enftaufen loie im SÄe? 
formationgjeitalter, im S^reifeigjä^rigen tpie in ben 9laj)o^ 
leonifd^en t>on 1813 — 15, im ©iebenjäl^rigen tt)ie gegen 
bie 5Dänen — gtoar immer d^olerifd^ genug breingefal^ren 
ift, banad^ aber in fd^laffe 3)ef^eration tjerfunfen. 

35ie ©egenftüde finb an^ ber gai^l ber ^l^legmatifer 
(a ober c) bie Sup^oXot afe ^^legmatifer: jene grübelnben, 
contem!|3latit)en gelben loie ber ^önig^mörber Srutug, 
mand^e Slfceten im graufamen ^Raffinement il^rer Äafteiun- 
gen — au^ ben ©anguinifern fold^e ^elben^aft iJor- 
bringenben, aber nur bie ©ipanne ber Qugenbjeit an^= 
bauemben ©nti^ufiaften toie Sllefanber ber ©rofee (f. oben 
©. 36), beren Siegeslauf auf Slugenblidte eine tiefe ®ins 
fel^r ins eigene ©elbft jum ©todEen bringt. 



5. SBe^felbesie^ung stoifd^ett ben et^ifd^en unb ^ofob^= 

ntf^en ©egenfü^en. 

SBieber anbere SBarietäten l^elfen nn^ fo it)iberf^)rud^S- 
\>oUe 3Wd^tungen erfd^liefeen, it)ie baS £eben eines Jlero 
fie genommen ^at. ®a l^aben toir bie ©^Sfolie für baS 
bominirenbe Clement ju galten, fo ftarf aud^ baneben ein 



3Be(i^feIbe5t^]^ung sn)if<j^en b. ti^i^i), u. t>ofob9mf(i^. ©egenfälen. 103 

noä} mel^r fanguinifd^er afe d^oletifd^er Qntenfitätömobu^ 
fielet. aWit anbern SBortm: bieg ift ber 5ßunft, an toel- 
d^em fid^ ber Sufammenl^ang be^ @egenfa|e^ ber ®u= «nb 
S)^^foUe mit ben et|fif(^en 6l^araftereigenf(^aften offenbart. 
®er aSoH^inftinct leitet aud^ l&ier auf bie rid^tige ©:j)ur: 
einen ©ulolo^ jlettt er fld^ gern aU ffaxmlo^, gutmütl^ig, 
bor, „^at i^n gern", toeil er i^n nid^t ju fürd^ten brandet 

— aber einem ®^^foIo^ toenbet er fid^ enttoeber mit i)oIIem 
SJertrauen ju ober meibet mit bem ©efü^I be^ Uni^eims 
Hd^en feine SRft^e: bie ©ulolie finbet fid^ nur in ber mitt= 
lern S^ne be^ fittlid^en Seben^, tt)0 jene 3Kifd^ung t)on 
©goi^mug unb attgemeiner 3Kenfd^enfreunblid^feit, bie loir 
©utmüt^igfeit nennen, ju ^aufe iji; toäl^renb red^t^ unb 
linfö bie S)^^foUe Quartier bejogen l^at, bort im Sunbe 
mit tperftl^ätiger Siebe, l^ier mit ber ©raufamleit jufammen= 
^aufenb. SBirHid^ fd^eint m reiner ©ufolo^ fo loenig 
irgenbeiner cra§ bo^^aften al^ einer l^eroifc^ oijfermütl^igen 
^^at fällig ju fein. 35er Oraufame re;()räfentirt fid^ atte= 
mal unferer ©inbilbungöfraft mit „finfterer ©emütl^^art" 

— unb ein red^ter ßiebe^i^elb ift toenigfteng ol^ne einen 
getoiffen ®mft aud^ nid^t benlbar — fo treten au^ einer 
unb berfelben Saft§ bie beiben dufeerften ®Etreme be^ fitt- 
lid^en 2ebm^ ^erau^ — unb für bie glad^fd^äbel bleibt 
aud^ l^ier tt)a^r: medium tenuere beati, — tomn e^ 
nid^t ein grebel toäre, bie nur t)on i^rer 2;i^orl^eit SBe^ 
glüdEten beati ju nennen. ®in 35^^folo^ toirb fo leidet 
fein 5Cl)or fein — benn tt)er anber^ l^anbett t^öric^t, al^ 
toer fid^ um trügerifd^e 3^^^^ — ©d^eingüter — abmüht? 
S^^orl^eit — stultitia — berträgt fic^ mit bem äufeerften 
®egenfa| jur ©umml^eit (stupiditas), mit ber borfi^tigften 
Älug^eit; unb bod^ bleibt eventus magister stultorum; 
benn nid^t ben bomirten, in fi^ fd^toad^en, fonbern ben bom 
SBitten irregeleiteten, na^ einem ©c^einglüd ^afd^enben, 
fein njai^re^ SQBol^l berlennenben Qntettect bejeid^net ba^ 
aOBort X^orl^eit; e^ ift ©egenfa^ ju SBeiill^eit, nid^t ju 
Älugl^eit. (3Ban bergleid^e ©teilen ioie: 



104 S)ie nä(i^ften SRifci^uttgen* 

(S9 tß uid^t braugen, ba fud^t ed ber £l^orO 

©eSi^alb tparttt man bie unbebad^te Sugenb mit SBotten 
tt)ie biefe: „SEBer e^ unter eud^ gut mit fid^ felber 
meint, ber laffe fid^ nid^t betl^ören t)on ben (SinfCüfte^ 
rungen beö Seid^tfinn^, nod^ t)on ben Sodungen beö 3lugen= 
blid^/' S)er 2^l^or ift t)on einem „SBal^n" befangen, fo= 
fern biefer Segriff auf einen Srrtl^um verengert toerben 
barf, tt)eld^er ium ©lüdEIid^fein ober -toerben in birecter 
»ejie^ung fte^t. (»gl. ©c^iffer^^ „2Borte be§ SBal^n^^' — 
baju: 

(S8 ijl fehl leerer fd^meid^elnbcr SBal^n, 
Srgeugt im ©cJ^irne beS 2^^oren; 



unb: 



Wt'it betn ©ürtet, mit bcm ©d^Ieier 
9lct6t ber fd^önc Söa^n entgtcei; 



nämlid^ ber: eS laffe über be^ Seben^ aJJai ^inau^ ba^ 
füfe tänbeinbe ^pkl fid^ fortfe|en, nid^t jener beftimmtere 
einer falfd^en SBal^l, toon bem e§ l^ei^t: 

2)er SBal^n ift furg, bie ^tvC iji lang.) 

Slber ein ®^^foIo^ begnügt fid^ aud^ nid^t mit ^aU 
liati'om: entiueber fe|t er, ebel geartet, atte^ baran, frem= 
be^ £eib ju minbern: — ober aber: e^ ift i§m nid^t ge= 
nug, für fic^ allein be^ 25afein^ Seiben ju emi)finben: er 
toiH, foloeit er e^ irgenb t>ermag, anbere gleid^faH^ in 
. biefelbe Stimmung toerfe|en — unb loirffamer al^ burd^ 
^effimiftifd^e SCrgumente toirb fold^e burd^ il^nen jugefügte 
Seiben beigebrad^t. 

®a^ fo oft t)entilirte 9fiätl^fel be^ engen 5la))i)ort^ 
jtt)ifc^en SBoHuft unb Slutburft erfäl^rt an mm, ^niM^ 
buum, n)ie it)ir un^ Jlero *) i)orftetten, eine ebenfo burd^= 



*) 2C(§ an ein ©eitenftücf ju il^m mag aus ffeinerer, aber bafür 
gang moberner @^]^ärc an jenen @uIogin8 ©d^neibcr erinnert toer^ 
ben, bon tctl6)m Äarl ©ßbefe („dl^ ©üd^er bcutfd^er 2)icä^tung'', II, 210) 



I 



SBcd^felbejic^ung jn)if(i&en b. etl^tfcfe. u, po)obi?nifd&. ©egenfÄ^cn. 105 

fid^tige ©eftaltung, mie eg in großen ^ leiten SBerJ^dttniffen 
bie Qk^(i)iiS)U ber alten femitifd^en SBölIer burd^jiel^t. ipier 
tote bort l^aben tt>ix im ganati^mu^ ber ©d^merjbereituhg 
in feiner ganjen Un^eimlid^leit: ba^ eigene ©elbft ift nid^t 
iüeit genug atö @ef ftfe ber Sffie^em^jftnbung ; nid^t jufrieben, 
fid^ an eigenem, toirflid^em ober fingirtem (t)on 5Rero afe 
Xragöben „anem^)funbenem")/ ©d^merje laben ju fönnen, 
finnt ber ©raufame auf immer neue ®miixti)^vidunQtn; 
fi|elt bie überlabenen 3iertoen am fremben ^cii^wi^^; i^^n^ 
bie ©raufamfeit tl^eilt mit ber SBottuft ben Äi^el, toie bie 
SSoIIuft mit ber ©raufamfeit bie ©d^auer; — unb man 
l^at beibe^ pa^mb bem ©ateanifiren t)erglic^en, toeil aud^ 
bie^ fold^e ®o^)^etoirfung l^ertJorbringt. ®a§ felbft bem 
3Ritleib eine äl^nlid^e ^Polarität toefentlid^ ift, l^at gegen 
ben aSerfud^, baffelbe jum gunbament ber 3Jloral ju mad^en, 
ben lebl^afteften aBiberf!()rud^ l^eraufbefd^tooren, fo leidet e^ 
aud^ fd^eint bie gälte au^einanberjul^aften, tt)o toir frem= 
be^ Seib un^ „aneignen", um e^ ju linbern, unb too eben= 
baffelbe ganj im 35ienft «ber b^^folifd^en SBiHen^beial^ung 
gefd^iel^t. ©^ ift biefelbe grunbtoefentlid^e ©ifferenj, burd^ 
toeli^e fid^ ber Slftartecult toon bem, i^m äufeerlid^ &^n= 
üd^en, ©d^itoabienftunterfd^eibet; obgleich aWay ©undEer ge- 
toife nic^t Unred^t f)at, toenn er („©efd^id^te be^ 3Kter= 
tl^um^", 1. 2lufl., II, 91, coli. 286) ben ©c^merjen auf= 
fud^enben S3ufeübungen überl^au^jt eine bie SBBillen^fraft 
ftärJenbe SBirfung jufd^reibt (aud^ toir fallen ja ba^ 



fagt: „(Sr burd^jog mit gefd&äftigcr ©uittottne H^ (Stfag» — 2)ie cnt*« 
fe(5(id^cn Greuel, ttjctc^e bicfe äÜQt begleiten, iDiberf:|3red^en ber toin* 
felnben ©entimentatität 'feiner ©ebid^te !eine§toegö, ba falfd^eö @e* 
fö^l unb gügellofe ©raufamfeit meiflenö beieinanberUegen , tt)enn aud^ 
(entere nid^t immer getoedt toirb. to ©cj^neiber'« ©ebid^ten, öer* 
^üö}tn mit feinem Sebenögange, fann mt^x gelernt werben, M bie 
Siteraturgefd^id^te barlegen fott"; -- toobei ber 5lu«brud£ „falfd^eö 
©efü^t" bie ^a(S}t freilid^ ettraS too'^Ifeil abmad)t, gumal bag ana* 
logc ^eif^siel eines Sftobcö^jicrre bie @d^tr>ierig!eit ber ^at^ognofc in 
fotd^en gätten nod^ beutUd^er x>ox\)'dit 



106 S)ic nä^ften SKif^ungen. 

d^olerifd^e 2;cmj)erament in ber äfcefe forttotrfen unb ben 
aBitten burd^ ^atttette ©elbftoemeinung geftä^lt loerbcn) 

— unb obgleid^ eine Steligion, bie gleid^geitig burd^ ca- 
stratio unb coitus i^re ©ötter e^ten Reifet, auf einen tie^ 
fern gtoief^alt ^intoeifl: bie ©elbfientjtoeiung be« SBitteni^, 
toeld^e fid^ mitten burd^ bie ©lieber be^ S)uaßgmu^ felber 

— SBejal^ung unb SBemeinung — ^inburd^ förtf efet ju einem, 
vermöge t^atfäd^Iid^er ©ialeftif, fd^itternben Sneinanber ber 
realjlen ®egenfä|e, bis l^inein in jene Slbgrünbe, too fid^ 
ber SBitte — jundd^ft freilid^ nur an feiner inbiöibuetten 
©rfd^einung — iugleid^ bejaht unb verneint; — verneint 
in feiner Sejal^ung, loie bo^ %f)m ben ©enerationSact 
oft mit bem Seben bejoi^It; — unb bejaht in feiner SJer- 
neinung: bie Slfceten toiffen t)on ©d^auem ber SBottuft ju 
erjÄ^Ien — unb mel^r al& einmal tourbe bie Slnbad^t jum 
©urrogat ber aSoIIufi, tt)ie SBottuftacte ju religiöfen 5Ber= 
jüdungen füi^rten, benen freilid^ tristitia folgt; aber nid^t 
anber^, n>ie ben Äafteiungen bie SBonne ber ©fftafe. ®em 
omne animal post coitum triste tritt ba^: in moestis- 
sima tristitia avetur coitus ergänjenb an bie BtiU, afe 
müfete baS ®lenbggefü^l ©rleid^terung fud^en in feiner 
„^etj)etuirung", ba^ aBe|f be§ SJugenblid^ geloiffermafeen 
bertl^eilenb auf bie unenblid^e ©loigfeit ber Swif^J^ft unb 
bie enblofe ©ucceffion ü^rer ©enerationen; unb f|)ecieffer 
in biefem ©inne lä^t fid^ ba§ Xenion antoenben t)on ber 
„©elegenl^eit", bie a\x^ ben ©entimentalen — „fd^led^te 
®ef etten mad^t", — jene^ in ber mobernen Siteratur f o reid^ 
vertretene ©efd^led^t ber „^jroblematifd^en SRaturen", beren 
claffifd^er 5We!|3rftfentant Sftoquairol unb bie übrigen ©eftalten 
beffelben ©d^lage^ bei ^^an ^aul finb. ©enn auf ber 

^ö^e be^ »eloufetfein^ ff^^i«t fö^ f«^l^^ 3nbii)ibualitäten 
ber ©elbftmorb unau^bleiblid^, mag er nun mit mel^r ober 
mit toeniger tl^eatralifd^em ®clat in^ SBerf gefe|t toerben. 
5Wan fottte fid^ — ba^ ift baffelbe t)on ber anbern 
©eite beleud^tet! — be^l^alb aud^ nid^t allju fel^r tounbern 
bei ber ®rfa^rung, bafe „muntere", alfo fanguinifd^e. 



iJortfe|unfl» Unterfc^tebe na6:i bcm SMa^bcrl^ftftniffc toer Äraft. 107 

5Wdbci^en feineiStoeg^ ju ben leidet i)erfül^tbaren ju gel^öten 
!j)flegen, tJoHenb^ nid^t, tomn fic jugleid^ suxoXot finb; benn 
afe fold^e ftcl^ fic in ienem pd^ern ©Icid^gctoid^te, tüeld^ejg 
gtofee Setbenfd^aften nid^t einlädt unb oBenbrein argloiS 
mai}t, fobafe felbft bie ©efal^ten be^ Slffectö oft unbemerft 
t)orübergel^en. 



6« Sortierung. Unterf^iebe naif bem 9){attietl^ältni{fe 

bet traft« 

Slber tjerlaffen toir bie^ bunHc ®ebiet, ba^ fd^on an 
bie „3«ad^tfeiten beg ©emüt^^leben^" ftö^t, um au^ bet 
©anfata bunter ^tte nod^ ein paar ©Jjecieö ^erauöju= 
greifen ! 

SBer aU Slnämatifer feinen 5pia| auf ber Slmtens 
fünberbanf finbet, tt)eil „ber Äerl geftol^len l^at", ber fann 
aU ©l^olerifer bie „SQBelt", — fei e^ im ©inne tjon großen 
Sftnbermaffen, fei eg bie „feine" be^ ©alon^ — „erobern" 
(ift e§ ein SBBeib, fo äufeert fid^ bie« S^rad^ten nad^ @tei:= 
gerung be« ©elbftgefül^te burc^ ©rn^eiterung ber SBirfen§= 
f!|3^äre ate l^erjlofe ÄoJetterie, toeld^e ol^ne ©d^Iaul^eit unb 
forcirte« ©elbfti)ertrauen niemate auffommen fann unb 
be^l^alb mit ed^ter Sefd^eibenl^eit fd^led^t^in unberträglid^ 
ifl) ; gerabe fo toie bie „Slccurateffe" be« ©anguinifer« unb 
ber „Drbnung^finn" be§ ©i^olerüer« beim Slnämatifer jum 
„!()enibeln" SBefen toirb; beim ^l^tegmatifer jur Iangn)ei= 
ligen ^ebanterie, i)iellei^t burd^ S)^«!oIie unb „Oeioiffen* 
l^aftigfeit" im etl^ifd^en ©inne öerebelt ju „Jjeinlid^er ^flid^t* 
erfüHung"; ober burd^ bo^l^afte %Mt im 33unbe mit anft= 
matifd^er ,^Ieinigfeit«!rämerei" in Suft an ß^icaniren unb 
„eujoniren" fid^ umfe|t. — S)a« leidet „^jiquirte" grauen^ 
jimmer Mn gemeiner Slnämatie mad^t il^rem verleiten ®e^ 
fül^l in „f^ji^en" 3teben«arten Suft; ber ©anguinif er fd^üfc; 
telt bai^ gteid^e aWi^befiagen mit einem „S3ummetoi^" ab; 



108 S)ic ndd^ften 2«if*ungcn* 

ber ßl^olerifer Ift^t feinem l^eiligen 3orne öieKeic^t in Sitter- 
feit unb ©arfa^men freien Sauf; bie langfame SReceiptiöität 
be§ ^i^IegmatiferS enblid^ läfet fid^ t)on entf!t>red^enbem Sin- 
Ia§ gar nid^t tangiren. — Sei bem Slnftmatifer unb 6l^o- 
lerifer mit tiefer ;3m!()reffionabiUtät nimmt ben ©l^arafter 
be^ „SCrgtDO^n^" an, tt)a^ bei bem ©anguinifer unb ^l^leg= 
matifer mit ffad^er ^fnt^jreffionabilität fid^ in ben ©d^ranfen 
bloßen „3Wi^trauen^" i^ält. ©^ ift biefelbe S)^^foUe, 
tüeld^e balb nur bie näd^fte Umgebung mit ftetem S8erbad^t:= 
fd^ö!|3fen quält, unb balb bie S)enffrei^eit ganjer SSöHer 
mit ber Slbgefeimtl^eit aUerborforglid^fter ^polijeicontrole 
ober gar mit bem Sd^eiter^aufen ber Qnquifition nieber= 
l^dft. ®e^^oten in ^taat unb ^auS unterfd^eiben fid^ nur 
ttjie ©tal^I unb toeid^e^ ®ifen. ^mn biefe formen l^aben 
fämmtlid^, bei aller fonftigen Ibioeid^ung, ba^ ©emein^ 
fame, auf ber 33afi^ be^ Unbefriebigtfein^ ju ru^en unb 
mit ber „frol^finnigen" 9latur eine^ ®uloIo^ taum vereinbar 
ju fein, ba fie ein Uebermiegen be^ fenfibeln @^ftem^ über 
ba^ irritable toorau^fe|en. 

SQBo bann bie Unjufriebenl;eit unb baS 3Ri^trauen fid^ 
jugleid^ auf bie eigene Äraft erftredtt, it)ie e^ am leid^teften 
beim Slnämatifer ber gall^fein ioirb, ba begegnen tüir 
einer bestimmten Slrt bon ©d^üd^ternl^eit, toeld^e ber ober- 
fläc^Iid^e 33lidE um fo it)eniger mit Sanftmut!^ bern)ed^fe(n 
follte, aU fd^on bon anbern bie ^jaraboje SBa^rnel^mung 
gemad^t ift, bafe biefe beiben ©igenfd^aften, moralifd; an- 
gefeiten, entgegengefe^ten Urf!|)rungö fein fönnen: bie l^ier 
gemeinte ©d^üd^tem^eit inbicirt allemal egoiftifd^e ©d^toftd^e, 
Sanftmut)^ bagegen i^ol^e Äraft ber ©elbftberleugnung (bie 
freilid^, „jur anbern Statur getoorben", nid^t^ mel^r bon 
innern Äämit^fen berrätl^); ba^ „berfc^üd^terte SSJefen" 
obenbrein \enm anämatifd^en ^uq, ber fld^ Äleinigfeiten 
aü^u fel^r „ju iperjen nimmt", unb ber aud^ bei jener 
fd^iüad^en, unberftänbigen gorm ber Slbmefenl^eit eine^ 
craffen ©goiömu^ fid^ beobad^ten lä^t , toeld^e tpir 
al^ „ ©utmüt^igfeit " aEemal nur mit Sld^feljuden be- 



gortfctung. Unterfiä&iebc mö^ bcm ÜRa^bctl^ältttiffc ber Äraft. 109 

* 

trad^ten. *) — Unb biefelbe l^altlofc ©d^ioäd^e, toeld^e fold^e 
©d^iid^ternl^eit conftituiren l^ilft, ift e§ aud^ it)ieberum, 
tt)eld^e jenem „em!|3finbfamen SBoIfe" eigen ift, auf ba^ it)ir 
ben Xenienbid^ter „nie ettoa^ Italien " gefeiten I^a6en, toeü, 
,,tt)enn bie ©elegenl^eit fommt, fd^led^te ©efeHen barau^ 



*) ^oäf miööcrjie^c man miä^ anäf l^icr nicj^t! 2(ffcrbingö fön* 
ncn eblc, ja in fid^ fräftige S^Jaturcn eBenfattö ber SSerfd^üd^tcrung 
unterliegen. 2Bo :|5]^Iegntatifd^c 2)?enf(^en nur ,,bi(!fcffig'^ c^olerifc^c 
tro^ig tt)erbcn, (äffen ft^ bie 2^em:|)eramente ber ^Bäftod^t leidet 
„öerfcj^üdjtern", unb gerabc bie feingebeubflc Siebe i|l bem SBcrjagcn 
ouögcfe^t, too fie auf ©d^ritt unb Stritt i^r ^emü^cn vereitelt glaubt. 
@tetc SJe^reffionen i?erni(^ten inU^t anäf bie fd^önfle ©rajücität; unb 
c§ gibt ja keltern unb anbere (Srgie^er, toeld^e il^re Sufl baran l^aben, 
jebc Biegung ber @etbfl5nbig!cit uiebergul^atten unb bomit gute^t baö 
@elbflbcrtrauen gu fnidCu. @old^c ©rjie^uug mad^t nid^t feig, aber 
furt^tfam; bcnn 5eig^>eit fc^t @orge um« eigene SBol^l öorau« unb 
toirb gum S5orteurf, »eil ant können, an ber Äraft fein S^^^H^ 
befielet, — gurd^tfantfeit nur baö ®efpl ber eigenen (Sd^icäd^e ober 
baö 9'lid^tglauben an bie eigene Äraft, unb le^tereö ifi nidjt fdfitoer 
beizubringen; man braud^t einen bIo8 fortteäl^renb aU hmnm, fd^led^t 
u. f. »>♦ gu be^anbeln, unb je lieber er an eine SCutorität :|3iet5t8boff 
fid^ anlebnt^ beflo el^er gelingt ba« feelenmörbertfc^e @:|3iel, fallö il^m 
nid^t toon außen l^er ein anbertocitigcr $alt bargeboten toirb, unb 
aud^ bann erfolgt ber Umfd^lag auf bem ©cbicte bc8 Sntettects. — 
(iiXDa9 StelEinlid^eS feigen toir ja öorgel^en, loo einer ,,]^art'', biö jur 
„Oefü^Ilofigfeif J ^art toirb, toenn äRenfd^en ober ©d^irffal t^n cnb* 
lid^ „mürbe gefriegt" l^aben; ber erlahmten ^^cfiflenjfraft l^ält bann 
ber Sntcffect toor, toic eS jule^t auf eine §anb tooH ©d^mergen me^r 
ober toeniger nid^t anfomme; toie aud^ anbere einmal in eigener 
@(^ulc lernen mBgen, toa« leiben l^eige; toic alle ^flad^giebigfeit nur 
miSbraud^t fei, alle ^erfiJ^inlid^feit nur 9lnla§ gu neuen ,,2:ribuli* 
rungen" ober (S^icauen gegeben l^abe. 2)abon ^at fd^ou ber alte 
©eelenfenner 2:acitu8 gu fagen getoußt, alö er (Ann., I, 20) fd^rieb : 
,,eo immitior, quia toleraverat" ; unb e§ ijl nid^t in bie etl^ifd^c @eite 
bie gange 3)iffereng gu terlegen, fonbern aud^ auf bie ,,bie @ad^e 
toeränbernben Umfiänbe" eS gurüdfgufü^ren , »enn bei anbern bie ^a* 
riante gutrifft bon ^laten'ö: 

©lüdttic^cn ifl'S ni(^t bcrlicl^en, gu öegteifen frembe« Söel^: 

2)ibo'« : 

haud ignara mali miseris succurrere disco. 

Virg. Aen., I, 630. 



110 2)ie nd<j^ften äRifd^ungen. 

toerben". Die^ ©iftid^on gel^t in feiner umfaffenber0n 
SBal^rl^eit ebm auf aDe fold^e 8u(;xoXoi, bie fd^toad^neröig 
unb jugleid^ cgoiftifd^ finb, unb auä) too nid^t ber imöo- 
tigen Kapitel angebeutete ©^)ecialfatt vorliegt, vereinigt 
' fid^ im fentimentalen ©c^tüäc^Ung (beffen Sieri^ältniB §um 
^efftmiften unb. ^umoriften wir übrigen^ f j)äterer Setrad^^^ 
tung vorbehalten) ßl^arafterlofigfeit in ber einen ober an^ 
bern il^rer f^)äterl^in nod^ genauer ju fennjeid^nenben gor= 
men mit ber Unfäl^igfeit ju refigniren — unb tbm barum 
verliert fie — toie e^ bei ©d^o|)en]^auer („®ie SEBelt ate 
SBBiae unb aSorftettung ", 3. äufl., I, 469) Reifet, — ,,erbe 
unb ^immet jugleid^ ", toäl^renb feine^toeg^ jebe anbauembe 
2^rauer at^ fold^e für ©entimentalität ju Italien ifl (it)ofür 
ebenfalls bie angebogene Stette bie feften Unterfd^etbung^^ 
merhnale an bie $anb gibt). SRid^t ba^ trauern felber — 
„burd^ 2!rauern toirb ba^ §erj gebeffert", fagt ber Äo^e= 
letl^, unb ba^ ©id^tertoort commentirt e^: 

2)ic Xxautx tt)trb bur(ä^ trauern ntt^t ^txhtx; 
^uxä) 2^raucrn toirb bie SCrauer gum ©cnuß — 

fonbern bie ^ntermiffionen be^ ©d^merje^ finb ba§ ®e= 
fäl^rlid^e, jene Raufen, in toeld^en neue Sodungen ba^ 
^erj befd^leid^en möd^ten unb il^m juraunen: S)u l^aft 
fd^on viel ertragen, fo fürd^t* aud; biefe^ nid^t! unb: toag 
ttJittft bu fo ängftlid^ anbere fd^onen, la§ aud^ bie einmal 
Jd^meden, tva^ ba^ 2ebm fei! ^ann l^ebt bie SBerfud^ung 
an mit mitleibl^eifd^enben Älagen unb enbet in ber gorbe^^ 
rung, to^nigfien^ eine 3Rinute ju verfügen — fei e§ aud^ 
um ben 5ßrei^ von Qal^re^fd^merj unb lebenslanger SReue. 
Um ßitate brandet babei nid^t in SSerlegeni^eit ju fein, toer 
nid^t anfielet, felbft eines ^laten 5Berfe für fid^ umju^^ 
beuten unb auSjubeuten: 

@d liegt an eines iD?enf(]^en ©d^merg , an eined ID^enf^en ^unbe nid^td. 

Slber bennod^: liebet bie ©teine nid^t auf tviber bie Un^ 
glüdlid^en; ^abt SWitleib aud^ mit benen, bie fid^ an ber 



f^ortfe^ung. Unterfii^iete na<i& bem SRa^^etl^&ltniffe tet Araft 111 

^efe berauf d^t, nad^bem ii^nen eine neibifd^c ©d^idfafel^anb 
ben Sebcn^bed^er utngeftürjt! — g^^eilic^ trifft nid^t beu 
tt)ibetftanb^lo^ ©d^iüad^en, fonbern ben, ber fold^er ©d^ioäd^e 
nad^gibt, o|fne fie ju tl^eilen, ber fd^toerere SSortourf ; benn 
falfd^eg, untoeife^, fogufagen blo^ inftincttoe^, SKitleib oi^ne 
eti^ifd^e^ aWajs für ditd)t unb Unred^t ift ber eigentlid^e 
©^)ielbaa be^ 2;eufetö. 

®en ,,j)robIematifd^en SRoturen", toie bem toal^ren unb 
falfd^en aWitleib finb Weiter unten befonbere SCbfd^nitte ge^ 
tt)tbmet^ unb aud^ bie ^,2Cntinomien be^ Oemütl^^" werben 
un§ auf S)inge jurüdbringen, weld^e ben in biefen Äa= 
pitdn bef^jrod^enen tjertoanbt finb; beö^alb fd^Iiej^en wir 
^ier biefe Setrad^tung, nad^bem wir jui)or nur nod^ an 
jwei ^li^atfad^en erinnert- S)ie erfte ift biefe: bafe bie 
©infid^t in bie SRid^tigfeit beg ©afein^ (Wiewol nur bie ab^ 
jiracte, l^albe, nid^t Wal^rl^aft lebenbel^errfd^enbe ) aud^ 
SKotii) werben !ann, fid^ Jjraltifd^ bem ^eboniämu^ (puU 
gären ®j)ilurÄiMui^) in bie äCrme ju Werfen; fo füi^rt \a 
ein ®enö ben Steigen ber blafirten ®enu§fu(^t. — S)ie 
jweite entf^jringt au^ nod^ entlegenem SJiefen be^ ßeben^- 
Witten^: tomn längfl bie 9leije be^ Seben^ il^re gauber^ 
fraft t>erloren l^aben, bann fann ben allfeitig (Snttäufd^ten 
nod§f ein unWiberftel^lid^e^ SSerlangen ergreifen, au^ bem 
©umi)f, in Weld^en feine ©jiftenj l^inabgefunf en , burd^ 
irgenbeine eji)lofit)e ^anblung fid^ em^)orjuf (^netten. 
Unb fold^er 5Def^)erabo::Äi|eI ift ijiettei^t ba^ leftte, tüa^ 
ben erfterbenben SBitten ijerW^t. S)a ift nid^ts Don ^off:: 
nung bobei — wa§ treibt, iji einjig ba§ 33ege^ren: um 
leben 5prei^ l^erou^ a\x^ biefer Stagnation! S)ie formen, 
in weld^e fid^ fold^ Streben f leiben fann, finb gar man- 
nid^fad^: SRed^t^llebe, SBa^r^eit^brang, SSBoIIuft, 3ngrimm. 



112 3)ie na^ften 3»if*ungcn. 

7. @(l^litg. 3loiS) einige gemif^te ^rfd^einitngen m9 bett 
bmüf fd^tnanfenbe ©renjen sttieifell^aftert ®thxtttn. 

Unter einfd^ränfenbet Sejugnal^me auf früher ®e= 
fagteg fte^t, tt>o e^ nid^t auf bie atterfeinften 35iftinctionen 
anfommt, fein erl^ebH^er SCnftanb im SBcge, ba^ SBort 
„tneland^olifd^" aU bie abjjectiöifc^e gorni ju bcm bon un^ 
nur fubftantibifd^ gebrausten „©^^folo^" ju bertoenben 
unb biefeg felber gelegentlid^ mit „3Kelanc^oIifer" ju t)er= 
taufd^en, foba§ j. 33. ber ©^^folo^ aU ^^legmatifer unb 
ber ^)I^Iegmatifci^e aJleland^olifer, ber ^i^Iegmatifer afe ©^^^ 
IoIo§ unb ber meland^oUfd^e 5ßl^Iegmatifer u. f. f. nad^ 
3Rafegabe obiger ©ubbibifion (©. 100 fg.) ^infort (fofern e§ 
fid^ nid^t nod^ um Äranfi^eit^formen l^anbeln toirb) aU 
SBec^f elbegriffe auftreten mögen, um fo in bie, bti ben 
jal^Hofen ^ermutationen fo contplicirte, ^Terminologie bod^ 
et\oa^ me^r ®infad^l^eit l^ineinjubringen. Unb ba mag eg 
baju bienen, bie fo fefigefe|te ©ipred^ioeife ettoa^ geläu^ 
figer ju mad^en, bafe toir i^ier, ba^ bort Oegebene fort^ 
fe|enb, einige ber ©d^attirungen bid^t nebeneinanberrüdEen. 
S)er d^olerifd^e (meiften^ i)on ber gorm c) SKeland^oIifer 
f)at bei cttoa^ ftftrferer ©enfibilität ettoa^ toeniger ftarfe 
Irritabilität unb ba^er ettoa^ mel^r !()laftifd^e 5We!|3robuc= 
tiöxt&i aU ber meland^olifd^e ©l^olerifer (meiften^ i)on ber 
gorm a), ber, bei einanber jiemlid^ gleid^en ©tärfegraben 
t)on Irritabilität unb ©enfibilität, namentlid^ in ber SRe- 
probuctitjität jenem nad^fte^t — toir toerben alfo ßjed^en 
unb ^olen mit bem ©efid^t i)on üppiq aufgeworfenen Si^)- 
pm unb aWufif ä la Ogin^f^ („©eJ^nfud^t^toaljer") unb 
&)Opin („Jiotturno") d^olerifd^e SUleland^olifer, BpaxAcx 
unb '^anhe^ meland^olifc^e ©l^olerifer nennen (toobei toir 
jebod^ auf ba§ im SKn^ang II. 93eigebrad^te ju bertoeifen, 
nid^t unterlaffen toollen); unb unter ben dia'i^en bie aKon= 
golen an biefe, bie aJlalaien an jene na^e l^eranbringen. 
S)er meland^olifd^e ^pi^legmatifer (a ober b) l^at ettoa^ 
mel^r 9iei)robuctibität, bafür fd^toäd^ere Senfibilität unb 



6d&[u^. ®emif(i&te Grfd^cinungcn au^ jlücifcl^aftcn ©ebietcn. 113 

nod^ loeniger lebl^afte grritabiKtftt atö ber ^l^legntattfd^e 
(c) 3DlcIanci^oIifer. S)er „fnod^enlofe" ^inbu unb Subbl^a 
— bie^ fd^önfte aJlufterbilb ber reinen ®^^folie — beftä= 
tigt un§ bann tt)ieber (ijgl. ©. 28), tt)ie nal^e ber Slnäma* 
tifer c ber })I^Iegmatifd^en ®xup'pe [teilen fann: bei ber 
fdltoad^en ©|)ontaneität feiner S^ritabüitüt , neben feiner 
parfen ©enfibilität unb mäßigen 5Re}jrobuctibität , fid^ert 
il^n bie entfd^iebene ;3ntenfität feiner !|)affii)en Äraft — fei= 
^^^ //Säi^igfeit" — bat)or, mit einem Slnämatifer d t)er' 
toed^felt ju tt)erben. ©ofern gleid^faHö beim l^eutigen 
2^ärfen bie Stritabilität eine langfam burd^loärmte gett)or= 
ben ju fein fd^eint, liefee ftd^ biefer bem ipinbu gletd^fteffen, 
lüäl^renb bie fd^toäd^ere ©enfibilität il^n ettoa^ me^r nadb 
ber ©eite be§ meland^olifd^en ^l^legmatüerö (b) ^inüber^ 
f d^ieben tüürbe , beffen f larer ett^))u§ j|a , tüie tt)ir gefeiten, 
bid^t an bie (Srenje beö Slnämatifer^ c rüden mn^, ^n 
biefem, tt>mn nid^t ^nm 5ß^legmatiler d ober c, tt)erben toir 
enblid^ ben amerifanifd^en ^nbianer ju red^nen ^aben, ob- 
gleid^ beffen äu^erfl geringe 5Reiprobuctit)ität il^n, äufeerlid^ 
angefel^en, bem ©l^olerifer fo äl^nlid^ mad^t, tt)ftl^renb an= 
bere il^n gar ju einer fanguinifd^en $Ratur ftemif^eln möd^= 
im — nur baj5 alle Serid^te i^m au^geiprägtefte S)^^folie 
nad^fagen. ©eine oft bef^jrod^ene fd^einbare gül^llofigfeit 
gegen föriperlid^e ©d^merjen toagen toir, o^ne eigene 
Seobad^tung , nid^t, ))f^d^ologifd^ ju Kaf fificiren ; biefelbe 
fönnte jtt)ar für einen e^remen ' ®rab ber Sangfamfeit 
in ber 9iece^)tit)ität gelten unb fo eine ©inreil^ung unter 
bie ^l^legmatifer it)efentlid^ unterftü|en; bod^ befd^eibeit 
toiv un§, biefem intereffanten antl^roit^ologif^en Sftät^fel 
nid^t weiter nad^juf^Jüren, unb begnügen nn^ mit einer S8er= 
Reifung aufStl^eobor2Bai|, „3lnt^ro!poIogie ber SRaturbölfer" 
(III, 160 fg.). 

©ofern bie SRad^l^altigfeit ber 3Rotit)toirfung ein bem 
5ß^legmatifer unb ben beiben §au:|)tformen be§ 2lnämatifer§ 
(a unb c) gemeinfame§ 5fRerftnal ift, fann e^ überl^au^Jt 
gu Seiten jn)eif ell^aft fein , ob lt)ir Don einer ©injelbeobac^^ 

9al^itfen, (Sl^araTterotogie. I. 8 



114 S)ic ndd^ften Sfflifdfeungen. 

tung auf biefen ober jenen gu fd^liefeen l^aben, unb eine 
flteid^e Ungemifel^eit tritt ein, too Sleu^erungen ber heftig- 
feit ebenfo gut fanguinifc^em ober d^olerifd^em aU anä^ 
matifc^em 3:^enH)erament entftammen !önnen. 3^kf)tn t&it 
l^ierau^ gunäd^ft bie SEBarnung, niematö nai) 3SBa[;rnel^s 
«tung gang toer ein jelter 3üge ein abfd^liefecnbe^ Urtl^ett 
faden ju njotten, fo werben fid^ in ben meiften gäEen bei fort- 
gelegter 33eobad^tung giemlici^ leidet fidlere Kriterien l^erau§= 
fteHen. 6^ njirb j. 35. nid^t lange gefragt derben, innere 
l^alb it^eld^e^ Sereid^^ jene fieute unterjubringen , bie, in 
ber 2Beife be^ StnÄmatifer^ a unb b ober be^ ^an^nx- 
nifer^, bei unbebeutenben Uebelftänben l^eftig auftt)allen 
unb l^ernad} bei gewaltigem ©d^merj eine beU)unberung^= 
ioürbige Raffung (tjerftel^t fid^: ioo^l ju unterfd^eiben t)on 
anämatifc^em ©tumipffinn unter gleid^en a3erl;ältniffen) be- 
l;aut)ten? eg finb bie^ ber Siegel nac^ meland^olifd^e SKnä- 
matifer toon ber gorm c, ober, ioenn ba§ nid^t, entioeber 
d;olerifd^e ober ^)l^legmatifd^e SKetand^olifer (aber tt)eber 
ttteland^olifd^e ßl^olerüer nod^ meland^olifd^e 5ßl^legmatifer 
— jene^ nid^t, h>eil fie fonft nic^t ru^ig bleiben, biefe^ 
nid^t, tt)eit fie fonft nid^t ton Äleinigfeiten mürben ftarf 
affidrt tüerben). 2Ba^ aber t)on biefen breien? ba§ loirb 
im gegebenen gaH atterbing^ befto fd^merer au^jumad^en 
fein, je mel^r eine franf^afte Steigerung ber S)t?gfolie jeit= 
meilig ben fonft ^l^legmatifd^en bem ßl^olerifd^en ä^nlid^ 
mad^en fann , unb je mel^r e^ ef ceiptioneEen ©rf d^einungen 
beijujÄl^len ift, loenn ber ßj^olerifer aud; in ©elbftbe^ 
^errfd^ung ejceHirt, ioeil baju immer au6) ein beträc^t^ 
lic^eö ^ßrätoaliren beg S^teHect^ erforberlid^ ift. ®a^ bie 
Don biefem abl^ängige gä^ig!eit be^ Seftimmtmerben^ burd^ 
abftracte 3Rotit)e nidjt auc^ attemal bei Äleinigfeiten, ioo 
e^ bod^ leidster fd^eint, jur 3lctualität ioirb, läfet fic^ fo 
erHdren: ber in fid^ ftarfe unb gugleid^ feiner ©tärfe fic^ 
bemühte ©J^arolter l^ält e^ nid^t aEemal ber 3Rül^e toerti^^ 
gegen bie „Keinen Seiben" in Sieaction ju treten; — er 
Icifet fid^ j. 33. gelten, \t>o er bom SKu^brud^ feiner ipeftig- 



Sd^Iu^. ©etntfd^te @tfd^einungen auS jtoeifel^aften ©ebteten. 115 

feit feine ©efa^r für anbete fielet, ober gar l^offen tann, 
mit einem energifd[^en 3Wacl^tlt)ort unter SKi^ftänben aufgu= 
räumen ; lüäl^renb er ju einem 3Wufier ber ©ebulb iperben 
tann, \t>o er fid^ etma Äranfen gegenüber beflnbet, ipeld^e 
ber ©d^onung bebürfen, — unb ebenfo jic^ „gufammen^ 
nimmt", feine ganje 2Biberftanb^!raft aufbietet, mo er e§ 
mit Seiben ju tf)nn f)at, gegen meldte ben Äam^)f aufgu= 
nehmen nid^t „unter feiner SBürbe" ift ; bann fann er fid; 
mittete feinet 3»nteIIect5 fo iDottftänbig über allen Sammer 
erl^eben, bafe er für Mt, gleid(^gültig, ja für leid^tfinnig 
gehalten toirb. 

©er ^)l^legmatifd^e 3Weland^oItfer — ba^ bebarf nid^t 
erft be§ 35eU)eife^ — ift gerabe in fold^en gäHen red^t in 
feinem Esse, ioo e^ gilt, gegen ba^ ©d^merfte fid^ aufju^ 
raffen: er iDoHenb^ lüirb e^ mit einer ©rfolg tjerbürgenben 
©id^erl^eit unb Äräftigfeit tl^un — il^n ftem^)elte ja bie 
^Jiatur inm „ß^arafter ber ©r^abenl^eit" — 

who is 
As one, in suffering all, that suffers nothing. 

,, Hamlet'', ÜI, 2. 

@§ änbert nid^t^ an biefen ©rfd^einungen, menn bie 
„©emüt^^rul^e" babei toon frommem ©otttoertrauen getrau 
gen fd^eint; benn aiiä) folcl^e;^ läfet fidb nid^t auf jeben 
©tamm :t)fro|)fen, unb loo e§ ijorl^anben ift, loirb e^ nadti 
ber gegebenen 33afi§ be^ av^po7co(; ^'jyii>i6(; ben lieben 
(Sott aud^ nid^t aEemal mit jeber 83agatettfad^e bel^eEigen, 
fonbern fold^e mit ben ioeltlid^en SBaffen eine^ gefunben 
3orne^ fid^ t)om Seibe l^alten unb bie 3lnrufung l^öl^ern 
a3eiftanbe§ für bie loirflid^ grofee S'iotl^ fid^ auff^)aren. SRur 
eine anämatifc^e SSetfd^njefter mirb aud^ il^re Sefd^ioerben 
über i^ol^e Äaffee^)reife t)or ben ^immetetl^ron bringen, um 
„angebrad^ter=" unb t)erbientennafeen mit einem help your- 
self — aide-toi et le ciel t'aidera abfd^lägig befd^ieben 
ju ioerben. 

Sin biefer ©teEe fei benn enblid^ aud^ nod^ eine^ 2lb= 
toegg gebaut, auf toeld^en gar leicht jene ©emüt^ser:: 

8* 



116 Sie ndcfeftcn SWifiJfeungcn. 

h)ei(^ung gcrätl^, bie fic^ burd^ ein befonber^ ftarfe^ Ver- 
langen nad^ „Sebauerttoerben" funbgibt. ©^ ift barin ein 
©eitenpüd ju ber obenbejeid^neten 5Berirrung ber ©entt= 
ntcntalit&t gegeben, il^r aud^ äl^nlid^ in beut SQBiberftreit 
oefferer unb unebler ©trebungen. 3^ ®runbe liegt ein 
Siebeöbebürfnife , meld^eS aber in eine falfd^e ©d^lufefette 
fid^ ^erjlridt unb fo ©^m!()tom unb ©ad^e bertoed^felt, fic^ 
felber ein Slmtutl^^geugnife au^jleHenb in ber Unfä^igfeit, 
bie im S^tnem nod^ berfd^Ioffene Siebe genjal^r gu toerben. 
Sear mit feiner anfänglid^en Ungered^tigfeit gegen 6or= 
belia fte^t auf biefer ©tufe, U)o, toenn nid^t SBunber, fo 
bod^ 3^1^^^ begehrt werben t>on einem ungläubigen @e= 
fd^Iec^t, bag mx boc^ Jeine^megö für ein fc^Ied^tl^tn 
egoifttfd^e^ anfe^en bürfen; e§ tt>iU nur bie Siebe, toelc^e 
e§ aU aWitleib in fid^ l^egt, aud^ in ber gorm be5 aRit= 
leib^, in SBorten unb Sffierfen be^ SKitleib^, gegen fid^ 
felber bet^ätigt fel;en, unb mo e^ ba^ toermi^t, ftagt e§ 
über ^erjlofigfeit unb mirb felber graufam — - forbert 
unglaublid^ toiel ©ebulb unb übt felber nur iDenig — 
spannt bie frembe auf bie golter, inbem e^ beftänbig neue 
groben Verlangt — unb jule|t toenbet eg fid^ in feiner 
SJerbiffenl^eit fd^ier mit bo^^after Oraufamfeit gerabe gegen 
bie bargebrad^te Siebe, mi^braud^t fie nic^t nur burd^ 
Uebermafe in ben Stnf^jrüd^en, fonbem alö SBaffe felbft 
jur aSerUJunbung — ift gleid^mütl^ig ober gar freunblid^ 
gegen ©leic^gültige, aber lol^nt — h)ie in teuflifd^er Suft 
an ber bamit bereiteten Qual ~ martemb ba^ entgegen^ 
fommenbe Vertrauen unbebingt fid^ ^ingebenber Siebe, 
©ine berartige Oraufamfeit ^at il^re ©träfe freiließ birect 
in fid^ felber, in immer größerer SSereinfamung unb 
biefer folgenber ftummer ©elbftanflage — auc^ in ben 
2^äufd^ungen, meldte fie t>om l^eud^lerif d^en Slu^beuten 
il^rer ©d^iüäd^e erfäl^rt, menn fie il^r Vertrauen an 3la- 
turen U)ie ßorbelia'^ ©d^meftem meggetoorfen. S)ie biefer 
©l^arafteräufeerung in^ärirenbe Saunenl^aftigfeit gibt i^r 
einen entfc^ieben l^^))od^onbrifd^en änftrid^: pe mad^t ba^ 



6(i&lu^. ©cmiWte ©rfd^einungen au§ jtücifell^aften ©cbieten. 117 

©ingel^en auf i^re ßaipricen jum einjigen SKafeftab frember 
Siebe, ftöfet fd^on baburd^ ade felbftänbigen, nid^t jlla^ifd^ 
gearteten Oemüt^er, U)eld^e jebe galfc^l^eit toerfc^mdl^en, 
i)on fid^ jurüdE — affectirt eigene^ Setben, bIo5 um bie 
Siebenben ju ipeinigen, unb um, lüenn bieg Sßerfal^ren t)iel= 
leidet einmal burd^fc^aut, alfo aud^ gegen lüirÄid^e^ Seiben 
ber ©utmütl^igfte mi^trauifc^ gemorben ift, in fd^neibenber 
Ungered^tigfeit fid^ über angeblid^en aJiangel an Siebe 
bef lagen ju fönnen, ja lt)ol gar, um ben Siebenben ben 
©tad^el beg ©etoiffen^ ein jubol^ren : fte l^ätten fid^ aU bie 
§au:t)tfd^ulb am Seiben beg untoürbig ©eliebten anjuflagen. 
— 2Bir fd^ilbem l^iermit feine^toegg ganj finguläre göHe 
(i^re bid^terifd^e ällgemeingültigfeit mag ^can ^jJaul toer^ 
treten mit feinem ^apitd i)om „©d^mottgeift" in ben 
„glegeljal^ren'O/ finb im ©egentl^eil überzeugt, bafe bie 
reine, mel^r nur am förj)erlid^en ©d^merj il^rer D^)fer fic^ 
toeibenbe So^l^eit feltener ba^ gleid^e Slaffinement erreid^t, 
alg biefe, beren 2^orturinftrumente geiftige ©d^merjen 'ocx^ 
urfac^en. S)od^ tl^eilt le^tere mit bem getoöl^nlid^en 2Bü= 
t^erid^ ober bem 2^^ierquäler ben Äi|el ber 3Jlitemj)fin= 
bung beg anbern bereiteten ©d^merje^. SBer nid^t iüeife, 
it>ie bem ju 9Wutl^e ift, tt)elc^en ba^ SSerfanntiDerben fei^: 
ner Siebe quält, ber fann gar nid^t auf ben ©infatt Jom= 
men, anbern biefe Qual bereiten ju moHen — unb ju= 
meilen mag e^ bie eigene ©emiffen^angft fein, ma^ an= 
treibt, ^Un folc^e in fremben ©emütl^ern ]^eraufjube= 
fd^toören — ja e^ ift benfbar, bafe bie üual be^ 3Wit^ 
leib^ mit anbern anf^)ornt, auc^ fid^ f eiber jum ©egern 
ftanbe fremben aJiitleib^ ju mad^en. ©e^^alb fagten it)ir: 
e^ befielet in folc^en Staturen eine 3Wifc^ung t)on bem, 
toag bie ©runblage aUe^ ©ittlid^en au^mad^t, mit bem, 
mag bem ©ittlid^=®uten am aEertoeiteften entgegengefe^t 
ijl — unb biefer S^i^fi^ölt/ i>^n \t>ix anberiDeitig afe eine 
ber Urfad^en ber 6l^aralter= unb §altlofigfeit fennen 
lernen werben, mac^t auc^ biefe unglüdlic^en SSerblen^ 
beten jum ©egenftanbe eigener toie frember SSerad^tung. 



2)ie SttHJutoHUtätefragc 

unb 

ba8 3ÄobtftcabtHtät8:probIem» 

h SotmuHtung bet fernem Probleme. 

aSon ben ©. 1 fg. eingegangenen aSerj)fIicl^tungen I;aben 
mir biöl^er faum mel^r aU ber einen genügt, befcrij^tit) 
ober conftructit) tjerfal^renb , eine SCnjal^l d^arafterologif c^er 
^^änomene gu flafftficiren. @o lüeit burften U)ir bie Db- 
jecte linferer Setrad^tung ftiUfd^meigenb aU fe'ftfte^enbe, 
conftante be^anbeln. S^fet, nad^bem bereite mel^rfad^ bie 
9Äitoirfung ber inteHectueHen Functionen bie bifferengiren- 
ben 3JierfmaIe l^ergegeben f)at, [teilen mir an einem fünfte, 
mo eine Sieil^e neuer Slufgaben i^re Söfung forbert. SBir 
f^rad^ert ja ©. 3 nid^t 6Io5 toom Unterfd^iebe jmifd^en 
d^arafterologifd^er unb rein gactifc^e^ au^brüdEenber aSer- 
menbung eine§ unb beffelben ^ßräbicat^, mir ermähnten 
nic^t blo^ (ebenbafelbft) fd^on be^ 9Robificabilität^^)robIem^ : 
mir l^aben aud^ fd^on ©. 50 fg. auf ben meta:p^^fifc^=etl^ifd^en 
^intergrunb ^ingemiefen, an beffen ^orijonte bie eigent^ 
Ud^en „Seben^fragen" aller etl^if c^en ^orfd^ung fid^ erließen ; 
benn eine SBiffenfd^aft, meiere fid^ felber aU bie Se^re tjon 
ben Orunbelementen ber3fnbit)ibualität eingeführt f)at, 
iann bod^ aud^ bie Frage nid^t beifeitelaffen nac^ bem 
legten principium individuationis, !ann fid^ nid^t be- 
rul^igen bei einem fold^en, meld^e^ blo^ eine auf bianoio^: 
logifd^em SBege eruirteS^rm ber ©rfd^einung fein foll; 
— irgenbmol^er mufe boc^ jene^ 5piu^ gefommen fein, met 
d^e^ ben Snbiöibualc^arafter ^hm inm inbitjibueHen mad^t, 



gormulirung ber fernem Probleme. 119 

jene^ an fid^ reale ®tn)ai^/ tjermöge beffen ber eine auf 
biefeg, ber anbere auf jene^ ©runbmottto reagirt, jene^ 
bie etnjcine S^btoibualität materialiter, nic^t bto^ forma- 
liter ®eterminirenbe, baS ben einzelnen ßl^arafter eben ju 
einem beftimmten, gegebenen ntad^t. ®enn ift bie 3nbit)i= 
bualität blo^e ®rfci^einung^form, fo fann aud^ bie inbi^ 
\)ibuelle SBerantoortlid^feit nid^t mel^r fein. — 65 l^ei^t 
tool beim 5Ketfter: ,,5Ri^t ba^ ©ein, nur bo^ ©ofein f)at 
einen Orunb", fobafe man im bianoiologifc^en ®Ieife lüeiter 
laufenb fragen möchte: ifl benn überl^au^)t ber äßitte in 

feinem Si)ing=an5fici^-f^^"/ ^^^ ^f* ^^^ ^^^^ blo§e§ „©ein" 
nur eine Slelation be3 Objecto gum ©ubject, tt)ie ba^ /,®a- 
fein", aU Seben, f eiber nur ate eine ^orm be^ ©id^=Db= 
jiectoiren^ be^ SBiffen^ be^anbelt UJirb? („S)ie 3BeIt aU 
SBitte unb »orflettung", 2. SKufl., 1, 249; 3. Slufl., ©. 259.) 
Unb: gel^ört bie Essentia jum Da fein ober jum©ofein? 
ifl fie bIo5 ein S^ftanb ober ifi fie eine ©ubftan^ mit 
Siccibentien, b. f). ein ^robuct an^ ber Existentia unb 
einem materialen ^Iu5 nebft einigen generibus eine^ for- 
malen ^lu§ ? ®a5 d^emifd^e ©tement j. S. ^^articipirt (^la- 
tonifd^: [jlstsxsO junäd^ft an ber allgemeinen Existentia, 
au^erbem l^at eg ein „ fpecifif c^e^ ", biftinguirenbe^ 3lnfic^ 
unb fd^liefelid^ tim Siei^e accibenteller ©rfd^etnung^formen. 
©0 befielet ber 3[«bit)ibuald^ara!ter au§ einem Existens 
fd^led^tl^in , an^ einer emigen, fid^ felbfl gleic^bleibenben 
©ubftanj unb an^ accibentellen 5Rebenerfd^einungen: ?la= 
tionalität u. bgl. SBie aber fielet e5 um bie ^Realität bie= 
fer Jlebenerfd^einungen? — finb fte blo5 ©rfc^einung, rein 
ipl^änomenaler S'iatur, alfo faum mel^r aU njie ein blo^e^ 
^pi^antom ? 3ft ber 3Biffe in feinem reinen ©ing-amfid^^f ein 
genau jene Substantia, toie fie ©pinoja im ©ingang gu 
feiner ®t^il befinirt ober befc^reibt? ift ber aSitte, ber aU 
folc^er eben blo5 mill, ol^ne ba§ biefe^ SBolIen mit be- 
ftimmtem ^nl^alt gebadet n)irb, ibentifd^ mit jener Sub- 
stantia in il^rer inbifferenten Q^bentität mit fid^ ? — Sft ba0 
2lttributum ebenbafelbft ba^ aJlotit), fofern e5 ben an Tid^ 



120 S)ie SntpittaMat&tdfrage unb baS 3Robtfi€abilttät§^toblem. 

Iceren Segriff be^ aSBiffen^ erfüttt, — aber erft ganj all? 
gemein mit einem SBa^, — unb entf^jrid^t erft ber be- 
ftimmte, concrete, t^atfäc^lid^e SQBillengact bem, toa§ (BpU 
noja bort 3Robug nennt? — ober, in fürjere ©onfequeng 
jufammengejogen : ift ber inteHigible ßi^arafter ber ©ub=: 
ftantia, ber em^)irifd^e bem 2lttributum unb bie einzelne 
,§anblung bem 9Kobu^ gleid^jufe^en? Slttein — unb ba§ 
bürfte au6) ^on anbern ©tanbipunften au^ bereite gegen 
ben ©t)inoji§mu^ eingeioenbet fein — : fielet baö ©ein, ate 
eh)ige5, aufeer^alb ber ßaufalität^rei^e, fo gelten and) bie 
aWotitje, atö eine beftimmte gorm ber ßaufalität, ba^ ©ein 
aU folc^e^ gar nid^tö an — fie finb nur aJiittel jur ®r- 
fenntnife be^ ©ein§. $aben fie benn aber gar lein ^In- 
fid^? finb fie blo^ unb ganj ©eburten be^ ^ntettect^? 
aSol^er aber fommt bann jum %nfx6) bie gäl^igfeit l^inju, 
nic^t blo^ ju fein, fonbern aud^ ju erfd^einen? 5Wufe nid^t 
aud^ bem SJorfteffen ein ©orrelat an fid^ entfprec^en? unb 
ift nid^t bann bie SBorftellung , toeld^e in il^rem SSeri^dltnijs 
ium SBiUen (im engern ©inn, al^ bem inbibibueH er= 
füttten SBitten) 3Kotit) Reifet, felber ein S)afeienbe^, ba^ 
nac^ ©eiten feinet ©ein^ aud^ aufeerl^alb ber 6aufalit&t^= 
rei^e, über^auj^t ebenbürtig in gleid^er ©igenftänbigfeit 
ndim bem äBoIIenben im 3nbit)ibuum ftel^en müfete? 3ft 
ba§ aSorftellen potentiä — mie etioa ©d^inbler mill in 
feinem „3Ragifd^e§ ©eifterleben" — nur bie ^Polarität be^ 
unbeiou^ten SBiffen^, unb erft bie ©in^eit beiber ein in- 
bifferente^ &ne^, ba^ meber 3Biffe no^ ^ntettect ift, fom 
bem ba^ fd^led^tl^in inbefinirbare 5)ing an ftd^ — jene 
res extensa eademque cogitans? — 9Küffen toir fonad^ 
au^ bem ®ing an fidti, mittete ^jolarifd^en Slu^einanber^ 
tretend, ebenfo unmittelbar unb urf^rünglic^ (^rimitit)) bie 
aSorftettung, ba^ aWotii), l^erleiten loie ben 2BiIIen unb 
nid^t erft, toie ©d^o^jenl^auer, jene aU ©ecunbäre^ au0 
biefem, — fonbern beibe jufammenfteHen ate gleid^jeitige 
Slctualitäten, nad^ ^jolarifd^em ©egenfa^e entfipringenb ber? 
felben einen inbifferenten potentiä? Unb liefee fid^ bafür 



Sormulirung ber femern Probleme. 121 

nid^t nod^ anfüi^ren, ba§ in beiben ©ebicten ^parallel laufenb 
fid^ bie ^aare ber ©tünbe correfj)onbirett: auf feiten be^ 
Sntellectö : ©ein^grunb unb ©rf enntnifegrunb — auf feiten 
be^ SBiHen^: ßaufalität unb SRoti^tion? unb über aHem 
baS „abfolute", fo toenig blo^ objectitje, toie blo^ fubjec^ 
tii)e ©ein? — aber auc^ in ben Siegionen unterl^alb be^ 
ontologifd^en äetl^er^ gibt ©c^oj)enl^auer 3Cn^alt^j)unfte für 
ad homineni argumentirenbe ©iniüürfe — j. 33. mo^er 
„bie eigenfinnige äu^toa^l" (SEBd^len ift hoä) ein 
3Biaenöact) für bie Sefriebigung be^ Oefd^Iec^t^triebe^ ber 
3fnbii)ibuen, toenn biefe in ber Sltt :: ©inl^eit be^ Uriüitten^ 
ju blojsen ^l^änomenen tjerfd^toänben? ober \omn fie il^re 
©Eiftenj nur ju fielen tragen t)on ber ©attung unb be- 
reu Sbee bie „unmittelbare" Dbjectitjation be^ äBiUen^ 
fein foH, mie fönnen bann au^ biefer Äette (— mit ben 
au^geftorbenen ©attungen — ) einzelne ©lieber aufgefallen 
fein, o^ne ben ganjen 3«fa»itti^nl&alt be^ ©rfd^einenben, fomit 
bie aSelt felber, aufjul^eben? SBoIIenb^ aber t)ern)i(lelt bie 
5)arftettung be^ fic^ tjemeinenben 2BiIIen^ in tine 9leil^e 
fol^er 3Biberf))rüci^e; loenn e^ j. 35. „®ie 3Belt afe aBiffe 
unb SSorftettung", 2. äufl., I, 431; 3. Stuf!., ©• 451, 
l^eifet: t^ bleibe im Slfceten nod^ dne „Slnlage jumSBollen" 
befielen, ba eö beim 5)ing an fid^ boc^ l^eifeen mu§: aut 
omne aut nihil — unb biefer 3left tonne nod^ toieber 
„aufgeregt" ioerben burd^ 3ilotioe, ja burc^ baö „©ebeil^en 
be^ £eibe§ nm belebt" — überl^au^^t empfange ber aSiUe 
Sial^rung au^ ber Sefriebigung (ebenbaf., ©. 439; 3. Slufl., 
©. 460). — 25Bie fott überhaupt ber SBitte ate 2Befen 
an fid^ burd^ bie ®rfd^einung nod^ ein fd^ioad^e^ 
©afein l^aben (ebenbaf., ©. 432; 3. 2lufl., ©. 452)? — 
ift bod^ bie ©rfd^einung umgefe^rt nur burd^ baS S)ing an 
fid^ als baS ©rfd^einenbe. .Kurj: bie ß^arafterologie l^at 
an einer allgemeinen ©rörterung beS SSer^ältniffeS gtt)i= 
fd^en aOSiffe unb SKotib biejenige SBorauSf e|ung , toeld^e 
man ate ^rolegomena gu einer aBiffenfd^aft ju bejeic^nen 



122 S)te SmputabUitdtöfrage unb bad aRobiftcaMHt&tSproblem. 

©0 befennm toix un^ überi^amjt anl^eifc^ig, unfere ganje 
3Wetl^obe einer ©elbftj)rüfung ju unter jie^en ; benn an6) bie 
e^arafterologie l^at, toie jebe anbere ip^ilofopl^ifd^e S)iö= 
cbplm, bem fritifc^en ©etoiffen ©enüge ju leiften unb fid^ 
tt)ie anbem Sied^enfc^aft ju geben über ben Orab ber 3"- 
ijerläffigfeit i^rer ©rgebniffe. tiefer c^jologetifd^rfritifd^e 
Slbfci^nitt aber jerfättt, na6f ben il^n bel^errfd^enben ®e- 
fic^tö^junften, tjon felber in itm %f}dk, beren gemeinfamer 
Sioed ift, baö ©ffentielle ^om ^phänomenalen, fon)eit 
irgenb tl^unlic^, ftar unb befttmmt gu fonbem. ©elbfl- 
^erftänblid^ nehmen hierbei bie ^agen nad^ bem rein 
etl^ifd^enG^arafterfern ba^ l^öd^fte, n)enngteic^ nid^t bag 
au^fd^Ue^Ud^e Sntereffe in 3lnfj)rud^. — Ratten mir oben 
t)on ben eckten bie uned^ten J^emiperamente ju fonbern unb 
unfere 5Dlet^obe ber Slu^fd^eibung ju red^tfertigen, fo loer- 
ben n)ir je^t an ©teilen gelangen, too genuine „^ugenben" 
i)or ber Serioed^felung mit i^ren Slfterbilbern ju ftd^ern 
finb. Unb bamit un^ bieö gelingen fönne, finb ^bm jmei 
SQBege einjuf erlagen: auf ben einen fü^rt nn^ bie ^oppth 
frage: toeld^e Sebingungen muffen erfüllt fein, bamit ioir 
eine gegebene ^anblung i^rem Url^eber o^ne ©infd^ränfung 
anred^nen fönnen, unb : toie ift eine berartige ®infd^ränfung 
tjorlommenbenfatt^ in 2lbjug ju bringen, um eine^ fidlem 
d^arafterologifd^en gacit^ einigermaßen getoiß ju werben? 
auf bem anbem muffen toir bem ^icU entgegengehen, bai 
S)auembe tjom SBed^felnben, ba^ fd^led^tl^in ßonftante bom 
SBariabeln trennen ju fönnen. — 3Wit anbem SQSorten: bie 
©. 3 gegebene S^fage, bem ßriminaliften n)ie bem 5ßä' 
bagogen bie 5ßrolegomena il^rer ref^). gac^toiffenfd^aften 
JU Uefem, !ann bie ©^arafterologie nur einl&fen, inbem 
fie \encm bie ^mpntahilit&U^xaQ^, biefem ba^ 5Ko = 
bificabilität^^roblem au^einanberfe^t ^eitid^ ift 
feinem \>on beiben einfeitig mit biefem ober jenem gebient: 
ber ®rjiel^er mufe ebenfo gut miffen, ob feine „3«ci&t" fid^ 
auc^ toirflic^ bloö gegen jured^enbare 3lcte rid^tet, \t>k e^ 
ben ßriminaliften bei geftfieHung be!§ SRafee^ unb bei Slu^s 



^omulirung ber fernem Probleme. 123 

tocä)l ber gorm ber ©träfe angelet, ob feine ©trafmittel 
geeignet finb, mirflid^ blo^ auf mobtficable ^Jactoren im 
Sträfling einsutt)irfen; benn anbemfaffj^ finb fie, foiDeit 
nid^t babei bie OefeUfc^aft mit ttnfd^ftblid^mac^en il^re 
©elbfierl^altung bejlüedt, finnlo^, alfo toenigfien^ unbe^^ 
red^tigt, n)enn nid^t gar jVüedtlo^ graufam; — ein blojjer 
5Rad^eact, ber mit bem Segriff ber „©ü^ne" nur ben ©d^ein 
ber ©erec^tigfeit gen)innen fann.*) 

Slngeftd^t^ nun eine^ fo toeiten gelbem ber ©i^cuffion, 
muB es mir jur befonbern Serul^igung gereid^en, ben lueit: 
au§ größten Xi)dl ber 3lrbeit bereite getl^an ju toiffen, ba 
ja mit befonberer, fogar monogra^j^if c^er , Sluöfül^tHc^feit 
©d^o^jenl^auer felber gerabe biefe S)inge grünbtic^ft erörtert 
l^at. 3Benn ic^ mid^ bennoc^ nid^t begnüge , mit dn paat 
©taten bie ganje Saft auf bie SHefenfd^uCtern feinet (Sei^ 
{ie§ ju toäljen, fo laffe id^ mid^ t)on ber ipoffnung leiten, 
©riftuterungen jener 2lrt bieten ju fönnen, toeld^e il^ren 
5BBertl^ barin l^aben, ba§ Slnfel^en frember ©ebanfen ju 
förbern, inbem fie jeigen, n)ie biefe auf bem 5)urd^gange 
burc^ einen anbem ate i^re^ Url^eber^ Äo))f an ©ntf^iebem 
l^eit nid)t^, eingebüßt l^aben. Unb Weil \t>ix ^ier an ein^ 
ber ®rat)itationlcentren be^ ganjen ©^ftemö l^erangetreten 
finb, fo mag aud^ ^ier dn SBort über ba^ SBerl^ältnife 
meiner ju feiner 2lrbeit nod^ nad^trägtid^ feine ©teile fln- 



*) (So ijl ein überaus intereffanter Söcleg für bie Slid^tigfeit biefer 
unfcrer 3ujamincnflcffung bc8 (Sriminalijlen mit bem ^abttgogen, baß 
ncuerbing« gur ^Reform be« @trafrcd^tö ^orfd^lSgc gcmad^t finb, be* 
reit ^tgentlj^ümücl^feit barin befielet, bad $rtnci)) ber (Sd^ut^ud^t auf 
ba« ©traföerfal&ren gu übertragen , toeld^e« ber (Staat, qua SD^anbatar 
ber ®efel][f(i^aft, gu l^anbl^aben l^at. 3luf 2)erartigem berul^en fo ^ut 
bie Steuerungen in ©nglanb — zeitweilige @ntlaffung ber @trHflinge 
n. bg(. — toie bie 2:^efen eine« SBonnet)iIIe be SWarfangt? (man ögJ. 
Sel^mann*« „ 2»agaain für bie Literatur be« ausraube« ", 1865, 9lr. 10), 
mel^e ^nwenbung t>on ^erweifen, Verwarnungen, äJüIberung auf 
®runb eine« abgelegten ©efläubniffe« forbern unb in«befonbere ba« 
^^3räbentit)e am 3^^^ ber ©träfe unb i^rer 3(nbro^ung betonen. 



124 3)ie Smputabilitdtöfrage unb baS 9RobififtibUitAtöproblem. 

ben. — 6^ toirb baburd^ iH^^^ mott^itt, marum btöl^^cr 
toie femerl^in nur bann bic einfd^lagenben ©ft|e au^ feinen 
aSBerlen angefül^rt finb, toenn eö enttoeber auf ben 3Bort' 
laut anfommt ober bie ©infügung feiner Segriffe in ben 
wn mir innegel^altenen Oebanfengang bie 3lad^tt)eifung 
beftimmter 3lnfnäj)fung«!|)unfte ju erforbern fd^eint. 9?ur 
anlel^nenb unb gru))iptrenb, faum l^in unb lieber ergänz 
jenb, fann fid^ in bem d^arafterologifd^en 2^^eil be§ ©^^ 
ftem^ meine Seiftung ntben bie feine ftellen. 3)enn foll eg 
au6) nid^t beftritten lt)erben, baJ5 e^ an bem imj)ofanten 
©ebäube feiner Seigre ©eiten gibt, too ein il^n „ju ®nbe 
benfenber Slad^fotger" ben „Slu^bau" burd^ ®rrid^tung t)on 
glügeln toirb gu befd^affen l^aben, fo ipiH bod^ mein gegen= 
n)firtige§ J^l^un nur mit bem ©efc^äft eine§ Slrd^iteften 
öerglid^en werben , ber an einem f eflen, ebenf o U)o^Igegrün= 
beten ipie tool^lgeglieberten, ftattlic^en unb bielumfaffenben 
33au mit reid^gefüHten ©d^a|fammern, l^ier unb ba bie 
Slufeenmauem, Sinnentoänbe unb f^ufeböben burd^brid^t, 
um mel^r ?5^nfter, 2:^üren unb Xxeppm anzubringen, ba= 
mit nid^t nur ba^ Interieur nod^ l^eller, fonbem aud^ ber 
birecte S^^gang t)on einem Slaum unb \>on einem ©tocftoerf 
in^ anbere nod^ leidster unb bequemer n)erbe. Unb Wenn 
man babei nic^t toirb uml^in fönnen, an ©teilen für eine 
nmc SJecoration gu forgen, fo toitt id^ mir mit allem 
®rnfte ber SBerantmortlid^feit ben)u§t bleiben, meldte t)er= 
bietet, ben ®eift beö Orünber^ burc^ @ntfteffungen ober 
„SBerfc^limmbefferungen" feinet fo großartigen 5ßlane§ gu 
tjerunel^ren. 

SJemgemäfe barf id^ mic^ benn fogleid^ bem Slnfinnen 
miberfe^en, etioa feine gange Darlegung ber aug ber „Slfei= 
tat" be^ SBiEen^ erioad^fenben ©elbfttoerantmortlid^feit re= 
pxVtudxcn, too nid^t gar mit ))olemifirenben ^to^äftn- 
bemerJungen begleiten gu fotten. SJaö toürbe nur l^ei^en, 
bie gange Setrad^tung auf ba^ rein etl^ifc^e ©ebiet ^inüber= 
f^ielen. SSielmel^r l^at e^ bie ©l^arafterologie am 3m^)u= 
tabilität^^jrobler» nur mit ber ©eite gu tl^un, nad^ ioeld^er 



2)te ^[mputabilitdtgfrage t). etl^tfc^. u. (i^araItero(og.6tanbpunft. 125 

f)in bie ^age in engerer gaffung fo lautet: toelc^e Btfvxp' 
tonte finb für an fld^ ju^erlftfpge, toeCd^e für trüglid^e 
©l^arafterjeid^en ju l^alten, unb toie flnb auc^ bie Ie|tern 
eth)a noä) d^arafterologifc^ ju berioertl^en? ®3 ift bamit 
bie 3m))utabilität§frage jugleid^ in ben innigflen 3«fö^iiwen- 
^ang mit ber aWobificabiUtftt^frage gebrad^t — ju biefer 
getoiffermofeen atö eine SSorfrage l^inüberleitenb — unb 
weil biefe jic^ l^ier iDorbrÄngte, fein toeitereö ^inauj^fd^ieben 
geftattenb. 



2. Sie 3iit)iittabilttötdfrage bom etl^if^eit nttb nom ^a= 

raftetologtf^en @tattb)iitttlt 

©etoiffemtafeen i)at ber ©ti^ifer (unb ©trafrid^ter) e^ 
leidster, über bie 3mj)utabilität einer gerabe tjorliegenben 
^anblung ju befinben, aU toie ber G^arafterolog; benn 
jener fragt nur nac^ ©d^ulb (ober ©trafbarfeit), nid^t 
nad^ bem ju Orunbe üegenben, bielleid^t über jebe ©d^ulb 
unb ©trafbarfeit l^inau^gerüdtten SBefen. @S ift aber nid^t 
fd^toer, für bie ©d^ulbfrage (in biefent, nid^t in bem ^or 
ber 3ur^ t)orfommenben ©inne) einen fidlem Äanon ju 
gewinnen; benn alle ©d^ulb l^at il^r Gorrelat an mimi 
burd^ fie toerurfad^ten Seiben, unb beibe fe|en Setoujgt^ 
fein ^orau^. ©o barf ber ®tl^ifer unb ©riminalift un= 
bebenf lid^ ben ©a| jur 3Kd^tfd^nur feinet Urt^eite nehmen : 
ioer nid^t loeife toa^ er tl^ut, loill aud^ nid^t \oa^ er t^ut 
— benn i^n gel^t nur ber felbftbehjüfetgetoorbene 
SBßille an. Slnber^ ber ßl^arafterolog ! ber toeife unb barf 
nie t)ergeffen, bafe e§ für il^n eine Umfe^rung jene^ ©a|e^ 
gibt, nftmlid^ biefe: 3Wand^er toill ebm tva^ er nid^t tl^ut, 
unb tl^ut voa§ er nid^t miff — ba^ ©elbftbelou^tfein gerabe 
ift e^, loelc^e^ einen fold^en in ben ©tanb fe|t, bie malere 
9latur feinet aSiffen^ ju verleugnen — unb biefe tritt mit 
naiver Slufrid^tigfeit allein in jenen unbevoufeten ober nur 
mit l^albem Seloufetfein vottfü^rten ^l^aten ju 5Cage, loeld^e 



126 S)ie 3mputabilität§frage unb t>a§ 2RobificabiKtätaproblem. 

aU fold^e \>ot bem gorum be:^ et^ifd^eu Seurtl^eiler^ an 
3ureci^enbar!eit lüenigften^ eingebüßt l^aben. S)ie2lffect= 
l^anblungen (fomie S^l^aten ber Unmünbigen, ,,®eifte^= 
f raufen", 33erauf d^ten , ©d^laftrunfenen u. f. f.) alfo finb 
e^ t)or allem, bie bem ß^arqfterologen fo grofee ©d^toierig^ 
feiten bereiten, tt)äl^renb bem ©tl^ifer al^balb einleuchtet, 
bafe bei il^nen mit ber „inteHectuetten greil^eit" aud^ bie 
3uftänbigfeit berfelben tjor feinem S^ribunal minbeften^ 
eingefc^ränft, lüenn nid^t toöttig aufgel^oben ift. ?lur ge^^ 
fteigert, uic^t geminbert, toirb biefe ©(^U)ierigfeit baburd^, 
ba§ e^ aud^ für ben ßl^arafterotogen gäHe genug gibt, 
tüo er ju unterfd^eiben l^at, ob ein blo^ factifd^er SSorgang 
ober ein beabfidjtigte^ SBirfen torliegt; alfo aud^ er feiner- 
f eit^ ju fragen l^at , ob ba§ auf ein gegebene^ %^nn birect 
ober inbirect erfolgenbe Seiben mit Seiüufetfein gelüollt ift 
ober o^ne torl^ergegangene^ SBiffen beffen, hjeld^er e^ ^er^ 
beifül^rt, fid^ einfteHt — nur unter jener 5Borau^fe|ung 
fj)rid^t ba^ etl^ifd^e S3erbict fein ©d^ulbig! — unb nur 
unter jener SBebingung erfennt bie ß^arafterologie bem Ur= 
^eber foldjen Seiben^, ber al^bann „l^anbelnb" barf ge- 
nannt loerben (loie benn aud^ ba^ SBort „^^l^at^anblung" 
in biefem ©inne gefaxt nid^t^ njeniger aU eine leere Xan^ 
tologie ift), bie etl^ifd^e Dualität be^ 3Witleib^ ab, refip. 
bie ber ©raufamfeit pu 3Wan fielet j. S. ein Äinb einer 
lebenbigen gliege bie Seine unb ^lügel au^juj)fen — unb 
ein 3fiigorift loirb fofort bamit bei ber §anb fein, barau^ 
auf eine ju SBo^l^eit neigenbe ©emütl^^art ju fd^Uefeen — 
unb bod^ tarn e^ ein ganj gebanfenlofe^ ©J)iel fein, bei 
n^eld^em bem Äinbe nid^t t)on fern bie SSorfteUung auf= 
fteigt, iDie e§ bamit einem entpfinbenben SBefen ©d^merj 
bereite — e^ ipürbe ebenfo gern eine gemalte fliege jer= 
!pftüÄen, benn e^ fud^t nur Srftt)ertreib, unb eg mad^til^m 
etma benfelben ©i)aB, toie \omn e^ an ben gäben feinet 
^am:|3elmann^ iki)t ©o l^at ja aud^ ein Äinb nod^ feine 
ä?orfteHung t>on ber Setrübnife, meldte e^ mit feinem ®igen= 
finn unb UngeJ^orfam ben 3leltern bereitet, unb e^ bleibt 



S)ie ^ImputabilitdtSfrage t). etl^ifi^. u. d^ara!tetoIo9«@tanbpunft. 127 

bie Hoffnung, bafe biefc^ Setüufetfein cinft ju einem ben 
©igentoillen übern)inbenben ^JloÜo tt)erbe; (iüieiool e^, ju= 
mal in ber Uebergang^^jeriobe beö erft eriüad^enben S9e- 
toufetfeinö, fel^r fd^n)er fein fann, ju erfennen, auf meldten 
ßl^arafterqualitäten eö bei einem Äinbe beruht, toenn 
baffelbe beim aSorl^alten feiner Unarten flcl^ nic^t betrübt 
ober befc^ämt, fonbern l^öd^ften^ einen äugenblid berftimmt 
ober toerbriefeüd^ jeigt; ob in^befonbere babei fc^on SKit« 
leiblofigfeit mit bem ©d^merje, meldten e^ anbern bereitet, 
ba^ ©ntfd^eibenbe fei, ober gar fc^on Äeime beffen barin 
fid^ funbtl^un, loa^ bie Se^re bom ©elbftgefül^I al^ ©d^am= 
lofigfeit fd^limmfter SIrt ju betrad^ten ^aben loirb — ober 
ob fold^e ©leid^gültigfeit rein nur auf ba^ UnentioidEelt- 
fein be^ ^nteaectö jurüdgefü^rt merben bürfe). &\t)a^ 
ganj anbere^ ift ba^ abfid^tlid^e ©innen ber So^i^eit bar= 
auf, tüie fie einem red^t toe^e t^un, i^m föt()erlic^en ©d^merj 
ober Äränfung gufügen Unm, bie 2BoIIuft ber ©rauf am- 
feit, bie fidb loeibet am ^ndm eine^ fremben ^erjen^. — 
Unb fel^lt e^ etma an Slnalogien ju jenem unbeabfic^tigten 
©c^merjbereiten im Seben ber ©rloac^fenen? ®§ tritt jemanb 
arglos in ein i^m befannte^ ^an^ unb framt feinen 
frifd^eften SSorrati^ bon ©tabtneuigfeiten an^ — fd^neibet 
aber mit jebem feiner Sffiorte al^nungSlo^ feinen gw^örern 
iu)^ aufgeriffene ^erj: er ioeife nid^t ober benft in biefem 
SlugenblidE nid^t baran, bafe feine objectiije ®rjäl^Iung, bie 
fic^ tjieHeid^t aU Äunfttoerf rühmen bürfte, ein ^Jleifterftüd 
bid^terifd^er Ironie ober „föftlid^ften ipumorö" gu fein, ben 
greunben an^ blofegelegte gleifd^ Steift, fei e^ meil ber 
ipelb berfelben ein na^er Angehöriger ift, fei eg loeil fid^ 
in beren eigener gamilie eine ganj äl^nlid^e 2^ragöbie ju- 
getragen ^at, bie f d^onfamere 9Jlittl^eiIung be^ neuen ©eiten^^ 
ftüd^ berlangen bürfte. ®ie geloä^tten 35eifpiele laffen 
fid^ notürlid^ unmittelbar aud^ für bie SKobificabilität^frage 
bertoertl^en; benn tomn fjjäter ba^ ßinb jur ©infid^t bon 
ber 2Birfung feinet ^^un^ gelangt fein unb, ioeil £uft an 
2i^ierquälerei nic^t „in feiner 3?atur" liegt, auf fo etloa^ 



128 S)ie 3mputabUitdt«ftage unb baS a»obificabUität8ptobtem. 

nid^t toiebcr betroffen U)irb, fo ift e^ an ftd^ fo toenig 
beffet getoorben, afö ber ewä^nte SRebfelige, tomn er, 
burc^ eine i^n felber betrübenbe SBal^mel^mung i)on ber 
SBirfung feinet %i}nn^ g^^ifeigt, l^infort ju größerer Sorftd^t 
gemal^nt bUibt, bafe er fid^ l^üte, ,,im $aufe beö ©e^ängten 
t)om ©tride ju reben". ®ö mirb ftd^ aber unfd^lDer bar= 
t^un laffen, bafe eine ganje SReil^e angeblid^er Selege für 
bie „tjerebelnbe" 2Bir!ung ber Silbung, in specie beö Wlto^ 
rattfiren^, auf eine bem 2lngefül^rten gteid^artige SBedtung 
be^ f,S^xtQß^üf)W ju rebuciren ift. ®Uxä)tt>ol toerben 
n)ir an feinem Drte erf ennen, baß auc^ bie anläge jum 
fojufagen inftinctit)en Xattt in berfd^iebenen ®raben „an-^ 
geboren" ift. — SJBer alfo j. SB. gern feiner inteffectueHen 
©uj)eriorität über einen anbern in Dledereien fid^ "on- 
getoiffert unb babei me^er t^ut, aU er eigentCid^ toitt, ift 
bemnad^ ntd^t gänjlid^ jfreijuf^jred^en ; benn loenn nid^t 
So^^eit, fo tjerrät^ er ii^enigften^ egoiftifd^e ©elbfigefäffig= 
feit, unb ein ganj „unfd^ulbige^ SBergnügen" lüar e^ immer 
nid^t, lüa^ er fld^ bamit tjeranftaltete; nur bagegen barf 
er fid^ ijertoa^ren, baß ber ®rab feiner ©d^ulb einfeitig 
nad^ bem 5Dlafe ber babur^ bereiteten ©d^merjen beftimmt 
toerbe — ift bod^ bie^ 3Wafe aud^ abl^ftngig toon ber @m= 
^jfänglid^feit beg cüoa t)on il^m ©enedEten, alfo bä gleid^em 
Orabe fubjectitjer SBertoerflid^feit ober ©ntfd^ulbbarfeit ob= 
jectit) möglid^erioeife ein äußerfi toerfc^iebene^. — §ier alfo 
finben fid^ ©tl^üer unb G^arafterolog in t)ölKger tteber^ 
einftimmung miteinanber. 



3. Sortfe^ung. 3)er Sm^itttaliUttiitdftage unb beut äRobu 
ftcabUttSt«)iroblem gemeütfame Gebiete. 

eg gibt geiüiffe relativ rafc^ t)orübergel^enbe 3Serftn= 
berungen in ber gunctionirung^loeife junäc^fi beg Sntettectj^, 
toeld^e bei ®rh)ägung ber 3mj)utabilität^frage bon un= 
mittelbarem, für ba^ SWobificabilität^^roblem aber ioenigflen^ 



3ure(i&enbarfett bet Stäume. 129 

t)on mittelbarem S^tereffe finb unb infofem einem beiben 
fragen gemeinfamen S^ettain angel^fören. Seratt finb ber 
Siaufd^, bie 2Bitfungen ffimmtlid^er 5Rarfoti!a, ^aroj^g^ 
mm aller 9lrt — fei e§ im gett)öl^nlid^en ^eber, fei e§ 
af^ Sncibenjipunfte bauember ©eijle^ftörungen — femer 
bie 2^raumjufiänbe in ben öerfd^iebenften formen, bie fo= 
genannten Slffecte unb enblid^, fd^einbar fd^on ganj auf 
bie ©eite be^ SEBillen^ faHenb, bie SBirfungen ber foge= 
nannten Stimulantia. 

®a§ ©iprid^toort fagt: In vino veritas — ba^ l^aben 
fd^on anbere t)or un2 in bem Sinn^ ju einem In somnio 
veritas umgeformt, bajs fie bel^auipteten: im SJraume öer= 
ratl^e fid^ ung unöerfälfd^t ber eigene ©l^arafter, unb e^ 
l^at \a fogar 2^^rannen gegeben, toeld^e bie SIräume aU 
felbft im juriftifd^en ©inne jured^enbare ^anblungen U^ 
urtl^eitt tt)iffen tooHten. Qn einem — biöl^er bloö burd^ 
SSorlefung an bie Deffentlid^feit getretenen — D:t)u§culum 
„lieber ben SJraum" l^abe id^ mid^ über biefen ^ßunft eins 
gel^enber au§gef:t)rod^en ; l^ier mag jur SSottftftnbigfeit nur 
ba§ SBefentlid^e barau^, nebft ©rg&njung burd^ einige 
testimonia autorum, aufgenommen werben. 3lu^ ©iefe- 
bred^t im 1. §eft feiner „®amarig" bel^anbelt biefe grage 
- Sean ^aul ^at bafür in feiner „äeft^etif'', §. 57, 
2lnm., bag furje ©d^lagtoort: „3m 3Bad^en t^un tt)ir bag, 
tt)a§ toir tooHen; im 2:raume motten toir ba§, toa^ mir 
tl^un"; griebri^ Hebbel ein ©ifü^on: „®er ^raum afö 
^pro^^et": 

SSa« bir begegnen loirb, toie fotttc ber Zxanm bir e« fagen? 
2Bae bu t^un »irft, bad geigt er fd^on el^er bir an. 

auf bie grage: toa§ jeigen un^ bie träume an? ifl, 
gerabe vermöge i^rer ttnbejHmmti^eit, jun&d^ft toenigften^ 
bie 2lntwort unbeftreitbar rid^tig: toa^ „in m^ ifl", unb 
ebenfo unleugbar, baJ3 ba^ 3nbiöibuum im 2:raume reiner 
auf fid^ unb feinen innern ©ei^alt geftellt ift aU im SBad^en, 
infofem alfo ber 2:raumfel^r geeignet, bie ©elbfterlenntnii 

»al^nfen, (SJ^araftetologte. I. 9 



130 3)ie SmputabiKtÄtöfroge unb bag SWobificabilitÄtgprobIcTn. 

auf i^te elementaren ^actoxm jurüdjufül^ren. ©e^toegen 
liefert er ani), tote nid^t leidet ettoaS ^nbereö, »elegefür 
ein nn^ felbji oft überrafd^enbeö ©i^gleid^gebliebenfein 
unfern gel^eimjlen SBoHen^, 3fm SJraunte feigen wir, toeffen 
tt)ir unter Umji&nben fä^ig fein Würben. ®a§ »efd^ämenbe, 
tt)aö babei für bie aWenfd^ennatur ju 2;age tritt, l|fat frei= 
lid^ fd^on frül^f bie ^p^ilofoipl^en (— toenn id^ mid^ red^t 
entfinne, aud^ ben $Iato — ) t)eranla^t, fid^ lebhaft gegen bie 
ßonfequenjen ju firftuben, toeld^e axi^ einem SJraume für 
ben moralifd^en SSßertl^ beö SJrftumenben fid^ fönnten jiel^en 
laffen, unb in ber 2;i^at toirb jeber gar fel^r bereit fein, 
fid^ für fittlid^ beffer ju l^alten, aU ba^ ©ipiegelbilb, toch 
d^e^ il^m fein Xxaum t)orl^äIt. StIIein man ertoäge nur, 
bal3 man im SIraume felbft bi^toeilen nod^ Älarl^eit be^ 
Setoufetfeinö genug ^at, um fid^ an bie ^tt>d^üf}a^iQtdt 
feiner 3m:putabilität ju erinnern unb ftd^ bemgemä^ ju 
freuen, i)ielleid^t nid^t t>eranttt)ortIid^ ju fein für Unfitt- 
lid^e^, baö ju begel^en man träumenb ein ftarfeö ©elüfie 
tragen mag; man bebenfe anbererf eitö , bafe im SBad^en 
taufenb 9?üdffid^ten fold^e^ ©elüfte im Qanmt ffolUn (fo= 
ba§ eg faum einmal atö leifer SBunfd^ in nn^ jtd^ regen 
barf), toeld^e^ im SJraume ganj ungel^inberten ©Spielraum 
l^at; fotoie ferner, ba§ in ber SBirHid^feit taufenb ®e= 
legenl^eiten unb bamit taufenb SKotit)e nid^t eintreten, 
toeld^e ber freitoaltenbe %xanm in leidstem ©ipiele i^erbei- 
fül^rt: fo toirb ba§ SRefuItat, toeld^e^ t)on j|eber el^rlid^en 
unb jugleid^ grünbli^en ©elbftbeobad^tung beftfttigt tt)irb, 
fd^on nid^t mel^r fo ganj iparaboE erfd^einen, 3iur l^üte 
man fid^ i)or falfd^er gragfteHung unb bat)or, begleitenbe 
®rfd^einungen für bie toefentlid^en unb iprimiti^en anin^ 
feigen. Se|tere^ aber ift um fo fd^ioerer, al^ im 2^raum 
ein t)age^ ^^nefein fomatifd^er 3wftättbe unb ®emütl^§:= 
affectionen in ber 3Beife fid^ ineinanber reflectiren, bafe 
auf bem SQBege ber (gerabe l^ier beutlid^er atö fonfi i)om 
aSillengtoefen mitbeftimmten) 3^eenaffociation för^erlid^e 
Störungen in ber fjorm berjenigen aSitten^erregungen bem 



3ure(i^enbarfeU Ux %x^m^. 131 

33ett)ufet|ein fid^ aufbrängen, bon mlä)m fxe im ti>ü6)m 
Suftanbe jutoeiten l^erbeigefül^tt werben, bafe alfo g. SB, 
franf^afte Functionen bcr Oattenabfonberung fid^ im Xxaum 
in 2lerger erjeugenbe SSorftellungen umfefeen. Unb biefe 
©d^toierigfeit 'onbop^dt fid^, toeil ba^ detail bieferf^m- 
boUfirenben SSorfteHung^bilber nic^t fotool öon bem fous 
beränen SBiUen allein, aU jum großem 2;^eil toon 3"= 
fdHigfeiten ausgemalt toirb, toelc^ie an faum latent getoors 
benen ©inbrüden unb einem getoiffen, jeber SBiUfüc 
entzogenen, SKed^ani^muiS ber aSorfteHungöfette ii^re 3lotf)' 
toenbigfeit ^aben. SBenn alfo j. S. ein fe^ualer 9leij fid^ 
mit inceftuöfen ober abulteriöfen ©cenen umHeibet, fo ift 
ber SnteHect babei bem SBitten oft fo toenig „ju SBitten", 
bafe biefer fi^ im ©runbe mit 6!el bon bem il^m SSor^^ 
gegaufelten abtoenbet, alfo für beffen Oeftalt nic^t berant* 
n)ortli^ gemalt toerben barf, dagegen !ann folgenbe con= 
cretere ©i)ecialifirung ber obftracten gragftettung ju feftern 
SRormen fül^ren: laffen fi^ nic^t befiimmte Älaffen felbft- 
büttbrad^ter, guter ober böfer 2:i^aten, al^ in ben S^räumen 
ber einzelnen ^erfonen tDieberfel^renb auffinben? finb bie^ 
nid^t immer nur fold^e, gu toü^m ber, bem babon träumt, 
aud^ im SBad^en bi^lbeilen 2lnreijungen erfal^ren ober toeld^e 
er, toenngleid^ nur in ,,nnbma^tm Slugenbliden", aud^ 
fd^on einmal ganj ober toenigften^ in conatu au^gefüi^rt 
^at? finb nid^t eben fo getoife anbere — bafe ic^ fo fage 
— geuera bon 5Cl^aten auögefc^loffen, nämlid^ alle bie, 
toeld^e bem (S^arafter aud^ im SBad^en böllig fern liegen? 
©oUte ibol jemanb , ber mm grünbli^en 2lbf c^ieu bor ber 
£üge l^at, ober bem niemals toad^enb m\ ©elüfte auf= 
geftiegen ift, frembe^ ©igenti^um mit Sifi ober Oetoalt an 
fic^ ju bringen, im S^raume fid^ je eine grobe Söge, 33e- 
trug, ©iebfta^l ober dianb ju ©c|iulben fommen laffen? 
aSßoi^l mag im %xauxn unfer SBiUe im ©d^led^ten m paax 
Schritte toeiter gelten atö im SEBad^en, beffen SSerl^ältniffe 
iJ^mobjectibeSc^ranfenentgegeniberfen; aber ©igenfd^aften, 
ibelc^e unferm ßi^arafter gÄnjlid^ fremb finb, tberben aud^ 



132 S)tc Smputabtlttftilfrage unb baS SWobificabiütdtSprobtem. 

im S^raume nid^t an nn^ l^ett)orttcten. Dbcr foHtcn toixt^ 
lx(S) bie %xlivme einc§ rüdfid^t^lofen ©goiften ober eine^ 
fd^abenfrol^ett, graufamen SBölfetpeimgetg fid^ nid^t mota= 
Kfd^ unterfci^ciben t)on ber SftoHe, njcld^e ein tt)al|frl^aft 
Iicbet)oIIer SBoi^Itl^äter ber ^Kenfd^l^eit, ober ein op^ex- 
mutl^iger, loirHid^ unintereffirter Vertreter be^ SRed^tö nnb 
ber SBai^rl^eit in feinen eigenen S^räumen fipielt? 

SBie Wn f eiber reil^t fid^ l^ieran bie weitere ^age: 
f)at eö öietteid^t aud^ mit einem In delirio veritas feine 
9Kd^tigfeit? ^\t>ax i)at ber ©riminalift nad^ obigem ^a- 
non bie§ für feinen SJmt^frei^ unbebenKid^ ju t)erneinen 
— aber aud^ nur ber ©ti^tfer unb bollenb^ gar ber 6l^a= 
rafterolog? ©^loerli^! — SBa^ ber SBiffe fei, gibt er 
am nait)ften in feiner 33Iinbl^eit ju ernennen — Natura 
non mentitur. — 2lber bennod^ ftettt fid^ bie ^age ^ttoa^ 
anber^ unb toeniger einfad^ auf ben ©tufen, too öon ab^ 
foluter Slinbl^eit nid^t mel^r bie Sftebe fein !ann. SBeim 
2;i^iere fipred^en wir nid^t gern bon ©d^ulb — ba fällt 
alfo aud^ bie 3m))utabilität^frage toeg — aber e^ ift bod^ 
minbeftenö jnjeifell^aft, ob irgenbtoo im 3Kenfd^enIeben gälle 
öorfommen, in benen bie f^)ecififd^e ®ifferenj jloifd^en tl^ie= 
rifd^em unb menf^Iid^em ^nteffect — am fürjeften afe 
„SSemunft" ju bejeid^nen — total berfd^tounben unb nid^t 
einmal in SRubimenten öorl^anben ift. 

3!)ie mand^erlei aSerfud^e, biefe ganje ^age burd^ 
aSeijiel^ung bon 9lnaIogien aufjul^eHen, l^at gu einer grünb- 
lid^en Söfung berfelben faum ettoa^ beigetragen. 3Ran 
f diente offenbar bie 6onf equenj, loeld^er ©d^oipenl^auer 
nid^t d&in ängftlid^ an^ bem SBege gegangen ift, nad^ 
tt)eld^er in ben ^anblungen ber 5Cobfüd^tigen fid^ ba^ 
eigentlid^e SQBefen be§ im tiefften ©runbe immer unb über= 
aH in unöerföl^nlid^er ©elbfientjtoeiung toiber fid^ felber 
toütl^enben SBillen^ nur am el^rlid^ften betl^fttigen loürbe. 
@o berglid^ man bie im ^aroj^^mu^, SRaufd^ ober SIraum 
au^gefül^rten ^^l^aten mit ben jtoedElofen, rid^tiger: ben 
fel^lgreifenben, SBetoegungen im erften ©ftugling^alter, aU 



Sempordre Hemmungen ber inteUectuellen gretl^eU. 133 

aSerfud^en, Hemmungen lo^ ju toerben, beten lüirflid^er ©{| 
unb Urf^)rung nid^t erfannt tjl, Unb atterbingö rettet eine 
fold^e Stuffaffung, fotoeit fie ftid^l^altig tft, ben fo %ef)U 
tccpp^nbm i)or einer aSerantoortlid^feit für fold^ ein au^ 
Srrt^um entfipringenbe^ %f)un. ©ie ift aber nur jiid^^altig, 
fotoeit unjtoeifell^aft ^affucinationen ober Sttufionen bamit 
öerbunben finb ; benn nur unter biefer SBorau^fe^ung Iftjst 
ftc^ fagen: e^ finb fjunctionen, toeld^e beut eigentlid^en 
SBotten nid^t entfipred^en, ba^ (SetooIIte nid^t barftellen, 
nid^t ©id^tbarleit, nid^t bottgültige ©^mi)tome beö inteHi= 
gibein ©l^arafterö l^ei^en fönnen. 

aSon biefer 2luffaffung njol^I ju unterfd^eiben ift eine 
anbere, toeld^e ba^ S^releitenbe mel^ir auf bie Seite ber 
3Kotit)e verlegt — alfo in§ Dbject, nid^t mit ganjem ®^ 
jDid^t in bie Snteffect^befd^affenl^eit be§ l^anbelnben Bub^ 
jectg* SBer in feinem Streben felber unb in beffen ^id 
irrt, ifl immerl^in — toietool ba^ ©rftrebte felber aud^ 
afe SKotib toirft — nid^t ol^ne toeitere^ bemjenigen gleid^^ 
juftetten, bei bem — nad^ bem lu^brud ©d^oipenl^auer*^ 
— bie vernünftigen 3Kotibe, bie ©rgebniffe ber aiePesion, 
nur ,,nid^t jum ©d^u^ fommen" Unnm ioor ober paxal\}^ 
firt finb i)on anfd^aulid^en ober bloßen „3leijen", irie ettoa 
bie Stimulantia fie toedEen ober fteigern. ®ie 9leaction 
auf biefe geftattet, d^arafterologifd^ angefel^en, einen un^ 
gleid^ fixerem Sd^lufe aU ba§ ^anbeln unter bem ein= 
brud be§ ^)ofitiben SSorgel^altenfein^ bloßer S^ein= ober 
SBal^nincitamente, unb e§ finb in^befonbere bie 3lffectl^anb= 
lungen, toeld^e unter jenen erftern (Sefid^t^^junft fallen. 

dagegen eröffnen bie SBal^nl^anblungen — trenn man 
mir Äürje l^alber biefen lu^brucE gejiatten toiH — einer 
tiefforfd^enben S)ialeftif m toeite^ Setrad^tung^felb, beffen 
borgftngigeg betreten m^ bie SKu^fid^t geiDftl^rt, aud^ für 
jeneö anbere, ireld^eg mit toenig lenntlid^en ©renjen baran 
ftöfet, minbeften^ einige Streif lid^ter ju erl^afd^en. 



134 S)ie SmputabititätSfrage unb baS 3Jlobificabititdt§t)robUm, 



4* gfortfe^ung* 2)ie fogenaniiten ©eijiesitanll^eitett unb 
i^re OtaxaltmUQ^iift Scbeutung, borjugStocife bon ber 
ct^ifi^ctt ©ettc httxaifttt, mit Ucbetaang jum SBefen be« 

Effect«. 

.... S>cr fd&recfltd^flc bcr ©d^rccfen 
2)a8 tfl bcr äRcnfd^ in feinem SBa^nl 

SBem träte nid^t biefer Slngftruf auf bie 2ippm beim 
Slnbltd betet, in betten „bet ^immetefunfe 3Setnunft et- 
lofc^en in fein fd^eint"? 5«i(^t bie ^utc^t füt bie eigene 
!i)etfönli^e ©id^etl^eit ift el, tt)a§ un§ nad^ einem „Sefud^ 
im 3ittenl^aufe" fo lange ^jeinigenb nad^gel^t — aud^ nid^t 
BIo§ bie bange ^age: n?o finb bie ©tenjiinien jtoifd^en 
©efunbi^eit unb Ätanfi^eit gejogen? — fonbetn ba§ ©tauen, 
n)eld^e§ un§ ^jadEt, ftammt an^ bem ^[tteiüetben an 

.... allem @ü6en , toaS SWenfdjienbruft burci^bebt , 

an 

.... allem ^o^en, toaö 3Renfd^en(ierj erl^ebt. 

bittet jtoat finb toeitau^ bie meiften gtüd^te bom Saum 
bet ®tfenntni^; ah^t bie in biefem Sab^tintl^ ge^)PüdEten 
btol^en, ben eigenen Sinn nn^ ju betgiften. — "SHan l^at 
gefagt: „bie 59ienfd^enfennet ex professo finb eo ipso aud^ 
3Jlif antl^to^)en " — abet liegt, toenn ba^ lüal^t ift, bie 
©d^ulb mel^t am beobad^tenben ©ubject aU am beobad^- 
teten Dbject? ifl'^ nut bie 3Jlifant^to^ie, lüeld^e ben 33IidE 
fc^ätft füt bie „©d^tüäc^en" bet 3mtmenfd^en? obet tü^tt'§ 
t)ielmel^t ballet, baj5 fid^ nid^t geigen tefen laffen öom 
©d^Iel^botn? SBenn faft jebe neue ®tfal^tung im „Umgang 
mit 3Jlenfd^en" eine ©nttäufd^ung ^etbeifül^tt — gu einem 
Dementi toitb, toeld^e^ bom quisque praesumitur bonus 
abbringen möd^te: liegfB bann an bet 2Cu§faat obet an 
bem 93oben, auf ben fie gefatten, ba§ batauö ba^ giftigfte 
bet©ifte, menfd^enfeinbüd^eg 3Ri^ttauen, auflüud^ett, unb 
fo jebe Seteid^etung unfete^ SBiffen^, fiatt ©etoinn, nut 



(Seifte^hanf^eiten. 135 

ttjcitern SBerlufl m^ Bereitet? 2Rit unerWttltd^flet Strenge 
toirb in taufenbfad^em Setrage bie ?lad^gal^lung för ba^ 
billet d'entree eingetrieben, nac^bem toir bie ©d^toette 
i^inter un^ gelaffen, über ml6)t toir ju ben tjerjerrten 
aWa^fen ber jerrütteten SKenfd^enfeele gefci^ritten toarcn. 
©g toiff ber entfe|lid^e ^mi^d ni^t lieber t)on un§ »ei^ 
d^en, ber nn^ in ©eftalt ber ^age befd^Iid^en: tt)a§ toar 
ba bag ®ci^te unb Urfj)rünglid^e, ttja« ba^ ®ntftettte unb 
a3er!ommene? SEßar jene fanfte ©elaffenl^eit, bie einjl alle 
^erjen getoann, eitel J^eud^Ierifd^e 3lffectation, unb fiprid^t 
au^ biefem Sö^^^'f^^M^^« i^|t ^^^ toal^re 3latur? SBBar 
jene ©ianenfeufd^l^eit, bie felbfl ben fred^ften SBüfiling ju 
el^rbarer ^ulbigung jtoang, nid^t^ ate eine ßügenlatt)e 
für bie entfeffelte ®ier, bie, j|e^t in äußere 93anben ge= 
toorfen, bem babongel^enben SBärter nad^ftiert? SBar jene 
erbarmungöboffe 9KiIbe, bie im SSol^ltl^un fid^ f eiber nim-* 
mer genugtl^fat, nur ba^ ^probuct reflectirenber ©elbft^ 
bel^errfd^ung, unb l|fat fid^ nun ent!t)u:t):()t jur §ärte abge^ 
feimter %Me unb »o^^eit? SRät^fel ber SWenf^enbruft, 
toer fann eud^ nur auöjäl^len? — toer tooHenbS möd^te fid^ 
unterfangen, e\x^ ju ergrünben? ©arnit ift*^ nid^t getl^an, 
ba§ man fagt: ba^ SBermögen ber reflectirenben Sßernunft 
ift lal^m gelegt gleid^ einer unterbunbenen SCber — bie 
(Bpxaä)^ ift ja gleid^fattg eine SJod^ter ber SSemunft, unb 
aus ben „Srren" rebet jutoeilen felbji m f^rad^f(^ö^)fe^ 
rifd^er ©eift, ber fold^en ©a^ Sügen jlraft. Ueber^auj)t 
bürfte jeber SBal^nfinn in getoiffem ©inne ein jjartieHer ju 
nennen fein, fofern immer gett)ijfe ©eifteSrid^tungen in 
ifftm, gunctioniren ungeflört bleiben; unb biefe ©infid^t 
möd^te beffer jum 2lriabnefaben taugen, aU bie t)ielber' 
fud^ten, jum 3:i^eil f^)i|finbigen Älafpfifationen ber ©eifteS^ 
fran!^eiten. Salb finben toir ba§ ©ebäd^tnijs, balb bie 
©rinnerung ( — auS beren jerriffenem gaben ©d^oipenl^auer 
bie meiften ber rein ^)f^d^ifd^en Urfad^en entftammenben 
©eifteSfranf^eiten glaubt l^erleiten ju fönnen — ), balb baä 
Urt^eil, balb bie 5Rec^enfä^igfeit, balb baS ©c^lie^ber^ 



136 3)ie 3m)>utabilit&töfrage unb bad aRobiftcabilit&tS^rob(em. 

mögen, balb atte Mefe 9lid^tungen in »etteff beftintmter 
Dbjecte (t)ermutl^I^ je nad^ beten aSerl|f4ltni§ inm SBoHen 
beg Ätanfen) in ungefd^mäd^ter SQBirffamfeit, unb ba5 beu= 
tet auf ein aSertl^eiltfein ber berfd^iebenen ^nctionen an 
üerfd^iebene bejiimmte Organe. ®ann fdnnte aber bie 
Ueberreijung be^ einzelnen Organa beffen ©rfranfung gur 
ejolge l^aben — unb toie übermäßig [tarier ©d^aH i)or= 
übergel^enbe ober bauembe Xaubl^eit, Ueberanjirengung ber 
©el^fraft Slinbl^eit nad^ fid^ jie^en fann — |o tDürbe eö 
nid^t anberö ju erllfiren fein, mnn ber ©elel^rte ober 
©d^aufipieler gerabe leidet fein ®ebäd^tni§ verliert. 

©ogar loer bie ©jijienj ber mania sine delirio*) 
gänjlid^ in 2lbrebe ftettt, mu^ jugeben, bafe nid^t einmal 
in ben ftu^erften ©raben ber ,, 3SerrüdEtl^eit " ber ^ntettect 
.t>önig aufgel^ört f)at, bie „fjnrix*^'*] *>^^ SBiUen^" ju fein 
— er bient il^m tt)enigften§ noc^ afö SDlu^lelgefüi^I unb ju^ 
bem aU 5luge, Dl^r unb anbere „©inne^toerfjeuge", bie 
il^n l^infül^ren ju ben ©egenflänben feinet S^x^i^xm^, ©elbft 
bei'belirirenben ^eberfranfen lieben bte,,©inne^täufd^ungen" 
ba^ normale gunctioniren ber Sinnesorgane nid^t böffig 
auf — bie SinbrüdEe toerben nur falfd^ gebeutet, unrid^tig 
in ßaufalbejiel^ung gur Stufeentoelt gefegt unb mit 2Bal^n:= 
toorftellungen berbunien , bie analogen Urf^)rungS finb toie 
bie „Uebertreibungen" in ben SJraumbilbem, inbem fie, 
biefen gleid^, an^ ^)l|)^fiologifd^en SSeränberungen jufliefeen= 
ben ®m^)finbungSftoff nad^ aufeen ^)roiiciren. SInbauembe 
©eifteSjiörungen o^ne nad^toeisbare Kör^erfranfl^eit barf 
man aber nic^t als bloS länger toäl^renbe gieber^)aroj^S= 
men betrad^ten, benn baS l^eifet jene petitio principii ie^ 
ge^en, meiere baS erfte ©lieb ber 6aufalitäts!ette für 
©eifteSftörungen auSnal^mSloS in einer Störung organifd^er 
Functionen fud^en toiH. ®aS ift jener falfd^e 9KoniSmuS, 
ber baS Jpi^^fif d^ Sichtbare für baS ^riuS f)&Ü , ftatt an ber 



*) Tian tergleid^c über bicfc (Sontroöcrfe ^Sc^o^penbaucr, 2)ic 
«öert alg mUt unb «orflettung, 3, 3lup., ü, 239 unb 458. 



©eifteSfranf^eiten. 137 

Sbentität be^ SBitten^ unb Seibe« feftju^alten (f. ©. 78 fg,)- 
äßenn anl^altenber ©tarn bie Functionen ber 2lffimtlation 
ober ®Ecretion l^emmt, fo toitlt et bamit auf bie Organe 
fetter ein — unb jene ^f^d^iatrie, bie aße^ auf ^pl^^fifd^e 
©rünbe jurüdfüi^rt, toiberlegt fid^ fetter, fo oftfieinil^re 
t^eraipeutifd^e 3Ret]^obe i^f^d^ifci^e 3Romente — fei e5 aud^ 
nur ba^ einzige ber negatii)en gem^altung bon ®emütl^§= 
erregungen — aufnimmt. ®in gieber befämipft man mit 
3JliEturen unb anbem „nieberfd^Iagenben" 9Kitteln, ben 
äöai^nfinn aber t)or aEem burd^ ßenfungen ber aBillen^^ 
ftrebungen, burd^ (Sintoirfungen auf ba^ S^iW^^Ö^'&i^t 
jlüifd^en SBiffe unb QSnteffect, unter benen immerl^in bie 
gange ^au^orbnung ber ^eilanftalt obenanftel^en mag. @o 
loirb man ben Dotter eine^ 5ßferbe^, bie ®rel^!ranfl^eit 
eineö ©d^afe^, bie S^olll^eit etne§ §unbe^ nid^t bel^anbeln, 
toeil man eben nid^t für möglich l^ftlt, ba^ ba aud^ ®e= 
mütl^^erlebniffe atö „ßaufalmomente" ju ©runbe lägen. 
aBo leine SSemunft t)orl^anben ift, ba !ann aud^ !eine ®r= 
!ran!ung beg SSernunftorgan^ eintreten, unb too t^emünf^i 
tige SWotibe niematö toirJen, ba !ann aud^ il^re SBirffam^ 
feit nid^t aufl^ören ober befd^ränft irerben. ®er fojufagen 
einfad^ere SnteHect ber 2^l^iere erliegt fojufagen leidster 
einer i)ölligen S^i^^öttwng burd^ einfädle Urfad^en — unb 
mit l^ierauf möd^ten toir ba^ Oefül^l eine^ unl^eimlid^en 
SKi^trauenö jurüdfül^ren, mit ireld^em mand^e ben fanfte^ 
ften §unb, ba^ „frommfte" ^ferb anfeilen, tt)eil il^nen ba§ 
innerfte SSBotten be^ 2^l^iereg ju garantielos, ju fel^r um 
bered^enbarem SSBed^fel unterworfen fd^eint. 

Slffein ebenfo irenig l^altbar toie bie älnnal^me, ba§ 
jebe tl^eitoeife Störung ber Qnteffectfunctionen fofort eine 
totale nad^ fid^ jie^en muffe, ift ol^ne Weitere^ ber ©d^Iufe, 
baS innerfte, eigenfte SBefen eines SRafenben muffe allemal 
SoSl^eit, b. f). ol^ne ©elbfibejal^ung auf bie SBerneinung 
frember ®Eiftenj gerid^teteS SGBoIIen fein — er ioenbet fei^ 
nen g^^ftötungSbrang ja aud^ ipiber fid^ fetter, nid^t ettoa 
bloS tt)iber fein ©igentl^um unb feine Äinber, ijielmel^r aud^ 



138 Sic 3m^)utabUitätöfrage unb bag SWobificabiatatgproblcm. 

tt)iber ben dqmm Seib, ben er öerftümmelt ober jerfiört — 
«nb fd^on ein ©ftugling fann im 3iiftfl«i>^ i>^ 9lecottt)a= 
lefcenj au8 fd^toerer ^eberfranfi^eit feinen ^ror in ©r^ 
mangelung anberer ©egenftänbe an fid^ fetter ankläffen, 
fei e^, ba§ er ftd^ bie §aare ausrauft ober bie^aut jer- 
fra|t. ®a ftänben tt)ir alfo birect öor ber iebem aBitten 
toefentlid^en ©elbfientjioeiung, bie auf anberm ©ebiete atte 
an fid^ erfal^ren, toelci^e mit ^paulu^ gu fagen ioiffen toon 
bem ©Tspo^ v6[ioc SV Toi^ ji^sav avTiorpaTsudfievoc tw 
vojjit) Tou voo^ (3löm. 7, 15—23). 2Sie bie Siene ftirbi 
an bem ©tid^e, mit loeld^em fie anbere t)erle|t l^at, fo 
toütl^iet ber SRafenbe gegen fein eigen ßeben. 

©ntge^en toir aber bamit burd^auö ber toa^rl^aft „l^aar^ 
flräubenben" ßonfequenj, ber Qnteffect biene bem 2Biffen 
nur atö eine S^toanQ^adt, bie biefer fid^ f eiber angelegt 
l^abe, um nid^t ungel^emmt inö ©nblofenad^ aSertoirflid^ung 
feiner egoiftifd^en 2lbfid^ten ftrebenb an ber eigenen aRafe- 
loftgfeit gu jerfd^etten? e§ fei nid^t^ aU eine Äuge Sered^r 
nung, toeld^e ben Snbibibualloitten bie Soejijienj ber an^ 
bem blofe barum anerkennen l^eifee, toeil er t)on ben eige- 
nen Qtvtden möglid^ft t)iel ju erreid^en trad&te — itjorauf 
ja and) affeS S^ifötmmenleben im ©taate berul^e — unb 
bie jetoeiligen %n^btüdj^ ber 5Cobfud^t feien nid^t^ aU bie 
auf f ummirte SReaction gegen f rül^er erf ai^renen 3tt)ang ? — 
S)iefe S^age ift ein @^)eciaI:probIem au§ ber Erörterung 
beö ©runbjufammenl^ang^ jtoifd^en SBitte unb Stitettect, 
toeld^e toir ^ier nid^t e))ifobifd^ einfd^ieben bürfen — loir 
muffen alfo beren — toenn aud^ nur implicite ju gebenbe 
— ©rlebigung auf ^p&Ux t)erfd^ieben unb un^ l^ier mel^r 
nur an bie "^oppdifcit t)e^ 2Botten^ l^alten, ioel^e in ber 
gorm ber etl^ifd^en ßottifionen fo oft jur Oueffe be^ aBal^n= 
finnS toirb. 

©oipl^ofle^ tt)ie ©l^aff^jeare, (Soet^e loie bie dii mi- 
norum gentium unferer S^age — fie atte laffen 2Bal^nfinn 
entflel^en, loo ba^ Seloufetfein in aBiberfi)rud^ tritt jum 
SBiffen — unb bafe in neuefter 3^t bie ©eifte^ftörungen 



®eifteS!ran!^cttcn. 139 

f ' ungleid^ l^&uftger gctoorben finb , ba^ f)at man öorjug^^ 
lüeife ju begreifen au^ ber ffeiptifd^en — an6) auf bag 
etl^tfd^e ®ebiet fid^ erftredenben — Äritif, bie naci^ bem 
Siedete aller Snftitutionen fragt, feine mel^r „unbefel^enS" 
gelten lä^t, toeld^e etnft ate unerfd^ütterlid^ ftatutarifci^e 
?Rorm ben SBiHen unb ba§ SBetou^tfein jugletd^ beftimmte. 
— 3e untoanfenber einem bie ®efe^e ber SWoral unb be^ 
JEBeltlauf^ feftfle^en, je felbftlofer er fid^ il^nen gegenüber 
jeber eigenen 9Keinung begibt, befto fidlerer ift er öor 
einer nid^t offenfunbig aus fomatifd^er 3Seränberung l^er- 
t)orgegangenen „©emüti^^franfl^eit" — ben altgl&ubigen 
Sfraeliten mit feiner ftarren ^[el^oöal^fd^cu unb ben ed^ten 
SWufelman in feinem einfad^en gataliSmuS toirb bergleid^cn 
fo leidet nid^t befallen — ba§ lt>irb j» 33. aud^ burd^ affeS 
beflätigt, toaS tt)ir t>on ber ©tatiftif beS 2^ürfenreid&g 
tt)iffen. Unb e contrario belegen ebenbaffelbe bie fid^ mel^ 
renbenf^öH^ ^»>n fogenanntem religiöfen SBal^nfinn in nn 
fern weniger gebilbeten SBoIfgfreifen ; benn nid^t bie gerab= 
iinig fid^ fortbetoegenbe Segeiflerung eines toarmen from^ 
men ©emütl^S ift eS, tt)aS fid^ gur öerftanb^ unb t)emunft' 
jerftörenben „©d^tt)ärmerei" erl^i^t, fonbern bie Äreugung 
t)on ©lauben unbS^^ifrf/ ober rid^tiger: öon unbebingtem 
©taubenhjollen unb 5Rid^tgIaubenfönnen. 3ltd^t n?er bie 
äufeerften ©onfequenjen eines meta^)l^^fi!:: unb religionlofen 
(at^eiftifd^en) SKaterialiSmuS fid^ angeeignet l^at, erliegt 
noti^hjenbig ber fd^toeren 33ürbe, fonbern toer baneben nid^t 
bie SRefte feines kinbl^eitSglaubenS völlig ju tilgen vermag, 
verfällt ber ®efal^r> in fold^em 3te>i^^cilt ben innem ©in- 
l^eitSgrunb feines eigenen SQBefenS berfien ju feigen, Släg^ 
lid^ mel^r loerben ber Kanäle, burd^ tt)eld^e bis in bie nn^ 
terjlen ©d^id^ten felbft fatl^olifd^er Stationen fold^ „jer- 
fe|enber" ©toff fd^lftmmt, unb jeber SBerfud^, burd^ ^o= 
lijeiöerbote il^n aufjufiauen, l^at bie einjige ^olge, bafe er 
mit einer nur beflo energifd^ern ©aipißarattraction burd^ 
taufenb unbead^tet gebliebene 3ttöl^rd^en ttjeiter fidEert. — 
9Bie im ©alon faum nod^ ein ©efiprftd^ für intereffant 



140 3)ie ^[mputabiatät^frade unb ba§ 3Rot)ificabUitdt^))rob(etn. 

gilt, baö nici^t an biefe^ %\)tma ftreift, fo greift bie 3lÄl^i 
tctin jur ©rl^olung auf bc^ SJage^ älrbeit na6) einem 
Sloman t)on bet Slrt 6. ©ue'§ ober 21. 2)uma^', unb lange 
genug l^at baö „metai)l^^fifci^e SBebürfnife" im ärbeiterfianbe 
bie ©iaieftif eineö ^roubl^on berfd^Iungen, 33ei einem 
aS^ron ift baö „gerriffene" ®ett)iffen gerabeju bie einjige 
aRufe geworben, wn tt)eld^ef ber ©id^ter feine ©ingebungen 
em!|)fdngt; unb nid^t mel^r blo^ für ben ^)^iIofo:p^ifd^en 
©rübler ift baö 2Bort gef^)rod^en: 



^0^1 benen, bie bed Stf[6n@ @ut 
Ü)H(i^t mit bctn ^er^en go^ftcn; 



unb benen 



5^ic ben l^cttcn S^erpanb trübte baö tücfift^e $erg. 

©(i^itter, ,,2)er ©eniu«". 

Ober too fänbe man nid^t Sünglinge, bie t)om faitifd^en 
Silbe jurüdftaumelnb „auf ett)ig il^re^ Seben^ ^eiterfeit" 
t)erloren? 

Sin jxd^ aber ift ba^ 3lätl^fel ber ipf^d^iatrifd^en ^at^o= 
logie ibentifd^ mit ber %taQe: na6)', ber 3Röglid^!eit be^ 
©rfranfen^ übcxi)anpt — unb unjureid^enb genug bleibt 
bie 3lnttoort: jebe Äranfl^eit ift ein äu^brucE ^e^ ©elbft= 
er^altung^triebe^ eineö SnbiijibuatoiEen^ im Äamipfe gegen 
bie feiner Drganifation feinbüd^en, meift f ogenannten „nie= 
bern", Äräfte. 

3n jeber ernftern Äranf^eit, l^ei^t e^, jeige ber aWenfd^ 
ba^ ©egent^eil feinet fonftigen ßl^arafter^; unb toirflid^ 
feigen tt)ir ben Sangfamen iixm trepidus, ben 9tafd^en be= 
bäd^tig, ben ©d^toeigfamen rebfelig, ben ©anftmütl^igen 
auffa^renb, ben 2lllertt)elt§quÄler toeid^mütl^ig toerben unb 
in geiüiffen formen ipf^d^ifd^er Störungen felbfl ben früi^iern 
®^§folog lüie einen @ufolo^ fid^ geberben. £e|tere^ frei= 
lid^ lÄlst fid^ erflÄren, too ber aHmäl^lid^e eintritt eigent= 
lid^en 33löbfinn^ burd^ einen ©tum^jffinn fid^ anlünbigt, 
meld^er ba^ Drgan für frembe^ Seiben jerftört unb in 



®eifte«!ranfl^citen. 141 

egoiftifd^ a^)atl^ifci^ct ©leid^gültigfctt am eigenen momen= 
tanen (negativen) SBol^lfein (ber ©d^merjlofigleit) fein ®e= 
nüge finbet. Unb gerabe in berartigen g&Hen toirb eine 
(Srfal^rung gemad^t, bie geeignet ifi, un^ ju einet tt)enig= 
flenö l^^ipotl^etifci^en Söfung beö ganjen ^ier ftel^anbelten 
5ßtoblemg äu berl^elfen, inbem fie fogar auf ba^ SEBefen 
ber 2lffectl^anblungen einen Slnalogiefd^Iufe gemattet. ®^ 
fommt nftmlid^ nid^t feiten bor, ba^ auffaffenbe 3Kagerfeit, 
tt)ie pe im ipf^d^ifd^^iijatl^ologif^en ©tabium ber SKeland^olie 
fid^ gern einftnbet, in eine getoiffe Äöriperfütte pd^ öet^ 
toanbelt, tomn bie 3Reland^olie in SBlöbfinn übergegangen 
ifl. ®ie^ gactum toerben tt)ir afö einen fra^^anten ©^eciafc 
fall anjiel^en bürfen jur ipatl^ologifd^en SBeftStigung für 
ba^ oben (©. 81) fojufagen unter bem ))l^^fiologifd^en @e= 
fld^töj)unft befiprod^ene ®efe| einer antagoniftifd^en SReci^ 
^)rocitftt jtt)ifd^en je jtoeien ber brei bitalen ©runbfunctio- 
nen, unb e§' ifi Wo§ eine befonbere Slntoenbung eben= 
bejfelben, toenn toir bei unferm ®rflärung§t)erfud^ t)on 
folgenber gormel au^gel^en: ein Äraftabflu^ ani> ber einen 
^nction innerl^alb beffelben ^i^bibibuum^ ifi eo ipso ein 
3uf[u^ für bie anbere, SEBenn e^ alfo j. 93. I^ei^t : %xeuh^ 
„mad^t" t)ern)egen, fo loürbe ba§ genauer au^gebrüdEt 
lauten: ^eube ifi gesteigerte^ Äraftgefü^l unb äußert ftd^ 
ate fold^e^ jugleid^ in gefteigertem aSorbrängen ber Äraft. 
Unb bai ber SBiUe in feinen Effecten ben ^ntettect ftört, 
an freier SBetl^ätigung l^inbert, l^eifet im ©runbe nid^tö 
anbereg aU : hjenn ber SBitte fid^ auf ein — i^m bom ^n« 
tettect beleud^tete^ — Qid rid^tet unb bat)on fid^ „auf= 
regen" Iftfet, fo entjiel^t er eo ipso bem ^^teffect t)on ber 
il^ n)äl|frenb ber ®auer be^ ©leid^getoid^tö ber Gräfte 
juftrömenben Äraft, unb bie Temperamente brüdEen nid^t§ 
anbetet au^ atö bie ^fo^ortion, in tüeld^er, ol^ne ben^in- 
gutritt au^erorbentlid^er 3Kotit)eintoirfungen, bie regelmä= 
^ige aSertmung ber Äraft unter bie berfd^iebenen formen 
i^rer S^l^ätigfeit (atö Qm^reffionabilität, 3leagibilität u. f. f,) 
ate eine conftante erfd^eint, fotoie ben ®rab ber Seid^= 



142 3)ie 3lmputabUität^frage unb baS aBobiftcabilitätSptoblem, 

tigfeit, in toeld^em biefe 5pro:portion geftört werben lann 
— fobafe alfo eine abfolute „Äaltblütigfeit" unb ©elb)V 
be^errfd^ung, b. I|)- ioöHige Slffectloftgfeit, nic^tö anbetet 
to(ire, afe bie eigentl^ümlic^leit eine^ Snbiöibuatoitten^, 
feinem SnteHectotgan unter allen Umftänben ftet§ 
gteid^ ioiel Ätaft gufliefeen ju laffen, ©anad^ toäre bie 
fürjefte Definition beg 2lffect^ — cum gi^ano salis ioetftan- 
ben — biefe: et ift ein Slbflufe be^ SBiffen^ t)om Snteffect. 
3iur fo erflÄtt e^ fic^, ba§ bie emi)fänglic^leit für Effecte 
eine conftante ©igentl^ümlici^feit be^ &}axatUx^, ni^t aber 
etira eine inbitoibueHe ©c^toäd^e beg QnteHect^ ift, Qm 
©egenti^eil: ber ^»t^teEect mufe eine getoiffe S3etoegli(^f eit 
unb Sebenbigfeit f)abm, um feinem ^errn bie SReige fo 
rafd^ unb frifc^ jujufül^ren — unb umgefel^rt: ba^ ©enie 
toirb au^brüdlid^ aU leibenfc^aftüd^ d^arafterifirt. — ^ßa^ 
t^ologif(^ ^at bie^ abfliegen be^ aBitten^ feinen Slu^brud 
im ©toden ober 2luf hatten be^ SBlute^, beren Jpat^ogno- 
mifd^e SRefleEe ©rbleid^en (in SButl^ unb ©d^reden) unb 
©rröt^en (in ©^am unb S^m) finb. — gür nid^t^ an^ 
bere^ aber ern^eift fic^ biefe Sluffaffung be^ 2lffect^ aus- 
giebiger als für bie 33egreiflic^!eit ber ©inloirfung, toeld^e 
geiuiffe ^Ji^^fifd^e Bwft'änbe auf bie ©timmung ausüben — 
mit einem 2Borte ber gefteigerten SReijbarf eit unb ber ner^ 
böfen „©enfibilität" bei Untoo^lf ein atter Slrt: ba^atber 
SBiEe fojufagen mit bem Organismus genug ju t^un ; l^at, 
bei unerwarteten 2lttafen, nic^t fo 'oid Sfteferben in petto 
toie in gefunben 2^agen, ba er bem franlen £eib ejtra- 
orbinären ©uccurS getoäl^ren mu^, alfo genötl^igt ift, bie 
fonft bem gnteEect jur SSerfügung fte^enben $ülfstrui)i)en 
biefem ju gröfeerm ober fleinerm Xl^eile ju entgiel^en, fo= 
bafe fi(^ biefer im entfc^eibenben äugenblidf geläl^mt, tt)e= 
nigftenS gefc^toäd^t finbet unb nid^t fc^lagfertig baftel^en 
fann, ©o jeigt fid^ au^ l^ier toieber, toie ^l^legma beim 
l^öc^ften toie beim niebrigften ®nergiegrabe befte^en fann. 
S)er fc^it)ad;müt]^ige, „fd^Ia:pi)fc^n)ängige" 5ß^legmatifer 
toirb an fic^ toeniger afflcirt als ber ftarf mütl^ige, ber h^tou^t 



äBefen beS Slffect^. 143 

Äaltblütige. 2Bcil in il^m ba^ Ouantum SBoHen geringer ift 
ate in einem ftarfen ©l^arafter, |o ift aud^ baö Ouantum 
S3en)egung geringer, in toeld^e^ er überl^au!t)t t)erfe|t toex^ 
ben fann: ein fürjerer ^enbel befd^reibt in feinen ©c^toin- 
gungen Sogen t>on Heinern Ärei^groben aU ein längerer, 
toenn biefer aud^ ebenfo langfam fd^toingt tt)ie jener, gn 
ber SRegel toirb, toie toir fd^on fallen, ber fd^toad^e ^ßl^leg^ 
motifer ber ^Jörm b angel^ören, unb c, bermöge ber tiefern 
^m^teffionabilitfit, nod) beträd^tlid^erer ©rregung fällig 
fein, ate a. 3^ beiben aber t)ertl^eilt fid^ bie ©rregung 
vermöge langfamer 9lecej)tibität unb nad^l^altiger 9leagibi= 
litÄt , unb ba§ ©leid^getoid^t gtoif d^en 3Jlu§f elirritation unb 
©el^imfunction bleibt, toenigften^ im toefenllid^en, unge= 
ftört. Sl^re Sfteaction ift ungleid^ energifd^er, afe bie be§ 
toenig erregbaren, ftum^)fen ©d^toäd^Iingö, imb l^at bor ber 
unbel^errfd^ten Seibenfd^aft ben Sßad^brudf ber SBefonnenl^eit, 
t),f}. bie feinen SlugenbliÄ im©tid^ laffenben ©ubfibien ber ®e= 
l^irnfrftfte borauö, (3n äl^nlid^em ©inne unterfd^eibet ©d^o- 
i^enl^auer, „®ie SBelt afe SBitte unb SBorfieOung ", 2. Slufl., 
II, 283; 3. aufl., ©. 320, jlbifc^en abfoluter unb rela^^ 
über ©tfirf e be^ 3nteffect^0 — ®a^ befannte SSicariren ber 
©inne füreinanber ift ebenfalls nid^t^ aU eine (Srfd^einung 
biefer 5ßro:()ortionaImobification: bie ©umme bleibt, nur 
ber 2;i|feilung^:()unft toirb berlegt in ber ©inl^eit ber Sinie. 
— SBa^ bem Cerebral = unb SRerbenf^ftem entzogen tbirb, 
fättt ganj bon felbft ben aWu^Ielfräften ober ber enttt)idEe= 
lung be^ begetatiben ©^ftem^ ju; unb in ber 9Kanie ent:: 
jie^t fid^ nid^t ettoa ber SBitte ber Seitung einer bualiftifd^ 
für fid^ beftel^enben SBernunft, fonbern toirft nur atte Äraft 
jeittoeilig auf baö irritable ©Aftern, toobei er ba^ ©e^irn 
nur not^bürftig mit bem jur iplaftifd^en Sßutrition erforber^ 
liefen 3wP«6 berfiel^t (ba^er bie immenfe ©teigerung ber 
aWu^felfraft bei 3:obfü^tigen , toomit fic^ bergleid^en Iftfet, 
toa^ ©d^o^)en^auer über bie jutoeilen borlommenbe ©iftig^ 
leit beö Siffe^ aud^ nid^ttoßer §unbe beibringt, „2)ie 
aSBelt ate SBiae unb aSorftettung", 2. SKufl., U, 267; 



144 ^te 3lmputabtKtätdftade unb bad aRobtftcabtUt&tSpvobtem. 

3. Slufl., ©. 300). 2Kfo nid^t ber aBittc ate ba« rneta^ 
i)^^fifcl^c Äraftfubftrat be^ ganjcn Snbtoibuum^, fonbetn 
nur ber SBittc fojufagcn im engem ©tnne, ate ber 2leu= 
feerung^com^)(ej feiner i)orüberge^enben ©elüfte, ift eg, tt)a§ 
unter ber ©intoirfung be§ 3nteffect§ eine anbere ©eftalt 
annimmt, mitl^in jener rein afö fid^tbare Äör^eraction fid^ 
betl^ätigenbe, ganj in bie ®m^irie fallenbe 3Bitte, toeld^er 
neben bem ^nteffect atö eine biefem coorbinirte ©rfd^ei- 
nungS:: ober Sleufeerungötoeife be§ meta^l^^fif d^en Urtoillenö, 
qua „S5ing^ an fid^", bafte^t. 2Hfo nid^t ju biefem lefe- 
tem, bem ©orrelat feiner eigenen ^pi^änomenalität, befinbet 
fld^ ber 3»ntettect in einer polaren Spannung, fonbern nur 
JU berjjenigen SBiffen^form, mit toeld^er er fid^, atö beren 
6om^)lement, in bie „Dbjectität" jeneg t^eilt. 

3)ieö SBer^ältnijs tritt nnn aber, toie toir gefel^en^ 
nirgenbö beutlid^er ju 2^ge, atö eben in ben äffect^anb* 
lungen. 



5* t^ortfe^ung. SBeitere Setra^tuttg ber ^ffectl^aitblungen 
unb il^red äSerpItntffed }ur ©efumung. 

SBir fagten oben ©. 36, ijorjug^toeife bem ©anguinif er 
feien bie 9lffecte eigen, ©ie finb bie^ nid^t fotool t)er= 
möge feiner rafd^en Slece^tiöität — fold^e lennjeid^net ja 
aud^ ben G^olerifer — aU i)ielme^r vermöge feiner beiben 
d^arafteriftifd^en 9Rer!male: bie flad^e ^m^reffionobilität 
geftattet ber flüd^tigen SReagibilität einen \yon feiner 6r= 
wägung aufgel^altenen ©urd^brud^, unb bie {in ben %ox^ 
men a unb c) ftarfe Spontaneität gelangt fo ungel^emmt 
JU öoder Slctibität. 3!ft ja bod^ jebe aSertiefung ber Sm^ 
^)reffionabiUtät ibentif d^ mit einer Kräftigung be^ ^ntettectö 
t)on bestimmter 9lrt, unb aud^ in biefem ©inne ift ber 
^amletfeufjer. toa^r: „Thus conscience (b. f). bie, fei e^ in 
ber gorm öon Steftepon, fei e^ in ber i)on (Semütl^ ijor- 
brängenbe, Selbftbetoujsti^eit unfern ipanbeln^) does make 



3tffectl()anblungcn. 145 

cowards of us all"; unb umgefcl^rt: ganj unbeirrt Don 
©crupeln unb 3^^ifcltx [türmt ber aSiffe nur t)ortt>ärt« 
im Ungeftüm be^ äffect^ — tot§i)alb fo oft in biefen ®^ 
müti^gjuftanb öerfe|t ju toerben, fold^e gerabeju fid^ bt> 
mül^en, bie fic^ nid^t getrauen, bei „nüd^terner Ueberlegung" 
jur Slu^fül^ruttg beffen ju gelangen, tooju insgeheim ba« 
innerfte 2;riebrab il^re^ SBoHen^ pe l^inbrängt. *) 

SBir fönnen nämlid^ unterf^eiben jloifd^en ben 3)to- 
tit)en ber ©:jJontaneität unb ber SReagibilität — unb bie 
©tjrad^e l^at Idngfi benfelben Unterfd^ieb gemad^t, atö fie 
bie 3WögIic^feit barbot, „3Kotib" balb mit „2;riebfeber", 
balb mit „83ett)eggrunb" iüieberjugeben, unb in ber ©^^ 
non^mif ber 5ßrftj)ofitionen fel^r tool^I au^einanberl^ielt, ob 
eine ^anblung au^ einer innern ©igenfd^aft l^eröorgel^t 
ober lim äußerer 3^^^^ Tillen au^gefül^rt toirb ober 
toegen eine^ $emmniffe^ unterbleibt; ja, Slriftoteleg l^at 
mt^ fd^on in entf!|)red^enbem ©inne angetoiefen, ben ^upioc 
unb bie ^TctSijpLta nid^t ju t)erU)ed^feIn. (SSgL ^aedfer im 
„^Programm be^ Äölnif^en 5lealg^mnafium^ ju Serlin", 
1863.) S)anad^ aber leud^tet e^ ein, ba§ in ber SJrieb^ 
feber reiner bie d^arafterologifd^e Sebeutung, im Seloeg^ 
grunb mel^r nur bie caufale Seite ber einzelnen gegebenen 
^anblung l^eröortritt; toie mit „au^^^ ber Urfprung, mit 
„toegen" unb „um — loitten" bie Urfad^e angegeben tt)irb. 
Unb ber SlfPuj, av^ toeld^em ber Slffect entfielet, gel^t ge^ 
mijfermafeen t)on ber SReagibilität jur ©:pontaneität, inbem 
nämlid^ ein Seioeggrunb fo energifd^ mit einer il^m ju- 



*) UeBerl^au^t ifi ed für bie (Stl^i! fett $amlet fein neues ^ara« 
bopn ntel^r: um toal^rl^aft moraltfc^ gu l^anbeln, ifl e9 bidtoetten er« 
fürberlid^^ bag man ben Wlnt^f l^aBe, fld^ ber ^erfud^ung ju arger 
3mmoratttät unb bamtt ber iO^ögtid^feit bed Erliegend au^aufe^en. Bie 
brol^enbed Unl^etl üUxHnpt nid^t bon $f!id^terfiillung ahifaltm barf, 
fo and^ ntd^t eine flttlid^e ©efal^r; bcnn fonjl fommen toir gu einem 
i!am^)flofen£luteti8mu0, ber allem feig au8 bem Segc ge^it unb, in* 
bcm er bon birecter @d^ulb ftd^ fretl^äU, eben bamit aud^ jiebeö mög* 
Ud^en ^erbienße^ baar bleibt« 

Saj^ttfettr S^ataltevologie* I. 10 



146 ^ie SmptttatUitötSfrage unb ba« ailobificabUitdt^ptoblem. 

^benben Xtiebfcb^r jufommentnfft^ ba^ ba^ @teid^gen>id^t 
tnDtnmtan aufgehoben toitb unb baffelbe @efe| jeittpeiltger 
©teigetung fid^ t)ettoitfl{ci^t, toeld^cS unter onbetm au^ 
^ibat tpttb^ i^enn ni^ir nad^ tl^eitoeife butd^it^ad^ter 9lad^t 
ober fonfi imjureid^mbem @d^laf e un^ }u geifltger %f)&ti%^ 
fett befonberä aufgelegt ful^Icn — nid^t obgleid^, fonbem 
eben toeil baä @el^im auf feine ^ertobifd^e SRuttition fem 
eri^eblid^eS Araftquantum t)ern)enbet f)ät ®ie ©d^Iaflofig- 
lelt ifl ia näniH^ einetfcit^ ein <B\}mptom aufgeregtem 
aBBiUen^, unb. jlüat fo, baj^ ber aBBiffe bem Sntellect ntd^t 
nur leine Slul^e gönnt, fonbern meijienÄ fogar il^m noify 
aulerorbentlid^e SSlrbeit aufgibt unb bei^i^alb ü^n aSerbingi 
<äi4 tni)mentan tmt augergen^öl^nlid^ ®uccurS unterftä|t 
— anbercrfeitS aber l|fat fte, toie fonfl nid^t leidet ettoaa, 
aud^ eine größere Sugänglid^leit für ätffecte jur golge. 
aßenn toir alfo aud^. nad^ ungetoßi^nlid^ loenig ©d^laf un§' 
befonberS biö!()ontrt finben, fd^arf nac^jubenfen, fo toirft 
ein berartiger ®jtra^@uccutS nod^ naäf (toiUlirenb nad^ tie^^ 
fem unb gefunbem ©d^laf ber SDSiUe feinen gefättigten 
©öaben oft fxä) felbfi überlädt, unb biefer bo^er läffig 
toirb, inbe^ allerlei Sege^ren in atÄcm Äör^ert^eilen auf^^ 
fleigen barf). älHein fold^e« SRad^toirfen reid^t nur an^^ 
utn. bem S)ettfen f eiber, fofem ba« iittettectuafe 3W«reffe 
ber t)ori^errfd^be gtoedC be§ SBiUen^, beffen augenbM:^ 
lid^e Function, ifi, gejieigerte ©nergie yu öerlei^en, nid^t 
aber bagu, iffn aud^ für feine ^Ifleiftungen im 5E)ienft ber 
„du^em Angelegenheiten" ju fr&ftigen; furj er gibt in 
fold^en fällen nid^t^ toeniger ate SBefonnenl^eit; öietmel^r 
bebarf e^ nur eine^ ganj Ileinen Slnlaffe^ für ben SBillen, 
ba§ er ben auferorbentltd^ geU)ä^rten ©uccur^ jurüdfjiel^e; 
bann fielet ber Sntellect erft red^t ol^nmäd^tig unb entblößt 
ba, toeil eine außergetoöl^nlid^e Slbfd^loäd^ung (SRangel m 
Suful^r für ^Regeneration be§ ©el^im^ im ®ä}laf) wvav(^ 
gegangen toar, (SSgL „3)ie SBelt ate SBiUe unb aSor:^ 
fieHung", 2. Slufl., II, 217 fg.; 3. Slufl., ©. 241 fg.) 
S)ie ganje ^ier gegebene Sluffaffung fümmt aber aud^i 



®eflnnung. 147 

btitd^auS iapx, bafe Sd^open^auct totebcrl^olt bie Slffect? 
^anblungen afö bic $Dtttte j^altenb jtoifd^ert SBünfd^ett ux(b 
entfc^Iüffen c^araftertfttt. ®ic SBünfc^e, bie ni^t in §anb^ 
lungen l^crau§tretenben SSeHeitäten, gel^ören bet irt fid^ ber? 
^arrenbm ©^jontancitftl an — i^re etnl^eitlic^c ©efantmt 
l^eit ifl ba^jenige, toa§ it)ir ©cfinnung nennen; unb au^ 
an biefer ifl bie naturalijiifc^e gorm bon einer „ertüotbenen" 
ju unterfd^eiben ; jene ijl ber unmittelbare SonH)Iej too^it 
ipoDenber ober abgünfliger ©emüt^^bejiel^ungen ju be^ 
jHmmten Snbibibuen; biefe umfaßt bie ®efammtl^eit bet 
auf !j)raftifd^e Seben^gefialtungen gerichteten SWafimen. (9SgI. 
^lierju bie oben ©. 45 Slnm. angejogenen Slrtifel au§ ber 
„©^non^mi!" oon ©berl^arb, aJlaafe unb ©ruber). 2)od^ 

3nttjenbt9*) lernt fein Tltn\äf fein SnnctPeö 
@r(entien ; 

fo bWbt i^m äud^ ber toirflid^e Qnl^alt feiner ©efinnungen 
eine terra incognita^ bis ftd^ biefelben in £^aten umgefe^t 
— aber eS foHte über ba8 „unb leiber oft ju grofe!" 
nic^t l^artnädig baS boraufgel^enbe 

er tnigt nadf eignem äßag 
@tc^ balb in ((ein 

überfe^en toerben — man fann pd^ ja aud^ „felber Un^ 
red^t t^un" unb finbet, toann bie ©tunbe jum ißanbeln 
gefommen, in fid^ felber nid^t feiten biel mel^r Äraft, aud^ 
jur ©elbflöerleugnung, aU toie man öorl^er fid^ jugetraut. 
Snfofern l^aben toir für bie d^arafterologifd^e SSebeutfamfeit 
ber affectl^anblungen einen jiemlid^ fiebern 9RaPab an 
ber Sntenfität beS nac^folgenben JReuegefü^tö. 5!BaS nid^t 
toirflid^ a\x^ unferm felbjleigenen Sefen l^erborquoll, bo* 
bettagen toir lool im ipinbßdE auf bie eS begleitenben Übeln 
fjolgen — aber eS ift bieS jene JReue, U)etd^e ©c^oipen- 
l^auer fo fc^arf fonbert bon bem (Sefül^l ber ©etüiffenS- 
angft, aU ioeld^e l^erborgel^t au^ bem kennenlernen un^ 



^ *) (i9 fei benn Im arranmel 

10* 



148 S)ie SmputabUitdtöfrage unb bad ÜRobtftcabttitatSpvobtem. 

fcrS SBefeng ate cincS cgoiflifd^en ober gar boshaften, 
©elbft an (Setjie^franfen getoal^ren toir jutoetlen na6) bem 
Slufl^ören ber ^aroj^^tnen einen eigentl^ümUd^en ^rüBfinn ; 
ju entfd^eiben, ob berfelbe afö blofee SReue be^ SnteHectö 
ober afe ©eiotffen^angfl be^ ^erjenS ju beuten fei, baju 
toirb eg uns freilid^ meijlenS an feften Kriterien feilten* 

©0 fü^rt uns benn aud6 biefer SluSläufer unferer 
Setrad^tung ju einer ffei|)tifci^en iKoi-q; unb inbem toir 
barauf ijerjid^ten, bie grage ium 2lbfd^Iug ju bringen, 
muffen toir — eine SRepgnation, ju loeld^er ja jjeber S)enler 
jutoeilen fld^ gebrängt fielet — unS bamit begnügen, bem 
weiter blidenben SRad^folger ben SInfang einer Sid^tung inS 
bunHe ^iäi^t gel^auen ju l^aben; benn 

inter se mortales mutua vivunt 



et quasi cursores vitai lampada tradunt. 

„Lucret.", 11, 76 fg« 

Unb gu mel^r öett)flid^ten toir nn^ aud^ nic^t mit ben 
Slnbeutungen, burd^ toeld^e toir j[e|t ben Uebergang jur 
aWobiflcabilitfitSfrage im engem ©inne nel^men. 



6. ®ie @ittjelfragen^ in hielte iaS äRobiftcabtlitüt^liroMem 

jt^ aerlcflt* 

3lod^ in einem toeitern Umfange aU bem biSl^er be^ 
trad^teten l^aben franf^afte S^^ftä«^^ fö^ ^^^ 6^arafter:= 
!pl^änomene eine mobiflcirenbe 2Bir!ung — inSbefonbere 
aud^ für bie :j)ofob^nif(^en „Stimmungen", unb auf biefe 
toirb fid^ befd^ränf en , toaS toir an eigentlid^ :j)atl^oIogifd^em 
5KateriaI no^ ju liefern gebenfen. — SRäd^ft il^nen toirb 
rein ^^^fifalifd^er ©inflüffe ©rtoäl^nung ju tl^un fein — 
alfo fold^er SSeränberungen, bie toir aU folgen beS 3Bed^= 
fetö im Älima, ber Qa^reSjeiten, ber fogenannten $Rarfo= 
tifa unb ftimulirenber Slgentien auftreten feigen. 6rfl ju^ 
le|t lönnen eigentlidji l^f^d^ifd^^ gactoren in SBetradjit ge* 



3)ie einjelfragen bcS SMobificabiUtdtSproblcm«. 149 

gogen werben, unb jtoat 1) afö ntel^r un6ett)ufet beftint^ 
menbe, too^in ©etoöJ^nung, ©rieben unb (Srfal^rung ju 
gftl^len finb, unb 2) als aBftc^tlid^ jugefül^rte, tporunter 
alles befaßt Ifl, toaS bcr 6om:j)etenj beS ^ßäbagogen jufÄfft 
^cibd mu§ tnnerl^alb ber ^jf^c^ifd^en eintPirfungS^ 
toeifen, fotoett fie baS Gt^ifc^e betreffen, mit abermatiger 
S)o^):j)elf!|)altung gefonbert werben a) nad^ ber 9Wet^obe: 
3ud^t unb @r= b. ff. iperanjte^ung, fammt ben ref^). Rebeln: 
®äntj)f5, ober ©traf=, unb SBedmitteln; unb b) nad^ ber 
SBirfung : SJemoralif ation unb aSereblung» 



7« ^anl^afte Steigerung ber S^Slolie; ^tfpdäfmbxk unb 

tienoanbte .@rf Meinungen. 

2ln berfelben ©teile, itJo ©c^openl^auer bie ©onfianj 
eines bejlinnnten DuantumS t)on „©orgenjioff ' im gegebe= 
, nen Snbiöibuum aufjeigt, l^at er nid^t t)erfäumt, ber ©el^n^ 
barleit ju ertoäl^nen, toelc^er biefe ^apadt&t temporär in 
Äranfl^eitSjuflänben unterltJorfen i% 3e mel^r Störungen 
öorl^anben finb in berjenigen fomatifd^en ©^)^äre, beren 
SSorgänge nur inbirect fül^Ibar ttjerben, bejlo jlärfer er^ 
toad^t boS aSebürfnife, für baS aUgemeine 3KtS6el^agen 
Urfac^en aufjufinben auS bem Äreife t)ön ©aufalitfttsreii^en, 
toeld^e bem 83eU)u§tfetn als fold^e f d^on geläufig finb ; unb 
bieS S3emül^en tüirb ju einer reid^en Duette geitJiffermafeen 
^attucinatorifd^er Srrt^ümer. Stuf ber ©runblage beS t)agen 
SnnefeinS bon Hemmungen ber SebenSfunctionen \)txm^^ 
feit ber bom ßaufalitätSgefe^ raflloS fortgeipeitfd^te ^ 
tettect ben SSereid^ beS ©emeingefül^ls mit bem ber äußern 
Sll^atfftd^lid^feit; ber Äranle „fud^t ©orgen auf unb flnbet 
jte", baS „©rittenfangen" ^ebt an, unb altemirenb muffen 
bie Vergangenheit unb ©egentoart, als SRetjier beS SBirt 
lid^en, unb bie Swiunft, als baS grenjenlofe gelb ber 
SWöglid^Ieitcn, baS SWaterial ju unerfd^ö»)flic^er Seängj& 
gung l^erleil^en. S)abei ' l^aften angenehme (Sinbrüdfe nidjit 



160 S)te 3m))utabiQtdtöfta0e unt) baS aRobiftcaMtität0)}io6(em. 

ioeil immer mieber ber senBus vagaa bed ©ebrüdtfeinS 
ou^ ber unf^etDugten Snteftinaltoelt aufzeigt/ um i^nm 
^Q^^iuaxbdtm. Ermattet bom bergeblic^en ©lui^eu 
begibt fid^ enblid^ ber Sntettect jur SRui^e bei irgenbeinem 
fo ober fo entfianbene« ©d^ein; unb man mö^fte fagen: 
frol^ ber bermeitttUc|en ©ntbedung einer causa sufiiciens 
ttammert er fid^ baran feft unb fefter*): bie pje Sbee i^ 
ba, — jlebem |um unlösbaren SRät^feC ber nid^t jufäffifl ben 
ajtoment ber ©rfiarrung belauf d^t f}at, tt)a§ um fo f<i^tt)erer 
gelingt, afe ein fo ganj im ^nmt bleibenber SJorgang 
toie ba^ SBol^flgefallen an einer burd^ ben ©inn gel^enben 
aRetaj)]^er, einer f^mbolifd^=biIblid^en äu^brudfgloeife für 
ba^ eben bunfel @mj)funbene, bie ©elegen^eit^urfad^e loer? 
ben lann, ba§ fid^ bie SSBa^nijorfiellung eben in biefer unb 
leiner anbem gorm ftjirt. 2Bie aud^ gel^eimjie ©eioijfen^s 
regungen ^^ierbei mittoirlen fönnen, ift gleid|ifalls. bereit» 
topn ©d^ojjen^auer berührt G,?parali^3omfna", 1, Slufl., 11^ 
477 €oU. „®ie Söelt aU SSBitte unb SBorfielTung", 3. Sluflv 
II, 409 ; unb „Ueber bie toierfad^e SBurjel beS ©a|eg bom 
jureid^enben ©runbe", h Sluft., ©• 131). 

SBon biefer Ärc^^eit^form ift bie hypochojidrla vuIt 
garis ein ©jjecialfaH r- au^gejeid^net namentlid^ burd^ 
einen übertoiegenb egoijiifd^en ß^^araftfr be^ Äranfm — 
man möge baju baS S3iÜ) t)er0leid^en, töeld|e§ SBunber? 
lic^ in feinem „§anbbud^ ber ^Patl^ologie unb X^eraj)ie" 
»pn einem ed^im ^^}?o4^nber entworfen l^at, nebft ©♦ 
topn geud^ter^lebeu' ^ öeurtl^f^lung biefe» S^flanbe» in fei? 
rner „SDiätetif ber ©eele". 

S)ie normale ®^^Iolie, toeldjie bie „®efunben" fo gern 



in feinet endigen ®ü(tigfeit barfleHt; um fo anfd^aulid^er, old bad 
^emütl^ bed unglüdlid^en 3)t(i^teTd barin forttt)ä^renb bie fd^wanfenbe 
©rcngc gefnnber unb -franf^after 2)^fifoCic umflattert, fobag man laum 
je in einem gegebenen BRoment ||u entf<i^eiben toagt. qI ed bieffeiii^ 
obev jienfeitd berfed^jen ^to^f^U 



[^i^anfiMte eteigecung Ut %rßUÜ6. 161 

als ^^i^^^mbrifd^e äBeltanft^atiung'' t>etle|fm «dd^fteiv 
Ifot an ftdfi mit ^en t^at^ologifd^en S3oraitöfe|ungen bor 
^i^^oc^onbtie gar wäftö ju f(i^affen; es gi6t Männer ge^ 
nug^ bie Ibtö in^ J^oJffe 3retfenalter ftd^ einer in jjeber Säe- 
)iel|fung {r&ftigen S^onfütutian ju erfreuen i^otten unb ben« 
n0^ imjtoeifell^aft fiuipeoXoc toaren* Unb untgele^: ge^ 
tobe bie ebelfien SvpcoXoi feigen toir ben älnttHmblungen 
einer „l^^^)od^onbrifci^en Zaune'' faum je auägefe|t — fie 
nel^men fid^ gar bie 3«t ^W ^^i^f We SuflSnbe be« eige^^ 
mn ^ör^er^ in i^ieftönbiger Dbad^t gu l^oUen: barin aber 
eben befielt ba^ d^arofteriftifci^e ^ennjeid^en he^ ip^^od^on^ 
berd. S)ie t)orl^er gefd^Iberte fran!^afte S^SloIte ]uäft hk( 
Slnläffe il^rer ^^meland^olifci^en" ®emütl|fStoerfaffung xd^ 
«töfd^Iie^id^ im eigenen Drgamgmu^ — g^dttt fid^ i)id* 
mel^r batin^ bie innerli^ ^oorl^anbenen Urfod^ in bie 
Änfeentoelt ju !t)roiiciren — tofil^enb ber ed^e J&^!|Joc^onber 
töei|; bafe er Utpnlxi) txant ift, nur xüä)t, tooran (sto- 
madiatur fagte ber 9tömer unb lel^e bamit bie fimtOr. 
tifd^ ©runblage ^erau§, „®rftmdn" nennen'^ toir S)eutf d^eti 
unb lennjeid^nen bamit bad ^einlid^^Untoür^ baran). 
Sefagter, ^^gfolo^ bel^nt feine Sorgen aud^ auf onbere 
Jäu^ — qu&it fiä) ^um beren öermfintlid^e« UnglfiilBd^feitt 
— ber bloj^e ^l^d^onber bagegen benü einzig an fid^ 
felbft, l^at für frembe klagen fein Df)X, l^ält fid^ für ben 
aCein toitllid^ Äranlen unb begegnet be^l^alb ben Uxpex^ 
lid^en Seiben anberer, befonber^ in feiner tÄgUd^n IXm^ 
gebung, nid^t feiten mit $&rte unb aiüdfid^tglofigfeit. Unb 
fofem bie oÄertteinften Störungen beS fötj>erRd^en SBoJ^C« 
befinbenS i^n aföbalb grönblid^fl „t)erpimmen" Iftnnen, 
fd^eint mbtn ®goi^mu^ aud^ ba3 anämolifdje Xemt)era= 
ment ju ben ^räbiSt>ofitionen für biefe, atte^ SWitgefüJ^ 
auf etjie fo ^arte ^obe fteHenbe, Äranfi^ett ju gel^ören. 

®runbv>erf(§ieben ijon bem oben (©. 140 fg.) ertoäl^nten 
fJaHe, itJp im Uebergang t)on SRetan^oIie ju 33Wbfinn 
wie ber ©uEoIie ä^nli^ere Stimmung fid^ ^infteKt, ijl b^ie 
„SRarrl^eit", bie Äranfl^eit^form ber gefteigerten ©ulolie. 



162 S)ie Sm))tttabUUdtgftage unb bad aJlobiftcabilitatSproMem. 

SRut toer Don $au§ aus ein @ufolod ifl, toitb iffx \>^s 
fatten — ein burd^ SBaJ^nbotfteHungen unnatürßd^ erl^öl^teS 
©elbflgefü^l (gumal in ber %otm einer, auf befd^rftnfter 
Sntettectanlage rul^enben (SiteHeit) ifl; bdanntlid^ bie ge« 
toö^nlid^e 5BorauSfe|ung biefer „glüdlid^en" aSertüdti^eit, 
Sie tl^eilt alfo mit ber ^^pod^onbrie bie egoiftifd^e ©runb^ 
läge, toirb aber fd^toerlid^ oft aufeeri^alb beS fanguinifd^en 
ai^emiperamentö ftd^ entoideln»*) 

S)erfelbe S^ü^^l nun, toeld^er ber Seftimmung beiJ 
toirHid^en etl^ifd^en Äemge^alt^ fid^ anl^ängte (©. 135), 
erl^ebt fid^ ^ier loieber in 2lnfe^ung ber urfi)rünglid^en 
|)ofob^ntfd^en Seftimmt^eit beS erfranften SnbiöibuutnS* 
S)enn in ber SRarr^eit l^at bie angeborene ©ifolie ebenfo 
erfl il^r ungel^emmteg ©:j)iel, toie bie ©^Sfolie nur ba ganj 
für fid^ heraustritt, too fie fojufagen bie fammtlid^en aru 
bern ©eifteSfröfte in il^ren S)ienft genommen l^at, tt)aS il^r 
gcrabe bie Derflftrfte 3Jläd^tig!eit berietet, ba bie fogenannte 
„(Steigerung" nur nad^ ber ejtenfti)en ©elte bejeid^net, 
toaS Don ber intenfiöen angefel^en „Äräftigung" l^fei^en 
mn^. SJann loären bie jioifd^en biefe unDerfälfd^ten ®t^ 
fd^einungen faffenben angeblid^en ©efunbl^eits^jerioben (nur 
fel^r uneigentlid^ ate lucida intervalla ju bejeid^nen!) in 
SBJal^r^eit eine Si^rübung beS ed^ten ii^ofob^nifd^en SBefenS, 



*) @o tcrfBl^neii fxä) aud^ bie Beiben ijcrfc^icbcncn ©ebcutungen^ 

totiäft in ben äilnnbarten mit bem S8orte ff^axx** berbnnben werben: 

tDir 9{orbbeut{(i^en benfen babei gunäd^fl an einen anfgeblafenen nnb 

albernen ©eden; ber @d^toabe ba^egen begeid^net mit ,, narret'' nn* 

gefSl^r ba8, toa« icir ,,übergefd^naj3!|3t'* nennen» S3eiben ©ebraud^«* 

»eifcn ijl aber nidjt nur ber S'Jebenbegriff be« läd^erUd^en ©ebarend 

(ber ja in „Hofnarr" gum $au))tbegriff toirb) gemcinfam, fonbem 

aud^ (Sl^nli^ )Die in ,,tattnid'' unb ^Jaunifd^'' ber tafd^e ©timmungd^ 

I totäf\tt)f ha9 berfd^obene, fo^ufagen fd^iefgegogene i^erl^ättnig ber ^cr« 

j fiettung gnr SBirf üd^f eit , toeld^eö nod^ brajiifd^er bie iWeta:|)bern „t)er^ 

I rüdt" nnb „toerfd^roben" auöbrüdfen, SDie SRol^eit ftnbet jebe ^tx^ 

! rüdPtbeit nSrrifd^ , fofern fie fic^ ouf gef orbert f Ü^It , bamit t^ren <Bpa^ 

l in treiben. 



»tanf^afte Stcigcnmg ber ©ijSlottc. 153 

l^etbeigeffl^rt burd^ eine Art t)on Uebertftubung unb ge^^ 
toaltfamer Slblenfung (S^tflreuung) , toel^e tl^rerfeitö fel^ft 
tool^l butd^ ein f^öntaneg ©egenjlteben m^ bem S^tnem 
be«^'„Äranfen" ^erau« unterftfi|t toetben lönnte; unb toa^ 
ate „Rettung" angefel^en ju iDerben ^>f(egt (btefe ,,®es: 
müt^gfranfl^eit" foff ja unter aUcn mit bie günfttgfte ^xo^ 
gnofe barbieten), toäre nid^tö ate fold^e SRüöfe^r jum 
„©leid^getoid^t ber :|)f^c^ifd^en ^^uncttonen ", in hjeld^er bie 
einfeitigleit burd^ SBieberbelebung ber übrigen Oeijie^Irftfte 
(Snfd^auung ber SlufeeniDett unb befonnene^ SBergleid^en) 
übertounben tpfirbe — unb baS bem ärjtlid^en, toefentlid^ 
tjf^ifd^sbifttetifd^en, SSerfal^ren entgegenfontmenbe f^)ontane 
3Kittt)irfen biefer entf^)rfid^e genau ber Sll^ätigfeit ber vis 
medicatrix naturae in rein fomatifd^en ÄranS^eit^ffiffen. 

änbererfeitö mag an rein j)l^^fifalif(!^e ©rfal^rungen 
erinnert itjerben, um burd^ Slnalogien gu ijerbeutlid^en, n^ie 
gett)agt e^ fein mürbe, jebe ^)l^änomenale Steigerung fo^^ 
fort aud^ für eine reale ju l^alten, ja, nur ben ®rab ber 
conjlanten, mit p^ ibentifd^en ^Realität nad^ il^rer ftftrffien 
SSMrIung auf bie SBal^mel^mung ju bemeffen. 3ebe garbe 
fd^eint neben il^rer 6omj)lementärfarbe intenptjer ate ol^ne 
biefe ^oKe, Kot^ rotier neben ©rfin: fo fd^eint bie 3)^^- 
loKe meland^ölifd^er, bießufolie „närrifd^er", too toir jene 
•mit bem ©leid^mut^ be^ 5ß^Iegmatifer^, biefe mit ^ ber 
Md^teml^eit tüoa eine« d^olerifd^en SJ^^Iolo« unmittelbar 
jufammen^atten Wnnen. Unb toie bie SBirlungen be« 
DjonS ju beit>eifen fd^einen, brandet e« nid^t aUemal be« 
i&injutrittg eine« materialen 5piu«, fonbern nur einer, fonft 
nid^t toal^rne^mbaren, SBeränberung in b^namoftatifd^en SBer* 
^ältniffen ober in bem ®rregung«juftanb ober in ben 
©j)annung«i)er]^Ältniffen eine« unb beffelben ©toffe«, 
b. f). eine« unb beffelben Äraftfubfirat«, um j)l^änomenal 
bie überrafd^enbjlen aWobiflcationen l^erbeijufü^ren. 3"^= 
befonbere fei auf berartige« l^ier ^ingetoiefen, bamit man 
nid^t jebe SSerme^rung ber „Sieijbarfeit" fofort auf eine 
burd^ ben „©tofftoed^fel" l^erbeigefü^rte SKteration ber 



154 S)te :3|m)}utabititat^fi;ade unb baS SRobi^cabUitatöprobtem. 

aRifd^^ng«^^ältniffc autfttfftt^re — bie d^tfd^n »fttWel 
im ^0l^moxpf)k unb 3fomerie ma'^nm f)m }u bo))))eItet 
3urä(£|faltung. 38ie baS Dgon an ba^ rein formale im 
ttntftfd^iebe ber ^em)>eramente erinnert^ inbem ed biefem 
glei^ ben öaletubinatifd^en ßl^arafter gegebener Sufifinbe 
befüntmen l^ilft, fo bie Sfomwe an ijatl^iologifd^ ©onfti* 
tutionSöer&nberungen , tfoo biefelben burd^auS feine ^pm 
quantitatit)er 9Rif(i^ungiSt)erfinberungen auffinben loffen. 
S)ie ©efammtbetl^ätigung eines Sl^arafterS^ incL bai$ etl^if d|^e 
Seben, ttmn burd^ ben einzigen Umfianb eine total anbere 
©eftatt annel^men, bafe, toie bie Derftnberte Sleijbarfeit 
jcigt, bie @i>annung§s>erifältniffe irgenbioie mDbificirt jinb, 
offM bß^ bamit etn>a bie ^onfianj beS gegä&enen %w}p^^ 
ramenW felber m grage g^fteCt toäre. S)e#|gialb föimen 
toir — in anle|rn«ng an früher (ß. 36) ©efagtf S — getrofi 
b^mpt^: in berSugcnb ift, b, 1^- fd^eint, ber Sangwinif^ 
am fanguinifd^eften, als ©reis ber ^n&tnattfer am an&^ 
motifjö^eften, Unb tote toir (ß. 50 unb 51) fjoftöreti tfn^ 
nen gelernt l^aben, toeld^e an fid^, etl^ifd^ angefel^en, SJbio» 
pfif>%a finb unb bod^ aud^ bie etl^^ifd^e ^eti^ätigung, ^m 
bereu i>^änomenaler ©eite, mitbebingen, förbem ober 
nieberl^alten : fo begreifen toir l^ier, bafe ein ©d^ein ber 
aSariabij^itöt ber einzelnen d^arafterologifd^n ©lemcnte au* 
ber aSeränberlid^Ieit beS 3Wa6eS entfielen lann, in toetd^em 
^on w'&tn f)cx bie @inbrüöe auf bie übrigen Jtmwären 
Sttaturformen beS aOBillenS toirlen unb bereu SCj^tigfeit für 
jtc^ in 33ef ri^lag neigen *) ; verliert ja bod^ jeber ^&xp^ 



*) (28 ma^ bicö am (Sl^olcrücr a bcranfd^aulid^t ttjerbcn, ber 
^äf in feiner Öugcnb leidet aU püd^tig gibt unb boc^ f^äter bnrd^ 
feine fletige ^udbauer in (Srfiaunen fe^t 2)er fo entfle^nbe fc^ein« 
bare ^iberf^rud^ li^fl ji4 leiid^t tu i^er (fxpy^^mq, ba^ bie 3ugenb« 
einbrütfe fid^ i»ormiegenb an bie 9{ece:|>H)»itat abrefrt^en unb bobei bie 
^ebl^aftigfett ber SrritabiUtSt heraustritt, toä^renb bie ertebnijfe be8 
SWannedafter« bie ^leagibilität ^erauSforbern unb bamit bereu ^a^* 
^Itigfett ^elegenl^eit belommt, ft<i^ ju betätigen, na<^bem ber er« 
fal^imnggietDitigte 3ute((ect pr l^efouuenl^ett gereift i$* 



fio§i;iiifd^e ßmioirfungen in i^ten ^arafterolo^tfd^en Bt^^d^ti. 155 

f<l^ein6ar an (glafücitÄt, n)cnn er an einer ober xt^ttn 
.©eiten öon re})rimirenben SBiberftanb^fräften eingeltemmt 
ift. 5Da§ bte 3Ritbeftimmun'g feiten^ ber JReflejion fftr 
dEw^erament unb ^ofob^nifd^e (Sx^padt&t nur bie i^äufigfte 
ffirf^^einung^toeife biefe« ®cfe|e^ ift, brandet faum erjl 
l^e¥^orgeI;oben }u ti)erben. 



8« S0^mtf#e (ginäftrfungi^ in i^eu diaralterologif^n 

©eiftreid^e ©pnnbinatipncn, toie fle ein ged^ner in 
feinem ,^5pr0feffor ©d^Ieiben unb ber 5IRonb" »wgen burfte, 
f«Äen un^ nici^t öerIcMfen, bie ©rmjen fidlerer Sntpirieju 
iiberfc^reiten, unb nid^t einmal eigenen ^t^poify^m foll l^ier 
ein ^la% eingeräumt beerben, bamit bie SRüd^ternl^eit im^ 
ferer Sluffafyung in feiger Sßeife gefä^^rbet erfd^etne. ^en^ 
nod^ bebarf e^ einer ^onftatirung beffen, bafe bie Stlvm^ 
tpiogie awd^ ^n ©^arafterologen angelet» aJ^it b^nt iebp^§, 
tooÄ av^ u\ ^iefer SBejiei^ung ©ar^öin IS)dge|vrad^t Wß 
mag jebcr auf feine SBeife juredptä^fommen ijerfud^en: 
un^ etitbinl^e^ ppn be? 5ßßid^t, 9äJ^r b^rquf einjug4?»# 
bie einfojd^e ©rinneruTig an ia& ^ijic mh ju^ice lis est 
dagegen lägt fid^ o^ne jebe^ Sebenfen, aU auf ein fd^Ia- 
genbeö Seif^iel, auf ba^ bertoeifen, tt>aB Stbolf S5ouai^ in 
,,Sanb unb Seute in ber Union" (Serßn 1864), t)on ben 
SSeränberungen berid^tet, h?e|[d^c ber tran^atlantifd^e SBett* 
tl^eil auf feine eingeloanberten Setoo^ner unb beren 9lad^:= 
fommen im Saufe ber Generationen ausgeübt l^abe; benn 
ol^ne bafe man für bie Söal^rl^eit im ©injelnen bie atter^ 
minbefte SSeranttoortlic^feit ju übernehmen brandet, fann 
Xß^n ^mxlmi/^, bog bort (befpnberS ©• 1 — 29) eine 
^öJjle überaus „fd^ä|bareu SWateriatö" geliefert ift» 

®a| jeber am SKorgen anber^ bi^jjonirt ift ol^ um 
SHittag, unb a,m Slad^mittog anber^ ol^ um ajlitternad^t^ 
i^n^e man freilid^ einfad^ ayf baä SSefriebigt? pijer SKid^t= 



156 2)ic 3mputabilttat§fragc unb ba§ aWobtjtcabiüt&tS^roblem. 

befriebigtfein be^ ©d^laf- unb SRal^rungSbebürfmffe^ jurüdt 
führen trotten; aber fc^on ein ^ufelanb l^at eS nid^t t)er- 
fd^mft^t, feine biätetifd^en 9lat^f daläge burd^ Serufung auf 
nod^ unbegrtffene lo^mifd^e Ginpffe ju ftu^en. SBie bie 
gtfiW^^'^^^t^ft fl^^iff^ SRerbenftanfl^eiten beförbett, toerben 
in unferer nertiöfen 3^it oud^ nur noc^ Wenige 83egIfi(Jte 
erfl bei ben 9Jlftnnern ber ^ßf^d^iatrie ju erfragen nöt^ig 
^aben — unb U)er ben ©ommer „bie 3^it ber £iebe" ge^ 
nannt l^at, t^eilte babei getoife im fiiffen ebenfalls ben 
übrigen Sal^reSjeiten i^re eigent^ümlid^e SKagie ju, U)ie 
^can ^ßaul irgenbiüo (id^ glaube im „©iebenfäS") ben 
5Roöember mit feinen 3lebettagen für bie 3ii^fl^tne melan^: 
d^olif^er Stimmungen ioerantloortlid^ mad^t. dagegen 
f^eint bie Äätte ftrenger SSintertage eine getüiffe, jur Äritif 
geneigt mad^enbe, ©inneSernüc^terung mit fid^ ju bringen, 
toelc^e bie SBiberftanbSfraft ftä^It, unb ba§ baüon ertoeiJte 
©efül^l :|3rot)ocirt jur SReaction; ber SBinter „jeitigt" bie 
Äriege unb Steöolutionen, tpeld^e mit ben 33IattfnoS^)en 
„auSjubred^en" })flegen; bie Unrul^e, bie ©e^nfud^t, toetd^e 
im Senj ber SBiebergeburt aUer Hoffnungen entgegenfd^hjeHt, 
befd^Ieunigt bie ©ntfaltung jeben ©emütl^Sinl^altS (unb in«- 
befonbere toedft baS SBieberfe^ren aHeS beffen, ft)a§ ber 
SBinter begrub ober t)ertrieb, bie toe^mütl^ige ©rinnerung: 

^wc ber Wlin\^, tpenn bev foctgel^t, 
5Der feiert nimmermel^T, 

fagt ba§ SBoff^lieb ijom „3RaiIäftP; 

Unb bie €reabe f^rid^t: 
2)eine Blumen U^xtn mteber; 
2)etne Xo^ttx lehret ntd^t), 

bis ber ©ommer, jur ©elbftgenugfamfeit einlabenb, bie 
Sl:j)atl^ie ber ©d^merjlofigleit ober ber SRefignation m^ toie 
einen Delflrom über bie erregten SBeHen beS $erjenS an&^ 
giefet. ^am bleibt bem fonnigen ^erbft nur übrig, m8 
in iene SRul^e ber ©id^erl^eit einjuluffen, bie ium erneuten 



9Serf(i^iebene äBirlungen bev 9lar!otifa unb 6timulantia. 157 

^onbeln bereit mad^t, ober — - jum ©terben* — SJod^ ge* 
nug ber Slnbeutungen, bie in fold^er 2lIIgemeinl^eit faum 
ben Sßettl^ eine^ bloßen lusas ingenii i^oben lönnen! 



9. 9larIottIa unb @ttmulantta^ jnnii^ft ita$ il^rer tier- 
f^iebenett SBirlung auf tierfd^iebene (£on{itttotiotten unb bei 

berf^iebenem ^latnxtU. 

Unfer Semü^en, bem entgcgenjutoirfen, bafe nid^t im* 
tner tpieber SCccibenteHe^ unb ®ffentietteS, SBed^felnbe^ unb 
SBefentlid^e^, 9Womentane^ unb ßonflanteS, ©timmung unb 
^>ofob^nifd^e ®runbt)erfaffung, jjunctuette ©rregung unb 
S;emj)etament, burd^einanbergefd^ättelt Serben, fül^rt un^ 
jefet ju einer lurjen Sefipred^ung jener 9Wobificationen^ 
toeld^e unter ber SwfölS^i^w^S getoiffer ©toffe bie ©rfd^ei^ 
nungen junäd^ji ber' ©onfütution unb be^ $Ratureff^ erleid 
ben fönnen, fotoie be^ »er^ältniffe« ber Slb^ängigfeit, in 
toeld^em ba^ SIRafe thm biefer 3Jlobificabilität fielet ju 9la^ 
turell, ©onfütution, Temperament unb j)ofob9nifd^er So^ 
:>>acität, biefe t)ier einjeln unb in il^rer aSereinigung ge- 

e^ tann uns babei nid^t irre mad^en, Xoinn SBunber:^ 
lid^ (a. a* D., I, 212) bal^in fi^ auSfiprid^t, bafe jtoar 
„bie ©timmung unb bie SBeife ber SJ^ätigfeitSäufeerungen 
beS ©e^imS, alfo SJentjperament, ©^arafter unb Sntellts 
genj, in getoiffem ®rabe, bod^ weniger atö bie Functionen 
fafl aller anbem %i)dU, Don ber ©onftitution abl^ängig 
finb, ba baS ©el^im mel^r atö irgenbein anbereS Organ 
einer unobl^ängigen SluSbilbung fä^ig ift unb in feinen 
äeufeerungen ©elbftänbigfeit jeigt"; — benn für \xa^ ifl 
ja ber ganje Seib bie Dbiectität beS SBittenS, unb nid^t 
ettoa baS ©el^im baS einjige Drgan fogenannter })f9d^ifd^er 
Functionen — ja, nad^ ©d^ot>enl^auer fielen iperj unb . 
^lut in ungleidgi birecterer SBejie^ung jum Dbj[ect ber 



158 3)te ^mptttabiütdt^frage unb baS anobtItcabUitdtöptobfetn. 

©^atafterofogie afö tote jene« — u«b nur ber bctmißte 
fU&i^ctii)e SRejTeE einer anbet^tüo gefc^^enen öbj[cctit)5nta- 
terietten aSeränberung fommt im ®ti}im ju ©tanbe. 

©emgemfife gilt j. 83. gleid^ ba^ in vino veritas nic^t 
fo uttbefel^en^ in feinem :|)rfifumirbar einfac^jlen ©inne, 
^mn iomn ber S)^^fofo^ in ber Sltunfeni^eit unmäßig 
foc^t, fö ftellt baS bod^ bte SBal^rl^eit feinet fonftigen ©m- 
fle^ fo toenig in ^age, tüie bie S^l^ränen , toelc^e mancher 
©ufolo^ im SRaufc^e bergiefet, feinen fonftigen gro^pnn* 
aSielmel^r finb foli^e Slnomalien t)on fogenannter ^olarifd^er 
®egenfä|li(i^feit md^Un^ ber SSeurt^eitung be§ Jj^^fiolo:? 
gifd^en ^at^ologen ju unterfletten, loeil pe nic^t bem 
EfKirofterfem , fonbem nur ber j)^änomenaIen 83etl^ätigung 
ber fomatifd^en Snbibibualität angel^ören. ®an^ ä^nlid^e 
Seobad^tungen ergibt bie SSerfd^iebenartigleit ber SBirfungen 
beS D})iumS unb inbifd^en ^anfe^ na^ ber t)erfd^iebenen 
®röfee ber ©opg toie nad^ ber SSerfd^lebenl^eit ber 3nbit)i^ 
buen — regt bod^ fogar ein ^runf falten SBafferö bor 
®c^lafengel^en ben einen auf, toft^renb e^ bem anbern ba^ 
ttnrffamfte soporiferum ift, toa^ pd^ tool nur an^ einer 
tmfd^iebenen SBirfung auf ben 5ßufe unb bie S3lutcircula= 
tion flberl^auiJt erfWren läßt, ©eilftufig: bie fo jiemlid^ 
über alle befannten SSölfer fid^ auöbel^nenbe SBer&reitung 
be$ ®enuffe§ narfotifd^er ©toffe ifl leidet im ©inne be§ 
^pefftmi^muS auszubeuten: m^ ber graufamen ®irHtd^feit 
fliegt ber SWenfd^ in eine fünfllid^ ^eraufbefd^loorene 
^tüunti^dt , bie il^m erlogene SBonnen t)orjaubert, vxn i^n 
beflo fd^limmerm „Sfammer" ij^rei^jugeben. 3«3l^i«^ ^^ 
ftnb toir gemannt, t)or ber Dberfläd^lid^feit "^nl ju lauten, 
loeld^e bie folgen fol^er ©enüjfe einfad^ in d^emif^e Sor^ 
gftnge fe|t. SSielmel^r offenbart ftc^ in il^nen, baß baS 
5ßflat^enreic^ ©rfd^einung eines mit unferm aBefenSfem 
gleid^artigen SBiffenS ift; unb eS fc^eint m,t unberlennbare 
afe^nlid^Ieit objutoalten jimfd^en i^nen unb ben ^^äno- 
menen beS fogenannten tl^ierifd^en SRagnetismuS — ber 
saHEc fetter erfäl^rt Sä^mung, unioiberflel^Bd^e Senfung 



Serfi^tebene aBttbitgen bet 9lat!otttä unb Stimulantia. 159 

Uta) in ber 3laäfMxiun^ ebenft usräberminblid^^ (Srfd^laffung 
— fclbft Iatalcj3*tifd^c ^ix^&x&e treten l|>ier toie bort dn, 
tnxb bie tmedfntt ®t^&lßifMt fe^It babei gleid^faS« 
td^t aSantm foKten tt)ir alfo ntäft bie iQ9!|)otl^efe ioag^^ 
ba| an^ getmffe formen franf^after ®eiftedftörimgen in 
anoiogen SJ^^Irafien i^re Urfod^en ^ahm tötmen? ®e0s 
^alb entfd^eibet e$ nod^ ni(i^t f&r einen ©runbirrtl^um in 
unferm Urtl^eil^ toma tt)tr bie ^rmlofefien Staturen nad^ 
SBeingenul „ auöfaff enb" ober gar „t^fttUd^ brutal" toer« 
ben fe^en; fann bod^ aui^ "ba^ ^eber> ja bie Steconbale^ 
fcer^ bie niU^temflen 9Serfianbeilmenf<l^en }u !|)l^rafenreid^en 
©d^önrebnem ntad^en, offenbar nid^t, ate ob baiS i^re 
^)a>afyct SRotur" todre, fonbern nml ber franfl^aft gejiörte 
Suftanb fie an ber t>oIIen 9el|ferrfd^ung i^red SBortt)Oi^ 
roti^d l^nbert unb bie innere %citation öberbied nac^ obit^ 
quoter äludbruddtoeife tenbirt. @onft ntü^te ja auc^^ tott 
nod^ D!t)ium unb ^afd^ifd^ ober anbern 3taxUiXta bie %tbf 
tagiägorberobe feiner d^araQ^relemente aui^jie^t, um an^^ 
bere, i^m „nid^t auf ben Seib getoa^fene ober 
gemeffene" anjulegen, atö einSladEter beurt^eilt »er* 
ben, ber in unüerfd^Ieierter SBoi^r^eit t)or un« ftftnbe; 
toSSfxtüb bie boUe unb nxä^n SS^a^rl^eit bie ifl, ba^ ge$ 
rabe bie fremben ©toffe, toeld^e bem nert)enregenerirenben 
99litte eingeflftgt ftnb, fein ec^ted S^arafterbilb ^erl^üOen 
(gerabe fo toie Iranll^afte Slrlefftugigteit ben natürlid^en, 
b. ff. mf)xm mid entfiettt), ©abei ifl eÄ felb{it)erftÄnbU(^, 
bofe ft)o nid^t« ifi, aud^ nid^ erregt toerben fann — aber 
nid^t einmal (ba^ folgen toiv ja bereitiS nad^ anbern älno:: 
logien, ©♦ 153 fg.) ein 3iüdtfd^lu6 bon bem ®rabe ber lünfl* 
lid^ i^erbeigcffil^rten ©rregt^eit auf ba^ SWa§ ber urfj)rflngs 
lid^en (Srregbarleit, baiJ Ouantum fojufagen beS erregbaren 
©töffe«, ifi ol^ne toeitere« p geflatten — fd^on bedl^olb 
nid^t, toeil beim Sfteij ba« einfädle 8Serl^ftltni§ jtöifd^en 
llrfad^c unb aSirfung, mläft^ ben rein med^onifd^en ®ffect 
d^ardtterifirt, nid^ me^ befle^ (^gL ©d^o!t)enl^auer, „S)ie 
aSJeft ate äBitte unb SSorfiettung", 3. äluflv I, 137 fe;; 



160 3)ie 3[nt))utabi(üdl3frade unb bad SDlobificabititätöpro6(em. 

„®ie beiben ®tunb})roMeme ber ßtl^il", 2. SCufl., @. 29 fg. 
coU. 37 fg.; „SBitte in ber Sttatur", 2, Sluft., ©. 22), unb 
wUenb^ ni^t, tt>eil ba§ ^iefee alle^ ^)rei^gc6en, toa^ uxt» 
fere bi^i^mge SJarIcgung für baä gejii^aften an ber rela^ 
Itoen ©ettftänbigfeit ber einzelnen d^aralterologifd^en ®Ies 
mente mö^te gettjonnen l^oben; eine ©elfijlänbigfeit, ber* 
möge toeld^er in^befonbere bie Irritabilität unb 9[m^)refs 
fionabiütät ber birect etl^ifd^en 3lbfci^ä|ung entjogen it>urben. 
Ueberbie^ barf nid^t öergeffen toerben, toie e^ neben 
ben ^j^l^fiologifd^en aud^ })f^d^ifd^e Stimulantia gibt, toie 
jeber Effect, jebe Seibenfc^aft, jeber befonbere ©emiltl^ös 
juftanb unfere ®m:>>fänglid^teit für geit>iffe Älaffen bon 
3Kotiöen alteriren — ba^ j. S. bie S^rauer unter getoiffen 
3lnläffen in einem unöerfennbar ^jolarifc^en 9la^)})ort ivm 
©eEualfvPem ftel|>t, tourbe bereite ertoä^nt; greube bagegen 
i^ält jeittoeilig ben junger unb ©efd^led^tätrieb nieber. 
^ier ift aber öornel^mttd^ an Seftüre unb aWufil ate 
Umftimmung^mittel ju beuten- S)a^ Sefen eine^ ergreif 
fenben 33ud^e^ öerfefet ba^ ganje Sieröenf^ftem in eine 
<3(§tt)ingungöfolge, bie — öorbel^altlid^ ber Slu^fül^rbarteit 
— e^ tt)Ol|>l bem ßriminaliften jur ^jlid^t mad^en fönnte, 
cbenf gut ju fragen : toa^ i^at ber Sncutj^at f ur j t>or ber 
3;^at gelefen? ate: tt>a2 unb toietoiel l^at er öorl^er ge=: 
trunfen? unb toer fid^ geit>iffer SJanjmelobien entfinnt, toirb 
bie e^orberung fo ungereimt nid^t finben, bei Slufnal^me 
be^ 3;i^atbeftanbe^ über nad^ einem SaHabenb t)erübte 
SSerbred^en ober gret^el au^ bem Ropitd „SJornai^me um 
güd^tiger ^anblungen'^, bie Snquifition aud^ auf fold^e Wto^ 
mente tt>ie : hueld^e SWufifftüdEe finb gef^jielt toorben ? an^u? 
bel^nen. Ueberl|>au!|3t ift ja bie 5ßl^antafie al^ ün^ ber tt)i(§= 
tigften (Slemente bei ©ntfd^eibung ber ^rage nad^ „intettec* 
tueHer grei^eit" niemafö aufeer Sld^t ju laffen. ©ie ft)irb 
jum aJel^tfel für eine ganje ©attung bon SBorfteffungen 
unb bamit öon SUiotiben, toelc^e ben 5ßl^antafielofen !aum 
ie berül^ren. S)ie ©inbilbung^fraft mn^ ben Serftanb 
unterjtü^en, h^enn e^ gilt, bie fRüffc möglid^er ober 



SSerfd^iebenc SBitfutigen ber Jlcrtfatifa unb ©timulantta. löl 

ä>a]^^etnlid|er folgen eiwer ^anWung ju überBIiden. 
2Bie überall ber fogenannte Setd^tfinn aufecr im %^mpna- 
mmt jugleid^ im SnteHect begtünbet ifi, fo in«befonbete 
ba, ft)o einer Unred^t tl^ut, bIo§ toeil er im Slugenblid 
fid^ nid^t ijergegentoftrtigt, toie tiefgel^enb fid^ boS mt>mtn^ 
tan^ Xf}\xn berflid^ mit entlegetiften ©liebem ber ©aufa^^ 
litfttölette, unb fo mit 3flec^tgberle|ung eingreift in frembe 
aSerl^altniffe, — alf o ettoa in pfiffen, too ber Jpanbelnbe unter 
bem ®influ§ einer !t)|i^f!ologifd^en aSerfud^ung ju abulte^ 
yiöfen S^l^aten fielet. Unb toaS bie SWüpf angei§^f, fo i% 
toog bie jute|t t^erfiorbene iperjogin bon Orleans il^r nad^^ 
tül^mt: fie i^abt nie gelogen, — felbjl untoal^r. ©ie toer^: 
fe|t öielmel^r leidet in Stimmungen, über beten ioa^ren 
Oe^ialt toir unö täufd^en: finnlid^e Erregung fielet hjie Se? 
geifterung, öerl^altene SBoKufi toie ibeale ©el^nfud^t au^, 
unb man möd^te fagen: e^ ift ebm nur ein äußerer Sleij, 
lein 3Kötit>. S)ie3Wufif ertoeid^t nid^t nur, fie hjeid^t 
bie (Seele aud^ auf urtb raubt i^r in fold^er äufloderung 
fojufagen bie innere ©onfijlenj, ober, toie e§ bei Äant 
unb ©dritter l^ei^t : il^re JBirfung ifi mt „f d^meljenbe", S)ie 
^ßrfibig^jofttion ju bergleid^en l^aben tt>ir aber f^on früi^ 
auf bte eonjlitution jurüdgeffil^rt unb fönnen — unter 
SBflÄtoeifung auf ©. 43 — ba« l^iier @infd^lagenbe bal^in 
refumiren: 9Wand^em tourbe fd^on ate 2;em^)eramentgunart, 
ja ate fittlid^er ©i^atafterf eitler im^jutirt, toaS nid^t§ toar 
atö ein ©^mpton nertoöfer ©onfiitution ober gar einer 
namenlo« gebliebenen „S)9^frafie"- — ®a« SKafe beffen 
j. 83., toaö einer „vertragen fann" an ©^)irituofen u. bgL, 
bie S3erfd^iebenl^eit, mit ioeld^er jloei gleid^ grofee ©läfer 
beffelben SBeing auf jtoei berfd|ieben^ 3nbii>ibuen toirfen, 
bietet für bie „(Sonftitution" — man mag fte banad^ fäg= 
Ix^ bo« fomatifd^e S^entperament nennen — in Äl^nlid|er 
SBeife einen ©inti^eilung^grunb, toie bie 3Jlotit)ation im 
engern Binn för 3;em!J)erament unb etl^if<i^en ©l^rafter; — 
unb 100 eg gilt, bie nur fid^ felbjt gleid^e 3nbit)ibuatttÄt 
abjuconterfeien, barf ba^ (Sine fo toenig toie baj^ 3ltö)ere 

Sal^ttfen, (^j^aralterologie. -L 11 



162 S)ie SmputabiUtdtöfrade unb baS flobtficabtat&töptobtein. 

ou^er 9(d^t bleü&en — eine summa justitia^ bte eiS tt>ir& 
I^ ju biefer äbtoägung aller aWomente firäd^te, toäre 
leine summa injuria mel^r, benn biefe entfielt nur in ber 
abflractcn, b. ff. gerobe ba^ inbibibuell ©oncrete ignoriren:^ 
ben 3lj)})Kcation be^ summum jus. Unb toeil un^ he^tfoB 
ein paar fd^toanfenbe ^Terminologien mel^r nic^t fonberü^ 
loeiter bringen toürben, fo ijerjid^ten toir lieber ganj bar- 
auf, l^ier in betaittirenbe Setrad^tung ber fogenannten ©on^^ 
fiitutionen (ioie fierile, abbominale, I^mi)l^atifci^e, floribe^ 
lafcibe) toeiter un^ einjulaffen. 



10« Sorlöuftge flef ttfdie @f ifobe. 

aSa« „S^ro 3WaieftÄt attergetreuefie Oppom^n'' für 
bie ©ntoidelung be^ ©taatöleben^, ba^ ift ia ber el^rlid^e 
©fe})tici^tttu^ für jeben gortfd^ritt ber S)enff ^fleme ; benn: 
oi^ne StoA^d — feine grage; — ol^ne ^Jrage — fein 3la(S)^ 
pnnen ; — o^ne SRac^finnen fein getoiffenl^afte^ Slntioorten. 
Unb gerabe l^ier biefem S^terlocutor ba^ SBort ju er^ 
tl^eilen, bagu liegt ber 2lnla§ in.bemUmflanbe, ba§ feine 
®inrebe ebenfo fe^r ben ©egenftanb betrifft, öon ioeld^em 
loir ^erfommen, loie ben, ju loetd^em überkugelten ioir im 
Segriff ftel^em ©o möge er benn f})red^en, auf bie ©e^ 
fa^r li^in, ba^ au5 feinen 3nter})ettationen SSerlegenl^ieiten 
enoa^fen, gro| genug, um bie Slnfd^auung ju ftürjen, 
loelii^e bi^^er ^eft unb SRuber in ipänben gel|>abt l^ot; — 
amicus Plato, magis amica Yeritast 

©eitbem loir e^ ©. 40 fg* juerjl anerfannt, toie fämmt* 
lid^e gulefet bef})rod^enen, junäd^fl allerbing^ j)l^änomenalen, 
2;^atfaci^en irgenbioie auä) im S)ing an fid^ ii^r ßorrelat 
l^aben muffen, toar fd^on öfter ©elegen^eit, biefe Slner^ 
fennung loieberl^olt au^juf^jr^d^en, unb alle angefteHten 
©rtoägungen fönnen un^ fd^lie^li^ nid^t wn ben folgen 
fold^er Slnerfennung entbinben. greilid^ befd^ränft un* 
ein berartige^ ®ingefiänbnife um fo toeniger ba^ SRed^t,. 



IBorlduflge ffe)}tif$e ßpifobe. 163 

ben emj)mfci^ gegebenen ;S)ifferenjen Leiter nad^jugel^en, 
afö jener SBorbel^alt bie ^He ber Unterfd^iebe eben in ha^ 
®runbtt>efen felbft öerlegt, i^nen alfo nur bejlo l^öl^ere 
Sebeutung gufjjrid^t, unb unferm Unijermögen, bie ^er* 
leitwng vorläufig ju erreid^en, toenn über]^mH)t trgenbtDie, 
iebenfaH^ nur burd^ gru^)j)irenbe Slnfammlung be^ aJlate:= 
riatö fann nad^gel^olfen toerben. — Slffein e^ ifl babei 
eine 3nflan§ nid^t ju überfeinen, ba fie gleid^jeitig jtt>ei 
gunbamentalfä|e ber ©dno^)eninauer*fdnen &^it in ^age 
gu [teilen fd^eint: bie SCfeität unb bie mit biefer gegebene 
Uni)eränberii(§feit be§ 6^arafter§, fofern näntlic^ le^tere 
au^ jener nur unter ber SSorau^feftung öollerSin^ 
l^eitlid^feit ju folgen fd^eint ©reifen toir g. 83, an^ 
ben Kriterien be^ Ei^araltertoertineg ein^ ber entfd^eibenbjlen 
l^ierauS: ben Orob ber 33erfül^rbarfeit, fo erfd^eint thm 
biefer afe ba^ am meifien Sllterable. — Slffecte, ©timu:= 
lantia, Söed^fel be^ ©efunbi^eitSjuftanbe^ toirfen gleid^ 
jtarf ebm auf il^n ein, unb biei8 alle^ unter ben Segriff 
„aSerfälfd^ung ber aJiotii^e" ju bringen, ^ilft nid^t t)iel, 
hjeil jebe einzelne SBeife, in toeld^er fold^e SBerfälfd^ung ju 
©taTÜ)e fommt, für fi^ f eiber toieber ein eigene^ Problem 
i% Unb bie ©d^toierigfeit, gerabe öon ©dnoi)eninauer'« 
a5orau«fe|ungen m^ ba^ SBefen ber Äranf^eit befinirenb 
ju erflären, in SSerbinbung mit ber Stnerfennung einer ge? 
toiffen vita propria ber einzelnen Organe, gefäl^rben bie 
aSorfiettung t>on ber ©inl^eitlid^feit be^ organifd^en 2^bm^ 
nur nod^ um fo mel^r, 3Bag man aud^, mit einer Slrt 
t)on Sa^nllang an bie aWonabologie, bie ^ppoa}^^^ i>on einer 
im ©enerationSact entftel|>enben Ut^eHe *), toeld^e bie Statur 



*) 3n bicfcm @ttinc f^ri^t Slamcatt'« iRcffc (Ooet^c'« 2Bct!e, 
m 40 «änbcn, XXIX, 295 fß.) bon einer „Urfafer". ntUx^anpt 
iß biefer gange ^Dialog nid^t nur al9 braßifd^e, e9)>rit«' belebte ^rör^ 
terung ber et^ifd^en <BUp\i9 eine ber bebeutfamjlen Uterartfd^en $l^«l<» 
nomene be9 borigen Sal^rl^unbertd, fonbem aud^ für bie gefamntten 
^ter bon nn9 bel^anbelten ^l^emata boll ber andgiebigffen Anregungen« 

11* 



164 Sie SmputabüttAtdfviise unb ba§ SRobiftcabiUtatSproHem. 

brr füd^ i^r atifd^tte^enben QeUm old 'ny&fi'OviHoy mttbe? 
fiinimt, geften laffen, fo ifl c^ ja eben biefe •^yfipiovte, 
tDeld^e oö eine f o leitet &ef d^rfinlte , x^p. gefiörtc erf d^int 
3a, bie ©tette, too ©cl^o!j)en§auer jeben Äram|)f , t)or allem 
alfo ben Xttwxvß, afe eine 3nfurrection ber ©nget 
nect^en gegen bad cerebrale Zentrum befd^reibt, gibt fol^^ 
(SiiitoÄnben einen nod^ feftcrn ^aü. liefen Äfttl^feln 
gegenüber bleibt ber ©a$: „ber Seib unb feine Slctionen 
finb bie ©id^tbarlcit be§ ©J^arafterS" jiemüd^ nld^tsfagenb, 
toSenb^ tottm oud^ nod^ bie Störungen in Slnfd^Iag ge^ 
brod^t tt)erben, n^el^e, fd^on toäl^renb be^ ©mbn^onoUeben^, 
unleugbar t>on au^en auf bie ®nttt)idklung ber Organe 
beä Sttbitoibuumg fo nad^l^altig eintoirfen; ber l^&uftg unter 
bem @eburt^cte felber nod^ borfotmnenben ^fa^ulU gau) 
iu gefd^tt>eigen. Sßirfiid^ fd^eint eä an^ biefem Dilemma 
imm anbem Slu^eg ju geben afe ben ber ^tmafynt 
einer 9Rel|»rl^eit "om ab ^ unb suftiegenben, bie @ef anrntts: 
l^öt ber 3«*iöibualttdt cDn|Htuirenben ©Icmenten — unb 
toenn einmal ba^ @ltnge in 3nbh?ibuen audeinanbergetreten 
ißt, fo ift nid^t abjufe^ien, loarum bamit bie Selbftfipattung 
fotte aufgeJ^iJrt ffobm; ber Äonon: bie ^rincit)ien feien 
nid^t o^ne 3?ot^ ju i)eröielfad^en, ift \a nid^t me^R: ju* 
treffenb, too bie ^aifl ber angenommenen $ßrincij)ien pd^ 
afe unjureid^enb em^iefett @^ tmrb ja aud^ bamit bie 
®»iglcit — ober fage man, immerl^in Slfeitftt — ber ©le^ 
mente, bieS Ur|>oftuIat bei^ ftttli^en ©runbgefül^fe ber 
@f Ibjlt>eranttoortiidi>lctt , nod^ gerettet; obgleid^ nid^t ge* 
leugnet teerben fann, bafe ioir bamit nal^eju an jene etl^ö* 
lof e* äuff dffung ftretfen, hjeld^cr bie Qnbiöibualität mt i)om 
SufaH jufammengeloürfelter 6om})lej etoiger Äraftfäben ifl. 
SBa^ un^ t>on biefer aber nod^ fd^eibet, ift ein SRefi nn? 
i)er!ennbarer C^arafterconjianj, töeld^er tro| unb in aUm 
toed^feCtAen 3teu§erungen bel^arrt unb — fid^ vererbt. 
©d^rumj)ft alfo aud^ ber Umfang ber Smputabilitftt be= 
träd^tlid^ ein, l^ört ber SKenfd^ aud^ auf, „mit ^ant unb 
^mt'' für j^e 9iegu»g ^iner 3nbit)ibualiit$t ^eront^ortli^ 



Sorldufige f!elpttf(fte (Sptfobe. 165 

ju fein: fo tretmt bod^ biefen @tanb!))unlt nod^ eine jiem^ 
Ü^ feße ©d^tante )>on ber obfolnten et^ifd^en ®te)){Ü. 
Aut)^ U)ir gett)innen einen ®tanb))unlt^ nad^ U>eld^em e£ 
fein blo^tt SEBiberfi^mtd^ ifl^ ba^ ber 92enfd^ im gat^en 
unb großen jU)at afö „bcn SJ^&ter feiner Xffatm^^ fic^ 
U)eig, ober baburd^ bod^ nid^ fld^ abffolten l&gt, in tau^ 
fenb gaffen mit einem „id^ fann'^ nic^t l^elfen^f id^ mufe 
bog t§un" auf eine SRotl^toenbigfett, att entfd^ulbigung fei= 
ne^ S^l^un^^ ftd^ beruft^ toeld^e er on^eri^alb bed YJyetxovtxöv^ 
aui beffen älfeit&t fein @d^ulbbeU)u$tfein flammt, fte^enb 
to^ ober toenigflenS glaul^t 9Rit anbern Sßorten: tu)n 
ber Unt)er&nberlid^teit bed S^arafterS im toeitefien @inne 
lafet fid^ nur f^red^en, fofem bon feiner tlj^atfäd^Hd^en 6nfc 
^e^ung abgefel^en unb er atö ein @infad^ed ^ingefleKt 
toirb. aber er ifl — ate Seib — ja ^obuct ijieler ein^ 
jelner 9laturqualitäten. ^e 3^entität biefer mil ftd^ felbfl 
— tro| affem SBed^fel il^rer (Srfd^einungen — Ift|t fic^ be^ 
ffcmptm unb mn^ bel^au|)itet U)erben — bod^ jäycn beSl^alb 
mu^ beim Sßed^f el ber @umman^ auc^ bie @umme : eben 
\>a& menfd^lid^e ^nbibibuum, ein anbere^ werben, unb ba 
fid^ bie <Sr{enntni| aud^ nid|it anberiS, benn afö* eine 
äßobificirung ber ba^ @^f)im conftituirenben SRaterie 
beulen l&^, fo lie^e fid^ n^eiter fagen: ber äBiffe aU ^ 
bibibuatd^aralter ift nid^t nur burd|i bie SRifd^ung^^erl^äli: 
niffe beiS Stofftoed^feld in beffen grobfinnlid^er Serftnber^ 
lid^Ieit tHiriabel, fonbem aud^ burd^ bie f leinen SRobifica:: 
tionen auf bem SBege ber Sereidjerung be« Qnteffectö. 
©onn toäre eine moraüfd^e erjie|>ung möglid^ — nid^tf 
nur im Sinne @d^o))enl^uer's, toonad^ fle nur neue Wb»^ 
üüt }ufiU^rt unb beren 9Bir!famIeit möglid^ mad^t, fonbem 
oitd^ fo, bag vermöge ber untrennbaren SSerbinbung jtoifd^en 
SRaterie unb Snteffect, @e^im unb S)enlen, mit bem ®^ 
l^im aud^ ber übrige Seib, b. ff. ber SBiffe old ^Anome^ 
noler, felbfl berAnbert Mirbe. ^od^ bliebe l^iergegen aQer:' 
bingi^ bie Sludrebe offen, ba^ SdäfftunQ, übtt^aupt Sin? 
^tbxn^ auf ben dnteOect, nur bie gunctionirungdtoeife 



166 S)ie StnputabUitatöfcage unb \>a% WloVificabÜxtmxixoblm. 

beS ©el^im«, nid^t beffcn ©toff felbjl altcrire, fofem fie 
im bloßen 6aufalttÄtöt)erl|>filtnife fojufagm ber SÄffection, 
nid^t im SBcge bc^ jlofflid^en ^mjutl^wn^, auf ba^ ©el^im 
influire; allein toit fmnen eben bie ^)l^^fiologifd^en SSor^ 
gänge beim aSorflcffen ju toemg, um ju toiffen, ob babei 
aud^ ein materialer (Sonfum ober 2lu^f^eibung^^)roce6 flätt 
finbet ober nid^t» 

SlBie bie j)^ilofo^)^ifd^e &fyil im SSergleid^ jur tl^eolo- 
gifd^en mand^e ^ofltionen aufgeben mu^ (unter anbem aDe 
biejenigen, bie auf tl^eifüfd^er ©runblage rul^en), fofd^eue 
jie fid^ aud^ nid^t, ber flarren Gonfequenj be^ abftracten 
SHgori^mu^ red^tjeitig einJgalt! gu gebieten, toenn fie nid^t 
jener abfoluten ©Ie:pfi§ öerfaKen toill. ^mn ju fold^er 
fönnen gerobe bie aUerunfd^einbarfien 2;]^atfad^en J^finüber^: 
br&ngen. S)ie Unterfd^iebe ber SebenSalter geben fd^on einen 
in biefer SWd^tung forttreibenben Slnfiofe. SBo ©d^o^3enl|>auer 
0,S)ie SBelt atö SBitte unb »orflettung ", 2. Slufl., H, 470; 
3. Slufl., @. 534) bie fenile ©utJ^anafie fd^ilbert, fommt 
er aud^ auf ba^ Slbjlerben ber Seibenfd^aften gugleid^ mit 
bem be^ Drgani^mu^. Sji aber in bem S^fammenl^ange, 
toie t^ bort auftritt, ba^ Sßter loefentlid^ Ärant^feit, fo 
mu^ ebenbaffelbe, toa& bon il^m gilt, aud^ \)on anbem 
Äranll^eiten unb bamit t)on äffen organifc^en aSeränbe^ 
rungen gelten: too fid^ bie ©rfd^einung änbert, ba mu§ 
irgenbioie aud^ ba^ ßrf^einenbe felbft t)on ber SBeränberung 
mitbetroffen fein; ba« Slnfid^ biefeg 3nbit)ibuumg ift m 
anbereg getoorben. S)ie (Srlenntni^ unb il|>r Drgan pnb 
integrirenbe Seftanbtl^eile be« erf^einenben gnbiüibuat 
ioiffen^ — mit i^rer @nttoidfelung mu^ aud^ biefer, toe^ 
nigflen^ in ber 5proj)ortion ber (Functionen feiner Drgone 
xmtereinanber, mobificirt loerben^ S)ie „Slugenb" ber Äelifd^* 
l^eit l^at für ben ©äugling unb ben abgelebten @rei^ gleid^ 
toenig ©inn, unb baS (ftatt il^rer?) ben beiben Seben^^ 
ejtremen, ber Äinb^eit unb bem ©reifenalter, gemeinf ame 
„Safter" ber SRafd^l|>aftigf eit i)eränbert mit ber tör^)erlid^en 
@bolution fo griinblid^ feine @elä{le, bag toir gerabe barin 



fiebenSoer^dltnijTe^ ©eloDl^nunsen unt Srfal^rungen. 167 

eine red^t natoe a3eitättgun0 für bie SSerÄnbetltd^feit 
ber SBitteniStici^tungen ffahm. ^ anbem fällen toirb 
too^I bcr blo^e ©d^ein einer fold^en befeitigt burd^ Serfld* 
fid^tigung ber jur einen ober anbem 3^* t)orl^anbenen 
intellectuellen Unfreil^eit — babon a&er fann gegenüber 
infiinctii) auftretenben SBegel^rungen nid^t bie SRebe fein; 
benn bafe bie Slu^fage beö (Sefd^madfinnö über ba§ bem 
Drgani^mu^ S^tirftglid^e unfid^er gemad^t toerben lann, 
flel^ört einem anbem ©ebiete an — ber ©tömng be^ Qn* 
fünctö burd^ toibematürlid^e ©ehDöl^nungm» ®afe jebod^ 
ber Snftinct nid^t ganj aufgel^obm hjirb, bafür jeugt un- 
ter anberm bie S3[j)})etitIoftg!eit ber Äranfm. 



IL 2)ie :|i]^Snomenaltter ben ^^ angeborenen^^ (^axafttt 
„nmtoanbelnben" gactorcm a) %a9 „geben" nnb bie 
Seben^ber^ältniffe aller ^rt^ ^ammt ben bon il^nen onf- 
gebrnngenen ©etoö^nnngen^ (Srfa^rnngen nnb „@tnbriitf en". 

Unfere Unterfud^wng foH nid^t abmnaU aufgel^alten 
ioerben burd^ eine SBorfrage banad^, toeld^e d^aratterolo- 
gifd^m ©lemente e^ benn im einzelnen ftnb, bie loir einer 
SWobification burd^ ©intoirfungen öon au^en l^er, befrfnber^ 
^)f^d^ifd^er Slrt, unterliegen fe^en; — bie Slnttoort barauf 
mag t)ielme]^r ate ba^ Sftefultat unferer ^Betrachtung bon 
felbjl fid^ ergeben; unb toir Inftt)fen lieber l^erjl^aft an bm 
Sd^lufefal ber foeben gemad^ten S)igreffton an, inbem 
tt)ir an biefem Uebergang^ti^ore ein SBort einfließen lajfm 
über „©inflüffe", toeld^e anä} an ber ©d^toelle be§ atl^men- 
ben Seben^ ben 9ieugeborencn nur ju oft empfangen: über 
bie d^arafterologifd^e SBid^tigfeit ber Slmmenmild^. S^Jar 
ffobtn tt)ir e^ gefliffentlid^ gemicben, bie bielbefiprod^me 
^age nad^ ber ©rblid^Ieit ber ©Ij^araftereigenfd^aften in 
bm Ärei^ unferer (Srörtcrungen gu jie^en, unb geteiffer« 
ma^m ijl jene nur ein SHebenau^läufer bon biefer. aber 
fofern eg fxä) babei um ben conflanten ^injutritt eine* 



168 S^e 3»)wtaMIttAtöfKa06 unb \^^ motiifüamimptMm. 

frcsttben (Clements l^ianbelt, liegt un^ biefe @))ectalit&t bo^ 
ij^er, unb bie übereinftimmenben 93e^au})tungm fo \>xd^x 
beobod^tenber SOtfitter in S3erbinbung mit ber ^on aRild^^^ 
gefd^k^ifterfci^aft rebenben SBoß^äber)eugung l^eifd^ eine 
SBeriidfic^tigung, toeld^e einfad^ )u t>erfagen^ gerobe unfenn 
met]^oboIj)gt{d^en ^tinci)) am allern)enig{len anflehen U)ätbe. 
@el^ört bie unleugbare SSerfd^iebenl^eit itt>if(|fen @efd^tt)i{lent 
yd ben g;eti>id^tigften älbmai^nungen ^on jjebem äSerfud^e^ 
,,geneanomifil^e^^ 2:i^eotien aufgufteHen^ fo tann bod^ eben 
biefe eine tl^eilioeife Klärung cax^ ber t)erfd^iebenen @r^ 
näl^runggtoeife finben, — unb Keine l^erüorfted^enbe, ie 
nur einem ^omiliengliebe eigentl^ümlid^e Unarten ober Un^ 
tugenben })flegen e^ gu fein, auf loeld^e bie 3Wütter i^re 
Slu^fagen {Ui|en, mögen biefelben nun mel^r in ber ©e- 
tool^nl^eit be^ orgonifd^en Seben« ober in bem „Sinn" — atö 
ßigenfinn, SJentperament, SRatureH — fid^ funbgeben- 3m 
allgemeinen l&^t fid^ fagen: j[e mel^r baiS älterlid^e ^u 
tiibuum bem erzeugten i)on feinem SBefen bei ber S^ugung 
unb bem Slugtragen ber fjrud^t abgegeben l^at, befto öott^ 
fiänbiger n)irb biefe^ jenem ä^nlid^ fein, beflo el^er aber 
aud^ ba^ ergeugenbe fterben mäffen. S)a^ leiert un^ am 
beutli^en bie ^^dtmodt mit ilj^ren 3Ketamor!j)l^ofen, 
©enerationätped^feln, ^ßarti^enogenefien — ba feigen toit 
eine fafi l^anbgreiflid^ unmittelbare 3]tetem))f^^ofe, ein 
gort^ ober 99Siä)eraufleben ber äleltem in ben ^nbem; 
borum concentrirt ftd^ nid^t nur boS l^öd^fte @treben biefer 
Ä;i^iere, nein, cigentlid^ all il&r 2;i^un, toie mit einem in^ 
tuitit)en 93eU)u^tfein ^on jener „meta))^l^fifd^en 3bentit&t'^ 
in ber @orge um bie SBrut, einer @orge, toeld^e überall 
um fo boUft&nbiger ftd^ betl^&tigt, je ^oUfi&nbiger ha» 
Äinb bie SBieberle^fr ber Sleltem ifi. 3c länger bagegen 
bie äleltem nod^ nad^ ber ©eburt ber Jtinber leben, be^ 
inei^r entfremben fid^ biefe mit ber S^ ben äleltem — fo 
bei ben ©äygetl^ierm, toeld^e balb bie eigenm 3ungen 
ni(§t mel^r lennen: e« l^aben biefe neuen 3nbii)ibuen bann 
fd^on )u ioiel ^on ber älu^entoelt, )u t>iel il^nen oui^^ 



2ebendt>ei;]^aitnfffe, Oekodl^nungen unb Srfal^tungen. 169 

fd^iegli^l inbisoibueS SS[nge|iötenbed an^ unb aufgetwmmen. 
©0 fann felbft bei SWenfd^w bte SleltemKebe erldfd^en, je 
nie^r ftd^ bte !Seben2U)eife ber ftinber i>on bet i^feimatttd^ett 
entfernt — toogegen ber Säugling nod^ aU J^albtoer? 
toad^fen mit bem äVlutterleibe^ ald feinem SBut^elboben, 
anjufel^en ift. ^e^^alb ifi Slmmenmild^ mit einem ^fro^f^ 
reiiS )u t^ergleid^en (tod6)^ freilid^ in ben feltenften (fällen 
fär ün berebeInbeS gelten fonn), tpäl^renb anbertoeitige 
9lal|>rung — (abgefei^en i)on Äui^milc^ m^ fiet^ bemfelben 
tl^ierifd^en Snbiöibuum, too benfi&arertoeife auä) ein d^arol* 
terologifd^er ©influ^ ju obfertoiren to&x^, foba| fd^fon 
batum bie neuere SSorfd^rift, lieber SWild^ t>on toerfdg^iebenm 
Äil§en ju mifd^^en, fic^ eml)fiel5flt) — in il^rer SWannid^fol? 
tigleit fid^ neutrolifirt — leinen inbi^ibueU einlfieitlii^en 
(S^arafter ffat unb beSl^alb fold^en aud^ nid^t übertragen 
lann. S)agegen fidlt Slmmenmild^ nid^t nur bie SBirlung 
^er SWuttermild^ fem, fonbem fe|t jugleid^ eine anbere 
inbij>ibuett fejigeartete an beren ©tette: fo ifi e^ feineg* 
ft>eg0 unglaublid^, bafe öon Slmmen gefdugte Äinber leidster 
an i^rer älni^änglid^leit gegen bie Familie @d^aben nel^« 
men f ollen aU felbjl fold^e, bie mit ber glafd^e aufgefüfc 
tert filnb — eg ift ber homogene, nid^t blo^ d^emifd^ gleid^^s 
artige ©toff , fonbem ber bon einem beftimmten Snbiöibuafc 
toiHen formirte, ber SWenfd^m i)erbinbet unb öerfil^nlid^t 
— fo fann ber ©influ^ — influxus — ber Slmme als ber 
flJfttere felbfl bie mütterlid^e SWitgift neutralifirem 

S)emnäd^ft folgen ioir einer @inlabung, toeld^e toir 
bereits vorläufig accepüttm, als toir oben @. 36 an 
Negers äSert^eilung ber einjelnm ^ent|)erammte an bie 
Lebensalter erinnertm. ^ äBaS bat)on nid^ bereits 
^, 154 abgemad^t tvurbe, ge$idrt ^ierl^er in ©eftalt 
ber ^age: kt^ie toeit jeigt ftd^ baS ))ofob^nifd^e Clement 
ber 3nbit)ibualität bem SBed^fel ber ^xc untetloorfen? 
©iei^t man freilid^, ö>ie toeit SBeifler unb 3ünger (Jftofen^ 
ifeÄna, „^fl^d^ologie", S. ätuf^., ©. 107 unb 108) an bie= 
fem $unlte auseinanbergel^en, fo fönnte man baS Problem 



N 



170 3)ie Sm)}utabititdtdfrage unb \>a^ aRoDiftcabi(itätg))rob(em. 

für eins ber tntölid^erri ju Italien i)crfu(i^t fein; allein 
fold^ bellum domesticum in jener ©d^ule fcraud^t unB um 
fo hueniger ©orge ju mad^en, afö \a unfere ©runbfd^ei- 
bung Hei tiefer gegriffen; unb toir tooHen uns au6) nid^t 
fetter auS bem eigenen ÄeHer ®ef})enfler l^eraufBefd^toören 
mit ber ^age, 06 ettoa bie ®ulolie unb S)^Stolie nur bie 
nai) ber SRid^tung ber 9iece^)tit)ität unb 3w^>tefftonabilität 
getoanbte Äel^rfeite beS feftftel^enben QntenfitätSgrabeS ber 
qualitativ beftimmten ©j)ontaneitfit barfteüen? ©tatt beffen 
toerbe nur an biefe ®rfa^rung ap})ettirt: mag aud^ ju- 
toeilen au8 mm. d^olerifd^en ober fanguinifd^en Süngling 
ein i)I^Iegmatifd^er ober anämatifd^er OreiS geloorben 
ju fein fd^einen, fo tourbe bod^ (t)on oben ertofti^nter 
feniier a5IöbfinnSs©ufolie abgefel^en) fd^toerlid^ jjemafö auS 
einem jungen SJ^SloIoS ein alter ©uloloS (toobei loir bie 
in entgegengefe|ter SKbfic^t ju ertoartenbe tool^Ifeile SBe^ 
rufung auf baS: senectus ipsa est morbus, um fo toe^ 
niger einer eingel^enben SBiberlegung ju toürbigen braud^en, 
atö eben 3lert)enleiben, ju toeld^en Sfiaterialifien unb Dp^ 
timiften gern alle S)^SloIie ju ftemjjeln belieben, erfal^^ 
rungSmäfeig im l^ö^ern SebenSalter gerabe fo abnel^men, 
ft)ie bie 2ln^ftnglid^!eit anS Seben junimmt ; — togl. über= 
bie« ©. 166 fg.)- 2Bo baS Umgefel^rte anfd^einenb eintritt 
unb toir ben, toeld^en toir in frühem 3<^l^ren für einen 
©ufoloS l^ielten, als S)^SfoloS toieberfinben, ba lä^t fid^ 
t)orerft eine einfädle ^ftufd^ung ^^räfumiren; anbererfeitS 
bleibt ju bebenfen, ba^ eine SBanbelbarfeit ber Srritabi- 
litätSgrabe bie ^jraftif d^e (ioenn aud^ nid^t attemal fid^tbar 
na(§ aufeen toirfenbe) SleactionSfäl^igfeit fönne afficirt unb 
ju unrid^tigen, auf biefe gebauten, ©d^lufefolgerungen loer^ 
leitet l^aben. ©d^toere ©rlebniffe toirlen läl|>menb auf bie 
SBBillenSenergie, beren ©lafticität mit ber @mj)fänglid^Ieit 
für aRotitoe ium hoffen toä^ft unb fd^toinbet — ber über- 
all ®nttäufd^te ^offt leidet tt)eniger als t)otl^er, mag er t)on 
JßauS aus ®u!oloS ober 5)^Sf bloS fein. S)ie ganje Vale- 
tudo — nid^t bloS in ben bereits bef})röd^enen ÄranB^eitS« 



Seben§t)et^(tniffe, ®ett)5l^nungen unb ®rfalf|tungen. 171 

furtnen — entfd^etbet mit über jene SReactioni^fftl^igfeit, — 
unb.bemgemä^ fann fe^r too^l bie angeborene S)^^fölie 
im Saufe ber 3^* lenntlid^er ffertjortreten, olj^ne an fid^ 
im minbeften größer gettJorben ju fein. SBieHeid^t toar fie 
öorl^er fojufagen nur nid^t ju SBorte gefommen, inbem 
eine gülle burd^ rafd^e SlBltJed^felung occuj)irenber — hjeil 
interefjirenber unb intereffanter — ©inbrfidfe ba§ S3eft)u§fc 
fein be^ ßeben^fd^merjeS nid^t l^atte ju 3lt^em tommen 
laffen- S)a fj^rid^t man bann tool^I, toenn bie^ Setou^t 
fein enblid^ ungel^emmt burd^brid^t, bon einer „SBerbitte^ 
rung" be^ ©emütl^iS, unb gebrandet fo ein SSerbale, toet 
d^e^ ein ©etoorbene^, nid^t bloö aHmä^lid^ nur ®rfd^ei' 
nenbe^, bejeid^nen möd^te; eine SBitterleit, bie blo^ ^ßro* 
buct ber ßrfa^rung unb ber ©rlebniffe fein foH. gn^be^ 
fonbere finbet man bergleid^en natürlid^ bei Seuten, bie 
mit irgenbeiner in bie Slugen fallenben !ött)erttd^en SRiS« 
bilbung bel^aftet finb : faji unbefel^en^ i^ält man jeben SBudfe* 
ligen für einen ^eimtüdfer. ©d^oj^enl^auer felbft fagt fogar 
0,®ie SBBelt ate SBiffe unb aSorfleKung", 2. SCufl., n, 231 ; 
3. Slufl., ©♦ 255 fg.) : „@^ mag fein, ba§ mand^e S)umme, au^ 
bemfelben ®runbe,tt)ie mand^e Sudflid^te, bo^l^aft to erben 
(siel), nämlid^ an^ ®rbitterung über bie t)ön ber Slatur erlitt 
tene Qnxüä^tijunQ, unb inbem fie gelegentlid^ toa« il^nen an 
SBerflanb abgel^t burd^ ^eimtüdte ju erfe^en öermeinen, barin 
einen furjen irium^)]^ fud^enb." Slber toie fiimmt ba« jur 
Untjerftnberlid^feit aud^ nur beg birect moralifd^en ©l^os 
rofter^, beffen ju gefd^toeigen, bafe toir ,,9latur" atö 3«* 
fallsfj)iel äußerer 93ilbung8l^emmniffe auflegen muffen, 
loenn auf fie eine „erbitterung" möglid^ fein foll, ba fonft 
m6) ber Sluffaffung be« ßeibe* afö „Dbjlectität be« 2Bit 
leniS^^ bie Natura naturans jur natarata ftd|i ^erl^fftlt ate 
}i}x eigene^ au^erjeitlid^ed Esse? Unb tt)eil e^ bod^ aud^ 
„gutmütl^ige" SBudtelige toie S)umme gibt, fo mu^ erjl 
red^t eine gemeinfame Quelle be^ ^)l^9fifd^en, ref!j)* im 
teHectueHen, toie be^ morattfd^en ©ebred^en^ aufjufinben 
fein. 3ft ba^ äSefen ber »odl^eit ^Bereitung fremben äBel^i^ 



172 S)te SmiiutabUtt&tdftage unb \>a% aRobificaMtttdti^roUem* 

ol^fne egoi^f d^e 3^^^ f f o ^<^Q ^<^^ ^oftgeffi^l bei übnger 
®(l^lt)&(^e allerbing^ um fo leidster eine ©enugtl^mmg 
barin ftnben^ anbem burd^i j^eimtiide einen ©d^albernad {u 
f))ielen^ tt)el|fe )u ti^un; unb toenigflenS t)er)eü^Ii^e ^>:oSi0e 
©tcei^e^^ au^^ufäl^ten^ ifl belanntUd^ eine Sieb^obetti oud^ 
bet gutmätl^igen ä3erU)ad^fenen. 3^ jenem ^Oe ift lebod^ 
immer fci^on bie ^r&e^i^entieQe SBo^^eit beiS d^axcättti 
):>otau^gefe|t^ unb nur bie äludübung mobificirt ftd^ nad^ 
ben ju ®ebote fie^enben SDtittebt« 3^^^^ ^^^ if^ <^u4 
nid^t ju überfe^ien, toie boS ®efü^I einer getmffen SBei^^r^ 
loftgfeit infolge natärttd^er ©d^to&d^en beiS Seibed ober ber 
©eele bag, tt)oI meiften^ auf @rfal^rung fu^enbe^ Wä^ 
ttmm toaä) er^ält^ ba^ anbere biefe @d^U)äd^en ju ÜRiä- 
^anblungen benu|en mdd^ten^ unb fo fletd auf ba^ qui 
vive? flettt, toeil überott leidet feinbüd^e Slbfid^tcn ber:: 
mutzet tDerben^ tviber bie ed gilty mit @d^laul^eit tmb 
aggreffiber $r&t)ention^ als tueld^e tt)enigfiend an 3Rutl^ 
nid^t jtoeifeln läfet, fid^ i)orjufe^en. Ueber^aui)t alf o fj)ielt bei 
jeber berartigen ,,3Jerbittcrung" fd^on fid^tbar genug bie 
Silbfamfeit bed ^nteOectö mit ^inein^ unb borberl^anb 
bleibt iüieber iüal^r: ,^g 3li^t^ toirb SRid^tS", unbefd^abet 
ber ^.SBeü^l^eit be^ SBrol^manen^^: 

* 

2)u ßrebeß Sag für Sag bur(]^ Setnen U)ie butd^ Seigren, 
5S>vixäf 2)enten »ie burd^ S^un, ben i^em bed Sd^d }u mehren; 

mit bed ©d^iHer'fd^en SßortS: 

3m engen ^retd verengert fiäf ber <Sinn, 

(S9 toSd^ft ber ST^enfd^ mit feinen grSßern S^tdtn; 

bem beizufügen „unb firttt mit feinen 2^^lm^^ nidjit erfl 
t^äüftg fd^eint.*) S)enn man brandet ftd^ blod an boS 



*) Söte ertoeiterten aWtttet geben ^öl^ere 3iele; burdj |le taffen 
fld^ SrSume ber iiBertDrrttid^ung ^nfü^ren, »eld^e fonfi verflogen tx>ä^ 
vm, mH o^ne jene äRittel bie gange ©treBnng bed ^d^ent ^d^ttnngei 
nnt^etl^aft geblieben märe, 3n fleinlid^en i^er^äftniffen, bie aUt 



Sebendi^erl^a&niffe, ®e»dl^ungen utib Stfal^tungen. 173 

„®Ietci^e» toirb nur wn (Sleld^em genftfitt" )u Ratten, um 
jtt toiffen, an toeld^e einfd^rftnlenbc SSebingungcn fold^e 
Snbtoibttalitftöberdc^erungen gdtniH^ft ftnb — fte finb ber 
Statur ber @ad^e nad^ ein crescere^ mlä}em bedl^aOi aui) 
m decrescere }ur @eite gel^t^ tt)ie jeber natus einmal ium 
denatas tt)irb. S)ied ä3erl^&Itm| I^rt bei aEen in 9tebe 
flefienben ©rfii^einungen toieber : — i^ie in ben rein formalen 
^ro:portionen^ toeld^e bad Semt^erament auSbrädt^ nur bie 
^Qe ber Existentia ftd^ funbgibt^ fo U)irb mit |enen oud^ 



^raft für Sttta^^forgen aBforBtren nnb tnteHectuelle ^nregungdtnittel 
fern l^alten, „öcrPm^elt'S „DerBaucrt" jebcr, ber ntd^t Bcfonberö rci» 
<ä^en @^ontanettStöfonb8 in Pd^ trfigt — ba crfitrbt ba8 Sntcrcffc 
am rein ^(^eoretif ^en , »eil ba^ ^raftif^e in au feinen formen bet 
StrBeit nnb be« Stec^nend bie bis^onibeln OeißedfrSfte occu))irt — 
t>a9 $)äu9li(^e, Sirt^fd^aftU^e, ^mtlid^e rnib im beflen galle ha9 ^00 
litifd^e nimmt alled ^rifd^e tortveg, nnb au§ bem ©tiUßanb tvirb aU* 
balb ein ©tagniren , S^erfum^fen nnb SJerfauIen — man f^rid^t ja bod^ 
au(^ nid^t umfonfl bon „geifltöbtenben" ©efd^irftigmigen — nnb guter 
<S)eifle9(ungen mng fld^ erfreuen, »ernid^t fd^minbfüd^tig tpirb in bet 
©tidfluft be9 f,^m\fktxvam9". Q^gentlid^e !RotB Uf^m, tomn fie 
banernb jl(^ einnipet, SWntB unb Äraft — nur bie momentane „Brid^t 
<Sifen'S beffen ^ier nid^t gu gebenfen, tote nid^t Blod im eigentitd^en, 
fonbern and^ im bo^^elt meta^l^orifii^en @inne ed fd^toerer ifl, in ber 
n^n^t'* beS SeBend 9(etn^eit uub @SnBer(i<^rett au Betoal^ren, at9 in 
toeiten großen SerB^Itniffen, loo eine nid^t ba9 anbere bringt unb 
f triebt; OielmeBr üBt leidet gugfinglid^e ©elegeuBeit gu grBgern ^l^aten 
^eBammenbienfle an biefen. iRtd^t mit Unrecht ffat man bad ^igeu" 
tBum a\9 ehte @rtoetterung bed 3äf9 Begeiü^net, unb bet ^fi^d^olog 
fdvndt fltStt bie SHSen* unb (Snergieloftgfett bed bertommenen Z^t\is 
ber irif(^en Station mit befftn (Sigent]^umdIoflgteitin3ufatnmen^ang; 
ja man l^at fogar BeBau^tet, ber $au^ertdmud flum^fe bad ^egeBten 
felBer fo feBr aB, bag ber Ba^ttuelle junger laum nod^ anberS benn 
al9 eine retgtofe ^riDation em^funben toerbe. 2)te ^etrad^tung bed 
(^IBflgefüBti »ivb vm9 barauf gurüdfüBren , bag mand^e :))f)^d^ifd^en 
iträfte einer Biogen ^Belftaft gleid^en, ber t9 ol^ne {)eBeIarme an 
SBirtfamfeit feBIen mug; toerben aber fold^e geioSB^t, fo fd^einen bie 
innern Gräfte felBfl ftd^ OermeBrt gu B«^en, unb f^aUn t8 toirflid^, 
fofern fle au0 bem Satentfein gur ^eugerltcBteit unb bamit in ben 
^eteid^ ber UeBung unb ber oon biefer ergengten, n)enigflen9 ^l^äno« 
mataüter c^cnftben, 0t5rhmg Binau^treten. 



174 ®ie SmputobUit&töftage unb bad äflobificabitttdtdptobtem* 

nur biefc alteritt, nur jte ijl e^, bie einen 3«- ober 316* 
flu| erf äi^rt — ober bie Essentia toirb baöon nid^t berührt, 
fd^on be^l^alb nid&t, toeil biefe feine Slffimilation bon ettoo^ 
geftattet, toa^ ii^r nid^t gufagt — gegen fold^e^ öerl^Ält fie 
fid^ fd^Ied^t^in gleid^gültig. ©o lann ein bi§ bal^in toillen«:^ 
lahmer, inbolenter 3Kenfd^ infolge be^ (Senuffe^ fräftiger 
Äojl, ber SBeobad^tung berfiänbiger S)iÄt, beS regelmäßigen 
SBetreiben^ angemeffener Slumübungen u. bgl. mel^r 
©d^tounglraft betl^ätigen ate gubor — bann erfd^eint ber 
®rab ber abfiracten ©^)ontaneität aU gefteigert, unb cbm 
bamit toirb benn aud& beren concreter Snl^alt — ©goi^:: 
mu«, aSo^l^eit ober 3DWtleib — ju energifd^erer aRanifefia- 
tion gebrad^t* Slber ebenfo gut fann baS Ouantitatiije ber 
aSßillen^energie öerminbert toerben unb alle ©Jjannfraft 
erfd^laffen — ettoa infolge t)on SKafturbationen ober an^ 
bauemben Äranfl^eit^juftÄnben* ^ann fann e^ ben Sln^ 
fd^ein gewinnen, afö fei ba^ d^olerifd^e 3Jent()erament jum 
jj^legmatifd^en ober gar anftmatifd^en ^erabgeftimmt, unb 
too fold^e lennjoräre S)e^)reffionen burd^ bie S^ugung^fette 
|)er|)etuirt toerben, ergibt fid^ bie Degeneration ber ga^ 
milie, be^ ©efd^led^t^. Stammet, SBolf^ unb jule^t ber 
giaffe, |öon beren ©egenftüd bie SJartoin'fd^e Sli^eorie ein 
fo anfd^aulid^e« SBilb be^ ganjen SSerlauf^ liefert. 



12. gortfe^img. b) a^öglid^e f^olgen ber einfad^en 3it- 

teOectiSberetd^entttg^ abgefel^ett t>m babei ettoa mSMUii^ 

berfolgten ^^eriiel^Iid^ett^^ 3toe(fen. 

S)em l^eutjutage beliebten ®emein!t)lafe gegenüber: „je^ 
ber Unterrid^t fei ein eriiel^lid^er!" l^aben toir jut)örberft 
eine ärt ber reinen Sele^rung, toeld^e i)on et^fifd^^JJfibago:? 
gifd^en Slbfid^ten gftnjlid^ abftral^irt, auf i^re d^arafterolo:^ 
gifd^en ^Jolgen anjufel^en, 

Slllaugenblidlid^ erweitert mit me^r ober toeniger (Sr^ 
folg ber Unterrid^t ba^ t^feoretifd^e 3d& — ba2 mad^t jja 



(Sinfad^e ^^teUectöbereid^etung* 175 

gerobe biefcä ju einem fletö toed^felnben unb bamlt jjeber 
®efcri))tion fx6} entjiel^enben (bog ©elbflbetoufetfein l^ier^ 
\)on ftefft ftd^ ein, tx>mn toir im näd^fien äugenbtid nnä 
tounbern, toie toir im jjüngfiöergangenen fo „nait)" fein 
tonnten)* Slber toer tonnte öerlennen, toie aud^ an biefem 
$ßunfte fid^ bie ertoä^nte Simitotion butd^ baS ©runbtoefen 
ber gegebenen 3nbiHbualität geltenb mad^t^e^ aud^ ^ier ^ei^t: 

Sa9 i^ m^t tüilt, ta9 lann iäf auäf nid^t tl^un 

(©^aff^eare, ,,3«a6 für aWaß", H, 2); 

ober, toie e^ in „Sftameau'S Steffen" au^gebrüdEt ifi: „®ie 
Statur befttmmte j[eben baju, tooju er ftd^ Snäi^e geben 
mag" (in „®oet^e'« SBerfen" in 40a3änben, XXIX,309 fgO? 
ein SBort freilid^ be^ Sntertocutor^, ba^ bem ©nfjjrud^ 
nid^t entgei^t: „S)od^ t)ergreift fie jtc^ oft", fo oft nftmlid^ 
ate fie ba^ SJalent mit bto^em pruritus begabte, ber fürg 
®enie me^r atö SBetteität getoorben toftre. Qeber toirb 
nur ba^jenige ®rfenntni^obj[ect toal^rl^aft in succum et 
sanguinem öertiren (im Unterfd^iebe bom med^anifd^ ge^ 
bäd^tni^mft^igen bto^en einlernen), toeld^e^ feiner ur= 
f))ränglid^en Essentia irgenbtoie l^omogen ioar* SHud^ i^ier 
offenbart fid^, toie fel^r ber ^ntellect bto§ bie mi^^ ^^^ 
SBitten^ ift; man benle nur j- S* an bie Slrt unb SBeife, 
toie (Sefd^fift^leute ftd^ ben ©ebraud^ frember ©!|)rad^en, 
toeld^e il^nen unentbe^rlid^ jtnb, ju eigen mad^en. 

S)ie^ fül^rt un^ nod^ einmal jurildt auf jene SRetation 
jtoifd^en Slentperament unb ^nte\ltct^eiQmti)ixmli6)Uit *), bie 
bereite frül^er (©• 14 fg. unb 91 fgO jur <Bpxa6)c tarn unb 
un^ an biefer ©teile in i^rem 3wfcimmenl^ang mit ber eti^i* 
fd^en SBet^ätigung be§ (S^aralter^ intereffirt. 

®8 toirb ein S^olerifer, too toir i^n überaus Ilug unb 
bemünftig feigen, bie^ meiji nur in ^^raftifd^er aSe^iel^ung 



*) flnäf flc ^at ber alte glattidj mit feiner föfWid^en Unbefangen* 
beit in ben^reis feiner )>Sbagcgif(i^en ^Beobad^tnngen gebogen; a. a. D., 
@. 244. 



176 3)te 3[m))utabitttAtdfra^e unb bad SDlobificabilttAtöptobletn« 

6ete>ecfen; fein enetgifd^er SBiffe toirb an feinem 3nteffett 
einen ju feinen S)ienfien allejeit bereiten Untertl^anen 
l^oben — afier ia^ ftft^etifd^e Slnfd^auen öne ba8 interejfe« 
tofe gorfdffen ober ba^ rein obj|ectit)e ©enlen toitb nur 
au^nal^m^toeife feine ©ad^e fein, unb itoax, toma meffv 
Intuition (?ß^antafie im oben angegebenen ©inne) unb 
SSemunft, afö SBerjianb b^ il^m übertoiegen* ~ ®a^ ehm 
d^olerifc^e Sebl^aftigfeit ju ben ©rforbemiffen be^ (Senie^ 
gel^ött, brandet l^iernur angebeutet ju toerben unb öor^ 
läufig aud^ nur, ba^ ber SBal^rl^eit^trieb fetter, fo gut 
toie ber Sied^t^inn, afö Tua^oi; tt)irffam fein lanm 6« 
läfet fld^ alfo fel^r too^l ein S^olerifer benfen, ber gegen 
reine SJ^eorie nid^t« Weniger alö „a))at^ifd^" fid^ ioer^ält, 
bagegen ettoa für i)ontifd^e^ ^ßarteitoefen fein Sntereffe bc:= 
t^ätigt, ^umal fotoeit ed lebiglid^ @Iiquenfieg unb ::nieber^ 
läge, nne ^eutjutage in äBJ^ig- unb ^^or^ti^um, nid^t eine 93er- 
tretung flar formuKrter ^rindl)tenfragen gilt. Umgefel^rt: 
n>eil bei bem %n&matiler unb einjdnen formen beS ^^leg^ 
matUerS bie äBiUen^manifeftation weniger intenftt) auftritt, 
toiffen bicfc ben Qntettect nid^t red^ in „nu^bringcnben" 
©ienfi ju nehmen, i^n fid^ für ii^re 3tt>ede gel^orfam ju 
mad^en: fte bleiben „ un})raftif d^ ", unb loo fie fld^ tl^eore« 
tifc^en äSefd^äftigungen 3utt)enben, feigen n>ir \mm }um 
©ammelgde^rten (älntiquit&ten-, G^uriofltäten^ u. bgl. Sieb^ 
l^aber, fotoie jum befd^reibenben SRoturlunbigen), biefen jum 
SRot^atifer, gebulbig ef^erimentirenben ^l^^filer unb 
Si^emiFer u. bgL ))rftbi^)>onirt, aber fo tomxQ pim ^i^ter 
ttJie jum ©uerriffaföl^rer, toenn aud^ jutoeilen jum^Stra* 
tegen, ber burd^ Äaltblütigfeit Ttegt. (Sin SBIidt in bie ®e= 
fd^id^te befl&tigt bieS: ^ottänber unb griefen ejcettirenate 
SWotlj^ematifer unb ©eel^elben — ®nglanb l^at neben feinen 
MfonS, @lit)ed unb äBarren ipafting^ feine 9{eb)tond unb 
fjaroba^^. S)ie berül^mteften ©d^ad^fpieler öerratl^en ü^re 
norbifd^e Slbftammung jutoeilen burd^ baS ^^atron^mifd^e 
-fen (2lnberfen, ^ßaulf en) — unb toie fd^on ©♦ 93 er«^ 
toftl^nt tourbe, bie Siorbfriefen unterhalten fid^ bei il^em 



dinfodK Sttteaectdbemdftettttig. 177 

%ffetpnn^äf , inbem fte auf mitgebta^ten @^iefettafeln in 
bie Sßette fd^toietige ^üeäfmtjc^mpd löfen. Unb um aud^ 
bie^ burd^ ein Schlaglicht t)om ßontrafl l^er fd^ärfer )u 
matKten: ber celtifd^e glatterfinn mad^t ben granjofen 
^jum Chevalier d'industrie tt)ie jum ))olitifd^cn Sieuerer, 
benn bie fotaftifd^e fie^rfeite aSer ^^antaflerei ift aSejeit 
bic ^roicctenmad^erei; — lüol^et n&l^tne au^ tool ein^V^^ 
tolo^ ben 9)>hit^, ein ^l^legntatiter bie Siegfamfeit^ um 
auf immer neuen SBegen „fein ©lud ju probiren?" 

SBie aber ber SSanbit mit abgefd^offeiien Slrmen nur 
be^l^alb nic^t me^r« morbet^ tt^eil il^m bie bagu nöt^igen 
Organe fehlen, fo unterläßt fo mand^er nur be^l^alb greu^: 
lid^e @d^anbtl^aten^ loeil eS i^m an ©d^laul^eit ba3u ge^ 
brid^t, ober toeil fein Sugenbleben i^m öietteid^t bieSRittel 
öorentl^ielt, ate S^lfd^er unb ©d^toinbler ©arriere ju 
mad^en. 2Ber je|t in feinem S)orfe atö t)erfd^mi|ter Slauf^ 
bolb bem ^olijeigerid^t ^^erfäSt, ^ätte, mit bem nötl^igen 
Unterrid^t öerfe^en, bieffeid^t atö militärifd^e^ Oenie ge« 
gl&n;t. @o l^ängt loielfad^ bon @t&r!e unb älu^bilbung 
beg SnteHectS bie äußere firäftigleit ber ^anblungen, nie= 
mate aber beren et^ifc^er ©el^alt ab. S)iefem bleibt — 
ttne ©d^open^aucr in ber ,,6tl^if" fo untüiberleglid^ barge- 
t^an — ba^ Sölafe b^ ©rfüffung be^ Sntettect^ fietö ein 
äufecrlid^ Swffittigeg — fo gut toie ber Jlal^rungöge^alt 
ber t)on i^m confumirten ßcbenömittel unb ber Umftanb, 
ob er feine gefunben (Sliebmagen eingebüßt ober behalten 
^at dagegen baS Quäle beffen, \oaä einer in @emä|l^eit ber 
eigenl^eit feinet Qntellect^ in biefen auf june^men unb mit 
ii^m ju verarbeiten mel^r ober minber fid^ bereit jeigt , ge= 
flattet bereite einen StüÄfd^lufe auf bie Sefd^affenl^eit fei= 
ne^ e^arafterlemd felber, ber pd^ bieg beftimmte SBert 
jeug gefd^affen, ,,tt)ie ber Süffeltoille feine ipömer", unb 
barin alfo einen feiner unmittelbaren SBillenj^acte flc^tbar 
mac^t 

Stemmen ton nun aud^ ^ierfär bie S^^tfac^en ber ®e^ 
I9öl^nung unb Uebung ^inju^ fo führen unS biefe gleid^faUd' 

»al^nfen, C^atoneiologie. I. 12 



178 S)te 3mputaM(itdtöfrade unb bad fDlobiftcabUitat^problem. 

barauf, bte aRögttd^feit einer quantitativen SBereid^erung 
beS 3lnbiüibuumg anjuerfennen. SSie — hjaS namentUd^ 
\>on aimmon ben SWüttern fo bringenb an^ iperj legt — 
fd^on in ben erften Seben§tt)od^en unöerftänbige aSillfäi^rigs 
feit ber SBfttterinnen beim Säugling ben ©igenfinn ,,f^|ie= 
matifd^ gtofegie^t", fo fann üb^f^aupt ^^ftbagogifd^ um)or= 
fid^tige erjiel^ung^toeife burd^ immer neu jugefül^rten ©toff 
bie Existentia einer ß^araftereigentl^timlici^feit beg 3*9== 
ling^ ^)otenjiren; e^ fann j. S3* eine egoiftifd^ geartete 
Siatur burd^ toillfürlid^e, ober in il^ren 3Kotit)en t)on il^r 
toenigften^ nid^t berftanbene, Hemmungen jum 2lro|loi)f, 
bie bo^^afte gum tüäifd^en Städter l^erangebilbet toerben. 
(3lnnäl|iernb ein SBeif^iel beffen gibt bie ©efd^id^te üom 
©d^it)ur beS Änaben ^annibal.) 

SBenn aber im SBi^^erigen borjug^toeife erft biejenigen 
Don ber Qnteffectualbilbung gelieferten S^it^Ät^« betrad^tet 
tourben, toeld^e i^ren rein quantitativen ©l^arafter fo fe^r 
bel^ielten, ba^ fie unter bie ©egenfft^e: SSertiefung unb 
aSerflad^ung fönnten gebrad^t it)erben, fo forbert jule|t 
nod^ bieg unfere Slufmerlfamfeit, bafe mit bem Äennen^ 
lernen neuer SWotibe bem ßl^arafter dne ganj neue SBelt 
fid^ gu erfd^liefeen fd^einen fann, unb fo erft ©trebungen 
bei i^m gu S^age treten, n^eld^e i^m f eiber bi^^er völlig 
fremb, b. f). unbefannt, geblieben toaren. S)ann erft red^t 
meint bie Dberfläd^lid^Jeit bered^tigt ju fein, von vorgegan-- 
genen gunbamentalftnberungen gu fpred^en; benn fie 
fie^t ja früher ivirffame SWotive je^t ^^aral^firt ober to^ 
nigfteng fd^to&d^er geworben — überfielet aber, bafe bi^ 
bal^in feine inteffectuette ^ei^eit Vorlauben toar, alfo ber 
analoge gaff vorliegt, loie bei ^anblungen, hjel^e im 
Stffect, Staufd^, in ©d^laftrunfen^eit ober ©eelenfranf^ 
l^eiten au^gefü^rt toerben. ®ieö ift ba§ 9Ka§, in toeld^em 
eg eine SSereblung ober SSerfd^led^terung be^. em|)irifdeen, 
aber nimmermel^r be^ inteffigibeln, ©l^arafterg geben fann. 

S)amit finb toir abermals an einem 5punfte angelangt, 
h)o toir ung einerfeit» nid^t getrauen bürfen, mit ©d^ojjen- 



Ueberfd^äfrung ^dbagogifd^er SintDirfungen. 179 

l^auer'^ ©lafficität in ber SBel^anblung biefer %xaQm gu 
Wetteifern (man lefe nur j. 33. feine Stbfd^nitte über bie 
9leue nad^), anbererfeitö jebod^ burd^ bie 2öiberf^)rüd^e, 
tt>eld^e gerabe gegen biefe ©onfequenjen Dom ©tanb^)unft 
eine^, fei e^ naiven, fei e^ f^ftematifd^ fein lüottenben, 
„Snbetermini^mu^" fort unb fort mit alter ^artnädigfeit 
erhoben toerben, un^ gebrftngt fe^en, ber mit obigen S3e- 
l^au^)tungen ^)rot>ocirten S)i^cuffion nid^t an^ bem SBege 
ju gelten, ©aö möge e^ benn aud^ red^tfertigen, wenn 
n)ir ^ier mm eigenen ätbfd^nitt einfd^ieben über: 



13. ^ie Uelierf^ii^ung ber im engern @tune |iäbago= 
gifd^en (Sinioirfitngen; nebft ^arabafen aber mami^erlei 
SBerlel^rtiieiten htS ©^ulmetftertl^iim^^ btbaftifii^e^ met^obo^ 

logifii^e nnb anbere Abirrungen. 

©leid^toeit i)on Äleinmutl^ toie toon Ueber^ebung ge^: 
benfe id^ ben ^la% aufjufud^en, toeld^er nad^ bem Btaatö^^ 
lalenber beö Dhfttip^ in beffen SRangorbnung ber Seöana 
julommt. ©eit ben ^agen be^ 9Kentor i^at ^aUa^ SCtl^ene 
e§ fid^ nid^t nel^men laffen, ba^ SBerf jener it)eiter ju ful^ren, 
unb ate ber Siömer 3Rar^ ben Slre^ ber ©^^artiaten ab- 
löfte, gefd^al^i e^ nid^t jum legten male, ba^ ber Ärieg^^ 
gott fein SReffort überfd^reitenb ber 3Rmx\>a in^ ^anbmerf 
^fufd^te. SSielerorten fd^lüebt nod^ ^eute biefer alte Gom- 
^jetenjconflict, unb man lebte fid^ i:>orlÄufig ein in ba^ be= 
Ilagen^toertl^e 6om^)romi^, nad^ lüeld^em ber ©^mnaftifer 
be§ (Seiftet toom ©riffmeifter beg ®jercir^)la^e^ menigften^ 
bie 9Retl^obe acce^Jtiren mufete, ate foHte un^ eit)ig ber 
glud^ be^ Siameng ludi magister anl^aften bleiben. Dber 
toar bie Seüana, toie i^re unterften ^em^)elbienerinnen auf 
(Srben, felbft nid^tS ioeiter aU eine Äinb^magb unb lie^ 
fie fid^ barum fo bereitioiHig afe ancilla ecclesiae enga^ 
giren unb bem nouveau regime einrangiren? Qebenfaff^ 
^at man nid^t aufgel^ört, i^r t)on einer gang anbern 

12* 



180 3)ie 3nu>utabUttdtSftoge utib M» 3Robtfi€abt(ttdtö|)troblfm. 

S^ribüne au^, als toorauf i<^ ^iet fle^, tDteber unb immer 
mieber 5)emut^ ju i)rebigm, fobafe eS befrembli^ f feinen 
lönnte, tocnn ic|t einer i^rer eigenen ^riefter fi(^ anfd^idt, 
i^r ^iebeftal ju emiebrigen. aber ,,ber Wiener ift nid^t 
über bem ^erm^ unb bie ^el^re ®0ttin SaSa^r^eit fte^t 
l^ö^er benn alle i^re berufenen unb unberufenen Jperolbe. 
©0 ift eS nid^tö toeniger ate ein öom antilen KaihoLyoy6<; 
ererbtes @!lak)engefu^l, looS auS unS f^rid^t unb felbfl 
^arabo^rien nid^t fd^eut^ um ein, gerabe in ber äBiberlage 
gegen mand^erlei ^rudt auf gefd^neSteS, StanbeSgefü^l nid^t 
fotool gu reprimiren aU ju einemtoa^ren ©elbftbeiüujjts 
fein JU ergeben. 

^a ftnb tt)ir benn fogteid^ au^er Staube, @l^oruS }u 
mad^en mit benjenigen unferer SerufSgenoffen, bie Der^ 
meinen, fic^ größere äCd^tung erjkpingen )u fönnen, inbem 
fie ftatiftif^e angaben ins gelb filieren, toeld^e betoeifen 
f ollen , tt)ie ©d^ulbefud^ unb SJerbred^erja^l in umgele^rter 
^roi)ortion ftänben. SBir fennen eine „©iöilifotion", bie 
bem aSerbred^en btoS fc^&rfere äBaffen fd^miebet, raffinir* 
tere ®ifte — aud^ in unfömbolifd^er Sebeutung — braut, 
als ipottentotte unb Sotocube fie ol^ne Qnbuftrie unb g^e^ 
miemifd^en lönnen. ®od^ babon abgefe^en, — es fc^eint unS 
baS ganje angeblid^e SetoeiSöerfa^ren auf einem Slrug^ 
fd^lug }u berul^en: eS ift ein boreiligeS juxta hoc, ei^o 
propter hoc, nad^ toeld^em aKju gern eine übertriebene 
äBertl^fd^ä^ung ber ergiel^enben ©eite beS Unterrid^tS ge^ 
folgert toirb. ©rdfeere SSerbrec^erga^l unb geringer ©d^ut 
befud^ finb eben )n>ei nebeneinanber ünb gunäd^ft unab? 
^&ngig ))oneinanber befte^enbe ©9m))tome beffelben, ener:^ 
gifd^er S^d^I^^ng entbel^renben 9laturftanbeS; unb ftnb bie 
(@elegen^eits=) Urfad^en beS einen befeitigt, fo toerben eS 
bamit aud^ meiftenS bie beS anbern fein ; baS SSerbred^en \>tt^ 
feinert fid^ nur unb tritt toeniger an bie Oberfl&d^e; tt>o 
©d^ulen, ba gibt eS ja aud^ ©id^erJ^eitS^oolisei, bie ben 
grebler )ur Sorftd^t ndti^igt, feine S3erf(^mi|tl^eit in Xfft^ 
tigteit fe|t. ähigerbem ^at, ioer ©d^ulunterrid^t genoffen^ 



UebeTfd^A|ttti0 pdbagogifdbet Sitirmtlungen. 181 

mel^r aRtttel, fic^ fein ®eU) auf e^rlid^e aSBcife ju ber= 
bienen — unb oft genug et! läten Vettern xf}u D^fettoüKg^ 
Zeit, il[fr Selten an ben Unterti^t i^ter Jtinber ju menben, 
mit bem ©afe ber SSoHÄtoei^^eit: ber jtd^erfie Slufbetoal^s 
rung^ort füt§ ©rWapital ijl bod^ ber Stopl Db aber 
jene Argumentation nod^ anbem Sinfd^ränlungen unter- 
liegt, ober ob tro| allebem fonft nod^ SBal^re^ an il^r bleibt, 
fle^t an me^r atö einer ©teile d^arafterologifd^er 33etroc^= 
tung, toenigfteni^ Jtoifd^en ben 3^1^«/ J" I^f«^- S3on einer 
ber unleugbaren ©efa^ren, it)etd^e fid^ mit ber fortfd^rei= 
tenben „Sluffl&rung" öerbinben, ju reben, baju fül^rte 
fd^on ©. 138— 140 ba^ Sl^ema gelegentlid^en Slnla^ ^erbei; 
i^rem nähern 3^f ^^^^n^ang mit ber t)iel bellagten 3^- 
nol^me ber S)emoralifation ift l^ernad^ ein eigener 2lbfd^nitt 
)u toibmen. 9lber fo toenig ans @ine toie and älnbere 
badete, glaube id^, im äugenblidt jene SWutter, bie il^rem 
Unmut^ über bie fi^fiematifd^e Strenge beim ^auSle^rer 
i^rer aSubenSuft mad^te mit benSBorten: „(gg finb tt)eit 
mel^r Ainber burd) ju Hei aU burd^ gu toenig @r}ie^ung 
ju ®runbe gerid^tet/' 2)er mod^te \)ielme^r borfd^toeben, 
A)ie es äber^au^t als eine Unnatur angefe^en loerben tann, 
ba^ au|er ber Familie t)or fi^ gel^t, toaS auSfc^lie^lid^ 
htx SIrabition innerhalb biefer angel^ören fottte — unb eS 
ifi iool @ad^e ber i^ofob^nifd^en @igentl^ttmlid^teit, ob einer 
leichter ober fd^ioerer mit ettoaS feinen ^eben mac^t, loaS 
fi^ als ein „not^toenbigeS Uebel" introbucirt. 3)er ©u^ 
loloS berul||igt fid^ balb bei bem „notl^toenbig", toä^renb 
baS Auge bes Si^SloloS auf bem „Uebel'^ toie gebannt 
bleibt S>anad^ toirb i. 93. auc^ baS Urt^eil über bie fo^ 
genannten Äinbergftrten — biefe ^jifantefie unter ben ab^ 
fonberlid^en 6rfinbungen ber mobemen ^JJäbagogif — auS^ 
faOen. — Unb toenn einer gar gerabe in fritifd^er Saune 
ifi, toirb er toietteid^t, ol|ine jemals Slouffeau'S „fimile" in 
^änben gehabt )u ^aben, unb nod^ loeniger n>iSenS, auf 
bie Seite }u treten, bon toel^er ber 9tuf nac^ „Umtei^r 
ber äBiffenfd^aff' erfd^oUen unb aOeS toaS bem anl^&ngt 



182 3)ic Sittputabiütdt^fragc unb ba3 3RobificabiKtftt§problcm. 

an „SReguIatteen" u. bgl. ausgegangen ifl, t)ielmel^r burd^* 
an^ fern öon. iebem ^parteieifer in tjöllig obiectiijer S3eob= 
ad^tung allerlei el^rlid^e Sebenfen er^ebenb, objrtJar bon 
etrtJaS fingulärem ©tanb^unft, fid^ folgenbermafeen öer= 
nehmen laffen: „6§ l^at an fid^ fd^on immer etoaS Un= 
natürlid^eS , baS SBiffen (3?eba), 6rf enntnife, ©ele^rfamfeit 
jur S5afi§ eineS eigenen ©tanbeS ju mad^en: eS ift baS 
toie ein ©traud^ ol;ne redete SSlätter ober 3lefte, bloS mit 
SSlütl^en — unb fold^e bleiben benn aud^ meift taub. Sluf 
reid^ ijeräftetem, blättertJoHem Saume mit fräftigem ©tamme 
ift baS SBiffen eine fd^öne Slumenfrone — benn bie 85e= 
fd^äftigung mit ber SBa^r^eit ift i^rem SBefen nad^ eine 
ars liberalis, ©flauen fßnnen bamit niemals betraut tvex^ 
ben — nur baS freie Sluge, ber freie Äo^jf lönnen forfd^en 
unb benfen. — ©o finbet man baS reinfte rt)iffenfd^aftlid^e 
Sntereffe bei ^jraftifd^en ©efd^äftsleuten, lüeld^e in^iileU 
tauten» finb in irgenblueld^em ^ad^e. @S fel^It bem Seben 
ber §alt gebenbe 9Wittel^)unft, wo nid^t ein bestimmter 
Seruf t)on ^jraftifd^er ©eltung geübt rt)irb — baS ift, 
tva^ ©oet^e {2em^, a Sehen Ooet^e'S», l.SlufC., überfe|t 
toon ^efe — 2. 3lufl., V, 495) meinte, ate er feinem 
©d^ü|ling fd^rieb: (.(®lanben ©ie mir, ber 3Wenfd^ mufe 
ein ^anblüerl l^aben, baS i^n näl^re.» -©al^er rül^rt 
aud^ bie Unjufriebenl^eit unb aWorofität ber g^ad^gelel^rten, 
unb im tiefem (Srunbe ift bieS ein SSeleg mel^r für ©d^o^)en= 
f)anex'^ Se^re tjom 5ßrimat be§ SBiffenS. S5er 3Renfd; ifl 
t)on ^aufe auS ein ^jraftifd^eS SBefen. S)ie S^^eorie, 
bie Selel^rung felber ate nal^rungfd^affenbeS ipaubn^erBgeug 
misbraud^en, fe^t bie S^i^eorie unb ben SKenfd^en beibe 
gleid^ fe^r ^erab, unb an nid^tö ifi bieS beutlid^er als an 
bem not^njenbig tjerfd^robenen 3Befen ber ©^ulmeifter ex 
professo. S)ie ^^eilung ber 3lrbeit l^at nirgenbS baS !3n= 
bitjibuum njeiter tjon ber 3'iatur abgeführt, als ba in ber 
^Äbagogif — in specie aWet^obif — eine S^^eorie über 
bie aWitt^eilung ber 2^l^eorie nöt^ig tt)arb — baS ifl 5lb= 
ftraction ber 2lbflraction. Sie ©rjie^ung, naturgemäß nur 



S)aS ©dfeuImeiftcrtlS^um. 183 

ba^ ©efd^&ft ber Sleltern, gu einem §anbtt)erf mad^en, ift 
bog traurigfte D^)fer, tDel^e^ im ©ienft ber 6it>ilifation 
lonnte gebrad^t toerben ; — e^ öoHenbete bie ©^jaltung ber 
in fid^ nnm SJlenf d^ennatur ; e^ zertrümmerte bie fd^öne 
©anj^eit, unb e^ ift dn tiefer ©inn barin, bafe bei ben 
antifen, ben «ganjeno, SUlenfd^en bieS nur bem (BtiMm^ 
b- f). itoax einem ©Hebe ber Familia, aber bod^ an^ eimm 
jufiel, an bem fein SRed^t ber 3[nbit)ibualität , feine ©elb= 
ftänbigfeit be^ 3nbit>ibuald^arafter^ anerfannt tt)arb, ber 
blo^ atö SRittel für bie homines liberales SBert^ unb ©et 
tung ^atte. S)emgemäfe fönnte man e^ aU eine 9tad^e 
ber Slatur felber an biefer il^rer SBerfei^rung anfe^en, bafe 
öielfad^e ©rfal^rung bie SBal^rnel^mung befiätigt, tDeld^e 
ein lanbläufige^ SBort au^f^jrid^t: Äinber bon Seigrem 
jj^egen am lüenigften gut erlogen ju fein. — ®^ gibt ja 
mand^erlei SBeifen be^ Sßerjiel^enö — unb man foHte nid^t 
immer blo^ an bie be^ Sßerjärteln^ unb SSertDöl^nen^ benfen, 
bie fid^ mit SJlangel an Gonfequenj ju ijerbinben ^jflegt — 
eine abftract ftarre ©onfequenj, bie immer unb überall 
nad^ ((©runbfälen» unb «^J^eoremen» toerfäl^rt unb fo bie 
natürlid^e 3fnbit)ibualität mi^^anbelt, inbem fie f eibige in 
ein ^profrufte^bett jtoingen möd^te, ift nid^t minber t)om 
Uebet — gerabe bie 3iait>etät ber 3Wütter, bie fid^ nid^t 
auf§ grüblerifd^e Seobad^ten üerlegen unb nid^t «bem eige= 
nen ©d^arffinn a^j^Iaubiren, toenn biefer fid^ bi^ in^ ein= 
jetne bie 5Wotit)e be^ Äinbe^tl^un^ jured^tgelegt l^at — bi^ 
er JU feiner Sefd^ämung inne it)irb, bafe fold^e eigentlid^ 
gar nid^t toor^anben tDaren anber^ atö in fetner boctrinären 
©onftruction » — gerabe biefe 3lait)etftt fann ben Äinbern 
jum tDal^ren Segen werben — tjoffenb^ it)o ber Sßater i)on 
2lmt^ n)egen jur ©^ftematif neigt, ©e^i^alb, meine id^, 
foffte man am atterlüenigften jene SBa^mel^mung an^ ber 
geringen Silbung mancher Sel^rerfrauen l^erleiten toollen. 
SSielme^r ift e^ baS Äinbe^toefen felber, tDeld^e^ burc^ fein 
©trduben gegen ein toibernatürlid;e^ unau^gefefete^ Ueber= 
toa^en jebe^ feiner ©d^ritte unb Senfen biefer nad^ fc^a- 



184 S)if 3mputaMUtAt«frade unb baft SRobificaMUtAtSproblein« 

Monen^aften 9legeln bie (Srfolge fold^en beginnend Ver- 
eitelt ; ffil^It eiS bod^ einen berartigen ^toanQ teid^lid^ f^on 
burc^ bie tftglid^e ©d^uljeit an ft^ ausgeübt. Slugerbem 
toirlt l^ier jjene^ tt>eiter gteifenbe ®efe| mit, naä) toelc^em 
fici^ mit aUiVi Karem, « reftectirtem » S3etou|tfein um bog 
eigene 2;i^un unb Saffen aud^ fiit ben erjie^enben Seigrer 
eine @d^n)äd^ung ber ftttUd^en @nergie einjufiellen pflegt: 
bagegen bleibt baö nait)e ipanbeln fräftig — «bon beiJ 
®ebanfen^ äSläffe angetr&nfelt» toitb anä) i)iex bo^ fixere 
gortfd^reiten gelähmt — gerabe n)ie bog t^l^i^fifci^e ®el^en, 
h)o jeber ©d^titt jum bered^neten «?ßo«» toirb, unb tote 
ber feile $alt ber inftinctiben ©ittüd^feit überall verloren 
ge^t, too bie fritifd^e 3ievifton i^re« gunbament^ auf= 
fommt. ®e§^alb,finbet baö natürlid^e ©efü^l ba^ 9Kd&= 
tige, tomn e^ fid^ freut, am 3ö9Ött0 ©^)uren eine^ fi^em 
©elbfigefül^tö, eine« getoiffen ©toljeg, ju bemerf en — ober 
fie^rer unb attju reflectirte Sleltem pflegen biefen Äeim 
lieber augjurotten atö ju pflegen. S)a« fiinb foH «budten» 
lernen, um lenf famer ju toerben — e^rlid^er au^gebrfidt: 
um fic^ bequemer leiten gu laffen — toorin abermafö eine 
arge Slftufc^ung fiedtt: benn rid^tig enttoitfelteö ©elbjlgefäl^l 
ifi bie allerbequemfte §anb^abe für bie fü^renbe SBei«^ 
l^eit be« (Srjie^er«. ©o läfet bie berblenbete S^^eorie om 
3ögling bie ftd^ere SD^inung bon ben ftttlid^en ®nmbfor= 
berungen nid^t feiten fo ganj unbead^tet, ba^ fte f eiber 
bo« gunbament untergraben l^ilft, auf toeld^em fünftig am 
felbfigetoiffejlen ber fittlid^ frftftige ©i^arafter fid^ erbauen 
toürbe. 

„9lnbererfeitj^ ift'g ebenfo toal^r, ba^ reine 2;^eorie ba^ 
^öd^fte ift, tooju ber SRenfd^ fi^ ergeben fann — be§ 
f offen toir uni freuen afö ber «Sßürbe» be« Sei^rflanbe« ! 
©e^r too^l! aber man bergeffe nid^t, ba§ fo ettoa« nur 
©onntagi^finbem ungetrübt gegönnt bleibt. — SBirb 2;i^eorie 
in iffxtx Steinzeit burd^ SBittenöintereffen befubelt, fo toirb 
fie baS ©(^mu)igfte, toa« e« gibt; fte erniebrigt, toa« le^ter 
3toed fein foS, }um bloßen äRittel, toie ber ®ei} boS 



S)ag Sd^ulnteiftertl^uin« 185 

Wttd ivm 2^^d ergebt. @o foSten benn nur ona^os 
tetifd^e Slfceten ober forgcnfrcie Jla:j)italtjlcn Seigrer fein; 
ton te|tem aber toftre ju verlangen, ba^ fie bor^er wd^ 
attö ber äBeidl^eitöqueSe reid^er Slnfd^auung unb @rfal^rung^ 
nid^t blo» an^ ben trüben Sflotl^brunnen unb faulen Sifter^^ 
nen ber »üc^ertoetö^eit gefd^ö^)ft unb gefd^lürft Ratten/' 
Unb toeil benn einmal eine $ßarabafe jugelaffen i% 
fo bittet aud^ gleid^ eine jttjeite um bie SSergünftigung, bafe 
i^r ein Wpptnbvjc eingeräumt toerbe über allerlei c^arafte^ 
rologifd^e ©gen^eiten, toeld^e gerabe burd^ ba^ ^)rofeffio= 
nette. Setreiben ber erjte^ung geförbert tt>erben — im 
SKeifler felber fo gut toic im Sögling. @« ift feine üble 
öemerfung, bafe niemanb pebantifd^er fei ate ®out>er= 
nanten unb (tooi^lerjogene?) Äinber*) — unb ba^ /,fd^ut 



*) Sie eine 2tü6ftt, meldte geeignet ift, nid^t nur eine toeite 
©trede ber ©trage, bie IJier ju Betreten toir im ©egriff * ftel^en , gu 
erl^ellenr fonbern au^ f)>äter nod^ in mandft9 ©eitengägd^en , hae 
ttir werben gu burd^manbern l^aben, i^ren ©d^ein gu werfen, möd^te 
id^ l^ier einige ©ä(e aud Safob ©rimm'd )^or(efung „Ueber ha» $e« 
bantifd^e in ber beutfd^en ®pxa6)t** („kleinere ©t^riften", I, 328 fg.) 
l^erflellen: ,,2)ad ^ebantifdj^e , glaube id^, menn t9 frül^er nod^ gar 
nid^t t>or^anben getoefen märe, mürben bie ^eutfd^en guerfl erfunben 
ffühm* Ttan iDetfe^e fld^ in einen Stxtx9 iDon ^i^Iontaten, benen t9 
obliegt in iDerkoidtelter Sage bie ©efd^idfe ber iBänber ^u mägen, unb 
forfd^e, ton metd^er ©eite au» in ^(einigfetten ^unbert ^nflänbe unb 
©d^mierigfeiten erl^oben merben , in ber 9au:|)tfad^e ber )^er]^anb(ungen 
teiiii^tefled 9{ad^geben unb ^blaffen eintrete; ed fann feine anbere aU 
bie ber beutfd^en ®efanbten fein. . . . (Sben ba6 ifl ^ebanterei, im 
Geringfügigen etgenfinnig ^u miberflreben unb niäft gu gema^ren, bag 
und baneben ein groger (S^eminn entf(^Iii|>ft ((qoresomptueux et opti- 
niastre comme nn pedant» — Scarron). « . • 5Der $ebant ^at für 
ha» iReue leinen (Sntl^ufiadmud , nur Krittelei ; für ba8 ^ergdfommene 
taube ^efd^önigungen , ol^ne aUenSrieb i^m auf ben Grunb gu fe^en. 
— 3n ber ©^rad^e aber l^eigt ^ebantifd^, fid^ mie ein ©d^ul« 
metfler auf bie geleierte, mie ein ©d^ulfnabe auf bie ge« 
lernte 9tege( alles einbitben unb iDor lauter Räumen ben Salb 
nid^t fe^en; entmeber an ber OberfKäd^e jener 9{ege( Heben unb ton 
ben fie lebenbig einfd^ränfenben ^udna^men nid^t« miffen, ober bie 
hinter borgebrungenen 9u«nal^men flitt bitdtenbe 9{ege( gar ntd^t 



186 S)te Simputabiat&tdftage unb ba§ aRobiftcabilitdtiSprobtem. 

meifterlic^e" air fte^t Iftngft im ©erud^ ber SBo^toeigl^eit; 
ha tüitV^ tool toaffx fein: „ba^ ©efd^äft btingfg f)aü fo 
mit fid^/' aSer einen großen ^^eil feiner ^üt nur mit 
Unmünbigen Derfel^rt, toirb gar gu leidet fid^ getoö^nen, 
aud^ ju (Srtoad^fenen ftetS im 3)ocirton ju reben, unb fo 
in ein Oefü^l ber ©u^jeriorität ftd^ l^ineinleben, toeld^e« ^ 
xf)n überatt ben SWa^ab ber ©d^ule anlegen ^ei§t — 
meinte bod^ jener ®raf, ber 9leij, bei fd^maler Äofl fid^ 
bem Sel^ramt ju mibmen , muffe auf ba^ 33eit)ufetf ein gurüdf^^ 
geführt tDerben, in ber ©d^uljlube ber unbefd^ränfte @e= 
bieter \yon f o unb f o öiel „©eelen" ju fein. Slber : „ SBie 
bie Sitten f ungen , f o jtüitf d^ern bie jungen" ! — ober ttjer 
I^Ätte nid^t fd^on einen nafettjeifen Stangen aufjubeln ^ören, 
toenn biefer feinen §errn '^apa auf einem SDonatfd^ni|er 
erta^j^jte? — ober loer toeife nid^t, mie e^ für eine ebenfo 
nafetoeife loie moberne „^ö^ere 2;od^ter" fein gröfeere^ 
©aubium gibt, atö tomn fie fid^ gar l^od^ erl^aben bünft 
über bie e^rfame Jlad^barin, toeil au^ beren 9Kunbe ein 
itoax rid^tig gebraud^teS, bod^ nid^t nad^ neuefter gacon 
au^gef^jrod^ene^ ^embtoort gegangen? *) Dber mad^en eS 



al^nen • . . . 3)tc ^ebantifd^c 3Cnftc^t ber ©rammatif fc^aut über bie 
(Bäfvanh bct flc Befangenben ©egentoart »eber gurüd, nod^ ^inan«, 
mit gtetd^ terflodtcr ©el^arrtid^fcit (e^nt flc flc^ auf toiber alle« in 
ber @^radje SJeraltenbe, ba« fte ntd^t länger faßt, unb toiber bie 
Äetme einer fünftigen Entfaltung, bie fie in i^rer feid^ten ®e* 
teol^nl^eit fliJren." 

*) 3)ag 9Wäbd^en gu fold^en UeBcrl^cBungen nodj ungleid^ mel^r 
geneigt finb ai9 ÄnaBen , Beruht auf einer ber ©efd^leci^tgeigeutl^ilmlid^* 
teiten be« ^eiBed , berfelBen , toe((^e fiäf im ^ebantidmu« ber Unter« 
rid^t«metl^obe ber meifien i^el^rerinnen funbgiBt» 2)iefe fprcd^en gern 
öiel bon gn öermeibenber „OBerpd^Iid^feit" — aBer an tt>aö fte baBei 
bcnfen, ift Unftd^erl^eit im ©ehalten bc« 9}Jemorirten unb beffen Sott* 
flänbigfeit. ®en ©d^üterinncn im^onirt am 2ejrer in erper Sinie 
bie aj^affe feine« SBiffen« an eingetnen 9?otijen — fte ftaunen ba« 
an aU tcrmeintUd^e ^oU^l^iflorie unb ein entbetfter ©ermiß }}izxm 
flettt für fte bie gefammte 2:üd^tig!eit be« ?e]^rer« in grage — toeil 
i^nen bie UniöerfalitSt be« @tanb^unft3 aBgcl^t — unb fo öerfaffcn 
Pe, ijermöge ber Sleugerlii^feit i^re« tenen«, gerabe berjenigen OBcr* 



S)a§ ©c^ulmeiftert^um. 187 

bie mciften meiner igerren Slmtöbrüber t>on ed^t ^)^iIolo= 
gif d^em Xk anbete , mnn fie bie ganje Silbung eine^ bie= 
nenben S3ruber^ toon ber nid^tgelel^rten ^nn^, vulgo ©emi- 
nariften, bejrtjeifeln ju bürfen t)ermeinen, fobalb fie biefen 
einen botanifd^en Flamen ober bergleid^en mit falfd^er Quan- 
. tität ober gar falfd^em &mn^ l^aben au^f^jred^en ^ören? 
©efd^ie^t e^ „biefem ©efd^Ied^t, ba§ in SSocabeln, loie 
ber Dd^f im 3od^e jiel^t", nid^t ganj red^t, it)enn bie ^n^ 
genb e^ il^nen l^eimgibt unb einem too^lgefd^ulten 9lttfd^s 
lianer jeitleben^ ba^ einft entfd^Iü^jfte Assentitus sum nad^i- 
trägt, unb jtoar nad^trägt mit einem getoiffen 33elt)u§tfein, 
berechtigte aSergeltung ju übm'i — S5eftn einem ßel^rer, 
ber feine ©d^üler nod^ nad^ anbem fingen ate nad^ ber 
©id^erl^ieit in fold^en ©ebÄd^tni^cid^en tajirt, ^jaffirt ber:= 
gleid^en nid^t — ein fold^er tüirb felber t)om ^»nftinct ber 



päd^Ud^feit, iDcIc^cr flc entfliegen mi5d^ten. 3)age9en al^nt ber f nabc 
Balb, ba§ in ber f^flematifcSen ©inljieit ber 3(nfd^auungen bie @u^)e* 
riorttät bcö 2tf)xtx9 htxu^t , »cfc^er ein Srrt^unt in ©ebäd^tnigfad^cn 
feinen ttjefentlid^en %hhxnäf t^un fann. Unb loie toenig bie SBeiber, 
in i^rer „geifiigen Wl^fopit" (©d^o^cnl^auer , ,,$araü^omena", 1. Stufl., 
II, 497) fä^ig fmb, bie »a^re Uniberfatität red^t ju »ürbigen, ber* 
rätl^ fld^ namentftd^ barin, bag e« il^nen nid^t nur langtoeiüg, fon* 
bem fogar aU tribiale SWotiotonic erfd^eint, in einer Sfeil^c bon @r* 
fd^einungen immer toieber auf baffetBe ®efe^, bcnfelben ©efid^tö^unft 
jurüdEjufommen — flc berflel^en bieö Siif^ntmenfaffen, bieö in ein 
Zentrum gurüdCteitenbe Slnfdjauen beS @J?flematifcr§ gar nid^t — fie 
l^iJren . nur immer toieber biefelben 5Borte — fafl mBd^te man fagen : 
föörter — avL9 feiner 0febe f)zxau9, ol^ne bie gäben Verfölgen gu 
fbnnen , toeld^e bon ben berfd^iebenflen fünften ber ^eri^l^erie bal^in* 
fül^ren. @o fdjeint i^nen ca^riciB^ einfeitig au fein, toa9 eben gu 
uniberfal ifl, aU baß fie eö mit i^rem Keinen 3)enfen umfjpannen 
fönnten — unb Jeneg gerfal^rene ©in unb §er ber feid^tcn (öc^iJnrebner 
ol^ne (Sinl^ett gilt t^nen für bog eigenttid^ UniberfalgeniaKfd^c — be«* 
l^alb ifl il^nen g» 35. ein Berber mit feiner berfd^hjommenen ©efü^Iö* 
reffe^on ber redete 3)enfer — ber umf^innt bie SSal^rl^eit mit fdj^il* 
fernben garben r— unb gerabe unter ben SBeibern gibfö biele 9la* 
turen, bie bem ibaffecflaren 3)iamanteH bunte Steine borgiel^en — fic 
njoÄen unb fud^cn aud^ ha9 @d^te unb 2Bal^re, aber gefärbt — unb 
bo« l^eißt immer aud^: getrübt. 



188 3)te Sm^utabilitfttöfrage unb baS 3Robificabi(itdtdproblent. 

3ugenb *) ganj anbete beurt^eilt; toenn er nur in feiner 
^erf8nli(^feit über^au^Jt ,,taftfefl" ift, fo l^eifefg bei i^m 
gar nid^t, er l^abe ftd^ ,,eine Slö^e gegeben", fattö einmal 
bie ©d^iller entbeden foQten, ba^ aud^ er ftd^ in S)etaiU 
juloeilen irren fönne — baö ift benn balb öergeffen unb 
toirb nid^t toeiter bead^tet — foffte barum aud^ öon bem 
Seigrer felbft mit angemeffener Segeret^, toie ein fleinei^ 
unfd^äblid^e^ 5Wall^eur, l^ingenommen toerben. ©tatt beffen 
finben tmr, befonber^ unter ben ©lementarlel^rern , treue, 
aber unter l^arter ®eringfd^ä|ung öecjagte ©emüt^er, bie 
fid^ nod^ tt>od^enlang mit ©cru^jeln barüber abmartern 
unb, um für bie 3w?unft nid^t Sle^nlid^em ausgefegt gu fein, 
mit ängftUd^fter Sorgfalt fid) iprft^jariren — toa^ fie boc^ 
leiber öor ber SBal^rl^eit be^ ,,allgu fd^arf mad^t fd^artig" 
nid^t immer fd^üften fann. aber ber (Srunb ju fold^er 
äengfllid^feit liegt freilid^ im — S^ügeift. S)enn finb toir 
nid^t an ©tetten fd^on fo toeit, bafe für mand^en ^piato 
unb ®opf)otU^ bto^ bagu fd^einen gefd^rieben gu l^aben, 
bamit e§ eine 2lccentle^re — biefe fterilfte aller ©c^ut 
marotten — gäbe? ©d^reit aber nid^t bie babei fd^mä^lic^ 



*) Snbererfettd tootten totr und nt(^t loerblenben bagegen, tote 
ttüglid^ unb ungut>erläf{tg in fotd^en SDtngtn guioeUen ber ä^^affen« 
tnflinct fid^ geigt. @o ))erbanlen getoiffe i^e^rer i^re fogenannte 8e' 
liebtl^ett bem emsigen Umflanbe, bag jte fletd borfid^ttgUdjf ernflem 
(Eonfitcten mit ©d^ülent aud bem S93ege gu ge^en tt>tf[en; anbete b(o6 
ber geißretd^ anregenben ^raft i^reS Unterrid^td, mobei bie ©d^filer 
ft(^ gar nic^t barum befämmern, ob biefe ©eiflreid^b^it [^^ ettoa aud^ 
mit ,r®snialitcit" im fc^Ummen <Sinne ))erbinbe — mir miffen 3. 8. 
iDon einem ^aUt, too eine $rima ed i^rem Siebling^Iel^rer gar nid^t 
übelnahm, bag bieferben^oetbe, tt>el(^en fie il^m gefd^enlt batte, in 
feiner b<^bituellen ©elbtoerlegenbeit aldbalb gum Probier brad^te; aber 
mir fannten freiUd^ aud^ eine (£om:)^agnte ^olbaten, tx>ti6ft einen 
^au^tmann, ber bemad^, ni(^t Uo9 megen (S^e(bf(^mtnbe(d ^ fonbern 
anäf propter ignaviam, infam cafflrt tt)urbe, M feinem SBieber« 
eintritt in« Bataillon mit Scciamatton begrügte, Uo9 mei( fie ®t* 
fallen fanb an feinem ^^^ummelmif , obgleid^ fie i^u ,,tm geuer'' 
®d^n^ batte fud^en feben binter einem — ^adfofen. 



^a^ 6d^ttlmeiftertl^uin. 189 

t)ctgeubete 3^tt ivm ^immel umSiad^c? — ©od^ e^toirb 
ioieber i^ci^en, bafe id^ fibcrttcibe unb in§ ©reffe male. 
SBol^l, fo greife jjeber Seigrer in ben eigenen S3ufen unb 
frage fid^ §anb auf^ §erj, ob er nod^ niemate ein lieben^^ 
toürbige^ flnabengemüt^ t)erf annt J^abe, blo^ \t>dl feine 
eigene unerbittlid^e Strenge beim abfragen ^tüa gramma= 
tilaßfd^er formen ben nun einmal für berlei nid^t @e= 
fd^affenen *) ju Sug unb S^rug getrieben, t)ieffeid^t baburd^ 
getrieben, bafe nad^ öorgefd^riebenem Älaffen^enfum bie 
ganje 3Renge ber SSerben felber foffte „betoftltigt" toerben, 
ftatt an einer fleinen ^affl bie D^)erationen rafd^er ©ub= 
f umtion unter ein ^arabigma jur ©eläufigf eit gu bringen. 
Unb e^ ift nur eine 9lnU)enbung berfelben 9Retl^obe, 
h)enn l^ernad^ ber gange fittliclie ©l^arafter eine^ 9Renfd^en 
nad^ ©d^ülertugenben abgefd^ä^t tüirb. S)a foff „Se^ 
fd^eibenl^eit" aud^ nod^ ben 3Kann jieren, bon bem über- 
l^u^t biefelbe felbftlof e Unterorbnung unter eine 3lutoritÄt 
öer langt toirb, tt)eld^e ettüa einem 3l5a5'6:=©d^ü|en ttyo^l 
anfielt — ba mu^ ba^ empörte SluftDaffen eine^ ebeln 
©elbftgefül^fe e^ ftd^ gefaffen laffen, ber finbifd^en ©mi^finb^ 
lid^feit — ba§ fefie, geioiffenl^afte ipanbeln nad^ ®runb= 
fftien, bem fnabenl^aften 3:;ro|e — bie ioürbeboffe gurüdf- 
Haltung bon toürbelofen ©offiftonen, bem 9Jiaulen tine^ 
Keinen 3Dläbd^en§ gleicligefleHt ju werben. 2Ber felber 
feine ^princij^ien gu vertreten l^at, nennt e§ gern 3led^t= 
l^aberei, tomn einer öon tool^lge^rüften Ueberjeugungen 
nid^t oi^ne ©egengrünbe abgelten toiff. S)ie ed^ten „©c^ul- 



*) (58 l^eigt bod^ eitel @^ott treiben mit bem ^öncn «cgriff 
,,^armoni{c^e SuSbilbung aller ^^fte'S tomn man bie Kugen bagegen 
toBttlg öcrfd^Iiegt, hai Stngelnen getoiffe ^tnfagen — g. ©. für 3etd^=^ 
nen, Wlufilf SQl^at^emattl — gSngü^ feilten. <@te bennod^ mit einem 
Unterrtd^t barin gu quälen ifi tt)a]^rlid^ um ntd^ts njeniger graufam, 
ai9 ttenn ein unt)erßänbiger Surnmeifler einen ^rül^^el an ben ^tu 
nen bagu gtDtngen n>oQte, ft($ etma im ©^ringen gu üben, ti^ogegen 
eS inbicirt toäre, bie gefunben, tüd^tigen ^lieber gum erforberlt(^en 
«tcariren für bie !ran!en beflo mebr gu fräftigen. 



190 S)ie 3lnn)utabiHtdtöfrage unb baS 2»otoificabUitätS^roblcm. 

nteifter" bulben ol^nel^in feinen 3Biberf:j)ruci^ — i^nen fd^iüebt 
au^ il^ter ^raji^ immer ba§ bt^jjotif^e „©c^lüeig!" auf 
ben ßi^jjjen — unb einer t>on il^nen ^aV^ ju tierantttjorten, 
bafe jene grau i^rem 3Ranne bie Sriefe entoanbte, tt)elci^e 
fie i^m tofti^renb be^ Srautfianbeö gef einrieben, um f eibige 
ju ijerbrennen, ttjeil fie nad^träglid^ geiler gegen Qnter:: 
!|)unftion unb Drt^ogra^l^ie barin gefunben — e^ toax H)x 
ju ^p&t gefagt, bafe ber artige Qncorrecti^eit nid^t blo^ 
ju ben Privilegien, fonbern felbft ju ben 3fleijen ber 6orre= 
fi)onbenj wn grauenl^anb gehört. ®enn in gett)iffem ©inne 
beeintrÄd^tigt aUe^ correcte, b. f). mit SBetoufetfein nad^ 
,,9iegeln" fid^ rid^tenbe, SBefen bie ed^te SBeibli^feit — unb 
bafür l^at niclit blo^ ©dritter ©inn gehabt, aud^ einem 
Safob ©rimm ^at berfelbe nid^t gefei^lt, al^ er bie @r? 
fal^rung ju (Klaren brad^te, bafe „3Räbcl|en unb grauen, 
bie in ber ©d^ule iveniger ge^)lagt iperben, il^re 
SBorte reinlid^er gu reben, jierlid^er ju fe|en unb natür^ 
lid^er ju toäl^len Verftel^en, tüeil fie fid^ mel^r nad^ bem 
fommenben innern Sebürfnife bilben". Unb tocx tro|bem 
am jarien ®uft einer SKäbd^enfeele mit :j)lum^em ^utoppen 
fid^ berfünbigt, fottte in fd^tt)erern gäHen regelmäßig ge^^ 
ftraft lüerben mit — einem 33lauftrum:j)f, in leid^term tt)e? 
nigftenö mit einer — „ge^)rüften Sel^rerin" au^ einer fub= 
ijentionirten ©ou^emantenanftalt ; benn in feinem ^f)X ift 
fruclitlo^ bie SBarnung öerflungen: 

Unb baß bie alte 
©Ätoiegermutter SBei^l^cit 
2)a« garte ©ccld^en 
3a nic^t bereib'gel 

©olange aber in 2lbiturientenjeugniffe ein au^brüdflid^er 
aSermerf über bie „ Sefanntf d^aft mit ben ^oragianifd^en 
SRetren" aufgenommen ttjerben foH, fanctionirt ba^ ®efe| 
biefen Qrrtl^um, ber einen lapsus memorise atö einen 
defectus ingenii et eruditionis bel^anbelt unb gerabe fo 
jene ^albbilbung an fid& f eiber bocumentirt, bie er an 
anbern befftm^fen ju ttjoHen borgibt. 3)a^ blo^ gebäd^tnife^ 



3)a§ Sd^ulmeiftettl^um. 191 

tnäfeige aneignen Don Semmaterial ift ipie ba§ Slngefüttt? 
toerben eine^ bid^ten ©ade^ ober ©d^laud^e^, in ben fein 
Sid^t bringt. S)ie fogenannte formale Silbung toill ixt)- 
ftaffinifd^ ba^ ©efäfe burd^fid^tig mad^en, bamit ber Se^ 
fifeer toiffe unb benu|en fönne, toa^ er „einge!j)ad£t" l^at, 
unb bamit ba^ l^ineinfallenbe ßi^t ben ©toff lebenbig 
mad^e; unb toie ein Xxop^m ©^eibelüajfer mel^r lüirft 
atö ©imer Don Siegen, fo jur ioal^ren „Slufflftrung" ein 
Mar beigebrad^ter ©ebanfe mel^r ate Slaufenbe Don Siotijen. 
Die Ueberfütterung mit ©toff mu^ ioirflid^ in ^tioa^ nm^ 
fd^lagen, ioaS einer „ttmfel^r ber SBijfenf^aft" nid^t fo ganj 
un&l^nlid^ fielet. 3)ie ju l^od^ gefd^robenen ^rüfung^mafe- 
ftftbe in ben Derfd^iebenften gäd^em feieren aud^ ba^ aSer= 
i&ltnife Don 3Kittel unb 3toerf um. SBie ber 3Renfd^ nid^t 
mel^r ©taat^bürger fein foll, um aRenfd^ fein ju fönnen, 
fonbern fein 3Wenfd^entl^um aufgeben mn^, um ben gor? 
berungen an fein ©taat^bürgertl^um genügen ju fönnen; 
toie baö summum jus summa injuria ben mobemen ßen? 
tralifation^ftaat bem Untergänge jufübrt;^ lüie SRüdfid^t^* 
nal^me unb ßontrole auf allen ©eiten unter legalen gor= 
men Diel größere Op^ex forbert, atö ein rüdffid^t^lofe^ 
abfolutiflifd^e^ ©ebieten; ioie ber ^taatöappaxat fo f oftbar 
geioorben, bafe nid^t einmal ber ©taat — f eiber nur ein 
blofees SJUttel — jum 3tt)edE toirb, fonbern bie 3Rittel für 
biefeS aJlittel: nad^ innen baS aUe Äräfte abforbirenbe 
bureaufratifd^e Släbertoerf, nad^ an^m baö ^eer, bie 
aSel^r^aftigfeit aU le^ter ©elbftjioedE betrad^tet (— too e^ 
nid^t gar blo^ „jum ©taat", ftatt „für ben ©taat" ge? 
I^alten tt)irb — ), fobafe man, um fid^ Dertl^eibigen ju fön- 
nen, es fid^ unmöglich mad^t, im Slugenblid ber 9iotl^ fid^ 
toirflid^ ju Dertl^eibigen (ganj toie ber ©eijige „fein Seben 
lang barbt, um nx6)t fünftig barben ju muffen"), unb loie 
nirgenb^ ettoa^ anbere^ abjufel^en ift, al^ ein aUfeitige^ 
©id^überf dalagen, ber ju l^od^ gefi)annten Slnftrengungen; 
toie man ium ^ebenöftanb jurüdHel^ren mu^, ioenn enb^ 
lid^ einmal bie gegenfeitige ©teigerung im ^Raffinement beS 



192 ^te ^[m^utabiKt&töftage unb bad 3Robt{icabtat&tö^tob(em. 

erfinbenä t>on S^tx^tnnQ^^ unb Släufd^ungätnitteln fld^f 
toirb crf(i^ö!|)ft ^abert, unb tote bann ba^ conttolelofe SSet^ 
txaum jum ultimum refugium tt)erbcn mufe: — fo farni 
e^ aud^ nid^t etoig bauem, bafe burc^ ba^ %aminirm 
baö eigentliche ©tubiren unmöglid^ gemad^t toirb; ober je^ 
ner norbamerifanifd^e ©efd^id()tö^)l^iIofo})l^ bel^&It red^t, ber 
bem „alten ®uxopa'' eine d[)ineftfd^e @rftarrung borau^^ 
gefagt f)at B6)on toerben bie Äöi)fe ganj aU Xbpft 
bel^anbelt'— unb ba§ Slefultat finb: Xx&p^t — ber 
©toff tritt in ©elbftgeltung, ftatt nur ben ©tofe baran 
fortju^^anjen, ber in bie geiftige 33ett)egung fommen foll. 
©ebäd^tnifeftärfung toirb lefete^ 3iel, ftatt SJUttel jur gei^ 
fiigen 93el^errfd^ung be^ SRaterialg. ^ni)a>i\6)m ge^t bie 
3?atur il^ren ®ang — ba^ finblid^e ©ei^irn entnjidEelt fid^ 
tro| affebem nad^ feinen ®efe|en — aber bie 3)ibaftil 
fommt if)m nid^t mel^r förbemb entgegen, fonbern greift 
i^emmenb ein bi^ jur Slufftauung , „fi^JOttet il^rer f elbft unb 
lüeife nid^t it)ie" — bie gried^ifd^e Slccentuation tt)irb eim 
gei)auft — aber bie ©ilbenquantität fomntt babei ju !urg 

— alfo ba^ unterfd^eibenbe 9RerImal antifer unb mobemer 
Sll^l^ti^mif , unb ber Sarbar t)errät^ pd^ am felbftgettJäl^lten 
©dribbelet : er er jäl^lt t)on Slrd^ibamu^ unb Sletolern. S3a 
I^Ätte man alfo boi)^elt ®runb, e^' gelten ju laffen, toenn 
einer , ber fic^ etioa in ber ^rof obie nid^t ganj fidler loeife, 
ju feiner (Sntfd^ulbigung bon fid^ fagen fann: ,,3<^ l^abe 
bie ©ilben immer lieber gett)ogen, aU gemeffen ober gejäJ^lt" 

— unb baS l^ätten aud^ getoiffe Slecenfenten ju bel^er§igen, 
bie ben Bpa^m gleid^ am liebften bie fleinen @rrata auf= 
ftöbem unb aufjjidEen, um fie trium})l^irenb auf i^r lite* 
rarifd^e^ Seid^enfelb ju ftreuen — fie ftellen fid^ bamit 
nur unter ba^ ^ibicule be^ fd^ulmeifterlid^en ^anbloerf^* 
Unb ba^ Äajjitel t)on biefem ift fd^toer ju erfd^öjjfen — 
e^ brängt fid^ immer neuer unb neuer ©toff l^eran 
jum Setrad^tettoerben. SBie rtel ber* täglid^en ©d^ut 
erfal^rung verfällt nid^t allein fd^on ber einzigen gormel: 
„attju oft toirb bie blofee ©d^ulorbnung über bie loal&ren 



S)ad Sd^ulnteiftett^um. 193 

©d^uljiDcde flcftefft!" aRufe bod^ fclbft ber fd^öne »egtiff 
,,6oHegiaßtät" in fd^mäJ^lid^em aRi^braud^ atö 6m)l^emig= 
mug für bie toon aßen ^)ebantifd^en SJirigenten blinbling^ 
erftrcbte ,,Umf ormttät' bienen ! ®a verlangt man ein ,,eins 
l^eitUd^e^ 3wffl«twientoirfen", ,aU ob e§ nid^t ber befte ©e^ 
gen für bie ©d^üler einer gröfeem ßel^ranftalt tt)äre, red^t 
t)ielen ijerfd^iebenen Sel^rerinbibibuaUtäten gleid^jeitig unb 
nad^einanber burd^ bie §änbe ju gelten — benn hjaö fann 
babei l^erauSlommen, tt)enn berfelbe Seigrer feine Älaffe 
bi§ jum ®i^)fel l^inauf leitet, als im Befien galle eine ©in? 
feitigfeit allerbebenfUd^fter Slrt unb im fd^Iimmern ein 
aSerfümmem all ber armen ©eelen, bie an if)m feine ^omo* 
gene SRal^rung finben fonnten?*) — bagegen eine Slnftalt, 
,,bie SBiele^ bringt, lüirb Sitten etn)a§ bringen". — SSäer 
aber gar bie 3nftitute unferer :j)äbagogifd^en Driglnalgenieö 
unb @f^)erimenteur^ en gros an^ eigener Slnfd^auung fcn^^ 
nen lernte, bem mod^te e contrario leidet bie Erinnerung 
aufzeigen an ben Stu^fjjrud^: „(£§ ift unglaublid^, mittüie 
toenig SBei^l^eit fid^ bie SBelt regieren läfet" — benn toenn 
bei all biefen einfd^nürungen unb SSerrenlungen einer feine 



*) SBic @:|>ottftcbcr römif(^cr @oIbatcn hinter bcm 2:riunn>^ator 
l^er tBnt'd einem ia gumeUen entgegen and ber $ita ber Abiturienten 
— ein Slttffd^rci ber gertrctcnen Snbiöibualitat; unb al« ein @(ürf xfV9 
3U greifen, bag eS nod^ (in unb ti^ieber einen gibt, ber {td^ nid^t gutn 
^tüäfUx iat bemoraliftren Uffen unb, aufgeforbert, feinen ,,)@ilbungd« 
gang" gu bcfd^reiben , fraul unb frei befennt, unter be« einen gül^* 
rerd $anb [i^ nur gebrüdtt unb gehemmt gefüllt gu (»aben. SBol^l 
tl^m, n>enn er gteid^geitig einen gu nennen l^at, ber i(n trug unb 
fbrberte unb fomit an^ ermut^igte, feinem ^tx^m iSnft gu maäftn, 
^reubiger nodji mirb freiUd() bie @e(bßgen>ipett bed reinen Autobi' 
baften fein: ber fle^t ja gang auf eigenen gügen, bat fld^nid^t felbf!« 
(06 etttad einkaufen laffen, l^at für fid^, nid^t für anbere gelernt, 
^ann ed eine beffere @d^u(e für ben (£(ara!ter geben? flnb nid^t 
@ef!nnungd(oftgfeit unb Uebergeugung@(oftgfeit (Sind? toie aber foll 
einer gu felbfterarSeiteten Uebergeugungen (unb nur fold^e flnb ia bie 
ed()ten) gelangen, ber am ©paUer groggegogen ifl unb nun frei unb 
P^elod bafle^en foQ? ben mirft ia ber leifefle SBinbftog um. 
Sal^nfen, (Sl|araIterologte. I. 13 



194 S)te SntptttabUttat^ftade unt bad aRobiftcabiatdtdptoblem« 

gefunben ©eifte^glieber bel^ftlt, fo mn^ er fd^on öon rec^t 
robuftcr 9iatur fein, *) Um ben fogenannten ©in^eitögeift 
einer ©d^ule ift e^ julefet bod^ nur eitel Sibflraction — 
fon^eit bie an il^r jufannnentoirfenben 3nbi^ibuen lebenbig 
finb, finb fie au6) öoneinanber öerfd^ieben, bloä fid^ felbft 
gleid^ — alfo l^dd^ften^ ein ©d^ein DöHiger ©nerleil^eit 
Idfet fid^ ergtoingen. Unb um toeld^en 5ßrei^? — enttoeber 
finb bie ©efetten bie ganj felbftlofen 3iad^beter unb 9lad^^ 
treter be^ aWeifter^, ober fie er^eud^eln blo§ eine unbe^ 
bingte Unterorbnung unb mad^en'jS im ftitten bod^ , toie eg 
if^nm felber am befien bünft. 3Ran ttnnt \a o^ne Slamens 
nennung getoiffe SBeuerer, bie l^dtten fid^, tomn'^ nur am 
ginge ^ auf bie "oon il^nen erfunbenen gang abfonberlic^en 
9Ret^oben am liebften gleid^ ein patent ertl^eilen laffen — 
je^t öeri)flid^ten fie toenigften^ jeben, bcr afö älrbeiter in 
i^re ftinberfeelenfabrif eintritt, auf beren f einerlei „3lug$ 
fd^reitungen" bulbenbe ^au^orbnung. S3on fotd^en ßntre^ 
Jjreneur^ reitet jjeber fein eigen Hobby-horse: ber Sine 
l^af^ abgefei^en auf „:t)^ilantl^ro!|)ifd^e" Sernerleid^terungen, 
ein SInberer auf ,, ©^arafterbilbung be^ fünftigen ©taat^- 
bürgert ", ein dritter auf „ 3Serh)irf lid^ung be^ d^rifllid^en 
^rinci^)^", ein SBierter auf ,, nationale ©rjie^ung", ein 



*) Ueber^au^t beibtent 8et^ergigung , toaß (Sarflend (Sangbein'« 
\äfts $5bagogtfd^ed ^rd^tb, 1864) bargelegt: bit fogenannte 3)?e« 
tbobe fei nur für jitttigere €>dfüUx mid^tig. (Sin ^d^ulmefen a(fo, 
mtldft9 anä^ auf feinen b^^^tn (Btufen aQe6 $eil toon ber ^^etbobe 
ertDaxtet, bteibt bentnad^ auf bem ©tanb^unlt bed (Slementarunterrici^t« 
jlef^en, unb bie Srfal^rung beflätigt bad an ben grüd^ten bem ent^ 
f^red^enber (Einrid^tungen. (S9 ifl lebiglid^ bie ^e^rfeite beffelben (B^^ 
ban!en9 gn fagen: bie ^orbemng ber SnbibibualüSt^bilbung \)at nur 
bei bt^bcnt ^ilbungdjieUn einen @inn. ^ie ^(erneute, über tätigt 
bie nieberfien i^olt^fc^uten ed nid^t ij^inaudbringen , finb aden gemein« 
fam unb laffen fein fßlinvL9 bed ^urd^fc^nittd bei @ingelnen gu, fo 
t)erfd{^iebene ^inge andf in bereu berfd^iebenen klaffen unter „2t\mf 
. ®d()reiben unb Sted^nen'' gu toerfle^en finb. ^ier a(fo , »o ed mir!« 
lid^ nur auf ein fe^e6 (Stnüben anfommt, i^at in ber ^ifat bie ,,ft)rber« 
famfle^' iV^etl^obe ein 9tcd^t für bie befte gu gelten. 



S)ag ©d^ulmetftertl^mn. 195 

fünfter auf 3*ouffeau'fd^e „Stücffel^r jur 3iatur" ober ,,un^ 
gel^emmte SRaturtoüd^figfeit", ein ©ed^Ster auf „©emüti^^^ 
bübung" — unb afie muffen — fammt bem näd^ften unb 
übernäd^ften ^albbufeenb — jule^t „e^ gelten laffen, toie'^ 
©Ott gefäat", Slud^ ate SBiffenfc^aft gibt ja bie 5ßftba^ 
gogif toie alle et^ifd^en 3)i^ci:j)Iinen me^t tl^eotetifd^e Slu^s 
beute für bie ^f^d^ologie ate ^)raftifdiie für bie Slntoen^^ 
bung. ©0 toenig man au^ einem SBud^e lernen !ann, toie 
man für einen beftimmten gufe ein $aar ©tiefet ju mad^en 
l^abe, ebenfo toenig lernt man anS> einem !|)äbagogifd(^en 
Softem, toie man ein gegebene^ Snbitoibuum ergiel^en muffe; 
benn atteö in ber 3Selt iji ein SicaS elptipi^vov, unb tbm 
barum erfd^ö:j)ft niematö ber Segriff bie Slnfd^auung ; aber 
nur biefe ift lebenbig unb belebenb, jener ber Sud^ftabe, 
toeld^er tobtet. ®arum l^ätte man fid^ lieber red^tjeitig be^^ 
finnen foHen auf bie ©d^ranfen affer ©d^ulerfolge. SBenn 
ba^ 33efie, toa^ bie ©efd^id^te nn^ gibt, nad^ ©oetl^e ber 
(Snti^ufia^mu^ ift, ben fie ertoedEt, fo l^at bie ©d^ulc il^ren 
SögUngen ba^ ^öd^fte, beffen fie fällig ift, bargeboten, 
tomn fie anregt unb immer lieber anregt *) (wobei e^ fid^ 
öon felbft t)erftel^t, bafe f eiber toadj fein mu§, toer anbere 
toedEen toiff ober toedEen foff) — me^r fann jule^t aud^ bie 



mtttelr bem ^d^Mtv bie milroffo^ifc^ erleud^tenbe dritte auffetzen, benn 
,,anregen'' ^etgt aufforbern, immer genau ^tngufelj^en , toa^ bad i?or« 
gelegte (concrete ober abßracte) Ohytct tDtrfüc^ entl^Slt, unb bem gu 
^ü(fe gu fommen, iiibem man ed ^^unter immer neue ©eftd^td^unfte 
rü(ft". 2)a« fü^irt aud& jur »a^iren ©rünblid^feit; benn biefe be* 
fie^t Beim Iritifc^en 2)enfen toefentlid^ in einer allfeitigen ^erücfflc^« 
tigung unb aufrichtigen Sfirbigung ber gegen einen @a^ mBglid^en 
(Sinmenbungen. ^Dagegen bie oerfe^rte iin.etlj^obe lägt ftc^ t>erfUl^ren 
burd^ eine fdfd^e iRorm: flatt ba$ Ouantum bed ju lOel^renben natS^ 
ber gS^^igfeit be« Jernenben ^u Bemcffen, fott ein angeMidJeö —unb 
tool gar regulatibtfd^ fi^irte« — SBiffenöbebürfnifi befriebigt werben — 
freilid^ ein gerabe für ben ©emiffen^aften erfi xtäft terfül^rerifd^er 
aWi«griff, »enn fd^toer ifl'«, beibem gu genügen: — für jene ein ^iä^u 
|ut>iel, für btefe« ein 9^d^tguh)entg gu ftnben. 

13* 



196 S)ie Smputabilitatdfrage unb ba$ 3RobtftcabiUtftt3pto6Iem. 

Unteerptät ntd^t — nur toer biefen SDBcg nid^t f eiber jurüd - 
gelegt l^at, fann ipä^nen, in ber ©c^ule toerbe burd^^ 
®ebiet ber SBiffenfd^aften bie Steife fetter gemad^t — fie 
liefert nur ^fabtoeifer unb ein Sleifel^anbbud^ — bamit 
vm^ fid^ ber Semenbe felber auf bie SBanberfd^aft begeben. 
Slber freilid^, toie in unferer 3^it auf ädm Sanbftrafeen 
^ouriften ju finben finb, bie il^re ^üt bamit l^inbringen, 
ba^ ©efei^ene immer nur ju ^erglei^en mit bem in il^rem 
SBäbefer SBefd^riebenen, alfo niemals mit eigenen Slugen 
feigen: fo ift bie getodl^nlid^e fogenannte Silbung ein blo- 
^e8 aSergleid^en beg (Srlemten mit bem ©efei^enen, ober 
fie begnügt fid^ gar bamit, blo^ baö SReife^anbbud^ ju ftu- 
biren. ©o gel^t eg namentlid^ mit jenem ^Betreiben ber 
Siteraturgef d^ic^te , toeld^eS nid^t jum fiefen ber barin be= 
f^rod^enen SBerfe felber fommen läfet. SBa^ tounber benn, 
toenn foijiel Seute nie bie ©d^ule t)erlaffen unb be^l^alb 
immer fd^iilerl^aft bleiben, tt)eil fie nod^ forttoftl^renb einei^ 
5!Ranubucenten bebürfen, ber pe unterrid^te — pe lernen 
nie, geiftig auf eigenen ^ü^en ju ftel^en, gefd^h)eige, attein 
gu ge^en, trauen nid^t il^ren eigenen älugen, um t>on be= 
nen fid^ leiten ju laffen — fie finb eg, bie baS ^ßublifum 
au^mad^en in ben neuerbing^ fo beliebten dffentlid^en SSor- 
lefungen „für Ferren unb ©amen". — Slber h)er anber^ 
trägt hieran bie ©d^ulb, al^ eine ©c^ule, meiere bie ^Pflid^t 
Derfftumte, bem 3lrjte gleid^, pd^ felber überPüfpg ju 
mad^en — ©ängelbänber ju leil|>en, aber nid^t ben erftar^ 
lenben ©d^ultern unablö^bar pe einjuflemmen? gür pe ip 
bag aSort: 

SBenn bu ni^t irrfl, fommfi bu ntd^t ju ^erflanb; 
Sillß bu entfielen, etttf^e^ auf eigne $anbl 

ganj ebenfo umfonP gefjjrod^en toie bag anbere: 

Sad bu ererbt bou betnen Tätern l^afl, 
C^rmtrb ed, utn t9 ^u befi^en! 

ju ioeld^em bie alte gabel ben nod^ filtern Gommentar 



Sag ®d&u(tneiftert^um. 197 

liefert. ®enn bie in ber „dafftfd^en Siteratur" nieber? 
gelegten ©d^ä|e be^ SKtertJ^untö finb, an ber Oueffe ge= 
fd^ö^jft^ bem ©d^afe in jenem SBeinberg gleid^, nad^ toet 
d^em ber fierbenbe aSater bie ©dl^ne graten ]^ie§: ber befie 
il^eil il^re^ äßert^e^ befleißt in ber ttmtoül^Iung be^ ©eifie« 
burd^ bie Slrbeit fetter, unb toa^ gehoben toirb, ifi allem 
anbern unbergleid^lid^ an (Sinfad^^eit unb ©inbringlid^feit, 
tüeil ®urd^fid^tig!eit. ©elbflgefunbene SSal^rl^eiten, toeld^e 
uns in taufenbjläl^rigen ©d^riften bei ben entlegenften 5Böt 
fern toieber begegnen, betoäl^ren ftd^ nn^ baburd^ afö über 
momentane ©o^ricen l^inauggeftellt — fie l^aben bie ®as 
rarjtie ber äffgemeingültigfeit, unb fettft \>m biefem ©in^ 
brud btifeen fie fel^r tiiel ein burd^ tteberfe^ungen, toeil fie 
eben bamit bod^ toieber in einem mobemen ©etoanbe aufs 
treten, ba^ il^nen einen SBeigefd^madE gibt, ate toenn pe 
trofe attebem erft bon l^eute ioären. ©o al^nen — um 
gleid^ für ba^ l^ier in 3iebe ©tel^enbe ein 33eif:j)iel l^erau^= 
jugreifen — tool bie toenigfien, h)elc^e l^eutjutage eine 
Sanje für 3nbiJ)ibualität^enth)i<felung einlegen, ba§ aud^ 
bie§ Äa^)itel fd^on bei ben SKten feine 33el^anbiung gefun= 
ben ^at. aber man f daläge Quintilian*^ „Snftitutionen" 
auf unb ftaune, toie ber 33ud^ II, Rap. 8, fd^on ®inge ge^ 
le^rt l^at, ^on meldten je^t gerabe bie sperren ßateiner oft 
am toenigften ettoa^ toiffen it)oIIen: notare discrimina in- 
geniorum — nee pauciores animorum paene quam cor- 
porum formae. 

©tatt bie ©infeitigfeiten au^jugleid^^en, inbem man 
aud) in ber ©rjiel^ung ba^ @efe| ber Polarität toalten 
lÄfet unb erg&njenb ber ;3nbiJ)ibuaUtät iufül^rt, toomit fie 
t)on ber SlUmutter fftrglid^er bebad^t lüurbe, alfo an ber 
„:j)oetifd^en 5Ratur" ben SSerftanb, an ber jjrofaif d^en ©e^ 
mütl^ unb ^i^antafie anregt — tooju aud^i Qean ^aul*^ 
„Set)ana" fo beider jigen^ioerti^e Slntoeifung gibt — flatt 
beffen tjerl^&rtete mand^er Orten bie ©d^ule lieber barin — 
l^e^te ben gelangtoeilten Äojjf atl^emloö njeiter in immer 
gleid^er giid^tung — rül^mte fid^, il^m enblid^ „©d^lag- 



198 2)ie Sm^utabiUtdtöfrage unb baS aRobiftcabiCitdtSproblem. 

ferttgfeit" bcigebrad^t ju i^abcn, unb bcrgafe, J)a§ biefe 
iiöd^fien^ eine militärifd^c ober bii)lomattf(l^e, nid^t eine 
allgemein menfd^Iid^e Slugenb fei; unb bafe bie, burc^ ©er- 
tiren unb ©jtem^oralien angetoöl^nte „Äunft bod^ nid^t 
ftanbl^alte wt aSellen unb t)or ©türmen" unb bem beut= 
fd^en 3ünglinge im redeten Slugenblid bod^ nid^t bie Sc= 
fc^Ämungen erf^are, benen fein „blöber" esprit d'escalier 
il^n immer bon neuem auöfe^en tt)irb. @ine ©etoanbtl^eit, 
bie nid^tö ifi ate SRoutine, mad^t noc^ lange nid^t jum 
SBeltmann — im (Segentl^eil: niemanb f}at mel^r „JRou? 
tine" aU ber gabrifarbeiter, ber nad^ mobemer 3lrbeitg=: 
tl^eilung nur auf einen einzigen ^onbgriff einejercirt jmb 
babei im übrigen ein tooffenbeter „%älpeV' geblieben ift. 
SBKe bagegen ber „änfteHige" überall jured^tfommt, man 
mag ü^n berh)enben toobei man toiff, fo mufe bie toa^re 
Säilbung^reife bem Oeifie aHe^ Steifleinene au^gejogen 
i^aben. ®od^ ba^ gel^t eben nid^t fo fd^neff, bafe nid^t ber 
blo^e Sftouttnier lange ^dt einen toeiten SBorf^rung be- 
Italien müfete bor bemjenigen, lüeld^er fid^ reblid^ bemül^t, 
mit SBetou^tfein in feine 3Iuf gaben fid^ l^ineinjuleben; — 
aber bafür erntet ber eine aud^ nur ^age^erfolge, to&^^ 
renb ber anbere fid^ ber ©olibität feinet innerli^ gefräf- 
tigten SBefenö unb SBirfenö erfreuen barf — freilid^ nid^t 
leidet ungefränft t)on jenem, benn an^ ben blofeen ^anb^ 
grijflern :|)flegt fic^ aud^ ba§ §eer ber oberftäc^lid^en 
©d^ablonirer im SWenf^enfortiment ju refrutiren, benen 
il^re ©elbftgefäHigfeit dn unleiblid^ abf:j)red^erifc^es SBefen 
mitgibt, jumal mit il^nen leidet dn red^ter ©tiernad üor 
einem fte^t. Qene ©erablinigen finb aU 5ß&bagogen bor- 
trefflid^ geeignet jur ©reff ur ber 3llltag^menf d^en ; an jeber 
frifd^en urf^^rünglid^en 5Hatur toirb il^re — unbetou^te unb 
gar un^)ebantifd^ fid^ au^nel^menbe unb gerirenbe — 5|8e= 
banterie ju ©d^anben, unb aU firenge 3iici^tmeifter Jjreffen 
fie bie unjerflörbare ©^)annfraft nur nieber, o^ne bafe biefe 
bauemb atö geber einem gröjsern $!Red^anigmu^ fid^ ein- 
orbne; bielmel^r fd^nellt fie, bom S)rudfe befreit, um fo 



S)a§ @d&ulmeiftettl^um. 199 

energifd^er unb gcf&l^rlid^er ipicber auf. — ©old^c ©etab^ 
linigfeit bleibt Incommenfurabel mit icbcr ©urtje im ftem== 
ben SBcfen: immer toieber unb lieber mifet fie, meint im^ 
mer ba^ SWa^ gefunben ju l^aben: aber fobalb e^ foff au^:! 
gef^jrod^en werben, jetgt fid^, bafe alle^ im beften galle 
a^j^jrojimati^ bleibt: bie Ouabratur be^ ©irfefö i{l eben 
aud^ auf ^)f^d^oIogifd^em ©ebiet nod^ nid^t Doffjogen. 

®rum toerbe aud^ bd biefer ©elegenl^eit eine SBar^^ 
nung erl^oben, ba§ ba§ t)on urn^ ©.11 fg. ju einer ©runb^ 
eintl^eilung ber Stiteffectualanfogen berioenbete S^tuitib- 
vermögen nid^t berlped^felt toerbe mit bem banaufifd^en 
©inn für matter of fact, auf ben fid^ ßnglänber unb 
©nglÄnbergenoffen fo gern übermäßig biel einbilben unb 
auf bejfen SluiSbilbung getoiffe 3ieaI^äbagogen ber „Qe^t^ 
jeit" mit affer 3Blad^t l^inarbeiten möd^ten, afe fdnnten 
9JläbeI unb SBuben nid^t frül^ genug bem ^arabieS ber 
jtoedloö lernenben Äinb^eit entriffen tt)erben. Umgefel^rt: 
man trage ©orge, bafe ber trotfenen, nüd^ternen 3iatur 
ber nteiften fiel^rfloffe ein !|)l^antafiebelebenbe§ ©egengetoid^t 
gegeben toerbe — nur nid^t fo lüie mand^er SReuIing in 
ber ©c^ule e^ mad^t, ber felbfi ben banfbarften affer ©toffe 
— bie gried^ifd^c Jpelbenfage — abl^ören unb et)entueff mit 
3it)ang§mitteln babei borge^en ju muffen bermeint, bamit 
felbft bie gaulften „bod^ toenigften^ etnja^", nämlid^ bie 
nadten 5Ramen, behalten, unb fold^ Serfa^ren iool gar 
noc^ entfc^ulbigt bamit: bie „©d^ulorbnung" butbe e§ 
nid^t, bafe einige ©d^üler irgenbeinen ©egenjlonb ganj 
öernad^läffigten — n>a§, beiläufig bemerft, gar nid^t ju 
SJage treten toürbe, toenn man ba^ ungel^örige ©jaminiren 
barin unterließe — e§ mag ein aSorred^t weniger bleiben, 
ba^ toom Seigrer SBorgetragene im 3wf<iwiw^^«'^<^«9 tt)ieber= 
juerjäl^len — bann l^ftlt man Seigrer unb ©d^üler glcid^ 
toeit babon ab, am Slütenbuft ber l^errlid^ften ©id^tung 
ein ©acrileg ju begel^en. — 8Ber ßaricaturen liebt, ftnbet 
im Slnfang "oon SBoj' „Hard Times" tint föftlid^e ©atire 
auf fotc^en ftrieg gegen affe^, toaö „fancy" l^eifet. 55ie 



200 S)ie Smptttabiat&töfrage unb baS aRobificabUitdtgproblem. 

fetten 'oon ber Qun^t ber eonfequenjennmd^erei (bencn 
©d^ojjenl^aucr fo aUertiebft in feinen Fragmenten ju einer 
©riftif i^eimgeleucl^tet f)at) iperben l^ier tiietteid^t auff d^reien : 
bann toittft bu beine „jarten Äinberfcelen" tool aud^ nid^t 
ntit bem ©ini)rägenlaffen ^on Qal^re^jai^len abpla^m^ — 
unb fo toiH id^ il^nen mit einer änttoort entgegenfommen, 
obgleid^ fte eigentlid^ !eine berbient l^aben: ba§ d^ronolo* 
gifd^e ®mpp^ ift für ben Ueberblidf über ben :j)ragmatifd^en 
3ufammenliiang unerla^Hd^, alfo aud^ fottjeit toie ©inftd^t 
in biefen 2^^d be^ ©efd^id^t^unterrid^t^ ift — b, i), in 
SKäbd^enfd^uIen faji gar ni^t unb für Änaben in einem 
fel^r ju befd^ränfenben aJiafee. 2lm aUertoenigften aber 
foli fic^ ein blofeer eini)au!er bon ©efd^id^t^tabeHen J^erau^^ 
nel^men, einem ©d^üler ben l^iftorifd^en ©inn abpf:j)red^en, 
toenn beffen ©ebäd^tnife fd^toäd^er ifi aU feine (Erinnerung 
— unb faH^ berfelbe infolge beffen einmal ein factum in 
bd^ unred^te Qa^rl^unbert berlegt, loeil er fid^ auf ben Su- 
fammenl^ang erft befinnen mufe unb nid^t loie ber gebanfen= 
lofe SKemorirer bie S>^1)lm bon feiner tabula capiti in- 
scripta bloS ablieft, fo ift ba^ genau ebenfo gu beur= 
tl^eilen toie bie oben ©. 16 in ©d^ufe genommenen SSer^ 
ftöfee gegen grammatifalifd^e ßorrecti^eit in ©EtemJporancn. 
Unb glüdflid^ertoeife ftel^t nn^ aud^ l^ierbei it)ieber ün 
Sunbe^genoffe jur ©eite, beffen Slutorität bie ^pi^ilologen 
f eiber niä)t tt^agen tt^erben anjutaften: Qafob ©rimm, an 
©innigfeit unb ^umor (man lefe nur j. 33. ben ©d^lufe 
bon ,,Ueber ba^ ©ebet" nad^!) bie Qncarnation be^ 
beutfd^en ©emütl^^ in feiner i^öd^ften ^otenj unb reinften 
Sauterfeit. ®er l^at in ber ©ebäd^tniferebe auf Sad^- 
mann ioie in „Ueber ©d^ule Uniberfität Slfabemie" ben 
bünfell^aften ©i)rad^gelel^rten mand^ bittere SSa^rl^eit ge^ 
fagt; unb fud^t man nad^ einem ©rflärungögrunbe für 
ba^ aSerfeffenfein gerabe biefer &mU auf il^r gad^, fo meine 
i^, ber n&6)\te laffe fid^ barin flnben, bafe bei i^eutiger 
©d^uleinrid^tung gerabe bie bornirteften reinen ®Etem:()orale= 
föj)fe gu ber ©inbilbung gelangen muffen, fie feien jum 



3)a^ Sd^ulmeiftett^um« 201 

©^mnafioUel^reramt terufen, toeil fic unter iffxen 3RiU 
f dualem ben ,,erfien 5ßla|" einncl^men* 6tn ©taub aber, 
ber fid^ au^ fold^en Xixonm refrutirt, f}at feine unt)er= 
fd^ämteften äbfenfer auf ben Soben ber „^iftorifd^en Äritif" 
geijjftanjt, foba§ e^ einen freilid^ ntd^t iDunbeme^men fann, 
ioenn fold^e Seute um bie Sel^auJptung 'oon ein paar boc= 
trinären ^pi^rafen bie (eben^toarme ©egenioart tjerfaufen 
wollen an bie S^imäre ber nebulofen S^lunft, H)ie fie ftd^ 
biefelbe nun einmal au^gebad^t l^aben, S^t engem S3ereid^ 
ber ©d^ule aber follte fid^ boc^ niematö bered^tigt j^aften, 
einjuftimmen in ben trivialen ^pott über ben Slürnberger 
2!rid^ter, toem ein fold^er im ®runbe eine i^öd^ft tüiHfoms 
mene (Srfinbung fein toürbe. Ober l^at ün ßel^ren unb 
Sernen l^öi^ern SBert^, toeld^eg nur ben Q^ed verfolgt, 
ba^ fid^ ettoaS toorfinbe, toa^ abgeja^)ft toerben fönne, 
tomn in einem ©jamen — gleid^toiel toelc^er Slrt — bie 
©!|)unblöd^er geöffnet unb tool^Igeaid^te ©efäfee untergefteHt 
tt)erben, in benen e^ fid^ auffangen unb meffen laffe ? Äann 
irgenbtoie abfragbarer Sernjloff aud^ nur für oberfläd^lid^e 
aSeurti^eilung ber toirflid^ t)orl^anbenen 33ilbung einen 
Slnl^aft geben? ober lä^ ftd^ \)idmef}x fold^ in ben ©d^ü= 
ler ^ineinge:t)um})te§ 3^«9 nid^t blo^ ,,abfd^ä|en" ober 
„tajiren" toie ein ©runbftüd nad^ feinem ®rtrage an — 
leerem ©troi^? (Sin auf bergleic^en abgielenber ttnterrid^t 
bünft mid^ fo craffer ^ol^n auf aHe^ tt)a^ tt^ai^rl^aft ©r^ 
jiel^ung fid^ nennen barf , ba^ man nur gioeifeln fann, ob 
babei bem Seigrer ober bem ©^üler bie fläglid^ere 9lolle 
jugetl^eilt fei* Unb toeil jenem felber babei jeber jutjer:! 
lÄffige aWa^fiab für ed^ten ®rfolg feinet SBirfen^ abl^anben 
fommt, fo fiel^en ioit l^iermit toieber an einer ganjen 
Älaffe t)on Qrrt^ümem, benen gerabe ber Seigrer ate fold^er 
Dorjug^ioeife au^gefe|t ift, unb reil^en be^l^alb l^ier nod^ 
eine Semerf ung an , bie aUerbing^ aud^ auf ioeiterm aSe^ 
trad^tungiSfelbe einen $la| toerbiente — fo mag fie benn 
5u einem fold^en nn^ jurüdEleiten. @jS gibt eine ganj be:: 
ftimmte 2lrt toon ©d^einmobificabilität, bei loeld^er n>ir 



202 3)te 3m)3utabt(tt&t$fra9e unb bad aRobtftca6Uitat3prob(ent. 

glauben, ein 3Dlenf(i^ l^abe fid^ toeränbert, toäl^renb in 
SBal^rl^eit nur unfer SScr^ättnife gu i^m ober feinet ju un§ 
ein anbereö geworben ift. Unb berartigeö tritt befonbcrö 
leidet unb l^äufig jloifcl^en Seigrer unb ©d^üler ein, — fei 
es, inbem ein frül^er entjianbeneS 3DliStrauen befeitigt 
tt>urbe ober ein früher nid^t üorl^anben getoefeneS fid^ eim 
jleHte — fei eS, inbem baö ^jerfönlic^e SBerl^altniB jioifd^en 
il^m unb uns biSl^er baS ber relatiben Oleid^gültigfeit ge^ 
toefen toar unb jefet irgenbein ©reignife, ettoa baS S^fö^wien^ 
treffen auf einer SReife, bie 2;i^eilnal^me für bem einen toon uns 
beiben toiberfa^reneS UnglüdE u, bgl. uns nft^er jufanmtem 
fül^rte: bann fonnte gegenfeitige S^netgung auffommen 
unb ju einem — tietteic^t gar mit SBed^fetoirfung fid^ be^ 
t^ätigenben — SKotib ju gröfeerm @ifer toerben. @inb 
es bod^ gerabe berartige SBorgänge, in toeld^en eine än- 
ttäl^erung jtoifd^en „©d^ule unb ipauS", b- 1^., baS ßon^ 
crete an bie ©teile ber 3lbftraction gefe|t: jtoifd^en biefem 
beftimmten Seigrer unb biefen beftimmten Sleltem überaus 
toid^tig loerben, ja „SBunberbinge loirfen" !ann. 



14. Sie äRobtftcaMHtätsfrage bon ber mttttp^ft^if^ttlfb 

f^en @eite. 

Seugung unb 2;ob flnb nid^t bloS bie ©nbjjunfte, 
jtoifd^en benen fid^ äffe SSorgftnge beS 3nbibibuallebenS 
bewegen, fie finb aud^ bie beiben ©runbrfttl^fel, auf toeld^e 
toir affemal jurüdf gelten muffen, fo oft wir bis an bie 
äu^erflen (Srenjen beS ®rfennbaren unb SBegreiflid^en bor* 
bringen tooffen. Sei i^rer a3ef:j)red^ung toirb beSl^alb aud) 
©d^o^oeni^auer ju 6onceffionen genötl^igt, toeld^e er l^art= 
nftdig verweigert, folaitge eS fid^ um Dinge beS SebenS 
l^onbelt; in il^nen berül^ren fld^ eben ,/3^t" wnb „®tt)ig= 
feit"; fie finb eS, loeld^e gu bem ©eftänbni^l brängen: wir 
wiffennid^t, „wie tief, imSJefen an ftd^ ber 3Belt, bieSBur= 
jeln ber 3nbit)ibualität gelten" (i)gl. u. a. „Sie SBelt als 



S)ie aRobiflcabißtdt^ftage »on bet metap^^fif^^et^ifien ©cite. 203 

SBitte unb SBorfieaung", 2, Stuft., II, 635; 3. Stuft., II, 734) ; 
fie auc^ füllten bajiu (ebenbaf., ©.>505,573), „iebem" eine 
„Essentia" jujuerfennen, tt)a§ toenig i^ercinbar fc^eint mit 
bcm SBBiffen at^ bem StU-Sinen ; fic mitbern enblid^ and) bie 
©d^roff^eit bei Scugnung jeber ^erfectibilität unb berm 
ftel^rfeite,bcr ®ci)rababitttät. ©otd^e SBorberfä|e nun ^eifd^cn 
bie ©onfequenj, bem !3nbii)ibueIIen aU fold^em mit ber Es- 
sentia anä) bie ©toigfeit ber Existentia ju t)inbiciren. 
35ann aber mufe aud^ jenes ^tu3 eiüig, toeit iDefentlid^, 
fein, toeld^eS bie ^nbibibuatität t)om %\)pn^ ber ®attung 
unterfd^eibet, eS mü^te aud^ il^r „baS SJafein eiüig gemife 
fein", unb eS iDäre fofort bamit aU unl^altbar bargetl^an, 
bem ®ing an fid^ a:|)obiftifd^ atte SBiell^eit abjuf^jrec^en. 
©off ber aSiffe burd^ bie Suflcibe beS 3»ttteffect§ fo funba^ 
mentat umgeftimmt ttjerben (dnnen, bafe er beim 3^obe aU 
ein anberer austreten fönnte, aU toie er bei ber (Seburt 
eintrat (togt. a. a. D*, ©. 506, 574), fo erfd^eint eS als reine 
aSifffür, fotd^e Slenberung äff er ©tetigfeit, äff er ftufem 
mäßigen äffmä^Iic^feit ju entfteiben unb felbige für einen 
fd^ted^tl^in momentanen, ber ßaufatitätsf ette entrüdften 
SBunberact auSjugeben; unb lt>ir fönnen l^ierin nur bie 
©ajjrice eines bie Folgerungen auS rid^tigen 5ßrämiffen 
überf:j)annenben gbealiSmuS erfennen, tooran bie btanoio= 
logifc^e ®runbtegung beS ©^jlemS unb beffen äfll^etifc^er 
X^eil i)iel fd^timmer franfen, ats baS jtoeite unb vierte 
33uc^. 9lur fo l&%t fid^ ber äffe biefe ^^ragen bei ©c^o^en- 
Iraner burc^jie^enbe craffe Dualismus toenigftenS ab- 
fd^toÄd^en, t)ieffeic^t gar ganj befeitigen* 

f^teilid^ ift ber fieib — bies ^robuct ber S^it9w«g tinb 
biefer SRaub beS 5CobeS! — bie ßinl^eit \>on Oe^irn unb 
©liebem, unb fold^e ©in^eit mufe aud^ im inbiüibueffen 
SBiffen Dorl^anben fein; — aber tooffte man — aud^ nur 
!pl^ftnomenoIogifd^ — bie buatiflifd^e ©onberung bon SBiffe 
unb SSorfieffung fd^arf burd^fül^ren, fo müfete man fotgern, 
bafe bie mittets ber 6oncei)tton jufammengefd^toei^ten gac- 
toren im ^obe ttjieber tooffft&nbig auSeinanbertrftten. ®ieS 



204 3)ie 3lmputabilitftt§frage unb ba3 2RobiftcabUitdtg))robIent. 

ift nun abn infofem toieber nid^t benlbar, ate ber Qn- 
tettcct tDcfentlid^ ba^ fecunbäte 5ßtobuct beiS SBiffen^ fein, 
alfo in i^m and) ein Sngrebieng be^ müttctUd^en SBillcn^ 
ijeterfcen foll. ®ann aber ergebt fid^ ber neue, toon ©(^o= 
!()en^auer felber nic^t ignorirte, SBtberf^tjrud^ : tote fann ein, 
burc^ bie ijäterlid^e 9Mitgift inbiöibueff ;t)räformirter, SBiUe 
fid^ einem, feinem SBefen fremben, Qntellect üermä^Ien? — 
biefer to&re ja nid^t fein eigen 3Berf, fonbern ettoa^, 
gleic^toiel ob ein i^m Slufgebrungene^ ober ©elbfigetofti^Ite^, 
ba^ toor ber ^Bereinigung mit i^m feine ©^fteng für fid^ 
gehabt l^ätte. QebenfaU^ aber ift anbererfeit^ ber SBBitte 
mit bem SnteHect ju feft üerfc^motjen, afö bafe er (a. a. D.) 
toie eine blofee „gorm" bürfte betrad^tet toerben, bie ftd^ 
beliebig um- unb abhängen üefee gleid^ einem 3RanteL 
©off ber Snbiüibuald^arafter ein fold^e^ Slbbition^facit 
jtoeier organifd^er 9Konaben — be^ sperma unb ovum — 
fein, fo ift ber f Rötere emäl^rung^jjroce^ erft rec^t mel^r 
ate ein blo^e^ Slnalogon, er ift, n>ie ©d^o^tjeni^auer felbft 
irgenbioo fagt, bie gortfe|ung ber3^wgwng; unb toa^ ber 
erfien ©Ovulation in biefer an golgenmöglic^feit juge- 
flanben toirb, tann ben f Jätern ©rneuerungen nid^t be- 
ftritten loerben, unb biefelbe Suntl^eit, bie in ber B^ws^^^S 
entftel^t, gamiliengeifter unb ^Rationalitäten gru^j^jjirt, toürbe 
ebenfo gut bei Sebjeiten burd^ Älima, Slal^rung u. f. lo. 
nod^ ijermaniud^f altigt. ©o ergibt fic^ aud^ auf biefem 
Setrac^tung^ioege ate ba^ ßonfequentere, ben 3nbii)ibuat 
toillen an^ ber gocalein^eit vieler Äraftfäben refultiren ju 
laffen (©. 164 fg.), unb toa^ in ber ^Palingenefe toieber ium 
aSorfd^ein fäme, toären bie einzelnen eiemente in ganj 
neuer aWifc^ung ; nur ein lounberbarer 3wfatt lönnte einen 
fc^on einmal bageioefenen Gom^lej in tootter Integrität 
toieber an^ Sid^t führen, tooju i^m bie enblofe S^t affer- 
bing^ ^pielxaum genug barböte. 

3)abei fann übrigen^ — ber ©rfa^rung gemä§ — 
jugegeben toerben, bafe bie bai^ 83ett)ufetfein conftituirenben 
gäben mel^r au^ bem ovum, bie bie etl^ifd^en 3)ifferengen 



^te SDlobificabUitfttdfrage )7on ber ineta))]^9ftfd^setl^if(i^en Seite. 205 

l^erbcifül^renben mel^r au^ bem sperma fid^ entfalten mö= 
gen. ®amit toftte aber bie in§ Esse jurüdgefc^obene 
„f^^ei^^t" DoIIenbö ^reiiSgegeben ; eg toftte fd^on „^tJtftbe- 
ftinirt", iote toeit ber SBiffe „gebeffert" in bie SnbitibuaU 
epftenj einträte — e§ toftre aUe^ 5Ratur^)robuct. SBol^in 
aber toürbe bie ©onfequenj angeblid^ fortfd^reitenber „3Ser= 
tooIHommnung" be^ 3Renfci^engefci^lec^t§, bie fic^ bereite 
l^iftorifd^ bocumentirt l^aben müfete, — nur bafe atterbing^ 
aud^ eine abfteigenbe Älimaj, ein SSermäl^Ien mit fd^led^:; 
term Sntellect, möglid^ bliebe — l^inauSlaufen? — auf 
Stealifation beg biabolifd^en ^ßrinci^^, bem bie Slfceten ba^ 
gelb geräumt l^ätten — bann ft)äre bie golge biefe^ natux^ 
gefefettd^en, alfo rein not^loenbigen, SBerlauf^ ber ©efd^id^te: 
öoHftänbige ^errfc^aft be§ ©goiSmug unb ber So^l^eit, ba 
ja bie Jpeiügen auf bie anbere ®dte ber $öl^e l^inab- 
geftiegen wären. Unb felbft fold^e „33efferung" in ber 
,,©ucceffion ber ßeben^träume" l^ätte nod^ eine il^r parallel 
innerl^alb ber einzelnen Seben^träume fid^ tooUjiel^enbe §ur 
SSorau^felung, fd^on infofern, afe aud^ jene erft attmäl^- 
Ii(^ mit ©ntfaltung be§ inbit)ibueHen Setoufetfein^ ftd^ be= 
tl^ätigen fönnte. — SBic nun aber fielet e» um bie SRög- 
lid^leit einer fold^en? SBon an^m l^ineingebrad^t fann fie 
nid^t ft)erben — ba^ toürbe fie toert^Io^ mad)m, ben ^e^ 
griff eine§ ft)al^r^aft etl^ifd^en 5ßroceffe5 aufl^eben — fie 
müfete alfo 5ßrobuct ber ©elbfterjiel^ung fein — unb 
ioie lä^t fid^ eine fold^e toorftellen? 9Kit anbem SBorten: 
tt)ie fann ber ertoorbene ßl^arafter an^ fid^ felbft l^er= 
au^ pi einer äenberung gelangen, bie bem gleid^fommt, 
toa^ in ber ©^rad^e ber Slttegorie aU SBiebergeburt 
bejeid^net toirb? 3)ie blofee ©elbftjud^t, man möd^te f agen : 
©elbftbreffur, fann bal^in nid^t fül^ren — benn m^ biefer 
gel^t nur jene ©elbftcontrole ^erbor, toeld^e barüber toac^t, 
ba^ ba^ blinbe SBotten nic^t fojufagen einen ,,bummen 
©treid^ begel^e", ben l^ernad^ bie finge, bie eigenen 2^cde 
rid^tiger beurt^eilenbe, Sefonnen^eit be^atoouiren müfete — 
unb fie betoeifi nic^tiS atö eine getoiffe ©m^jfänglic^feit für 



206 2)ie dmputaHat&tdfrage unb baS aRobificabilitdt^ptoblem. 

bic aBirtfamfeit abfiracter SKottec, eine gftl^igfeit, toeld^c 
afe fold^e ja ebenfo gut ber rafftnirteften ©c^laul^ett unb 
§eud^etei toie ber ©elbftoerleugnung bienen fann — unb 
bafe toa^ 33efferung genannt toirb, gemeiniglid^ nur öon 
biefer Slrt ift, mad^t eine unantaftbare aSoi^rl^eit in ber 
©d^oiijenl^auer'fci^en 5DarfteIIung auö — unb l^ier l^anbelt 
e^ fid^ barum, ob nid^t neben fold^er ©d^einbefferung noc^ 
eine tpirflic^e benfbar fei. Unb ben ©tü|punft für dne 
fold^e l^aben loir tool bereite gefunben in ber ^oJppdf^üt 
ber in un^ nebeneinanberbefte^enben ©trebungen. ®3 
fäme alfo nur barauf an, einen 2lct au^flnbig ju mad^en, 
mittete beffen e^ gelänge, ba^ jtoifd^en beiben ®egenfÄ|en 
ioorl^anbene ©leid^getoid^t aufgul^eben unb bem „beffem 
©elbft" jum Uebergetoid^t ju ijerl^elfen. 3n ber 5C^at 
fd^eint bie fittlic^e SWad^t be^ ©J^riftentJ^umö auf biefem 
©el^eimnife gu berufen. 

^k nämlid^ ©ofrate^ feine 2BeiSl^eit barein fe^te, 
bafe er toiffe, toie er nid^tS toiffe, fo fefet ber !t)aulinifd^c 
ober auguftinif(^e ßj^rift feinen 3Sorjug toor ber übrigen 
fünbigen SWenfd^l^eit barein, ba§ er loeife, ein ©ünber gu 
fein, unb nad^ ^eiligleit begel^rt, loie ©ofrate^ na^ ©r^ 
fenntni^. ®ie fogenannte 33efferung, ober genauer: bie 
„beffernbe" ©rjiel^ung aber toerl^&lt fid^ jur Heiligung, loie 
bie 33elel^rung jur ©rfenntnife — tt>ie ba§ äufeerlid^ Siar^ 
gereichte (unb angeeignete) ju bem innerlich ©rtoad^fehen. 
Sßie jebe 2Ba^rl^eit mufe erfal^ren, gefd^aut n>erben, um 
toirflid^ ein Seftanbtl^eil unferer ©rfenntnife ju toerben, 
toie bie Selel^rung nur bie gorm, bie ^ülfe ber SBa^rl^eit, 
alfo bie ©elegeni^eit geben !ann, biefe f eiber ju ertoerben: 
fo muß jebe Heiligung in einem f^ontanen 3(ct t)on innen 
l^erau^ entftet;en. Sie blo^e „Sänbigung" ift ja bod^ fo 
toenig f d^on SBeff erung , ioie bie blo^e „SSerf einerung" ober 
„Politur"; unb e^ ift babei ganj gleid^gültig, toeld^er 3lrt 
bie angetoenbeten SBftnbigung^mittel ftnb: , ob ^anbfeffeln, 
Stoangj^jadf en , ber ©tod für ben „ungejogenen" ^vbm 
ober ijeränberte Segriffe t)on ®l;re unb beffere ©infid^t in 



2)ie äRobificabilttdtöfrage )?on ber meta4>l^9ftf<j^«etl^if(i^en Seite. 207 

t>m aOBett^ il^rer Setoal^rung für^ ipraftifd^e gortfommen 
— ob bie allgemeine ©l^re be^ „guten 3tuf^" ober eine 
befonbere ©tanbe^el^rc (toeld^ leitete ja j. 83. beim tüof)U 
gefd^ulten ©olbaten aSBunbetbinge, eingeftanbenermafeen 
feli&ft in ©ad^en be^ SRutJ^e^ erreichen lann, fobafe man 
jagen fonnte, bie S^furgifd^e SBetfaffung l^abe eg burc^^ 
gefegt, bafe in ©patta ber größte 9Rut^ baju gehört l^abe 

m geigling ju fein, b. f), aü fold^en fid^ burd^ 

gal^nenflüd^tigfeit ju erf ennen ju geben), älfo mu§ e^ 
um bie loal^re Heiligung aud^ ein „SK^fietium" fein, 
ioie man e^ t>on bet greil^eit gef agt l^at. *) — Sßic eine 
unvernünftige, unfittlid^e ©efe^gebung, ja fd^on bie blo|e 
UeberfüHe unmögli^ in jebem gaffe ju beobac^tenber ©es 
fe|e — plurimae leges, pessima respublica — ben S3ürger 
nfttl^iflt, jum ^euc^ler ju ioerben, fo bemoralifirt aud^ ba^ 
ju viele ©e:= unb SSerbieten in ber ©rjiel^ung affein fd^on 
burd^ ben 3leig be^ Ungel^orfamö — ober nid^t genug 
baran (benn biefe BüU gel^ört eigentlich fc^on in einen an^ 
bern Sufammenl^ang, unb l^ier gel^t un^ nur golgenbe^ 
an): eg greift aud^ affaugenblidlid^ ftörenb ein in ben 
ettoa beginnenben ^ßrocefe ed^ter ©elbfierjiel^ung — benn 
t& lenft bie Slufmerffantfeit von bem innern Äern be^ etl^i- 
fd^n ©el^altö ob auf blo|e äleu^erlid^feiten unb l^inbert 
fp gerabeju bie, fittlid^ minbeften^ jtoeibeutige, Segalitfit 
baran, fid^ in etl^ifc^ affein geltenbe 3Koralit&t umjutoam 



*) ©otoenig — abgefe(^en t)on ber momentanen, gleid^fam auf 
(Slafiicität berul^enben ^en?egung bed @)>ringend — ein iD'^enfd^ ftd^ 
\tlbtx au9 freier $anb (ettoa an ben paaren ä la iD'^ünt^l^aufen) em* 
^or^eBen nnb fo feine eigene ®($tt)ere )>erni(]^ten !ann : eBenfo menig 
isermag jemanb, fld^ auf fi(^ felber ju legen, um fic^ gu brüden, 
b« ^. feine eigene ©(i^mere §u t)ert)ie(fa($en — unb bennod^ fie^t ed 
tDie ein fold^es ^unflflücf aud, menn mir in ^cten ber @e(Bf}be« 
l^errfd^ung bem aufquellen unferd ganzen Sillend burc^ ben Siden 
felBer (Stn^alt tl^un. SDad ifl bod^ nur mi)gli($ , totti ein Tlotir> bem 
anbem entgegenfiejt, »ie ©tarrl^eit ober iWu«feIfraft — etma Beim 
$eBen an einer ^anb^aBe — ber ©d^mertraft. 



208 .3)ie 3lm))utaMUt&töftage unb ba§ a)tobt{tcabtHtätg))roblem. 

bellt. SQBcr ftetö nur barauf Sld^t geben mufe, ba^ et fein 
®efe| übertrete, gelangt barüber niematö ju ftitter 6in= 
fei^r. in fid^ felber, biefer erften unb unerlafelid^en SSorbe- 
bingung atter Heiligung. Sie ftete SRüdfic^tnal^ttie auf 
eine !t)ofitit)e ^eteronomie nimmt nid^t nur ^dt unb Äraft, 
fie raubt aud^ ben SKutl^, eg ju berjenigen Slutonomie ju 
bringen, ol^ne toeld^e jebe ©elbfterjiel^ung ein Unbing bleibt. 
SRic^t barauf, ft)a§ SBelt unb ©rjiel^er, fonbern barauf, ft)aö 
toir felber au§ nn^ unb unferm „5RatureIl" gemad^t l^aben 
ober nid^t gemad^t l^aben, fommt e§ an bei ber §rage nac^ 
toirflid^ funbamentalen ßi^arafterftnberungen. Slennen toir 
SRatureff l^ier bie ©onftitution al^ etl^ifd^e 5ßrÄbi^j)ofition — 
alfo ettoa al^ Steigung jur SBottuft, — fo liegt eö nid^t 
gar ju toeit ab, baffelbe bem ^jaulinifd^en 83egriff ber 
aap^ analog §u ftetten, unb unfere ^age Iftfet fid^ bann 
formuliren al^ bie nad& bem realen SBerl^ältnife jtoifd^en 
aap^ unb Tcvsufjia — nur ba^ ung nid^t ba^ 7cvs5|jia für 
eine aufeer bem jur Heiligung fd^reitenben 3nbit)ibuum, 
gefd^toeige au^er ber „ bieff eitigen " 2Belt, itjirfenbe SJlad^t 
gelten fann. 

®ie bloßen „®runbfä|e" aU „SReferöoir" öon Sebenö^ 
regeln mad^en*^ an6) nod^ lange nid^t, nod^ loeniger bie 
„guten SBorfä^e". ^ ©egentl^eil: bie Unmittelbarfeit be^ 
Slugenblid^ mufe ben ^ßunft l^ergeben, auf ben ber $ebel 
attein fid^ ftüfeen fann, mittefö beffen ba§ fittlid^e SBoffen 
feine Äräfte toertoielfad^t, fid^ felber em^orl^ebt; toer feinen 
83oben unter fid^ l^at, loiber ben er fid^ ftemmen fann, ber 
toirb nie unb nimmer au^ bem bloßen 3^^^^^^^ i^eraug* 
fommen. ®er ganj abftracte — „ioie au^ bem Slermel 
gefd^üttelte" — SBiffe: id^ ioitt mid^ aufraffen, fann gar 
nid^t entfielen an^ bem 5Rid^t^ be^ liberum arbitrium in- 
differentise : töo ein fold^eg Streben fid^ tl^fttig jeigt, ba 
ift eg eben nur ber Sluöbrudf eine^ allejeit im Qnbitoibuum 
öor^anben getoefenen ®runbn>oIleng. Um bie fogenannten 
®runbfä|e mand^er 3Renfd^en rid^tig ju loürbigen, mü^te 
man eben il^r ßeben, b. f). if)xm SGBanbel unb il^r ©rieben 



^ie äRobiftcairiKt&töfvage t>on ber metop^i^ftf^^et^ifd^en @eite* 209 

genau fennen; bann ti)ärbe mand^eS, toa^ mit bem 9(n^ 
^ptu^ auftritt, me „aWaEimc" ju fein, fid^ au^toeifen aU 
aSerfud^ einer nad^trÄgüd^en 3l))ologie für irgenbeine gang 
bejlimmte ^anblungStoeife — unb jum Xl^eil l^ieraug ift 
bie SBBanbelbarfeit beffen ^erjuleiten, toaö^geioiffe ßeute il^re 
„5ßrinci^)ien" nennen ; — auc^ fie finb „fid^ f eiber m ®e= 
fe|" — aber bie§ ®efe^ ftammt fo toenig „aui^ bem ®eift'' 
(Tcveufta) tt)ie „auä ber aSal^rl^eit", — unb bie „5ßflajier= 
fteine auf ber ©trafee jur ^öUe" toerben anberi^too ge- 
fd^lagen ate an^ bem %tU ber fittli(^en ©nergie. — 6rft 
rm^ man gelernt l^aben, unbeirrt, bie Slugen nic^t red^t^, 
nid^t linfe toerfenb, einen geraben feften Sßeg ju gelten, 
e^e man an^an^m tann, „an fid^i f eiber ju arbeiten". 
aSer fic^ atte SKorgen öon neuem ettoa^ „ijornimmt", ber 
gleid^t einem, toelc^er om ®raben immer toieber ju aber^ 
maligem Slnlaufe iimfel^rt. D^ne fletigeö gortf (freiten 
ift lebe ßoncentrirung ber etl^ifd^en Äräfte unmöglid^ — 
unb baju angul^alten, barin jur Uebung unb ®ett)ol^nl^eit 
eg ju bringen, ba^ ift ber ©egen ber regelmäßigen 21 r= 
beit. (»gl. „ ©filier. Qim ®ebäc^tniBrebe wn Dr. 
Suliug Sa^nfen" [Slnllam 1859], ©. 13.) 3m %xb^m 
lernen toir jun&d^ft, anbereS ju unterlaffen unb fo un^ 
felber abjujiei^en öon ben ®efal^ren, toeld^e je nad^ unferer 
3nbü)ibualttftt für un8 bie bebenllid^ften ftnb. SRic^t an-^ 
ber^ ate via privationis laffen bie erfien ©d^ritte jur$ei= 
ligung fid^ gurüdlegen. 3Son ber Ur- unb ®runbfünbe, 
ber ftet^ auf ber Äauer liegenben aSerfud^ung be^ „SBitteng 
ium Heben'' in feinem m&d^tigften S)range, toußten bieig 
fd^on bie alten Äird^enlel^rer , aU fie ben Äanon auffteHten: 
„aBiber alle ©ünbe mag man fed^ten, aber bie Unfeufc^^ 
^cit muß man fliegen", unb ber l^eilige granj Don Iffift 
^anbelte banad^, aU er niemals bie älugen auffd^lug, 
toenn er mit einem SBeibe ^pxaä). @S ifi fo ti)enig nic^t 
um fold^ ein „ber ©ünbe auä bem SBege gelten" — unb 
toer eintoenben möd^te: toenn bie Suft im bergen ift unb 
nur ber ®elegen^eit ^arrt, fo — bem antworten tt>ir: fo 

9tt^n\tn, S^avolterotogte. i. 14 



210 2)ie 3m))utabiIitAt$fta9e unb bad aRobiftcaMlit&ti^proUem. 

mad^t eg einen großen Unterfd^ieb, ob man fid^ bet ®e= 
legenl^eit fem l^ält ober nid^t. Unb baffelbe bejeugt jebem 
fein eigene^ ©etoiffen, fattö eS nid^t ettoa fd^on an 
ipeautontimorumenie Iranft. ^mn bie t^atfftd^Iic^e aSer- 
Übung einer ipanblung toirft eine ungleid^ tiefere Sfteue, 
otö bie blofee ^orftettung, in toeld^er toix un^ einer fold^en 
%ffat glauben fällig l^alten ju muffen. ^ gleichem ©inne 
f^red^en bie 23^eoIogen öon einer SBed^fetoirfung jtoifd^en 
ber einjelnen ©ünbe unb ber affgemeinen ©ünb^aftigf eit. 
Unb jur (Srlebigung be^ bamit aufgetoorfenen metaj)l^^flfd^5 
^)f^d^ologifd^en ^roblemg genügt eö nid^t, ba§ aSefen ber 
Oetool^n^eit ber !t)l^^fifalifd^en vis inertiae gleid^jufteffen, 
no^ bie ^age abjufd^neiben burd^ ba^ S)ecret: bie pi^ 
fftffige 3ci^l ber einzelnen ©ünben gel^öre bem em^irifd^en, 
blos !t)l^ftnomenalen ß^arafter unb feinem SSer^ältnife ju 
nod^ jufÄffigern Umftänben an unb fei für bag inteffigible 
SBefen — bie eigentlid^e ©ünbl^aftigfeit — irrelevant. 3m 
©egentl^eil: fo einfad^ ift ba^ aSerl^ältni^ i)on ®ing an 
fid^ unb ©rfd^einung benn bod^ nid^t, mag aud^ abftracte 
ßonfequenj beibe ju gdnjlic^ bi^^araten ©ingen gemad^t 
^aben; üielleid^t blo^ in ber mel^r ober toeniger flar be^ 
toufeten Sttbfid^t, ber afferbing^ fd^toefften affer ))f^(^olo^ 
gifd^en Silufgaben fid^ überl^oben Italien ju bürfen: an je^ 
bem ^punfte unb im fleinften detail bie Sejiel^ung jtDifd^en 
©injelerfd^einung unb ©runbtoefen nac^jutoeifen. S)enn 
freilid^ iji e^ leidster, fid^ bei bem @a|e ju berul^igen: 
ba^ gel^ört nur bem em!t)irifc^en ©i^arafter an — tt)ogegen 
immer ft)ieber ^erbart unb ©oetl^e (in ber „Statürlid^en 
^^od^ter") red^t bel^alten: too toa^ erfc^eint, bamufe bo^ 
aud^ toaS fein — unb in biefem ©inne ioagen toix e^, 
im langfamen 2iem^o be^ angetretenen 3Rarfd^eg unfere 
änal^fe ber ©elbfterjiel^ung fortjufe^en — um bie ®ebulb 
beg Sefer^ bittenb bei immer iDieber fic^ quertoorlegenben, 
aber nid^t ju überfj)ringenben, nur ju umfd^reitenben 9*^ 
tarbationen. SBir fe^en nn^ nftmlid^ l^ier gleid^ jurüdt^ 
getoorfen auf bie ^i^age: toie ift ©elbftbel^errf(^ung 



SDlögli^fcit ber Sclbftbeldcrrfci^ung unb ©elbftetjicIEiutig, 211 

naä) bettt, tva^ oben ©, 141 fg. unb 145 fg. über bag 8Be= 
fen ber Effecte gefagt ift^ überl^au^jt öorftellbar ju ntad^en? 



15« ($ortfe$ung. ^te WHlxitfttit ber fogenannten ©elbft:^ 
be^errfti^ung^ ®elbfter}ie]^ung^ Selbfttiereblung unh ber 

„Sefferung" äberl^au^it 

• 

©afe bei ber Ueberminbung eine^ Slffect^ ©emol^n^eit 
unb Uebung gemeiniglid^ ba^ meifte tl^un, ift leichter be= 
^au^tet unb anerfannt, al^ begriffen, b. f). nad; feinem 
2Bie? eingefe^en. Qebe^ „Uebung mac^t ben SReifter" be^ 
tu^t auf bem „Sel^arrung^^ermögen", b. 1^. auf bem 39e:= 
^arren in einmal eingeleiteten 3wftänben unb Functionen, 
bi^ eine neu eintretenbe Urfad;e bie^ Se^arren aufgebt — 
unb ©d^o^)enl^auer l^at fd^on in ber erften aufläge feinet 
„©a|eö bom jureid^enben ®runbe" ba§ re^)robucirenbe 
©ebäd^tnife ate Uebung im 9le:probuciren ben galten öer- 
glid^en, in tt)eld^e ein Xu6), ba^ längere ^nt jufammen^ 
gelegt getoefen, t)on felbft tt)ieber jurüdf dalägt ober t)on 
loeld^en e§ toenigften^ bie ©^uren behält. Unb in ber 2^l^at 
l^at ba§ ©ebäd^tnife, genauer: bie (Erinnerung, an bem 
9lieberl^alten eine« Sttffect« feinen geringen SSntl^eil. SBir 
iooffen babei nid^t eingeben auf bie grage, toie 'oid l^ier^ 
bei abl^ange t)on ber organifd^en Xejtur beiS ©ei^irn« 
u. bgl., obgleid^ un^ bieg bem (Srunbjufammenl^ang jioifd^en 
SBiffe unb SRotib, jenem ©el^eimnife, tt)onac^ „ber ®eift eö 
Ift, ber fid^ ben Äörjjer baut", nä^er filieren fönnte; e« 
fann genügen, furj an einige Slnaloga au« bem ®ebiet 
ber ^jatl^ologifd^en ^l^^fiologie ju erinnern, ©o ift ber 
aSorgang, nad^ toeld^em man ft^ ba« SRaud^en erft „am 
genjö^nt", gleid^ ein B^wß^^ife/ ^^^ ^^^ Drgani«mu« aH^ 
mäl^lld^ fid^ ©intoirfungen fügt , benen er anfang« mit aller 
SKad^t loiberflanben. ^ein Stcclimatifirungg^jrocefe, jebe 
Slbftum^fung gegen 9?erbenrei je, im D^iumgenu^, 2:abadf«= 
f(^nu^)fen, SBeintrinfen (toa« man befanntlid^ auc^ „lernen" 

14* 



212 S)ie 3lm))utabUitfttöfrage unb bad SRobiftcabUitAtdptoblem. 

fann), jebe Uefcertoinbung beiS SBibctiDttten^ gegen getoiffe 
©^)eifen beft)eifen gleid^faff^, bafe fold^e S)inge nid^t blo^ 
fubjectit), für ba^ Setoufetfein, fonbem anä) objectit) Don 
il^ter SBtrfung toenigflen^ ettoa^ einbüßen (e^ erfolgt tefp. 
lein ©rbred^cn, ©rfranfen, betäuben, Jliefen, SRaufc^, 
6fel mel^r). 5Rur ijermöge eine^ analogen ®efe|e^ lernt 
ba§ Äinb ®e^en, ber mufifalifd^e äöfl^^Ö '^^^ „©♦>telen 
t)om Statt toeg", jeber ©lementarfd^üler baö geläufige 
ßefen unb „med^anifd^e" ©d^teiben, ber ©d^auf^ieler bie 
mimifd^e Seioeglid^feit, unb — ®rnft SKa^ner, jur aBei^= 
nad^tSjeit jtotfd^en ben ©^fd^offen be^ 'Süftin l^inburd^= 
jufc^tDtmmen, aber aud^ ber öon igaufe au^ aSeid^müt^ige 
fein ®entüt^ üerl^Ärten O/ß'&^^Ärten") gegen eigene Slrübfal 
unb fremben Jammer — loarum alfo nid^t auc^ ber 
,^i|ige", ober toenigften^ //^^ftige", ba^ Sejtoingen feiner 
auf Gattungen? 3lu(^ ber SBiffe tann „fid^ getoöl^nen", 
bem Sntettect ben nöt^igen ^n^u^ nid^t üorjuent^alten, 
bejie^ung^n>eife ju laffen unb nic^t ju entjiel^en, unb ber 
Sntettect felber fann feinerfeit^ il^m l^ierbei — jumal aU 
©rinnerung unb burd^ berid^tigteS Urt^eil — f el^r tt>of)l be= 
l^ülflid^ fein. Unb bie^ jujugefte^en l^eifet in feiner SBeife 
bem ©eterminiämuS !t)räj|ubijiren, fonbem nur einer ab= 
flract beterminiftifd^en ©onfequenjenmad^erei ba^ $anbtt>erf 
legen. ®enn attein eine fold^e fönnte nn^ mit fold^en 
©emein^läfeen bareinreben, toie: ift ber ß^arafter unt)er= 
änberlid^, fo mufe eö aud^ ba^ 2^em^erament fein; ober: 
toenn l^ierin SBeränberungen Dorjufommen fc^einen, fo 
muffen fold^e lebiglic^ auf pf)^[i^ä) - organifd^e 3)Wfd^ung^= 
mobificationen jurüdfgefül^rt toerben — toeld^ le^tere^ eben 
bie S^rad^e be^ meta^^^fiftofen aRaterialiÄmu^ ift, bem 
toir l^ier mit Analogien (x\x^ feinem eigenen ©ebiete be= 
gegnen fönnen. SBBie, fd^on bel^ufö räumlid^er »erü^rung, 
minbeften^ ännäl^erung, eine med^anifd^e 93ett>egung t)or= 
angeben mu^^ bamit in ber 6ontacttt)irfung ber S^^emii^' 
muS t^&tig toerben fönne, unb toie ©erud^^-, @efd^madfö- 
unb S^aftneröen ein Setoegtioerben, enttoeber beg ;u |)erci- 



i 



aRdgIi<J^!eit ber Selbftbe^etrfc^ung unb Selbftetsiel^ung. 213 

^)irenben Dbjlectö ober bei^ ^)ercij)irenben Organa, f orbern: 
fo bebarf ba^ ©ei^im, toenn e^ nic^t in ©tum^jffinn er= 
fd^Iaffen fott, einer fortioäl^renben 3[ufrüttelung burd^ 
®enf tl^ätigf eit , um lebl^after ju functioniren unb für 3luf= 
noi^me reid^ern ©toffeg, toie ju größerer SSerfatilitftt b^ 
f&^igt gu fein, refj). ju bleiben ober ju toerben. Unb ioer 
bie (Selegenl^eit Derfäumt, auf fold^em SBege geloiffemia^en 
ben SEBiUen gu jtoingen, ba^ er bem ^ntellect fein gel^örige^ 
Äraftquantum ju jeber ©tunbe belaffe — ober toer eS 
unterl&fet, bie (S^adi&t be^ ©el^irn^ für folc^en 3wflw6 
ju erweitern — ber mad^t fid^ in bemfelben aWafee bafür 
t)erantft)ortüd^, \omn i^n bann bie Effecte überioältigen, 
toie e^ bem SJrunfenboIb imputirt toirb, bafe er fid^ burd^ 
frin 2:^rinfen ber ©efal^r au^gefe^t l^at, in ber ^runfen^ 
l^eit etioag ju begel^en, ft)a§ er ^ernad^ nid^t getl^an l^aben 
möd^te. 

®ie immerhin eine 3Sereblung beiS ß^arafter^ auf bem 
SBege be^ ^ttUed^ ju nennenbe Slenberung be^ SBoHen^? 
inl^altö mad^en toir un^ nft^er in folgenber SBeife i)or= 
ftettig: ber aBiffe loirb vermittels beS Snteffectg ber 2leu= 
feerungen feinet eigenen Snl^altö mit äbfc^eu gett)a^r; bann 
fann bie in biefem 3lbfd^eu fid^ lunbgebenbe 5Reigung gum 
©Uten, fei fie aud^ für ben SKugenblidf nod^ fo fd^toad^, 
bod^ fo t)iel toirfen, bafe ber SEBitte ben i^ntettect beorbert, 
nad^ formen fid^ umjufel^en, in toeld^en feine 3^^^^ ciuf 
weniger „anftöfeige", auf eine fittlid^ minbeftenS nid^t fo 
rol^e SBeife fic^ erreichen liefen, unb gioar bieS nid^t bloS 
um ber 5Weinung anberer toillen, fonbern an^ innerer, 
fittlic^er SWiSbilligung ber SluSbrüd^e ber eigenen ©elbfi^ 
fud^t ober »oS^eit. ©elbftberfiänblid^ müfete atterbing« 
aud^ biefer ®rab ber Siebe gum ®nUn im SBiffen fd^on 
urf^rünglid^ ^)rÄbiSponirenb gelegen l^aben unb betoiefe 
bemnad^ an fid^ nichts Weniger als baS liberum arbitrium 
inditferentiae. ©ofern aber fold^er S^ribut an baS Seffere 
nur burd^ gewollte SluSbilbung be§ 3nteIIectg gu garan= 
tiren fiänbe — unb fofem fold^e Sluj^bilbung weniger Äraft 



214 ^^ie :3mt)utabt(itätgfra9e unb ba§ äRobificabilität^ptobCem. 

erf orbert — ober biclmel^r nid^t f o unmöglid^ ift, aU ba^ 
rabicale J)l5^ttci^e Stuf geben ber Qtoeäc f eiber, fo im^licirt 
ein berartiger SSorgang bereite einen 3lct eigentlid^er ©elbft= 
erjiel^ung, moralifd^er Sefferung, an toeld^em ba^ SBirt 
fame fojufagen ba^ auf inteffectuettset^ifd^e^ ©ebiet über= 
tragene ^rinci^ ber §ebel!raft toäre — ober ioitt man bo^ 
nid^t aU ein Sbentifd^e^, fonbern nur ate ein 3lnaloge^ 
gelten laffen, fo liegt ba^ tertium comparationis barin, 
ba§ ein fleinerer Slufiüanb \)on Äraft ganj toie beim §ebel 
eine multij^le 3Birfung l^erborbringen fönnte — ber 3n- 
teffect, f:pecieffer: bie burd^ biefen t)ermittelte 3lbf(^euerre= 
gung bor bem eigenen SBiUen, it)äre ba^ u7üo|ji6x)^tov , ber 
SBiHe ftänbe am längern Hebelarm, bie Saft tüftre ba^ 
au^ jufül^renbe ®ute bon einer ©c^tüere, toie fie big bal^in 
nid^t ju übertüältigen getoefen toÄre. äßir l^ätten in fot 
d^em gaHe eine 33efferung im äußern Seben^iDanbel, toetd^e 
auf anbern ate ben blo^ egoiftifd^en SWotiben ber Älugl^eit 
unb 2lccommobation an bie ®efefee ber ©oeEiftenjmöglid^- 
feit berul^te, Db fie ju ©tanbe !äme, bliebe freilid^ info= 
fern t)on „sufäEigen Umftänben" abhängig, al^ biefe mit. 
entfd^eiben, ob bie feiten^ ber inteffectueffen ^raft gelei^ 
fteten ^)otenjieIIen Sebingungen jur ätctualität gelangten 
mittele ^n'\üf)xen^ ber äußern Silbungg mittel, ol^ne iüeld^e 
jene fittli^e Unterfdjeibung^gabe ber nötl^igen 3Serfeinerung 
unt^eill^aftig bliebe, — ®g ift an fid^ flar, bafe berganje 
SBorgang ftd^ afe beftimmte gorm bem fubfumirt, toa^ \oix 
bie Slu^bilbung be^ „ertüorbenen ß^arafter^" nennen, unb 
aud^ biefer ©Jjecialfall berfelben feinen ©d^toerj)unft in ben 
Sntellectfunctionen behält; aber barum bleibt bod^ nid^t 
bie SSerbienftlid^feit fold^er ©elbfterjie^ung gänjlid^ au§er= 
l^alb beg SEBiEen^ f eiber befielen ; f d^on be^^alb nid^t, ix)eil 
ber StiteEect al^ reinem „tüiHenlofeg" ©ubject überall feine 
praftifd^e Sebeutung ^at. Unb ba^ ®igentl;ümlid^e liegt 
eben barin, bajs aud^ ber confequente ©etermini^mu^ einen 
33ereid^ bel^ält, toorin ba^ moralifd^e ©ollen öon il;m 
nid^t gänjli(^ braud;t iper^orrefcirt ju iüerben. 3luf ben 



SR&giüiftfeit ber Selbftbel^errfd^ung unb Selbfter^iel^ung. 215 

Sntcffect lÄfet fid^, i>crmöge feiner SSilbungi^fäi^igfeit, tt)ir- 
fett, — bt^ffalb öetlattgt ttiait Don il^m, bafe er eine 33e^ 
reitft)iffig!eit, fid^ bilben, gu laffen, entgegenbringe — fo 
l^ei^t e^: „nid^tö toiffen ift Uim ©d^anbe, ober eine um \o 
größere, nid^tö lernen toollen"; benn e^ bebarf, um ju 
fold^em 58orfa| ju gelangen, nur eine^ relatit) fo leidsten 
©ntfd^luffe^, nur eine^ fo geringen Sluftoanbe^ toon SBitteng- 
energie, ba§ bie gäl^igfeit ^ierju bei iebeni fid^ boraui^= 
f efeen läfet. 2llfo aud^ t)on biefer ©eite befi&tigt fid^ ,. bafe 
bie erjiel^enbe ©eite jebe§ Unterrid^t^ im „3lnregen".be= 
fte^t, fofern fie, um jenen SBiffenSact üor juber eiten, Qn- 
lereffe erioeift am 2exnm unb ©rfennen, „(Sefd^madE baran 
beibringt", — toielleid^t, inbem fie ben ©c^toimmfd^üler 
unt)erfe^en^ in^ äßaffer toirft, gemä^ bem: 

Söenn bu nid^t irrfl, fommft bu nxäft ju ^erflanb; 
SBtßft bu cittpc^u, entließ' auf eigne §anb. 

©ie fteHt fein unauSfüi^rbare^ ^poftulat auf, fagt nid^t: 
tt)ftlje jenen gel^bloc! au§ freier gauji toeiter, fonbern nur: 
lerne bie ^ebelfraft gebraud^en, mittele beren bu ba^ fonft 
ju ©d^toere bewältigen, ba^ fonfi Unauöfül^rbare betoerf- 
fteHigen fannft, 2)amit fttmmt — - um mi^ and) einmal 
auf eine fogenannte ^l^atfad^e beö Setouj^tfeinä gu berufen 
— jener moralifd^e Snftinct überein, toeld^er nid^t^ t)er- 
öd^tlic^er finbet, aU ein ©id^gel^enlaffen auS blofeer 2:^räg* 
i^eit, voeil an fic^ ber SBitte in jebem ftarf genug ift, um 
baö jur ©elbfterl^^ltung 5Röt^ige ju tootten, aber ber ^^ 
tettect eö ju fein ipflegt, ber in fauler §Bequemlt(^feit fid^ 
nid^t anftrengen mag, um bem SBilten bie 3}iittel baju 
aufjiifud^en, unb eö öorjiel^t, in nie aufgehobener Un= 
münbigfeit anbcre für fid^ forgen ju laffen. ®en aSeräc^= 
tern be§ SBiffen^ fel^lt e^ gemeinl^in gar nid^t an intettec= 
tueHen Einlagen — im ©ienfte be^ ®goi^mu^ ift ber ©flatoe 
i^re^ SBiUenS ^Pfiffig genug — aber er öerfc^mä^t e^, auf 
eine ©taffei ju treten, too er über fid^ felbft ^inau^blidEen 
unb fo einen inbirectnnoralif d^en ©etoinn. für feinen $errn. 



216 3)ie :3mputaMltt&tgftage unb bad aRobificabilit&tö^Toblem. 

ben aBitten, erf^äi^ett unb nu^bar tnad^en fönnte. Äurg: 
ba^ ultra posse nemo obligatur fann ein bie ©elbft^ 
erjiel^ung t)etnad^läffigenber Stitettect faum jemate für fid^ 
geltenb mad^en. — Unb mit einer ganj Meinen Seiten^ 
njenbung [teilt fid^ nn^ f}m fogat ein 33eif:t)iel beffen bar, 
toag bie SKoralf^fieme ate „5ßflid^ten gegen un« felbft" 
aufjufül^ren i)flegen. 3n ba^ SSer^ältni^ jtoifd^en SBiffe 
unb SRotito brftngt fid^ — unb gloar nid^t blo§ bei äffect 
^anblungen, fonbern bti jeber „Unbefonnenl^eit" — leidet 
ein Srrti^um ein, nad^ toeld^em toir ung f eiber ju nü|en 
t)enneinen, too unfere ^anblungötoeife in SBal^ri^eit nn^ 
fd^obet. Um nun t)or fold^er ©efai^r möglid^ft gefid^ert 
ju bleiben, mu§ ber 2Bitte ben ^ntettect nötl^igen, jebe fid^ 
barbietenbe (Selegenl^eit gu benu^en, nm über ba^ eigene 
toaf)xc Sntereffe fid^ ju unterri^ten; unb toenn ber SBitte 
biefe 5Rötl^igung unterläßt, begebt er ein Unred^t gegen 
fid^ f eiber, tüo^on freigef^)rod^en ju ioerben aud^ eine Se:= 
rufung auf ba^ volenti non fit injuria nid^t l^elfen fönnte 
— benn in feiner Unbefonnen^eit tl^ut er ja eben, toa^ 
er im ©runbe nid^t it)itt ober toenigfteng nid^t attemat 
toa^ er — tüirflid^ — tüitt. SKit anbern SBorten: toeil 
' bie ©infid^t in ba§ SSerl^Ältnife eine^ SKotiöö ju unferm 
eigentlid^en 3Boffen fid^ Änbern !ann, fo „barf" (— . über 
bie Slntinomie biefer SSerbot^formel folgt toeiter unten eine 
au^fül^rli(^e ©rörterung — ) nämlid^ ebm im eigenen ;3m 
tereffe — ber 2Beg nic^t öerf^jjerrt loerben, ft)el(^er ju 
fold^er Slenberung ber ®infid^t l^infül^ren, fann. — (Bbm- 
faffs fönnen loir un^ ja irren in ipinfid^t auf ba§ aWaji 
beö aSortl^eite, loeld^en ft)ir einem anbern burd^ D^fer 
unfererfeit^ jutoenben — fte^t biefeg aufeer attem aSerl^ält= 
ni^ ju jenem (fefeen ioir j. 33. bei einer flrinen ©efättig^^ 
feit, beim aSifffai^ren einer bloßen 6a^)rice gegenüber, unfer 
2tbm auf^ ©^iel, tt)ie ©d^itter*^ ^aud^er unb 9Ktter ©e^ 
lorgeg), fo liefee fid^ t)on einer 5ßflid^t ber ©elbfterl^altung 
(bottenb^ beim concurrirenben Sfntereffe anberer an unferer 
gortepfteng) fpred^en. S)enn fo toenig toie ba^ ©etoiffen 



9RdgIi(j^!eit bet 6elbftbel^ettf(j^ung unb Selbfterjiebung. 217 

e^ ungeal^nbet läfet, ft)cnn feine Gräfte nu^lo^ bergeubet, 
to^t ,,ju großen fingen berufen tfl", fo tt)enig toirb e§ 
baju fd^toeigen, toenn einer fic^ aufreibt in fd^toerer, nie= 
briger 3[rbeit, bie niebere Äräfte ebenfo gut, ja beffer 
t)errid^ten fönnen (^pegafu^ im Qod^e) — ober tomn man 
an^ abftractem 5ßffi(^tgefäl^l auf einem verlorenen ^Poften 
au^l^arrt, beffen ^effanptm niemanb in entf^jred^enbem 
5Waie frommt. 

6in in ber angegebenen SBeife gejiftrfter ^ntellect ft)irb 
allmäl^lid^ mel^r unb mel^r ©etoanbti^eit befommen in ber 
Uebung, bem SEBiffen, el^e biefer in 2lffect gerätl^, ba^ 
rid^tige SBerl^Ältnife ju ben SKotitoen üorjulegen, fobafe ber 
SBiHe — namentli^ aud^ nad^ frül^em ©rfa^rungen — 
bereite, red^tjeitig atoertirt, ft)ei^, e^ fei nid^t ber SDWii^e 
toertl^, fid^ ju ereifern. 9Wan beule j. 33. an einen er= 
giel^enben, toeld^em Heine Ungel^örigfeiten bei ben 3ögKngen 
mit ber ^dt gleid^güttig werben, bie il^n anfänglid^ fel^r 
jiarf inbignirten, toeil er no^ fein rid^tige^ Urtl^eil barüber 
l^atte, intt)iett)eit fie tt)irflid^ ©^m^)tom bebenflid^er 6l^a= 
raftereigenfd^aften toaren ober nid^t. Sßie mancher Seigrer 
^at bloS baburd^ für feine ganje Zebm^eit feine SlutoritÄt 
eingebüßt, toeil er l^armlofe Äinbereien für auf feine 5ßer= 
fon gemünjte SBoS^eiten l^ielt unb fold^em SBal^n ent- 
f^)red^enb fie beftrafte; toeil er fid^ baS erfte mal „auf= 
bringen" liefe, too ein arglofe^ SDKtlad^en baö einjig @e= 
fd^eite getoefen toftre, toie e^ ber mad^te, bem toor bem 
Slufbraufen ber SnteHect ben loa^ren SEBertl^ ber S^l^atfad^en 
öorgel^alten. 

Unb mittetö einer 3Seraffgemfinerung eineg berartigen 
©^)eäalfatt§ lönnen ioir jurüdlenfen jur Setrad^tung ber 
tieifftge^enben 5ßroceffe innerl^alb beffen, toa^ ber Segriff 
©elbfierjiel^ung umfafet. 

®ie erl^altung unb in nod^ l^öl^erm SWafee bie Äräf= 
tigung be§ ©elbfii)ertrauen^ finb bie 3^uberfläbe, an 
benen felbft m in tiefet fittlic^e^ ®lenb SSerfunlener fid^ 
enH)orranfen fann: tx)er baö verlorene ©elbftvertrauen 



218 ^ie ^UnputabUitAtSftage unb bad aRobtficabUitAtd))tob(ein. 

toiebcrfinbet , lann ftd^ felber retten. ®a^ ©elbftoertrouen 
aber erftarft nur in ber fittlic^en %ffat unb aBirffamfeit 
f eiber — niemate im Stngefid^te. ber ftrengen SRiene be^ 
unerbittUd^en ®efe^e^; nur in ber unmittelbaren SSertüirf- 
lid^ung feiner nä^fien concreten aufgaben. 3)ie bloj^e 
6ontem^)lation, ba^ blofee Setoufetfein i>on ber ^ßffic^t, baig 
aSergegentoärtigen il^re^ abftracten Qn^alt^ bagegen i)er= 
tieft fid^ in ben bobenlofen Slbgrunb beö gnabelofen 
©otten^ ; in bief en ftür jt unauf ^altf am loie in eine unauS^ 
fällbare Seere l^inab, toem e§ nid^t gelingt im fd^njinbeln- 
ben fallen untertoegg mit feinem %u^e auf einen Jpalt- 
punft ju treten, ber i^m gum tcou az& feiner fittlic^en 
^Praji^ toerben lönne. SJli^lingt bie^, fo jerfd^efft nntm 
bie fittlid^e Äraft — unb ba^ 6nbe ijft äßai^nfinn ober 
©elbftijemid^tung. — Qebe^ ©offen atö fold^e^ loirb, fo- 
batb eö in bie SReflejion beö Seioufetfein^ aufgenommen 
ift (ein Setou^ttoerben, toeld^eS eben ber SSerluft beg 5ßara= 
biefeiS, berUnfd^ulb, ift) jur Unfeliglcit — unb baö nid^t 
ettoa blo^^ fofern e^ bie grei^eit l^emmen n>iff, fonbem 
toeil eg atö uni)erbrüd^lic^e ,,9legel", afe iffufion^lofer 
©^)iegel — loie ^pauluiS in ben erften Äa^)iteln be^ 3t5mer= 
brief^ mit fo großartigem Slide auöfüi^rt — al^ gorbe« 
rung eine^ @ef e^eiS ein Slffgemeine^ l^inftefft, bem i)on fei* 
nem boffeö ©enüge fann geleiftet toerben, fobafe in beffen 
Slnfd^auen ber SWutl^ finfen, bie Äraft erlahmen muß, 
toÄ^renb e^ öiel leidster ift, bie 5ßflic^t bei^ Slugenblid^ ju 
erfüffen, ol^ne i^rer ate eineö ^oftulat^ fid^ berufet gu 
toerben — unb in biefer unbetoußten ©rfüffung rüöt bie 
blog negatiöe Sßerbammlid^leit beö tiefften SBefenfem^ unö 
jeitloeilig au^ ben Slugen, toäl^renb bie quietiftifd^e Eon* 
tenttjlation fid^ immer tiefer einloül^lt in bie S^roftlofigfeit 
ber Sefd^affen^eit be§ intelligibeln ßl^arafter^ unb barüber 
bie ©elegeni^eit gu berjenigen fittlid^en SJi^ätigfeit öer^afet, 
für n>el(^e bie ^arafterologifd^en SBebingungen fonft noc^ 
öorl^anben fein ioürben. 3n jenem Snneirerben ber eige* 
nen Äraft ftärft fid^ aber aud^ ber ©laube, nid^t gang 



andglid^fett ber Selbftbel^evtfd&und mCü 6elb{ter§iel^ung. 219 

iDerloren p fein, nod^ einen SReft i)on fittlid^em „gonb^" 
in fid^ gu tragen, ber ju einem 5ßla|e innetl^alb ber fitt- 
lid^en (Semeinfd^aft beted^tigt, — unb tt)Ot)on einer fo „er== 
löft" tt>irb, ba^ ift tbm bie moralifd^e aWutl^loftgfeit, unb 
ber ®laube an bie „SSergebung ber ©ünben" befagt bann 
bieS: e^ tt)irb ber öannflud^ gebrod^en unb gerriffen, nad^ 
toeld^em loergangene Sd^ulb „fortgeugenb neue mufe ge- 
bären". ®^ fann atebann ein 2Beg eingefd^lagen loerben, 
ber, in entgegengefe|ter 3Kd^tung laufenb, abführt t)on ben 
©ünben ber 3Sergangenl^eit — biefe jloar nid^t tilgt (— ba^ 
fann aud^ feine göttliche ©nabe unb Slllmad^t: ba^ Oe- 
fd^el^ene ungefd^e^en mad^en!) — aud^ ba^ rein intettigible 
SBefen nid^t änbert, \t>o\)l aber bie 3Bittenärid^tungen bere(^= 
tigter 2lrt in Slction fe^t, loeld^e biö bal^in über fünblid^e 
nid^t jur ©eltung famen. *) — ©o U)irb jtoar bie ^otem 
jiftte ©d^ulb nid^t toerminbert, nod^ ba^ potentielle S8er= 



*) 2Cu8 einer Stnfc^auung, totläft ber l^tcr bargetegten »enig* 
flend nafft bertoanbt ifl, flnben toir bie ^orte entf|)rungen, bie $amlet 
gctoijfcrmagcn »ie einen abflringirenben Salfam auf bie SBunben fei* 
ner Stebebotd^c träufelt (III, 4): 

fiepent what'a past; avoid tohat is to come ; 
And do not sprectd the compoat on the weeds, 
To make them ranker — 

unb bagu ber locus classicus, ber tttoaß tDeniger trocfen ai9 bie 
$erBart'fc^e medjanifd^e @eclcn(latif ba« SBcfen ber flttUc^en ©ctrjiJI^^ 
nnng barlegt — alfo and) ju bem ju gießen ijl, toa9 oben öon biefer, 
il^ren Hebelarmen unb il^rcm ©tüg^unfte , gefagt tturbe (ebenbafelbfl) : 

go not to my uncle's bed; 
Assume a virtue, if you have it not. 
That monster, custom, who all senee doeff eat 
Of habit'e devil, is angel yet in this , 
That to the uae of actions fair and good 
He likewise gives a frook, or livery, 
That aptly is put on: Befrain to-night; 
And that shall lend a kind of easiness 
To the next abstinence: the next more easy : 
For Ute almost can change the stamp of nature, 
And either curb the devil, or throvo htm out 
With wondrous potency. 



«• 



220 ^ie giinputabUitAtdfrage unb \>ai aHobiftcabUitAti^^toblem. 

btcnft erl^öl^t — aber eö getoäl^rt bod^ 33efriebiguttg, b. I&. 
relattbe ©id^erung be^ innern gricben^, toenn bic actueHe 
©d^ulb ftd^ f ojufagcn ein Slequtoalent actuctten 33crbienfle^ 
jur ©om^enfation gegenübcrgeftefft finbet. Unb fold^er 
Siegen ber Slrbeit tft etma^ gang anbetet al^ bto^e S3e^ 
täubung be^ ©c^ulbbett)u§tfetn§ in raji- unb beftnnung^:: 
lofer ©efd^äftigfett aufjufud^en. aSol^l aber Iä§t er jtd^ 
iDergleid^en mit bem SBergeffen för^jerlid^er Äranfl^eit über 
geifiige ^^^ätigfeit — toie ©c^Ieiermac^er gern fagte: ,,xä) 
^abe feine '^dt, hanl ju fein" — glüdlid^ ioem bei 
^ronifd^en Uebeln feine 3Wu§e bleibt, über feinen SwfiÄnb 
na(^jubenfen — ber n^irb bann aud^ bie acuten ©injet 
f^mergen fd^on \)iel leidster ertragen. 

6l^e nun ber Qnl^alt ber ben Snnjutabilitätö = unb 
aWobificabilität^iproblemen bi^^er getoibmeten SBetrad^tungen 
in einem eigenen Äai^jitel bel^ufg leichterer Ueberfid^t über 
bie geloonnenen Slefultate fann refumirt lt>erben, ift nod^ 
ate gang sui generis jene gunbamentalumftimmung beS 
SBoHen^ gu ertoäl^nen, für ioeld^e fid^ ©d^o^enl^auer ber 
Segeid^nung be§ SeuTspoc v:\o\)^ gur ©elbftöerneinung be= 
bient. ©iefer ift, tt>a^ ©d^o^)enl^auer fe^r anfed^tbarer= 
toeife bon jebem SSorgang fittlid^er ©elbftenteuerung be^ 
IfanpUt, toirflid^ it)ef entließ einiplö^lid^er 3[Jorgang: ba 
bergel^t einem auf einmal aller 2li)^)etit am ® afein, lt>eil 
einem bag grofee „§aar", bon bem jeber fein X^eil be^ 
fommt, in ben SKunb gefahren. — SlHein ber eine ift fei: 
ner organifirt unb barum auc^ mel^r bem rabicalen 6fel 
au^gefe^t aU ber anbere, 6g gibt fold^e „gefunbe" SWa^ 
turen, bie fid^t fo ein „§aar" weiter nid^t an — ftc 
f ^)U(f en 'nmal au^ , bamit ifl'g abgemad^t, unb fie effen il^re 
©ui)^e rul^ig weiter, big ber Keffer leer ift — S)er grünb= 
lid^ Slngeefelte läfet fie fielen, unb fortan fd^toeigen für il^n 
alle SKotiöe — eg fei benn, bafe aud^ er ftd^*g toürgenb 
„^ineinquält", iDeil er bor 3lbenb nod^ ttDag gu tl^un ^at, 
toobei er bor junger nid^t fd^lt>ad^ tt)erben barf — ober 
tt)er ben fo loeiter fipeifen fielet, ber merft^g il^m balb an: 






9le€at>itu(ation, nebft ^tmuHrung meitetet @onfeauen|en. 221 

,,er mag ntd^t mel^r" — unb bie anbem J^ifd^flenoffen an 
ber SebenSmal^Ijeit nennen ben ftummen ®a% bem nid^tö 
me^t fd^metf en toltt — einen Slefignitten. 



16* VtttüpibüaÜBn, tteift gomtnlintttg heiterer (S4^ttfe= 

qnettsen. 

S)ie ©fej)ftö jeigte nid^t übel Suft ju i)aroblren unb 
ju l^öl^nen: ja tool^t: ,,bte greil^ett liegt im Esse — über= 
fe|et e^ nur rid^tig — nämlid^: im 6ffen! — unb toenn 
bet SWenfd^ aud^ nid^t gleid^ ifi, toa^ er i§t, fo toirb er 
bod^ tt>a^ er i§t — unb be^toegen iffö aud^ lange nid^t 
gleid^gültig, ob einer einen Sier^^ ober SOBeinraufd^ f)at — 
ben einen mad^t jener „unangenel^m" (nad^ eigenem @e= 
jiänbni^) unb biefer „lieben^toürbig" — loäl^renb ein an= 
berer nur bei Äol^lenfäure in 3Jlünd^ener, nid^t in 3ll^eimfer 
SJerbinbung „gemütl^lid^" fein lann. SQBo^er anber^ fäme 
bag alleg, toenn nid^t bal^er, bafe eine^ jeben Seit ate 
„objecti^oirter SSSille" ein ©oncrement ai^ toielen ©lementar- 
toitten barftellt unb biefe ate 3lal^rung^ftoffe in il^n ein= 
gegangen finb unb ben ie|t toor xm^ ftel^enben 3nbit)ibuafc 
d^arafter conftituiren? unb toarum ft)rid^t man alfo nid^t 
ebenfo gut t)on einem anemäl^rten, fojufagen angetoad^« 
fenen, loie bon einem angeborenen Snbiöibuald^arafter? 

Unb toer toxW^ jule|t aud^ einem ffei)tifd^en entjjirifer 
ioerbenfen, toenn er fid^ nid^t mag abfi)eifen laffen mit ber 
(gntgegnung: jebe Jial^rung toirfe bem SBitten gegenüber 
nur ate 9ieij — ba loei^ benn bod^ bie aSolfönait)etät 
ju tool^l, ba§ fie baneben aud^ ,;8eib unb ©eele jufammen- 
i§fält" — ober, loie'^ geleierter ftd^ anl^ört: conditio sine 
qua non ber gortfüi^rung jeber Snbitoibualefifienj ift. 
©ie Joirb benn bod^ „affimilirt" unb loirb gum integri= 
renben 2;|ieil be« lebenbigen Drgani^mu^ — ifl felbfl il^rem 
Äem unb SBefen an fid^ nad^ ja aud^ eitel SBille — unb 
felbft Joer nid^t^ bat)on toiffen toitt, ba§ Slationalgerid^te 



222 3He Sm^utabtHtAtöfta^e unb bad aRobiftcabtUtAtö^tobtem. 

in einigem Swfammenl^ang mit ben 3tatxt>nal6)axottexm 
fielen, toer e^ in Setreff ber motatifd^en ©genfd^aften 
eineg SBolfe für ganj einerlei l^ält, ob eö bon t)egetabi' 
lifd^en ober animalifd^en ©toffen fid^ näl^rt, toirb jule^t 
boc^ einräumen muffen, ba§ ärritabilitftt unb SWu^felfraft 
banad^ pd^ mobificiren, unb toenn ba^ aEeö aud(^ feine 
„qualitotiiDe" SBefen^bifferenj be^ SBiUen^ ^erbeifül^ren 
fann, fo toenig tt>k bie t)om Älima abl^ängige ßrregbar- 
feit ober Qnbolenj ber 93eU)0^ner getoiffer (Srbftrid^e, fo 
bleibt bod^ fo \>xd befielen, ba§ bauembe, l^abituette ajer= 
Anbetungen ber ganjen ,,Sciblid^feit" (— • um ganj in ber, 
bie atterabftractefien SBortbilbungen am liebffen üertoen^: 
benben, S^jrad^e ber fpiritualiffif ^en ©^fieme ju fj)red(^en — ) 
banad^ eintreten, ft)a§ ol^ne eine SWobificabilität beiS 6r- 
fd^einenben i. e. beö SSBiffeng bo(^ ni^t Woffl gebenfbar 
fd^eint. Jturj: biefe argumentatio ad hominem d^icanirt 
ettoa^ mit bem ©a|e: ifi ber Seib ber SBiffe felbff qua 
erf^einenber, fo mu§ fld^ an6) ber SBitte ftnbem, luenn 
fic^ ber Seib ftnbert, unb jtoar ftnbert nid^t bloö in feiner 
©igenfd^aft ate „unmittelbare^ Dbject", fonbem aud^ atö 
„Dbjectitftt be^ SSBitten^", — Unb gu gang analoger 6on= 
fequenj fül^rt bie Setrad^tung ber Äranfi^ieitgjjroceffe: toenn 
nid^t Äranl^eiten mit bem Stbxptt ben Qnbiijibuatoülen 
f eiber beeinträd^tigten, alterirten, fo mü^te aud^ ein ab^ 
ftracteiS eigene^ aSoHen im ©tanbe fein, gefunb ju mad^en, 
unb eg bebürfte nid^t ber SKagie eineiS fremben SBillen^ 
(in f^mj)atl^etifd^en ©uren u. bgl.). *) — Slber genau ebenfo, 
wie bie flofflid^en SItome gur ©efammtl^eit beö 5lörj)erg, 



*) ©erabc ein SSerfu^, bie SKebicin anf ©^o^enl^auer'f^e ^l^i* 
lofo^dte lu grünbeit, l^aif tt>xt idf na^tc&^Xiäf fe^e (au9 einem ^t* 
xiiSft beö Siterarifi^en (Sentralblatt über 9^eumann, ®r)tnb)üge 
einer bergleid^enben Xf^txcOpkf Berlin 1863), gum B'iidmfi bienen 
muffen, bag l^ier ein rebifiondbebürftiger $un!t be« ^t^fitmi befrie« 
bigenberer ^e^anblnng no^ X^axxt, wtit t$ nid^t »eiter bringt, aUt9 
auf ein „©nnber" gurürfgnffi^ren. 



SRecapitutotton , nebft e^otmulitung roexUxex Sonf equen jen« 223 

ioerl^aften fid^ bte einjelnen %f)atm jur ©in^eit be§ 6l^a= 
talter^ — unb c^ ift nur eine anbete 2li)i)Hcation beffelben 
ffe})tifd^en Tp67co<;, toenn man entoeber alleg ober ntc^tö 
au^ ber entt^irifd^en Xf)at, lt>ie fie gerabe t)orliegt, folgern 
toiü, 3laä) ben ßonfequenjen einer ganj abflracten ^^&^ 
nomenologie mu§ ba^ ©injelne al2 /,blofee ©rfd^einung" 
für etioaj^ an fid^ fittlid^ burd^au^ 3rrelet)ante§ gelten — 
unb anbererfeitö befigen lt>ir boc^ fein anberc^ SWaterial 
ju Slüdfd^lüffen auf ba^ intelligible SBefen al^ eben bie 
Steige ber SJ^aten. ©in banale^: „bie aSa^rl^eit \oxxb 
tt>ol in ber aKitte liegen", ^ilft un§ nid^t t)ortt)ärt^ — 
unb bei ber ^Jrage, toie ber Äern an^ feinen Ralfen fid^ 
f dualen laff e , mufe fid^ enblic^ unfer 3^tlegungiB^)rinci^) ate 
frud^tbar erit>eifen; benn biefe^ ergibt bie einfädle SWegel: 
lafet eud^ niemals irremad^en burd^ ba^ SBie? ber ein^ 
jelnen ^anblung, fonbem bringet mit euerer ?ßräfung fo- 
fort t)or jum einjig rein qualitatit)en 3Ba^? bann mufe 
jtd^ attemal ein^ ber iDier etl^ifd^en ®runbmotit)e ate ba^ 
®urd^fd^lagenbe ermitteln laffen — unb bejfen Qbentität 
mit pd^ toirb fo leidet nid^t jtoeifell^aft bl^m — nid^t 
einer ^eute ate niebrig eigenfüd^tig unb morgen ate er^: 
^aben i^oc^l^erjig fiji^ geben, ^ biefem ©inne hjamten 
toir ttDieber^olt öor SSertoe^felung ber d^arafterologifd^en 
mit ber blo^ factifd^en 5Berit)enbung eineg 3lttribut^. SÄber 
eben l^ierjwifd^en rid^tig ju unterfd^eiben, erforbert bie S3e= 
rüdEfid^tigung gar mand^er SRittelglieber be^ Urtl^eite — 
unb hjeil getoöl^nlic^ aud^ babei ein 3left bkibt, ben bie 
betoufete Stnal^fe ni^t in abftracte Segriffe umjufe^en \>ex^ 
mag, fonbem bie Intuition, ba^ „(Sefü^l" entfd^eiben 
mu^: fo gilt felbft t)on bem criminaliftifd^en Verbiet, fo 
gut be^ fad^gelel^rten SKd^terj^ loie be^ nad^ feinem com- 
mon sense auf ©d^ulbig ober SWid^tfd^ulbig erlennenben 
@efd^ti>orenen, ba^ e^ 3ule|t unmöglid^ fein ft>irb, ein ab^ 
gegebenei^ Urt^eil erfd^0))fenb ju motit)iren, aUe^ in 
^Sorten ju fifiren unb mitjutl^eilen, ade^ }u begrünben 
unb ju betoeifen, worauf ia^ ©d^lufeurt^eil fi^ ftü|t. 



224 Sie SrnputabiCUfttöfcage unb bai» aRobi{tcabUitdtj»pto&(em. 

SSBarutti? toeil ieber SWid^tenbe feine eigene ^ßfij^d^ologic mit 
^in jubringt, feine fefijlel^enben, nie gei)tüften, nur irgenb^ 
toie in il^n l^ineingefommenen SWeinungen unb änfid^ten 
über j)f^d^if(l^e SBorgänge, geit)iffe ®laubengfä|e über J)f^- 
(l^ologifd^ aSaJ^rfd^einlid^eg, SWöglid^e^ unb Unmöglid^e^, 
getüiffe 9Ketl^oben ber ©d^lugfolgerung au^ beftimmten 
j)l^^fiognomifci^en, i)atl^ognonttfd^en unb äl^nlid^en Qnbicien 

— unb man f)at bei ber cause celebre be^ %tani SWütter 
mit SRed^t barauf l^ingelt>iefen, ba§ ein ©nglänber fd^on 
ba^ ganje ä3enel^men eine^ älngeflagten beutfd^er ^erlunft 
t)ür ©erid^t nid^t rid^tig ju beuten t>erfte^e — baffelbe 
nad^ fid^ unb feinen ßanbe^getool^nl^eiten auflegen lt>erbe 

— unb fd^on an^ biefem ©runbe bie Seflimmung be^ 
englifd^en SJerfal^ren^ fid^ red^tfertige, einem foreigner ju 
gejlotten, ba§ er bie Si^ji^^wng wn ßanb^leuten in bie 
^aijil ber ©efd^toorenen beantrage. — 3Ran fel^e aud^ nur 
bie SReil^e ber „3« (Srtoägung, bafe" bei ben äu^fertigungen 
einmal barauf an unb man toirb neben benjenigen 5ßunften, 
bie rein Xl^atfäd^lid^e^ l^ertoorfei^ren, unb anbern, bie ftreng 
logifd^e ©onclufionen mad^en, allemal ben einen ober an^^ 
bem 5ßaffu^ finben, ber fold^eS)inge birgt, bei benenber 
3iic^tenbe auf feine 3lnf^auungen recurrirt unb an bie 
ebenfo intuitiije g^fttw^w^g be^ Sefer^ a^)j)ellirt — unb 
biefe SBeftanbtl^eile jebe^ Urti^eil^ fann man ben fogenannten 
@Stractii[)ftoffen t)ergleid^en, auf bie gulefet ber ©ijiemifer 
flöftt unb bie jeber totiUvn Slnal^firung tro|en. SBie im? 
mer, fo finb eö auc^ hierbei bie ©renggebiete, meiere ber= 
gleid^en SSerlegenl^eiten bereiten. S)a ift j. 33. gleid^ ba^ 
äjiom (fo nennen wir e^, toeil eine metaj)l^i;>fifd^e ®ebuc:= 
tion bafür tDol nod^ nid^t geliefert ifl unb fid^ aud^ tool 
nur au^ bem naivem 3wf<ittitt^^nl^ang ber finnlid^en Sin- 
fd^auung, mittete ber fenfitii^en 3lert)en, unb ber finnlic^en 
Segel^rungen nebft il^rer 33efriebigung, mittefö ber moto^ 
rifd^en, loürbe geben laffen — toenigfieng l^obe id^ in bem, 
toaS aug ©d^oi)enl5iauer'^ „Sla^lafe", ©. 392—394, l^ierfttr 
nod^ beigebrad^t iji, nid^tö ate ben S3eroei^ entnommen. 



S^ecapituCation, nebft ^ormutttung toeiterer (Eonfequenjen* 225 

ba§ ber SWeifter ftd^ in biefem ©tüde felbcr nie genug ge= 
tl^an f)aht — ), bafe anfc^auHd^e SRottee ftärtcr, b. ^. nn^ 
mittettarer ioirffam unb fd^toerer ju befeitigen finb unb 
infofem mäd^tiger toirfen atö abftracte, unb bemgcmftfe in^= 
befonbere bie ©traftoürbigfeit einer gegebenen ^anblung 
ju bemejfen fei. Slber aud} bie^ ipieber comi)licirt fid^ gar 
mannid^f altig ; e^ fönnen ja j. 33. abftracte SSorftettungen 
f eiber lieber (innerlid^e 5Kert)enO 5Reije nad^ fid^ jiel^en 
unb fo \)on innen l^erau^ bie Äraft eine^ urfijjrüngli^ t)on 
aufeen gefommenen Slntrieb^ fteigern; unb in tt>k toenig 
gällen läjät fid^ flar unb beflimmt entfd^eiben, too bie 
S3irffam!eit eine^ anfd^aulid^en 9Rotit)^ aufhörte unb bie 
eine^ abftracten anfing; nid^t einmal ber Unterfd^ieb t)on 
3?eij unb 5IRotib ift ja ein abfolut feftftel^enber (@d^Di)en= 
Iraner felbfi fül^rt l^ierfür bie jloeifell^afte 5Watur ber 6rec= 
tion an). S)enn hjenn j. S. einer fid^ burd^ ben junger 
feiner kinber beftimmen lä§t, ein SBrot ju ftel^len, ober 
ein ©d^üler burc^ ben Slnblid ber jur Söd^tigung bereite 
em^jorge^obenen §anb baju, eine UniDal^ri^eit gu fagen: 
fo muffen bie angefd^auten ®inge bod^ aud^ bereite in bie 
abftracte SBorftellung eingegangen fein, el^e fie al^ SWotit) 
toirfen fönnen, ttjeil l^ierju nod^ t)erfd^iebene 3ö)ifd^englieber 
unb ©d^lufefolgerungen nötl^ig finb. Unb bennoc^ befinnt 
fid^ niemanb einen Slugenblidt, bem Qm^ute ju folgen, ber 
il^n l^ei^t einen Oauner, tt)eld^er be^uf^ feinet eigenen 
aOBol^lleben^ unb beffen feiner gamilie anbere befd^ttDinbelt, 
l^ärter ju beftrafen afe jenen 83rotbieb, ober e§ ftrenger 
ju al^nben, loenn bal^eim ein Sube in aller Stulpe fd^rift= 
lic^ ein galfum begel^t, toeil i^m ganj in abstracto eine 
bro^enbe ©efa^r ioorfd^ioebte. 2Baö angefid^t^ eine^ gegen^^ 
toärtigen 2)rol^niffe^ i)eccirt . it)irb , unterliegt auc^ fd^on 
be^i^alb einer gelinbem Slnred^nung, iüeil e^ unter bie 
Kategorie ber Slffectl^anblungen fällt — unb ein gut 3;i^cil 
ioon bem, loa^ ba^ ©trafred^t aU SWilberungö- unb 9Kin= 
beruttgögrünbe anerfennt, berul^t auf einer ganj analogen 
Slbfd^ä|ung3metl^obe, bie betoufet ober unbetoufet bie er= 

Sa^nfen, Sl^araTtetologie. I. 15 



226 S)ie ^[inputabtntatlfra^e ur(t ba§ aRobiftcabilitdtöptobtem. 

hjägung jur SRid^tfd^nur nimmt: hjer auf ganj ober tl^ett 
ttDeife anfd^aulid^e SWottt^e f)in ober unter ber SJlad^t eine^ 
3lffect§ (in toetd^en niemals ein Qani abfiracte§ 9Wotit> 
t)erfe|en lt>irb, fobafe fd^on um be^iDiUen e§ erlaubt fein 
mufe , beibe gätte atö gleid^artige ju bel^anbeln) fofort jur 
^anblung fd^reitet, \üxU ttDenigftenö nur einen X^l^eil bon 
bem, ttDaS er tl^ut — nämlid^ nid^t aud^ atte bie golgen, 
bie fid^ birect ober inbirect baran fniH^fen fönnen. ®r 
tt)in ioieffeid^t nur fid^ retten ober feinen SSortl^eil ttDol^ren, 
nid^t aber gugleid; anbere beriefen ober beren SBortl^eil 
fd^äbigen — unb fie^t erft ^interl^er, bafe er mel^r unb 
anbere^ in^ SBerf gefe|t ate er gettDoIIt. ©o ttDill baä 
eigenfinnige Äinb junäc^ft nur feine Slbfi^t burd^fe^en, 
fid^ eineg unbequemen 3^ange^ entlebigen — unb erfl 
f^)fiter toirb fid^ geigen, ob e^ an^ bo^^aft ift unb abfid^t^ 
lid^ unb betonet ben ®rjiel^ern 93etrübni6 ober bod^ Slerger 
bereitet, aber man meine nid^t etlt>a, foI(^eg gelte aBein 
toon SKotiben be^ ®goi^mu^. Sluc^ ba§ 3JlitIeib !ann ja 
in gorm einer Slffectregung auftreten unb SRajimen an:^ 
bern Qi^^^altö ju ©Rauben mad^en; j. 99. fann jemanb fid^ 
ben ©runbfa^ angeeignet l^aben, feiner 9Rilbtl^ätig!eit nur 
in „Slnleitung jur ©elbftl^ülfe" genug ju tl^un — aber 
ber Qammeranblidf eine^ ©arbenben ifl mäd^tiger afe fold^e 
Ätugl^eit ber SReflepon — unb e^ bebarf bietteid^t nur 
eine§ gefd^idten ©imuliren^, nm un§ bon ber felbft auf^ 
erlegten Siegel ju einer SSu^nal^me gerabe ba gu berleiten, 
tt)0 fie am allertoenigften angebrad^t ft)äre, hjeil fie ben 
33efd(^enften nur in feiner trägen SBerfommenl^eit ber^arren 
läfet. (Sin anberer beftnnt fid^, toenn feine SRül^rung toer^ 
flogen: er l^ötte ben Weggegebenen 2;i^aler bod^ fe^r too^l 
f eiber braud^en fönnen ju etloaö, ba§ er nnn entbehren 
toerbe. Unb auf fold^e nid^t gettDollte folgen gel^t ja bie 
SReue, toie ©d^o^)enl^auer fie d^arafterifirt im Unterfd^ieb 
t)on ber ©eloiffen^angfl. 9lur an bie g'erfen ber toirflid^ 
tjollftil^rten X\)at aber l^eften fid^ bie f^olgen — nur an fie 
alfo aud^ ber ©d^merj über Seiben, bie loir anbern burd^ 



Sortfe^ung. Meue unb »eichte, 227 

unfer 2!^un bereitet — unb infofern liegt in bem ,,gül^re 
unö nic^t in SBerfud^ung!" nid^t blo§ ba§ ,,öafe un« nid^t 
feigen, toie fc^led^t rtnt finb!" (bagu bebarf e^ nid^t immer 
erft ber 2^^at!) fonbern aud^: „unb beipal^re nn^ öor bem 
Unglüd, anbern ein Seiben ju bereiten, ba§ Wix i^nen 
nid^t jufügen motten." 



17* gortfe^utiQ« "Sitnt, ©eioiffen^ ®e)oi{fett^attgft^ @e^ 
toiffeHl^aftigfeif, ^anbeln tta^ ®ntttbfä$en nnb 3^bealett* y 

®amit finb benn jugleid^ bie ©retijen ber toerföl^nenben 
Äraft ber 9leue feftgeftettt. S)en Born be^ S8erle|ten fann 
fie abfc^ioäc^en — tt)arb er iDerle^t in feinem Siedete, fo 
ifl ber ©inn ber 9leue: e^ toar fo böö nid^t gemeint, bu 
l^aft olfo aud^ \>m mir fo lei^t nid^t ber SEBieberl^oIung 
einer äl^nlid^en ipanblungShjeife bic^ ju t)erfel^en — nnb 
auf bem t^eiftifd^en ©tanb!t)un!t fagt bie 3teue gegenüber 
ber öerle|ten göttlid^en 3Waj[eftät: id^ ertenne eö ja an, 
an bir l^abe id^ gefünbigt, unb biefe änerfcnnung t)erbürgt 
unb im^licirt bie SBereitioittigfeit jur SBieberunterttDerfung. 
Slnber^ ftel^t e^ um^ eigene ®eit)iffen,— bem brängt fid^ au^ 
an ber äffect^anblung ber ßl^arafter i^rer unentrinnbaren 
5ßot^rt)enbigfeit („Jleceffitation") auf, unb biefeS Icifet fid^ 
nur befd^toid^tigen burd^ restitutio in integrum, unb, too 
biefe ni^t me^r im bud^ftdblid^en ©inne auöfü^rbar ift, 
burd^ einen ®rab toon ©elbftberneinung, ber abäquat ift 
bem ©rabe be^ Ueberma^e^ t^on ©elbftbeja^ung, in \t>cU 
d^em baö begangene Unred^t beftanben — unb fofern bie 
SBeid^te ein 3lct folc^er ©elbftberleugnung ift, fonnte fd^on 
ber SBubb^i^mu^ berfelben äne entfül^nenbe, reinigenbe 
Äraft beilegen, ungleid^ toirf famer aU ba^ t)iel Heinere 
©elbftilbertoinbung l^eifd^enbe ©ül^no^)fer — unb ber etl^ifc^e 
aSertl^ "ber SBeid^te ift loefentlid^ aud^ nad^ bem aSerl^ftltni^ 
ju bem ju bemeffen, toel(^em fie abgelegt ft)irb. ®em 
fremben , fern fte^enben ^riefter ju beid^ten ift Hei leidster 

15* 



228 2)ie ^Im^uta&iat&töfra^e unb ba^ aRobiftcabtat&tgptob(em. 

ate toic einem Släl^erftel^enben, an beffen Siebe unb Std^- 
tung un^ am allermeifien gelegen iji — ba^ fd^ienen bie 
^ertnl^uter ju ertragen, afe fie gegenfeitige^ »eid^ten unb 
abfotoiten juliefeen. S)agegen nad^ Uo^ äufeerlid^em Su§= 
toerl, blü^ au^ ,,bem 2lmt ber ©d^Iüffel" l^ergeleiteter 
äbfolution bleibt ba^ ©d^ulbgefül^l unb bie gurien l^eulen 
tDeiter i^r entf e|li(^e§ : 

Scrfö^ncn fann unö feine 9lcu\ 

SBol^l aber fann bie ©etoiffen^angft felber an^ einem 
Srrtl^um entf^jrungen fein, nämlic^ einem 3rrtl^um über 
ben eigentlid^en Snl^alt unfern SBollen^ — toir fönnen 
un§ fold^er j)inge auflagen, hjeld^e toir im ©runbe gar 
nid^t getooHt l^aben — ber ©ebanfe an bie eingetretenen 
golgen quält un§ fo fe^r, ba§ iüir un§ einbilben, biefe 
golgen felber l^ätten im SBerei^ be^ iDon un^ 83eabfid^tigten 
gelegen — unb erft ba^ berul^igte ®emüt^ fe^rt gu ber 
©inftd^t jurüd, bafe n)ir nur jur 9ieue ®runb ffobm; fo fön= 
neu Sleue unb ®ert)ijfen^angft f aum unterf d^eibbar ineinanber 
übergel^en. Silber umgefel^rt läfet pd^ ba§ ©etoijfen aud^ 
einlutten: man rebet fid^ ein, man l^abe bie folgen nid^t 
gelDollt, um nac^ fold^en SJorfipiegelungen nur bie leid^tere 
unb leidster ju befeitigenbe ^ein ber bloßen SReue ju er= 
tragen ju l^aben — bod^ ba^ gelingt nur fo lange, bi^ 
eine äl^nlic^e ©elegeni^eit un^ ioerrätl^, toie U)ir tro| ber 
un^ nid^t mel^r unbefannten folgen (fobaft fold^e Unfennt^^ 
ni§ nn^ nid^t me^r jur ©ntfd^ulbigung gereid^t) bereit finb, 
nod^malg unter gang gleid^enUmftdnben gang biefelbe ^anb= 
lung gu begel^en — barauf berul^t gum S^^eil bie ©d^ärfung 
beg ©etoijfeng im „SKidEfatt" — barauf aud^ baö Siedet, 
fold^en mit fd^tuererer ©frafe gu belegen. 

3lber Sleue unb ®ett)iffen^angft felber finb -— je nad^- 
bem fie übexffanpt borl^anben finb ober gänglid^ fel^len — 
ein Kriterium be^ et^ifAen ©i^arafter^ -- ber Su^brudC 
eine^ im 3nbi\)ibuald^arafter felber beftel^enben bualifüfc^en 
3U)ief^alt§ — jeneg „bo^pelten ©efefeeö", auf ttDeld^e^ 



^ortfetung. Setoiffengangft atö (E()ara!teTt>mptom. 229 

©. 205 unb 213 fß. bie 3RöflUc^fett ber ftttli(^en @eI6ftför= 
berung, ber ©elbfterjtel^ung gebaut lt>urbe. S)er Rannibalc 
terge^rt ol^n' äße ©cru^el ba^ ^leifd^ beö erlegten ntenfd^- 
liefen aBiIb!t)ret^ — unb aud^ unter fogenannten cteilifirten 
SSölfem gibt e^ ja SWörber genug, bie ol^ne bie leifefle 
®ert)iffen^regung auf bem ©d^affot fterben — fid^ mit 
i^rer Untl^at afö einem ^elbenftüäe brüflen — nid^t blo^ 
au^ renommifiifd^em Slro^, fonbern toeil il^nen eine abfo^ 
lute ©inl^eit beS aSoffen^ innmoffnt, ober eine et^ifd^e 
©ifferenj ber ^anblungen für fie überaß nid^t epftirt. ©o 
rül^men fid^ bie „©efunben" aud^ gern, nie etlt>a^ bereut 
ju f)abm^ unb nennen „ SReue " (foff bei il^nen baff elbe be= 
fagen ttDie „©etoiffen^angft") ba^ „albernfte (Sefü^I \)on 
ber aSelt". ©old^e fieute finb mit fid^ felber burd^auö 
jufrieben, tooHen burd^au^ nid^t^ anbere^ al^ ttDag fie ge= 
t^an f)abm — fei bie^ gut ober böfe. SBenn biefeö SBoIIen 
in feiner ©inl^eit fid^ auc^ auf frembe^ aSol^l rid^tet, fo 
nennt man eö nid^t gerabe „getoijfenlo^" — fonbern ^pviä)t 
t)on einer „in fid^ ungebro^enen 5Ratur" — unb „geioiffen^ 
Io§" ift burd^ ben @^)rad^gebraud^ auf \mm ©goi^mu^ 
befd^ränft ioorben, ber nad^ frembem SBol^l unb SBei^e, 
nad^ JRed^t unb Unred^t, nid^t fragt, ttDenn er nur feine 
3toedEe erreid^t. — 6^ liegt jebod^ auf ber §anb, bafe jene 
©efunben unb biefe ®ett)if[enIofen einer fittlid^en ©elbft= 
jud^t in gleid^er SBBeife fd^led^t^in unjugänglid^ finb — benn 
ba^ ÜTcopioxXtov für jebe^ berartige ®mj)orftreben tann iod) 
einjig in ber Unjufrieben^eit mit fid^ felber liegen. 3ebe 
Unjufriebenl^eit mit fid^ ift ja fd^on ein Slid^ttooIIen be§ 
eigenen SBoffen^ — alfo eine „ä^emeinung" be^ SBiUen^ 
burd^ ben SBillen, loeld^e aber jum „realen SBiberfj)rud^" 
lt>irb, folange beibe SBolIen^toeifen nebeneinanber fort= 
befielen, ©olc^e aSemeinung ift alfo nod^ lange feine 
2luf^ebung ber einen SBBiffen^ftrebung burd^ bie anbere 
— unb bäg ®efefe be§ „®eifte§", be^ 3ntellect^, ber »er^ 
neinung ijl e§, t)on bem e^ Reifet, il^m fel^le bie aSottenbung, 
„aSotten l^abe ic^ tool^l, aber ijoBbringen ba§®ute, finbe 



230 S)ie 3mputabi(itdtöftage unb tad SDtottftcabttitdtöptoblem. 

id^ nid^t" (SRömer 7, is). — ©o ift jeber ©eipijfcn^bife 
eine tl^eoretifd^e SBerneinung be^ SBittenö, n)eil fie ber 
lin 3nteaect abgefpiegelte SBiberftreit be^ SBiUen^ mit fid^ 
fetter ift. 

Slber eben barum garantirt aud; bie „®ett)iffenl^aftig= 
feit" eine^ ,,ppid^tmäfeigen" .ganbeln^ mel^r etl^ifd^en SBert^, 
aU if)x naii) ber bloö ^jl^änomenologifd^en 2luffaffung ju= 
geftanben merben fönnte. SBer fid^ j. 33. nac^ Äantifd^er 
ajorfc^rift eine antiegoiftifd^e aWajime jur SRic^tfd^nur für 
fein ^anbeln toäfflt unb fein §anbeln toirflid^ iana^ ein^ 
rid^tet: ber gel^t ^bm bamit einen Äam^pf ein tt)iber alle 
entgegenftel^enben ©elüfte be§ Slugenblidt^ — unb fein ®e= 
hjiffen n)irb tt)ie eine Sarometerfcala bie ©iege unb 3lieber:: 
lagen in biefem Äam^jfe \)erjeid^nen nad^ ben ©raben feiner 
3ufriebenl^eit ober Unjufriebenl^eit mit fid^ f eiber. Unb •— 
iDol^l 5U merfen bie 2lblt)efenl^eit jeber eubftmoniftifd^en ar- 
riere-pensee t)orau^gef e|t ! — e^ inbicirt affemal fd^on 
einen beftimmten ®rab fittlid^en 3Bertl^e^, tomn ber 6l^a= 
rafter fid^ ber ®inn)irfung eine^ ^flid^tbegrip (mag biefer 
f eiber aud^ nod^ fo abftract fein) ni^t ganj unjugänglid^ 
jeigt — unb e^ bleibt bafür fogar gleichgültig, ob folc^e 
^Ra^nme eine enttel^nte, angelernte, irgenbeinem religiöfen 
ober et^ifd^en Softem auf ^^reu unb „©lauben" entnom:= 
mene ift, lt>enn nur nid^t irgenbtüie bod^ toieber eubämo= 
niftifd^e, alfo inbirect egoiftifd^e, 5ßerf^ectit)en burd^blidfen, 
voa^ fid^ t)ieffeid^t erft funbgibt, toenn.über !urj ober lang 
eine „egoiftifd^e SReue" nad^folgt. §iernad^ ift benn aud^ 
ju ^räcifiren, tt>a^ ©d^o^en^auer über t^eologif^e S)og- 
men als „SBa^nmotibe" fagt; benn toer fold^en einen 6in= 
ftufe auf fein %f}un unb Saffen einräumt, ift bod^ immer 
nod^ anber^ ju beurt^eilen Wie berjenige, toeld;er einen 
ebenfo ftarfen ©lauben an i^re SBal^rl^eit l^at unb 
fxä) bod^ ni(^t an i^re ®e= unb SSerbote fe^rt. 2Ber über- 
l^au^^t einen „er)t)orbenen" El^arafter auftoeifen fann, ift, 
aud& et^ifd^ angefe^en, bod^, felbft ceteris paribus, eine 
ganj anbere 5ßerfönli(^feit, aU rt)er jebem 3mt)ul^ be^ 



§ortfe|ung. gt^i|*er mttti) bcr ®etDiffen^aftig!eit. 231 

SWoment^ lamtjflo^ nad^gibt. Qtoax ift eS ein ungenauer, 
bud^ftäblid^ flcfö^t fogar ein fid^ felbft auf^ebenber %np^ 
brud , menn ©d^üi)enl^uer („S)ie SBelt atö SEBiUe unb Sßor= 
fteaung", 2. 2lup., I, 343; 3. Slufl., I, 359) fagt: einer 
lönne, el^e er jur ri^tigen ©elbftbeurt^eilung gelangt fei, 
feinem „ß^arafter im einzelnen ®malt antl^un"; aber 
cum grano salis toerftanben brüdt e§ bod^ ebm nur bie 
aRöglid^leit au^, eine mit befonber^ ftarfem ©treben fid^ 
toorbrängenbe §auj)tric^tung be^ aOBoUenä fönne öon mo= 
mentan i)rat)onberirenben SRebenrid^tungen „bemeiftert" 
toerben — jeboc^ l^üte man fid^, t^orfd^neU barüber abju- 
f!t)red^en, ob nid^t in fold^en t^ermeintUd^en 3flebenrid^tungen 
nur bie eigentliche unb rt)irHid^e ©runbrid^tung \)erfd^Ieiert 
il^ren ©ieg feiere. Seif^piele ^ier^u liefern t)ietteid^t am 
l^äufigften jene rätl^fell^aften unb auf feinem anbern SSege 
ju begreifenben ©a^ricen be^ ©igenfinnigen, bie im ©tanbe 
finb, att fein „beffere^ SBoUen" über ben Raufen ju toer^ 
fen — lebiglid^ toeil fie au fond e^ finb, bie au^ bem 
Tcaü^Q^ TQYspiovtxov ftammen, SBirft bod^ man^em bie 
©timme ber eigenen Älugl^eit ®igenfinn t)or, toeil er nid^t 
toeid^en lüill t)on lebenslang bel^au^)teten Ueberjeugungen, 
bie .i^m nod^ niemals SBort^eil eingebrad^t: ba fann eS 
benn einen f eiber bebünfen, er bleibe fojufagen „toiber 
SBiUen" fid^ felbft getreu. ©S fann alfo j. 83. jemanbeS 
©runbipat^oS ber SBiffen^trieb fein — aber baneben eine 
„§aui)tri^tung" bie SBoUuft — unb biefer ge^t er, als 
feiner toermeintlid^en — iüie er felber glaubt — ®runb= 
triebfeber nad^, bi^ irgenbein ßoIlifionSfatt i^n belehrt, 
bafe er bie fleinfte Sereid^erung feines SBiffenS einer Se- 
friebigung beS ®ef d^led^tStriebeS t)orjiel^t. Dber umgefe^rt : 
jahrelang fann fic^ eiiter gebrüftet l^aben mit ber ©elbft^ 
täufd^ung: meine Sraut, meine Siebe ift bie SSal^r^eitl 
— bis enblid^ „bie Siedete fommt" unb nun alles gorfd;en 
i^intangefefet toirb bem S^rad^ten nad^ bem SBefi| biefer 
einjigen. — ©inen fd^lt)ungl^aftern 2lnflric^ als baS „^am 
beln nad^ ©runbfä^en" ^at baS „SBirfen nad^ einem ^i^al^ 



\ 



232 2)ie SmputabifitdtSfrage uitb bad aRobiftcabilitätSproblem. 

einem SRupetbilbe", tüel^e^ ftd^ baiS 3tel fe|t, eine „3bee in 
bie SBirttid^f eit einzuführen" — fei eö t)on einer ©d^ule, einem 
©taate ober f onft einer (Senoffenf ^aft. S)a ^ei^t e^ : ba§ 
Seben geftalte fic^ jum Äunftoerf. — Slber d^arafterologifd^ 
betraci^tet, läuft eg mit jenem fo jiemlid^ auf ein^ l^inau^ 
— mag ate „reine greube be^ filnftlerifd^en Sd^affen^" 
babei j^injulommen foff, ifl faum mel^r al^ ein t)ornel^^ 
merer Stu^brud für ba^ Suftgefü^l be^ Äraftbeloufetfein«, 
beffelben, todäjt^ a\x6) Änaben jubelnb toben unb ba^ 
Sämmd^en auf ber SBeibe f!t)ringen mad^t — unb ba§ e^ 
bamit nic^t aföbalb ein ®nbe nel^me, tt>mn ber brühige 
5JRarmor fipröbe bem 3JleifeeI be§ 93ilbner§ loiberfirebt unb 
biefen fo an^ feinen 3>ffwfionen reifet — baju mufe eine 
3Witgift bon ©ulolie ba^ gute »efte tl^un. 



18* t!rortfe$un0« ^te ^nftanjen htS tüt\\ittn ^attdiimnS^ 

« 

2Bie nun aber — um aud^ biefer grage ni^t fd^eu 
auöjutoeid^en — ftetten fld^ ©efinnung unb ©elbftjud^t ju 
bem, toa^ man am einfad^ften afe et^ifd^en gatali^mu^ 
bezeichnet, jur legten ßonfequenj ber beterminiftifd^en 9?e= 
ceffitation? 

aBir fe^en ©c^o^en^auer beim Sefftm^t^fen ber 3lnioen' 
bung be^ apyoc X070C auf bie 3lotl^toenbigfeit ber einjelnen 
3leufeerungen beö etl^ifd^en ßl^arafterg eine fonft ungetool^nte 
©J)rad^e fül^ren: e§ l^at fid^ ba ber „@tanb^)unft be^ 
Solleng" bei il^m eingefd^Iid^en, toäl^renb er fonft ben in= 
tuitiö^befcriptiöen aud^ im etl^ifd^en X^eil feinet SSerfeg 
fo rein burd^fü^rt. ©eine ®rn)ägungen („Sie aSelt afe SEBiffe 
unb SSorftettung", 2, SKufl., I, 340 fg. ; 3. 2lup., ©, 355 fg.) 
gipfeln in ber SSbma^nung : man möge niemate „ber ®nt:= 
fc^eibung beg Sl^arafterg t)orgreifen"; unb fo ftefft er bag 
arbeiten an ber eigenen Sefferung", !urj ben fittlid^en 
^am^f ioiber böfe Steigungen" alg eine gorberung ^in, 
meldte mit feiner übrigen Sluffaffung unb ©arfteHung toenig 






^ottfet^ung. 3)te ^nftansen bed et^if^en ^ataltömui». 233 

\)ereinbat f d^eint. *) — SBie i)on ben 5Bi)rau«fe|unflen fei^ 
neiJ ©t^flemö aui^ ein fol(^er Äami)f afferbingö immerl^m 
nod^ einigen ©Kielraum bel^ätt, glaube id^ im Obigen ge:: 
jeigt ju l^aben, it>o id^ benfelben auf biejenigen Statuten 
einfd^rftnfte, toeld^e mit ^aujl t)on fi^ Kagen: 

3tt)et Beeten too^nen, aöfl in meiner ^ntfl, 
2)ie eine tDiQ fid^ bon ber anbern trennen; 
2)tc eine i}ätt, in berBer Sicbeölnfl, 
@id{f an bie l^eft, mit flammernben Organen; 
2)te anbre (ebt geioaUfam fid^ i»om 2)ufl 
3u ben Öejilben l^o^er 3l^nen — 

unb bann bie ©ntfd^eibung jum Seffern ober ©d^led^tern 
bem Stu^f daläge ibentifc^ nannte, toeld^en t)on jlt)ei ent= 
gegengefe^ten, bod^ gleid^iüiegenben ©trebungen irgenb^ 
iool^er bie eine em^jfange. Slu^gefd^loffen wn fold^er ©elbjl^ 
,,5Bert)oI[f ommnung" finb alfo alle biejenigen, beten S!Biffenj^= 
fetn aU ein in fid^ nitgenbö getl^eiltet etfd^eint; unb jut 
götbetung eine^ fold^en ^ßtoceffe^ fönnen fomit auc^ bie= 
jenigenSBotgÄnge nid^t^ beittagen, in ipeld^en bet fd^ipanfenbe 
SBiffe jule^t fi(^ füt dn ©rittet entfd^eibet, ba^ fo hjenig 
bie 3Ritte jmifd^en ben ©jttemen tük eine^ biefet felbfl ifi, 
fonbetn ein SBlotio, toeld^e^ fid^ leintet ben öom QnteUect 
öorgel^altenen ioetftedt gel^alten ^atte, SEBo abet t)ottenb^ 
bie iDetmcintlid^e SBal^Ientfd^eibung jule^t auf ba^ SDWttlete 
fÄHt, ba l^aben U)it äufeetjl it)enig öon d^ataftetologifd^et 
33ebeutung — ba ifl ba^ ganje ©d^lt>anfen faum mel^t aU 
ein tein i)^ftnomenaIeg SIenbiüet! geioefen unb eine SBal^t 



*) Obige (Srörterung toax längfl aufgearbeitet, e^e \6f bei ?ft. 
^at^m, %xtffVLx ©d^o^en^auer , @. 34, bad l^arte SBort fanb, totU 
^ed ben ^ter bef^roc^enen ^erfud^ <Sd{fo!|)en^auer'9 furgn)eg aU ;,®e« 
fd^tt>&^'^ abfertigt. 2)em gegenüber mbi^te iä) biefe (S^tfobe no(^ tt>e« 
niger unterbrüden — fie mag aU ^eif^iel bienen, tottä)t9 geigt, tote 
)>erf Rieben bie ^ritil ftd^ geberbet , ie na^bem {ie l^ämifd^er Senbeng 
ober bem Streben entf^ringt, au(^ ba mit einem bantbar berel^rten 
Se^irer iured^tgufommen , too und feine Suffaffung nnbefriebigt lägt. 



234t ^ie Smt^iUabiUtfttöftage unb ba^ 9b)t>ificabißtdt$^))¥ob(ein. 

im ©runbe gar nid^t getroffen: ber ^enbel ift einfad^ )ur 
Slul^e gelommen. — S)ie — nad) bem ©d^o^jenl^auer'fd^en 
Silbe (a- a. D., 2. äufl., ©. 328; 3. Slufl., @. 343) — 
red^tö unb linfö fid^ bett>egenbe @tange gibt, b)o fie am 
@nbe toeber nad^ biefer ober jener ©eite fättt, nod^ auc^ 
in ber aWitte (teilen bleibt, fonbern tjom^^ ober i^intenüber 
ftürjt, nn^ für erftere^ ba^ ©^mbol, nämlid^ für ben 
enblic^en ©ieg eine^ bi^ bal^in unbead^tet ober unbemerft 
gebliebenen 3Rotit)g. SBa^ bei bem im 9Rittelj)unft ru^en= 
ben ^Penbel bie ©d^lt)ere, im anbem 33eifj)iel für bie ©tange 
ein t)on leinten ober born erfolgter neuer Slnftofe beloirfte : 
ba^ ift für ba^ greil^eit^j^roblem, alö ein neuer S5eleg für 
bie l^attucinatorifd^e 5rtatur be§ unmittelbaren greiJ^eit^- 
betoufetfein^, ju toertoertl^en, unb ^ier nun fragt e^ fid^ 
eben, ob auc^ bie angeblid^e aWöglic^feit, „ber 6^arafter= 
entfd^eibung t)orgugreifen", auf einen fold^en bloßen ©c^ein 
hinauslaufe. — 3GBenn nid^t, fo gewänne eS banad^ ben 
knfc^ein, als ob jene SBBittenSfd^toäc^e, ber eS befonberS 
fd^toer toirb, ju einem ©ntfc^luffe fic^ „ aufzuraffen", ber 
©c^o})enl^auer*f(^en gorberung, bem dl^arafter niemals ju 
))rfiiubijiren, am beften, in jerrbilblid^er SBBeife toenigftenS, 
entf!j)rftd^e. S)enn toie fott auSgemad^t toerben, toann n^irf- 
lid^ ber ©l^arafter felbft fein le^teS 2Bort gef^rod^en? 
nmt unb immer neue ®rtt)ägungen fönnten bieS ja in in- 
finitum l^inauSfd^ieben unb iniioifd^en balb genug biefe 
aSerjögerung f eiber, als SSerfäumnife, gu einer et^ifd^ im^ 
jwtabeln 2!l^atfac^e toerben. — ®em t)orfid^tigen äuSbrudE 
©d^o!|)en^auer'S , eS fei nid^t „geratl^en", ber erften ber 
fd^led^teften SReigung fofort nad^jugeben, liefee fid^ alfo, 
t)om gleid^en ©tanb))unft ber bloßen 9iat^famfeit, b. f}. 
beS UtilitätSj)rinci))S , mit bemfelben Siedete baS Sebenfen 
entgegenl^alten : ein aipofteriorifd^eS äbtoarten beS burc^- 
f<^lagenben 9Rotii[)S fe|e ber Oefal^r beS 3" fi)fit! auS — 
benn leicht genug finb aSer^ältniffe benfbar, unter loeld^en 
ein t)öllig unüberlegtes ^anbeln ju günftigern folgen 
fül^rt als ein tl^atlofeS ß^wbern; — unb am toenigften 



^ottfetUTig. S)ie l^nftan^en beS et^ifd^en ^^xtalidmuS. 235 

bebarf nod^ ber ©eutfd^e ber Stufforberung , crft jebeig ^ro 
unb ©ontra forgfatn abjutoftgen — fein ^eirH)erament Iftfet 
il^n nur ju oft nnb lange, bie ^änbe im ©d^o^, pvincU 
j)iette Debatten führen, toäJ^renbbefe ber o^ne biel Orübeln 
jugreifenbe 3la6)bax if}n übetl^olt. ®^ ift alfo Um leidet 
finnige &i)xl, toeld^e aud^ jene ©d^ojjeni^auer'fd^e äBamung 
ni^t ungeprüft a\^ in abstracto für alle gäffe unbebingt 
gültig anerlennen loiff, t)ielmel^r beten eigentlii^ etl^ifd^en 
e^arafter in StoeVfd jie^t. 9Ran mufe nämlic^ ba§ über« 
legung^lofe ^anbeln felber in ben Äreiö ber SRotl^tpenbig^ 
feit mit ^ineingiel^en, um biefen toirflic^ gu fd^liefeen — 
ber abftracte 2)ürfenfatali^mu^ ift nur l^alb confequent — 
befd;reibt jenen Ärei^ nur jur Hälfte — er bebenft nic^t, 
bafe jebe^ f))ontane SD'Httoirfen be^ 3nbit)ibuum^ felber ün 
©lieb ber in fid^ jurüdfe^renben Äette ber SWotl^toenbigfeit 
tt)irb, alfo afferbing^ an ber ©eftaltung ber ©aufalfolge 
etttja^ änbert, aber freilid^ nur toeil bie^ SRittoirfen felber 
gu bem unabänberlid^en ©id^erfüffen ber sipiapfjLsvY] mij= 
gehört, ättein l^ierauf aufmerffam gu mai^en unb bem^ 
gemäfe fid^ nid^t rein pa^[vo ju t)erl^alten, fefet nur bem 
^albfrei^ ein britte^ Äreigt)iertel an — ba^ lefete bleibt 
nod^ offen. Unb fo fte^t eö aud^ um ben ßirfel, toeld^en, 
jenem paxaM, ©d^oi)enl^auer im et^ifc^en Oebiete be- 
fd^reibt: er l^at l^alt gemad^t bei bem ©ebanfen: bie un= 
gehemmte SReceffitation ber SBillenöacte toürbe ein anbere^ 
?iWotit) äum entfd^eibenben gemad^t l^aben. Stffein barüber 
l^inaug liegt eine ben Ärei^ erft in fid^ jurüdEleitenbe ®x^ 
toägung: baä ©el^emmttoerben felber fte^t ja unter bem 
®efe| ber Jleceffitation unb inbicirt fomit felber eine be= 
ftimmte Dualität be^ banad^ l^anbelnben ©^arafterS. aSBen 
bie SRefleEion: ein Ramp^ gegen bie böfe 3ieigung ^ilft 
bod^ nid^t^! bal^in bringt, biefen Äam!j)f gar nic^t erft auf^ 
june^men, ber l^at eben an fic^ einen anbern 6^a= 
rafter, aU wer ju bem ©c^luffe fommt: ba^ lootten mir 
bod^ erft einmal barauf anlommen laffen unb abtoarten, 
ob 3?eigung ober ©runbfafe ben ©ieg* behält. Ober noc^ 



236 2)ie S^mptttabiatdt^frage unb baS 9lobtftcabiUtdtöptobIem. 

genauer: toex jene SBamung Bdfoptnffautf^ auf fic^ toidm 
läfet, ber fielet mit feinem Sntettect unb ©runbtootten ju 
allen feinen Steigungen unb Slffecten anberö, alö toer pd^ 
i^r gegenüber auf ba^ Velle non discitur fteift. Äurj: 
jene Sieflepon unb biefe ®rtt)ägung finb felber et)entuell 
alg 3Wotit)e toirffam, unb tpeil ba^ Sieagiren auf biefeg 
ober jene^ 9Rotiö bie SBefenöbifferenj ber 3nbit)ibualtoiffen 
au^mac^t, fo ift aud^ ba^ SSerl^alten ju biefen ein nad^ 
bem attgemeinen ®efe|e not^ioenbige^. *) 

Ueberbie^ fann fid^, toer feine SReigungen frei toalten 



*) ^uf einen ä^nUc^en ©ebanfen fommt <^tetnt^a(, xoo er in 
feinem Vortrag über ba^ ^er^ältntg Don ^^itotogie unb ©efd^i^te 
bie ^[eugerung t^nt, er möd^te ed bod^ nid^t erleben^ bag Onetelefd 
fiatiflifd^ed (^efe^ ber ^erbred^erga^l in bie ST^affen bringe unb ^ier 
ben etbifc^en gatatidmud entfeffete — aber aud^ i^m entgebt bie toei^ 
tere (Eonfequeng, bag ein @ntfeffe(n ht9 böfen Sillend nid^t gleid^be« 
beutenb fei mit beffen quantitativer i^ermebrung ober intenftter @tei« 
gerungr unb bte Unlunbe ü6er jiened ®efe^ toobi unter bie ^an« 
bigung^mittel, aber ha9 ^efanntio erben beffelben nur unter bie 
äugerlid^ terfd^Ied^ternben (bie in einem f|>äter gu erBrtemben @inne 
„bemoralijircnbcn") gactoren gu gälten fei. Uebrigenö berührt ft(b 
\a bied ®efe^ ber ST^oralflatiftil, aud n)eld^em bem ST^oraliften fo groge 
Verlegenheiten ertoac^fen^ aufd allerinnigße mit bem l^ier in S^ebe 
fle^enbcn Problem, unb toenn aud^ nod^ bie SÖagner^fd^e @d^rift: 
f^^ie ©efe^mägigleit in ben fd^einbar toiHfürtid^en menfd^lid^en ^anb« 
lungen toom ®tanb|>unft ber ®efd^id^te'', e« nid^t über eine 
£tcox^ bi"^tt^bringt, fo beflätigt bieö nur, toic bie SKeta|>bt?fif bierfüt 
bad eingige com:|)etente Tribunal ifl; unb bie^ toeift und an, babei 
bad :|>bt^ri^a(ifd^e (^efe^ toon ber Sr^altung ber ^Sfte audgubebnen 
auf bie ©efammtbeit ber etbtfd^en gactoren. 3n biefem @tnnc f|3rid^t 
ia aud^ <Sd^o:|)enbauer felber tt)ieberboIt )}on einer ^alingenefle: ed 
bleiben in ber 2:otaIität immer biefelben et^ifd^en Gräfte, toeld^e in 
ber iebedmaligen ©efammtbeit ber tebenben ^enfd^en gur @rfd^einung 
gelangen: jeber, ber öon ber ©übne getreten ifl, erfd^eint in anberer 
Tla9h toieber — toieffcid^t aber erfi nac^ einer ^aufe — auf fold^c 
SWeinung Knuten »enigficnö bie gcbeimnigboffen 2:^atfad^cn leiten, 
n)eld^e man neuerbingd unter bem 92amen ^tatiemud begreift. @ine 
^^nung bi^^Don blidt fd^on burd^ in ben Sorten bed ^acitud (Ann., 
III, 55): nisi forte rebus cunctis inest quidam velut orbis, ut 
quemadmodum temporum vices, ita morum vertantur. 



gottfc|ung. Sic 3nflanjcn beS ctl^ifd^en gataliSmuä. 237 

laffen toitt, aaä) barauf berufen, bafe e^ in thesi ober 
potentiä affemal bereite jum t)orau^ au^getnad^t fei, ob 
i^m bie Sel^errfd^ung ber Sleigungen gelingen loerbe ober 
nid^t — unb toer nid^t jum erfien mal t)or ber, blog fub^^ 
jectiben, Ungetoifel^eit ber ®ntfd^eibung, bor einem blo^ 
fubjectoen „Äann" t)on jtoeierlei (a. a. D., 2. Slufl., 
©. 328; 3. SKufl., ©. 343) fte^t, fonbem aug frül^iem 
©rfal^rungen fid^ fd^on l^inlÄnglid^ fennt, um ju toiffen, 
ba^ bie SWajime gegen baö (Selüfte unterliegen toirb: ber 
toirb fid^ um fo weniger t)eranlafet glauben, eine nod^^ 
malige Sefiatigung beffen abjutoarten, t)ielme^r ben ^ßro- 
ce§ abfürjen unb fofort ber SReigung folgen. S)od^ fäfft 
bie^ afferbing^ fd^on unter bie ^anblung^toeife nad^ er^ 
toorbenem G^arafter unb Ift^t ben 6inh)urf ju: gang con= 
gruent [inb bie ftufeem unb innern Umftänbe, unter benen 
man jtoeimal l^anbelt, niemals, unb infofem fann bie an= 
geblid^e aSorau^fid^t fe^r tool^l trügen — affein bann gilt 
toieber bie obige ©inrebe: ba^ Stnfteffen fold^er 33ered^nung 
unb ba^ ©inrid^ten be^ Jganbeln^ banad^ ift felber ein 
gj^araftergeid^en unb ein fo t)offgültige^ ioie irgenbein an- 
bereö. ®anj fireng genommen ifl eg bemnad^ eine Un^: 
möglid^feit, ber Gntfd^eibung be^ eigenen ©J^arafter^ jemafö 
t)orgugreifen. 9lur mu^ man babei ßl^arafter im boffften 
©inne, atö ben Qt^egriff aller d^arafterologifd^en 6le= 
mente ber 3nbiöibualität, nehmen. 35enn bafe ber ©l^a^ 
rafter bon feiner blo^ etl^ifd^en ©eite afferbing^ infotoeit 
einem fehlgreifen au^gefe^t ifl, aU man nur einen SCi^eil 
beö ti^atfäc^lid^ Setoirlten lann beabfid^tigt l^aben, ift ja 
fd^on fattfam bargetl^an. ^fttten nic^t aud^ 5Cem!|)erament, 
©timmung, (Sinfld^t, Urtl^eil unb ^J^antajie i^ren Slnti^eil 
an jeber %f}at ate einem factum, fo toäre ja Sfteue im 
©inne ©d^o^)enl^auer'§ ein Unbing. 

aber an einer ©teffe, too id^ beim SKeifter ein feinet 
unb bem)i(Ieltei^ Bopffi^ma aufbeden }u foffen meine, tann 
id^ meinem tl^eoretifd^en ©etoiffen mit obiger, mel^r com= 
:penbiSfer ^olemil nid^t genugt^un; barum möge man e^ 



238 ^ie Sm^utabißtdtgfrage unb baS ÜRobificabiUtätöproblem. 

mit jugute l^alten, toenn id^ bicfette l^ier ju einer betait 
litten argumentatio ad hominem etlüeitete. — 3^1 ©inne 
©(i^ot>enl^auet*^ trifft nid^t einmal bie Slnalogie mit bem 
S^ütfenfatum ate folc^e ju: benn naä) if^m gel^ött baö 
©(^idfal ganj ber ©rfd^einung an, jebe toirflid^e »ef^ 
ferung aber müfete im intettigibeln äßefen felber bor fid^ 
gelten, ©efe^t, e^ l^abe bigl^er jcmanb in bem ©lauben 
gel^anbelt, mit ©rfolg feine Steigungen befämj)fen gu föm 
nm, fo toar biefer ©laube für feinen em^jirifd^en ©j^a? 
rafter ein i^m äufeerlidbe^, toeil \)om ^nUüed tJorgel^aU 
teneö, 9Rotit), nic^t jeber SReigung ol^ne toeitere^ ju folgen, 
3lnn aber gel^t in biefen Qfntettect bie fataliftifd^e si^ieorie 
ein unb tpirb il^m ein Slnlafe , t)on ©tunb* an, um ©runb^ 
f&^e anberer SÄrt (bie 2;^eorie felber nimmt \a bann bie 
©tette eineg ®runbfa|eg ein) unbefümmert, feinen SReigun^: 
gen ftd^ toiberftanb^lo^ ju ergeben, jebem fc^limmen „Jßange" 
„nad^gu^ängen": fo lag üor ber actuetten aSertoirllid^ung 
biefeg neuen ©runbfa^e^ in if)m bereite bie !j)Otenjieffe 
gai^igfeit, biefen ®runbfa| fid^ ju eigen ju mad^en unb 
bemfelben nad^juleben — bann ^at ftd^ baö Slugfe^en fei^ 
neö^anbelnS, ba§ ©mj^irifd^e an feinem ßl^arafter, geäns 
bert, aber ber inteffigible ß^aralter mujg bod^ l^ier toie 
überatt berfelbe geblieben fein — benn bie Sttidfid^ten, 
toeld^e bie Steigungen im 3^«"^^ l^ielten, gel^örten auc^ 
nur bem Sfnteffect an; unb l^äufig genug flnben fid^ bei 
©d^o^jenl^auer bie ©teilen, in toeld^en er barauf jurüdf« 
lommt: bie t)eränberte ©rfenntnife änbert nur bie ©r- 
fc^einung, nid^t ba^ SBefen be^ Gl^^arafter^. ©o toie fo 
bleibt ber fd^ liefe lid^e (nid^t ber toorlftufige) Sluggong 
unöermeiblit^ , unb bie toiberftrebenben 3Wöglid^!eiten er:: 
geben fid^ als blofeer ©d^ein, unb etl^ifd^ angefei^en 
bleibt es gleid^gültig, ob eine SJ^atfad^e erfolgt, bie rein 
factifd^ am SIRafeflab beS fremben aBol^lergel^enS gemeffen 
t)on uns gut genannt toirb, ober baS ©egentl^eil, — ba baS 
Slnfid^ nid^t t)om ßrfolg berül^rt ttnrb. SBie in bie Äette 
ber eigentlid^en Urfad^en eingebt, toaS baS Snbiijibuum 



unternimmt, um einem fd^ ein bar unentrinnbaren ©d^dt- 
fal ju entgelten (nad^ beliebterer eEem^JÜfication alfo bie 
äntoenbung Ärjtlid^er 9WitteI in ^offnung^lofer Äranfl^eit), 
fo tritt in bie 9leil^e ber 9Rotit)e bie ©rfenntnife ein, ba§ 
ein Stampf toiber bie böfe Steigung t)ietteid^t gelingen toerbe. 
S5aö ©id^einlaffen in fold^en Ramp^ erfolgt alfo forma- 
liter angefel^en nur auS 3to^*nä§igleit^rädtfid^ten — toenn:^ 
gleid^ materialiter baö treibenbe tsXo<; ber an fid^ etl^iifd^ 
bebeutf ame SBunfd^ fein lann, nid^t gegen bie etl^ifd^en 
formen menfd^lid^er ®emeinfamfeit ju tjerftofeen — ein 
SBBunfd^, befftn 9latur ba^ oben über ben SBertl^ ber ab^ 
ftracten ®ett)iffenl^aftigfeit ®efagte erhärtet unb jugleid^ 
beftÄtigt, ba§ e^ öom inteHigibel^et^ifd^en 6l^arafter mit 
abl^&ngt, ob bie fataliftifd^e S^^eorie aWac^t über unfer 
aSoUen erlange ober nid|it. — 2ßie alfo bie SJelftm^fung 
ber fojufagen quietiftifd^en Folgerungen auö bem 2^ürfen= 
glauben fid^ gegen eine Jjraftif d^e ^^l^orl^eit richtet, ioelc^e 
auf einem tl^eoretifd^en S^tl^ium berul^t, ber eine tiefe 
33Bal^rl^eit (bie bon ber 3lotl^tt)enbigfeit affeiS ©efd^e^enben) 
in oberfläd^lid^er , l^albtoal^rer Sluffaffung unt)emünftig ju 
a^i)liciren anrfttl^: fo Idfet fid^ in bem SSetonen ber SBögs 
lid^!eit eine^ erfolgreid^en 3lnläm})fen^ gegen bie böfen 
®elüfle aud^ nid^t^ anbereiS, nod^ me^r erfennen, als bie 
^jraftifd^e SBamung: nid^t auf l^albem SQBege ftel^^en ju 
bleiben unb toirflid^ allein, mithin aud^ bie et)entuelle Se^ 
fäm^)fung ber Steigung, für notl^loenbig ju erf ennen. — 
aber anbererfeits bleibt aud^ bieS beftel^en: fo gut ioie e^ 
jum notl^toenbigen ©aufalitätStoerlauf gel^ört, toenn ber 
Slfirfenfatalü^muS bal^in fül^rt, ba§ einer in Mttiger 5ßaf= 
fujttftt attes über fid^ ergeben lägt, fo ift eS eine nid^t 
minber unentrinnbare Stotl^loenbigfeit, toa« einen abl^alten 
»ürbe , in ber Ueber jeugung bon ber Sßotl^loenbigf eit jeber 
einzelnen feiner ^anblungen, an ber ,,33efferung feinet 
ei^aralter«" (dn an biefer ©tette üon ©d^o^enl^auer nur 
ganj uneigentlic^, nftmlidgf rein t>]^Änomenologifd^, gebraud^? 
ter äluSbrudJ) ju arbeiten, — genauer: loaS i^n an bem 



240 Die 3m)>utabUitfttdfta0e unb bad äRobiftcabilitötöptoblem. 

erfolge eine^ Ramt)fed toiber feine bdfen Steigungen ber- 
)tt)eifeln liege; benn e^ gibt nid^t {tpeierlei 9lotl^tt)enbig^ 
feiten, eine lofe, lodere, gerreifebare unb eine unerbittliche: 
bie Sf^eceffttotion ber SBiEen^acte tann nic^t für fc^toäd^er 
gelten atö bie unzerreißbare ^ette ber äBerben^grünbe im 
engem ©inne, mit ber pe in ber ftugerflen ßonfequenj 
bed @(^ot)enl^auer'f(i^en @^fiem^ fogar für birect ibentifd^ 
gelten muß. 

@benfo toenig ftid^^altig ift ber weitere ®runb Bäfo- 
pmffauct^^: ioir lernen auc^ unfern eigenen ßl^^arafter nur 
a posteriori fennen unb „bürfen" (sie!) ba^er nid^t f^an- 
beln, ate ob n)ir il^n a priori fennten. 3)enn e^ ift \a 
oud^ ein ©töd unferer ©rfal^^rung, toenn toir getoo^r 
toerben, toie unfer ßljfarafter bon ber ärt fei, baß er fic^ 
toon ber einfielt in bie 5Rotl5>n>enbig!eit feiner einjelnen 
Slcte unb bie Unüer&nberlid^feit feine« SBefen« „herleiten" 
laßt, nid^t erP ben Sluöfatt eine« ettoaigen innem Äamj)fe« 
abjutoarten — benn biefe einpd^t mag SBal^n ober SBBa^r^ 
l^eit fein: in i^irer SBirffamfeit ate SRotii) muß pe fo loie 
fo ber ©elbftoffenbarung be« aBitten« bienen. SBer m 
f old^er — man mag immerl^in f agen : „fo f d^toac^" — ift, 
baß i^n fold^e ©infid^t ju fold^er $anblung«loeife beftimmt, 
ber toäre ja an ftd^ — et^ifd^ angefel^en — nidjft .jb^ef', 
toenn er ol^ne biefe @inftd^t einen Rompf gegen bie böfe 
Sleigung üerfud^te — unb felbft ber (Srf olg fold^e« Mxmpfen^ 
io&re et^ifc^ gleid^gültig , fo gleid^gültig , toie toenn ber 
@ei}l^al« ällmofen ft)enbet in Jßoffnung auf l^unbertfac^e 
SBiÄerbergeltung. 

^emnac^ ift ba« 9läd^fte an biefer ^rage eine pxah 
tifc^e, b. f). bie ßeben«!lugl^eit ange^enbe, ©eite: e« er- 
fdifeint al« t^örid^t in ^infid^t auf bie äu^unft unb al« 
bequemer nur für ben älugenblidE, einen innem Aan4>f 
gar nid^t erft aufeunel^men — aber ob fo ober fo auf jene 
einfielt ^in t)erfa^ren toerbe, barüber mtfd^eibet in le|ter Qn« 
flanj nid^t ber ^ntettect attein, fonbem ber ^axaitex felbft 
in feinem Slnfld^ unb in feiner STotalität, t>ermöge toeld^er 



eJortfetjung. S)ic 3lnftan§ett beS etlj^ifd&cn gatalfemu§. 241 

et banad^ angetl^an ifl, mit ober ol^ne Äanqjf fei e^ ju 
fiegen, fei e^ ju unterliegen. S)enn bie Sefonnenl^eit 
(<yo9po(yuvT]) ate gftl^igJeit ber ©elbftbeJ^errfd^ung enthält 
|a 3Homente, bie nid^t in ben Qnteffect aufgellen: ju ber 
xm intettectueHen %&f)iQUit, abflracte aRotit>e ju i^n^ 
flehen, mu§ ja eine anbere — jumeift t>on ber SCem^je- 
rantent^eigentl^ümlid^feit abl^ängige — l^injufontmen, näm- 
Ud^ bie: biefe 3Kotoe aud^ auf fid^ toirfen ju laffen. 
©onfl toäre ja bie SSernunft an fid^ ein i)raftifd^e^ SSer- 
mögen, toa^ fie bod^ eben nid^t ift: benn ein überauj^ „ge- 
fd^eiter", bie Singe rid^tig auffaffenber unb beurtl^eilenber 
SRenfd^ fann bod^ in eigenen Slugelegenl^eiten i^öd^ft leid^t= 
finnig ju SEBerfe gelten -— fonft fönnten ja bie überaus 
\)emünftigen ©octrinftre nid^t getoöl^nlid^ ganj unbraud^= 
bare ©taatSRlnftler fein, bie in praxi regelmäßig gia^co 
mad^ten. Unb aud^ bie ^ofob^nifd^e Seftimmt^eit toirb 
bobei ein SEBort mitjureben l^aben : ber S^^Iolo^ toirb nid^t 
fo leidet einen „bummen ©treid^" begel^en, h>ie ber ©ufolog 
— biefem liegt fd^on ber ®eban!e an möglid^e fd^limme 
golgen feinet %f)un^ t)iel ferner ate jenem — er lebt, 
jumal ate ©anguinifer, in ben XaQ i)xnm unb benft: 
m^ nid^t ift, ift nid^t! SBo^l ift eg ©ad^e ber bloßen @im 
pd^t — alfo ettoa^ rein 3ntettectualeg — bie ^albl^eit be« 
2^ürfenglaubenö in thesi ju t)ertt)erfen; be^gleid^en, ba« 
le|te SSiertel be§ Äreife^ in abstracto aud^ no^ mit ju 
befd^reiben — aber toie nad^ biefer ober jjener ©infid^t bai^ 
^anbeln fid^ geflalte, barüber entfd^eiben aud^ bie dnbern 
c^orafterologifd^en gactoren. ^praftifd^ toirb ber Sefonnene 
aud^ nad^ 3w^ötc8WttÖ i>^^ l^tm SSiertel^ l^anbeln, ate 
ob er am britten flel^en geblieben toftre; aber toa^ er t)or 
bem ®reit)iertetejianb})unft t)orau^l^at, ift baö ^mn^U 
fein, baß fein intelligibler ßi^arafter fein onberer getoor= 
ben, n>eil er fid^ burd^ bie unbefd^ränfte ©rfenntniß ber 
SRot^toenbigleit nid^t abl^falten ließ ju ^anbeln, afe befäße 
er biefe ©infid^t gar nid^t ober nur unbottftänbig, b. f). 
mit bem »efftmjjf en fd^limmer Slntoanblungen f ortjufal^ren ; 



242 S)te gmputabilitätgfrage unb baS aWobipcabiatätSproblctn. 

er toirb fid^ ^öd^ficttg fagen: mein ©l^arafter ifl bielleid^t 
t)on i^aufe an^ ftet^ ein anbetet gett)efen atö bet be^^ 
jentgen, bet ben entgegengefe^ten SBeg einfd^Iftgt: benn 
benfbar bleibt e^ in thesi immet, ba§ le^tetm übetl^au})t 
nm bie ©d^ätfe unb ©netgie be^ obfltacten S)enfenS ge^^ 
fe^lt f)at, um ju jener legten ßonfequenj borjubringen. 
Sllfo je toetter bie dgiarafterologifd^e S^rlegung fortfd^reitet 
in einer fojufagen atomifüfd^ fortgefe^ten ©j)altung ber 
einzelnen SBitten^acte, befto em^fänglid^er mad^t fte für 
Säe^erjigung be^ ,,9Kcl^tet nid^t!" bie freilid^ toie j|ebe§ 
„Sel^erjigen" jule^t an^ nid^t blo^ ©ad^e beS ilo})feg, 
fonbem be3 $ergen§ ifl — nämlid^ in biefem bie SBereit 
toittigleit ju einer bittigen SBeurtl^eilung t)orau«fe|t. 

©el^en tt)ir un^ je^t bie ©ad^e nod^ bom umgeJe^rten 
(gnbe unb unter 3ffoIirung be§ birect etl^ifc^en ©efld^ts^ 
pnntt^ anl S)ann ergibt fic^ golgenbe«: ein reiner ©goifl, 
bem bie ©inftc^t in bie SRotl^ioenbigfeit feinet ^anbeln^S 
toeber ganj nod^ f)alb aufgegangen toäre, h)ärbe beSl^alb 
nid^t me^r noc^ toeniger egoiflifd^ fjanbeln atö mit jener 
©nfld^t — fel^r tooffl jebod^ fönnte bie ©rfd^einung^toeife 
feinet ©goi^mu^ eine anbere fein, folange er in bem un- 
befangenen ©lauben bliebe, ba§ e^ „geratl^en" fei, jebe 
S;i^at juöor erjl red^t ju fiberlegen; benn, banad^ geneigt, 
®egent)orftettungen be^ eigenen SBerfianbeö ober „guter 
fjreunbe" ©el^dr ju geben, tofirbe er feine egoifHfd^en 
SöJede per ambages t)erfolgen, bie er bietteid^t, nad^bem 
jene Ünbefangenl^eit jerfiört lüäre, via directä ju \>tx\t>ith 
lid^en trad^ten mdd^te; er toitt alfo nad^ toie bor baffelbe, 
toa« er immer getoottt l^at. SRid^t anbere ber ©belgefinnte: 
ber toirb bei falber ©nfid^t fo hjenig via directä toie bei 
ganjer per ambages egoiflifd^ ^anbeln. 

S)a^ aSerl^ftltnife ber brei bargelegten 6tanb^)unlte 
jueinanber Iftfet ftd^ aud^ unter einem Silbe flar mad^en 
(ju loeld^em bie ben erpen unb jtoeiten, objtoar in ber^ 
fd^iebenem ©rabe, beflimmenbe „Äurjfid^tigfeit" ben leiten* 
ben Segriff i^^ergibt). S)er bulgftre ^atolifl gleid^t einem 



fjortfetung. S)ie ^^nftan^en beS etlf^ifd^en ^ataUemud. 243 

Äinbe, bo« öor einer SlUee flel^enb ei nii)t ber SKü^e toert^ 
i^fitt, l^neinjuhjanbeln, toeil bie 5ßetf^)ectiöe il^m bie %&n^ 
fd^ung beibringt^ bie Saumreil^e fei bod^ balb ju @nbe; 
bie ©rehoiertetetoei^ijieit einem Änoben, ber fd^on tt>ei§, 
ba§ boi^ 2:äufd^ung ifl, unb fid^ mutl^ig auf ben SBeg 
ntad^t; bie ben ÄreiÄ in fid^ gurüdleitenbe ©onfequenj eben 
bemfelben Änoben, ioenn er fid^ am giele be^nbet unb 
liier getoo^r toirb , ba§ toirf ßd^ am ®nbe bie Säume nid^t 
mei^r paxaM fleijien, fonbern in einen SBinfel (ober etoa 
eine 2avibe) jufammenlaufen — gerabe fo tt)ie e^ iai Äinb 
geglaubt l^atte, nur ba^ e§ \>xd f^jftter toirflid^ bergaUifi, 
ate nad^ beffen SReinung; — in objectitjem Srrt^um (bem 
©lauben an greii^eit ber Xf^at im ©inne be^ getoö^nlid^en 
gebanlenlofen SfnbeterminiiSmu« unb an einfädle, unter 
atten d^arafterologifc^en SBebingungen gleid^e ^ßerfectibilität) 
befinbet fid^ eigentlich alfo nur ber jtoeite ©tanb))unft- — 
Ober nac^ einem nod^ jlrictem ©leid^nife: toie bie ällten 
glaubten, bie ©onne beilege [ic^ um bie 6rbe, unb bie 
Äo^jernicaner: fie ftel^e [tili — fo l^at man ie|t erfannt, 
bafe fie toirllic^ aud^ i|ire Salinen befd^reibe, nur fo t)iel 
»eitere aU bie Sllten meinten, — ba^ fie toirflid^ nid^t 
ber ^errfd^er im 3RitteIj)unft be^ Unit)erfumä, fonbern 
felbft ein bel^errfd^te^ ©lieb im @anim ift — nur nid^t um 
bie Heine ©rbe (ba3 augenblidEIid^ anfd^aulid^e SRotit)) fid^ 
breite; aber ebenfo toenig in fid^ felbft rul^e (liberum ar- 
bitrium indiflferentiaB ober ©etermini^muiS in ©c^o^jen- 
l^auer^fd^er Sßuancirung, ftatt Sttnerfenntni^ ber aud^ banad^ 
nod^ beftel^enben unau^toeid^baren Sloti^toenbigleit), fonbern 
um eine ©entralfonne (bi^ jur äufeerften ©onfequenj t)or- 
gefd^rittene ©infid^t), fei e^ birect ober aU ©lieb eines 
^ö^iern ©^ftemiS um ein nod^ l^ö^ereiS unb ^löd^fte« (jleneiS 
entf^jred^enb einem rein intettectualen, biefeS dnetn ber 
d^arafterologif d^en Slotalität angel^örenben llnterf d^iebe ber 
eventuellen iganblungStoeife). 

®er fd^ulbige 3lef^)ect öor bem l^ol^en ©eifte ©d^o^jen- 
i^auer'S t)erbietetunS, ju 3Ritfd^ulbigen feiner fd^abenfro^en 

16* 



244 ^ie SmptttabilitdtiSfrade uitb bad aRobificabiKtdtSptobUm. 

©egnet un^ )u mod^en, bie ftd^ auf SBortttauberciett t)et== 
legen unb ge^iffentlid^ ben ®laubm t)erbreiten möc^ten^ e^ 
fl&nben bei il^m bie un^ulänglid^en @ebanlentei^en fo nadt 
unb platt ba^ tt)ie e^ nad^ obiger iperaudfd^älung fd^einen 
lönnte. Unb toeil fold^e ßeute noc^ lieber bie ©teUen igno^ 
riren, too er f eiber atte 3Komente ju "feiner eigenen Se^ 
rid^ttgung inH)licite barbietet, fo befennen ttjir iin3 aug= 
brüdic^ baju, auc^ bie ^ier gefül^rte ^ßolemif nur mit dtä^^ 
geug an^ feinem eigenen ärfenal au^fed^ten gu fönnen, 
unb baffelbe bem aliquando dormitanti enttel^nt }u l^oben, 
fott nn^ nid^t übermütl^ig, gefd^tt)eige t>iet&t^lo^ mad^en. 
aSenn toir e« auf d^ican&fe ©ilbenfled^erei abgefe^en l^&tten, 
lönnten toir und ja anftetten, aU tott^ten toix m6ft ju 
unterfd^eiben jlüifd^en un^ afö ipanbelnben unb un^ atö 
SBoffenben, unb bei bem ©a|e (a. a. D., 2. äufl., ©» 341 ; 
3. «uff., ©• 356 fg.): „S)ie SReffepon . » . . barf un^ 
nid^t t)erleiten . » . . ber ©ntfd^eibung be^ 6^ar altera 
tjorjugreifen", fragen: n>er ift benn ba^ SBir in biefem 
ttn^ anber^ afe ^bm nur unfer aBitte, unfer G^arafter? 
toie tann ber ß^arafter fic^ f eiber borgreifen, er mü^te 
benn ja über feinen ©d^atten f^jringen, ober t)ielmel^r ber 
©d^atten (fein „©»)iegelbilb in ber aOSelt afe SSorfiettung") 
über il^n, über fein Slnjtd^, — ettt)a ioie bei t)eränberter 
©tettung i\m ßid^te ber ©d^atten balb t)om balb leinten 
ijl, aber über un^ l^inloeg nur gel^t, inbem er ganj ^tx^ 
fd^toinbet, toeil ba^ ßid^t gerabe bom ©d^eitelj)unft fftttt 
— fo müfete ber SBiffe erft bor bem 3ntettect ju nic^t^ 
t)erfd^ti)unben fein, el^e biefer i^n anber^ jeigen fönnte atö 
er ifl; benn baS liegt in: feiner ®ntf (Reibung t)orgreifen — ? 
9lid^t alfo! Slrugfd^lüffe mit ©oj)^iftereien ju bef4mt)fen, 
bat)or möge un^ ftet^ bie l^el^re Oöttin SBal^r^eit beioal^s 
ren! Slber nid^t gegen aCBinbmül^len, fonbem mit guter 
aSBel^ir unb SBaffe be^ SKeifler^ felber getröfien toir m^ 
borjugel^^en, inbem toir fd^liefelid^ noc^ folgenben @inioanb 
gegen il^n ergeben: toenn n>ir e« nur einer, fiet^ me^r 
ober weniger )uf&ttig an un& ^erangelangten, @in{tc^t 



gortfcftuttg. Sic 3nftan§en bcS ctl^ifd^en gataligmuil. 245 

öerbanfen, 06 „bai^ Silb, toeld^e^ toir butd^ unfcrc Xf^aten 
toirfen, fo auSfaUe, bafe fein änblid unS möglid^ft be^ 
tul^ige, nid^t beängftige" (a. a. O., 2, Sufl., ©. 342; 
3* aup., ©. 357), bann ift, toa^ un^ eüentualitcr erfj)art 
bleibt, im ©inne ©d^o^jen^auer'^ nic^t ©etoiffen^angfit, 
fonbem blo^ 3leuc. ^ S)enn tl^un it)ir infolge einet 3lefIesion 
ettoa^ anbete«, ate loa« unfetm ßl^ataftet eigentlid^ ge- 
w&fe ift, fo l^aben toix nut bie 3Kanifeftation«tt)eife unfet« 
ei^ataftet« aU fold^e, nid^t beffen SBefen an fid^ ju be^ 
flagen — unb n>enn un« bie S^l^aten (t)on il^tet blo« fao 
tifd^en ©eite angefel^en unb ol^ne SRüdfid^t auf ba«, \)iel- 
leidet bennod^ fie, loeil il^te SSotau^f e|ung , bie ©elbft= 
bel^^^tfd^ung, betoitfenbe, intettigibetetl^ifd^e ©lement unfet« 
SQBefen«) nad^ bet Se^ettfd^ung momentaner Sluftoattungen 
ein günftigete« „©i)iegelbilb" unfer« ©l^ataftet« öot^ielten, 
fo loäre ba« ja eitel 2:rug unb SBBa^n, unb ber innete 
aaSettijl unfer« innetften ©elbft nid^t l^dl^er afe toie toenn 
toit e« in einem anbetn, t)ietteid^t nut Planeten, ©jjiegel 
gefd^aut l^fttten. Snfofem butften loit bel^au^ten: ba« 
ganje ^iet botgettagene SRefultat ©d^oi|)enl^auet'« ftamme 
im legten ®tunbe au« (fteilid^ fel^t t)etfeinetten, man 
möd^te fagen: l^oc^berebelten) eub&moniftifd^en Slbfic^ten» 

®ie ©umme jiel^enb abet toiebet^olen toit: auf bem 
l^iet \)on ©d^o})enl5iauet angegebenen SBege ifi oi^ne toeu 
tere« ©elbftgud^t nod^ nid^t möglid^; biefe fotbett nod^ 
anbete — ftüijiet batgelegte — aSotau«fe^ungen, untet 
toeld^en fteilid^ aud^ bet Sntellect infofetn mit obenan^ 
fielet, al« nut t)etmittel« feinet un« ba« SBeloujstf ein fommt 
um eine glei^toiegenbe ©o^^eli^eit unfet« SQSotten«, unb 
et allein im ©tanbe ift, bie ©tetten ju beleud^ten, öon 
toannm ein Slu«fd^lag iut „beffetn" ©d^ale fic^ gen>innen 
Id^t unb too bet anjufefeenbe ^ebel ju bem SBel^uf fein 
u7co|ju5xXtov ^aben müjfe. ®a toitb fid^ benn etgeben — 
unb ba« ift bet Sufammen^ang, in toeld^em ttofe attebem 
biefe beiben gtagen miteinanbet ftel^en unb fid^ ba« julefet 
bel^anbelte 5ßtoblem auf« eng^ie mit unfetm näd^ften, bet 



246 S)ic 3[nH)utabiHtdtäfragc unb baS 3WobificabiUtatöt)robrem. 

9Äobifica6ilit4töfrage, berührt, — : ba^ Befonncnl^eit^lofe 
, §anbeln, glcid^tjicl ob mit ob ol^ne SReflejton auf bie 3lotf)^ 
wenbigleit, ftö^t ben a3oben unter ben eigenen güfeen toeg, 
o^ne toeld^en eiS für ben fittUd^en ipebel gar leinen ©tüfe= 
i3un!t geben lann; unb ferner: leine beffere ©elegen^eit 
gibt eg, baiS in ber ©elbftjud^t bereit« ©rreid^te ju er- 
proben, afö bie (Stellung, toeld^e unfer SBoUen pxatti^6) 
einnimmt , nad^bem il^m bie le|ten ©onf equenjen be« S)eter= 
miniMuö flar geworben, nad^bem er aud^ nod^ ba« le^te 
SSiertel be« befagten Äreife« befd^rieben. 

Unb nun nod^ ein ganj lurge« SBBort an bie, n)eld^e 
e« bebünlen möd^te, n)ir l^ätten mit übel angebrad^ter, un^ 
frud^tbarer breite un§ bei einer ©injelfrage aufgehalten, 
beren Sejiei^ung jur ß^aralterologie l^iöd^flen« eine im 
birecte unb bie an fid^ afö eine res domestica ber ©d^os 
^enl^auerianer gu betrad^ten fei. Mutatis mutandis fann 
fid^ feine ®t^if, bie t^eiftifd^e fotoenig toie bie „imma= 
nente", ber ©rörterung biefe« Problem« ganj entjiel^en: 
^JJaulug unb Sluguftin l^aben mit il^m gerungen; ber 6aU 
bini^mu« franft nod^ l^eute an feiner getoaltfamen 83e^ 
l^anblung beffelben. Unb loer n>ottte fid^ nid^t ben iro^ 
nifd^en SJriumpl^ gönnen, aud^ fold^en, bie bon ben ^jJrfis 
miffen be« ©d^o|)enl^auer*fd^en Softem« fo loeit abftel^en loie 
bie Slnl^änger ber unbebingten ^ßräbeftinationiSlel^^re, allerlei 
ju beliebiger „SWu|ann)enbung" bargeboten ju l^aben? 



19. gottfe$ung. ^lutonomie al^ SSorau^fe^ung jeber 3m= 

^Mutabilität. 

SQSer ben ©afe ©d^openl^auer'« gelten läfet, bafe ©elbft^ 
betoufetfein bie SSorau^fefeung jjeber ©d^ulb fei, ber mu§ 
aud^ einen ©d^ritt toeiter gelten unb anerfennen: erfl bie 
greil^eit, ba« ©id^freigemad^tl^aben t)on jjeber 2lutoritftt 
fü^rt iur motten Surec^enbarleit. SBem bie gattibUität 
einer bis ba^in für untrüglid^ gel^altenen Slutorität (fei e^ 



gortfe^ung. Autonomie als SSorauSfe^ung iebet 3lnU)uta6ilitftt. 247 

menfd^Ud^cr, fei eö 'ooxQ^Uiä) göttlid^cr) Hat getootbcn x% 
ber f}at fortan atö etl^^ifd^e^ aSßefen bie ^ßflid^t, icbcn il^rer 
äu^fjjrüd^c ju j)räfen; — pd^ i^r bennod^ blinbUngg mU 
tcr untertoetfen, l^ei^t nid^tö anbetet, ate bic eigene 
SSerantoortlid^feit auf frembe ©d^uUem toäljen, — nid^t 
mel^r ber 2;^äter feiner eigenen 2;^aten fein lüoffen, 
unb ifi etl^ifd^ angefel^en jener ©elbfllofigfeit gleid^juad^ten, 
toeld^e im SBeid^toater baS ©etoiffen f eiber, nid^t einen Blo= 
§en Seratl^er ober Slufl^eUer be^ ©etoiffenS Befragen toiK 
(tt)ie aud^ in ber ^olitif bie fogenannte 5ßarteibi^cij)Kn im 
©runbe barauf hinausläuft, ba§ ber einzelne fid^ beffen 
begibt, bem eigenen SRed^tSgefül^l unb ber eigenen illug- 
l^eit gu folgen, unb beibeS fortan in bie ®ntfd^eibung ber 
„gül^rer" verlegt). — Sllfo: ol^ne 2lutonomie ifl ein (Se- 
fül^l toal^rl^after ©elbftöeranttoortlid^feit unbenlbar. S)enn 
toaS l^eifet „autonom" l^anbeln anberö ate: baS toaS man 
t^ut aud^ toirftid^ tooHen? ober: fein ^anbeln burd^ 
nid^tS anbereS beftimmen laffen aU burd^ baS eigene 
aSBotten? ®S bleibt bann freilid^ nur eine uneigentlid^e 
9iebetoeife, ben SQSillen fein eigene^ „®efe|" unb baS 
aSorauSbeftimmen ber eigenen ^anblungen eine „©elbji:: 
gefe|gebung" gu nennen — aber cum grano salis t)er= 
ftanben l^ilft bod^ biefer Sluöbrud , um unS ber fonfl um 
t)ermeiblid^en SCrüglid^feit beS Smjjutabilitätögefü^te ju 
entheben; benn er befagt eben nur bieS: ba§ Setoufetfein 
um ben S^i^alt unferer ^anblungen mufe ein fo flareS 
unb bottflänbigeS fein, afö ob biefer Snl^alt n>ie ein t)on 
au^en gegebene^ ®efe| t)or nn& ftftnbe.*) 9Man toenbe 



*) iBoKen dxnft maäft hiermit ber ^elagtam^mu^r ber bie 
,,@ünbl^afttgfett'' bed Wltti\6)tn gan) äugerttd^ meffen mö^fte nad^ ber 
3a^I ber etngelnen gäUe ton ©efe^edübertretungen, unb i^m fd^üeg t 
ftdf ^ittiaäft CiVL^ in ber :|>rotefianttf(^en Sett^ ba$ $olf an, menn ed 
fii mit einer getoiffen SRaiöetSt auf fein ,r0ttte« iSctoiffen" beruft. 
2>enn bie« etgenttid^ antid^rifiltd^e gel^Un jebed @d^ulbgefü^l9, bie« 
@td^babeiberu^igen , bag man leine fd^n>ere <Sünbe begangen (l^dd^« 
flen« n^erbeu allgentein menfc^ttti^e ,r@c^n>5(^en" gugef!anben unb ade« 



248 ^ie Simputabilität^frage unb bad äRobificabiatätöproblem. 

nid^t ein: ianaä) to&rc jebe auf ipetcronomie funbirte @tl^if 
feine et^il me^r, fonbern eine blofee Segi^latur. ®enn 
felbfi eine fo Qani auf frembe Autorität geftettte aWoral 



weitere befd^mid^tigt bur(i^ bie (Sntfd^ulbigung: fle feien eben menfd^« 
\iäf\), fe^t eine bic« juriflifd^e SJioral borau«, für tt)el(^c e« foge* 
nannte ,,UntertaffungSfünben'' ntd^t gibt. SRan fommt bamit nid^t 
toeiter ai9 gu bem^ tvad felbfl nod^ bom materiaüfÜfd^en <StanbpunIt 
a\9 bloge 0tatif ber 9?eIationen gegen bie 9}^itmenf(i^en !ann bebucirt 
merben: neminem laede, ne ipse laedaris. 2)agegen aber protefitrt 
— a(« ba« eigentUd^e gunbament ber et^ifd^en ©ebeutfamleit «nfercr 
©anblungcn — - eine innere $:]^atfad^e: baö Oefö^t beö Unbefriebigt* 
feinö, ftjo toir eine ^anblnng unterkffen, gu tt?eld^er feine 9led^t8* 
pflid^t un« yditt niJtl^igen fönnen, (@d^abe, ba^ »ir (lierfür fein gu* 
treffenbeö Sort ^aben, fofern ,,Siebe*pflid^t'' eine contradictio in 
adjecto enthält , n>eü „^flitifV* nur einen @inn l^at ai9 (Korrelat gu 
,f^t6}V',) ®o fann eine 3led^t8toerbinbftd^feit burd& beiberfeitige 3*^* 
Kimmung total gelöß fein, unb bod^ bleibt ein !S)rang gu 2xtbt9* 
»erfen gegen bie ^erfon, »etd^er toir früher cbenbaffelbe aU Sftcd^tö* 
ober SJertraggpflid^t fd^ulbtg toaren. 2)arin offenbart fid^ benn eben, 
baß ba« eigentlid^ et^ifd^c $atbo8 ba9 SKitrcib ip, b. ff. ber 2)rang, 
ben Setben anberer ju »e^iren ober abjul^elfen, unb too^I b«t c« einen 
guten @inn, l^ierin ba« unmittelbare (mi?|iifd&e) 3nnefein toon ber 
3bentität aller Sefen untereinanber gu erfennen. (beiläufig: fd^Iiegt 
nid^t ber ©egriff „Söefen'' fd^on f eiber einen ®rab lebenbiger 3nbi* 
totbualitat, inbiüibueUer ©ubf^antiatität , alfo aud^ StUendnatur, in 
ftd^ ein?) Oerabe aber in ber bloßen @taat«moraI l^at hk9 fd^led^t«* 
^in antiegoiflifd^e iD^otiD bnrd^auS feine ©teile: ber über ©raufam«' 
feiten feiten« ber ©etoaltbaber ergrimmte Patriot fämpft nur gegen 
implicite aud^ i^n fclber bebro^enbe 9led^t8unpd^erl^eit an, unb bem 
entfpred^enb finben n>ir bei ST^ateriatiflen aU l^bd^fle«, jjebod^ btod 
jurifHf d^e9 , $atbo$ ben 2)emofratidmud, niemals aber Begeiferung 
für rein felbflberteugnenbe ?iebeen)erfc (bie i^nen lool gar nur eine 
2^]^orbeit ber ©d^toSrmerei l^cigen) — fd^on beSl^alb nid^t, toeil bicfem 
©tanbpunft bad Snbitibuum eine unbebingte, abfolute, intenflb un« 
enblid^e (Geltung f^at, toa9 freilid^ burd^ ben 2:ob jenes fd^mergtid^fle 
aller SDcmenti« erfährt, tot9lfciih @d^openbauer ben 5tob ben ^ater 
ber 9lcligionen nennt; — unb eben baber mag eö rühren, bag fo 
maud^er, nid^t ttroa bio9 an9 eingetretener 9^erbenfd^n)Sd^e, angefit^t^ 
bei 2:obe9 nod^ befe^rt, b. b- gur ^nerfennung einer fittlid^en ^eltorb« 
nung — ale für toeld^e e« feine« pcrfbnlid^en ®otte« bebarf — ge* 
brSngt »orben ifl. 



tJottfe^ung. Slutonontie aU SBoraudfe^ung jebet ^Imputabilitdt 249 

tok bie be^ Jtatl^olictömii^ entl^ält ein 3Roment, tt>üä)C^ 
fie über bie ©tufe bloßer Segalität J^inau^fteHt ; infofern 
näntlid^ bet SBegtiff be^ opus operatum (nad^ ioeld^em 
ba^ rein gactifd^e ol^ne alle Siücffid^t auf bie beiiool^nenbe 
(Sejtnnung fd^on baö „SSerbienftlid^e" einer ^anblung aug^ 
mad^en fott) mit bialeftifd^er 3?otl^it)enbig!eit auf feinen 
®egenfa| l^intreibt. 6^ ift rid^tig: bie ftarre ßonfequenj 
be^ i^eteronomen ©tanb^^unftö fragt gar nid^t nad^ bem 
SBotten, fonbem blo^ nad^ bem ^l^un, nad^ bem ©eti^anen 
ate einem ©efd^el^enen, lurj: na^ bem factum — unb 
•biefer ©onfequeng jufolge finb alle S^l^aten, gute toie 
fd^Iimme, blofee opera operata. aber glüdlid^erioeife giel^ 
feine Sfteligion atö fold^e, fonbem l^öd^ften^ bie ^Ci^eologie 
ober ber ©d^olaftici^mu^ bie legten abftract4ogifd^en ßon^^ 
fequenjen auö fold^en 5ßrÄmiffen: eine rein legi^latorifd^- 
^eteronome 3Koral läfet fid^ in SBirßid^leit fo toenig feft- 
l^alten loie ber etl^illof e ©tanbijjunft ber „abf oluten 5ßl^^fif" 
bei^ SRaterialiömug — beibe fämen ja im legten 9lefultat 
auf ein^ l^inau^ — unb jebe ^eteronomie ift irgenbtoie 
gendtl^igt, loenigften^ inbirect, ba§ 5ßrinci)) ber Slutonomie 
in fi^ aufjunel^men. ®enn bei biefem lommt e^ ja We- 
niger auf ben Urf^^rung, afö auf bie Slneignung be^ ©e^ 
fefee^ an. S^be Slnerfennung eine§ \>on anbern gegebenen 
@efe|e^ ate für m^ binbenb ifi fd^on eine 3lrt Slneignung 
beffelben — jebe Slnerfennung ift im legten ®runbe nur 
benibar ate ein autonomer SKct — unb bie burd^gefül^rte 
Slutonomie unterfd^eibet fid^ nur baburd^ t)on bergeioö^n- 
lid^en §eteronomie, bafe jene bei jeber einzelnen 2^l^at auf 
ein ©elbftgetoollte^ gurüdEge^t, bagegen biefe ftd^ ein für 
allemal fernerer aSBal^lentf Reibung begibt; jene pxü^t in 
jebem eingelnen %aUe ba^ eigene SBoIIen, biefe nur einmal 
mit ber grage: bift bu bereit, ben SEBillen be§ anbern afe 
für bid^ beftimmenb anjuerfennen unb bemgemftfe atte üon 
bort auögel^enben (emanirenben) ©injelforberungen (Oebote 
unb aSerbote) aU ^ni)alt beine^ eigenen SBoIIen^ gu be- 
trachten? 35ieg ift bie „fittlic^e gfrei^eit", üon toeld^er bie 



250 S)ie Sntputabilitdtdftage unb baS iIRobiftcabaitAtöt)Toblem, 

SRationaliflm fo t)iel SBefen« mad^ten aU fic toäl^ntm, mit 
einem SB orte (tt)ie e^ „fid^ jur redeten Seit einftettt, too 
SB e griffe feilten '0 ^^ SßJibetf^Jtuc^ jtoifd^en ber auf tl^e^ 
iftifd^em ©tanbj)unft unentrinnbaren ©eD&filoftgfeit bei8 
,,®efd^ö»)fe«" unb bem obfoluten göttlid^en ©efefee gelöft ju 
i^aben. 35icfer einmalige ©elbftt)erj)fßcl^tung^act, bie^ ni^t ^ 
un^^affenb atö eine Oeneralrenunciation be^ inbiüibuellen 
SBotten^, atö ein SSerji^t beffelben auf fid^ felber §u be* 
gei^nenbe sacramentum lägt ft^ einerfeitd in ^araQele 
ftetten ju bem ©a|e ®ä)optnf)aun*^: bem in bie ßrfd^ei^ 
nung getretenen SBiUen blieb nur eine aRöglid^Mt, feine* 
intettigible greil^eit ju betl^ätigen : bie ©elbftöerneinung — 
mad^t e^ anbererfeitig aber aud^ erHärlid^, toarum bie in 
ber ^eteronomie am toeiteften gel^enbe ©onfeffion, bie fa^ 
t^olifd^e, bem ©elübbe in il^rem SWoralf^fiem eine fo 
l^ertjorragenbe ©tette einräumte ; benn jebe^ ©elübbe ifl bie 
5B5ieberl^oIung eine^, jenem ganj gleid^artigen, 9lenuncia- 
tion^acte^ auf bie ©elbftbefiimmung in ber S^funft: ber 
©rfüttung be^ Oelübbe^ mufe jjebe anbere Sftüdfid^t nad^^ 
ftel^en, jum boraug foH jebe ©ottifion ber Steigungen ab- 
gefd^nitten: ein für affemal foff ber Äamj)f toiber bie VLn^ 
feuf^l^eit ober bie S^runffud^t ober bie 6rtoerblufi abge^ 
tl^an fein. "S^txQtütd ift leidet }u erfennen: berjenige, ber 
ein ©elübbe leiflet, lüiff fid^ gegen ftd^ felber geiüifferma^en 
fid^.erfteffen: bai^ ©etoiffen, fürd^tet er, toürbe ber ©injet 
fünbe nid^t loiberftel^en lönnen, fo foff ein mä^tigere^ aRo^ 
tit) e^ in SBanbe legen: bie gurd^t üor ber S^obfünbe be^ 
©ibbrud^g. 35affelbe ift bie Intention eine^ j[eben, ber pd^ 
einen ^romifforifd^en @ib ablegen läfet: er traut ber Äraft 
ber 2;reue für ftd^ äff ein nid^t red^t; i^r foff ein toirffa= 
merer 3ö:^ä^8 angelegt ioerben, ber @ib ate ein SBän^ 
bigung^mittel für äffe Oelüfte be^ Ungel^orfam^ bienen,*) 



1 

*) Senn aber bon btcfer @citc Bctrad^tet jener ©aron ted^t ju 
^aBen fci^etnt, ber feinen ftatl^olictdmud aU bie ,,bequemere" 9teßgton 
ni^t anfgeBen ntod^te, fo fragt ed \i^ hodf audf toieber, oB in Ofxtx 



Sortfetung« Slutonomie aU SBoraudfe^ung jebet IgntputabKitdt. 251 

3Bai$ (Stffil unb @tfal^tung i^ierju fagen, ge^t und nur 
an, fofem bie 6l^ataftcrolDgie einer ungered^ten SSer« 



9{ed^tferttpngdlel^re e« bie itatifoixUn ntd^t firenger nehmen aU bie 

Sutl^eraner, meldte in jiebem ^ugenbttcf ber ^nfed^tung recurrireit auf 

ben biegen (^taubendact, ber ,,bie ®nabe i^6f aneignen'' foS; biefe 

fürd^ten aUgu ängfllid^ , ed fönne eine ,r@e(bfigereci^ttgleit'' auflommeit 

in bem SBo^Igefallen an ben eigenen Kerlen (bgt. für biefe 9uf« 

faffung a* ®* Xifotnd, Sij^re ton ber @ünbe, 6. ^uf(., @. 134). 

^ber ein fpld^ed toirb f(^on ausbleiben, tpenn u>ir((ici^ einmal tiefet 

@d^ulbbett>ugtfein lebenbig geioorben ifi ; ba mug bietmel^r, bamtt bie 

©eioigl^eit bon ber ,, ^erfbl^nung " nid^t allgu bequemen Kaufes gum 

9iu]^e))o(fler gemidbraut^t toerbe, toirllid^ immer tpieber t)on neuem 

bi9 )ur bergagtefien 3^v^nirfd^ung ba9 3nnefein einer ^elbflbejial^ung 

enoad^en. 92ur fo, b. b* ^^^^ mt;tbifd^en 2)ecoration entHeibet, ifat 

bie ^erföbnnngSlebre — als ^erbeigung, ha^ bad arbeiten an fid^ 

fefber nid^t öergeblid^ bleiben fotte — einen @inn, unb mit biefer 

m^tbologifd^en ä^afd^inerie fSSt jenes bequeme ©id^befc^toid^tigen, 

toeld^ed fid^ t)on ber ^orberung „guter SBerfe'' am (iebfien gang ent« 

bittben mdd^te. „^a9 Sunber ifl bed ®kuben« lieble« ^nb'' fagt 

®oetbe; ba6 :t>auUnifd^4utberifd^e S^nf^entbum febrt ha9 um: ber 

®ater be« ©laubenö i|i taö SBunber — benn ber ©laube felbji i|i 

ein ^unber (ober toie (Srnfi bon J^eud^terdleben ed audbrüdt: 

3)er (^Itmbe ifl he9 ®lanUn9 $tei« — 
S)er Stoeifel felbfl ifi fein fdetotiS), 

ein ^tnaudf)}ringen über aKen (Saufalgufammenbang, ein iRegiren ber 
9fiotbtoenbigfeit alle« ©efd^ebenben — benn obne ein Söunber im 3n* 
nem glaubt man nid^t an ^unber — andf nid^t an bie iD^Bglid^feit 
ber ^illendioerneinung unb ber bamit gegebenen S^ilgung ber @d^u(b 
unb ber @ünbe; — ber Q^tanU bicran aber ifl ba« eigentlid^e @enf* 
lom ber (Sriöfung unb ©etbfiberfdbnung , tporin aKein ber griebe 
ifl. Seber mug fd^tießftd^ in unb — eö fei (übn b^auSgefagtl — 
aud^ burd^ fid^ fetber feUg tperben, b. b* feinen ^eelenfrieben ftnben 

— ed tann ibm niemanb ba« bormad^en, unb 9tece)>te laffen ftd^ ha» 
für aud^ nid^t geben. Senn aber gur ^rlöfung nur bie confequente 
^elbflbemeinung fübrt, fo ifl jiebe ^elbflbejabung , burd^ loeld^e jene 
unterbrod^en n^irb, ein ^üd\(ffxxtt, toeld^er bon fd^on erobertem ^er» 
rain n>ieber etmad einbüßt, f^reilid^ fragt f!d^*«, ob nid^t ha9 ffyhtnt 
$emb ber ©ered^tigfeif' mancherlei ©d^nitt f^at — ob e« uniform 
fein muffe für alle, ober aud^ bon ibm gelte: 

«ine« f(^i(ft m nm fflt aSe, 
@el^e ieber, toie er'« treiBe! 

— unb babei !ann bod^ gar toobt befleben bleiben: „^9 flnb mand^erlei 
C^aben, aber e« ifl (Sin ®eifl!'' 



252 S)ie dmputabiUtdtdfrage unb bad aRobi{tcabilit&tdt)robUnt. 

urtJ^eilung üorjubeugen f)at: bie eine ^pxi6}t t)on untoür^ 
biger Ueberlifiung, bie anbete confiatirt bie götberung, 
öjeld^e au^ fold^en Ueberfj)annungen einem ber ßajl^eit 
nal^e fommenben, toegen ber öffentlid^en SJemoralifation 
i^öd^fi bebenüid^en, Satitubinari^mu^ jutoäd^fi; benn ba« 
„eg fann ja fo genau nid^t barauf anfommen", unb „buci^= 
ftäbli^ lÄfet eg fid^ ja unmöglid^ l^alten" ift nirgenb^ mel^r 
ju ^aufe atö in ©ad^en ber ©elüfcbe unb :^)romifforifd^en 
©ibe. . ®em entfijjred^enb red^net e§ bie immanent-autonome 
etl^if einem griebri^ bem ©d^önen fo l^od^ ate „35eutf^e 
Streue" an, bafe er fid^ feiner SBer^)Pi^tung nid^t burd^ 
ben 5ßaj)fi toottte entbinben laffen. 2ln fid^ bagegen ift e^ 
bie folgerid^tige äuffaffung ber fittlid;en aSert)fCid^tung aU 
einer bloßen ßontract^^jflid^t, bafe eine Swf^^g^ f^^^P ober 
burd^ feinen Seöottmäd^tigten („©tetttjertreter") ber löfen 
fann, toeld^em fie gegeben ift — unb loo atte^ atö „©e^ 
^orfam gegen ©Ott" geforbert lüirb, ba l^ört ba^ SRed^t, 
lt)eld^e§ SKenfd^en aU SKenfd^en wn 3Wenfd^en ertoorben 
l^aben, auf, eine anbere afö inbirecte, abgeleitete ©eltung 
ju ^aben. ©o gel^t e^ bei 35ante ju, unb fo toerl^ält fid^ 
ber fatl^olifd^e ßaie ju feinem Älerifer, toenn er äße feine 
Scxu^d biefem tjorträgt, lt)ie ber juriftifd^e Saie afe ßlient 
feinem 2lntt)alt: er beauftragt biefen — toeil er f eiber be^ 
©efe^eS unb feiner gormein unfunbig ift — mit ber S3e? 
reinigung feiner SÄngelegenl^eit t>or bem l^öd^ften S^ribunal, 
it)ofür er bann feine ©ebül^ren erlegt — bie fliegen in ben 
gi^cu^ jene^ ©taat^, ber in Snquifitoren unb ^e^errid^tern 
aud^ be^ ^ppaxat^ ber ©^fot)l^anten unb gel^eimen ^ßolijei 
nid^t entbel^rt. 

35ie befonbere Slnioenbung aber auf bie 3mij3Utabili= 
tät^frage ift lei^t gemad^t: tt)er ein ©elübbe l^ält, ober 
toer fonft irgenbeine öon aufeen ftammenbe ®efe|gebung 
auf fid^ anioenben ju laffen fojufagen en bloc fi^ bereit 
erHärt, ber l^at fortan nur einen SBiffen^inl^alt, unb jebe 
feiner ^anblungen ftel^t allein no^ gu jenem oberften ©e= 
fefee in einer birecten 33ejie^ung; alle feine einzelnen 



gortfejung. Autonomie ate SorauSfeJung jebct Simputabilität. 253 

^ßfßd^^ten erimnt et nur an ali5 fecunbäre ©ertoationen 
an^ jener einen Ur^^ftid^t, unb au^fd^Ue^Ud^ nad^ ber 5Creue 
gegen biefe ift all fein 2:i^un unb Saffen ju bemeffen, — 
S)amit iDäre confequentermafeen bem Sntereffe an jeber 
inbiöibualifirenben ßl^arafterologie ber ©araug gemad^t, 
benn e^ gäbe nur ein fd^n)arj^nmfeeg Aut-Aut, in bag 
alle et^ifd^en S)ifferen5en fijjurlog öerfänfen. Wjo f^on 
na^ ber Slutonomie unferer aSBiffenfd^aft muffen toir jurüÄ^ 
treten auf ben ©tanb^^unft ber reinen Slutonomie — eben 
um bie etl^ifd^e Sebeutfamleit ber iganblungen unb il^re 
3ured^enbarleit ju retten, ^enn nur fo entgelten toir 
aud^i jener ©fej)fig , ioeld^e eg mit ber et^if^en SBebeutung 
ber $anblungen mad^t toie jener ^rft mit bem Slbel, ber 
il^n baburd^ in feinen 9?eid^en abfd^affte, bat ^^ ^^e feine 
Untertl^anen abelte. — ©o nämlid^ berfäl^rt jene Sonfe^: 
quenjenmad^erei , bie ftd^ in einer Sd^Iufefolge tt)ie biefer 
ergel^t: bie etl^ifd^e Sebeutung ber ^anblungen liegt in 
ibrer metajjl^^fifd^en 9?ealität im SBiffen — irgenbioie 
ftammt nad^ ©d^o!t)en^auer Sitten toa^ ifl unb gef^iel^t 
au^ bem SBitten — alfo ejiftirt fein Unterfd^ieb jtbifd^en 
SRaturereigniffen (tool^ltl^ätigen ober berberblid^en), SSBirs 
fungen au^ ber ?Pftanjentoelt (näl^renben ober giftigen), 
bem J^l^un ber S^l^iere, ber ©äuglinge, ber SBal^nfinnigen, 
ber Unbefonnenen, ber mit Harflem ©elbftbeioufetfein igan^ 
beinben: biefe fämmtlid^en SSorgftnge finb in Slnfel^ung 
be^ 2lII=®inen, be§ UrttjiUenö, gleid^ imj)utabel unb jlDar 
in utramque partem, — entioeber finb fie alle et^ifd^ be* 
beutfam, ober feine! Unb man merlt fd^on, für n)eld^e 
biefer SKternatiöen ein fo argumentirenber ©feiptici^mu^ 
jid^ im ftitten längjl entfd^ieben: er abelt äße au^ anti^^ 
arifiofrotifd^en S^enbenjen. 

©old^er 3lit)ettirung gegenüber nun tooffen toir banad^ 
forfd^en, toa^ ei5 für einen Sinn l^abe, t)on ber „Unfd^ulb" 
ber alliiere unb Äinber }u reben, mit bem SSoIfömunbe ju 
f agen : toer f d^Iäft, fünbigt nid^t — ober mit bem Griminal^ 
rid^ter: ber gnculpat befanb fid^ im Swft^^«^^ befd^ränfter 



254 Sie ^m^utabilitatöfcade iinb ba§ iBtobtflcabaitdt^probleitt. 

3urcd^nuttgSfäl^tgfeit, ober: ha& gefd^e^me Unglüd toax 
bur^au^ nid^t feine ©c^ulb, ein bloßer S^ftttt^ i^^fe ^^ 
getobe ü^m paf jtren mufete (ettea einem ©ifenbal^njugfül^ter, 
ba^ ftd^ gerabe toä^tenb feiner SHenflgeit einer auf bie 
©d^ienen toarf). 

SBie nal^e ©d^o^^eni^auer fetter an jene« aSertoifd^en 
atter Unterfd^iebe jireift, jeigt unter anbern bie ©teile in 
,,®ie beiben ®runbi)robIeme ber ©tl^il" (2. Stuflv ©• 60 fg.), 
n)o er ba^ „ber ©d^ulb toertoanbte ©efü^I beg Piaculum" 
in 3ufÄwmenl^ang bringt mit ber ^rftesiftentietten Urfd^ulb, 
flatt eg unter ben öeif^^ielen bon ber SCrüglid^leit be^ ®e* 
tt)iffen^ aufzuführen ; benn liegt bie grei^eit in bem ©inne 
gonj im intettigibeln Esse, bafe e« nur eine, bie J)räesiften:: 
tiette ©d)ulb gibt, fo finb bie ^anblungen ber SOBa^nftn^ 
nigen minbeften^ ebenfo vollgültige 6l^arafterf^m|)tome toie 
piacula ber ertoäi^nten Slrt, unb bann gibt e^ leine 3iet= 
tung t)or bem in delirio veritas nad^ feiner l^aarjlrÄubenb^ 
fien ©d^ftrfe. 

SBotten toir bemnad^ an bem anbern ©a|e fefil^alten: 
bie ©d^ulb reid^t nid^t loeiter ate baö Setoufetfein, fo 
muffen toir jenen neuem Seigrem ber 5pf^d^iatrie beitreten, 
loeld^e bag einzige fiid^l^altige, aber audg^ ööHig au^reid^enbe 
Äriterium ber sanitas mentis in bie gäi^igleit fefeen, „auf 
ba^ eigene ®enlen ju reflectiren unb fo beffen 3nl^alt ju 
^prüfen", fomit aud^ be^ eigenen Äranffein^ ober Äranfc 
getoefenfein^ berufet ju toerben unb ben Unterfd^ieb gwifd^ien 
ber normalen unb geftörten gunctionirung^toeife be^ ©enlenS 
fid^ borl^alten gu fönnen — (nid^t anberig, loie einer „bei 
lEaltem Slute" loei^, loann er im Slffect gel^anbelt ^at, 
tt>&l^renb niemanb in bem äugenbßdt, loo er von einem 
äffect bel^errfd^t loirb, ftd^ fagen laffen toiH, bafe feine 
„inteHectuette grei^eit" momentan gel^emmt fei). 3m 
@runbe fättt ba^ ja jufammen mit ©d(foj)enl5fauer'Ä ®efi= 
nition loon ber SSemunft afö bem SBermögen ber Segriffe 
unb loon ben Segriffen afö ben SSorfiellungen üon 
SJorfteUungen. Slber nur ein Qntettect, ber fo getoiffer? 



gortfcjung. SBunfd^, SSeßeität, ©titntnung. 255 

mafeen leintet fid^ fetter ju treten ijemtag, toirb aud^ fftl^ig 
fein, ben ^f)alt feinet betou^ten SBotten« objectit) *>or jld^ 
i^finjufteffen — unb t)on bief er %&ffXQMt mad^te ja bie obige 
93eftimmung beS SBefen^ ber Slutonomie bie 3tnj)utabilität 
abl^ängig. SBie man gefagt l^at: aud^ ba8 %f)m benft, 
ober nur ber SWenfd^ toeife benfenb, ba^ er benit, unb: 
aud^ ba§ Xf)itx toill effen, aber nur ber 3Wenfd^ toeijs, bafe 
er effen toitt; fo fann man gleid^falliB fagen: aud^ ba^ SJ^ier 
^anbelt egoifiifd^, boSi^aft ober mitleibig, aber nur ber 
SUlenfd^ toeijs, loie er l^anbelt — unb bief er Unterfd^ieb 
jtotfd^en 2!]^ier unb 51Kenfd^ ifi fojufagen ber ©i| ber Sluto^: 
nomie, ber ©elbfiberantloortlid^feit, unb bamtt ber SSer:: 
anttoortlid^feit t)or anbem, i. e. ber 3m:^)utabilitat. 

©0 bleibt*^ benn \t>a\}x: ba§ Xf)m ifl unfd^ulbig unb 
ber 9Renfd^ nid^t fd^ulbig, foioeit tl^eitoeife (tote im ©d^Iaf, 
Siaufd^ unb SBal^nfinn) ober gonj (beim Piaculum) ba^ 
93ete)u^tfein um ben toirHid^en ^nl^alt feinet Xffun^ ge^ 
bunben ifl. 



20. ^ottfe^ung. mn% ^tUtität, @ttmmung (mit noc^-- 
maliger SBeriitfficdttgung itS ipofob^mfd^en @Iementd). 

83Ba§ eg bann anbererfeit^ mit bem ©a|e für eine 
S3eloanbtni^ l^abe: nur au^ unferm ^un lernen loir unfer 
SBoHen fennen — ift fo fd^toer nid^t au8jumad^en. S)aS 
ffiilemma fd^eint unlösbarer, atö eS ift. ©d^on öor ber 
SuSfül^rung einer 2;i^at Wnnen loir fe^r tool^I toiffen, loaS 
loir eigentli^ looffen, ob eigene« ober frembe« SBol^l ober 
aSel^e; nur bie ©renjen ber einjelnen ©trebungen im 
©offiftoni^falle lernen loir erjlimißanbeln, bejieJ^ungSloeife 
nad^ bemfelben fennen. ©eSi^alb legt j. 83. ©d^o:^)enl^auer 
bem bloßen SBunfd^e nur eine fo geringe S3ebeutung für 
bie etl^ifd^e SSeurtl^eilung bei, ol^ne jebod^ in ber SBe= 
grünbung biefer ©nfd^ränlung ju genügen. SBenn §. 85. 
ein ^Patriot ben lebl^aften SBunfd^ ^egt, ber SSebrüder 



256 2)ie Sm^utabUitAtSfrage unb ba§ SlobtficabiKtAtöproblem. 

feinet SBatcrlanbc« möge balb fo ober fo feinen S^ob fin= 
ben: Jo fielet ein fold^er SBunfd^ ju bem ettoaigen QnU 
fd^lufe, fetter biefen 5Cob l^erbeijufü^ren, nid^t einmal im 
äSerl^ältnig ber fogenannten SSeQeität ^iefe n&nüiäf bleibt 
im innern Slnlauf ftel^en unb toirb burd^ ©nergielofigleit, 
geigl^eit ober bergleid^en obgel^alten, toeiter ju ge^en — fie 
fa^ taud^ fd^on bie SWittel in3 Sluge: ber blofee SBunfd^ ba- 
gegen jielt nur auf ba^ ©nbe. 35e§l^alb beftel^en aSünfd^e 
fort beim boDen SBetou^tfein um bie Unmdglid^!eit i^re^ 
erfüffttoerben^, lüie in ber ©el^nfud^t nad^ aSerfiorbenen. 

gerner berul^t bie Unfid^er^eit ber ©elbflerfenntnife in 
etl^ifd^er ^infid^t auf bem SBed^fel ber ©timmung: iben^ 
tifd^e 9Kotit)e toirlen ju öerfd^iebenen S^ten mit ungleit^em 
SWad^tgrabe auf baffelbe 3>nbit)ibuum — unb toa« mid^ 
jjieute jiemlid^ lalt läfet, lann mid^ morgen in l^eftigen 
3om t)erfefeen. 

3ene^ t)ielt)erfd^lungene Qneinanber t)on ©efü^len, 
aOBillen^firebungen, SRertjenjuftänben, ©rinnerung^momenten 
u. f. f., lüeld^e^ lüir „Stimmung" nennen, l^at ja feine 
©^non^ma an ^Begriffen toie „Oemütl^^öerfaffung" unb 
„®emütl^3juftänbe", unb gel^ört infofem in unfere mono= 
grajjl^ifd^e Erörterung ber „2lntinomien be^ Oemütl^^"; 
aber bie Sejiel^ung beffelben ju Snii^wtabilität unb SWobi- 
ficabilität ift eine fo birecte, bafe loir unö fd^on l^ier bem 
nid^t entjie^en lönnen, baffelbe in SSetrad^tung ju jiel^en. 
3uerft fd^on be^l^alb nid^t, loeil gerabe SlRerfmale ber 
©timmung gern ol^ne toeitere^ d^arafterologifd^ t^er^ 
toenbet loerben. SBer j. 33. gufättig einmal einen ©ufoloS 
,,bü fd^led^ter Saune" finbet unb i^n fonft nid^t fennt, 
fann bem „fibelen ^au^" grofe Unred^t tl^un unb in bem 
3lnaIreontifer lool gar einen S^ron^jünger t)ermutl^en. 
Dber toer bei einem 35^^folo^ gerabe in bem Slugenblidt 
eintrat, too tben eine fd^loer laftenbe ©orge üon il^m ge^ 
nommen, ber erjfti^lt öielleid^t, er l^abe eine fanguinift^e 
„grol^natur" fennen gelernt. Slber nid^t blo^ in po]oh\)' 
nifd^er ^infid^t !ann bie „©timmung" irreleiten, ©er ftd^ 



gortfc^ung. SBunW, Settcit&t, Stimmung. 257 

unter unJ^cimlid^en SBerJ^ftltniffen, bie gerabe feinem offe^ 
nen, freimüt^igen SBefen grünblid^fit jutoiber ftnb, beengt 
fül^lt unb beöl^att big oben „iugefnöi)ft" bafiel^t: ber läuft 
©efal^r, für einen ^eimtüder angefel^en ju toerben. Unb 
•uttigefel^rt : ber fonfl Sßerfd^loffene !ann ju ttjol^rer SReb- 
feligfeit „auft^auen" im Greife „gleid^geftimmter" ^eunbe, 
toeil au^ feiner Stimmung ba§ büftere SKiStrauen getoid^en. 
SBer gegen gettjiffe 5ßerfonen eint ibiof^nfeatifd^e Sltjerfton 
^at, ber tpirb fd^on \>m6) berett blofee ^3lnn)efenl^eit „tjer- 
jHmmt", unb fein ganje^ SBefen n)irb in i^rer 9läl^e eine 
getoijfe ißerbigfeit annehmen, ganj entgegen fonftiger SWilbe 
unb greunblid^feit; — ja, fo fel^r !ann eg il^m toiberftel^en, 
mit il^nen „an bemfelben ©trang ju jiel^e^", bafe er felbfl 
ben ©d^ein beg ©igenfinng nid^t meibet , um nur mit il^nen 
„nid^t^ JU tl^un ju l^aben", mit il^nen nid^t „^anb in 
ißanb geilen ju muffen". SRid^t minber fönnen befUmmte 
Socafcer^ältniffe eine berartige 3Komentan= ober SpedaU 
capvia ^jroöociren, ol^ne ha^ barau^ auf (Sigenfinn ate 
conftanteg ßl^araftermerftnal ju fd^Iie^en toäre. 3)aö bloße 
Setoujstf ein , fid^ irgenbtoie „gebunben" ju l^aben, fann 
brüdenb genug auf einem laflen , um jum beftänbigen 9teij 
JU toerben, bafe einer „toiber ben ©tad^el letfe". 3Ran^er 
fing erfl an, „nad^ ben SBeiblein um^erjufc^auen", feitbem 
er f elbft ein§ l^atte. — ®er ijl noc^ fein l^eu^lerif d^er 
©d^leid^er, toer fid^ im befonbem gaUe au^ ganj be= 
flimmten 3Kotit)en eine t)orfid^tige Swtüdl^altung auferlegt 
— benn biefe befonbem 5Wotit)e, nid^ bie au^ il^rem 6aufal= 
jufammenl^ange J^erauSgeriffenen ^l^atfad^en muffen ba^ 
Äennjeid^en l^ergeben für feinen ßl^arafter. Unb miggün= 
füg, ober aud^ nur neibifd^, bürfen toir nid^t gleid^ einen 
f dielten, toenn er in 3Komenten ertoad^enber Sitterfeit ob 
felbfterfal^rener jiiefmütterlid^er SSel^anblung feiten^ be« 
©d^idffate ober ber irbifd^en ©etoaltl^aber fid^ beriefet 
äufeert burd^i ben SlnblidE beg „Olüd^" ober ber 33et>or:= 
jugung; bie anbem jutl^eil geworben. 

gafl nod^ leid^iter unb öfter aber loirb, toie gefagt. 



258 3)ie SUnputabititdtöfrage unb ba§ aRobt{tcabiatdtö«)rol)lein. 

bie ©tunntung ju einer OueQe ber ^äufd^ung über un^ 
felbfi — in aRomenten einer „geijiobenen", „begeiflerten" 
©timmung, toie ber Slnblid me^ f)of)m SSorbilbe« fie 
l^erBeifül^ren fann, too ber 6ble f eiber \t>Sä)nt, ebler ge^ 
toorben gu fein, toeil er feinem ebeln Streben, e^ an 
einem Sbeal emj)orranfenb, l^öl^ere 3^^U>QC^edt l^at, — 
bünft eg ung fo leidet, jeber SSerfud^ung SBiberflanb ju 
leijlen — bie SBorfteffung unmittelbarer 9?eije ift au§ un== 
ferm Setoufetfein gebrängt, toir ]püxm nid^tö bon il^rer 
loerlodenben Äraft — e^ fd^eint fo felbftöerflänblid^, ba^ 
tt)ir il^nen fortan toeit au^ bem SBege gelten*); — aBein: 

(Sng ijl bic Scft, unb ba« ©e^irn ip tocit 
Seid^t beieinanber tool^nen bie (S^ebanlen, 
jDod^ ^art im 9{aume flogen fid^ bie ©ad^en. 

Unb in beren Oebränge fönnen tt)ir b^ eigenen SBertl^ 
toie jerquetfd^t fül^Ien — mit nid^t Heinerm Qrrt^um aU 
ieneö. 3n fold^ „fd^toarjen ©tunben", too S)ftmonen ber 
§öBe fräd^jenb ba§ $auj)t umflattern, fd^eint jebe eblere 
giegung erftorben, unb toieber ift'g bie Stimmung, bie „ben 
SRiefenfd^atten unfrer eigenen ©d^reden im l^o^Ien ©i^iegel 
ber ©etoiffen^angft" un^ öorl^ält. Unb toa^ aud^ al^ con=^ 
ftituirenbeS ©lement in bie ©timmung mag eingegangen 
fein an S3ebingungen be^ j)l^^fif^en Sefinben^, an narfo- 
tifd^en ober ftimuHrenben, an bäm^^fenben ober eEcitiren- 
ben 3KitteIn: immer bleibt fie boc^ in Slnfel^ung il^rer 
SBebeutfamfeit für bie 3m!putabilität unb aSerantlüortlid^feit 
ju unterfd^eiben bom bloßen „ gegenn)ärtigen ©inbrud". 



*) ^ndf iener Siebüng^gebanfe ^^iUer^d, ben er am audfü^r« 
tid^flen in ben ,, Briefen über bit äf!(;etifd^e (Srgiebung bed ST^enfcl^en^ 
gef(i(Ud^td'' enhDicfeU l^at , Berul^t ja auf biefer ^a^me^mung, toie ni(]^t 
mtnber bie3)eutun0, toeldjc man bem arifiotelifdjen begriff ber xaSapat? 
gegeben, bid e6 in unfern Sagen bem ©d^arffinn eines Semiten 
(üBernat;^) Vorbehalten toar, ben @treit gu erloedfen, ob babei nid^t 
btod an einen :|}]^)^ftfd^<>tbera:|}eutifci^en Vorgang gu benfen fei* 



^ottfe^mtg. SBunfd^, 9}eaeitdt, ehminung« 259 

todd^em fie &6)0pmf}auct 0,®te aOBett atö SEBille unb SSotfiet 
lung", 3* 2luP., I, 354; 2. aufl., ©. 338) cinfad^ fubfumirt. 
3?od^ toeniget al^ bon ©^^frafien im Dtgontörnu^ ober öon 
Seränberungen ber aRu^feltejtur läfet fid^ t)on i^t befiteiten, 
bafe fie ein S^fi^nb be^ SBoffeng f elbet fei. Offenbar f}at an6) 
bie ©d^eu, ber a3e^auj)tung öon ber unbebingten Smmos 
bificabilität ber etl^ifd^en ©genfd^aften ettoa^ ju vergeben, 
©d^oipenl^auer babon jurüdgel^alten, in t)ofob^nifd^er SBe- 
jiel^ung mit gleid^er ©ntfd^iebenl^eit für bie Unt)eränberlid^feit 
einzutreten; be^l^alb fijjrid^t er (a. a. D., ©. 372 fg.; 2. Slufl*, 
©. 356 fgO nur t)on einer temj)orär feftftel^enben ©a^^a- 
cität, nid^t t)on einer abfoluten ßonfianj berfelben. Slber 
e^ ifi reine SBifffür, bem einen d^arafterologifd^en ®lement 
mel^r t)om intettigibeln SBefen beizulegen aU bem anbern 
— benn nad^ ber 5ßl^änomenoIogie be§ ^bealiMu^ ift aud^ 
bie etl^ifd^e ©eite be^ em^jirifd^en ßj^aralter^ blo^e ©r- 
fd^einung ( — ein ©a|, bejfen anbertoeitige Gonfequenzen 
nid^t in biefen 3«f<^tt^«^^J^^öng gei^ören). — Unb toenn 
„ber frembe 2^roi)fen im Slute", t)on bem ®gmont ttjünfd^t, 
ba^ bie „gute SRatur il^n toieber l^erau^toerfen" möge, bie 
©rfd^einung ber ^)ofob^nifd^en ©igenl^eit entfietten fann, 
fo aud^ bie Sleufeerungen be^ etl^ifd^en ßl^arafter^; toenn 
aber an jener mel^r aU ba^ ©rfd^einung^mafe, fp aud^ 
an biefem mel^r atö bie Sleufeerung^form. aWit gutem 
aSorbebad^t l^abe id^ bie ^pofob^nif in ben bie „©runbjüge" 
liefemben allgemeinen 2;i^eil aufgenommen unb mid^ l^in= 
it>eggefe|t über bie Unentfd^ieben^eit be^ 3Weifterg, toeld^e 
auf tl^eoretifd^em gelbe eine Unbeflimmtl^eit jur golge 
l^aben ioürbe, bie für ba§ j)ofob^nifd^e Clement blo^ beim 
SWobificabilität^^roblem einen 5ßla| einräumen fönnte, too- 
gegen id^ baffelbe t)on Slnfang an in feiner ©elbftänbig^ 
leit J^erau^geftettt l^abe. 

S)a§ ift ja gerabe ber Unterfd^ieb gtpifd^en ber „öor= 
überge^enben" Stimmung unb bem fid^ gleid^ bleibenben 
9Rafe ber 35^^!olie ober ®ufoIie, ba^ biefem, nad^ jebem 
SBe^fel in jener, ftet« toieber hervortritt. %empox&x^ 

17* 



260 2)ie dm^utobUitdtöfra^e unb bad flobtflcaUtttdtöptoblem. 

,,©teigetuttgen" ber l^eitem ober trä6en Stimmung ftdlen 
ja ni^t We ^jofob^nifd^e ©onflanj in %xaQt, toenn Wefe 
nur rid^tig t^erflonben toirb. SBie je nad^ bem älfftnitfttö- 
grabe ein d^emifd^ei^ Clement fid^ mit einem anbem leb- 
l^after ober trftger berbinbet, fo toirb ber Qnbibibuatoiffe 
bie SntenfttÄt be^ üoraufgegangenen SSerlangen^ in bem 
9Ra^e feiner greube beim ©riangen, bie be» vorauf ge= 
gongenen Sefriebigt^ unb ©efättigtfein« bur^ ein mit 
flarfer SBal^toertoanbtfd^ft bon i^m geftgel^alteneg in bem 
®rabe feiner SJrauer beim SSerlieren funbgeben — ober 
ceteris paribus, b. f). unter fonfi gleid^en Unifiänben loirb 
eben ber ©ufoloö fi^ anber^ benel^men atö ber S)l^^!oIo^. 
Unb nur baffelbe SWi^öerftftnbnife fönnte ju ber Stnnol^me 
herleiten, bie l^öd^jle ^eube be^ ®^^foIoig fei aUemal Joe* 
niger intenfib aU ba^ ^öd^fie ergö|en beg eufolo« — 
ober ber tieffie ©d^merj eineö ©ufolo^ matter ote ber je^ 
be^ beliebigen SJ^^foIo^. — Se|tere^ rid^tet fid^ t>ielmel^r 
nad^ bem Orabe feiner SBiUen^energie überl^auj)t in SSer^ 
binbung mit feiner Xemi^jeramentSbefd^affenl^eit im ganjen, 
toie in^befonbere feiner 3mj)ref fionabilität , bie ja bü tm 
gelnen hM^Skou; ganj flad^ fein !ann. Stlfo gerabe bie 
fc^ftrfere unb confequentere ?5ajfung beö ijjofob^nifd^en ®e- 
genfa|e§ enthebt unS ber ©d^toierig!eit, ein unbegreifliche^ 
^lu^ patuiren ju muffen, ba0 für einen Slugenblidf loie 
ein d^emifd^ed 3lgend toirlen unb bod^ nad^l^er toie ein bloiS 
me(^anifd(ieiS ®emengfelftüdt auögefto^en toerben fönnte. 
®enn bie ^age nad^ bem SBol^er? be§ 2:emt)orftren lä^t 
ftd^ nur bann im monifüfd^en ©inne beantworten, ioenn 
loir ba^jenige, toa^ ate abfolute Steigerung erfd^eint, au^ 
einer ganj im 3nnem bor fl^ ge^enben Slenberung ber 
?ßroj)ortionatoeri^aitniffe jtoifd^ien ben einzelnen Organ- 
functionen ju erflfiren fud^en — fotoie eine fold^e oben 
atö Qn^ unb 3lbflu^, inSbefonbere beimSlffect, bon unö 
beflimmt ifi. ®ie annähme eines öon aufeen fommenben 
3Roment« einer SIenberung i^ftlt freilid^ fold^ borübw- 
gel^enbe Störungen („^ßerturbationen'O bes ®leid^gert>id^ts 



gortfelung, SBunf(i&, SSeacität, ©timmung. 261 

bcm SÄnfid^ fd^ einbat ferner — aber nur, um anberer=: 
feitö in bejio größere Unerttfirlid^feit ju öertoideln. ®e:= 
robe öoenn n>ir bem näd^ften SWfd^n folgen, fielet e^ au^, 
atö ob unfer ganje^ SSBefen geitöjeilig in gorm ber ©tints 
muttg eine rabicale SSeränberung erfal^ren I^Ätte, unb jtoar 
burd^ ein äccibenteHe^ , ba^ fid^ toieber au^fto^en, au^- 
fd^eiben liefee. älfo immer loieber ^aben n)ir ung t)or ben 
3Ri^öerftänbniffen ju lauten, bie au^ jener ipomon^mie ent- 
fiteljfen lönnen, nad^ toeld^er SKobificabilität balb eine rein 
|)l^*änomenale SBeränberli^leit, balb eine grunbtoefentlid^e 
Slenberung^möglid^feit au^brüdt — benn je nad^ ber einen 
ober anbem »ebeutung beg SBortö ifl bie grage ju be= 
jjal^en ober ju t)erneinen, ob ber ©timmung^toed^fel für bie 
SWobificabilitdt jeuge. Slud^ tfir leugnen, bieg bemeinenb, 
nid^t, ba^ bie äußern aWotiöe, unter beren ^errfd^aft bie 
Stimmung fielet, im aBitten felber aSeränberungen i^erbor- 
rufen — toir ftetten nur in Slbrebe, bafe ber aSBitte bamit 
fojufagen ein materiette^ Quantum in ftd^ aufnel^me; ber 
3om lommt nid^t in ben SJienfd^en l^inein, aud^ bie Siebe 
nid^t, ober bie SBerbrie^lid^feit, fonbem nur ber Slnlafe, 
njeld^er in bem ©etriebe ber fo öielfad^ ineinanbergreifenben 
aSitten^rid^tungen ein^ ober mel^rere Slläber anberg ju^ 
einanber ftettt unb fo bie ganje ©rudtoertl^eilung alterirt, 
ettoa loie beim SBerfd^ieben ber aßalje in einer ©rel^orgel 
nid^t bloö bie ^Reihenfolge unb bie relatit)e ^nibma ber 
2;öne, fonbem aud^ ba^ gorte unb ^piano ein anbere^ 
toirb. (aSenn man alf o auc^ loirf lid^ , tt)ie ba^ 3Rotii) ber 
aRafc^inerie, mittete beren bie aßalje ftd^ ftetten läfet, fo 
ben ®rjiel^er bem regulirenben Drgelbrel^er öergleid^en toitt : 
fo berührt ba^ bod^ bie aSßal^rl^eit be^ ©afeeö nid^t, bafe 
biefer fein Snftrument nel^men mufe toie er e^ öorfinbet 
unb iljim nid^t jebe beliebige SWelobie entlodten fann; bat^on 
gar nid^t ju reben, ba§ bie aSalje aud^ juioeilen eigene 
finnig in bie alte £age jurü(!fj)ringtO Unb im Orunbe 
toar eg ja aud^ nid^t^ anbere^, ö)a8 ioir oben bei 33e- 
f|)red^ung ber SWobificabilitÄt ber jjofob^nifd^en SBeftimmtl^eit 



262 ^ie ^mtmtabiUtAtdfra^e unb baS SRobifuttMfitfltd^robUm. 

al^ bie SBo^r^eit erfonnten in betn mmiam quod dixit 
Hegel übet bie mit bm SebeniSaltem tt>e(^felnben Xtfxiptta^ 
mettte. Senn bie ^ftdandfolie, mldfct Mn ^mife otid 
^eitere Statuten — suxoXot — infolge öön ftummer unb 
@tam t^erfaDen lönnen^ ifl ja ^mt ecktet S>^dfolie fo loer- 
fd^id)en^ tt>ie bie Sd^eineulolie^ tDeld^er unter momentaner 
@unfl beS @(^idfate ober unter ber GintDirlung beS 9Idb= 
finnd nrir einen fräl^er aU S^tolo^ uns SSeEannten in- 
getoanbt finben, toerfd^ieben ifl ton bem un^erftörbaren 
^o^ftnn eines gefunben ßufoloS. Sei ben eblem formen 
beS ))^Iegmatif(i^en , anämatifc^en unb* <^o[erif(^en S^em^e^ 
raments toirb nid^t einmal fold^er &6)m entfielen; toeil 
in biefen ber S3eßanb beS ©leic^gen^ic^ts termdge ber ü^nen 
vb^ffaitpt inneloo^nenben ^eftigfeit, felbfl ©tbnmgen ber 
intettectualen unb |)l^^jiiologif(^en ^nctionen gegenüber, 
beffer garantirt ifi. — 3ebe 3Bage aber fd^toanft am fiftrt 
ften, loann baS ©leid^getoid^t im öegriff ifl fid^ toieber 
^erjuftetten; beStoegen ftnb aud^ bie DfciUationen ber 
Stimmung faum je lebl^after ate in ben ^erioben ber 
SÄeconbalefcenj (fo fielet man SJrübfinnige auS fd^toerer 
Äranfl^eit mit einer an i^nen ganj ungewohnten ^eiterfeit 
erftel^en) — unb felbft bie berfd^iebene 9?eigbar!eit in ben 
t)erfd^iebenen ©tunben beS 2lageS ift au^ biefem ®efe|e 
l^erjuleiten. Äurj: ©d^o^^en^auer l^at red^t: burd^ ©tint: 
mungSloed^fel toirb bie ©onftanj bon ßufoHe unb ©^Slolie 
nid^t in 3^age gefieHt — aber biefe ©onflanj ifi nid^t eine 
jeitloeilige, alfo an fi^ bo^ bariable, fonbem nur baS 
aSerl^ältnife beS j^ofob^nifd^en ju anbem ^arafterologifd^en 
eiementen ifi SBanblungen untertoorfen — unb aud^ bafür 
läfet fid^ ©d^oj)en^auer'S SSerglei^ung mit einem SJeficato:: 
rium (a.a. D., ©. 374; 2. Slufl., ©. 358) bertoertl^en : bie,,bö= 
fen ©ftfte" können fid^ an^ bloßen SJ^^frafien ber im Äör^^er 
längfi t)orl^anben getoefenen ©ubftanjen, alfo o^ne ^ingu^ 
tritt eines Sleugern, gebilbet l^aben— unb nur ein^ bleibt 
rÄtl^fell^aft: ber J^ob! 3ft aud^ biefer nur eine 5ßro^)ortionSs 
änberung jtoifd^en ben SttWbibualitfttSfunctionen? — ober 



Jortf. eintDÜrfc beS aWaterialiämuS in rctrofpcct Hbfc^äjung. 263 

ijl ju feiner ®enfbar!ett bie Slnnal^me erforberlid^, e^ j*ei 
dn frembe^ SCnfid^ in unfer Sftnfid^ eingebrungen? Dber 
jtnb, fd^on t)om 3^ugunggmomente an, ieber Snbibibualität 
feinblid^e Sngrebienjen mitgegeben unb einverleibt afö in= 
tegrirenbe Seftanbt^eile, unb ift ba§ ©terbenmüffen nid^t^ 
anbereg ofe ba^ 8ebenggefe|, bafe „fort unb fort fl^ 
frember ©toff un^ anbrängt", bi^ er, jenen feinblidi^en 
®Iementen jutoad^fenb, bie Dberl^anb getoinnt? 2)ann 
lie^e fid^, ein SBort ©d^oj)enl^auer*^ öerengemb, fagen: ie= 
ber ©timmungöiüed^fel, jeber SCffect, jebe SBeränberung 
unfern ^jl^^fifd^en SBefinben^ in deteriorem, ja, fd^on einem 
unerfüllbaren SBunfd^e nad^l^ängen, fei ein momentaner 
©terbeact unferer Önbitjibualität. (SÄan möge baju ba^ 
Rccpitd iux ^pat^ologie in „35er SBitte in ber Jlatur" t)er= 
gleiten unb in ©riüägung giel^en, ob banad^ ba^ ®ogma 
von ber ©inl^eitlid^feit unfern Seibe§ qua inbitjibuetter 
3Bitten§erfd^einung aU gerettet ober afö geftürjt erfd^eint.) 



2h tifortfe^ung. ^ie (Sintoiirfe itS WtattnaliSmS i» 

retrof)iectitier ^bfd^ü^ung. 

©0 bringt un^ jebe ©^ecialerörterung innerl^alb biefe^ 
an ®in}elj)roblemen fo reid^en äbfd^nitt^ jule^t immer 
jurüÄ auf bie beiben ©runbfragen nad^ bem SBerl^ältnife 
t)on ©ijjeife unb ßeib unb nad^ ber „SBal^rl^eit im 3Ba^n« 
finn." Unb e^ toirb bie Unterfud^ung fid^ für nid^t ganj 
ergebnislos l^alten bürfen, toenn il^r langfamer %oxtQanQ 
auf jeber n)eitern ©tufe aud^ einen l^öl^em ©tanb!punlt unb 
bamit ein Umfd^aufelb tjon längern Slabien erreid^t. 
S)enn bei ben Slufgaben, meldte baS Unterfd^eibenbe jtoifd^en 
mobemer unb antifer 5pi^ilofo!pl^ie auSmad^en, ift jebe fold^e 
@rtt)eiterung beS ®efid^tg!reifeS fd^on an fid^ für einen 
®en)inn ju ad^ten. 

aSBir ernannten bei Setra^tung ber ©timmung bie 
j)f^d^ifd^en Sieiae für etioaS, baS nur bie 5proj)ortionen 



264 3)ie ^mputabilitätSfrage unb t)a§ aRobificabilttdtgprobtem. 

jtoifd^en ben eingelnen ^nctionen änbert; unb bie Srage 
Ucgt na^e, ob nid^t ©J)eifen, ©!t)irituofa , Jlarfotifa unb 
©timulantia gang ebenfo anjufel^en finb. — aOSenn e^ jid^ 
nad^toeifen liefee, bafe att biefe 3)inge niemals ju intcgrU 
renbcn 2;i^eilen be^ Seibe^ toerben, fonbetn nur aU 
^ßaffanten butd^ i^n ^inburd^gel^en, fo todrc bamit eine 
bejal^enbe 2lntoort auf biefe grage gegeben. — 3lIIein 
fd^on bie Unterfd^eibung ber ^pi^^fiologen jtoifd^en eigenfc 
Hd^en 5Kutrimenten unb blofeen 3iicit<ittt^tttcn mal^nt i^ier 
jur aSotfid^t — unb ba^ felbjl bie Slgriculturd^emie bie 
©renje jtoifd^en biefen beiben aOSirlung^toeifen jugefü^rter 
©üngftoffe feftjujiel^en nod^ nid^t im ©tanbe getoefen ift^. 
fagt bem ßaien: adhuc sub judice lis est. ®afe e^ aber 
aud^ nid^t fiattl^aft ift, ber ©d^mierigfeit etoa mit ber 
^^J)Otl^efe ein ®nbe gu mad^en: jebe^ Jlutriment mirfe im 
©runbe blo^ aU 3ncitament, ba^ toirb fd^on beriefen 
burd^ bie einfädle S^l^atfad^e be^ organifd^en SGBad^^tl^umö, 
n)eld^e^ über ba§ blofee ©rl^alten be^ Seftanbe^ toeit l^inau^:^ 
gel^t. — Unb biefem fo jiemlid^ gleid^jufefeen fd^eint iu^ 
näd^ft bie bauernbe SBirfung, fei eg ber Kräftigung ober 
3errüttung be§ SKu^fel- unb 5Kerk)enf^ftem^, loeld^e bie 
3lufnal^me für reine ^ncitamente angefel^ener ©toffe im 
Äörj)er jur ^olge i^at. 3Räfeiger SOSeingenu^ läfet ©tftrfung, 
fortgefe^te^ D^)iumeffen ®ntnerk)ung jurüdf. Slber, lie|e 
fid^ eintoenben, einfache Säber l^aben ja nac^ ber ®auer 
ü^rer 2lj)!t)Iication ober ber Xem:>)eratur be^ SBafferö aud^ 
fd^on fo entgegengefefete SEBirfungen jur golge , unb in il^nen 
gei^t bod^ fein ©toff in ben Äör^er ein — fonbem nur 
bie innern a3en)egung§k)erl^ältniffe finb e^ , loeld^e eine aSer= 
änberung il^rer ©d^ioingung^folge erleiben — e^ k)ottgie]^t 
fid^ alfo aud^ ^ier nur baffelbe ®efe| toic in ber ©timmung* 
Sluf bem SBege biefer ©onfequeng bel^ielte e^ alfo fein aSe- 
toenben bei ber Slnfd^auung ©d^o^)enl^auer^^, na^ toeld^er 
aU jene S)inge nid^t in bie DbjectitÄt be^ 3«bik)ibualtt)iHen^ 
fetter eingel^en, fonbern, aujser unb neben biefem fielen 
bleibenb, feine il^m immanenten Functionen blog nad^ beren 



gottf. einmürfe beS aKateriaUSmu^ in tctrofrect. Slbf^ä^ung. 265 

gegenfcitigcr 5ßto^ortü)n öeränbem — fie Uejscn fid^ ben 
jeittoetligen SettDOJ^nern einer Verberge t^etgleid^en , toeld^e 
in beten Innern tool mand^e UmfteUung be^ ^au^getätl^g 
öomäl^men, jebod^ an bem 3KobiIiarbefianbe felbet foipenig 
U)ie an ben ®ebäuHd^!eiten aU fold^en etoaS änbetten. — 
SÄber ber ®m:|3irie !t)l^^fiologifd^:=i)at]^oIogifd^er aSeobad^tung 
ijl bod^ ba^ lefete SBort t)or§ubel^aIten barübet , lt)ie toeit 
bet 2lffimiIation^^)toce§ bem Dtgani^mu^ tpitllid^ neuen 
©toff afö integtitenben %i)til incotjjotitt, bejiel^ung^^ 
toeife batübet, toiemeit bie ©ectefcenj (bie „ ^nt^oIuHon " 
im ©inne bet ^pi^^fiologen) aud^ in einet matetieHen ®ins 
bufee folc^et S^l^eile befielet, Unb eine tpitflid^ obiectik)e 
Settad^tung^toeife batf fotoenig bie S^l^atfad^e be^ ^m 
fd^tt)inben^ in Ätanfl^eit unb 3lltet, mie bie „ftto^enbe 
güHe" bet Oefunbl^eit füt leidet beifeitejufd^iebenbe ^f)&'- 
nomene, benn ba^ l^iefee: füt bloßen ©d^ein, nid^t füt ®t= 
fd^einung, nel^men. 33ei allet Sefd^eibenl^eit in 2lnet!ennung 
unfetet SBiffen^fc^tanfe bettep be^ ©el^eimniffe^ bet Se^ 
ftud^tung fönnen toit bod^ bet 33ebeutung be^ ßi^emi^mu^ 
innetl^alb bet otganifd^=t>itaIen Functionen nid^t ieben 
©J)ieltaum öetfd^Iiejsen ; benn otganif d^e 3KoIecuIen (S^ß^n) 
mögen immetl^in toto genere t)om tein d^emifd^en SKtom 
t^etfc^ieben fein, fie finb bod^ nid^t benfbat, ol^ne in biefem 
ü^t ©ubfttat ju l^aben — unb bleiben, toenn aud^ butd^ 
bie aSitalität gtunbtoefentlid^ umgetoanbelt, boc^ immet bie 
conftituitenben Elemente beö lebenben Dtgani^mu^. Sllfo 
biefe Umtoanblung be^ tobten ©toffe^ in ben otganifc^- 
lebenbigen koütbe aud^ jut ©tel^ung^ad^fe füt ba§ nn^ i^iet 
befd^ftftigenbe ^ßtoblem: benn bie SBitten^meta^jl^^fi! mn^ 
fid^ t)etmöge il^te^ monifiifd^en ©l^ataftetg an biefem ^punfte 
immet unb immet hiebet mit bet matetialiftifd^en ©octtin 
betül^ten. Unb auf benfelben Setül^tung^jjunft toetben 
it)it jutüdEgefül^tt, tomn n)it un^ nod^matö auf bie pffif- 
fifd^=j)atl^ologifd^en „5RefleEe" befinnen, it)eld^e bei ®emütl^«= 
betoegungen etfolgen. ®iefe toaten e^ ja, bie in fd^la^ 
genbftet SBeife bie ^bentitfit motalifd^et unb i^egetatii^et 



266 2)ic 3mputabiatätgfragc unb ba« SWobificabiKtätöproblcm. 

ober animaUfd^er SWäd^te bart^un. 2luf ganj obflracten 
SJorfteUungen bcrul^enbe „©eelcnjufiänbc", toic ©e^nfud^t, 
®ram, 3«>nt, äußern ja il^re ©ntoirlung auf organifi^s 
(^emifd^c SBorgänge, inbem fte in^befonbere ba§ Serbauung^^- 
gefd^äft altcrircn. ©o greifen fie förbemb (Trauer mad^t 
befanntlid^ i^ungertg, toäl^renb ^eube fättigt) ober l^emtnenb 
in bie 'oitaUn Umtoanblung^^^roceffe ein unb betätigen 
i^rerfeitö unfere SlffluEtl^eorie* ©emnad^ brandet am toe= 
nigfien bie SRatutpl^ilofojji^ie abjutoeifen, toa^ bie ©rfa^rung 
t)on gemiffen 3luggleid^ungen jtoifd^en förj)erlid^er unb gei- ' 
füger ©ntioidtelung bel^au))tet; toirb t)ielme^r gern aud^ avi^ 
bem 9Runbe eine^ QEafob ®rimm (in ,,3lebe über ba^ 
Sllter", „Äleinere ©d^riften", 1, 198) eineSlnerfennung beffen 
t)emel^nten: „83ei SJermad^fenen ober fd^on bei ^infenben 
mag ber auf i^re innere ©lieberung burd^ ba^ t^eitoeife 
igemmnife ausgeübte ®rudt tool in 3wfammen^ang fielen 
mit einer angeftrengten unb geftärften ©eijie^fraft, bie pd^ 
l^äufig an il^nen getoal^ren läfet-" 5Berfrä^)^)eIungen nad^ 
2lm))utationen jeig^ ja ©rfd^einungen, toeld^e ebenfalls 
bag Streben nad^ SBieberJ^erfteUung beg aufgel^obenen 
®leid^gen)id^t^ ber gwnctionen nid^t öerfennen laffen, unb 
rein med^anifd^e ^nfulte, tüie ©d^nitt, Ouetfd^ung, ®efäfe= 
jerreifeung, mobipciren ja, felbft n)o fie bem ©el^im ganj 
fem bleiben, jutoeilen bie 9lert)ent^ätigfeit fo grünblid^, 
ioie nur irgenbein in d^emifd^en Sfta^^ort jum ©äfteleben 
getretene^ 3ngrebien§ (— ber SRame Trismus traumaticus 
genüge afe Erinnerung an bie in biefen finftern Stbgrünben 
l^aufenben ©d^redten), — SBa^ bie ^patl^ologen 2ltrot>l^ie 
unb $9J)ertro^l^ie nennen, ift eine ®Ieid^getoid^t§ftörung 
berfelben Strt, toie fie fc^on ba^ alte: ubi irritatio ibi 
confluxus au^f^ric^t. — SWirgenb^ läßt fid^ in att biefen 
gätten bie fefte ©renje jmifd^en rein intenftöer 2lenberung 
ber gwnctionirung^k)erl^Ältnijfe unb ejtenflt) materiellem 
3utoa(^i8 jiel^en; um fo toeniger afö aud^ legterer, too er 
unjtoeifel^aft t^orliegt, ol^ne eine t)orau^gegangene ®Ui^ 
gerung ber Slffinität^fräfte nid^t ju begreifen ift. — Dl^ne 



gortf. eintöürfc bc« aMaterialiämu« in retrofpect. 3tbf^ätw"9- 267 

bie gtunbtoefcntlid^c ©leid^artigfeit mcd^anifd^cr, d^emifd^er 
unb organifd^er Gräfte w&xm letale SSetlefeungen ol^ne 
SBlutoerlufi, SSergiftungen unb a^jo^^leftifd^e — atö f^)on= 
tane ©todtungen ber SeBen^functionen au^fel^enbe — 3^obe§= 
urfad^en ebenfo t)tele ®^menti^ für aUe^ auf bem SBoben 
ber ©aufalit&t fortfd^reitenbe ©enfen, 

©ogar bo^ omne animal triste post coitum ift ]^ier= 
l^er in jiei^en unb bon bem ©tanb^)unft au^, ber ©d^ulb 
unb SBetoufetfein ju gegenfeitigen ©orrelaten mad^t, nic^t 
atö SBeleg für ba§ ^rincip afcetifd^er 2lbftinenj ju ber= 
toertl^en — benn fold^e Sll^nung bom Seben^fd^merj in ber 
„feuf jenben ©reatur" läfet fid^ nid^t au^ bem ^nftinct l^er= 
leiten, toeil eö feine „toibematürlid^en", b. f), feine ber 
Seben^bejal^ung toiberjirebenben SnjHncte gibt- SBo nid^t 
bie aieflesion e^ ift, bie pd^ fagt, bafe e^ ein beflagen^= 
tt)ertl^eö ©reignife fei, „bem S^eufel ^anbgelb gegeben", 
ben ba^ ©afein J)er^)etuirenben Änoten nod^ einmal lieber 
gefd^ürjt ju l^aben: ba fann jene ®ej)reffion nur ber fub^' 
jectibe SRefleE berfelben ®e:>)otenjirung ber Snbibibualfraft 
fein, toeld^e in ber fenilen S)ecre^)itubo ju einer I^a6i= 
tueHen toirb. (©e^l^alb tt)irb aud^ nid^t jeber ©amen:: 
ergu^ atö eine „ ©d^tt)äd^ung " em^funben; bie beneficia 
lunae fönnen al^ eine „ben Stop^ frei mad^enbe 6rlei(^:= 
terung", nämlid^ ebm aU eine tpo^ltl^ätige Slu^gleid^ung, 
tt>irfenO Unb bie fo bead^ten^toertl^e Sleufeerung ©^o^en= 
^auer'^ im SBriefe an SRofenfranj (toeld^en biefer in ber 
aSorrebe jur Slu^gabe ber „Äritif ber reinen SBernunft" 
mittl^eilt) über bie beim alternben Äant eingetretene 6l^a= 
rafterfd^w&c^e l^at mir bon jel^er ein — man möd^te fagen: 
l^alb untoiHfürlid^ erfloffene^ — ©orrectit) fo man^er fiar= 
ren ßonfequenjfä^e feinet ©^ftem^ gefc^ienen. siber id^ 
getraue mir au^, fie in ©inflang fefeen ju fönnen mit 
beffen unberlierbarer ©runbtoal^rl^eit. ®erabe tt>em ba^ 
Seben, bie „©eele", nid^t^ anbere^ ift ate — im ^inne 
beö Slrifioteleg — bie gorm — ober — be^^ ©J)inoja — 
bie Qbee be^ Seibe^, n)irb e^ für blo^ berfd^iebene 8leu= 



268 2)ie 3mputabtlitdtöfrade mt> bad aRobiftcaUIitAtöptoBleiiu 

i^etung^meifen beffelben ®efe^e^ l^alten, ba^ ber @rei^ 
fid^ anbere ßeifcgerid^te au^fu^t atö bcr SWann, unb bajs 
jener onbem @runbnu>tit)en folgt ote biefer. SBer ioot 
ber 2:i^atfad^e^ ba^ im l^öl^ern SHter ber ©ei) überl^anb- 
nimmt, nid^t ratl^Io^ bie Jßftnbe in ben ©d^o^ legt, bem 
fann e^ aud^ feine unenttoirrbate Äj>orie frin, bafe mit 
ben Sauren ber SWuti^ fd^toinbet. ®er ben Seife bouenbe 
ober er^tenbe unb an feinem S^l^eil an ber ©efialtung 
be^ 3nbit)ibualfd^i(ffafe mitarbeitenbe aSBiUe ffat je nod^ 
ben t)erfd^iebenen ßeben^altern anbere il^m junäd^^ oblie= 
genbe aufgaben. Slber fotoenig ber Wlam ein onberer 
ift, ber ie|t fid^ 3Rotion am ©ägeblodf mad^t unb i)or 
einer ©tunbe grübelnb am 5pult ftanb: fotoenig loirb ber 
aOBille an fid^ ein anberer, toenn er im ad^ten ^o^rje^nt 
ftd^ anbern 33efd^äftigungen unb aRül^etoaltungen innere 
unb aujser^alb feinet Drgani^mu^ jutoenbet afe etipa im 
t)ierten. S)a toie bort ift, tt>a^ anber^ geworben, nur bie 
SBertl^eilung ber Functionen. ®amit löfi fid^ benn aud^ 
ber aBiberfj)rud^ , ben bie ftarre ßonfequenj ber aSer:: 
neinung^lel^re nid^t ju lieben vermag: bie 3Röglid^feit ber 
9iecibit)e bei begonnener „SKbtoenbung t)om geben", üjeld^e 
iSd^oj)enl^auer mit getool^nter (S^rlid^feit (j. 33. beim Sen= 
toenuto ßeUini) nid^t t)erfd^toeigt. S)er burd^ bie ©infid^t 
in ba^ bem &ebm toefentlid^e Seiben übermdd^tig getoor^ 
bene SnteHect fann fo gut toie jebe anbere aSBiffen^rid^tung 
burd^ anbertoeitige SRotiöe mm Slbflufe erleiben, infolge 
beffen il^m jene Uebermad^t jeittt)eilig ober bauemb toieber 
entjogen toirb. 

®er „entnervte" Süftling l^at fo ijiel mit ber SRegene- 
ration ber „t)ergeubeten" Äraft gu tl^un, bafe il^m fein 
Ueberfd^ufe bi^ponibd bleibt, mit toeld^em er in unge^ 
fd&ioäd^ter ©j)ontaneität nad^ aufeen ju toirfen bermöd^te 
— fo feigen toir au^ bem einft bel^erjten Qüngling eine 
feige, „tt)el^leibige" SWemme getoörben. ©affelbe gilt \>on 
jlebem in Ue^jjigfeit t)erh)eid^lid^ten SSolfe, fei e^ ba§ 
©^lemmerei, 2lj)l^robifien ober ber „Suju^ be^ ®eifte3" 



^ottfetung. 3)ad 2)dmonif(!^e im Xfotentl^um. 269 

feine Ätftfte t)er)el^tten, SBet umge!el^rt ber freien @nt= 
faltung feinet ^)l^^fifd^en Irritabilität burd^ ttebung unb 
angemeffene SRoi^rung nad^l^ilft, fammelt fojufagen ein 
RapÜal an, ba§ il^n im Slugenblid ber 9lot^ nid^t int 
©tic^e läfet — bann erfc^eint ba^ aBotten afö ,,gefläl^It^ 
blog tt^eil eg ba« ©egent^eil t)on biffu^ ift, unbefd^abet 
natürlid^ ber Differenzen angeborener energiegrabe. ®in 
,;concentrirteg " SBoHen gibt ja fogar momentan ben Sln^ 
fd^ein t>ermel^rten Äraftquantum^ — ba^ bie SDBal^ri^eit bei 
®\>n6)toom: ,,3lotS) brid^t@ifen", loie ber i^m ftl^nlid^en! 
SJeiJioegen l^at man fld^ getoöl^nt, „t>ielerlei, aber nid^tl 
otbentlid^ unb mit ganjer ©eele loollen" für einen SBed^fet 
begriff t>on ,,6l^arafterfd^n)äd^e" ju nel^men — unb ift er^ 
ftaunt, toenn fold^ ein t>ermeintlid^er ©d^ioäd^Iing , einmal 
l^eraulgetrieben aul ber 3^t>Rtterung, unt>ermut^et eine 
beträd^tlid^e ©nergie m ben S^ag legt. 3^e „©d^toftd^e" 
foffte alfo rid^tiger: leidste SBerrüdbarfeit ber ^nctio:: 
nirungl})ro})ortionen l^eifeen — unb gerobe eine gett)iffe ab^ 
folute Unöerrüdbarfeit einzelner SBiffenlric^tungen fann 
mit bem jufammenfaQen, toal aU ftttlid^e ©d^toäd^e^ b. f), 
ate ttnfä^igfeit, ftd^ burd^ SWajimen befiimmen ju laffen, 
bejei^net toirb. 



22. Sortfe^tmg. 2)ie bSmonifdie STOadit ftttttdier ,,8et= 

fomntettl^eit^^ 

®a§ deteriora sequor ^at man ja bon jel^er auf 
etioal ft)ie eine äußere SWad^t jurüdtgef ü^rt ; bal „©ftmo- 
nifd^e", ,,33efeffenfein'' u. bgL finb Segriffe, beren Urfj)rung 
l^ier JU fud^en. (S)er ©igenfinn toirb unl ate etn)ag bem 
®Iei(^artigel no^ an feinem Drte befd^ftftigen.) S>et 
©J)ieler, ber Xrunfenbolb, ber gftnjUd^ \)erfommene Slfot 
fü^lt ftd^ wie unter einem ^ann. ®er SJftmon toirft jebeg 
ioemmnife \>ox pd^ nieber — nur bem Äußern S^Jang pff\f- 
fifd^en ©ebunbenfeiniJ toeid^t er boff Sngrimm«. Seben, 



270 2)ie dmputaUUtdtdftage itnb bai» IRobificabiltt&t^oblem. 

ber iffti auf feinem äßege ouf^tten toill^ trifft )ule|t fein 
$a§ — tDOd urf^tänglid^ @(^m tvar, !ann ft^ in fota^ 
nifd^en 3leib umfe|en. — ®er ©ebanfe, bafe anbete nid^t 
ber gleid^en ©rabitation erlegen ftnb, toirb unerträglid^ — 
bie @elbflbe^u:))tung !ann ftd^ nur no^ genugtl^un in 
^erobbrüden anberer auf baffelbe Sliöeau — bie eigene 
ioerlorene (gl^re mitt aud^ anberer 6^re t)emici^tet feigen — 
aJerfül^rung, ober, tt)o bie nid^t anfd^lAgt, fc^änblid^fie a8er= 
leumbung muffen baju Reifen — unb toeil bie SSergleid^ung 
mit Slngel^örigen ber eigenen gamilie bie näd^fte ifi, fo 
j)flegen biefe ba^ erjie Dj>fer fold^er graufenl^aften SSer- 
tt>ä{lung )u toexhm: S)anlbarfeit unb 93ergettung flnb auf 
ben Äo^jf gejiellt: ber SBoi^lt^äter toor allem mufe ,,baran 
glauben", ba^ er nic^t^ toorau^l^atte — e^ ifi ba^ nad^ 
au^m üjüt^enbe ®eh)iffen — irgenbtoo mu^ bie SJu^^ 
gleid^ung t)oQ}ogen Serben. 

6^ ftnb ja in ber Siegel 'oon ^aufe an^ „niä)t fd^led^te 
SWenfd^en", um berentmiUen bie fogenannten 33efferung^=: 
anfialten erbaut toerben; unb be^l^alb fann e^ aud^ nid^t 
benfelben SRafel auf bie ©i^re einer gamilie werfen, ein 
fold^e^ aRitglieb ju ben Si^frigen ju jäi^len, tt)ie e^ ettoa 
bie ganje SRoralität eineö gamiliengeifte^ in §rage ftettt, 
tomn ein fogenannter gemeiner SSerbred^er jur 33lutgöer:: 
toanbtfd^aft gel^ört. — ©a^ mauvais sujet gilt fogar ge= 
ipöl^nlid^ für ein „t)erunglüdtte§ ®enie" — unb irgenbttjeld^e 
einfeitig l^eröorragenbe Segabung tt)irb i^n aud^ meifien^ 
au^geid^nen — U)ol am öfteften muflfalif^e Einlage. ®ie 
l^inter ben ^&unm öerenbenben Sanbjlreic^er t)om ©etoerbe 
ber Sänfelfänger, bie in ben ©offen jid^ toälgenben ©id^ter, 
bie in ber ftnet^je gu ©runbe gegangenen ©d^auf^ieler, 
bie ba^ ^anbtoerf grü^enben „abgebrod^enen ©anbibaten" — 
unb toie bie Kategorien öon Unglüdlid^en alle l^eifeen, für 
bie fid^, aud^ au^ bem toeiblid^en ©efd^led^t, fogar „naml^afte" 
Seifl)iele anfül^ren liefen, loenn nid^t gerabe über bie^ 
6lenb ben SKantel ber ßtebe nod^ mit feinem äufeerften 
3ii)fel JU fj)reiten taufenbfad^er Inlafe geböte: fie bilben 



Bä}lnibemtxlmq mit Ucbcrgang. 271 

ja eine eigene ©))ecieg, beten %amüimmal eben bie bä^ 
monifd^e SRatur be^ 3Rotii)g iji, bag il^nen auf ber ab- 
fd^üffigen ©trafee ben erfien t)er]^Ängnifet>oIIen . ©tofe ge= 
geben, unb ba^ l^eifet: bie jiatre Unöetfd^iebbarfeit biefer 
einen aBitten^ric^tung gegenüber aUert anbem. *) ®ag 
©tarrmad^enbe in ber SBirfung be^ ©ämonifd^en erinnert 
an bie 3Rad^t be^ 3KagnetifeurS über ben fremben aßiHen, 
unb ber SBerfolg biefer Setrad^tung müfete toeit l^inein- 
fül^ren in ba^ ,,magifd^e ©eifte^leben", über toeld^e^ ba^ 
©d^inbler^fd^e SBud^ biefer S^itetö unb nad^ biefem ein SBerf 
^ert^'g (//®ie m^ftifd^en ©rfd^einungen ber menfd^ß^en 
Sßatur") ba^ 3RateriaI jufammengetragen l^aben. skfe 
,,5ßarabojie beg SBiUen^" fommt e^ bmi ©igenftnn unb 
bei ben Slntinomien beg ®emüt^^ jur ©J)rad^e — unb id^ 
öerlaffe l^ier biefen ©egenftanb, um enblid^ toieber auf 
feflern Soben ju treten. 



23. ©^topemeiluitg mit llebergang. 

@g mag fi^ nämlid^ ein Sefer, ber mid^ bi^ l^ieri^er 
geleitet l^at, gefagt fein laffen, ba§ nid^t tt)eniger afö ü^m 
bem ©d^reibenben felber in biefem Slbfd^nitt oft gu 3Wut^e 



*) 3m Weittcn crfä^jrt jcbcr ein fold^c« ©tarrtocrbcn getoiffcr 
p^t)6fx\äfzx Xifäti^Uittn — benn mä}t9 anbcreö ifi cö, toenn getotjfc 
SSorfleßungcn ober @cban!enfoIgen f!d^ g(cid^fam barauf jieifen, i^ircn 
$Ia^ im ©el^trtt ttid^t aufzugeben, toai il^nen Utanntiid) in bet 
^tißc unb im S)un!e( ber ^la^t am leidjteflen gelingt, toann fein 
äußerer @inbru(f ba« ©treben unterp^t, bie ©ebanfen „abjulenfen'^ 
auf ttiaya9 anbereö. ©elbfl ba« Oeffingel einer beflimmten ä^elobie, 
t>a9 und tagelang fummfenb burd^ ben ^oipf fd^mirrt, ift t)on berfetben 
iRatur, bie nur bcutlid^er in ben fogenonnteu ,fii:tn 3bectt'' fid^ funb* 
gibt. 51CIfo au(^ in biefer S3eaie]^ung trägt jeber bie Anlage gum 
Baljinfmn in ftd^, unb ein ^orgefül^t beffelben fd^eint babei fafl fo 
»efentltd^ ju fein toic bie eingelne feiner gormen unterbred^enben 
lucida intervalla, bie eben aU fo((^e tt)oI für bad fubUmirtefle Rotten« 
bctoußtfein gelten muffen. 



272 3)te ^mputabttttAt^frage unb bad SRobificabttttatöproblem. 

getoefm ifl, ate müßten tt>ir unö auf einem fum^ftgen 
Xtttain belegen, tt>o icber ©d^ritt ijortofttt^ bie ©e^ 
fo^r mit fid^ fü^rt, tiefer iniJ Sobenlofe ju gerot^en. 3)a 
entfielet t)on fetter eine Si^^JÄdbetoegung, bie in aieHofen 
Äreuj = unb Ouergftngen eigene toie frembe Äraft \)ergeben§ 
abzumartern fd^eint, unb mit ber ©erablinigfeit be<8 3Sor- 
fd^reiten^ fc^eint jebe fefte SH^^ofition au^ ber ©rtoftgung 
jtt toerf(^tt>inben — fo fel^r, bafe fettji bie Ueberfd^riften 
biefer Ie|ten StalpiUl jum 2;^eil hinter UnbefHmmt^eiten 
fid^ flüchten mußten. 3)ennoc^ glaube id^, im ipin unb 
iper biäleftifd^er ^^efen unb 2lntit^efen bem intelligenti 
i. e. inter lineas legenti aud^ bie ©^ntl^efen nid^t vor- 
enthalten ju ^aben, unb bie obiectit)e ©eite an ben Äfoten, 
an benen toir aU ba^ ©ubjective bie bamonif^e Äraft ber 
9RotiDe erlannten, [teilt un^ toieber in ben Sereid^ concre:^ 
terer 3Wäd^te, fofern e^ bie ©efettfd^aft mit i^rer ©itte 
ifl, beren SBeid^bilb jene „Unrettbart)erlorenen" berlaffen 
^aben. (©e^toegen rid^tet ber ©taat afö ber igüter beö 
®efellfd^afti8leben^ gegen fte ate fold^e, bie pd^ von il^m 
auögefd^loffen l^aben, alfo hostes im antifen ©inne für if)n 
jinb, ©(^raufen auf, unb fold^e Slu^na^mebel^anblung, ft>ie 
j. SB. ba0 toürtembergifd^e 9lfotengefe| für „9led^t" erfennt, 
ift vom ©tanb^)unlt be§ ©taat^ ate fold^en au^ eine un= 
beflreitbare ©onfequenj — er fann nid^t, tote ettoa ber 
Wiener ber ftird^e ate „^paflor", biefen Von ber beerbe 
abfeit toeibenben ©d^afen nad^ge^en, um fle jum Seben in 
ber ^ürbe ju jtoingen — f o toenig toie e§ möglid^ i% ben 
3igeuner ju nötl^igen, bafe er fid^ ber jlaatlic^en, auf 
©egenfeitigfeit berul^enben Drbnung einfüge — 
toer fid^ felbft jum exul mad^te, fann fid^ nid^t beflagen, 
tomn er bemgemftfe ate exlex, red^t eigentlid^ ate „äu§- 
tourf" ber menfd^lt^en ©efeüfd^aft, bel^anbelt toirb, unb 
il^m gegenüber nur nod^ ber ©tanbj)un!t ber S&nbigung 
gilt, nad^bem er f eiber juerft in feinem Setoufetf ein ba« 
Sanb ber 3«f<ittiwiengel^örigfeit mit ber ©efammtl^eit jer^ 
riffen.) 



2)le Scmotalifatiott im huäi^tähl Sinne afö „entjittfi(%ung". 273 



iL S)ie 2)emoraKfattoit im (nd^ftädtdlien ®intie al« ,,(&nt^ 

fittttdiirafl". 

S){e ©itte ift eine fubjlanjiale SWad^t, in toeld^e toix 
ben einzelnen l^ineingeboren ftnben. gieren lltfi>rung ju 
ergrünben, l^at befanntßd^ i>ön ben SSotau^felungen iper^ 
bart'fd^er ^^ilüfo^)l^ie an^ ßajaru^ öerfud^t, unb e^ ift 
bie^ o^ne S^eifel m^ ber gunbamentotjjtobleme ber t>on 
ebenbemfelfeen in bie Sleil^e ber felbflänbigen ®i§eij)Hnen 
aufgenommenen 3Sönetj>f^(l^oIogie; ber 6l^arafterolog 
bagegen fielet ber ©itte, it)o e^ bie 9Robificabißtätöfrage 
angelet, afö einem „®egebenen'' gegenüber. S)a^ fd^eint 
fretlid^ ein circulus vitiosus ju fein, ba bie SBößerinftincte 
— um Äürje l^alber biefen äu^brud ju gebraud^en — aui 
toeld^en bie ©itte fließt, ii^rerfeitj^ n)ieber auf ^ara!tero= 
logifd^en ©rutiblagen ru^en muffen. SCIlein l^ier l^aben toir 
e^ nid^t mit bejHmmten ©itten, fonbem mit ber ©itte afe 
fold^r überl^au^jt ju tl^un, unb beren Verleitung ift genug 
^et^an, Wenn üjir pe un^ afö ba^ ©efammtrefultat eine« 
geiDiffen ©urd^fd^nittötooUenö wrftetten; äl^nlid^ lt)iebiefo= 
genannte l^iftorifd^e ©d^ule ber Suriften ba^ Siedet afö bie 
©umme beg jetoeiligen SSoIfetoiHen^, fomit afö eine @j>e= 
cialit&t ber ©itte unb be« ^erfommeni^, befinirt unb fld^ 
auf ,^Ufancen" unb „Dbfert)anjen" afö nod^ lebenbige !öei= 
f^iele be§ analogen ^ergang^ in ber ©egentoart berufen 
lann. — SWan brandet nod^ nid^t gleid^ gegen bie ©itten:^ 
lofigleit unferer 3^ JU toettem unb fann bod^ t)on ^erjen 
bie ©ittelofigfeit be^ i^eutigen 83ärgerfianbe« beflagen. 
3)iefe i^ängt in t>orberfier ßinie bamit jufammen, bafe ben 
meiften ba^ ^eimatSgeplI^I abl^anben gefommen. ©o fonnte 
t& gefc^e^en, bafe eö fogar ©eutfd^e gibt, benen ein @e= 
bic^t toie griebrid^ ^tbbtV^ „S)aö alte ^au2" feine ©e^ 
müt^gfaite me^r anf(^Iägt, loeil e^ für fie auf nid^t^ ©elbjl^ 
erlebtem mel^r ru^t, nid^t einmal auf j)otentieff 3lad^= 
em!|)funbenem ; tote loielen liegen l^eut^utage nid^t aud^ bie 

Sa^ttfett, Sl^aralterologte. i. 18 



274 3)ie Sm^utaMlit&tdftage unb bod 9Rot)t{tcabUitat$ptoMem. 

©räber il^rer geliebten lobten toeit^ln jerflreut burd^ alle 
Sanbe ber „betool^^nten ®rbe" — unb in bie 3^e mäffen 
fie fd^toeifen na^ taufenb ©tfttten, h>o il^re „S^räume toaiu 
beln gel^n". — ®er eine ft>anbert au^ in frembe Sänber 
unb (Srbti^eile; ber anbete fud^t fx^ loemgften^ fem \>on bem 
$erbe, an toeld^em ^tint SBiege gefianben, einen Drt auiS, bei 
für fein ©efti^äft ober ®tabHffement gelegen ifl; m brittet 
toirb afe Seamter t)om einen SBinfel ber JKonard^ie in 
ben anbem, i)ielleid^t gar in überfeeifd^e (Solonien i)er* 
fd^tagen. ©o ft)irb an allen 5ßunften ba^ Sanb be« Aber» 
lommenen SSfiterbraud^i^ jerriffen — im befien gaffe tritt 
an bie ©teffe be^ ©eimat^gefü^I^ ber abfttacte 5patriotii5* 
mu^, ber bann leidet genug ju fo^mo})olitifd^er SSerad^» 
tung affe^ ,,fpie§bärgetlid^ ßngen" in ben Socat imb ®avi^ 
trabitionen fi^ tjerflüd^tigt — e0 gibt ja nic^t« 9Wi>efft= 
renbereg atö bie Sl^rannei beS bemofratifirenben aSureau*^ 
IratiSmu«, ber nid^t^ toiffen toiff ^om Siedet ber ©tamme«^ 
eigentl^ämlid^feit. Unb toa^ biefe ©mancijjation bon bem 
bnrd^^ Sllter ©e^eiligten fortbeftei^en Iftfet, ift nur bie 
©aricatur altfrftnKfc^er (Stitette, gerab* eng^erjig genug^ 
um in felbftgefäffiger Sntoleranj ba^ toirflic^ in feinem 
3nnem frei getoorbene S^biöibuum burd^ läfligfien ®^ 
feffigfeitSjtüang ju terrorifiren, afe tfy&U man ben Seuten 
ein Unred^t blo§ baburd^ , baJ5 man am Umgang mit il^nen 
feinen ©efaffen finbet. ©o fte^t benn aud^ bie D!p^)ofitiott 
ein für ba§ blofee Siedet, atö ein abflracte« 5ßoftuIat ber 
ajemunft, nic^t für mc toirflic^e ^erjen^fac^e — unb bie 
confertoatitoe Sfteaction benu|t bag, um i^r ©onberintereffe 
einzelner ©tänbe ju umfieiben mit bem Slimbu^ ber jjebem 
Oemütl^ tt>ert^t>öffen SSertl^eibigung eines ^tüd^ ber 
unterge^enben ©itte. . ®er 9WgoriSmuS eines 9lobeS})ierrc 
ifl t>on jenem Unterminiren beffen, toaS nur barin fein 
Siedet l^at, bafe eS ©itte ift, bloS bie jerrbilblid^e ©onfe? 
fequenj: fiat justitia, pereat mos! 

©emoralifirenb toirfen bemnad^ äff biejienigen gactoren, 
toeld^e einen 2et\tijunq^pxoc^^ in biefe ©ubftanj einführen* 



^ie 2)entora(tfation im bud^ftabL Sinne ald „ @ntrtttlt(i^ttng ^ 275 

®ie8 fann nun aber auf gar ijerfd^iebene SBdfe gcfd^el^en. 
&6)on ein grojje^ SRationalunglöd rei^t l^i«, bie öon bet 
6itte gcIniH)ften Sanbe ju lodern, ju löfen ober gar ju 
jerreilsen. Ärieg, ^ßeft, beöi)otif(i^e SBittfür ber (Seioalfc 
i^aber ftnb fold^e iot&ä)U.*) ^er r\ai} bem summum 
jus, summa injuria l^at au4 bad aQei^ controttrenbe 3Ri^ 
trauen ber bureaufratifd^en Siegierung^toeife biefelbe SBir^ 
hing ; benn burc^ bief e \)erliert bie ©itte bie d^arafterijHfd^ 
»afiS i^rer SBirffamfeit: bie ©elbftoerftänblic^Ieit SJie 
©itte iji ein ttJoi^reg Noli me tangere — ber blo^e ®e» 
banfe, man lönne fid^ il^r entjiel^en, erjeugt ben erfien 
„faulen %leä'' an ii^r, \>on bem ftd^ mit tappet ©d^ettig» 
feit ha^ 3^tPfit:ung^toerf ausbreitet. SBer alfo ia& quis- 
que praesumitur moralis in unabläffiger SBetoad^ung auf 
ben ftoi)f ftettt, i)er entbinbet getoiffermafeen oom S^^S 
ber ©itte — baS ijl ber eigentlid^e Unterfd^ieb jloifd^en 
^>atriar(^alif d^em unb Sie^tS? ober ^olijeiftaat. Sffio bie ©ittc 
l^errfd^t, ift bie 5ßoIijei überpffig; jene jagt: atteS ifi er* 
laubt, toaS nid^t t)erboten ifi — biefe fielet, toenn nid^t 
auf, fo bod^ bid^t t>or bem ^n^^pm^: affeS iji »erboten, 
toaS nid^t erlaubt ift. aber nur ba« SSerbot reijt i\m 
ttngel^orfam;. nid^t bie ©rlaubni^ ettoaS ju ti^un ate fold^e 
aud^ fd^on baju, öoni^r ®ebraud|> ju mad^en. 5)aä aSer* 
bot bleibt unloirffam ol^ne bie aJlad^t, loeld^e ber tteber^ 
tretung ju fteuem t)ermag — ol^ne ©trafanbro^ung ijl 
jebeS aSerbot ein leerer SBortfc^att. ®ic ©träfe ater 



*) 2)er !3)ea^ottdmud , totiäftt bad car tel est notre plaisir an bie 
@tettc bur<^ S^robition gejctlißtcr ober al8 rationell fid^ fclber em* 
ijjfe^Icttbcr 3n|iitutionen fe^t, tjcrtoirrt ben „ gefet^Ud^en ©inn" ber 
TitnQt f bie anfangt nur gegen ungcreci^ten S^an^ fid^ aufleimt, aBcr, 
toenn pe fid^ crfl •— im actiöen unb ^afjitcn SBiberfianb -^ an§ 
^xdft^tf)Ox^tn getoö^nt l^iat, ba(b mit jener ^ratoaUu^ bed großen 
Raufend nid^t me^r unterf (Reibet gmifd^en ber Snfurrection bed em« 
ipörten 9led^t8gcfü^Iö unb ber reöolttrenben Sßiberfe^Itd^feit gegen bie 
©ebingnngcn f!aatUd^er Orbnung, gtotfcl^en erloubtcr O^^jofitton unb 
unl^ered^tigter dtenitenj. 

18* 



276 Sie Smputobilitdtöfrage unb bad 9Robiftcabilitö£»ptoUem. 

ftttti^tet nur, toer burd^ jie nod^ ettoa^ ju verlieren l^ot — 
bet ©ii^toetleibenbc, ber aSerjtoeifelnbc Iftjjt ftd^ burd^ fie 
ni6}t me^t fd^tcdem ©0 fommt e^, baJ5 oft nod^ bie 
Sitte fftiixQ l^ält, iöcr baiJ ©efefe afe ftrafenbe^ Derad^tet, 
j|a ifym offen $o^n f})rid^t. 5)ag befiftttgt fid^ im fleinften 
toie im grossen* 6^ finb biefelben äBeiber, toeld^e ba^ 
SSeflafeuer ber ©itte forgfamft ^üten unb bod^ o^ne bie 
letfeflen ©etoiffen^bebenlen barauf finnen, toie fie ben 
SRaut^toÄd^ter täufd^en möd^ten — „lafe fie boc^ beffer 
aufraffen!" ifi il^re fd^attl^aft l^eraugforbembe ßntfd^ufc 
bigung, toelc^e jugleid^ ben Unterfd^ieb beiber ©tanb|)un!te 
grctt beleud^tet: jebe argitöftugige ßontrole legoKfirt ge== 
tofffermafeen jum t>orau§ ben geglüdften Serfud^ fte ju 
l^interge^en: too bem ©eloiffen nid^tö mel^r antoertraut loirb, 
ba gilt balb genug für „nid^t Unred^t", nw^ ,,nid^t l^erau^^ 
fommt"- 3fw bem entbrannten SBettftreit gegenfeitigen 
tteberlifien^ feiert faft ba^ @efe| ber fj^artanifd^en xpuTcrsfa 
jurüdl: toa^ unentbedft bleibt, bringt 6l^re mt fiatt ©träfe. 
©0 l^at ba^ ®Etem|)oraIefd^reiben, fo baS 3lufsbies©^>i^e5 
treiben ber SBebeutung be^ Slbiturienteneyamen^ einen beiber^ 
feitigen Ärieg^juflanb erzeugt, ioo jebe^ ©trategem bered^^ 
tigt f^eint, ha^ fidlere Slu^fül^rung uerl^eifet. Unb felbft 
et^mologifd^ fd^einen „SWogeln" unb ©d^muggeln fid^ nid^t 
anberiS ju öer^alten »ie 3ÄauIen unb ©d^ motten. SBie 
eine levissima nota flreift eine ©teuerbefraubation ^dd^^ 
ftenS ben „guten yiamtn^' be^ Uebertretenben, unb bie be= 
ftettten SBä^ter felber bleiben nid^t unemjjftnblid^ gegen 
ben ^urnor be^ S)u})irtfeinö. 9Ran fa^re nur fort, eine 
„Sluffid^t^be^örbe" ober bie anbere ju errid^ten unb bie 
ganje ©taat^toei^i^eit in ©rfinbung neuer ©id^erl^eit^t)entile 
JU fe|en, fo toirb man balb genug bal^in fommen, ba^ 
üu6f „aSemad^lfiffigung be« ®ienfte§", ba^ blo« frönling§= 
madige SBa^me^men eine^ Slmteö, für feinen fittli^en 
SKafel mel^r gilt; benn man ^at eine Slu^rebe herauf- 
befd^tooren, bie, loiber ben ©taat^med^aniSmu^ fein eigenes 
5ßrincij) fel^renb, il^m entgegenl^öi^nt: „fo fe^et bod^i benen 



S)ie ©emoralifation im fiudfeftdbl. Sinne atö ^^entfittUdbung". 277 

nodf fd^&rfer auf bie %inQex, beren ©etoiffen ifyx aitö htm 
Slnfal eurer Sled^nung gefirld^en l^abt — ^f}x glaubt ja 
bod^ betrogen ju toerben, fo mögt iffx*^ benn aud^ toirfßd^ 
ttjerben!" Äurj: bie ©ontrole tnad^t ben ©4uft mir 
fd^lauer, ben ©J^rlid^en leidet e^rlo8 an^ aSerbrufe, bod^ 
fd^on afe ein (Sl^rlofer bel^anbelt ju toerben, unb ber SRec^iJs 
jiaat in feiner ftarren ©onfequeng toirb ber atterunertrÄg^ 
lid^jie 2;^rann , itoeil in il^m mttbembe^ SBol^toolIen f ei^ 
nen 5pia^ mel^r l^at (f. ©, 191 )♦ Qn ber 2:i^at mu^ in 
einem aSoIfe ein fafl unt>ertt)üfllid^er f§onb^ el^rlic^er ©6:= 
toiffenl^aftigf eit t)or]^anben fein, toenn fold^ ein ßontrolef ^fiem 
nid^t atebalb baS 33eamten]^eer berma^en corrumj)irt, bafe 
atte§ ben ©temt>el be^ SKieti^Ung^ttDefen^ an ber ©tim 
trägt; benn tomn ber ©türm eine am Bpalkx gro6ge= 
jogene SRanfe padt, fo ^jflegt er fie an ber SßJurjel %n 
fnidten. Unb l^ier fann id^ mid^ nid^t entbrec^en, ein paax 
©ä^e nad^jutragen, bie mir atö eine fafi toörtlid^e Seflä= 
tigung be§ ©bengefagten l^od^ioilHommen fein mußten, afö 
id^ fie in ber ©d^rift eine^ el^ritJürbigen Veteranen ber 
^Äbagogtf fanb, loeld^er über ben SSerbad^t friboler Äe|erei 
toeit erl^oben ijl- 9iotl^ Iftfet fid^ in feiner „®^mnafial= 
^)ftbagogif", ©. 273 fg., mit l^eiligem ^oxn alfo ber:^ 
nel^men: „®ag bornel^mfte ber -^inberniffe, koeld^e bem 
©rtoedten be^ neuen ©eifte^ im ßel^rftanbe im SBege fiei^en, 
möd^te tool bie militärifd^e Unterorbnung unter ba^ oberfie 
©d^ulregiment fein, bie Slb^ftngigfeit ber fiel^ranftaften öon 
ber Sureauf ratie, ijon loeld^er ber Unfegen toie ein böfer 
3ReItl^au immer öon neuem auf all ba^ fättt, toa^ im 
öffentlid^en 2^bm burd^ guten SSillen unb ben 2ln= 
tl^eil be^igerjen^ an ber Berufsarbeit ju ©tanbe 
gebrad^t ioerben follte. S)enn je me^r bie arbeit, 
tt)oju id^ mid^ öerjjflid^tet i^abe, ton geiftiger 9lrt ift, ioie 
tbm baS ©rjiel^w burc^ Unterrid^t , befto mel^r bebarf id^ 
jur (gnergie meinet %f)un^ ber ©))ontaneität ber felbftän:: 
bigen Qnitiatibe in meinen SBerrid^tungen, unb biefe ©|)Ott= 
taneität jiel^t mir bie 35ureaufratie, fobiel fie toermag, auä 



278 SHe 3[m))utabi(itatöfrase unb bad aRobtftcabUtt£t§proHem. 

tneiner ©eele, inbem fie nid^t nur ba8 Sa^, tooju fie bte 
auf einen getoijfen ®tab beted^tigt ifi, fonbem audf bflS 
SBie anbefielf^It, tootan {te fem natürlid^e«, fonbem nur 
ein ufut})irte^ Siecht l^at ; unb ber Obere, bie i^rför})erte 
SSureaufratie, fangt bie ntir entzogene ©J>i)ntaneität in fic^ 
l^inein, oi^ne etlf^ifd^en (Setoinn, ba nid^t feine SJernunft 
ober SBitten^fraft, fonbem nur bo^ in i^m t>erftfirft üjirb, 
toa^ ^lato i>a& tei^n.7]Ttx6v ju nmnen ^)flegt • . ♦ in 
feinen Singen tft er m §err ber ©ad^en unb 5ßerfonen, 
unb ber Untergeorbnete ijl dn Äned^t geworben, ber feinet 
Jperm SBiUw toiffen, nid^t nad^ eigmer ein= unb Slnjid^t 
l^anbdn foH. 5Bon ba an toftre e^ eine Iftd^erlid^e 
änma^ung, toenn ber Untergeorbnete bei bem, 
toa^ er ti^ut unb läfet, fid^ auf fein ©etoiffen be= 
rufen tooIUe. @r mag fein ©eiuiffen bel^alten 
für fein ^äu^Iid^eiSSeben; bieSSureaufrotie aber 
imipft x\)m ein Ifinftlid^e^ ©etoiffen ein für alle», 
toa^ er aU äSeamter ober aU Staatsbürger )u 
tl^un l^at: ^ier i^at baö natürlid^e ©etoiffen toe^ 
ber ©i| nod^ Stimme." 3ft baS ni6)t ein claffifd^er 
Sommentar ju bem, tüa^ \>on ber 3n^!|)utabUitätiSlofigfeit 
bei abfoluter $eteronomie ju fagen toar? ^a^u nel^e 
man nod^, a. a. D., ©. 275 fg.: „Sluf bem Soben beö 
Ked^tS, toelc^eS t>or ®ott Sftec^t ift, fielet bie »ureaufratie 
nid^t; fd^on bammnid^t, üjeil fiefid^, güjar ftiUfd^toeigenb, 
aber befto juioerftd^tüd^er, baS Siedet anmaßt, toeld^eS fei^ 
nem ©terblid^en gebührt, ba8 SWed^t ber Unfel^lbarleit. 
®iefe i^at fie t)on ber ©urie bei beren t>oIIem Seben er^ 
erbt, für il^re aRad^tfj^rüd^e aber bie gorm ber ^IcüpoUo^ 
nifd^en ®ej)efd^m, nid^t bie be« menfd^Iid^en ^irtenbriefiJ 
angenommm. S)enn t>or geitm flang*^ bod(^ anberS unb 
jutl^unBd^er: — «Unfern ®rufe ju\)or!» unb am ®nbe: 
«©aran befd^iel^et unfere SWeinung» unb «SBir tjer^ 
bicibm ©ud^ in ©naben gebogen»." — Slber felbfi in 
i)reu^ifd^en S^tfd^^ift^^ fö^ 5ßäbagogif unb öon altge^ 
fd^ulten ^jreufeifd^en Se^rern toerben ^tinmm laut, toeld^ 



2)te. S)emotanfat{on im buijfiähl @inne als ..entftttßd^ung". 279 

fU^ nad^ ber guten alten QAt juräilfel^nen^ ^^tt)o noä^ jdber 
fiel^frer in feiner Älajfe ber SRector toar" unb man ns>6f 
m^tö iDugte t)on jener med^amfci^en @tufetdetter. eine^ 
fanotifd^en ©ontrolef^ftem^, für tod6)e^ bte Scjeid^nung 
^^rganifd^e ©lieberung" e|ier ein J^eud^lcrifd^er ©edmantd 
ofö ein bona fide gebraud^ter^ i^armlofer @u))^emiSmud }u 
fein fd^eint. SBer fid^ an bergleid^en }u erquidCen ttmnfd^t^ 
tttöflc j. S* nad^lefen, toag ein 3leferent über „§amifd^' 
&cbm'' öom Snfiitut ber Drbinariate ti. bgl. fagt in Sang* 
*ein'« „5ß&bagogifd^em Slrd^it)^ 1866, ©. 121 fg. 

@S toaren aUejeit bie ipeifefiten ^äbagogen, tpeld^e ftd^ 
fträubten, für i§re ©d^nlen gefd^riebene ®efe|e8tafeltt auf? 
jttfteHcn — fie lou^ten, ba| bamit untergraben toirb, toaS 
atö „guter ®eift" bie SWad^t ber ©elbjitoerftänblid^Ieit ffot 
3m 5BößerIeben ßibt e8 be^gleid^en ®efal|fren, toeld^e burd^ 
biß plurimaB leges, pessima respubUca nid^t erfd^ö))ft 
toerben. Slffgu l^äuftgen Siegierung^s unb SBcrfaffung^s 
toed^fel erträgt aud^ bie „lo^aljle'' SRotion nid^t; benn nur 
bie Sauer fann bem i)ofitit)en ®efe|e tüoaS \>on ber Äraft 
jurütlgeben, toeld^e ber ©itte ate ererbter SIrabition i)tm 
felber inneit)o]|int Unb toenn „^Patrone" oud^ nid^t über? 
äff ©d^ufei^eilige fein fönnen, fo foHten fie bo^ il^rer 
Slamen^öertoanbtfd^aft mit bem „t)äterHd^en" 9iegiment 
eingeben! bleiben, \m e« nid^t für eine Äleinigleit ju ad^ten, 
toenn atte ©emefter an il^ren ^atronat^fd^ulen ba^ Seigrer? 
^erfonal töed^felt. ^a^ n)iberf))rid^t nid|it bem, l9aS 
©• 193 über ba^ aSortl^feil^afte ber ©intoirluhg t)erfd^iebener 
Seigrer auf ein unb baffelbe ©d^ülerinbibibuum gefagt 
ioorben ift S)ort follte einfeitiger Slu^fd^liefelid^feit, l^ier 
mu| einl^eit^lofer Unftetigfeit entgegengetreten ft>erben — 
unb ba fd^eue id^ ba^ ^arabo^on nid^t: lieber fteKe man 
ben ©d^üler unter einen Ärei^ t)on 3JUttelmä^igfeitcn, ali 
ba^ man il^n ber ®efa]^r au^fefee, in langer ^Reihenfolge 
Don Seigrem unterrid^tet gu iocrben; man tl^fue ba^ felbjl 
triebt, ia)enn man gegrünbete Hoffnung ^aben tonnte, ba| 
beren jleber gefc^eiter unb tüd^tiger atö fein SJorgäng«: 



280 S)ie Smputabilitätöfrage unb bad SDlobiflcabilUdtö^tobtetn. 

fein toerbe. ^tnn bie jartc 5pflanje bet ^letät fd^l&gt 
longfam SSurgel unb in bem immer totebet aufgetijfencn 
Soben niemafe tiefe. SBa^ tafd^ gewonnen unb toerlotcn 
tt>irb, ift nur ii^r illegitimer SBetter, ber SRef^ject, beffe» 
Emblem aud^ beim (loxpoxal nid^t umfonft ber Stod^ boS 
abgef^nittene , tourgeUofe, erftorbene SRei^ iji, unb ber 
fid^ jur petät genau fo toerl^Ält toie ba^ @^e| ju ©itte — 
bie ©itte toirb, bilbet fld^, ba^ ®efe^ ift gemacht — laxm 
be^i^alb aud^ umgemad^t^ aufgel^oben^ befeitigt tperben. 

^a^ plurimsß leges, pessima respublica l&^t fid^ aud^ 
nod^ in anberer Raffung auf einen tiefern et^fd^=))f^d^olo:= 
gifd^m ©ebanfen jurüdtfüi^ren, ber jugleid^ ba§ bereit* 
oben gelegentlid^ berül^rte SSer^filtnife be* Stl^ifc^en jum 
juriftifd^en ©ebiet Ilarer iuiS Äid^t fe|en fann: folange 
ettoag blo* ber ©itte, bem @eit)iffen, an^eimgeftellt ifl, 
^at ber einjelne fein aSerl^alten baju ganj mit fid^ fetter 
abjumod^en — er finbet feine 9iul^e nur in fic^ ober gor 
ni(|t» ©öbalb aber ber ©taot burd^ ein bürgerlid^e* Oe» 
fe| fid^ einer ©!|)l^are be* et^ifd^en Seben* bemäd^tigt 
(tt)ie g. S. im S)igci))linarfirafberfal^ren gegen nid^t gerabeju 
t>erbred^erifd^e, aber bod^ „unioürbige" SSeamte), fo er* 
fd^eint bog Sßerge^en batoiber ate fd^led^tl^in unb öoUftäns 
big füi^nbar burd^ ba* (Srleiben einer bejKmmten &\x^etn 
©träfe; unb loeü jebe äußere ©träfe lei^ter ju ertragm 
ift, ate innere ©etoiffen^unrul^e, fo toirb befto mel^r gegen 
ben etl^ifd^en Snftinct gefünbigt, j|e toeiter ba^ ©efefe, ba* 
})ofitit)e ©trafred^t, in beffen Sereid^ übergreift: toaS bon 
menfd^lid^em ®efe| erreid^t ioerben fann, ba^ erfc^eint fo- 
gufagen atö ein leid^tere* SBergei^en im Sergleid^ mit bem^^ 
ienigen, toag bie ett>ige, „göttlid^e" ©ered^tigfeit auSju? 
gleid^en fid^ toorbei^alten l^at. äUIerbing^ jebod^ beioeift e* 
an fid^ fd^on eine S^^^ö^f^wi^Ö ^^^^ ©ittlid^feit^boben^;. 
toenn ber ©toat fid^ öeranla^t finbet, ergftngenb beffen 
Süden ober Söd^er aufzufüllen. Unb bagu ftimmt es auf* 
befte, ober bielmel^r aHerfd^Iimmfte, bafe e* nirgenb* eine 
nid^tSioärbigere, ödHiger in raffinirteften ®goi*tnu* oufs^ 



3)ie S)entotalifation im bud^fiäbL 6inne ald „(Sntfittli^und''. 281 

gei^enbe 35ei)&Hctung gibt atö in bctn Sänbe, too jeftc 
©itte in ©cfialt eine^ i)ofitit)en ©efefec^ formuUrt ifi — 
in @^ina. S)a^ l^et§t benn freilid^ &cn^ ntad^en ntU b^ 
@a|e: bod @efe|e^teci^t ift ^(udbrud bed ä3oaiSU)iaeniS. 
äCu|erbem aber öffnet ja jebe in oQju U)eitet äluSbel^nung 
notiitoenbig ^erKtnftelnbe @efe|gebung ben rabulifUfd^en 
ffiniffen, ober ßl^icanen mit 3nter^)rctationöfoj)l^i8men unb 
fogenannten ,,götmfel^lern", ben breiteften <Spidxanm unb 
jerrättet fo bie infitnctibe Sld^tung beS ^olU \>0X aSem^ 
„toa0 Sfted^ten^ ifi". 3n biefem ©inne läfet ©oetl^e ben 
fterbenben ®ä| Sagen: „6^ fommen bie Sitten be^ 83 e- 
ttug^ (b. 1^. ber SCüde unb aiÄnlefu^t), e« ift il^mgrei= 
l^ett gegeben- S)ie SRid^tiJMrbigen werben regieren mit 
Sifi unb ber ßble toirb in i^re 9ie|e fallen!" ft)obet fidler 
ebenfo fel^r an baiS bamalige äluf{ommen beS Slbt)ocaten' 
ftanbe^ ju beulen ift^ als etioa an bie bem SRitterftanb 
töblid^e Ausbreitung beS ©ebraud^S ber geuernjaffen. 

ilber biefe äußern geinbe ber ©itte flnb bcnnod^ faum 
bie fd^Ummften — au^ i^rem eigenen Snnern lann bie 
gäulni^ anheben burd^ baS einfädle a3efinnen beS Snbi- 
toibiiumS über feine ©tettung jur ©itte ate bem Stilgemei- 
nen — mit einem SSJort burd^ ben Snbibibuali^muä, beffen 
©amenlömer freüid^ bie gelfenrinbe erft ju fjprengen 5oer= 
mögen, toenn biefe bereits brüd^ig geworben — ber 83o^ 
ben aufgelodert ifi. S)enn e^e bie ©itten f d^led^t werben, 
toferben fie lodter (mores dissoluti), im einzelnen ioie in 
gongen äSölfern. 

ein lodtereS SWöbd^en > ein lodterer „SSogel" (um aud; 
biefem ©oeti^e'fd^en SieblingStoort feinen 5ßla^ nid^t ju 'o^^ 
fagen), ift oft nur umf:t)iett t)on einem „i^olben Seid^tfinn" 
— ofcer toomit biefer eS leidet nimmt, finb ^bm bie 
©darauf en ber ©itte, über bie er tänbelnb unb tänjelnb 
i^inauSi^^jft, o^ne gerobc^u ü^r aSerftd^ter ju werben, ge- 
f d^tt>eige i^r offen ben £rieg pi erflären. @r gibt bem Steige 
nod^, ben eS für jjeben 3li^t})]^iKfter ^at, am fd^lü^)frigen 
aib^dng ber ©efal^r |u fj)ielen — me^r in SBorten atö in 



282 Sie ^mputobUttdtdfrage unb bad 9Robifica6iIita»ptoblent. 

Saaten mandüpitt er ftd^ i)on „üBamfcB Sa Siegle", f dalagt 
bet elmgen ^ofmeifletin mit nedifd^em SDlutl^toillen gern 
ein @(i|im))^(i^en unb blidt baya fo {ed treu^erjig bretn, 
oö toottf er fagen: fiei^ nur, id^ toill bir ja blo^ jelgen, 
toie toeit wan'i^ treiben fann, ol^ne gleid^i jum „fd^led^ten 
Äerl" ju toerben. S)od^ freilid^ jlel^t neben biefer naitjen 
Soderl^eit, ber ed nur @^ag tnad^t, bie Ueberflüfftgfeit 
affer „SRajimen" an fld^ fetter barjut^un, eine anbere; 
bie l^at ben @tanb!|)un!t ber @runbf A^e niöft t)or, fonbem 
^nter fid^ — in ifyt ^at bie Sieflesion bie Shitorität ber 
&ont)enien2 nid^t blöd, fonbem aud^ bie ber Sitte unb 
aRoralit&t b«:eitd ongefreffen — bie fagt nid^t bloi8: id^ 
braud^e euer jieted Segoutoemantiren nid^t, mein um>er- 
borbener ©inn fd^ü|t mid^ fd^on fetter i)or fd^limmerer 
Slui^fd^ireitung — bie fragt bie autoritftt fetter nad^ ii^rer 
Legitimation unb )oi(l, „aufmudtenb", ftd^ nid^td fagen laffen 
— fo ijl fie fd^on eine bebenflid^ere gorm be8 ^Subibi^ 
bualiiSmud. 

25. Set SnbibibuaHi^mud aU fouberäne tritil 

SKuf ber jtoeiten, aud^ nod^ inflinctit>en, ©tufe ber 
fUtlid^ien ßnttoidelung beugt Ti6} baS 3d^ fettfiloi^ unter 
m aU i^öl^ered blinblingd aner{annted Stid^t^Sd^, atö unter 
bie abfolute 9(utorit&t. S)abei toirlen ald gel^eime 9Kotit>e 
mit: ^rd^t, @^rfurd^t unb Streben nad^ Stttoel^r ber @e^ 
fal^ren fürd 3^. Stuf einer folgenben ©tufe toitb ba« 
3tiä}U^ t^eoretifd^ negirt, nur ba« Qd^ gilt, nad^ bem 
^rinci)) bei^ m^aä^m @goidmud. 3ule|t erft ioirb boiS 
3d^ ate ein nid^t^fein-foffenbe« negirt, gleid^öiel unter 
toeld^er gorm — ob afö ®ott ober SBelt bed @lenb« — 
bai^ SRid^tsgd^ angefd^aut toirb: — bie ©ettpi)erleugnuttg 
bed 3d^^ ^ttb ©ettfljtoed unb aud^ biefe „SSemeinung beS 
SSJiffenÄ" ifl ju f äffen ate eine autonome Unterwerfung 
unter ein 3lid^t-3d^ — tl^eologifd^ audgebrüdt: unter ben 
aSiSen @otted — rein etl^ifd^: unter bie antiegoiftifd^e 



S)et :3nbiDibuaIt^iittt$ al9 fout^erdne fititil. 283 

^^i^t ältfo nid^t Dl^ne weiteres ifl bie Independence 
einer toorauÄfelimg^lofen SiJl^eorie, •toeld^e an ble ©teile 
be^ j^eteronomen ^princi^)^ ber 3lutorität bog autonome ber 
felbfterfatn!j)ften Ueberjeugung fe|t, allemal fd^on ber SSots 
laufet abfoluter „^eigeifügfeit" aud^ in J)ta!tif(i^er SBe^^ 
jiel^ung — fowenig toie umgelei^irt ber 3!)tang nad^ ptt^ 
fönlid^er Unabi^angigfeit beim ©nglÄnber biefen bal^in füi^rt, 
ftd^ i)on ben Sanben be« ©taatggefc|e^, gefd^toeige ber 
ottteflamentlid^en fiegi^tatur ju emanci^iren. ^emgemfi^ 
füllt aud^ Äant im legten Orunbe feinen fategorifd^en 3m? 
!^eratis> nod^ auf eine aujsermenfd^Iid^e ©erid^t^barfeit, too? 
für mit feiner SJeobad^tung ©d^oj^en^auer fid^ auf bie 
ard^aifirenbe tJorm „bu fottt" al^ auf einen SBeleg berufen 
l^at. 9Wit loie toiel Selou^tfein ^um erften mal, fot)iel ioir 
toiffcn, bie gried^ifd^en ©oj)^ifien bag inbiöibuette SWeinen 
jum „9RalB atter ^inge'', b. 1^. jur ^öd^ften ßntfd^eibungS? 
in^anj, erl^oben l^aben, mag l^ier unerörtert bleiben. Qebem 
fall^ fonnte ber Oegenfafe in feiner kJoHen ©d^ärfe erji 
l^erbortreten, nad^bem nid^t mel^r blo^ ber injiinctit) ioat 
tenben ©itte, fonbem einer fejl formulirten ®efe|gebung 
bon angeblid^ übermenfd^lid^em Urf^jrung gegenüber bie 
fritifd^e Sfte^ifion fid^ barauf b^^ann, ioie im oben barge^^ 
legten ©inne aud^ bie ftarrfle ^eteronomie )ule|t be^ fo- 
jufagen toeltlid^en 5ßlacet feiten^ be^ ©ubject^ für il^re 
„geoffenbarten" })riefierlid^=Jlatutarifd^en ©ebote unb SSerbote 
nid^t entrat^en lönne. ©o bleibt e8 auc^ i)on biefer Seite 
büxaäfUt unb nad^ biefer düd^tung l^in angetoanbt loal^: 
e^ ge|it mit bem erften 3«^^agen ein tiefer 3^1 burd^ bie 
SBelt. 83i^ bal^in iji ber 9Benfd^ fid^ ein ©egenftanb toie 
alle^ anbere aud^ , mit nomen appellativum ober proprium 
— j[e|t f d^eibet er fld^ bon bem gefammten Unitoerfum ate 
einem anbern — boÄ ifi ber tiefe ©inn ber inbifd^en 
Sro^tl^e, ba| bie Aham-kara — bie 3^-aWad^ung — ein? 
trat, nad;bem aus bem Sral^maei ©rb' unb §immel fid^ 
gefd^ieben unb bafür — ©d^ellingifd^ au^gebrüdt: für bie 
©ifferenjirung be^ si^bifferenten — xm^ Sral^ma büfeen. 



•284 ^ie SmtputabiUt&tdfrage unb bad a)lobiftcabUU&td))robIem. 

(S)em cntfj)rici^t bie ®t^mologie toön aham — ego — in 
ber ßu^n^fc^en ,,3eitfc^rift", »b. 9, ipeft 1, ©.öl fg*, 
tovna6) bic^ SBort urf^jrünglid^ eine räumlid^ abgefd^loffene 
©inl^eit bejeid^net) Äant unb Seffing l^aben jene autonome 
aSoraugfe|ung attet 6t^i! ertannt, afö fie bie Sieligion au& 
ber et^if^en Anlage be^ aJlenfd^en l^erleiteten unb bie 
3RoraI nid^t ju einet SJod^ter ber 5C^eologie tooHten er= 
niebrigen laffen. 60 mufete irgenbeine ©ejialtung beg ©itt 
liefen im 3)Zenfci^enIeben tootauf gegangen fein, el^e ber fitt« 
K^e ©e^alt in getoiffe ©öttetioefen fonnte ^)toj[icirt tt)er= 
ben — ol^ne ein etl^ifd^-meta^jl^^fifd^e^ SBebürfhife im 3Kcn5 
fd^en i^Ätte feine ^ßtiefterlei^re SJufnai^me finben fönnen — 
unb tool^et nahmen bie „Stimmen ber ©otti^eit" ben ^ 
f)aU il^rer aSorfd^riften anber§, aU au^ bem eigenen 3n= 
nern? ©^ mufete ber 5IKenfd^ be^ ©emiffen^ afö einer im^^ 
manenten 3Jla^t inne geworben fein, el^c er beffen gor- 
berungen atö ^jofitiöe ®efe|e einer ®ott|ieit anfd^auen 
lonnte. Unb toer bie bogmengefc^id^tlid^e ©nttoidelung 
j, ©♦ ber Seigre „bon ben ©igenfc^aften ©otteiS" bis in^ 
jjübifd^e Slltertl^um hinauf verfolgt, ber mn^ anerfennen, 
bafe ber SSorfteEung fold^er „aSoHfommeni^eiten" i^re SBür? 
bigung unb SBertl^fd^ä^ung mu^te vorausgegangen fein. 
Äonnte man etioaö anbereS in einem ®otte fud^en, ate 
ioaö man — toenn jioar nid^t in ber abftracten SSoKen^ 
bung, fo bod^ in concreten l^omogenen Slnfft^en ober Äei* 
mm — in ber 3Jlenfd^enit>elt gefunben? Äonnte man einen 
atö liebevoll vorgefteHten ®ott lieben, tomn man nid^t ju^^ 
vor in unb an fid^ f eiber ben SBerti^ ber Siebe gefunben 
unb erfahren?*) Äurj: bie ©ötter loaren ftets unbüber^ 



*) 3)a8 tfi ja ber ©ebanle, ber 3. S. SJouffeau muß öorgcfd^tocbt 
l^aBen, als er verlangte, bit religibfe d^rgtel^fung ancfy bed 3nbit)ibuamd 
fofie erfl eintreten, mo eine gen^iffe 92eife erlangt fei; n>er <$ott a(« 
©atcr lieBen foll, muß bod^ juöor eines gtoifc^en SKenfd^en öcr^arren*« 
ben ?5ictätsgeftt^tö fä^ig ftd^ crtoicfcn ^aBen; ha^ crfcnnt ja felbjl bas 
Söort an: „©er feinen S3ruber nid^t licBei, ben er fiefiet, tt)ie fann 
er ©Ott tieben, ben er nid^t ficl^ct?" 



S>er 3nbiüibuali§mu§ al§ foutjcräne Äriti!. 285 

äff baS an ben §ttnntel geiüorfcne ©jjiegelMIb ber etl^ifci^m 
©efammtanfd^auungctt beö SSolfögeiftc^, bem fie angel^örten. 
aSBo^ l^ieran im Saufe ber Sö^ttaufenbe bic gebanlenlofe 
aBeitetIteferung etne^ tteberfomtnenen, toa^ träge Oetooi^ns 
l^ett unb betou^t l^ierard^ifd^e Slbfid^t geftnbert l^aben: ba3 
liegt überall ba toor, too e^ ben Sei^rern ti^eologifd^er 
©^fteme gelungen ifi, bie ^i^ilofoijjl^ie jur aJlagbfieHung 
be^ ©d^olafliciiJmu^ ju begrabiren. Unb infofern bie SRe^: 
formation eg toar, ft)el^e toieber ^u§ Brad^te in bie er^ 
flarrten ©elföiffen, bie ficJ^ ber ©elbpeftimmung ein für 
aHemal entäußert l^atten, braud^en toir bem nid^t ju toiber- 
^pxtäjtn, bafe ba^ „!t)rotefiantifd^e ^rinci!|)" (aber n>o^l ju 
merfen nur in feiner urf^)rüngIid^en SReinl^eit!) juerft tüie:^ 
ber ben Snbitoibuoß^mu^ in bie SBürbe beS Urtribunatö 
eingefe|t l^at unb infofem bie Vertreter be§ le^tem be^ 
red^tigt finb, ftd^ auf j|ene^ ju berufen- Säber toie lange 
l^at e^ gebauert, bi^ — nad^ getoaltfamer Unterbrüdung 
ber ate ,,©d^ft)armgeijier" Verrufenen, bie alfogleid^ (Srnjl 
mad^en h)oHten mit ben Gonfequenjen reinfter Autonomie, 
— bie 5ß^ilofoi)^ie ben ^effeln eine^ abermals fie um- 
fd^nürenben ©d^olafüciSmuS fid^ enttoinben tonnte! (SJor 
aSimt berbient nod^ immer nad^gelefen ya toerben, \oa^ 
©dritter in ber ©inlcitung ju feiner ,,®efd^id^te be^ SDrei§ig= 
jjäl^rigen Äriege^" barlegt t)on ben 3?e|en ber ,,ißalbl^eit", 
in toeld^e ber ^ßrotefiantiömuö fobalb f^on — ipolitifd^ toie 
affgemein etl^tfc^ angefel^en — fid^ berftricft l^atte.) 

©elbfi l^eutjutage fragt nod^ überaff bie ed^te 2i^eö= 
logie — nur am naitoften , aber !einegn?eg^ au^f d^lie^lid^, 
in ber ^ä^jftlid^en enc^Hifa — jebe ^p^ilofo^l^ie nad^ i^rem 
SJauffd^ein, unb nid|it nur an ultramontan bel^errfd^ten 
^d^fd^ulen fielet bie SöleJ^rjal^l ber 5ßl^ilofoj)l^ie^rofefforen 
nod^ immer Äebe unb Slnttoort auf fol^ 5Berlangen. Sine 
^Pofoj)^ aber, bie gar ungefragt fid^ öom Äird^enbud^= 
füi^rer einen fold^fen ©temi)cl auf^ SCitelblatt brüden läfet, 
follte für gerab' ebenfö terbäd^tig angefe^en iuerben, toie 
ein aSagabunb, ber feine „^ßa^siere" immerfort in ber $anb 



286 ^ie Smputabititdtöfrage unb bad aRobiftcabUitdtö^roblem* 

trägt, fte auc^ unaufgcfotbert gleid^ öotjeigen toitt uub 
bamit baS Stecht ber ^oli^i anetfennt^ i^n unobläfftg 
ju überttjad^eti, S)cr 5ßl^ilofoj)l^, ber fic^ toon einem d^rifts 
lid^en SJ^eoIogen einen 5pa§ au^jietten läfet, fcegei^t We 
SiJaftloftgfeit, bie Gontipetenj einer aufeer<)l^ifofüj)^ifd^«n »e^s 
l^örbe gelten gu laffen unb ü^r boS Siedet einjurftumen, ba^ 
fle il^n auf feinen ®lau6en ,,6eglaubige", S)te 5ßl^ilofo^)l^ie 
aber ifi fel6er bte oberfte unb einjige Gentralbei^örbe ber 
SSßal^r^eit, unb ©ouberftne t)cr geben i^rer SBürbe nid^t toe^ 
niger aU aät§, toenn fie nid^t o^ne ^a§ reifen; toobei 
eiS ganj gleid^gültig bleibt, ob jufftHig ber gürft mit fei^ 
nem ^olijeiminifler in ©inflang jie^t ober nid^t (Srfann 
nur beabfid^tigen, im ttnitoerfum beö aBaJ^rJ^eit^reid^e^ 
feine^gleid^en aufjufu^en, unb verlangt, nid^t toie baä 
Ärämertooll auf ßontrebanbe unterfud^t ju toerben — felbfl 
baS ®ep&d feiner ©efanbten genieJBt nad^ aSölferbraud^ 
ba^ aSorred^t, bie ©renje unbifirt unb unreijibirt juj)afftren* 
SJafe aber bamit ^eftftoff ,,eingefd^lej)j)t" ioerben fönne, 
toer toottte ba^ leugnen? Unb biefe 3ßöglid^feit ift ej8 ja 
^bm, toeld^e un^ ben S^J^i^^i^i^fllt^wn^^ i^ Slbfd^nitt bon 
ben fittejermürbenben Slgentien jur ©^)rad^e bringen 
liefe. ®ie a3etrad^tung ber i>on biefem allburd^bringenben 
Dj^gen toerurfad^ten aSertoitterung foff un^ ate uni|3arteiifd^e 
Seobad^ter flnben. 9lur mad^e ung niemanb jum Sot:: 
tourf, bafe toir babei ju Jperolben eine^ ^eroftratenrui^ima 
toerben — e^ ifl m ®efe| ber aSeltgefd^id^te, bafe ber 
SRame bejfen , ber ben e^l^efif d^en ^ianentem^)el angejünbet, 
nid^t lonnte „tobtgefc^ft)iegen" toerben — ®efe| unb 5Bers 
obrebung erliefen fid^ gleid^ unft)irffam — bie glamraeiu 
fd^rift fold^er 3iamen läfet fid^ nid^t einbämmen, gefd^toeige 
erftidlen — fie jirßmt felbft über bie 2ippm ber äßiber» 
ioiHigen, unb ber SRann l^at bod^ feinen SBitten brfommen! 
SHe „frommen", öjeld^e ben 3nbibibualiömu^ aU ben 
®runb aUe^ aSerfaH^ in unferergrit auflagen, überblidcn 
fd^toerlid^ ben gangen Umfang ber SBai^rl^eit, loeld^e fie bos 
mit au^fjjred^en. ^ier l^eifet e^ principiis obstal — unb 



S)er 3nbitnt)uaU8intt3 oft fouDcränc Stitii 287 

bod^ lann ein S^^olud öom ©treben, bem Snbtoibuum eine 
©elfeflfinbigfeit gegen ba8 j)onti^etftifci^e äbfolute ju fidlem, 
jum erfien ©d^titte auf biefer abfd^üffigen »afin gebrftngt 
werben. S5fe SBa|ir|iett aber iji: ber Snbibtbualigmu^ ift 
nid^t erfi l^eute, fonbem ju allen Qdtm ba^ Ferment ge^ 
toefen, toeld^e« ben Q^i^^urtQ^ptoce^ in ber Oefd^id^te 
l^rbeifül^rt; unb alle^, toaS man ,,gortfd^ritt", ,,®nttüidti 
lung in ber ©efd^id^te" nennt, ift im Orunbe nid^t^ an:^ 
bere^, aU ha& Harere iperauStreten eben biefe^ Snblbi^ 
bualiamuS. ®lefe Sel^au!f)tung ft)itt fid^ leine^toegS für 
eine nm^ ©ntbedtung ausgeben: fd^on längft l^at man il^n 
al8 ba^ eigenttid^ „SReüolutionäre" in ©o!rate^ fo gut 
mie in ben ©o^jl^iften erfannt. ^ ©taat^leben tritt er 
auf ate ^emo!ratte unb ^roubl^on'fd^e SÄn^^Slrd^ie. Sße^ 
rfitteS unb ©ftfar l^aben i^n jum ^princij) il^rer 3ßad^t ge^ 
l^abt — unb bie Oefd^id^te ber S^Iurgifd^en iDie ©olonifd^en 
aSerfaffung Ift aud^ barin öorbilblid^, bafe fie fi(^ immer 
Weiter entfernte öon ber ©runblage ber fubfianjiale Sim 
l^eit, in weld^er ba^ 3nbit>ibuum ein „unfelbftänbige^ 3Jlo- 
ment" gewefen; im ©attimatl^iag ber ^egePfd^en „W^ö^» 
foj)l^ie ber ©efd^id^te" läjst fid^ bei ber „©ntwidelung jur 
gxeil^eit" nid^t^ anbere^ beulen, unb 5IKaj ©tirner'g : „S)er 
©njige unb fein (gigent^ium", fotüie bie biefen nod^ über= 
bietenbeSd^rift: „SBerftanbe^tl^um unb QSnbiüibuum", finb 
bie leiten @!j)rünge einer öeitiJtanjartigen Sewegung^ in 
toeld^er bie Sttnfid^ten Weit über bie aOBelt felber i^inaug^ 
fd^offen, weld^er be^l^alb jebe dHxdUfft bon jenfeit beg 
©ratHtation^bereic^^ ber 9lealität unmöglid^ ift. — ^ ber 
Äunfi jerflüdelt er bag gemeinfame Sbeal ju lauter ^riöat^ 
ibealen, ju lauter t)ergötterten Snbitoibualitäten unb be* 
l^errfd^t bie ©ül^ne nid^t minber als bie Staffelei — bt^ 
fonber^ im ©enrebilb -- ; SKrd^itdtur unb ©cutjjtur mad^t 
er fo gut wie unmöglid^; in ber 3Jlufif po6)t er ate 3«= 
funft^mufiler auf bie inbiijibueHe Sefonber^eit in f^orm 
einer Suföntmengel^örlgleit ber SWelobie mit biefem einzelnen 
%tict unb biefer beftimmten Situation in ber D^jer • — bie 



288 S)te Sm^utabtUtatdfrade unb bad ÜRobtficabiatfttd^roblem. 

affgemeittc ©timmung lonmtt botüber fd^icr ab^anben. 3tt 
ber ®t^il mad^t et fid^ gdtenb ate fd^rairfenlofer ©ubjeo 
ttotömxi^, toeld^et mit betn ©a|e: ,,3^ber ^anbcft rcci^, 
fofem er nad^ feiner Ueberjeugung l^anbelt", au§ ber gait* 
gen Sibel nid^t^ fo eifrig ausbeutet^ aU bie 9(n{l&nge 
hieran, bie im Sftömerbrief mit bem j)auHnifd^en h 7cf<n:et 
fid^ finben. 3n ber 3;^eoIogie fallen it)ir feinen Äeim unb 
feine l^albe SBeriüirllid^ung im ,,})roteflantlfd^en ?ßrincit)'^ 
ganj beutlid^ fd^on ba, ttJO bie^ nod^ t>erl^arrt in falbem 
SBiffen, l^alber <Bt^[x^, fo ben 9Renfd^en über bie ©d^toeHe 
be§ XtmptU fü^rt, bann bie Xffüx l^inter il^m juf^Iägt, 
ba| er im ©unfein taj)!|)enb bleibt unb aHju lei^t in fei« 
ner Slinbl^eit ba^ Oötterbilb t)on feinem 5ßoflament ^erab:« 
reijst unb gertrümmert 3« ber Staturtoiffenfd^aft ift er 
in feiner einfad^flen gorm mit fi6) felber ibentifd^ ate 
SHtomi^mu^ ; unb in ber 5ßl^ilofoj)]^ie flanmit a\a if)m jeber 
ffe^)tifd^e Oebanfe, ber jid(i au^ ber 2ingemeinl|feit unb il^rer 
Slutorität lo^gemad^t f)at 

SSon biefem SnbitoibualiSmu^ etn>a^ üerfd^teben ifl bie 
®efa^r, toeld^e bie jurifHfd^e ©ialeftif mit fid^ bringt. 
®er ajolföinftinct a^nte ettoaö l^iert)on, aU er ein SWi^- 
trauen gegen bie „ed^ten 2lbt)ocaten" in fid^ auflommen 
liefe. SBer t)on Slmt^ toegen immer toer^flid^tet ifl, get 
tenb ju mad^en: Jebe^ ©ing l^at jtt)ei ©eiten — unb gu 
forbern: audiatur et altera pars — ber mufe f(^on unge« 
toöl^nlid^ jlarfe ß^arafterfeftigfeit l^aben, vm nid^t ein 
lajeg „eö fommt überall nur barauf an, toie man*^ ®ing 
anfielet" aud^ gur SWajime feiner ^itoatmoral gu mad^en 
— benn it>eil fo leidet nid^t bei irgenbeinem 5ßrocejJe bie 
eine 5ßartei gang rec^t unb bie anbere ebenfo pure un= 
red^t l^at, fo ifl nur ein leifer SRudt ber foj)^ifUfirenben 
aSemunft nöti^ig, um gur Gonfequeng gu gelangen: „e0 
l^anbelt fid^ für beibe nur um ein SWel^r ober SBeniger 
t)on Unred^t — toarum alfo follte id^ nid^t bie ©ad^e bed 
6aiu^ fo gut unb gern fül^iren toie bie beö SCitu«?" ©o 
erfd^eint e3 nid^ ate blofeer 3«föff / bafe gerabe bie ^ret 



i^er cjtremen ^Parteien mct|l an» hex 2lntoaltöf(^ule J^feiDot^ 
gegangen, fei e« aud^ nur ate ©d^teiber SSanfen (fd^on 
bei ©ried^en unb Slömem toar boü ja bie ^xopäbmfx» 
ber })olitifd^en Serebfamfeit), unb nod^ weniger, ba| unter 
iljinen bie „Slenegaten" am jai^Ireld^fien fid^ finben. S5enn 
tt)ie fott eine einfad^ fefte Ueberjeugung fid^ bilben, too ba& 
äKuffteSen bed ^ro unb ßontra junt t&glid^en ©efd^Aft ge^ 
^ört? aRan follte be^l^alb am toenigften bei fold^en Seuten 
Wn ©efinnungStped^fel reben — benn fte vertraten 
ftet§ nur bie Slbfiractionen il^rer bebuctit)en, bigcurfitoen 
©ubfumtionen — alfo eine ©ad^e be^ Stoppe» — jebe ©e* 
Jinnung ober ttjurjelt im ^erjen — unb eine Stenberung 
Wefer ift nur ben!bar auf bem aOBege einer :t)f^d^ifd^ett 
ZotaU unb Slabicalrebolution , bie ju ben aQerfeUenften 
5ßl^&nomenen ber ©i^arafterologie gel^ört. 



26. gortfe^ttd. Sitltidie unb HermeUttltt^e SrttioatSt 

SBol^l ift i)iel ©treit barüber, t>on toeld^er ©rei^e an 
man grit)oKt&t — nid^t nur ber 3^9^/ fonbem au6f ber 
©epnnung — be^auj)ten bürfe. 2lber barüber !ann fein 
gtoeifel befleißen, bai eigentlid^e gritoolität iebe^mal eine 
flet)tifd^e 2;i^eorie jur JBorau^f e^ung l^at. SBenn einer aud^ 
ttod^ fo bo^l^aft ilber alle ©d^ranfcn bc^ aWitleib^ pd^ l^in? 
n)egfe|t, folange er nid^t mit SeU)u|tfein ii^nen ,,$ö^n 
fj)rid^t", fann t)on grit)olit&t nid^t bie Siebe fein. Seber 
freilid^ ifi geneigt, über friöole Sleufeerungen fid^ gu be» 
fd^toeren, ^mn gerabe fein et^ifd^e^ — in specie tlj^riftifd^tö 
— gunbament ongetaftet toirb. 2lber »ittigbenfenbe toer- 
ben in ber gorberung be^ 3ic^ptiA» \>ov frember Ueberjeu^^ 
gung nid^t aUiu tt>üt ge^en. Ainber unb SBeiber mag 
man fc^onen in i^rer ©l&ubigleit — benn e« ift unebel, 
i>en SBel^rlofen anzugreifen — aber in ber toiffenfd^aftlic^ett 
^Debatte foöte man bie äSeobac^tung fold^ einfd^r&nlenber 
Jtantt)fregeln nid^t verlangen: tt)er el^rttd^ im S)ien{i ber 



290 Sic SmputabilttdtS^aöc unt) t)a§ 2RobificabUitat»prob(em. 

SBal^t^eit ftd^t, ^at Slnfjjrud^ auf ®el^&r, tok immer er 
fid^ öeme^men laffe — unb eine farfaftifd^e argumentatio 
ad hominem ft)irb fc^toad^en ©emütl^etn allemal fribol 
Hingen. 3tn fid^ ift e^ eine t^rannifd^e ^orberung, man 
foHe jjebe Ueberjeugung aU fold^e, fomtt au^ bie nid^t 
er!äm!^fte, bie bequem bloS angenommene, eieren. Unb rt)ie 
fc^ttjer läfet fid^ erfennen, toa^ im eminenten ©inne \oxxh 
1x6) ,,Ueberjeugung" (mel^r afö Mo§e „SWetnung") ift unb 
ft)a^ nid^t; — in^befonbete gibt fld^ oft für Ueberjeugung 
a\x^, toa^ in nid^t§ befielt ate in einem ®rlal^men beä 
fritifd^en ©enfenö angefid^t^ fd^toieriger Probleme; unb 
loo jufdffig eine angebßd^e ^Ueberjeugung an n)eltlid^en 
SSort^eilen il^ren aSerbünbeten l^at, ba ift e^ t^ottenb^ mig== 
Ud^, bie ©Jjreu toom Sffieijen fd^eiben ju tootten — benn 
nur bie o^)ferbringenbe Ueberjeugung ift in biefer il^rer 
5ßatur ganj untjerbäd^tig -— bod^ be^l^alb nod^ lange nid^t 
in il^rer aSBa^rl^eit: ©a^jrice, Somirtl^eit ober bie ©itelfeit^ 
etttJaö äCbfonberlic^eg für fid|i gu befifeen, föimen auä) il^rcn 
2;i^eil baran i^aben — unb ber SBal^nfinn ber SEBiebertäufer 
tfl: eine in ^lammenfd^rift tjerjeid^nete SEBamung, nid^t 
©elbfto!t)ferung unb 3RartVrium für ^inlänglid^e SBeglau«^ 
bigung ber materiellen SRid^tigfeit nnt^ Sefenntniffe^ f)m 
junel^men. SBer fid^ immer l^inter feine „Ueberjeugung" 
toerfd^anjen triff, bem barf man alfo tool^l jurufen: Do 
thou amend thy opinion, and TU amend my speecht 
$Denn mo nur Oeifte^trfigi^eit bon einer SRebifion über^ 
lieferter 9Äeinungen abl^ält, finb biefe fofort ü^re^ ^eiligen^^ 
fd^ein^ entfleibet. Silber aber bemi^t bie „§rii:)olität" be^ 
anbern nad^ bem, toa^ il^m felber ba^ „^eiligfie" ift. 6* 
gibt 9Jlänner, bie mit il^rer „böfen S^nngt'^ (um nid^t ju 
fagen: i^rem „lofen 9Jlaul") fo leidet niemanb ungefd^oren 
iaffen, aber im tieffien 3nnem burd^ ein ^arobiren ©d^itter's 
fd^er aSerfe abgejiofeen Serben. Unb e^ gibt anbere, bie 
öor feiner „SSla^^l^emie" in ©ad^en Sel^otja^^ jurüdt« 
fd^redten, aber mit em!t)ftnblid^jler ©enftti\)ität bie leifefle 
j)rofane Serül^rung il^re^ ©rinnerung^cultul berabfd^euen. 



tJortfetung. SBirfüd^e unb t)ermeintfi*c grit}oHtfit. 291 

3Rand^er ift „gar ntc^t blöbe" im Slnfleffen einer ffe^tifd^ 
fd^ranlenlöfen (Srörterung et^tfd^er ©runbfragen r- unb 
toel^rt ftd^ unt)erfe^en^ iri^ xal Xa5 gegen jebe ©ef^t^red^ung 
getotffer, gerabe il^m ipeinlid^-belicater ®eIiberatiön§obiecte. 
®a tfl'5 benn fretUd^ nid^t leidet, bie Älage über %xU 
t)oIitftt Wn jeber fubjectit) = jufälKgcn Seigabe freiju^ 
mad^en, unb nur bie bcttjujste SSerleugnung, bie beab= 
fid^tigte ttmfel^rung beffen, tva^ unabhängig t)on jeber 
©d^ran!e gefd^id^tlid^er, religiöfer unb nationaler Sefonber^ 
l^eit, alfo ju allen 3^iten unb bd allen 9laffen unb SSöt- 
fern, aU ein „OTgemein-SRenf^Itd^e^" in unausrottbarer 
SInerfennung gefianben, b. f}. ber 3ld^tung t)or frembem 
Seib, toirb afö unbebingte grit)olität auf ber ©runblage 
be§ fittlid^en Urgefe^eS ju t)ertt)erfen fein; furj: ttJirflid^e 
^t)olität ift fo jiemlid^ ba§, tooran man bei ber„©ünbe 
ft)iber ben l&eiligen ®eift" ju benfen ipftegt 2Bp bagegen 
irgenbein jufäffig 5ßarticuIäreS ^ineinf:pielt, ba Ifl bem 
©eifte feine greil^eit ju toa^xm — ober V)ielmel^r: batt)trb 
er fte fid^ fd^on felber toal^ren. S)aS i)abm ju allen Qdtm 
bie ©taaten erfal^ren, n)eld^e eg toerfud^ten, abgelebte ^n^ 
fd^auungen ju mumiftren. SBol^I griff man tief l^inein in 
bie ©rünbe, ate man nad) bem ©a^e: ttjem bie ©d^ule, 
bem gel^ört bie S^^'fwnft! I^ier ©ämme ju bäum begann — 
unb bod^ nid^t tief genug! Rein ©d^ulregulatit) toermag 
ba§ „Staifonniren" ju bämj)fen — ba müfete man jutoor 
baS Sefenternen unb bie ©rudfer^reffe fammt Südjern unb 
Ißettungen an^ ber SBelt fd^affen unb bann nod^ V)ermögen, 
aud^ in ben Äöj)fen neue tabula rasa ol&n' alle 3tnfnüj)fung 
an bie ©ummen ber SSergangeni^eit l^erguftellen. SBol^l aber 
lħt ftc^ ber SBunfd^ nac^fül^len, ba§ berglei^en möglich 
fein möd^te. ©aS Seben aU ©d^ule ber aJlifant^rojjie le^rt 
uns begreifen, loic eS bal^in fam, ba^ „gottlos" unb mo^ 
ralitätSloS ju SBed^f elbegriffen n)urben, unb bieS nid^t 
bloS „em^)örenb" finben als eine golge „^)fäffifd^er er= 
jiebung", fonbem bie biet betrübenbere S^^atfad^e barauS 
entnehmen, ba§ bie SWenge — ber ©ele^rten n)ie ttnge«= 

19* 



292 3)te Slm^utaitlU&t^rage unb bad gRobtficabi(itAtö))VoUent. 

U^ttm — eine freie ©ittlid^eit — b. 1^. eine fold^e, toelt^e 
\>on ben egoiftifdgien 9)lotii)en ber Hoffnung auf einen ^im^ 
mel ober ber ^urd^t \>ox ber ^öKe g&nilid^ unabhängig 
i% — nid^t einmal 'oex^tfft, gefd^iueige befolgt Slieben 
fte ungejägelt^ fo toärben @goi^mud unb S9oSl^eit bod 
bellum omnium contra omnes in i^iel graufenl^afterer ®e^ 
flalt im ©d^toange erhalten, ©o l^at ber ©d^redten ha&. 
©d^redlid^je gebftnbigt — faum je ifl bieg, ber emj)fel^lung 
unb SSerl^errlic^ung be^ SSemünftigen als beS SSemünftigen 
gelungen. @g i{i itoax balb gefagt: an bie ©teOe ber 
,,2lutorit&t" muffe gtoifd^en benen, bie ,,nid^t finb Äinber 
berSRagb, fonbern ber greien", ber:t)erfönlid^e SRef^ject 
treten — ober im Orunbe l^eifet baS nid^tS anbereö afö 
auf eine ^latonifd^e Uti>)>ie üertröflen^ jumal eS feineStDegd 
immer bie älc^tungsn^ertl^eften ftnb^ toeld^e ftd^ ba^u 1^- 
geben, in ©taat unb ®emeinbe bie ©tettung öon SSor^ 
gefeiten einjunel^fmen; benn D^ne Slmbition toirb fo leidet 
nid^t jemanb fid^ baju toerflc^en , unb gerabe bief e ,,mcnfc^5 
lid^e ©d^ioäd^e" ift eS bann ja, tt>eld^e il^n in ben äugen 
ber toal^rl^aft Unabl^ängigen toieberum J^erabfe|t unb, u>o 
fte als büntell^afte 9lnma^ung auftritt, t)oIlenbS "oet&^U 
liäf, toeil l&d^erlid^, mad^t 

^ie nal^eju unbebingte 9BirIungSloftg!eit beS bloßen 
3Roral!prebigenS ifi nad^gerabe tool jiemlid^ allgemein 
anertannt; l^öd^ftenS leugnen fle nod^ bie SRationalifien aui 
ber ©d^ule eines verflachten JtantianiSmuS, benn benen 
gilt ja bie „SJugenb" l^falt für „le^rbar". Slber gerabe 
bie auf bered^nenbe 9Ra£imen gefleSte SRoral mug natur- 
gemfti erjl red^t falt lajfen; fie ^jerl^orrefcirt jja gerabeju 
bie @rtt)&rmung unb Segeiflerung beS ©emüt^S als etn>aS 
ben moralifd^en äBertl^ ber ^anblung S3eeintrAd^tigenbeS. 
©0 fielet fte im birecteflen ®egenfa| gegen ©d^iller'S (unb 
3acobi'S) äBilrbigung ber ^auen als ber Trägerinnen 
einer ©^l^äre unb ältmof))l^äre ftttlid(^en Seif))ielS — unb 
als entfd^iebenfler SluSbrudC ber X^atfad^e t)on jener ttn- 
frud^tbarleit ber 9Roral))rebigt, ioo fein ftttlic^er 3nflinet 



SOtotaKfd^er Stüdfd^tttt na^ Stutotitat^serftetung. 293 

toalitt unb il^r mit @m))fAngl^feit entgegenfornm^ gel^ött 
]|iterl|fer ba^: 

3<^ fing* il^r ein motaltfd^ 8teb, 
Um fie getDiffer )u Betl^i^ren, 

2Bo ble SWotalgebote in leftter Snflö^J äuS l^dl^cm 3^^*- 
tnft^igfeitötüdfid^ten bebucirt toerbcn, batan ,,5poftuIatc 
unbebingter Hoffnungen ficbm'' (i)gl. „©drillet, ©ine ©e? 
bftd^tm^tebe t)on Dr. Suliug Sa^nfen" [2(nHam 1859], 
©. 13), ha fann fd^Ue^ttd^ jcbet mit einem getoiffen SHed^t 
»erlangen, ba^ e^ ii^m überlaffen bleibe, toie er — atö 
6goifl — für fein SBoi^Ifein ju forgen gebenfe {\x>mn er 
e^ nic^t gar »orjiel^t, ben jubringtid^en SWoralifien mit 
einer Berufung auf Offenbarung 22, ii ju berl^öl^nen). 

ettt)a^ ganj anbere^ ift baö, toa« un5 i^ier befd^äftigt: 
bie :t)ragmatifd^e Verleitung »orl^anbener Suflfinbe. 3l^r 
bienten bie SRüdfgriffe in meta^jl^^fifd^e Äritif unb fritifd^e 
3Reta^)]^^fif , bie toir un^ nid^t erlaffen burften, fei eg aud^ 
nur, um ba^ burd^greifenbere Sftaifonnement einer concre^ 
tern Setrad^tung^toeife auf ber golie berfelben toirffamer 
üorjufäi^ren — namentlid^, m^ bem Oebiet beiS ^jf^d^olo- 
gif4 S^ctifd^en, nad^l^er nod^ bie SBirfung be§ Seifj)ietö. 
3l^r bient aud^, tt>cS tt)ir je^t nod^ jum Qcnanmx §or= 
muliren ber SBorbebingungen be« mordlifd^en „SlüdEfd^rittö" 
)u fagen i^aben. 



27- gortfe^uttfl. 2)cr „mornlifi^le SWtffi^ititt" bei mu 
lent tmb 3nbtbtbuen> 6efonber9 uadd 3erftönntg ber „%uta' 

ritäl". 

®a^ iDuantum ber borl^anbenen moralifd^en Äräfte 
bleibt freilid^ in thesi, toie ba^ ber pf}\ffi^^m, ba^ gleid^e 
in ©toigfeit. aber toie ber 5IRenfd^ ate „^err ber 5Ratur" 
bie ilrftfte auf einen 5ßun!t concentriren, fie einem 3tt)edte 
bienftbar ma6)m fann, fo fann in ber moralifd^en aSelt 



294 3)te.:3mputabmui^ftage unb ba^ aßabificabiUtdtgt)»>i'Iem. 

f^embar an einem fünfte ein Uebergetoid^t eintretoi; 
tt)ie in bcr 2ltmöf})l^äre gewaltige 83lifce unb SRegenftröme 
fid^ anfammeln fönnen, fo anä) im moralifd^en ßeben fo^ 
lo jjaler ©goi^mu^ ober loloffale So^l^eit ; toie ^uten burd^ 
2)eid^e fid^ einbämmen laffen, fo aud^ böfe Seibenfd^aften; 
aber im ©türm fönnen beibe jerbred^en, unb folc^ einem 
Untoetter gleid^t in ber moralifd^en SBelt bie 6ii;)ilifation 
mit il^ren Sbeen ber abfoluten Slutonomie unb il^^^er ©man- 
cij)ation be^ fout)eränen 3nbit)ibuum^. ©al^er fommt e^ 
bann, bafe bie egoiftifd^e Brutalität unb ber brutale ©goi^ 
mu^ rüdfid^t^Io^ burd^brid^t, ipeil bie ©darauf en ber fitt= 
lid^en Slutorit&t, bie gurd^t unb ber ©laube, 3Kenfd^en 
toie ©Ottern gegenüber, getoid^en; toeil aUe inftinctiöe unb 
fubftonjiale 5ßietät i>ox bem 83rennfj)iegel ber ©Ie^)fi^ Ver- 
flüchtigt ift. ®ie Autorität ift bo^ 5ßrincip be^ blinben, 
ober ebm blinb toertrauenben (Sel^orfam^ nni toeid^t 
ebenfo feljir mit bem SSertrauen toie mit ber SSIinbi^eit 
S)ie^ blinbe Sßertrauen i^at ettoa^ 3nftinctii:>e^ , unb bie 
))erfönlid^e gä^igfeit c& einjup^en ift ebenfo fel^r ettoa^ 
eingeborene^, nid^t ©rlernbare^; be^l^olb fann eö bem 
tüd^tigften ß^arafter, bem Harften fio})f bei Keinen, aber 
fld^tbaren ©d^toäd^en an Slutorität f eitlen; benn ber ©laube 
an SnfaHibilität ift babei unerlafelid; ; unb umgef e^rt fann 
ber Pad^fte unb l^oi^lfte aRenfd^ i;)ermöge einer getoijfen 
fidlem ©etoanbt^eit toeite Äreife al^ eine 3lutorität be= 
i^errfd^en. ©er 2lutoritcit^§erftörung gegenüber gibt e§ bem- 
nad^ nid^t^ Unt)erftänbigere^ afe ben 33erfud^, ben nmex^ 
bing^ bie ^anblanger be^ 83ona})arti^mu^ loieber gemad^t 
l^aben, bem Ueberfluten be^ Qnbiöibualiämu^ (Sinl^alt ju 
tl^un; benn e^ ift finnlo^, loeil an*fid^, feiner eigenen 
9latur nad^, total toirlung^lo^, .Wenn bie abfolute 3lut05 
rität anfängt il^r eigene^ ^princip ju red^tf ertigen ; fobalb 
fie fid^ baju genöt^igt fie^t unb bemgemäfe ju oi)eriren i^ 
ginnt, mu| e^ fd^on um ü^re eigene ®jiftenj gefd^ei^en fein 
— pe fann nur bei benjenigen ©el^ör finben, toeld^e o^ne^ 
Ij^in an fie nod^ glauben — l^öd^ftenS fann fie bie 



^ mtaliiiet mii^nit m^ äluloettAti^}eiftdf]iltg. 295 

^t&mlmi>m ju ftd^ prlid^ie^en; unb baiS aHein fd^eud; 
au^ eigentlW^ bie Äird^e — :|?rj)te^anti[cl^e tok fatl^oKfii^e 
— ju beobftdlftigctt bei i^ren aj^ologetifd^en SWonologen, 
bie fie nid^t mübe toirb, in bie äBelt ju fd^iden. Db fie 
fid^ bobei unbetoufet berläfet auf bie ©en^ifei^eit, bafe ber 
tttnfiut^ einer Slutoritftt ben Äern ber ©emütl^er nid^t 
fd^Ied^ter ju mad^en im ©tanbe ift, toenn er aud^ ben 
Wfen aOBillen entjügelt? S)enn totm einer, toeil er eine 
3lutoritöt, bie er bi^l^er ate ©trafgehjalt ober 5proj[ectiön 
beg eigenen @ete)iffen§ gefd^eut l^at, nid^t mel^r ad^tet, nod^ 
rcfi)cctirt, barüber jugleid^ mit in 3ltd^tad^tung berjenigen 
©timme verfällt, i>m töeld^er 5(}auluS fd^reibt: bie Reiben, 
bietoeil fie ba^ ®efe|, seil bo^ \>on einer dufeern Slutorität 
gegebene, nid^t l^aben, flnb il^nen felber ein®efe§, unb 
toenn ein fold^er infolge beffen fortan nngel^emmt bem 
egoiftifd^en ober bo^l^aften Selieben nad^gibt: fo ift er au 
fond barum bod^ ftttlid^, unb nid^t blo§ :t)I^ÄnomenaIiter 
gemeffen, um lein ^aar breit fd^led^ter getoorben, fonbem 
nur ju einer U^al^reren Sleu^erung feinet ßl^aralter^ gelangt. 
Slber freiü^ gel^ört unter bie folgen ber SlutoritätS- 
jerftörung aud^ bie^: bie SReiften loollen fd^on lieber für 
fd^led^t ate für bumm gelten — au^ ber burfd^ifofen 6on^- 
\>mmi über SBeleibigung^grobe l^at fd^on ba^ S8olf^bett)u|ts 
fein fid^ feine ße^re gejogen : ber ©d^led^te loirb gefürd^tet, 
fd^reitet unangef ödsten feine gret)elflrafee , — ber Summe 
ntiöad^tet, „gej^änfelf^, betrogen — gilt für fd^toad^ unb 
unfd^Äblid^. ©eitbem bie ^öllenftrafen in 3Ki^crebit ge=j 
lommen, mad^en nur nod^ bie Slnbrol^ungen „bieffeitiger" 
Uebel einen ©ffect Qebod^ aud^ bab'ei finb bie oHju fc^ar^^ 
fen Älingen fd^artig, bie aHju ftraff gef Rannten Sogen 
brttd^ig geioorben: e^ l^at fid^ l^interl^er gezeigt: fo fd^limm 
fam e^ niä)t^ loie gefürd^tet lourbe. 3ebe gurd^t neigt ja 
fd^on iijirem SSBefen nad^ ju Uebertreibung. SRand^er er^ 
tpartete. I^interbrein t>on feinem ©eloiffen arge ©dielte; unb 
fiel^e ba: aud^ bai8 „läfet mit fid^ reben"; fein S^abel fiel 
leidster aug, ate man fid^ gebadet ^atte; tva^ g^fd^ärft 



296 3)ie SrnputaHütAUfvage unb bad aitobi{kabiflt&t«)xob(em. 

toetbm laim, tm^ nad^ benfel&m @efe|en aud^ fbintf^er 
toerben Idnnen: unb obfltacte S^l^eotien fönnm bie ,^ innere 
©ttenne"e6enfo gut einfd^lSfern,befcl^id^tigen,afe „toeden", 
@inb aber erfi einmal ber (Sinjelne ober eine ganje Station 
^^ba^inter gdommen", fo folgen fte mit weniger Sebenllid^^^ 
!eit Don ba an i^rem ®elfifle; bie ©etoo^n^ mad^t fot:^ 
c^eiS Xf^nn ü^nen allm&i^lid|i geläufig^ unb aud^ ))fvd^olo- 
gifc^ bel^Alt ia» SBort red^t , ba^ ,,mit bem erflen ©dritte 
fd^on bie anbem a;ritte )u einem neuen gatt getrau ftnb'% 
ober wie berfelbe ©eSert anbertoftrtiS („^erobe^ unb $eros 
biaÄ") fagt: „toer ein ßafier liebt, ber liebt bie ßajiet 
atte" (toa« freilid^ bud^fiablid^ genommen unrid^tig ifl); 
benn „«tter Anfang ifl fd^toer" gilt auc^ im ßtl^iifc^en 
beim Uebertoinben beS äBiberflanbed im eigenen S^mem 
far^ 90fe (Die füri» @(ute. @o fanben toir ja auc^ ®e^ 
malt^errfd^aft unb bie Uebertretung geti)i{fermaj3en al& 
@l^renfa(^e ber @^laul^eit l^erau^forbembe ^nflalten über^ 
t)or{td^tiger (Sontrole unter ben bemoralifirenben ^actoren^ 
inbem fte ber SKd^tung Dor @efe| unb Sted^t entn^öl^nen^ 
koie auc^ aUed, koa^ ©elegeni^eit gibt, ungeflraft ein ®efe| 
}u l^intergel^en, unb fo bie ^intergel^enben ftd^er mad^t. 
auf biefen Orunb gei^ft in ber ©d^ule fotool bie fittlidjie 
äSebenllid^Ieit getool^nl^eitiSmA^igen Gctem^oralefd^reiben» 
mit änflad^elung ber Ambition 0/6ertiren"), toie bie @t^ 
fal^rung^tl^atfad^e )uräd(, bajs ein ©inniger, ber in einem 
Se^rercoUegium bie S)idci))lin nid^t ju l^anbl^aben t)erfle^^ 
l^inreid^t, um ben „guten ®eifl'', ber bi« bal^in gel^errfd^t 
l^at, gu toerberben unb fo jjebem SJmt^genoffen bie Slufred^t^ 
l^altung ber gud^t ungel^euer ju erfd^toeren — benn bann 
gleid^t aud^ bie jugenblid^e ^etulanj bem ßötoen, ber eins 
mal Slut geledtt — geglflÄte SBerfud^e ermut^igen ju neuen 
aud^ ba, too man bx& bal^in gar nid^t „baran gebadet 
l^atte", ba^ fie gelingen lönnten. Unb auf feiten ber 
©d^üler gilt ganj baffelbe. @ute^ breitet ftd^ \a Aberl^au^t 
nid^t au^ auf bem SBege ber „Slnfledung" — e^ toirb 
nid^t^ i^elfen, U^enn man in eine jud^tlofe S9anbe ein 



aRoraKf<6et 9lfi<ff$vitt nac^ autoritd^jerftGtung. 297 

i^mnplax wn ^ei^, ©el^otfam unb aQem rä^mti<^ett 
StreBen afe „3Wufierf(^üIet" hineinbringt — er toitb att 
SJotBilb nic^t jur Slad^ciferung anfj)omcn , fonbem bejlen* 
faß«, menn er nftmlic^ ,,gar nid^t ju DerberBen ifl" 
(toorauf eg lieber nid^t anlontmen ju laffen, bod^ immer 
ba« 3latl^famiie bleibt), in trübfeliger SSereinfamung feine 
redete Strafte toeiter jiel^en unb ni6)t9 beitragen jur igebung 
ber berfunlenen Äameroben. ©agegen bringt jeber Slm 
lömmling au^ einer 9(n{latt bon minber gutem ober gleid^ 
fd^led^tem ®eiflc ettoa« mit bon beren Unarten, loie fie 
fid^ nad^ befonbern Socalber^ältnijfen in jeber nad^ eigens 
t^ümlid^er ®e{lalt gu vererben ))flegen* S)a gel^t ein Stc^ 
nommiren an mit: „ba3 Heften toir un§ nid^t gefallen — 
bag burfte man uni8 nid^t bieten — ba touftten tt)ir un« 
fo unb fo JU Reifen" u. f. tt>. ®§ ifi aber ^anbgreiffid^, 
toie mit ben 3nbit)ibuen auf biefem SBege biel ©d^tec^te« 
ber^)flanjt toirb; unbbem entf^^rid^t bie ©rfal^rung, baft auf 
neu gegrünbeten ©dffulen ceteris paribus bie ©i^ciiplin am 
leid^teften ju ^anb^aben ift unb um fo fdfftoieriger toirb, 
je mel^r ©enerationen bereit« ein ©ublimat jurüdfgetaffen. 
aSa« alfo in fold^em gatte ber ßinjelne ober ba« ganje 
«oH an flttlic^er Äraft mbü^t, ijl attcrbing« nur ein 
^)^Änomenater SBerlufi. ^mn e« l^eiftt: bie 9tömer feien 
au» gelben SBeid^linge geworben, fo braucht man nic^t 
in erfter Sinie bie SHatlonalitatenfreujungen ju bebenfen, 
fonbem jumeifl, baft nur — bur^ neue 3Wotibe — ba« 
?ßl^ftnomenale fid^ beränbert ^atte, toä^renb, inteffigibel 
angef el^en , berf elbe rüdtftd^t«lof e ®goi«mu« ungef d^eut f ort^ 
toaltete, toeld^er fd^on bon 3lnfang ber römifc^en ©ef^id^te 
an bie Äuftere ^ßolitil befttmmte. 3efet, jur 3^* ^^ fo* 
genannten SSerfaff«, l^atte er ft(^ im Privatleben ben ftnm 
tid^en fiäflen jugetoanbt, an beren ääefriebigung ein Slo^ 
bin« unb Satilina aud^ ein l^int&ngli^e« Ouantum ab^ 
firacter Energie festen. S)er ttnterfc^ieb loar nur: biefer 
6gol«mu« fd^ifferte je^t in bielen inbiöibueff t)ariirenben 
©trebungen au«etnanber, toft^renb er früher eine affgemeine 



298 3)ie 3m))utabtIitAtdfraae unt) bad äRobificabUttdtöpcobtem. 

@efammtform^ bie be^ ^atrioti^mu^, aU ber ftd^ infHnctit» 
au^be^nenben unb ertt>eUemben ©elbftfud^t^ an ftd^ ge^ 
ttagm unb nod^ in [ubftan^ialer Sinl^eit einen telotit) 
gemeinfamen ^totd bcrfolgt i^atte, toobei freilid^ aaä) Slcte 
fd^einbater @elb{lt>erleugnung borfamen, bie bem @in)et:: 
egoi^mu^ aU fold^em birect entgegenliefen; ober an ber^ 
gleid^en fel^Ite e^ ja [elbft in ber tieffiberfunfenen Äaifer- 
geit nic^t gänjlid^, unb fogar bie ^riftlid^en 3Bätt^rer 
toaren \a gto|entl^eife tömifd^en ©eblütä. 



28* 2)te eneigtelentnteitbe föttlnttg ber refiectirettliett 

@eIbft6eok$tung. 

^ier nnn mttjjen tt)ir unter abermaliger Stüdn^eifung 
auf grül^ergefagteg jur ©rgftnjung be« §ule|t Sefjjrod^enen 
bie anbere, rein formale, öom materietten 3«^alt ber Sie^ 
fiejion gängttd^ unabl^ängige SBirfung ber ©elbflbeleud^tung 
be« 3ntellectg l^injunel^men, um in bief er „ßä^mung" ein nid^t 
minber bea^ten^ioert^e^ Söloment beffen fennen gu lernen, 
p>a^ bie Slbftraction unter ben tragen äSegriff „bemorali- 
firenbe ©inflüjfe" jufammenfafet. 3Bie man auf glatter 
gläd^e im ©unfein rafd^er unb gefai^rlofer bortoärt^ tomnt, 
ate Ui 2^age, unb tt)ie fi^'^ tjollenb^ bd einem fladernben 
Sid^tfd^immer befannterma^en no^ öiel unft^erer ge^t atö 
in i)iJIliger ginfternife: fo ifl bag naibe ©etoiffen iDeniger 
bem „©traud^eln" au^gefefet aU ba^ reflectirte; unb foijl 
iebeg betoufete ^anbeln t)iel unfid^erer al^ bag inftinctit^e. 
— 3fi (©(ä^ö})enl^auer, „^arerga", 1. Slufl., I, 231 fg.) 
ba^ grofee ©e^irn baS Drgan ber SWotibe, bas Heine ber 
^Regulator ber SBetoegungen, fo Iftfet fid^ unfd^toer begreifen, 
n)ie ßonfufion unb ©d^toanfen entfiel^en mn% toenn jene« 
biefem fojufagen rafd^ toed^felnbe SBeifungen gufc^idft unb, 
im näd^ften Slugenblid, toon einem anbern 3Rotit) beftimmt, 
ganj ober toenigften^ tl^eiltoeife contremonbirt toa^ e^ fo- 
cbm erft angeorbnet, fobafe in bie SöluSlelbetoegungen fetter 



Snetgkl^emntenbeäBtrbtng bettef[ectirenben@etbftbeoba(^tung. 299 

«n Swgtcifen unb 3«t:MM^'&^^ fommt, ipo^ il^en äffen 
$alt nel^men, fie affer geftigfeit unb ©id^erl^eit berauben 
xo^x%. 2Ber auf einem fd^malen ©teg i;)on ©d^toinbel ge^ 
fa^t toorlpärt^ taumelt, gibt für biefe Dbferbation nur 
einen tiXo(x^ mt^x elementaren SBeleg, afe xotx, jttjifd^en 
einanber toiberfj^rcd^enben ©etoiffen^forberungen ftel^nb, 
bie ©tunbe be^ ^anbeln^ ganj berfäumt ober, t)om einen 
jum anbem ta^j^jjenb, nid^t^ öoffenbet. 2Ber h& Stacht ol^ne 
g&ljirbe eine ©i^fläci^e JJaffirt, ber toirb nid^t bei j[ebem ein^ 
je Inen ©d^ritte burd^ gurd&t in feinem ©elbftöertrauen 
irre gemad^t; obgleid^ er im affgemeinen fel^r n)ol^l toeife, 
ba§ ©efal^r borl^anben ift, fo it)irb bod^ nic^t ber iebeö^ 
malige 2lct burd^ ein öon toed^felnben Silbern anfd^au^^ 
lid^er ©rol^nife i>erit)irrte§ Setoufetfein geftört. 3lod^ rafd^er 
aber toed^feln in Slblauf ber Sßorfteffungen bie rein ob-- 
ftracten, t)on finnlid^er 6nH)irie nid^t geleiteten Segriffe — 
tt)ö alfo Siegeln, 3Kajimen, ©ebote, ®runbfä|e ba^ ^m;^ 
beln lenfen foffen, too ftatt be^ ©efül^te, biefe^ ©elbftinne:: 
fein^ be^ eigenen ßeibe^ unb feiner Functionen, bie Sßer= 
nunft jur SRegulatrice beftefft toirb: ba beginnt erft red^t 
jener ©iertanj, ber in feiner broffigften Slengftlid^feit ate 
^Pcbanterie berlad^t toirb, toeld^e ate ßaricatur affer 
SBei^^eit, ber !t)raftifd^en ober ^ugenb fo gut, loie ber 
t^eoretifd^en ober SBiffenfd^aft, jur toal^ren SBernünftigfeit, 
bie in einem ©leid^getoid^t t)on 3lnfd^auung unb 2lbfiraction 
rul^t, ftd^ ungefäl|>r t)er^ält tote ©igenfinn jum 6l|>arafter 
(t)gl. oben ©. 185 Snm. bie claffifd^e 3^^nung be^ 5pe= 
bauten au^ Safob ©rimm'^ „Kleinem ©d^riften")* 2tud^ 
bie mimifd^e Äunft unb ba^, toa^ fie fo fd^toierig mad^t, 
fann bienen, um ba^ ©efagte ju erl^ärten: fie mu§ fid^ 
^üten, ba0 Unbetoufete, Untoifffütlid^e ber ©efticulation unb 
be^ !j)atl^ognomifd^en ©!j)iel« nid^t in ben Sereid^ ber 
Hemmungen burd^ ©elbftbeobad^tung l^ineingeratl^en ju 
laffen. SBer eine Stoffe in bem ©inne fid^ einftubiren 
niuj3, bafe er fid^ erft ju bef innen l^at, toeld^e Seioegungen 
ipaffenb feine SBorte begleiten, ber bleibt eine l^öljerne 



300 3)ie 3tnputabUUdtöfcage unb bad SRobificabUttdtS^f oblem. 

(Süehet^vtppe. — 3)ie Setoegungen muffen Don f elbfl ^<S} 
einteilen unb ba fein, e^e man fid^ beffen toerfiel^t — unb 
ba« rtd^tenbe „®etoiffen" ift aud^ fjiex, tt)ie nac^ ®oet^e 
immer, einjig auf feiten be^ „S^fd^ÄuerS". ^<a fd^Iiefet 
beim SIcteur ein f^jfttere^ Slufmerfen auf jene Setoegungen 
belauf ^ i^rer SBereblung nid^t au&, fo toenig toie ein Se- 
tätigen baräber* Silber bie erjte 5ßrobe barf nid^t unter 
ber ^errfd^aft ber SHefleEion fie^ien — eö mufe nur ber 
Snl^alt ber 2)id^ttoerfe Kar in« eigene ©efttl^I l^ineim 
genommen fein, fo lönnen bie entf^jred^enben Setoegungen 
gar nid^t ausbleiben, tok fie benn \a auä) im ®ef^räd^ 
beö täglid^en 2ebtn& alle ©efü^teSufeerungen ungefuc^t 
begleiten- *) 



29. 2)te fogenattnte ftttlid^e SSerebImtg; Sirfung be« Sei:: 
faltete nebß bereu SoranSfe^ungeu; Sert^ ber iSegalttSt/ 
mif müf i^rer ISebeutung für bie innere @elbfttterf(i^uttng« 

aSßaiS tt)ir aber aU „SSereblung" burc^ J)lafiifd^e Slb:^ 
runbung, l^armonifc^eS aRafel^alten, ber bewußten Üebung 
flbertoiefen l^aben, entfj)rid&t im fittlid^en Seben bem SBertl^e, 



*) hiergegen ijl e« leine Snflang, baß Bei öerf^lebenen — felBfl 
nafft i>ixmant>ttn — Ü'lationen biefelben ^(}r))erbett)egungen — ^o^f« 
fd^ütteln u. bgl. — gum £§etl entgegengefe^te ^ebeutungen l^aben, 
benn ^ier gilt: consuetudo est altera natura — nnb Snfltnct nnb 
(Conbenien^ ^aben fi^ get^eift in bie SiP^^^^d ^i^f^^ t^^mboßl — 
biefe ^^^rad^e l^at toie jiebe anbete in i^ver gegenuSrtigen ®e^ 
fialt lotrnici^ ben b6f>^eUen Urff>rung au9 d^at« ober fji(fjit)9t; unb 
9vai; — aber n>ad einer bon ^inbl^eit an in feiner Umgebung wx 
bergleid^en gebbrt unb gefe(ien l^at, bad eignet er fic^ auf bem Sege 
ber iRac^a^mung fo fidler an, bag er ed gule^t mit berfelBen Untoill' 
{ürUd^Ieit unb Unbetougt^eit au9äbt, al9 flammte e9 gan) an« ber 
Unmittelbarfeit feine« eigenen Snnern unb fldfe gar nid^t« bon Ueber«' 
lommenem unb eingenommenem bal^intcr — unb Icfttere« fd^Iießt ja 
au(^ ntrgenb« avi^t baß in einzelnen Etüden totrlüd^ bie reine 9latur« 
ft^mbolil betoabrt fei. 



2)ie ftttlid^e Seteblung. 301 

tt>elci^ ber SBerfeinerung ber ©itte burc^ ©otttocmenj unb 
©tifette, ja allem bctn jufommt, toa^, im Unterfd^icb bon 
aWoralität ber ©eflnnung, ate ßegalität be^ SSerl^alteniS 
geforbett toirb. 

erflereg fam bereite ©. 127 fg. ju vjorläuflger ©rtoäl^^s 
nung unb mag l^ier nur noä) burd^ ein toeitereö S3eifj)iel 
iHuftrirt toerben. 

SSer in einer ^ßrebigt ^ört: ba^ D})fern t>on ©tunben 
ifl oft ein toirffamerer Slct ber SBarml^erjigfeit atö ba^ ©ar^ 
reid^en eine^ großen SWmofenS, ber fann baburd^ jur 85e= 
finnung gebrad^t toerben über ben Umfang ber SWittel, 
toeld^e er jum SBol^Itl^un befi|t — unb tl^^ut fortan, toag 
er bi^l^er blo^ beSl^alb unterließ, toeil er nid^t bebad^te, 
bafe er eS t^un fönne. 3)er ®rab feinet 3KitIeibg ift ber= 
felbe geblieben — l^elfen tooUen l^at er immer gern — 
er fanb nur ba^ SBie nid^t — unb alfo nur ^jl^^änomenal 
l^at fid^ fein etl^ifd^er SSertl^ geweigert- 

aSon biefem ©erid^tg^junft an^ Ift^t fid^ felbjt bie ä)u 
nefifd^e ©arbinaltugenb ber ^öfli^feit*), fofern fie über 
blo^eg ©eremonieff l^inau^ge^t, gelpiffermafeen ju ßl^ren 
bringen. aWand^e i^rer 3Sorf(^riften flammen bod^ toirflid^ 
au^ bem SBunfd^, @efü]^föberle|ungen borjubeugen — 
berul^en auf ber Slnerfennung, bafe bie „SRüdEfid^tglofigfeit" 
ebenfo gut ©d^merjen bereiten fann, tote dn 3tt>idEen mit 
eifernen 3<^^9^ — wnb ben conbentionellen Sügen tool^^nt 
ettoa^ bei, ba^ afe ed^te SBol^Iti^at lann em|)funben toerben, 
S)ie ^öflic^feit ift auf bem (Sebiete be§ gefeHigen SSerfel^r^ 
baffelbe, toa^ für ba« bürgerlid^e Seben bie Segalitftt: e« 
toirb burd^ beibe mand^ realem ßeiben berijiinbert; beibe 
l^aben il^ren ®egenfa| an ber brutalen Slo^eit, unb bie 
eruditio 0/®ntro^ung'0 !ommt beiben jugute. — 3lu§ bem= 
felben ©runbe ift für beibe ber ©influfe be^ S3eif^)ieU 



*) 3)iefcl]6e tnug, toenn getoiffe (Stl^nogra^l^en red^t ^dbtn, bei 
ben „(^tnibttifttn** unter ben Mon^oitn gan} bie 2)tenfle etned @ur^ 
rogatd für ha9 nid^t Dor^anbene ®tmüt\f Uifttn. 



302 5)ie 3mputabi(ität«ftagc unb ba» aRobtflcabiUtftt§probtem. 

tjon entfd^eibenber aBfd^tigfeit. ®ie SBlrfung be§ SBeifriel« 
betul^t jimäd^fl im aHgemeinen auf bem 3?aci^al^mung$trteb, 
unb bejfen ©eJ^eimnife [d^etnt feinerfettö jtd^ auf einen 
SBal^n bes 6goigntu§ jurüdfül^ren ju lajfen. 9Bir fmb — 
Vjermöge ber egoiftifd^en ©runbnatur alleg SBoIIen^ geit)iffer=: 
mafeen a priori — fo geneigt, bei ben ^anbfungen, toeld^e 
tt)ir bie anbern au^f ulkten feigen, boraugjufe^en, biefe l^ätten 
irgenbtoie einen Sortl^eil ba\)on, bafe tt)ir aud^ ba, too toir 
fold^en SBortl|>eifö nid^t inne toerben, toerfud^en, e§ ju mad^en 
tt){e fie. 2lud^ bie 3?ad^al^mung$fud^t be^ Slffen Iftfet auf 
einen äl^nlid^en SBal^n fd^Iie^en, unb ganj naiö feeftätigt 
fid^ biefe 2luffaffung, too fid^ an irgenbeinen entleerten 
S3raud^ ein SlberglauBe l^eftet, ber benfelben confertoiren 
^ilft. (S)ie SWobe, toeld^er toir nn^ in freiwilliger Stia^ 
toerei unterwerfen, fül^rt üfeerbieg für^ ©elbftgefül^l ben 
9lei§ mit p^, bafe Wir unS gern fagen: ba^ mitjumad^en 
bifi bu aud^ im ©tanbe.) „33öfe 93eif^)iele t)erberben gute 
©itten''', alfo gute ®eWol|>nl|>eiten, 3lngewöl|>nungen, über 
beren 3wfcimmenl|>ang mit bem etl^ifd^en SBiUen^fern bamit 
nod^ nid^t^ au^gefagt ift; unb umgefel^rt: bie SRad^t be§ 
fogenannteti guten Seifpiefö wirb meiflen^ nur mt nega= 
tit)e fein: fie Wirb Slu^brüd^e ber Selbftfu^t ober »oS^eit 
burd^ ba^ (Sewid^t ber 3?erurtl^eilung t)on feiten ber Um- 
gebung nieberl^alten *) ; fie wirb aber f d^Werlid^ jemals gute 
2leu^erungen l^ertoorrufen — e3 fei benn l^eud^lerifd^e — 
jenen Xxibut, ben ber 2^ugenb ba^ ßafler jofft. dagegen 
Wirb ba^ fd^Iec^te 93eif:piel bie nad^ ber überWiegenben 
TOeberträd^tigfeit ber 5!Kenfc^ennatur in ben meifien fd^Ium- 
mernben böfen ©elüfte Wad^ rufen, bie SRüdEfid^ten ber Sd^am 



*) S)ie (^ttoatt be« 2)rucf0 ber ©d^anbc beruht auf bem ^c- 
touß^fein, baß baö 58crtrauen ber SJZitmenfc^en gu einem, Begtel^ungS* 
toeifc beren gurd^t bor einem getoid^en tfl, baß man a!fo ni(i^t mcl^r 
baranf rcd^nen fann, biefe betben ©tilgen ber eigenen $:^ättg!ett 
totcbcrgugett)innen, baß fomit ber eigenen Arbeit unwieberbringlic^ 
aller ©egen fe^lt 3n biefcm @inne läßt @t^iller (Sy^aria Stuart, 
II, 3) ben Seiccjler fagen: „SBerad^tung iH'bcr wa^re Sob." 



SEBWung beS »cifpieW. 303 

abfd^toäd^en, 5!Rittel jeigen, toie ftd^ jene ©clüjle in einer 
für ben Xf^&Ut möglid^fl ungefftl^rHc^en SBeife Sefriebigung 
t)erf (Raffen lönnen. — ®a§ ifl e§, toa^ man ben „fd^led^ten 
®eijl" in einer ©cfettfd^aft nennt. @« toirb alfo ba^ bdfe 
JBeif^Jiel jtt)ar nid^t ben SBiffen f eiber tjerfd^Ied^tem, aber 
e* toirb bie Sleufeerungen be? egoiftifd^en ober boSl^aften 
SBoffeng Vjerfd^Ummem, fofem e^ ben Süfl^l jerreifet, ber 
bieg bi^l^er im ^anm^ gehalten. Stuf biefem SBege ge^t 
benn avt6) bie ©emoralifation eine§ ganjen SSoIfe^ tjor ftd^, 
inbem man fid^ an bie nadten SCeufeerungen ber ©emeim 
l^eit getoöl^nt — bie ^©cl^ranf en beg „ainftanbeg" einreifet 
— ben Umfang ber bürgerlid^en ®^re t)erengert. S)er 
SJemoralifation ju „fleuern" ijl alfo ©ad^e ber ^olijei; 
eg ifl nöt^ig , ^präöentit) = — ^jroipl^^Iaftif d^e — aWaferegeln 
bagegen ju rid^ten, toie bie ©anität^bel^örbe bie El^olera 
fern ju galten fid^ bemül^t. *) 3lu3 biefem ®efid^tg})unft ifl 
bie SBüd^ercenfur ju beurt^eilen, bie, fotoeit fte Unmünbigen 
gegenüber einen Index prohibitorum auf [teilt, einfad^ in 
ber Sonfequenj !|D&bagogifd^er unb jjatriard^alifd^er lieber- 
load^ung liegt; loomit j[ebod^ über bie an ber UnauSfül^r- 
barfeit fd^eitembe 3tt>^ntäfeigfeit berfelben !ein SJotum ab* 
gegeben fein foll. — 3)er tjerberblid^e ©influfe fd^Ied^ter, 
b. f}. 5pi^antafie erl^i^enber, ßeftüre unb ©efpräd^e fd^eint 
freilid^ — toie ba^ 33eif^)iel über]^au^)t — junftd^ft nur 
inteHectueller 2lrt ju fein — bennod^ toerben baburdff 
SBBiCen^rid^tungen getoedt, juerfl in^ SBetoufetfein gebrad^t 
unb barin genährt, bie fonft nod^ lange im latenten 3«- 
ftanbe l^ätten bleiben fönnen, unb an benen baö ttnfittlid^e 



*) OBigc SDarlcgung i|l ba« (Srgcbniß feibftänbtger ©cobad^tung 
unb ^efle^ton unb t>txf)dlt fid^ nic^t etma a(d Ülemtnifceng gu bem 
^aroli^>omcna , §. 119 (1, ^uff.) öon @c^oj5en(>auer ^Vorgetragenen; 
bie erfl na<]JtrSgItd5i wahrgenommene Uefcereinjlimmung bamit Wnntc 
eine ,,3ufSfftge^^ Hßen, tocnn md^t aitXoOc 6 fiuSo; rtj? dX^j^eCa? Ä90 
(Earip. Phoen., 469). Äud^ mag man bamit t)erglcid^cn|, toa^ S>tc 
«Belt ar« ?Biae unb ©orjieffung (2. Slnfl., I, 344, 416 fg.; 8. SCttfl., 
@. 359, 435 fg.) gu berfelben gragc beigebracht ifl. 



304 3)ie Smputabintdtöfrage unb bad SRobiftcabitit&tSproblem. 

j 

}unAd^fl nur bo^ Unjeitige^ SSerftfi^te ifl. ©leid^t^ol ftnb 
toir Qttoofftd, bie ©ac^e fo anjufe^en^ ba^ ber @l^tdtet 
ate aSBillcn^Iem felbfi „barunter leibe"; toir feebauem bo^ 
,;3nficirtfein" be^ aSiffen« ; barin liegt fd^on bie Sle^nlid^^ 
feit mit ber Slnfledung burd^ ein \>on ou^en an unb in 
ben Jtör))er gebrad^teS Wa^ma unb mit einem ©ifte. @in 
aBitte, ber fonfl „gefunb" geblieben toäre, erfranit, unb 
nrir beflagen bag. aJBo mir eine an Urt^eil unb SBitten&s 
traft gleid^ unreife 3ugenb aber gar berührt finben wn 
bem ^auc^e f^ftematifd^er etl^ifd^er ©fe))ft^, ba bleibt mi& 
nur bie unfreiere Hoffnung, ba§ f})Ätere fiebeni^erfal^rung, 
fei e^ auc^ nur in ber gorm felbjterlebter ^Proben ber 
„immanenten SBeftgered^tigfeit", i\m ßorrectib toerben 
fönne.. 

3Benn auc^ ber etl^ifd^e @(e))ticidmud toirflid^ mand^e 
rein conbentionette, angelernte ©cru})el mit attem gug über 
85orb toirft, fo fle^t man bod^ billig an, o^ne toeitere^ 
in botter @d^ärfe bal^in {td^ }u Äußern: tt>er Unred^t tl^ut, 
toeil er ben QtoaxiQ ber ©onbenienjlegalität abgejheift l^at, 
ift fd^on borl^er potentiä ebenfo fd^ulbig getoefen. -- ku 
le^ ftttlid^e SRed^tt^un ifl bod^ me^r ober toeniger wn 
einer — fei e« infHnctib gefül^temäfeigen, fei e« abflract 
betou^ten — ©inftd^t bebingt, unb eine ßrfc^ütterung ober 
?Jertt)irrung biefer fann fd^led^tere 2^^aten l^erbeifu^ren 
atö bem toal^ren (intelligibeln) (S^arafter bed äßenfc^n 
eigentlid^ entf^jjred^en toürbe**) SRel^men loir l^ierju gleid^ 
bie aieber^feite l^inju: ber »lenfd^ ifl, toie 3ean 5ßaul 
fagt, „toeber fo gut nod^ fo fd^led^t loie feine äufmattungen". 
Unb bod^ gel^ören, toie toir toiffen, aud^ bie Slufloallungen 



*) S)tc Stellen, an tDcId^cn att9 ^d^tffer ber %n)a>alt fold^er 
iSegaUtfit, aU be« ertoedten „(Bt]^mad9*' für ftttUd^e« C>anbe(n unb 
be« in^befonbne bur^ 5fi(ettf(^c (Sv)tel^ung«mittel „gefdiberten" 
9lc<^tt^und, \pxx^t, finb toon 3uliu« grauenfi&bt jur (Störterung ge« 
brad^t in ber erflen Beilage gur i^offifd^en Bettung, 9h* 260, k)om 
6. ^ot>. 1859. 



^ad ibeale fSotUÜ. 305 

ju bcn ©^ttHJtomen be^ 6l^arafter§; cg gilt nur, fte fftt 
bie ©iagnofe tid^tig ju bertoertl^en. SBer fid^ für ein ptt^ 
lid^e^ ^htal aud^ nur momentan ju ftegeifiem ijermag, 
mu§ bemfel6en bi^ ju einem gelpiffen Orabe congenial fein* 
;3ebe ©eneration lebt ber na^folgenben beren Qbeale 
t)or; aber jeber ©injelne tt)irb nur t>on bem berül^rt, für 
toeld^e^ er bie @nt|)fänglid^!eit fd^on mitbringt. SBer einem 
SSörbilbe nad^eifert, lernt im fteten ^inblidt auf biefe^ neue 
©attungen bon SJlotiben fennen — unb tt)o an^ ber falten 
Sett>unberung toarme SBerei^rung unb au^ biefer pex^Ün^ 
lid^e Siebe geworben, ba „gel^t baö §erj auf", toirb tt^eit 
unb offen — e^ toirb bem (Semütl^e 33ebürfnife, baS 
SBol^lgefaffen be^ mit Siebe SBerel^rten fid^ ju ertoerben — 
unb mag^ biefer aud^ längft nid^t mel^r unter ben Sebenben 
toeilen, mag felbft jeber ©laube erlofd^en fein, ate lönnte 
berfelbe „au^ feiigen ^öl^en" auf ben l^ernieberfd^auen, ber 
feiner „SRad^folge" fid^ befleißigt, fo tt)irb boc^ baburd^ m 
in jener SBeife angefnü^pfte^ 33anb nid^t jerriffen, unb 
bejfen ibeale SRatur mad^t feine 2^Qlxa^ tautn fd^toftd^er, 
tool gar nod^ flärf er ; benn mit bem räumlid^en S3eifammen= 
fein finb aud^ jene Störungen aufgel^oben, bie erft bie 
„öerflftrenbe 3Wad^t ber gerne" befeitigt, toeil in feiner 
leibl^aftigen ©egentoart lein ©rbengeborener in ungetrübtem 
©lanje fittlid^er S3oIHommenl^eit fortleud^ten fann. S5amit 
Ifl allerbing^ nid^t au^gefd^loffen, bajs aud^ bieSd^ranlen 
beg erlDftl^lten SSorbilb^ in^ S3eit)ufetfein getreten fein 
muffen — benn bie fräftigenbe 2Birffamfeit berul^t toefenfc 
Ixd) auf ber ©etoiß^eit, bafe fo ettoa^ bem aJienfd^entoefen 
tro| att feiner ©d^loäd^en möglid^ geworben — bem SSer^^ 
jagen an ber ©attung^fftl^igfeit tt?irb getoeijirt — ba« meint 
Siüdert mit feiner Sßierjeile: 

©roßer Wttn\(S^tn Söerfc gu Jcl^n, 

@(j^Iägt einen nieber; 

SDod^ erl^ebt z9 and^ toteber, 

2)ag fo etioad burd^ ÜJ^enfd^en gefd^el^n. 

®« jeugt alfo nid^t für eitel Xxuq unb §eud^elei, fonbem 



306 2)ie 3lmputabiUtdti»frade unb ba^ äRobificabtIttfttöprobtem. 

nur für etl^ifd^e Unreife, bie SÄbftracteS «nb Sntuitiöe^ 
nod^ nid^t in ©leid^getuid^t )u fe^en getDu^t l^at, toenn 
einer in ben @tunben be^ @ntl^ufia^mu^ anber^ l^anbelt 
ate in benen ber Jiäd^ternl^eit. 6^ ifl fel&ft um bie „%t- 
bauung" burd^ Sudler ober ^rebigten, toeld^e ba^ etl^ifd^« 
„ißod^bilb" öor un^ aufrid^ten, mel^r al^ blofee j^f^d^olo- 
gif^e ^aHucination — toer bei fold^em S^i^fl^fr^ä^ ^t^<*^ 
anbere^ ate Äangetoeile ober innere^ Slblel^nen em^)finbet, 
gel^ört f^on )u ben @leid^geflimmten, toenn auc^ nod^ 
nid^t ju ben ©leid^gefinnten — unb vermag aud^ ein ber- 
artiger Slu^taufd^ nid^tö i^r ganj grembe^ unb 3leue^ in 
eine ©eele l^ineinjutragen, fo bod^ Satente^ ing Setoufet 
fein ju rufen, SBanfenbe^ ju befeftigen — ba^ burd^aui^ 
heterogene toürbe l^öd^ften^ nur äu^erlid^ ein«' ober beffer: 
angerebet- dagegen fann bie etl^if^e Vertiefung va ©elbft- 
geal^nteg eine SBedftimme loerben für ben ©d^Iafenben 
unb bem SUnben ben ©taar fted^en, ©o fagt Dtto ßubtoig 
in //3toifd^en ^immel unb ©rbe" (2. Slufl., ©. 107): „S)a« 
®ett)iffen ^att feine ©eele au^getieft" ; unb bieg ift ber §ers 
gang bei bieten Selel^rungen, na^fbem jutoor bag „Seben", 
bag „©rieben" — fei eg im S^netoerben ber eigenen 
©ünbe, fei eg im SeuTspoi; 7cXou(; beg tiefen Sebengleibeng 
— ben Soben bereitet. 3)od^ bag fe|t toieber öorau«, 
baB einer fein eigen ©rieben aud^ toirftid^ erlebt, übet- 
^u^jt etloag erlebt. SRur loem (xyx^ bem SBogen unb 
SBallen be« Sebengftromeg ein inl^altgtjolleg ©elbfl fid^ 
fr^ftattifirt l^at, fieliit fold^en ©in= unb Suflüffen offen- 
S)enn loag anbereg befagt bie unijergleid^lid^e SBortbilbung: 
ettoag erleben, afö: burd^ bag ßeben fid^ etttjog ju eigen 
gemad^t, aug bem Seben fürg etl^if^e ©elbft einen ®e- 
\o\x\Xi fid^ gejogen ju l^aben? ®erabe ober fold^en ^roceffen 
toerf^liefet ber etl^tflofe SRaturali^mug bie ©d^leufen; ber 
fiel^^t ^^ i>^^ einjige loirfli^e „2lntid^rift" — toie ©d^ojjen- 
^auer il^n nennt — toiber bie SSorgänge ber SBeid^te unb 
aSufee. aber eben barum, toeil er bie menfd^l^eitum- 
faffenben Äetten jerfeilen möd^te, fann er aud^ niem^te )u 



Sßedung unt) Sd^ätfung beS ®etDtffettg* 307 

attgemeinet ©eltung gelangen. ®a^ ©etoiffen läfet ftd^ 
fd^Iie^Hdli bod^ nid^t toegfo!j)l^tjliciren; eiS bletfet — fo 
hjanbelbar eS im einzelnen materialiter fein mag — baiB 
unantafibare Urfactum be^ innetn ßebenS, nnb ber SJeufel 
in SRenfd^engeftalt, ber e^ jtd^ tt)egbemonfttiren modele, 
glaubt im ftitten enttoeber bod^ baran, ober beftätigt burd^ 
fein ^l^un ebm bie Siegel, toeld^er er afe Slu^nal^me gegen- 
überftel^en möd^te* Slufeerbem fann nur ba^ berjogene 
©lüdföKnb eine 3^^ lang feine ®ett)iffen§fümme toeme^men 
unb be^l^alb ben ©tauben an beren ©jifienj tjerlieren, baiB 
©lüdi^finb, bai^ burd^ ein „glüdflid^ ^emj)erament" i)or 
f d^tt)er er ©d^ulb unb burd^ ein ,,gIä(IU^e^" (günftigeS gnft^ 
bige§?) ©efd^id t)or fd^toerpn Seiben betoal^^rt blieb (f. oben 
©• 86). S)ief e beiben 3Jlä(^te finb eS, n>eld^e ben ÜÄal^nruf er:= 
gelten laffen, fid^ ju befinnen über be§ 2ehm^ Sebeutung, unb 
il^nen fönnen tiefere etl^ifd^e ©^fteme ju $ülfe fommen, 
um i^nm „3lntid^rift" ju ftürjen unb bie i^age an ben 
einjelnen ju rid^ten : beja^ejl ober terneinjl bu eine ©Eiflenj 
f t)otter Seib unb ©d^ulb ? — ®anj bief elben Oef efee aber, 
nad^ toeld^en ba^ fd^lummernbe ©etoiffen load^ toerben 
fann, jxnb e^ aud^, na6) toeld^en ein ©d^ftrfen beg abge^^ 
ftumjjften möglid^ ift, unb fotoenig au8 jener 2;i^atfad^c 
ju folgern toar, bafe eg nid^t feinen Urf})rung a priori 
i^fabe, fonbem ganj unb blo^ anerjogen fei, ebenfo loenig 
l^iefee e§ 6onfequenjenmadf>erei bermeiben, toenn man barauiJ, 
bafe e0 nidfft ju allen Seiten unb bei allen ©elegen^eiten 
ebenfo untoiberftel^lidff toie entfd^i^en feine Stimme erl^ebt, 
ben ©d^lufe jiel^en tooHte: ttja0 burd^ SSorfül^rung fotool 
ber SBorftettung ber ©dffulb toie beiS Unred^tg erfi an^ bcm 
latenten in betoufeten 3^fianb i)erfe|t, alfo jur 2;^fttigfeit 
angeregt toerbe, fei über^au^Jt nur intellectuellen SBefeniS, 
(|uette nid^t an^ bem SBillen^fern felber. ®ibt e« bod^ 
aud^ gan} unabl^ängig \>on ben ©raben inteKectueQer Jtlar- 
^eit ben ttnterfd^ieb eineiS toeiten unb engen ©etoiffen», 
lajer unb firenger ©runbfäfte. 

20* 



d08 2)ie Smptttobiatfttöfrade unb baft ailobttUaUIitfttd^robleiiL 

Xitbeterf eitiS freilif!^ {teilen tvit eine flatutarif d^e ZtQO^ 
lit&t^ toie bie^ naä) beten 99u(i^{l&6Ii(^!eit Su^en unb @ng^ 
I&nber trachten;, nid^t eben ^oä): ed fe^It i^r mit ber^it^ 
ntanen) be^ etl^ifc^en Seßimmungdgrunbed auc^ jebeS ^ct^ 
fitnbmg für tiefe fittlid^e GoQiftonen unb bamit für aKe 
tiefem tragifd^en ßonjiicte — fie ffabm mit i^frer Xtan^^^ 
fcenben) }uglei(^ immer eine beflimmte Slangorbnung in 
ber ©ignit&t ber „(3efe|e", toeld^e iebe ©ottifion bolb gut 
€nt[(^eibung bringt ©o ettt>a§ ifl felbfl in bie auffajfung 
ber bramatifd^en SKeiflertoerfe eingebtungen* 3lte bie ^egel'- 
fc^e ©d^ule bie abfolut^ett be^ antuen @taatsbegrip re^ 
j)ri{iinirte , übertrug pe biefen SKafeftab in^befonbere auf 
bie äft^etifc^-et^ifd^e äBurbigung ber fo))l^o{leif(^en älntt^ 
gone. 6^ n^urbe biefer afe „©d^ulb" angerechnet, bafe fie 
ber abfiracten @eltung eine^ toilllfirlic^en Aönig^befe^I^ 
fid^ o})j)onirt — benn ein fold^er foffte J)artici^)iren an ber 
Unberbrüd^Iid^feit eine« ©taot^gefe^eg, al3 bejfen blofee^ 
Slfterbilb er bod^ in biefem galle erfd^eint, ba er an fid^ 
materialiter nid^t einmal ber l^eibnifc^en Sölajime bc« 
publica Salus summa lex esto! bienen lann. Unb tote 
$egel, um nur nid^t „fentimcntal" ju werben unb um feine 
SJi^eorie t>om S^ragifd^en ju retten, J^erjlog ungerecht tourbe 
gegen bie SWarti^rerin ber ©d^toefterttebe, fo traten anbere 
in feine gufefiaj)fen mit gefuc^ten 3lnfd^ulbigungen gegen 
eine Dpffdia unb (Eorbeßa; — aber toag ben „®efunben" 
leidet tourbe, baS mad^ten jenen, einem „^ßrincij)" ju Siebe, 
manche nad^, benen man bad innere Sßiberfireben anmerfte, 
mit toeld^em fte bie ©octrin forcirten gegen i^r eigene^ 
„mobernere^" gfi^flen; ba» mod^ten namentlid^ foldj^ 
fein, benen barum bangte, e» lönne ii^nen f eiber alle 
eti^ifd^e ®ett>ig^eit, bie fie nad^ f(e))tifd^en R&mp^m fld^ ge:: 
rettet, loieber abl^anben fommen, toenn fie ba» im acce^)- 
tirten ober „abo})tirten" ©i;>fiem faum ®ett)onnene aber= 
mal» aber Sorb würfen. SBer aber wa^tl^aft ftttli^ ifl, 
ber l^at feinen 85efümmung»grunb immer gan) in fid^ — 
nur fotoeit biefer angelernt ober burc^ ^injugelommene 



9Be¥t^ ber Segalit&t 309 

6ont)enienjgebote abulteritt ifi, fann a\i6) er ber SUpfx^ 
jum 9lau6e iDerben. 

3cboci^ ifi aufeerbem l^ierbei ju bcad^ten, ba| rt« ge* 
toiffer „logifd^ier Sloptug'' bog et^ifd^e Urt^eil ebenfo fät 
fd^en fann, tote Slffecte, furor brevis, SBal^nfinn u. f. tt)., 

— unb feinen Äompafe toirb au§ all biefen Störungen — 
©^fieme fül^ren 3«clination unb ©eclination ^erbei — erfl 
toieber reguliren, toer in feinem 3nnem erlebt ^at, too:^ 
f)in bie Suffole tro^ aller Slblenfung innerlid^ bod^ eigent= 
lic^ tenbirt ©iefen ganjen Äampf brüden toir au^ mit 
©ftften tt)ie: „®r ^atte fein beffere^ ©elbft Verloren — 
jefet l^at er e^ toiebergefunben" — toobei nid^t ber Äem 
beS 9Biffen§, too^l aber bie ganje ^tte ber ©rfd^einungen 

— ^anblungen — entfiellt toar. 

®a^ pd^ere Äriterium l^ierfilr ifi bie befreienbe 9Bir= 
fung nac^folgenber ©ül^ne unb Su^e. SSBir fönnen ba^ 
fidlere ©efüi^l l^aben: fd^toerete SBerfd^ulbungen feien ge= 
tilgt burd^ bie ftrafenben folgen, tt)ie unfer Seben^gang 
fte un^ abt>erlangte — nämlid^: fd^limme SBerirrungen , an 
toeld^en äußere Umfifinbe unb auftoallenbe Effecte i^ren 
Slnt^eil Ratten, erfal^ren oft in i^ren folgen f eiber i^re 
Bured^ttoeifung unb fd^einen bamit gänjlic^ abgetl^an, \ü&f)^ 
renb anfd^einenbe Äleinigfeiten in t)offer Äraft ber 3^= 
red^enbarfeit unb SSeranttoortlid^feit befleißen bleiben, toeil 
fie einjig unb allein im Äerntoefen unfern ©elbpl il^re 
Ouette l^atten. ®ann entpnlt un^ fo leidet ber SÄafefiab 
für ben fittlid^en SBertl^ ober Untoertl^ biefeS, in feinen 
SBerfen toie in feinen Stimmungen fid^ tt)iberf:t)red^enben, 
3d^8 unb wix begel^ren au^ bem 9Wunbe berer, bie un^ fen= 
nen, ein Urtl^eil über un^ ju t)ernel^men, unb toillig 
bemütl^igen toir \xn^, bamit nur ber SSJal^rl^eit bie ®l^re 
gegeben toerbe. 



310 3)ic 3mputabi«tÄt*frage unb ba§ aWobificabiUtätsproblcm. 



30. gortfe^itng. @m:|)fäQgn(]^IeU für bie entfäfineitbe Sraft 
beS Sdben^ nttb ber Strafe in ber Se^felbejie^ttng ntenfd^' 

Ucber^aiH)t ift e§ um bie entfül^nenbe Äraft be^ 
Selben^ ein fo toid^tige^ fittlid^eg 5ßrobIem, bafe aud^ 
barüber bem ßl^arafterologen eine ©igreffion ijerflattet fein 
iüirb, um fo mel^r ate, toie tt)ir fd^on foeben gefeiten, bie 
6mj)fänglid^!eit für bie ©ntfül^nung^Iraft felber unter bie 
et^ifien aRafeftäbe gel^ört — ber gonj „SBerfiodEte" ifl i^r 
ja fo total unjugänglid^, toie berjenige ol^ne Sl^nung i)on 
il^rer SBebeutfamfeit bleibt, ber nur in leichter ?5el^le fid^ 
verging. Slber barüber, toaö ,,leid^te geißle" fei, entfc^eibet 
allein ba§ SBetougtfein beg ^anbelnben felber — gar mand^ 
läfelid^e^ SSergei^en eine^ Äinbe^ erfd^eint )oox beffen @e= 
toiffen al^ ein fd^toerer gÄbel — benn ba§ ©^toerfie, 
beffen e^ fid^ fd^ulbig mad^en fann, ift bie 5pietät^öerle|ung, 
fomit jebioeber Ungel^orfam gegen bie i^m borgeorbnete 
Slutorität — unb bieg fann in il^m baffelbe ©efül^l l^ert>or= 
rufen, öon ioeld^em beim SSerbred^er nn§ bie .^uriften fo 
i)iel ju erjÄl^len ioiffen. SBie ba^ nod^ nid^t verlogene 
Äinb fid^ felber ber 3üd^tigung barbietet — ioie eö be^- 
^alb ni6}t ate blofee Einleitung §u l^ünbifd^er @ert>ilitftt, 
fonbern aU reiner SReflef eine^ etl^ifd^en ©efül^fe ju be= 
urtl^eilen ift, ioenn man^e ©rjiei^er ba§ Äinb anl^alten, 
bie Shiti^e, einem SBol^ltl^Äter gleid^, ju füffen: fo, l^ören 
mir, forbert ber noc^ nid^t öerl^ärtete aWiffetl^äter bie Se- 
flrafung aU „fein 9ied^t". S)ag fann nid^t blo^ bie golge 
angelernter, eingerebeter ©uj)erftition fein, fonbern mufe 
im fittlid^en äöefen be^ 3Benfd^en felber lüurjeln, al^ ein 
S)rang nad^ (Sered^tigfeit^manifeftation um jeben ^prei^, 
mag biefe aud^ eine ©d^ftbigung ber eigenen 5ßerfon in 
fid^ fd^lie^en. Dl^ne 5Cenbenj nad^ einer ffatifd^en Slu^:^ 
gleid^ung ift überl^aupt ba§ Sled^t^gefül^l j)f^d^ologifd^ um 
benfbar — unb ba^ einmal anerfannt, fönnen toir un^ 



Strafe al§> Sergcßun^. 311 

au(S) ber ßonfequenj nid^t entjie^en, bafe bie SSeftrafung 
freubig J^ingenommen toerbe, quia peccatum est, unb nid^t 
ü\t>a blo^, ne peccetur. Se|tere^ tritt öieltnel^r bem S3e- 
firaften i^öd^ften^ nac^trägli^ inö S3etou^tfein, too ate^ 
banrt bie ©träfe afö ein negatiöe^ 9Wotiö lüirfen fann. 

Stlfo ttid^t afö ein blo^ JufftHig braud^bar erfunbene^ 
Mittel jur Slbfd^redung erfd^eint l^iernac^ bie Strafe, 
fottbern afö ein felbftgettenbe^ 3lequit)alent ber ©c^ulb — 
unb tt)er, toie ©d^oj)enl^auer, bem Seiben überhaupt eine 
ffil^nenbe, „i^eiligenbe Äraft" (bgl ©dritter, „®ie ^nnq- 
frau t>on Orleans", V, 4) juerfennt, ber brandet bod^ 
töal^rlid^ nid^t anjuftel^en, i)on ber ©j)ecie§ — ©träfe — 
gelten ju laffen, toa^ er t>om ®enu^ — Reiben — nid^t 
befireitet. ^ann aber begreift fid^*^ nid^t allein, ba§ nad^ 
Eintritt ber ©träfe ba^ ©emiffen bi^ ju einem gehjiffen 
®rabe 3iul^e finbet bor bem ©d^ulbbehju^tfein, fonbern e§ 
ifl aud^ faum nur nod^ ein ©d^ritt tt)eiter ju t^un, \m 
ju bem ©afee ju gelangerj: bem Uebeltl^äter gebül^rt bie 
©träfe, unb jtoar ate ein ertt)orbener 2lnf:t)rud^, aU ein 
Siedet ganj in bemfelben ©inne, toie jebem ba§ Erarbei- 
tete (Sol^n, Äoft u. bgl.) jufommt — furj: ©träfe unb 
2of)n fte^en auf einer Sinie, al^ entgegengefe|te ©rö^en, 
tüie ja auc^ unfer 3Bort „©d^ulb" biefe 9Rinu3natur, biefe 
negatitje ©röfee, in ber 33ebeutung ber 3Jlatl^ematifer, 
fenntlid^ mad^t, gerabe fo tt)ie eine rein immanente ©tl^if 
afe nait)e ben Slu^brudE: „id^ l^abe unrecht getl^an" bem: 
„id^ l^abe gefünbigt" borjie^t. ©afe übrigen^ ©d^o^jen^ 
Iraner in feiner ©trafrec^t^bebuction auffattenbertt)eife bie= 
fen ©d^ritt nid^t getl^an, feine beiben angegebenen 5prä- 
nriffen nid^t ju einer Sonclufion tierbunben l^at, erflärt 
fid^ bietteid^t an^ feiner Slbfid^t, feinem SBegriff ber SBelt^ 
gered^tigf eit ba§ SWoment ber „ SBergeltung " fern ju l^alten. 
Unb boc^ l^&tte il^n aud^ feine Definition be§ Unrec^t^ gu 
jener ©onfequenj leiten fönnen unb jtoar nac^ ber objec= 
üben ©eite: ba^ Seftrafttoerben be§ Isedens ift aud^ ein 
Siedet ber Isesi. 2)ie ©tatif ber ©oejiftenj forbert, bafe 



312 S)ic 3mj3Utabititdt^frage unb baS aRobificabiUtatä^jroblem^ 

bie SBJitten^fjjl^Äre be§ ®injelnen be^uf^ ber SluSgleid^ung 
um baffelbe 3Kafe geminbett merbe, um toeld^e^ burd^ ba^ 
betrübte Unred^t über fie l^inauö^ unb in eine frembe l^ineins^ 
gegriffen tourbe — fo liefee fiä), wn anbe^^ Sebenfen ab- 
gefeiten, fogar bie SCobe^ftrafe al^ 3lequit)alent be§ 3Rox^ 
beg red^tfertigen. Slber biefe ganje Verleitung toitt fi^ 
freilid^ nid^t einem ©tanbj)unft einfügen, tüeld^er fein ^avüpU 
abfeilen barauf rid^tet, bie met(H)l^^fifd^e ^[bentität be^ 5Ber:= 
lefeenben unb be^ aSerlefeten, beö 2:i^äterg unb be§ Seibeiv^ 
ben, jur ©eltung ju bringen, ©al^er.mag e^ bann eben^ 
faffs rül^ren, bafe ©d^o:t)enl^auer aud^ nid^t %u berienigen 
Sluffajfung ber Seichte gelangt ift, nac^ melier tt)ir oben 
in biefer einen ganj analogen 6omj)enfation^t)organg auf^ 
toiefen. 

6^ ift nur ein ©^^ecialfatt ber, ate eine nid^t toegju:^ 
bi§))utirenbe unb toiber jene aSerad^tung be^ Sßergeltungg:= 
momentö fic^ auflel^nenbe ^^atfad^e be^ etl^ifd^en SetDufet^ 
fein^ t)on un^ erfannten, ©atiöfaction , toeld^e einem mit 
ber SSerfd^ulbung in unmittelbarem eonnej jiei^enben 2eu 
ben innetoo^nt^ bafe fogar ün ©lüdf, beffen toir un^ um 
toürbig fül^len, un§ tl^eurer loirb, toenn eine 2;rübung ba* 
l^ineintritt, alfo ein Slbjug baijon ju machen ift, nad^ tt)el= 
d^em e^ unferm „SSerbienen'' angemeffener erfd^eint — unb 
ba^ fo i^injutretenbe fittlid^e Qngrebienö, toeld^e^ unfere 
greube baran reiner mad^t, fie erl^öl^t, fd^eint mel^r al^ 
bie blo§ egoiftifd^e 33erul^igung barüber ju fein, bafe ba- 
mit fojufagen ein al^ ©träfe brol^enbe^ Üebel bereit«, ge^^ 
ioiffermafeen })rftnumeranbo, abgefauft, alfo ie|t toeniger ju 
fürd^ten fei (jumal befanntermafeen gortuna aU SRemefii^ 
nic^t mit fic^ l^anbeln läfet). 9lein, e« ift aSoJ^lgefaUen, 
Sefriebigung an ber barin \>on un« toal^rgenommenen @e=^ 
red()tigfeit be« Sffieltlauf^, aud^ it)o biefe f eiber un« an bem 
glede trifft, ben fie am fd^merjl^afteften berül^rt — e« ift 
nid^t ein (täufd^enbeö) ©efül^l relatit)er ©id^er^eit t)or nod^ 
mel^r ßeiben, fonbern ba^ erquidenbe SSetou^tfein, ©enug:^ 
tl^uung geleifiet ju l^aben; bie« jeigt fid^ birect barin, ba| 



entiü^ncnbc Äwft bc^ ScibenÄ. 313 

tt)ir inmitten biefe^ ©ati^factton^bemulstfein^ nod^ meitefe 
Seiben fönnen ttar ^eranjie^en fe^en, ol^ne uns babutd^ 
itren ju laffen in ber erlangten ©eelenbefriebigung. 

UeberaH toiff, bamit bem S3ett)ufetfein gebüßt ju 
^aim, ©enüge gefd^el^e, baS 3ßafe beS anbem berurfad^= 
tctt ©d^merjeS bon beffen ttrl^eber an fid^ felber lieber 
emjjfunben fein ; — toer SRed^t unb Unred^t ate ajjriorifd^e 
SBegriffe ref^jectirt, mufe ©ül^ne, Sufee, SBergeltung, ©enug:: 
t^uung, Sßerföl^nung als eUn fold^e ftel^en laffen, unb e« 
ift mittfürlid^, etoa nur biefe unb bann nid^t aud^ jene 
bem SBiffen aU bloßer ©rfd^einung jujutoeifen. 2Bir fallen 
fd^on früher: bie Sefriebigung beS ant^eillofen 3iifd^ciuerS 
an ber ©trafbottftreöung ift bie ber gefüllten, aber con^ 
folibarifd^ fic^ ertoeiternben „SRad^fud^t", b. ^- beS 
SSebürfniffeS, bie böfe %f)at and) ate Vergangene, nid^t 
bloS mit SlüdEfid^t auf bie S^^^^ft 6^fttaft ju feigen — unb 
es ift unnötl^ig, l^ierin eine „ 2lm:t)l^ibolie " ber begriffe ju 
erlennen — es brüSt fid^ barin i)ietmel^r — „naii) unb 
ttHxi^ri^aft, toie bie ©timme ber Sßatur eS attemal ifi" — 
ber et^ifd^e Qnftinct birect auS, unb bamit afferbingS äu= 
gleid^ bie ©efü^lSanerfennung einer großem ©elbftänbigs 
feit ber 3fnbibibualität, als toie ©d^oj^enl^auer an ben 
©teHen gugeftel^en toiH, too er ftreng innerhalb ber 3lb= 
ftractionen feines ©^ftemS berl^arrt, toä^renb er oft ge= 
nug gelegentlid^ Sleufeerungen. tl^ut, hjeld^e ber SBebeutung 
beS 3nbit)ibuetten weiter gel^enbe ßonceffionen mad^en, fo= 
bafe and) baS 3nbit>ibueIIe als ein 9ln-fid^ erfd^eint. Unb 
©d^o^jenl^auefS Berufung auf bie, SBergeltung beS Söfen 
mit JBöfem unterfagenbe, d^riftlid;e ®tl^if ift meta:t)]^^fifd^ 
nid^tS betoeifenb, toeil biefer bie etoige ©ered^tigleit bod^ 
toieber in einer jeitlid^en, objtoar jenfeitigen, toirb, unb 
fie fogar gur ^orauSfe|ung il^reS SSerföi^nungSbogmaS 
einen „räd^enben Oott" ^at; fo fe^r, baf; in bemSebürf^: 
nife, })erfönlid^ mit einem als :t)erfönlid^ t?orgeftettten SBefen 
fid^.ju berföl^nen, eigentlid^ ber 6ulminationS!punft beffen 
liegt, toaS ber 2^^eiSmuS t)or ben übrigen etl^ifd^en 



314 S)ie SmputabiUtatöfrage unb bad aRobificabilitat^proMenu 

©^flemen ^oxan^vä)abm fc^eint — unb biefcr SSotjug ifl 
m&äfÜQ genug, um felbft flarfe Oeifler ^tntoegju^cben 
über alle bamit ftd^ etgebenbcn Slntinomien (beten ^anb« 
greiflici^fie bie logifd^ unau^toeid^bar anjuerfennenbe abfo= 
lute ©elbfilofigfeit eine^ jeben ,,®ef(i^öj)fe^" qua fold^en 
ift). — ©er innere 3^Mt>Ätt, bie Selbfientjtoeiung be^ 
SBilleng, fd^eint erträglid^er, toenn jie, na6) au^en pio- 
jjicirt, an jtoei ^erfönlid^feiten bert^eitt ioirb : ben fünbigen 
SWenfd^en unb ben burd^ beffen ©ünbe betrübten „SSater 
im §immel"- aJiit jebem anbem tt)irb man fid^ leidster 
berföl^nen, überl^au:t)t „abftnben", afe toie mit ftc^ f eiber 

— fo l^eifef^ f^on im tftglid^en Seben: „Ärgerlid^ über 
fid^ f eiber fein, ift ber fd^limmfle Slerger" — unb too 
SRenfd^en nid^t mel^r berjei^en ttnnen — fei e§, toeil fie 
allju fd^toer öerle|t finb, fei e^, toeil fie aufgehört ffaben, 
mit un§ ju leben — ba jlüd^tet pd^ ba§ fd^ulbjerquälte 
$erj an ben S3ufen einer göttlid^en ®nabe, um bort einen 
Slnl^alt in feiner SRul^elofigleit ju ftnben — unb bafe ein 
folc^er Sln^alt bem fel^lt, ber toirflid^ ol^ne Olauben an 
„©Ott unb Unfterblid^feit" ju leben ftd^ gemöl^nt l^at, baiJ 
ift ber furd^tbarfte ©d^merj, bie toa^re ^öUe beö ät^ei^en 

— auf ®lüdE fann er berjid^ten, auf ^rieben ber ©eele 
nid^t — unb bie l^ierin fid^ funbgebenbe ®en)ijfemJmad^t 
ift bod^ allju jiar!, aU bafe fie bloS l^attucinatorifd^ fönnte 
angetäufc^t fein — fie ifl bie ©timme au^ bem tiefften 
Slbgrunb ber ©toigfeit unb barum unentrinnbar. ®a0 
Slf^l beö 2;obeö rettet nid^t fidler öor il^r — ob ba« ber 
aifcefe? ®ie bel^ält Ja aud^ ben ©tad^el unfreiwilligen 
®ntfagen§! Unb mit il^rer ©d^toierigfeit t)erglid^en fann 
einem ber ®laube an bie i)erföl^nungt)erbürgenbe ®xU^ 
fung burd^ ßl^riftum aU „®ered^tigfeit" bringenber wx^ 
fommen toie ein bequemer coup de main, ober toie ein 
Deus ex machina, ber atter SSerlegen^eit ein 6nbe mad^t 

— bann fd^eint bem tief S^rfnirfd^ten ba« ®lanbm leidet 
unb ein fo Heiner „©tüd£ Slrbeit", toenn gemeffen an bem 
überfd^toenglid^ großen So^n beö ©eelenfrieben«. — SBie 



Stacke al^ @atlgfaction. 315 

man ober fein 9ted^t f)at, eine fold^e Sef^jted^unfl be^ 
StngeliJunfte^ lutl^erifd^et ©ogmatif ate «npaffenb abju= 
tt)eifen, ba^ beftätigt ein 33li(f in bie 35ogmengefd^id^te. 
6S it)at unmöglid^, baS SBefen ber redemptio in SBegriffe 
ju f äffen, ol^ne bie Slnalogie mit einem rein iuriflifd^en 
SoSlauf^ber^ältni^ bi^ in^ Keinfte detail ju t)erfoIgen unb 
bamit fojufagen bie criminalred^tlid^e ©eite be^ aSerl^ftlfc 
niffe^ jtt)ifd^en 3Kenfd^ unb ©Ott über bie SBrüde beg jus 
talionis in ^ bie prit)atred^tli(i^e l^ineinjutragen. 3lber iüeit 
entfernt, bamit eine SBerflad^ung beg etl^ifd^en ©runbber- 
l^ältniffe^ ju f anctioniren , ftellte biefe unbermeiblid^ ge^ 
toorbene Sluffaffung tjielmel^r ba^ Problem, bem SBefen 
ber bergeltenben 3lu^gleic^ung felber aU eim2 tief* 
etl^ifd^en 5poftuIat§ grünblid^er nad^juforfd^en. ^mn 
bamit ift e§ nid^t abgetl^an, ba^ man mit ©d^openl^auer 
ba^ „SRad^ebebürfnife" einfad^ bem ©runbmotit) ber 33o^=: 
l^eit fubfumirt — e^ ru^t bielmel^r in bem t)on nn^ aU 
2Bagebalfen jttjifd^en 6goi^mu0 unb 3KitIeib bejeid^neten 
5ßrinci)) ber ©ered^tigfeit. SBaS toürbe fonft aud^ j. 33. 
aug bem SRed^t ju ftrafen in all ben gäHen, tt)o bie 5per- 
fon beg ©traft)offftredEer^ ibentifd^ ift mit berjenigen, an 
meld^er bie SSerlefeung beö et^ifd^en ©leid^getoid^t^ ge? 
fd^el^en ift, tt)ie ba^ beim ©trafen be§ ©räiel^er^ fogar ba^ 
®ett)öl^nUd^e fein toirb? ©elbfl bie an^ ber gemeinen 
SWad^e l^erborge^enbe 33efriebigung wurjelt feine^tpegg blo^ 
in böfem SBitten — ba^ n>irb baran flar, ba§ jeber nur 
im eigenen 9Zamen, für feine ^erfon öerjeil^en barf — 
in Setreff be^ einem dritten jugefügten Unred^t^ fielet bem 
Unbet^eiltgten feine SSbfoIution^befugni^ ju — nur auf 
mein eigene^ 5led^t fann id^ berjid^ten, niemals auf ein 
frembe^. Unb toar e^ et^mologifd^ angefel^en aud) ein um 
l^altbareg ©Jjielen mit bem SBortflang, tpenn einige SRed^t^^ 
!p^iIofo:t^]^en „9iad|>e" unb „Siedet", „geräd^t" unb^^gered^t" 
ganj nal^e jufammenrüdften, fo lag bod^ bie ricJ^tige am 
fd^auung ju ©runbe, bafe eine 3?ad^et)oHftredfung toon jeber 
egoiftifc^en Qntereffirti^eit unb ijon jeber bloä boshaften 



316 S)ie 3m)}utabt(it&tdfra9e unb baS aRobtficabint&t§))toblent. 

greube an frembcm SBe^ fid^ öänjlid^ fem l^altm fonn. 
^a& antiegoiftifd^e SÄoment barin Ififet jtd^ ober um fo 
tocniger bcrfennen, aU übtttfaiCpt faum je eine Stacke ol^c 
ein Jjerfßnlici^e^ Djjfer für ben fic^ SRäd^enben lann öott^ 
jogen toerben: ein ©imfon, ber fi^ f eiber unter ben Slui^ 
nen be^ feinblid^en §aufe§ mitbegräbt, fommt en minia- 
ture atte SJage bor unb erl^ftrtet fo unfern ©a|, ba§ 
ba^ SBefen jjebtoeber etl^ifd^cn ©atiiSfaction burd^ SBerget 
tung nur ju begreifen ifi auS ber funbomentalen ßone:^ 
lation gtoifd^en ©d^ulb unb Seiben, bie, in ber SBurjel 
ein^, nur in ber SKd^tung il^reS ©rfd^einen^ fid^ untere 
fd|>eiben. Unb ber ^jrinciipieff en gorberung , bafe ber Seiben 
aSer^ängenbe jugteic^ ber Seiben S^ragenbe fein fott, ent= 
jiel^t fid^ ja aud^ ©^open^auer nic^t —r nur mad^t er ben 
Umtoeg burd^ bie meto^jl^^fifd^e Sbentität atteö ©rfc^einenben 
— für bie etl^ifd^en unb d^aralterologifd^en 5ßoflulate gleid^ 
überflüffig: benn tüa^ ben in Seiben ,,a3üfeenben" bon bem 
tro|ig fid^ gegen ben i^m bereiteten ©d^merj Sluflel^nenben 
unterfd^eibet, ifl nid^t^ atö bie Slnerfennung beS ©runb^ 
jufammen^ang^ jtöifd^en ©d^ulb unb Seiben. 2)iefer &n^ 
pd^t berfd^lief^t fid^ jebe^ Oemüt^, toeld^e^ burd^ ©trafen 
fid^ nur „ber gärten" lägt — ein SBorgang, tpeld^er bem- 
jenigen burd^au^ iparaffel fte^t , too gan^e SBöIter in fd^toe^^ 
ren Sloti^ftänben (^eft, ^unger^notl^,, ©rbbeben u. f. f.) 
fid^ felbft bon jeber ^ffid^t biöpenfiren mittete be^ S)ef!|)e- 
ration^f a|e^ : @S ift ja boc^ aUeiS ein^. 

31. ©d^lug. ©renjen ber (&maut\paüm tion ftttli^ea 

©d^ranlen in praxi unb in thesi. 

Sllfo aud^ l^ier lieber ftettt fid^ ba§ SBerl^alten be^ 
QnbibibuumS bem Seiben gegenüber aU ein d^arafterolo^ 
gifd^e^ Äennjeid^en bar. SBenn ba^ „fiarre" ®emütl^ burc^ 
©trafen fo toenig erh)eid|>t tt>ie gebrod^en toirb, fo ift ba^ 
nid^t blog ©ac^e bejS Xem})eramentö , bem jufolge ettoa 
ber Sl^olerifer ber ftftrfem Slction bie fiärfere SReaction 



®ren$cn ber dmancipation txm pttlidfecn ©^ranfen. 317 

entgcgmfleHt; noä) weniger aber betrifft eö lebiglid^ auf einem 
innerl^alb beö 3[«teIIectö öerbteibenben Vorgänge — benn 
bie einfielet, bafe ©d^ulb uttb Seiben jufammengel^ören, 
ift jener gleid^artig, in toeld^e ©c^oj)en^auer baö SKitleib 
afö eine intuitoe 35urd^fci^auung be^ principium indivi- 
duationis fe|t, afö mel^e aud^ nid^t im Äojjfe, fonbern 
im ©efül^I, nid^t in ber SÄbftraction, fonbern im objectis 
t&tölofen ©elbflinnefein entfielt. SBer fic^ ni^t toitt firafen 
laffen, ber möd^te mit bem Swfcimmenl^ang jtöifd^en ©c^ulb 
unb ßeiben audi> ben jtoifd^en 3nbit>ibuum «nb ©efammfe 
l^eit jcrreifeen — unb eine Station, toeld^e jur 3^* ^^ 
3loiS) alle @efe|e fuöjjenbirt, f))rid^t bamit nur an^, bafe 
xffx ©taatötoefen auf ber ßonbention berul^te, fid^ gegen- 
feitig eine möglid^ft erträglid^e ©Eiflenj ju garantiren — 
nic^t auf bem ^princij) fid^ toed^felfeitig l^ingebenber Siebe. 
8Bo t)on aufeen l^erangefommene SWäd^te jene ©arantie — 
an fic^ f^on eine eng bebingte — böüig ittuforifd^ mad^en, 
ba nimmt ber entfeffelte 5pöbel im aJienfd^en biefe SSerei^ 
telung gum SSormanbe, nid^tö mel^r toiffen ju tooffen i)on 
©infd^ränfungen, benen fid^ ju unterwerfen i^n nur bie 
Slu^fid^t auf anberfeitigc SBortl^eile beftimmen fonnte. Unb 
toenn fo nur nod^ 

2)c8 ©cfcfec« @c[<)cnfl fielet an ber Könige St^ron, 

überf dalägt fid^, toie immer, bie Sbfiraction in ßonfe- 
quenjen, it)eld|>e ba^ unt)ertilglid^e ©efül^I Sügen ftraft. 
5benn @nt unb Söfe aU polare ©egenfäfee [teilen fid^ 
entgegen ioie fremb unb eigen — mein ©igene^ ift bem 
Sittbem fremb, unb \üa^ mix ein grembe^, gel^ört einem 
Slnbem ju eigen- ®er 3nbifferenj})unft aber ifl bie SRitte, 
tt)o ©igen unb ^emb — ober, loa^ baffelbe ift, too SKein 
unb 2)ein, 3d^ unb ©u — aufl^ört, unb ba^ ift ber 
triebe, ben alfo, biefem begriffe nad^, niemanb mitfid^ 
attein, in böttiger Sfolirtl^eit, abfd^Iie^en tann. Qn biefem 
fjrieben l^in firebt ber SBiUe, unb burd^ il^n l^inburd^ ge^t 
es, tt)o id^ bas ©igenei gum ^emben, baS 3Wein jum 
S>ein, baS 3d^ jum S)u mad^e; aber nur in biefer SWd^tung, 



318 3)ie 3[mputa6i(itatSfrage tinb baft aRobtficabUitatSpTob(em. 

nic^t in ber umgefel^rten^ \oo bod S)em jutn SRein^ ha^ 
grembe jum eigenen, boä 3)u jum 3d^ fottte gemacht 
toerben — benn bie§ mufete toom Snbem, wm ®u, au^s 
gelten, unb in biefem Slu^taufc^ entfielet unb befielt ber 
griebe, bie 2lufl^ebung be^ S^M^^^tt^ — ^^^ ^««w P^^ 
fifalifd^en SBitbe bie Söfung ber elrftrifd^en ©J)annung, — 
benn meine ©d^ulb ift be^ änbem Seiben, feine ©d^ulb 
mein ßeiben. ^bex ha gibt e^ fein ru^ige^ Sel^arren in 
einem Slefultot, feinen bleibenben 33eft| be§ äu^getaufd^ten, 
fonbem nur ben fortgefe^t fid^ emeuemben äct be3 2lu«s 
taufd^eg, be^ 3nbifferengiren^ fetter. S5iefermu§ ein um 
abläfftger fein, toenn ber griebe S)auer ^aben foH; unb 
fobalb ein grembe^ mir ium eigenen gemad^t ifi, fo mufe 
id^ eg abermals Eingeben unb mid^ beffen entftufeem — 
fubjectito in felbfigetooHtem ßiebeötoerf, objectii) im ©e« 
^orfam unter haS SBeltgefe^, ioeld^e^ bad geto&^rte ©lädt 
ateboö) toieber in Seiben berfel^rt. S)a^ ift haS ©d^toere 
am ®efe| ber Siebe , bafe toir unö nid^t bereii^ern bürfen 
am ©etoinn ber Siebe — einem Slnbern, ie|t einem ®rit^ 
ten, ju Siebe, müjfen toir ber ertoorbenen Siebe toieber mU 
fagen, fonfl toirb bie Siebe fetter ju egoi^mug. 3Bag 
meine ©ünbe, baS S3öfe in mir, ifi, baä ift tbtn bie« 
mein ^^^^cin, meine inbibibueHe epfienj, mein SSJiffe afe 
eigener (barum aud^ eigentt)itte genannt). S^ber 2lct be« 
eigenen, SBilleniS ^inbert ben ^rieben ber ^nbifferenj , unb 
jebegmal fo oft id^ ein eigene^, ettoaö für mid^, für mein 
3d&, toiH, fiöre id^ bie fid^ toed^felfeitig J)arall^firenbe ein« 
^eit aQer einjetoiOen. ^amit ^ei^ toir ipieber t)or bem 
metat)l^^fifd^en ®inn be^ SBorte«: 

2)e0 Tltn\(iftn grögte @ünbe 
3fl, bag er geboren marb; 

benn ba^ ©eborentoerben ift nid^ö anbereö ate ber SluSs 
brudE be^ SBiffen«, ein ©ettftänbige^, für fic^ ©eienbe^ gu 
fein, für fic^ ettoa^ ju ^aben. ©aö fommt ben geugenben 
im 3^ugungi$äct gum 9eit>u^ein, foba| man gerobe ani 



^Korrelation ^mifd^en @ßotömu§ unb Siebe. 319 

biefem ®tunbe „SEBoffufi" lieber au^ SBoffe^Suft, afe au^ 
aSBol^tSuft l^erleiten tnöd^tc. 

Slber biefe unbefcl|>rftttfte ©elbftänbtgteit be§ ©injelnen, 
pü6)e mä) Slbfolut^eit brängt, tft unmöglid^; ber @in= 
jelne bleibt immer an^ Slff gebu|tben, "oon il^m abl^ängig; 
in i^m l^at er feine SBurjeln, unb frei im Stetiger fann 
niemanb fd^toeben. ^ ®goiften tt)iegt ba^ ©trebenbor, 
mittete biefer SBurjeln fid^ felber px Iräftigen; jebod^, um 
leben ju lönnen, mn^ jeber au6) au^at^men, fomit t)om 
©einen, t)on bem toa^ fein geworben, jurüdgeben an baS 
SlUgemeine. Snfofern ifi ein ©goift gani o^ne ©e^nfud^t 
na6) Siebe ni^t einmal benfbar, it)eil etl^ifd^ fo toenig toie 
!J)^^fif d^ eine abfolute 3f olirung möglid^ ift ; unb nur ©nb^ 
lic^e^ fann lieben, nur ®nblic^e§ geliebt toerben; bem Un^ 
enblid^en, Slbfoluten, ©elbfigenugfamen fann ber ©injelne 
nid^t^ geben, toeil e§ aEe^ fd^on l^at; unb wn il^m em^ 
^)fangen fann biefer aud^ nid^t^, toeil nid^t aufl^ört jenem 
ju gehören, fein ju fein, tüa^ \>on il^m ber ©injelne in 
pd^ aufnel^men mag.*) 

Slber tt)ie id^ ate ©njelner l^ineingefieHt bin in bie 
Sm^eit be§ ©eins, qua rul^enber ©ubftanj, fo bin id^ aud^ 
befaßt in bie®inl^eit beS SnbifferenjirungS^jroceffeS, fofem 
id^ lebe, b. 1^. aneignen unb l^tngeben mu§, unb baS ^nm^ 
fein biefer SBed^felbejie^ung ift jugleid^ bie Oueffe jeneiS 
bualijlifd^en SemußtfeinS, beffen nid^t auSfd^lieglid^ ^rifl^ 
Kd^er ober j)aulinifd^er (3lömer 7) ©l^arafter burc^ ben 
SW^tl^oS in Pato*S 5pi^äbrug belegt toirb, ber "oon ben 
jtoei Sfloffen i)or bem SBagen ber ©eele f^jrid^t, unb 
außerbem burd^ bie bei Sl^oludf, „5Bon ber ©ünbe" (6. Slufl., 
©. 42), aus bem Sllterti^um aEegirten ©tetten. 



*) 2)ie $(i(o{o^]^en fud^en (ängfi nad^ einer genügenben 2)eft« 
nition ber Üüebe; ed gibt aber nur eine negative (U)ie naäf ^^optit* 
(auer an^ „^ttift" unb tf®lM'* bie negatit>en, Unred^t unb ^d^tnerg 
bie :k)o|ittt>en begriffe finb) unb bie[e (^^glüdEIid^ertoeife^' fann man 
nt^t fagen) genügt aud^: ütht ifl t>a§ (^egentl^eil bon (Sgoi9mn9; 
tiefen aber fennt jieber qu9 eigenfler ^er^enderfal^rung. 



320 S)ie Smputabititdtöfrage unb baS aRobiftcabUiUltöpToblem. 

®a^ Programm beS abfoluten (ggoi^mu^, toie c§ 
3Kc^arb III. mit feinem „3ci^ bin id^ fclbfi attein!" ffm 
fiettt, Ift&t fid^ nid^t burd^fü^ren. Äeiner t)ermag ganj 
unb blo^ ©goifi ju fein — fofern et feine eigene inbitjls 
bueOe @|ifien} bejaht ^ i^eja^t er bie ber anbem jugleid^ 
infolDeit mit, ate o^ne ben gemeinfamen Utgrunb aud^ et 
nid^t ttJäte — fo ift et innetlid^ jut Siebe, jum ®ute^s 
tl^un gebtängt (atö volens immet auc^ jugleic^ m nolens), 
abet mftd^tiget, afö biefe^ in iffta nut inbitecte ©tteben, ifl 
ha^ bitecte, toelc^e^ 5ßaulu^ nennt: „ba^ ®efe| in unfetn 
©Hebern". *) 



*) Sie bentgemäg ber äntenfttätegrab bed (Sgoidmud sufammen* 
fallt mit bem ©rabe, bid gu toeld^em jene 3foUrung tuirftid^ bnxd)* 
gefegt mirb, unb mt ein {oI((e« ©iti^audfci^Iiegen ton ber mtn^df* 
Itd^en (SefeSfd^aft unb ben Siedeten, ttjeld^e biefe garantirt, }u ber 
ret^tlofen Stellung ber 9[[oten führen tann, bad !am Bereite oben 
@. 272 gur ^pxaäft unb ntag (ier noc^mald in ergängenbem 2lt£* 
fume auftreten: ^iäft jiene iRaturen finb bie focial gefS^rUc^flen 
unb ftttlid^ loerberbteflen , ujeld^e in leibenfti^aftltc^em (Sgoidmud, 
in brfingenber ^ot^ bed eigenen 3d^9 bie Sege be9 Stecht« unb ber 
Salf^rbeit t>er(af[en, mie ein ^ungeriger ein i^rot fltel^It; benn foT^e 
baben no(!b ©efübt unb ftnb <9efübldetnf(üf[en augSugüti^: fie tooffen 
nur richtig gelenft fein; — fonbern jene, bie in apai(fi\äftt 3nbo* 
leng berfd^Ioffen bad 3(ire fuc^en, bie alfo bem @emütb feine ^anb« 
babe bieten; fie fennen nur rat^ebfitfligen ©roll, nid^t eigentlichen 
^dg; benn IBnnten fie f^a^tn, fo mügten fte unter UmftSnben an^ 
lieben fBnnen; aber fte fleben in fo gut tt)ie gar leiner lebenbigea 
9{e(ation unb Sec^felmirfung gu ben 9lebenmenf((en; fie ftnb tote 
jene $erbart*f(^en „^taltn**, bie Uo9 fld^ gu erbalten fud^en gegen 
^türungen; fie fInb fd^on ton 9{atur, foföeit toie bied üUv^anpt 
mi^glid^, augerbatb bed SD'^enfd^enjnfammenbangd gelaffen nnb bamit 
gur SfoUrung, gum 9(ufgegebenU)erben feitend ber ©efeUfd^aft ^rä^ 
befHnirt, unb U)o fold^e @jrcommunication ujirflid^ gur Kudffibmng 
fommt, toSgiebt fl(b nur U)a8 bie 9latur felbfl angelegt, gletd^fam 
getoollt f^aU @o ifl ed nur ein SlccibenteSed, tt)enn fie, U)te im 
äffagflabe ber J^otoffalitSt Sttd^arb ni. mit bem oben angefübr- 
ten SBorte, biefem ibrem urfjjrtinglid^ nur Jjritatiöen, b. b« fftff 
nid^t*e|ipcnten, ?5crbSltnig ju ben übrigen 9Wenfcben im ®efübt bet 
nabegn obfolnten 3foIirtbett andj^ einen )>orttiben kn9hxud geben, fo» 
fem fie bie obnebin fd^on befiebenbe Sttnft gtDtfd^en ftcb nnb ben 



Sie äugecfte 3Jertt)orfcn]|>cit. 321 

®ie ©rlöfung burd^ ß^rifttim, ju beten älneignung 
jener glDief^jalt fotticitirt, iDäre bemnac^ fo leidet nid;t, ' 
tüie fie oben fd^einen toottte: fie mix^U ba§ gänjlid^e 
Sttuf geben be§ eigenen SBotten^, ba^ tJöIlige „^u=f ein'' ol^ne 
SReft ber Qd^l^eit fein (um nod^ einmal ju biefer ©ipred^:: 
njeife ber ,,5tI;eologia ©eutfd^" gnrücfjufe^ren). 

©0 l^at benn alfo aud^ biefe Si^Ji^enbetrad^tung un^ 
U)ieber an meutern fünften ba^ Slnjie^enbe (faft möd^te 
man fagen: ba§ SSerfü^rerifd^e, toenigften^ ba^ Sodenbe) 
\t>k ba^ Unjulänglid^e aller auf tl^eiftifd^en SSorau^fe^ungen 
fujsenben ®tl^if berratl^en; benn fold^e fann bie S^eifel 
be^ fittlid^en Qnftinctö tool^l nieberbonnern, aber nid^t ttjal^r- 
i^aft überlDinben, bie S^rüglid^feit beffelben tüol^l afö Äe|erei 
berbammen, aber fein Dilemma au^gleid^en, bie Änoten 
ber SBiberf))räd^e l^öd^ften^ jerreijsen. ®ine fiegreidje (Stl^if 
bagegen mufe biefen ©egenf^fe in fid^ felber fojufagen ber= 
baut l^aben — unb U)ie bemnad^ ©d^oijjenl^auer ber ^Up- 
tifd^en ©inrebe einen 5paragraj)^en geU)ibmet f)at, fo toirb 
e^ gered^tfertigt fein, tüenn iuir l^ier nid^t blo^ i)on ben 
modis unb attributis, fonbern aud^ i)on ber substantia 
ber conscientia mit m paar SSBorten reben. 



anbcrn gu erweitern flrcBcn , fi(i^ genjattfam losreißen i)on bcn iBaiibcn, 
tt)et(Jc fie nod^ l^tcr ober bort an ein frembcö Wltn\dftnltbtn feffeln 
fiJnnten; unb fie fn($en biefe SoSreigung — ft^on als ÄnaScn ber 
©d^nlorbnung gegenüber — mittetö offener ^(nftel^nung gegen ba« 
©efefe gn ijertoirflic^en. 55or nic^t^ alfo ^at fid^ ber (Srgiel^er angft* 
(it^cr gu ptcn, a\9 i?or einer S5ertocdii feiung ber gucrfl ertoä^nten 
klaffe mit biefer, n)ot nid^t gu l^art atö „luStoJÜrfUnge'' begeid^neten; 
— QUO jener fann er fid^ eine @eele auötefen, um il&r SRctter, b. 1^. 
i^r SJerfiil^ner mit ber S^enfd^ljieit, gu tt)erben — auö biefem $fu]^I 
kffen fid^ nur Ißffangen ijon ber fagenlfiaften SBirfung -beö njeitl^in 
feine loergiftenbe ^raft audflral^tenben U))aS«^aumed toer!))f(angen« S)ie 
Srgie^ung i)erfiel^t c8 aber in fold^en S^^J^ifctfäUen am (eit^tefJen ba= 
mit, ba6 fic jene gu fril(> toie bämonifd^ SBefeffenc aufgilH, ba^ fie 
ben gereigten ^ro^ nid^t ^on ber angeborenen ©atanicität, bie S3er* 
»oUberung nid^t ijon biabolifd^ urfprttnglid^er SSiIbI;eit, baö mand^maf 
gn>ar rol^^e unb fetnbUdf;e SBefen ntd^t bon bem brutalen (brutal im 
Oinne beö tl^ier*, \picUti taubtl^ierartigen) unterfdjeibet. 
^a^nfen, (S^arafteroTogte. I. 21 



< 



322 S)ic 3ttH)utabilitäWftage unb boS 2Robificabttitdtg)probIcm. 

e§ fönnte ja gar feine ©afutfit! geben , toenn bie (Snt^ 
f^eibung be^ ©emiffen^ aümal etmaS fo ©elbftoerftanb^ 
Itd^e^ iüäte. ^^\>c aSereid^erung unferer etl^nograipl^tfd^en 
Äenntnife broi^t, bieSaftg nod^ fd^mäler ja mad^en, n^eld^e 
toirflid^ für eine unbeftritten gemeinfame jebe^ etf;ifd^en 
©efül^tö gelten fann. 2Bir muffen fc^on ben Äannibali^^ 
mu^ aU eine befonbere gomt be^ 6goi§mu^, ber einen 
fingularen ©efd^mad an 3Kenfd^enfCeifci^ gefunben f)at, unb 
bie 9Renfd^eno:j3fer im $Reid^e ®al^ome^ aU eine blo§e 8Ser= 
irrung be§ 9Rad)t= unb ®l(irbegrip — alfo gleid^fatt^ be^ 
©goii^mug — anfeilen, um nid;t baran irre ju n^erben, 
bafe au4 nur ba^ blo^ toiber bie So^l^eit fid^ rid^tenbe: 
,,2)u fottft nid^t ol^ne eigenen SSort^eit frembe^ ©d^merg^ 
gefügt tjermel^ren!" ein attgemein anerfannter fittlid^er 
Äanon fei. 3UIe^ aber, toa§ al^ ,,©cru^)el" ben ©eelen= 
frieben beunruhigt, ift jebeSmal eine Qnftanj mel^r für bie 
et^ifd^e ©fe^jfi^, unb ba^: ne feceris quod dubitas! tt)ürbe 
in feiner ftricteften 3lntt)enbung gerabe bie jartfül;lenbften 
et^ifd^en 3?aturen am leid^teften ju ijöttiger S^l^atlofigleit 
fül^ren unb fie fo am atterfid^erften untoerföl^nbarer ®e- 
imffen§:j)ein ^rei^geben, toeil biefe ebenfo mol auf Untcr= 
laffungen iüie auf §anblungen folgen fann. ®enn ba^ 
©id^=mit=fid^s®in^:=8Biffen mad^t bie SRul^e be^ ®ett)iffen^, 
aU ber conscientia au§: SBiUe unb ^ntettect fud^en in 
il^r i^re inbit)ibuell=fubjectit)e 5Berfö^nung; be^l^alb „be- 
ru^igt" fid^ jeber bei bem ©ebanfen, bona fide, £v jctcnret, 
„na^ befter Ueberjeugung " gel^anbelt ju l^aben. Slttein 
thm biefe ®eit)ifel^eit ift fo itjol^lfeil nid^t ju l)abm — bie 
in i^r angeftrebte dtuffc ift burd^ SBünfd^e, 3lffecte unb bie 
em^)irifc^eUnt)oIIftänbigfeit ber ©elbfterfenntnife ieben3lugen= 
btid gefäl^rbet unb geftiJrt. SKit bem ©d^toanfen unferer 
3Weinung toirb aud^ bie bona fides nn^ felber gtoeifell^aft 
~ unb fo fe|t fid^ ber junäd^ft tl^eoretifd^e ©feiptici^mu^ 
al^balb in einen ^jraftifd^en um; gerabe fo njie ba^ ©e- 
fül^l, fid^ im innerften ©runbe felber nid^t ju fennen, aud^ 
ben nod^ turbirt, toeld^er fid^ entfd^lie^en möd^te, bem 



Ivücjli^fcit toc§ fitt«*cn Utt^cifö. 323 

et^ifd^cii gatali^mu^ fid^ in bie aitme ju iüerfen, mn leintet 
baS : ,^d^ bin nun einmal f o unb f ann mein 33Befen nid^t 
änbern" ben Ungeftüm ftlojger SCffecte unb feine iüiber- 
ftanb^lofe SRad^giebigfeit gegen bie[e ju berfd^anjen.. 

^mn fxä) aber l^ierauS erHftrt, bafe bie 3lü(Jfid;t auf 
frembe aWeinung aud^ au§ anbern ate blo^ egoiftifd^en 
ober Älugl^eitömotiben (ber ©iteHeit, be§ 33ebürfnif|e§, bei 
anbern 3ld^tung imb Vertrauen ju genießen, um in i(;rer 
SKitte mit ®rfolg toirfen ju fönnen, u. bgL) i^re a3ebeut= 
famleit entnimmt, fo bleibt iodj nid^t nur bie S^rüglid^feit 
aud^ be^ fremben Urt^eite (toeld^e^ jtt)ar „obj|ectit>" l^eifeen 
fann, fofern für baffelbe ©ubject unb Dbject ber Stb^ 
fd^ä|ung nid^t ibentifd^ finb) in SRed^nung ju jiel^en, fon^ 
bern jugleid^ nod^ ein ©ij^eciaberJ^ältnife ju ertoägen, in 
tDcld^e^ iüir ju ber fremben SKeinung treten fönnen. SBo 
tt)ir uns f eiber bie ^rage fletten: 2Sa§ iüerben bie Seute 
baju fagen? I^at bie^ oft nur ben ^Wed, un§ ben ^nl^alt 
einer Situation ganj flar ju mad^en; ja bi^toeilen nur 
ben: jene fieute f eiber, nad^ beren Urtl^eil man fdbeinbar 
ft(^ rid^ten iüiH, ju meffen an ber gegebenen Situation. 
?5teilid^ mufe man biefelben l^ierju t)orl^er fd^on einiger^ 
ma^en fennen; ja e§ fe^t fogar feinerfeit^ aUemal eine 
jiemlid) genaue Äenntnife be§ ®inäelnen öorau^, ba^ man 
mit iüirflid^er ©ic^erl^eit t)orl;er toiffe, ioie er fid^ einem 
bestimmten Slnlafe gegenüber Äußern h^erbe — leidet, felbft 
bem aSßortlaut ber ju geioärtigenben Sleufeerung nadi, ift 
ba^ nur bei fold;en , bie il;r Urt^eil in ioenigen ftereot^pen 
^l^rafen abzugeben ))flegen; — aber unerreid^bar ift e^ 
felbfl für eine ganj inbibibuelte ^^affuug foldbe^ 3lu%rud^» 
bann nid^t, tvmn man n)irflid; jemanb in feinen il^n be- 
l^crrfd^enben ©runbmotitoen „burd^fdjaut" l;at; — nid^t 
feiten bem anbern felber ju ergöfelid^er Ueberrafd^ung, 
jumal ba, too ©elbftgefftUigfeit feine ©elbjlfenntnif; fo 
t)erblenbet, ba§ er fid) \>ov eintritt ber Situation regel= 
mftfeig für ebler l^ält, afö ioie er fid^ inneri^alb berfelben 
au^lpeift. (®aS pnb ja über^au:>)t bie 2lugenblide, in 

21* 



324 3)ic 3mputabiKtät«fragc unb ba§ aWobificabiUtätgproblcm. 

treld^en ber beffcre 3Jlcnfc^ ,,ftci^ i)or fic^ felBcr fc^ämt"; 
benn bieg ©efül^I tnufe bei einem irgenb ©eiüiffeni^aften 
[id^ affemal einfteffen, toenn er fid; im ftiffen für juijerläf- 
figer gel^alten l^at, aU toie er fic^ nadj^er bei ber 5ßrobe 
finbet.) 2Bie enblid^ bie JRüdfid^t^na^me auf frembe 5Kei^ 
nung ein jarte^ nnb eble§ ®emütE; t)erleiten fann, „fid^ 
felber Unred^t ju ti)mV% barüber toxxh bie Betrachtung ber 
formen beg ©elbftgefül^lg unb bie S^ecialbe^anblung be^ 
®emütf;g unb feiner SKntinomien ©enauereö an bie §anb 
gu geben l^aben. 



2)ic ©ommunionsproöing. 

L "^aS ^neiuauber bott SiOe uiib ^ntcUect im a0ge= 
meineit lutb bie SBejirle i^rer ^ommunioit^^irobins« 

2Benn ba^ 3KobificabtIitätö})robIem irgenbeine Sö^bar- 
feit t)erfpred^en foHte, fo mußten \üix unS nac^ bcnienigcn 
©rcnjflrid^cn umfel^en, auf tocld^en affein ein Slu^taufd^ 
gcgcnfeitiger einiüirfungen jiüifd^en SBitte uub ^ntellcct 
i)or fid; gelten fann, uub nad^ bem Valet ab Esse ad 
Posse consequentia fiub Wix uad^gerabc fo toeit gelangt, 
einer gefonberten ^Betrachtung unterbieten ju bürfen, itjaö 
in biefcm ganzen Slbfc^nitt ber ß^arafterologie tt)ie ein 
3Betterleud)ten unter bem ^orijonte feine ©tral^len ber 
3Bed^felbejie^ungen ^erüber= unb l^inübcrfd;o^. 

SJlit anbern SBorten: e^ gibt gelüiffe SBorau^fefenngen, 
D^ne tt)eld;e ber ^intellect jeber etl;ifd^en S3ebeutung ent= 
beeren itJürbe -- unb n)ir fönnen biefelben 'am einfad^ften 
unter ben 2lffgemeinbegriff: SSer^ältnife be§ SBillenö 
jur SBa^r^eit, aU ju bem näd^ftenß^^d jeber ©rfennt- 
nife, bringen ^cnn bie^ befaßt ebenfo fe^r bie 3Bat;r= 
l^eit^ttebe im Sinne be^ äßiberitJiffenS gegen alle 5Cäufd^ung 
unb Süge, tt)ie ben 2Ba[;r^eit5brang aU Tra^oi; be^ ®enfer^ 
unb gorfd^erS; unb nid^t minber bie 2lufmerlfamfeit (fo= 
U)ol bie formale aU bie geniale), Wie bie förbernben ober 
^emmenben ©officitationen , n)eld^e t)om SBillen auf baö 
intettectuelle ©d;affen unb jebe Semü^img um t^eoretifd^c 
StDede au^ge^en. 

3lur fdjeinbar aber ift fold;e Setradjtung eine aber- 
malige Unterbrechung be5 großem 3"fÄi«n^^nl^ang0, inner= 
^alb beffen U)ir nod; ftel^en. ^Sielme^r tt)irb fid^ ergeben. 



326 Sie (EommuniottStJtomnj. 

bafe gerabe fic am natürlic^ftcn ben Ucbergang ju einigen 
Sjjecialerfc^einungen tjermittelt, meiere bi^^er jurü(fgc= 
f droben Serben mußten, toeil befcri^)ti\)e Sel^anblung ber= 
felben ol^ne bte l^ier t)orerft ju gebenbe ©runblegung nic^t 
3U i^rem Siedete njürbe fommen fönnen. ^enn ©igenfinn 
unb 6^arafterfd^n)äd;e, ßeid^tfinn unb anbete bem 3ugenb= 
altei* i^orjugöUjeife ange^örenbe d^aralterologifd^e ^^l^äno= 
mene f)abm fammt ben ?^ormen be^ ©elbftgefül^fe unb 
einer 5Wei^e \>on fingen, tveld^e n)ir atö „^albet^ifd^eö" 
5ufammengufaffen gebenfen, ba$ ©emeinfame, bafe ü^re 
Sarfteffung obnc t)orangegangene 33efi)reci^ung beffen, toao 
mh$ je§t befd^äftigen fott, nic^t t)öttig t)erftänblicti , ivetl 
unjureid^enb begrünbet, fein itjfirbe. 



2. Set 993iffett§tricli ober ^a^rl)eitöbi:ang aU Strebend- 

in\fa\t 

9BaE;rf;eitöbiaug, gorfdjung)§trieb , Sßiffen^bnrft, 2cx\u 
bcgier, (Srfenntnifeluft, SBei^l^eitöfreube, ober „ SBei^l^eitj^- 
mitte" (ef;al^bäu^), b. i), ^f)Ho\opf)k, ober metap^t^fifd^e^ 
Sebürfnife finb yjamen für ein r;eiüg ^at^o^; ebrtt)ürbig 
felbft ba nodj, |dü e^3 aU blofser ,,®ebanfen^imger" 
fc^mad)tet, menu anbei» ba^o et(;ifd;c gunbamcnt nicfit 
fef;lt, unb bann nid)t^3 aUo ,, (Suriofität " unb frit)üle 9teu= 
gier übrigbleibt, obgteidj felbft beni, \va^ ali^ foldbe auf= 
tritt, unbeit)ufet ein tieferer S)rang beiiuot;nen fann, narf> 
SJla^gabe ber eigenen oberf(äd)lid;en (Srfenntnij^fäi^igEeit 
immer me^r t>üm 9)lenfd^enn)efen fennen ju lernen. Qa, 
fogar ber blojge ©ammelflei^, ber mül^fam „©anbforn nur 
auf Sanbforn reidfit", erftrebt innerhalb feinet engen 33e- 
reidfi^ unb in einem an fidE» ivert^lofen 6l^ao§ n>üt;lenb, 
bie 33eru^igung, fo tüenigften^ Mftrrnerbienfte ju leiften, 
bamit bie ^önig^geifter an^ ber SCu^lefe be-S wn il;m ]^er= 
beigefd^afften SKaterial^ meiter hanm fönnen an bem ^alaft 
ber Ur^ unb (Sefammtit)i|fenf^aft , in It^eld^em fidb bem 



S)cr SBiffenStricb ober SSßal^rlEicitSbtattg aU Sttehen§>inl)dlt 327 

©etbftbetou^tfeitt bcr ganjen 3Kenfd^l^eit ber ©^iegclfaal 
erfd^Iie^ctt foK, bon bcffen SBänben bie gefammelten Strah- 
len bcr Unit)erfaßt)al;rl^eit jurüdEgctoorfm toerben. $Die 
2l^nung, bafe i^ierfür nur DriginaHenntnijs, b. 1^. fold^e, 
hjcld^e borl^er fein anberer nod^ erfaßt ^at, \)erit)enbbare 
Saufteine liefern fönne, ftadfielt felbft fd^toad^e ©eifter mit 
rül^renbem pruritus an, anä} an il^rem %f)cxl einen Sei- 
trag ^eranjufd^le^j^en. SBeld^er ad^tjame Seigrer foffte nid^t 
fd^on bemerft l^aben, iDie in ber Qugenb ber S^rieb Ieben= 
big ift, nod^ nie (Sefagte^ jum erflen mal au^ju[i)red^en 

— unb gef^ä^e ba^ nid^t faft immer auf bie ©efa^r l^in, 
fid^ burd^ t)erfd^robene 2lu^geburten läd^erlid^ ju mad^en, 
fo ttjürbe man beffen in ben 9luffä|en furj toor unb iväl^- 
renb ber 5ßubertät0^eriobe — rt)o fd^on früher ate bie 
^)l^^fiifd^e bie inteHectueffe 3^wgwg^!raft fid^ regt — nod^ 
\)iel mel;r entbeden. 3Kir meine^tl^eite Jft fd^on ber 3Kut]^ 
allemal refpectabel geiuefen, i^el^er fid^ t)Dm ©^^ott ber 
ajlitfd^üler ober gar taft= unb gemüt^lofer Seigrer nid^t ein= 
fd^üd^tern liefe; — bie ©ntbedung ber, o^ne^in frül^er ein= 
tretenben, ;3m^otenj folgt balb genug, ©iejenigen aber, 
beren ©eifte^^robucte nid^t blo^ an ©ebanfenmangel ober 
-armutl^ leiben, fonbern ba^ eigene ©efül^l l^ierbon öer- 
ratzen, nenne id^ gebanfenl^ungerig — fie braud^en barum 
feineötoegö jeitleben^ intellectuette ^ungerleiber ju bleiben* 

2)a^ Siid^tbefriebigen fold^e^ Sebilrfniffe^ fann bem- 
jenigen, toeld^er e^ einigermaßen lebl^aft emipfinbet, ebenfo 
fd^merjlid^ werben, ioie ))^^fifc^e^ ©ntbel^ren (nad^ ber 
äfü^etifd^en ©eite getoenbet gibt ©d^iller'ö „^pegafu^ im 
3od^e" — befonber^ bie ©teile: 

ülag fel^n, oi^ trir beit ^oUtDurm iiic^t 
3)urd^ magre Äojl unb ?lrbeit gtoingcn! 

— ^ierju ben claffifd^en ^^i)u^). Unb felbft ber äft^e= 
tifc^e (Senufe, an ioeld^em man fo gern mit abftracter 
Uebertreibung bie „S^t^^^ff^tofigfeit" ^erborfe^rt, rul^t 
auf einem SBillen^grunbe; — unb nid^t ettoa bloiS 
in ber ^äberaftie fteigert er fid^ su einer, fogar pxah 



328 Sie (EommunionSproöinj. 

tifc^ fid^ bet^ättgeitben, Scibcnfc^aft *) SBie aHcr SBiffeng^ 
braitg fd^Iic^lid^ nad^ SBeni^igung beö ©emüt^ö i. e. SBtt 
leit^ ftrebt, loS toiH öon ber Slngft unb Unrul^e be^ 3^^= 
feln^ unb 3lici^toiffen^, über ba§ eigene ©elbft feines 
XxäQct^ jur Älarl^eit gelangen n)ill, bamit bieS fid^et 
toerbe , mit feinem SBoIIen nid^t auf falfd^em SBege ju fein, 
unb fein ©etoiffen, baS ^jraltifd^e gunbament feines SBe:: 
f enS , baS SBiffen um fid^ befriebige (f. oben ©. 322 über 
conscientia) : f o t)er jid^tet ber äftl^etif d) SBetrad^tenbe it)ol^I 
auf 3^^^^/ tüd6)c ber materiellen ©elbfteri^altuug unb 
gort^flanjung bienftbar finb, aber feineStoegS aud^ auf 
©elbftförberung, ©elbftbefeftigung unb ©elbftbefriebigung. 
3luc^ bie feiige ^sopia beS ariftoteIifd;en ©otteS ift nid^t 
benibar ol^ne bie ©runblage eines ben 3>tttettect auS fidE) 
gebärenben 2BilIenS. ©elbft biefer ©eligfeit fönnen n)ir 
nid^t einen rein ^ofitit>en (S^arafter äugefteljen: nur ber 
fann Suft am 2Biffen emipfinben, ber t)or^er 2BiffenSburft 
cmj^funben l^at. 3Wan f^rid^t aud; nidfit umfonft t)on einem 
rein it)iffenfd}aftlid;en „Sntereffe", unb bod^ nennt Sd;o^en= 
f;auer mit Siecht jebeS ;3ntereffe ein ßorrelat ju einem 
äBotten; nur inner{;alb eines ©ebiets, itjeldjeS mid; ,M' 
tereffirt", fann idj tf;eoretifd;e greube genießen — unb 
XDtnn bem ^^ilofoi)I;en fid; bieS ©ebiet nad) bem nil hu- 
manuni a me alicnum erweitert, fo beiüeift foId^eS nur, 
bajs fein SBiffenSbrang ber umfaffenbfte, t)on feiner (Sin- 
feitigfeit befd;ränfte, baS ©egentl^eil aller „ Sornirt^eit " 
ift. Sllfo aud^ biefem 2uftgefül;l gel;t als feine :j3ofitit)e 
33ebingung ein ©d;merj , ein SSerlangen, baS ®efül;l eines 
3KangelS, einer Sude üoran. 9hir tt^er ein „5ßroblem" 
als fold^eS, b. l). als. i^m geftellte SÄufgabe, tiox^id) liegen 
fie^t, tann fid) an ber Söfung freuen — aud) ^ier ^ei^t 
eS: ignoti nulla cupido, unb bie greube am Semen unb 
Gr!ennen, als an ber ©ftttigung biefer cupido, ift \mt 



*) 2((8 baö O^fcr einer fold^cit mag man fic§ ^ölbcvliu Jjcr^ 
gcgemDärtigcit. 



S)cr SBiffcn§tricb ober S5Ba]()t^eit8brang als Strcbcnäinl^alt. 329 

jebe anbcre grcube intriiet unb il^rem SBefcn na6) nur \>o\l^ 
ftcHbar ate ©elbflbejal^ung. Qn ber inteHectueUcn Sefrie^ 
bigung bejaht fid^ ber SBttte obenbrein iebe^mal infofern, 

-' afö er mit einem Sl^eil feiner felbft, mit feiner ,,®ffIore- 
fcenj", aufrieben ift. S)a5 toiffen bie ftrengern Slni^änger 
beS 33ubb^i§mu^ gar too^I: fie forbern afö SBoUenbung 
ber Slfcefe and) SSerjic^ten aufg ©enfen unb auf ©rfennt- 
nife. &xi abfolut „reinem ©ubject", ba§ alle^SBoHen^ 
bar ft)äre, ft)ürbe leiner greube mel^r fä^ig fein, — unb 
it)enn bie 9?a6elfd^nur, loeld^e baö ©rfennen an ben SBitten 
binbet, ganj burd^fdjnitten it)äre, fo müfete unSfelbft bie 
Slnfd^duung ber „^latonifdjen 3been" langrtjeilen (obgleich 
biefem ®enu^ itjenigften^ nidjt bajg Semu^tfein eined 
Sebürfniffe^ t>orangel^t) ; ime ber §immel unb ber „übep 
l^immlifc^e Drt" langn)eilig bliebe, njenn er SBefen toon 
gänjlidj quiefcirenbem SBiUen bie ettjige Stnfd^auung ber 
Qbeen böte, ba ja ba§ SBefen ber Sangenmeile in ber Slb^ 
Jüefeul^eit affer Slnregung für ben SBiffen befielet, ein fub= 
ftantieffe^ SJafein überi^auipt aber aufbort Dorftettbar ju 
fein, \vmn i^m ba^ gunbament beffen entjogen n)irb, toaö 

' luir au^fdjliefelid) al^ ein fd^led^t^in JRealeö ju faffen t)er5 
mögen: ba^ SBoffen. ^mn öon ben abftracten aWöglid^^ 
feiten einer „anbern SBelt" muffen toit burc^au^ abfegen. 
2Ber mit ©d^o^jenl^auer befennt, einen 3nteffect ol^ne ©e^ 
l;irn nid^t benfen ju fönnen, ber muß audj ben ©d;ritt 
n)eiter tl^un: eingefiel;en, ba§ ein „reinem ©ubject" ol^ne 
ba§ ©ubftrat eines SBiffenS unfere gaffungSfraft böffig 
überfteigt. Ql^ren legten SBert^ l^aben bie Sbeen ja eben 
barin, bafe aud^ fie „DbiectitätSftufen" beS erfd^einenben 
äBiffeng finb, i^r lefeter Sn^alt ber SBiffe felbfl ift. 3Bie 
alfo fofften fie nid^t auf ben Sffiiffen toirfen? tt)ir freuen 
uns an il^nen, n)eil fie uns ben Äerngel^alt affeS S)afeinS 
offenbaren, ßs ift genug, bafe in i^rer ©ontemiplation 
fein beflimmteS, momentanes 2Boffen fühlbar babei t^ätig 
tt)irb, unb tbm barin liegt il|ir dici^, bafe it)ir uns babei 
Vona momentanen SSJoffen frei tt)iffen; aber o^ne ein alU 



330 2)ie Sommuniond^rotnits. 

gemeine^ „S^tereffe" fönntc nur ber languor t)ftlliger 
©leid^gültigleit übrigbleiben. 3^re SBetrad^tung getDäi^irt 
ein ®efü^l be§ (Srlei^tertfein^ t)om 2)rud ber Seben^bütbe 
— aber bie^ ®Iüd ift negatto tote jebe^ anbere: toären 
tt)ir ber Safi für immer entlebigt, gäbe e^ gar leine mög= 
lic^e SRelation auf ben SBitten mei^r, fo Würben toir be^ 
^inau^gel^obenfeinö auS bem erjli(f enben üualm ber SBittenö- 
atm6f))l|läre gar nid^t inne toerben. 

2Bir beftrelten hiermit feine^toegö bie Slid^tigleit be^ 
Äriterium^, loeld^e^ ©ci^o^)enl|iauer für bie ^ö^e ber Ob- 
jectit)ation^ftufen beS SBiUenS i^infteUt: bie }unel^menbe 
©onberung beö QnteUectö wm SBiHen ; im ® egentl^ieil, tt>ir 
tooffen aud; hierbei nur i^n „ju @nbe ben!en". ®a erft 
ifi ber ©ijjfel ber .^ö^e erreid^t, too ba^ ©efonberte fid^ 
toieber in eing jufammenfinbet, unb t)on einem fittlid^en 
2ebcn, im Unterfc^iebe toom unjured^enbaren SBalten be^ 
Snftinctö, ift erfl ba bie Siebe, too, unter mancherlei ©if- 
ferenjen be^ ®rabe^, eine folc^e SSerfö^nung fi^ einjiefft: 
fo gut toie ber SBiffe ein intelligenter, fo gut foU ber 3ti= 
teffect ein toottenber fein, unb er ift bie^ am meifien ^bm 
ate aSiffen^trieb. 

©elbft bie 5C^atfad^e ber ©elbftbemitleibung , m^ 
toeld^er ©c^o^jenl^auer jebe^ ed^te SBeinen i^erleitet — bie 
5ßferbe be§ Sld^iH fönnen nur ioeinen, loeil fie aud^ fjjred^en 
Ibnnen, unb eben barum geben fie mit il^ren 3:^l|iränen bem 
3eu^ Slnlafe, bie aWenfd^en bie elenbeften atter erben:= 
beiool^ner ju nennen (Ilias, XVII, 416 fg.) — finbet nur 
au^ biefem 3n^ein^= gelten ü^re örHärung; unb foH "ooU 
lenbö ba^ felbftbemitleibenbe SBeinen auc^ ein ©^nH)tom 
^on ^erjen^güte fein, fo fefet e^ eine nod§> um fo Marere 
(BpaltnnQ be^ 3d^^ unb biefer nac^folgenbe SBiebergufam^^ 
menfc^Uefeung be^ ®efi)altenen Dorau^. ®er jufd^auenbe 
9Snteffect bemitleibet ben leibenben äBillen — ift alfo felber 
nod^ einer SBiffen^regung fällig, bie er fojufagen ijon feiner 
©runblage — feinem Si^räger — entlehnt l^at — unb 
unterfd^eibet fid^ öon bem falten, gleichgültigen, in« l^fellere 



^cr SEBiffcnätricb ober Söa^rl^cit^brang aU Sttebcnäinl&alt. 331 

33elt>u§tfein J^inaufgcrüätcn SReftectiren auf basi 'eigene 
Seibctt e6en burd^ baS gortbeftel^en eineö engern 5Banbc§ 
jhjifc^en 3nteffect unb SBille, vermöge n)eld^e§ SBanbe^ ber 
Qintettect fojufagen einen SBillen^factor in fic^ fd^Iiefet. 

Sei^t genug ift für bie^ 33anb ber 5»ame ,,®efü^I" 
gefunben, ber alfo im ©ci^oj)enl^auer'fd^en ©Aftern — luxe 
ein oft t)ernommener SSortourf un§ glauben machen ntöd^te 
— fo toenig ber ©eltung unb Slnerfennung ermangelt, 
ba§ er fogar jum Seben^grunbe aHe^ et^ifd^en §anbelns 
erl^oben ift. ©o bereinigt fid^ bei ©d^o^en^auer fo einfadE^ 
rt)ie möglid^ ba^ gunbament feiner ®tl^if mit bem erl^abe= 
nm 3iange, ioel^en er ber e^rlid^en SBal^rl^eit^forfc^ung 
antoeift — benn pectus est quod facit veracem: im ®e- 
fül^I tourjelt and) bie aggreffibe Sßa^r^eit^liebe , n)ie bie 
blo^ negatit)e be§ „3iid^tlügenft)oIIen§" am SKitleib il^re 
©d^ranfe l^at. Unb bie ^jJräbicate, uieldfie mir einer 2)cnfc 
arbeit beilegen, bertjeifen mit mel;r aU bloö metaip^orifd^er 
Uebertragung eine aBiffen^natur be^ ^nteffect^, fo oft ioir 
j. 33. fagen, ein ©eifte^^^robuct jeuge toon SeiiDeglidjfeit, 
Sebenbigfeit unb t)or allem )i>on großer Energie be^ 
® enf en5 ; ba§ finb ja lauter Slttribute be^ Sßoffen^ f eiber. 
3Sä^len ioir bafür ben concretern Slu^brudE: größere Qpan-^ 
nung ber (Serebralfunctionen , erl^öl^te ©ei^irnt^ätigf eit 
u. bgl., fo treten ioir bem Slealjufammen^ang nur nm fo 
Diel nä^er. SEBer mit feinem ^enhn bem ©ebanfengang 
eineö anbern „nid^t ju folgen im ©tanbe ift", \ytxf)äU ftd^ 
ju biefem nidfit anber^, al^ ioer mit' feinen matten Seinen 
nic^t „mitfommen" fann ju bem, ioeld^er mit fräftigern 
Oe^toerfjeugen rüftig ijortoärtö fd^reitet: e^ ift ein Unter- 
fd^ieb ber ©tärfe unb ©d^rtJäd^e in ben beiberfeitigen Or- 
ganen. *) 



*) ^ScIbfitoctftänbUd^ Bleiben l^ier foIdf;e gätte gang auger S3e* 
txaö)t, too ba« S5cr|!änbni6 einer (Sebanfenrei^e öon bem gufätttgen 
Sefift getoiffer Äenntntjfe, einer Befiimmten IJcrminoIogic u. bgL ah<» 
l^ängig ijl. 3(nf))icUingen affer %xt ge^en ja für jebeiT verloren, b?r 



332 2)ie Sommumon§pto)}in3. 



Tua^oc unb bic damit fold^ett Serpitniffe«. 

SBic nun aber fr^fiaffifirt [id^ baS eiementartoefen 
unbeftimmten SBerlangen^ nad^ SBai^rl^eit jum flarbetoufeten 
Sntercffc an abgegrenzten fjclbern be^ SBiffen^ ober innere 
l^alb biefer an nod^ me^r inbbibuaüfirten Problemen? Offen- 
bar auf ber 33afiö be^ inbteibuellen d^arafterologifd^en 
©runbgebaltö ! 

aSie bie Suft Dor ©d^neetoetter am bunlelften ift, fo= 
lange noc^ bie amorphen fünfte d^aotifd^ bor ber ©onnc 
lagern; nie c^ l^eHer ioirb, ef;e bie gloden fallen; unb 
bann, für bic ®auer be^ gallen^, bie Suft fid) U)ieber 
t)erbunfelt: fo ift c^ im 9)lenfd^engeifte am bunf elften, fo= 
lange nod^ gar nid^t bie Probleme erfannt [ini aU ge- 
fteffte 2luf gaben; unb fo Hart e^ fid^ auf, ioenn crft bie 
rid^tige f^^agftellung gefunben ift; fo tritt aber and) ioieber 
9lebel ein, ber alle Umriffe t)erfd^n)emmt, bi§ bie Söfungen 
in Maren, njei&en — b. i. farblofen, t)on feinem xnt>i\)U 
bueffen 3BiIIen§intereffe gefärbten, nur t)om allgemeinen 
burd;leud^teten — unb» bod^ buntgeftaltigen antworten M) 
auf ben 33oben niebergefdjlagen (;aben — unb nun Don 
unten unb oben bie ©tral;len fid;, baö fd;iüad;e Sluge bleu- 
benb, freuten. — ®od^ gerfliefeen fie aföbalb toieber in 
bunfeln breiigen Äotl^, loo fie auf ein aufgen)cid)tc5, 
fd;mujige^ Grbreid^ gefallen. 3lnx ba^ reine unb fefte ©e= 
mütl^ bel^ält unt>erfe^rt bie l;eilige, fledenlofe SBeifee ber 
3BaI;rl^cit — ben anbern nimmt fie t)oIIenb^ ben legten 
§alt, felbft ba^ ©eftein alter ©itte jermürbenb. 3Jur ber 



lüd^t«^ bon bell 3)ingcii tocig, auf ivcld^c fic fici^ Begicl^cn. ©icr \)an^ 
belt ee \i(f} um bic gä^igfcit, ba« (nic^t bloö bcm) nacjgubcn!cn, 
rraö ein anbctcr ®ei(l un« öovbenlt, unb bicfc ^äiji^Uit ifl, jumal 
in ^JS^Uofo^j^ie uttb SWatl^icmati! (f. oben @. 9 fg. unb 14), ol^nc eine 
getviffe ?(usbauev im 2)cnfcn niemals toor^anben. 



Sajuifti! be§ inbit?iDuencn 5ßa^r()citgbrang§. 333 

ftarfe (Seift — esprit fort — fann fonber ?5äl^rbc ftd^ be^ 
fennen jum amicus Plato, magis amica Veritas. SBer 
trie ba^ Äinb mit bem leud^tcnben gcuer fi)ielt, gefftl^rbet 
eigene^ ivie frcmbe^ SBo^I — unb bodj ift bie finnlid^c 
greubc am Reffen geuetfc^ein !cin lebhafterem ©elüfte aU 
ba^ Xrad^ten beg aRanne^geifte^, ben ©c^Ieier ju Iflften 
t?or ben lodenben 3Jl^fterien. 5llfö auc^ öon biefer ©eite 
betrad^tet ift bie SBa^rJ^eit^begeifterung nid^tö Weniger aU 
ein etl^ifd^em Slbia^jl^oron. SBie unter Umfiänben im ca= 
fniftifd^en ©injelfalle bie fogenannte 9lotl^lüge bem SRitleib 
bienftbar erfd^eint, fo bleibt in affgemeinen ^nftitutionen 
ber ipia fraus eine ©teffe, it)o „bie ^add nid^t leud^ten, 
nur jünben fann". 3m Privatleben trägt jebeö jartere 
®emfit^ bered^tigte ©d^eu, einen mitleibloS um fc^ßne Siffu- 
fionen ju bringen — unb feiner ift jum t)oraum fidler, ob 
(Srf enntni^ ber SBal^rl^eit ©egen ober Unl^eil ftiften n)erbe. *) 
®er nad; SBal^ri^eit ringenbe gorfd^er fann barüber 
leidet bie näd^fte gorberung an fein SKitleib t)erfäumen — 
em fann ein gen)iffer egoiftifd^er ®rang nad^ rein fubjec^ 
tit)er SBefd^loid^tigung innerer Unraft ba^ eigentlidje Slgen^ 
feinem ©trebenm fein. — 3a, man fönnte unfern obigen 
©ä^en bam ^arabojonentgegenfteffen: bie ganj intereffelof e, 
reine SBal^rl^eitmforfd^ung fei i^rem 9Befen ^nad^ ein et^ifc^ 
Snbifferentem. Unb bod) tüieber feigen n)ir babei ein 
f d^it)ungt)off em , oj^ferfreubigem Tua^oc n)irffam. ©ofern aber 
^raftifd^e ^\ücd^ burd^aum fern gel^alten n)erben, affem 
rein tl^eoretifd^, ein blom tnnerl^alb bem 3!nteffectm SBor^ 
gel^enbem bleiben fott, fte^t bam ganje ^^im aufeer^alb bem 
^cxn^ ber 9Jlenfd^l^eit unb i^rer gegenfeitigen ^Relationen, 



*) "ahn öiidf; hierfür be(;nc man bic Sm^utabUitöt nid^t 311 n?eit 
Ottd: mv %Ud)9 fäet, fann bod^ nid^t bafür t)erantn>ort(id^ gemad^t 
merben, toenn i)txna6f einer fic^ an9 ber $eebe einen 2>ixid bre^t 
unb {i(^ baran auffniipft — fo fann ber ^d^rtftfietter an(ff nic^t für 
jebed ^ergernig auffommen, n^eld^e^ etn;a fd^n^adj^e ©eetcn an feinem 
©uc^e nehmen njerben — njarum greifen fic banad^? 



334 ^ie (Soinmuniong))ro)7in§. 

ift alfo au^ ein Slufecrct^ifd^e^, berül^rt ^öc^ften^ inbirect, 
niematö birect bic lebenbigcn Sejiel^ungen. auf bo^ gange 
Oetoirre biefer ©iaieftif fällt bann nod^ ein ©d^Iaglic^t 
t)on bem (Sefäl^te ^er, tpeld^e^ it)ie burd^ ein Unted^ttl^un 
gebrüift tptrb in ber Sßerfud^ung, bei anbem ol^ne ^in= 
reid^enben ®runb ©c^Ied^te^ ober auä) nur con\)enienj= 
mä^ig ©emi^billigteS toorau^jufe|en — ^. S. S^^f^^ ^^ 
ber SJirginität eine^ jungen 9Räbc^eng ju liegen. 6^ 
braudEit ein SBerbac^t gegen gar niemanb au^gefjjrod^en ju 
toerben, unb bod^ fann baö ®eit)iffen baburc^ tt)ie burd^ 
eine wn unö ^)ötengiett jugefügte Äränfung belafiet fein; 
aber einmal erregt, lä§t er fidj o^ne (Segeninftanjen nic^t 
toieber jum ©c^toeigen bringen, unb ma^ bann antreibt, 
fold^en nad^juf^)üren, ift bocb lool ba^ Oegenti^eil t>on 
nieberträd^tiger ©fanbalfud^t, ntitl^in fo toenig fittlicb gleidb- 
gültig n)ie biefe felber. Qietoon f}at bieKeid^t in ben mei= 
ften gäHen felber fein flare^ SeiDufetf ein , mx bem toirf= 
lid^en ©ad^ijerl^alt nad^forfd^t, toeil i^m fonft ber ^toü^d 
feine Siu^e liefee, — unb bod^ fann aud^ bann SKitleib ju 
®runbe liegen. 



4* ^ntemtesio: rnttü^f^m^ %nmiät in bie U^ttn 

I 

Unb tt)arum follten toir aufteilen, biefen 3wfammen= 
^ang t)on SBiffen unb SBoffen big in bie metaip^^fifd^en 
2;iefen ju verfolgen? — ^t ba§ 2) afein ba^ Siel be^ 
Strebend im MUm aU 35ing anfid^, fo ift — n)eil2)a = 
fein nur für ein ©ubject ift — ba§ eigentlidEie 3^^^ i>^^ 
SBoIleng ba^ ©id^^felbfi^jum-Subject^mad^en — furj: ba^ 
S3en)ufetfein, unb fobalb biefen erlifd^t, ift ein ^mä be^ 
SBiKeng bi^ auf n)eitereg Vereitelt. „2)er SBitte ftrebt nad^ 
®afein" l^eifet : ba§ ®ing an fid^ ift potentiä ftet^ fd^on 
Dbject, unb trägt jugleid^ bie 3Köglid^feit in fid^, ftet^ 
©ubject 3u toerben; ©d^effing = ipegerfdö au^gebrüdCt: bie 



3ntermcjjo: SWcta^l^^fd^c äuSblide in bic legten SBitlcnSjtocdc. 335 

©ubiianj brängt ium ©ubiect=fetn unb ijl — fo vnäifU 
man fd^ier toeiter tpt^eln — an fic^ ©ubjjecfePbjiect. SBenn 
aber betn SBillen ba^ Streben nad^ ©elbflobjecttoining 
iüefentlid^ ift, fo gel^ört aud^ il^m f eiber bie SCobe^fur^t 
an, in bem ©inne nftmlid^, ba§ er jxd^ fträubt, ba§ ein- 
mal Grreid^te, ba^ SBiffen um [ic^, lieber aufjugeben — 
unb nur ft)eil ber %t>h [o toirflidf! fein §aut)ttnterejfe, 
wmn audj nidjt fein blinbe^ ©ein felbfl, afficirt, ift e^ 
begreifltd^, ba^ bie 2^obeöfurd^t al^ eine fo ungel^euere 
SKad^t auftritt, toie fie ate blofee 2:fiufd)ung nimmermel^^r 
äu begreifen tt)ftre. ®ag Seben, b. i). ba^ a3ett>ul3tfetn, ift 
„ba§ l^öc^fte @ut", toeld^eö fid^ ber SGBitte ju erarbeiten 
öermod^t l^at — bat)on ftJiH er nid^t laffen, unb ber 2;obe^= 
mut^ige ober ber ba^ Seben (f o f agen loir beffer atö : ben 
SBiffen) SSerneinenbe l^at tbcn 58erjid)t barauf geleiftet, 
nod|f femerl^in bie^ Seben ju feigen unb barum ju ioiffcn, 
5Die ©infidEit, bafe „ba^ ©(iiauf»)iel, loeld^e^ ber SBiffe ficb 
felbft gibt", baö ©intritt^gelb — gefdjmeige „bie Äoften 
ber Sluffül^rung" — nid^t ioert^ fei, ift alfo afferbing^ 
eine Sebingung jene^ 5IRut^e§ unb ber Seben^toemeinung ; 
unb „id^ mag nid^t mel^r leben" l^eifet: „id^ mag biefej^ 
(Slenb unb biefen Jammer nid^t länger mit anfeilen, alfo 
auc^ nid^t in ber unmittelbarften SBal^mel^mung eigenen 
©c^merjeg länger füllen"* ®anad) t)erfä^rt jeber, ber 
„fid^ felbfi ba§ 2tbcn nimmt", — ber fagt bamit nad^ einem 
d^arafterifiifd)en 3lu^brud unferer ©prad^e: „id£> ioill 
nic^t^ mel^r toiffen" öon biefem ©rbenjammer — er 
toerad^tet ba^ l^öd^fle bem SBiffen erreid^ba.re 3i^l — ba^ 
SSetou^tfein — unb ber SKfcet fc^eint fid^ t)on bem gclt)ö^n= 
lid^en auTo'xetp nur baburd^ gu unterfd^eiben, bafe er ba^ 
Slnfertau nid^t burd^l^aut, fonbern in feine einjelnen ga= 
fern auftrennt, bamit e§ um fo fd^iperer fei, barauf toie-- 
ber ein nm^^ Sanb ju toeben, eine neue geffel für ein 
3nbit)ibuum gu bre^en. 3ft aber le^te^ S^d beg SBiffen^ 
bie ®rfenntniJ3, fo ift ba^ Trafos; 91X60090V ^öd^fte 8e= 
jal^ung be^ Sebenö, unb barauf erflärt fid^ bie ungel^euere 



336 3!)ie 6oinmunionS)}¥ot?tn}. 

SBel^emenj bc^ ßtlcuntnifebrangc« in ben mit beut nötl^igen 
SSBcrfjeug baju au^gerüfteten 3nbtt)ibuen. 35a fd^eut er 
fein D})fer unb Reifet ,,erl^aben", tt)eil er bem ^öd^ften ju- 
ftrebt. — S)enn ba^ „^atljo^ eineg ßl^arafterS", t)on bein 
bie Sleftl^etifer gern f!|)red^en, n)aö ift e^ anber^ al^ ba§, 
objecto aitgefei^en, t)ortoiegenbe 9Jlotti)', in ber SReaction 
gegen toel^eS alle anbern SJlotibe tt)irfung^Io^ bleiben, 
unb, t)on ber fubjectiben ©eite, bie ßigeni^eit, nur auf 
eine beflimmte Älaffe t)on aWotoen energifc^ unb nad^l^al= 
tig ju reagiren? Unb aud^ ba§ 5ßatl^o^ beö ®enfer^ ift 
leibenfc^aftlid^er SÄuflDallungen, affectäl^nlid^cr ©teigenmgen 
fä^ig. 2)en berül^rte nie ber SBeii^efinger einer fegnenben 
Jaffas, ber nid^tö ju fagen tt>ei^ toon einem SRaufd^ be^ 
(Seiftet, iDorin rafc^er n)ud^fen, fräftiger fic^ auffd^toangen 
bie gittid^e be^ ©ebanfen^. 3?id^t bem ©id^ter allein, audj 
bem Genfer finb fie befd^ieben, jene ©tunben, tt)o bie ©eele 
im Swftoii^^ einer erl^B^ten Slffimilationöfäl^igfeit lebl^after 
^)erci^)irt, fieserer unb t)ollftänbiger baS 5ßerci})irte xtpxo- 
bucirt al^ ime gett)ö^nlid^ — t)ielleid^t ftimulirt ijon ber 
jjerfönlid^en 3lft^e eine^ i^eroifd^en (Senium. *) ©^ folgt 



*) W>tx baffelSe gilt fo gut 16ei arbeiten 1>c« Sntettcct«, toetd^e 
er bircct a(ö grü^nbncr be« Sißen« gu i^erric^tctt l^at, tt)ie bei fold^en, 
»eldjie er fojufagen al9 fein eigener $err bcfd^afft, bem ®ef eilen gleid^, 
ber am geieraBenb für eigene 9{e(^nnng bied unb jened ausführen 
borf. Gd^riftfHldfe otter Slrt, bie h)ir im Oebränge eine« ^refftrt* 
feind, bon irgenbeinem ängern 3m:t>u(9 gel^egt, anfertigen, gelingen 
oft beffer, aU fotd^e, gu benen lotr tolle Tlii^t l^aben. 3n jenen 
gätten concentrtrt fid(> ba9 Sotten unb 2)enten, unb e« fletten pd^ 
guweiten Intuitionen ein, tt)o fonft baö biöcurfibe 2)enfen leidet in 
terYoSffernbe breite l^ineingerietl^e, n>S^renb ha9 intuitiv @r!annte nad^ 
fna^)}er ^räctfion bed I[u9brud^d bringt, fogufagen rectificirten ^pU 
ritud beflittirt. S)anad^ liege ftc( mieber fd^iiegen, tt>a9 fd^on früher 
bei Gelegenheit bed beutfd^en $(tegma9 M ber ©runblage gelviffer 
intettcctuettcr gä^igfeiten berührt njurbe, ha^ bie intuitive (Srfcnntnig 
in je ber il^rer gornten ber SBittenöqucttc nä^cr bleibt als bie ab* 
firacte — unb eben in fold^em ^iäl^erbleiben guglcid^ bie ©arantie t^rer 
griJgern SBa^r^eit bat. 3e abj!racter ein ©rfennen ijl — toie for 



aintermesjo : 2Rctai}^pfif(i&c SluabUdfe in bic legten SBiaeii§5tt)ec!c. 337 

bann nad^l^er gern eine um fo anbauernbere ©rfd^Iaffung 
— n)ie bei ben aWagnetifirteti — unb fo fd^eint bie^ unter 



male 2oQitt ®xammat\t unb Tlat^tmaüt nebfl aICem l6togen Tltmo* 
rircn — t>c(lo ferner hUiU t^ bem Sitten unb bc(io njeniger bebarf 
e« einer öon beffen Smpulfen anöge^enben Kräftigung. 2)a8 bi«cur* 
fiöe 2)enfen fud^t gcrotff ermaßen in ber g'^^S^^i^tis^wt feiner 2)ebnc* 
tionen unb bialcftifd^en ©^ntl^efen einen (Srfaft für ben fepern ^alt, 
hjeld^en ber Sntuition i^r naiverer Sufammenjang mit ber 9fiea(itÖt 
^txUii)t — unb fo er!(ärt fid^ and) bie Uel6errafd^ung , mit tt)eld;er 
man gutreilen Beim Slbf äffen einer biScurfiöen ^Darflettung gcnjal^rt, 
bag S)inge, toeld^c in beren SBerlauf M matte Srgebniffc au8 bem 
3lneinanberrei^en toon @o^ an @afe in f(^Ie:|):|)enben ©d^Iugfetten fid^ 
einfletten, tjon uns längfl anticipando auf bem SBegc ber Sntuition 
nid^t 6to8 erfaßt, fonbern irgenbtoo im^Iicite aud^ bereit« au6gef:|)rod^en 
toaren — unb ba« getoä^rt bic ^ol^e S3ef^iebigung, fid^ nici^t auf bem 
uferfofen Oceon ber 3lb(lraction l^erum^utreibcn. Unb toeit man ba* 
bei nad^trägtid^ pnben fann, ba^ fiö) l^nter einem einzelnen Sluebrud 
2)ingc verbergen, bie un« felber im Slugenblicf , njo uns ber ©ebanfe 
jucrfl eingefallen , unbewußt blieben, fo fottten n^ir niemals ol^nc forg* 
fame ^rüfun^ irgenbettoaö an ber gaffung änbern, in ttjetd^jer uns 
ein glüdlid^eö Sl|)ercu guerfl gekommen; fonft f:|?ielt un8 ber SBetter 
Sattl^orn affju leiiS^t einen ©c^abernatf, inbem er unö toerteitet, bie 
©orgüge ber crflen (Soncelption abjufd^iräd^cn, gerabc tt)ic ber naivere 
Umgang mit jemanb uns gern abbringt toom rid^tigen ^l^l^^fiogno* 
mifd^cn @inbruif, lüeld^en mir beim erften „unbefangenen" ^Begegnen 
Ratten. (So i\t bic 2lbn?efenbcit icbes SSorcingenommenfeinS für ober 
gegen eine ^a^z , njclc^e für biz urf^rüngtid^e, augerbafb jebeS f^fte* 
motifd^en 3wfommcn^angS cntpanbene gaffung bie SBa^irfd^einlid^feit 
gibt, ba§ fie frei fei i)on äff ben 9'^ad;t^eiicn , tt?el$c ©efangenl^cit — 
n?aS immer für Urfad^ fic b^bcn mag — mit fidfi bringt. 2)enn 
„^efangenbeit" befängt ont^ baß tiaxt ©enfen, baß fid^ fojufagen in 
feinen eigenen ^ertoirrungen fängt, fobalb nur bie SJeflejcion 3cit be* 
fommt, fid^ eingubröngen unb gu mäfetn an bem S^ara!teriflif(f;en 
unb 2:reffenben, hjaS il^re ^)ö f; er begabte SRuttcr , bie 5lnfd^auung, gu 
^age gebrad^t, — ober »)oI gar unter bem 35orgeben , „(Ergänzungen'' 
liefern ju ttjoffen, nur ©ntileffungen unb S^erl^ungungen einfd^wärgt. 
— ©ic i^m in 9lcbc flebenbc SBePgelung beö S)enfenS burcj bm 
SÖiffen erfahren njir aud^, fo oft im ©ef^jräd^ fofratifd^e ©ebanfen* 
mäeutif tüir!fam ivirb; nod^ beutlid^cr aber an bem Untcrf^iebe, ben 
es ma(l;t, ob ein ©ebanfe. uns guerft im briefUd^en ^erfel^r ober beim 
„einfamen ©rübcin'' gefommen; benn fd^on baS bloS toorgefleffte ^tx^ 
^ältnig gu einem beflimmten @m^fänger unferer !£)cnt:|)robuctc reid^t 
9al^nfen, (S^aralterologie* I. 22 



338 ^ie GDmmuntoni))ro)}m5. 

ba^ ju fallen, lüoöor, ate i)or bcni „SBud^cr bcr 3^^"/ 
©d^ojjen^auer*^ ,,^aränefen" n)arnen. ®cnn bicfc geit^ 
toeilig größere 2lnf^)aunung in bcr einen SRid^tung ber 
fieben^toiffen^energie fammt ber naci^folgenben ©rfd^Iaffung 
ifl mel^r afö eine blofee S^äufd^ung bei Setoufetfein^ (beren 
(gntftel^ung in ^Betreff ber Ie|tern [id^ ettoa fo erllären 
/Kefee, bafe anbermeitige reid^e Slnregungen ba^ ©emeim 
gefül^l üerl^üllt l^ätten, fobafe biefeg, folange bie lieber^ 
anftrengung felber bauert, nid^t baju gelangt to&xe, ber= 
felben inne ju tt)erben) — unb barin tbm liegt bie 
®Ieid£>artigfeit biefe^ 3"ftcinbe^ mit bem in Slffectmomen- 
ten: toa^ toir bei beffen ^Betrachtung aU ba^ SBef ent= 
lid^e erlannten, ift e§ aud^ l^ier: geftörte^ @leid^gett>id^t im 
Softem ber 3lffluEe. 3lber ba^ tt)ürbe nid^t möglid^ fein, 
menn nid^t ba§ ^erj mit im ©piele iDäre, tvmn nxd)t 
jum tpal^ren, ed;ten gorfd^en, ba^ mel^r ifl ate Slufftöbern 
t)on matter of fact, and) eine ©emütl^öbetl^eiligung uner= 
l&^lid) tpäre, n)enn nid^t baö pectus est quod facit phi- 
losophum aud^ feine SBal^rl^eit l^ätte — foba§ lie ©!j3ötter 
il^re Slbfid^t fd;iled^t erreid^ten, aU fie baö t)ierte SBu^ be^S 
©d^oipen^auer'fd^en §aui)tit)erl^ einen „l^rifdEien ®rgufe" 
nannten — benn e^ ift biefelbe SBegeifterung , it)orin bie 
^öd^fte ©ipeculation unb ttjorin bie fi^rif aU in i^rem £eben^= 
element at^met: ber §aud^ be^ ©toigen! 

2lU)5brudEgit)eifen iüie: „ba^ fiid^t ber SBelt erbliden", 
„bie ©onne nidfit me^r fel;en", — „ber bunfle Drfu^", 
unb ®ic^tern)orte n)ie: 

2öa« foHfl bu fel^n auf biefcr ®clt, 
2Ö0 fiel« bie "iflaöft ben (Sieg erhält? 

bezeugen, ba§ bai^ SBetrufetfein all lefeter ^tücd bei SBiffeng 



()in, bem S3[u$bru(f bcrfelBen eine befonbere grifc^c unb trcffcubere 
^d}lxx\t gu deben, unb alle« ti)trb lebhaftere 2:tnten anne^imen, al9 tc^o 
un« beim S^ieberfd^reiben „ber ©err ^ublicu«'' in ungeflalter ^ie(» 
geflaTt Uo9 borfd^tt>ebt. 



3[iitermei80 : 2Reta^i]E>t)f#eS(tilbßdc in bic legten ffiiaengjttjedfe. 339 

gefüi^lt lüirb; — unb nur ba§ gefättigte erfennen, b. 1^. 
einfielet in bie 2Bertl^lDfig!eit bcr SBelt, fd^lögt auf ber 
§öl^e in SBerneinung um, bie freilid; if)x ©egengetüid^t be^ 
l^äft an ben niebern ©trebungen be§ aSittenS, blo^ ju 
leben. *)*— ©o befeitigt fi^ ber 2Biberf^)ru(I|, bafe ^ßoefte 
unb ^l^ilofoip^ie jn)e(Jto§ unb bod^ ba^ aJlenfd^enlüütbigftc 
finb; — il^nen mujs offenbar ein etl^ifd^er SBertl^ inne= 
ttDol^nen — ba^ beftätigt aucl) bie inftincto toorjug^lreife 
il^nen unb ben i^nen gebratf)ten Dipfern gewollte 3[d^tung 
tt)ie bie SSerad^tung gegen if;re ^cxä6)tex, atö bie ?tiof)m 
par excellence. ®ie fogcnainiten l^öl(icrn, b. b. attgentei^ 
nen, geiftigen, ^ntereffen Derljalten fid; ju ben gemeinen, 
„materietten", \m ber genie^enbe Steid^e jum barbenben 
@eijigen — benn aud^ ber finnlid; ©a^intaumelnbe madbt 
gum 3^^d ba^ „Seben", lueld^e» bod; nur SKittel ift ^^nm 
©rfennen. ©o He^e fid) bie ©m^jfinbung^Ioftgfeit be^ @el^irnf> 
ba^in beuten: bem Drgan be^ 3nteKect§ tüoffte ber aBiffe 
e^ red^t leidet mad;cn , feinen Functionen nadEijugei^en, rt)ie 
ba§ aSolf e^ bem ©taatöoberl^au^t Ieid;t mad^t, für anbere 
ju forgen, inbcm e§ baffelbe aller ©orge für bie eigene 
©jiftenj mögli^ft cntl;ebt, unb i^m fein ©afein fdEimerjlo^ 
ma^t, bamit e§ nid(|t in feiner 2^^&tigfeit gcftört tüerbe 
— unb n)ie ber ebelfte 3Ronard; am el^eften baran t)er= 
ämeifelt, ba^ SBo^l feiner Sölfer grünben ju fönnen, fo 
getoal^rt ba§ ebelfte (Sel;int juerft be^ ®afein§ aSßertl^Iofigs 
feit unb Gemeint e^ bemjufolge. SBie aber ber egoiftifd^e 
3^^rann nur baju ben 5BoH^tüo^lftanb förbert, um barau^ 



*) 5(n bie« fli»öt 0"» ^^^^^ ^iattiö) jii ^^veb. 11, 7, bemerft 
(a. a. C, @. 503) : „3u ben guten j^agcn tfi ba8 Sid^t füg unb ben 
Singen bie @onne liebUd^ anjufel^en ; . . . . nne eö au^ bon ben (ärj^ 
toötetn l^eigt, baß Jie im HIter beö Sebenö fatt ftaren, ba il^re 21 u* 
gen bnnfcl fturbeu", unb ^u SJer« s: „S)ie S33eUn>cifen reben unb 
fd^reibcn toon ber ©lüdfeligfeit biefe« ?eben3 gemetniglid^ in bem=» 
jenigen SlUcr, ba fie nod^ in guter ^eriobe ftnb; bal^cr tommi e8, 
bag alten acuten bie SCßeltnjeiöl^eit gemeinig(i(i^ mager 
unb fraftio« borfommt." 

22* 



340 S)ie SomntunionSprot^ms. 

feine eigenen Sd^afefamniern gu fütten, fo bient ber t)ut 
gäre Sntettect nur ben näd^ften ^\ütdm be^ Organi^mu^, 
o^ne fid^ baju ju erl^eben, ba^ er einfe^e, toie ber Seib 
nur be^ ©e^irn^ n)egen ba ift, alfo bie niebern Functionen 
be^ Sntettectö nur ber t;öd^ften — mittelbar burd^ erl;al- 
tung be^ £eben^, \vk unmittelbar burd^ 3wfö^^^i^ emi)iri:^ 
fd^en ©toffe^ — bienen foHen; unb in bief em Qinnc !ön- 
nen wiv m^ fe^r iuol^l ben ©a| 0,®ie SBelt afö 3Bille imb 
SBorftettung", 2. 2lufl., II, 503; 3.5luft., ©.570) gefaffen 
laffen: ,,ber organifd^e Seib fann angefe^en toerben aB 
9Jlittelglieb jtoifd^en bem SBiHen unb bem ^nteUect"; näms 
lief; für i^nm ju biefem ate feinem ^kU hinüber. 

dagegen ge^en tvix ber teleologifd^en ?5affung beffer 
au^ bem 2Bege, n:)o bie SSerneinung in SBetrad^t !ommt. 
3Bie ©d^D:|)enl^auer gef^)räd;^tDeife gegen grauenftäbt (t^gl. 
beffen „ärt^ur ©dbo:|)en^auer. SBon il^m. lieber i^n", ©. 152) 
ben SBiUen einem SBanberer V)erglid^, ber mit feiner Sa- 
tenie fid; !t)lö|lid^ \>ox einem Slbgrunb fielet unb nid^t tt>ei- 
ter JU ge^en fid^ entfd^liefet — alfo il^m felber unijermu^ 
tl^et ba§ Velle in ein Nolle umf dalägt: fo luerben toir 
überl;au^)t bie SJerneinung nid^t aU ^totd, fonbern atö 
ein itjm felber unerwartet fid^ einfteHenbeä 6rgebni§ ber 
®rfenntnife ju begeid^nen l;aben. S)iefe ©rfenntni^ fann 
im ,,2;ugenb^aften ", im ,,©efül^l=", b. 1^. SWitleibtooBen in- 
tuitii), b. f). o^ne 5lbftractiün, ju ©tanbe fommen; aber 
aud^ in fold^em .galle bleibt e^ im ganjen bod; ri^tig, bajs 
eö ba^ Jlefultat feinet ©rfennen^ — gleid^toiel in toeld^er 
gorm — fei, toa^ ben SDiafeftab für ben etl^if d;en SBertl^ 
be^ Sn^i^ibuum^ au^mad^e. 9Jiit toeiterm Slu^blidE aber 
gewinnt berfelbe ©ebanfengang biefe gormulirung: bie 
Sluffummirung be^ SBetoufetfein^ in ber ©efd^id^te unb i^rer 
S^rabition fü^rt bem SBiUen^jiele immer mel^r entgegen: 
feiner ©elbfterfenntnife, unb bie in il^r bor fid^ gel^enbe 
intettectueHe „Sßeri)ollfommnung" ift bollpänbig au^reid^enb 
für ba^ \üaf)x^Qxd be^SffiiHen^, ja, bon birect „etl;ifd^er 
SBebeutung", wä^renb bem 2Bad^fen in „guten SBerfen", 



Qntcrmesjo: 3Ketaj)]S)9fifc&e %\i^Uiät in bic legten Wxüm^totde. 341 

bcr im engem Qinnt fogenannten ©ittlid^Ieit unb ben %oxU 
fd^ritten in i^r, nur eine inbirecte jufdme. — Unter bie 
^oflulatöbegrünbungen für bie Unfterblid^feit tüäre bem^: 
mdf afferbing^ ba§ „SBad^fen in ber er!enntnife" mit auf= 
june^men, unb e^ ate eine 33ef darauf ung ber 3)lad^t beS 
äBitteng anguerfennen, bafe er fo feiten red^t begabte 3n- 
bit)ibuen i^ertoorbringt unb biefc burd^ baS SSerleil^en einer 
nur furjen SebenSbauer in ber Unfäl^igf eit beläfet, i^r 3iel 
ju erreichen (momit a. a. D., ©. 608; 3. 2lufl., ©. 698 fg., ju 
öergleid^en). SRun mufe er immer neuen Slnlauf nel^men, beffen 
©elingen jmeifel^aft bleibt. ®er Xoh ift unb bleibt ba^ 
testimoüium paupertatis für ben SBBiUen, mögen toir biefen 
nun aSBiffcn „jum S)afein" ober „jum S3ett)u|itfein" nennen; 
benn toenn anä) nid^t bem ©ubject be« ©rfennenS — in 
feiner abfiracten So^trennung — am ©rfennen „gelegen ift" 
(a. a. D., ©. 503; 3. 2luf[., ©. 571), fo boc^ bem SBillen 
felber bejlo mel^r. S)egl^alb emipfinbet biefer beim Sterben 
aud^ einen ettoa^ grünblid^ern ©d^merj aU ioie jemanb, ber 
blo^ einen beliebigen treuen Wiener berabf d^ieben mufe. §ätte 
©d^oj)enl^auer erfal^rung^mäfeig bie @l^e beffer gefannt, er 
ioürbe lüol lieber an^ biefer feine SBergleid^ung genom= 
men l^aben; tod^ er bod^ felber in feiner „3Retai)^^p! ber 
©efd^ied^t^Iiebe" i)on ber ^eftigfeit be^ ©rgänjungSbebürf- 
niffe^ gu fagen, nad^ toeld^em ebm biefer beftimmte SBittc 
mit biefem befümmten Qntettect ftd^ gatten loiff, unb nac^ 
feiner eigenen ©rblid^feit^tl^eorie ift im ©injelnen beffen 
SBillc feinem Sntellect red^t eigentlid^ „angetraut" unb 
„cüt)uUrt", fobafe, too SWann unb SBeib toirflid^ ,,juein5 
anber ipaffen", fte fid^ genau jueinanber »erhalten, toie ber 
SBiffc gu bem gerabe il^m conformen ^nteffect; unb toie 
unter el^efid^en S^ift^« i^t>^t: 2^^eil um fo me^r leibet, je 
ebler er ifi: fo emj)finbet ber ebelfte ß^arafter am fd^merg- 
li^ften ben 3^iefi)alt jmifd^en feinem SBiffen unb SSillen 
— unb ber toon ©d^o:|)enl^auer f^Jäter aufgegebene 2luö- 
brud feiner 6rftling§manufcri))te: „baS beffere Setoufetfein" 
für bie Queue ber ©elbfiberneinung tpirft nod^ immer m 



342 S)ie 6omniuniott§)>co)>in5. 

Sx6)t juräd auf bie S)tö^armonie ber Reiben ^^®efe|e'^ in 
uttfcrm 3nnern. 3eber ©d^merg, fd^eiben gu muffen Don 
bem, tüomit man fid^ „fftr^ Scben t)erbunben" *) , ifi öon 
allm bcr grünblidjfie: ba^ Snnefein bcö ©träubenö gegen 
ben ©ebanfen, auf ba§ mü^famft ©rrungene tefigniren ju 
fotten. Unb aUe^ toa^ fo ax\^ ber X^atfai^e ber Xobe^^ 
furd^t fid^ bebuciren läfet, barf bie Sluerfennung V)on nid^t 
ioeniger .§altbarfeit anf))red^en löie bie Segrünbung ber 
Gt^if burd^ bie S^^atfac^e bc^ 3)litleib^, ate unmittelbaren 
3lu^brudf^ be§ Tat twam asi; benn jene^ ifl einfad^ bie 
Äel^rfeite tjfierju, unb änbert ebenfo toenig ctioa^ am m^i= 
liftifc^en 6rebo. Xmn \va^ ber SBitte mittete be^ gangen 
®rfenntni§a^)i)arat^ fennen lernt, Ift ja bod; nid^tö ate 
fein eigene^ nid^tigej^ S^reiben, unb \m aud^ fein lefete^ 
3iel: ©rfennen, i^m ate ein enblo^ l;inauggerüdte^ öor^ 
fc^lüfbt , — fein gangem ®m unb 5C§un alf o nid^tig ift. 
SBer mag'^ i^m ba üerbcnfen, bafe er fic^ f eiber „ate fid^ 
betou^tem 9?id^t§" nidjt in^ 3lngefi(^t fd^auen mag; ba^ 
er fid^ abivenbet \>on bem 9lnblid feiner felbft; bafe er fo^ 
gar ^tx^txnmnQm fud;t, um biefe 3?id^tigfeit lieber mit 
ein Jjaar bunten Sa))i)en gu ijerJ^üUen, ate fo gang nadt 
unb blo§ gu f el;en ; — ba| er gu feiner f ubftantieffen 3lid^= 
tig!eit aud^ gern ba^ Jjl^änomenale SRid^t^ im 2^Dbe l^ingu- 
fügt? 3m leeren Stxn^ l^erumgebrel^t fül^lt er ben Xot) afö 
ba^ eingig SBal^re unb 2Bal^rl^afte (©^rlid^e), SÄeale unb 
Sieelle an bief em ®auf elf^jiel ; unb bie Sl^nung f old^en ®r= 



! *) ^gJ. gaufl, stoeitcr Zifdi: 

i .... no(!^ ttiemonb fonnt' ed f äffen, 

^ie ®eer unb ^tih fo f^ön jufammen^affen , 
®o feft ft(!^ J^altes aU nm nie ju fc^eiben, 
Unb bo(i ben Sag ft(^ immerfort t)erleiben. 
©obonn — 

9Ret)§ifio|)^eIe9. 

• ^alt ein! i(^ tooltte lieber fragen: 

2Barum fid) ^ann nnb $rau fo fc^lec^t t^ertragenV 
ü^n Tommfl, mein O^rennb, l^ierttier nie in9 Steine. 



gortf. S)ie in 2tnfpru(j^ genommene Sonberftellung be§ ®enie§. 343 

gebntffe^ mag \)tcle abl^altcn, bemf elften mit Harem 2)enfen 
feft in^ Stuge ju bltdfen — ba^ ^offnungölofe be^ ©trebenö 
lüirb nod^ lieber an fleinlid^ t^ergeblid^en SBemü^ungen er^ 
fal^ren, aU ba§ bie l^öd^fte Stnftrengung an ha^ in feinem 
legten ©rgebnife ebenfo nid^tige gi^l beö ©rfennen^ gefe|t 
merbe. Äurj, ber SBiffe gelangt fc^liefelid^ unb im beften 
galle ju ber ©infic^t, bafe er meiften^ — in ber unorga^ 
nifd^en unb untermenfc^lii^en 3iatur au^nal^mglo^ — im 
bloßen SKngen um^ aJlittel t^er^arrt, unb jule^t aud^ ber 
3n)edE felber nid^t mel^r tuertl^ n)ar ate bie SDWttel — f)iiä)^ 
jlenö ein nid^t ganj f o mfi^felige^ ©^)iel toie „ ©rl^alten be§ 
eigenen 3;nbit)ibuum^ unb ber SBrut". — Qf^be anbere 2^eleo- 
logie be^ 2^obe^ — jur Seilte unb „ßrfrifd^ung" be^ SBiUeni^ 
— a. a. D., ©• 505; 3. 3tufl., ©. 572 —bleibt eine l^rifc^e 
^^antafie — unb entftammt bem SBemül^en ©c^oipenl^auer'ö, 
ber Gonfequenj au^juh^eid^en, ba§ in ben SSßillen felber bie 
D^nmad^t ijerlegt n)erbe. ®em gegenüber möge man biefe 
3lbfd^lt)eifung ate eine metai)^^fifd^e 5ß^antafie, aU eine 
SSariation über ein ©d^oi)enl(iauer*fd^e^ S^^ema anfeilen. 



5* t^ortfe^ung. Sie in ^nffirud^ genommene Sonbet^ 

ftedimg bts ®mt8. 

2Bir feieren iiim näl^ern ©egenftanbe biefei^ Slbfd^nitt^ 
unb be§ i)orle^ten ^apiUU jurüdt, um in^befonbere nod^ bie 
grage ju erörtern, ob nid^t an^ ber Stellung be^ SBal^r^ 
l^eit^brange^ ju ben übrigen etl^ifd^en tcoc^t) .in ber 2^l^at 
fic^ ettua^ ergibt, \va^ für ba^ ®enie einen ejceiptionellen 
©erid^t^flanb, ein eigene^ moralifd^e.^ SJribunal befonbern 
gorum^ gu etn)aj3 meljr al^ bem Slnfprud^ ber Stürmer 
unb ©ränger auf 5ßrit)ilegien ber 6a))rice mad^t. ®ie 
fonft nid^t gerabe an genialen ®Etra\)agangen laborirenbe 
beutf^e ^polijeiorbnung l^at bem Seben^alter, toeld^e^ 
©d^ot)en^auer ba^ geniale nennt, eine fogenannte afabe^ 
mifd^e greil^eit einjurfiumen für nötl^ig befunben, m bie 



344 Sie Sommuuion3))rot>ini. 

Sugenb i)räfunürbarertt)eife fid^ mit einem nid^t ganj or- 
binären Qntellect jufammenfinbet. ®ern tüollen toix barin 
bie aRanifeftation jeneiS naitoen SBoIfeinftinct^ betounbem, 
toelc^cr felbft ba nod^ jutoeUen burd^brid^t, too bem SSoIIe 
mögüdE^ft entfrembete 5perrüfenl^äitpter mit ber gormulirung 
beffen, toa^ 3led^t, u^p. SSorred^t fein foff, betraut tt)er= 
ben; toir moEen nidE^t unterfu^en, tuietoeit aud^ biefer 3«= 
ftinct fi(^ aU ein trüglid^er erliefen — toir Motten einfad^ 
bie 2;i^atfad^e conftatiren, bafe je „ i)l^iUftröf er " *) ba^ 
Bürgerlid^e Seben fid^ geftaltet, befto energifd^er allemal 
bie SReaction toon feiten berer auftritt, tweldje bie tl^eore^ 
tifc^e Seite bej^ Seben^ ^öl^er ftetten aU bie j)raftifd^e. 
3n geiüiffem ©inne ift ja aud^ toirflid^ ba^ SReic^ be^ rei- 
nen aSiffen^ //nid^t t)on biefer SBelt", bie, in Slotl^ unb 
©orgen einfd^nürenb, bem Sterblid^en n)enig Äraft unb 
3Kufee i)ergönnt für. fo „ un})raltif ^e-^ " Seginnem So 
fd^eint mit einer Slrt t^on Jlot^toenbigfeit iu^befonbere ein 
leidster Binn in finanjieEer SBebrängnife ju ben faft uner= 
lafeU^en 3lequifiten einer genialen 5Watur ju gel^ören — 
unb n)ie männiglid; befannt Jjftegt unbefonnene^S ©d^ulbeu- 
madjen ba;3 ®rfte ju fein, toomit @d^auf^)ieler unb anbere 
„^ünftler" i^ren 5Cribut i)on ber ^a\)l ber „gröl^nbner" 
glauben einjie^en ju muffen, bamit man an i^rer „©en= 
bung" nidjt jtoeifte. Sag §egel ni^t ber einjige 5ß^iIo= 
^opf) getoefen, ber nad^ bem S^^iS^ife bon Siofenfranj in 
feinem „Seben ^^egel'^" feine ^au^J^altungöbüd^er ftet^ in 
Drbnung ge(;abt, ift babei ju ignoriren bequemer; gerabc 
fo tt)ie man nid;t gern an ©c^itter';^ SBort erinnert toirb: 
„ba^ @mk^ ba^ ifl bergleife"; benn fol^ ein geilen unb 
Umgeftalten ber gorm, fold^ ein „auf bie ©olbtoage legen" 
jebe^ einzelnen Slu^brud^, tüie e^ größte ©enien nöt^ig 
gefunben l;aben, barf man ben genialen ©intag^fliegen 

*) 2)a8 SBort ganj im (Sinuc ^dfopzn^autx^^ genommen — 
na^ ber 2)efinitiott ^arerga, 1. S(uf(., I, 326, öerglici^en mit ©tctten 
toie ®ic2Bctt de SBiffe mib ^Borpettung, 2. $lufr., 1,577 fg.; 11,396; 
3, %n\i., I, 611 ; II, 452. 



Sottf. S)ie in 3(nfpru(^ genommene SonberfteÜung be§ ®ente3« 345 

bod^ nid^t gumut|icn, ober gar emj^f eitlen — ioo bliebe 
innert bann bie3rft, aud^ nur eim einjige 3^1^ ju ©tanbe 
ju bringen? ©ie Vertrauen lieber ber SBal^rfd^einlid^feit, 
bafe in ben Äö))fen be^S ^^Jublifum^ nod^ ba^ 3Rärd^en \>o\\ 
einer licentia poetica f^)ufe, unb toagen barauf f)in jebe 
3!ncorrect^eit, feitbem ©d;iller beren Slbtoefen^eit für ein 
i)erbäd^tige^ Qü6)m erflärt i^at.*) 2Bir armen 2llltag§- 
menfd^en l^aben freilid^, n^enn h^ir in einem eleganten ©til 
einen ®rammatifalfd^ni|er entbeden, ganj benfelben &n= 
brud, toie \omn man an einer iprftc^tig au^ge))u|ten SSaH- 
bame ein Sod^ im ©trumj)f bemerft; aber bem „Oenie" 
toirb ^alt ein;5 toie ba§ anbere nad^gefel^en. 3lur ber 
nüd^terne ^ottänber mad^t feine Umftänbe, fonbem fertigt 
alle Sieberlid^feiten feiner 9Raler — h^ie ^an ®teen*ö — mit 
bem ©jjrid^toort ab: ,^e grooter ©eeft — je grooter Seeft", 
tt)iber beffen 3?erbeutfd^ung : ,,3e größer ©enie, je ärgeres 
SBie^" toenigftenS ber flammtoertoanbte Dfifriefe g. 6. 
©d^loffer nid^ts toürbe einjumenben gel^abt ^aben. 

®S läfet fid^ jener 2lnfi)rud^ auf me ejemtion^juri^s 
bictiou alf nur tinbiciren auf ©runblage einer ^ßarticular^ 
et^ü, nad^ toeld^er bie SSal^rl^eit unbebingt über bem 3Wit= 
leib ftänbe. 

®^ ift mir be^l^alb, nad^bem id^ längfl auf eigenem 
aSege biefer t^^age nad^gegangen n^ar, befonberS intereffant 
getoefen, ju fe^en, toie aud^ l^ierüber ©(^o:|)enl^auer eine 
efoterifc^e 3Dleinung gehabt l^at, beren SSeröffentlid^ung er 
erft nad^ feinem 2^obe geftatten sollte: bie 3Kittl^eilungen, 
tt)eld^e grauenftäbt in ben bi^l^er erfd^ienenen beiben ©amms 



*) 2)a6 ®6)opzni)aütx in fpätcrn Salären Sagb mad^lc auf alle 
0))uren etne9 li3erfalld ber ^^xaäft unb in gal^Uofen ^axiationen fei« 
nen 3^^^ barüber ergog, mirb auäf für eine berjemgett ^eugerungen 
feiner 3nbtt)tbuantät gelten muffen, n^eld^e neben einer fiarl fnb« 
jectiüen Beigabe ein bem X^pvL9 ^efentlici^ed entljialten. !2)id^ter 
unb 2)enler n^ollen am n^enigfien il^r Tlattmi unb ißt^iUl flti^ ber« 
l^ungen laffen; ed ftnben r<^ i^ ^^^ t)on ^oetl^e ^ufjeit^nungen ganj 
ä^nlid^er %xt. 



346 2)ie (Eontmunion^^ro^inj. 

lungm an^ bc^ aReifler^ 3laä)la^ gegeben, fommen toieber- 
f)t>lt auf bicfen ^unft ju f))re^en. 2Scr ober ©d^o^en= 
^aucr einigermaßen fennt, toirb mit mir fiberjeugt fein, 
bafe niemals bie blofee ©c^eu, beim ^ßublif um Slnfiofe gu 
erregen, ii^n i)enno(i^t l^at, irgenbeinen ©a| ungebrudt gu 
laffen: toaö er jurüdlegte, ttjollte er enttoeber nod) längerer 
Prüfung i)orbel^alten, ober im Slu^brudf nod^ forgfamer 
feftftellen, unb tva^ er nid^t ber SBelt jum befien gab, 
l^atte für il^n nur ben SBertl^ einer anfed^tbaren 5ßribat- 
meinung. kmi) infofern l^aben feine ©ebanfen- Samm- 
lungen junäd^ft ben ß^arafter eine^ ^)l^ilofo:|)l^if(i^en 2;age= 
bud^g — finb ©elbftgefiprädE^e, an ioeld^e toir nid^t ben= 
felben aUafeftab legen bürfen, loie an ba^, toa^ auf fein 
eigen ©el^eiß an^ i?ic^t getreten ift. Unb n:)a^ er in feinen 
leiten Seben^tagen ju feinem greunbe fagte, „er l^abe 
jum menigften dn reinem inteUectuelle^ ©emiffen" *), ba§ 
werben toir aud^ l^ierauf an^t)enben bilrfen. ®r tüar biel 
ju gelüiffenl^aft, um ber SBelt i)rei^jugeben, tt>a^ if)m 
felber nod; irgenbluie än)eifell^aft war — imb mod^te er 
„sie sauTov" bie ©elbftanf lagen wegen pttlid^er SBer- 
irrungen burd^ bie S^^eorie t)on einer über bie geh)öl^n= 
lid^e SKoral l^inau^liegenben 3lufgabe be^ Oenie^ ju be= 
f^lüid^tigen fudjen, fo benjeift un^ beren iRid;tt)eröffent^ 
li^ung ebm nur, ba§ er ftreng genug gegen fid; felber 
rtjar, um fid^ aud^ ba^ ne clixeris quod dubitas jur 3*id^t= 
fd^nur ju nehmen. ®ennod; bel^alten biefe ©elbftbefennt:: 
niffe für nn^ ben SBertl^ eine§ toiffenfd^aftlid^en 9Jlateriafö, 
fofem fie jeigen, tvk im eigenen Äojjfe be§ Url^eber^ nn- 
ferer SJJletapl^^fif ©rtoägungen unb donfequenjen Betritt 
fanben, toeld^e fid^ nai^e genug mit ben ^^:|)Ot^efen unfern 
vorigen StapiUU berül^ren. 



*) ;®tt)inner, Slrtl^ur ^dfoptn^antx au« Jjcrföttltd^em Umgang 
bargcflefft (8cipai9 1862), @. 224. 



®efaf)ten cinfeltig intcHectueüer Sluäbtlbung. 347 



6. ytaüftfftUt htx einfeitig inteOectueOen ^usBtlbitng für 
ben dtfaxalttx aU ju emerknben* 

aSie toenn i^m ba^ SBort „©idcftif" burd^ §cgcl 
obiö^ gcn)orbcn, ))flegt ©d^oi)enl^auer baffelbc pi t)etmeiben 
unb fjjri^t lieber öon einer fte^enben „Dj)))ofition§t)artei" 
in feinem Äoijjfe, unb ber ßrbe unb Herausgeber feines 
Slac^laffeS t^uf S i^m nad^ unb erjdl^It bloS („Slrt^ur ©d^os 
i)enl^auer 3Son il^m. Ueber il^n", @. 426 fg.) üon bem „®e= 
liberatiüen" in feinem ©eifte. UnS binbet fold^e Slildtfic^t 
nid^t, unb fo nenneft tt)ir eS getrofi eine bialeftifd^e Sintis 
t^efiS, jufolge tDeld^er aud^ baS 5Ber^ftltni§ ber intetteo 
tuetten jur moralifd^en SluSbitbung feine Äel^rfeite f)at, 
unb bem ©a^e : Selüufetf ein ifl Ie|ter aSittenSjtoed — ber 
anbere gegenäbertritt: ber fd^limmfte geinb fittlid^er ©elbft^ 
ergie^ung ift einfeitig intettectueHe 2luSbilbung. 

3)eitn, ganj abgefel;en i)on,bem urft)rünglid[;en Orabe 
ber inteHectuellen Begabung, bie auSfd^IiefeUd; t^eoretifd^e 
Sefd^äftigung bringt nod^ eine anbere fittlid^e ©efal^r afö 
bie für baS ®enie aufgemiefene mit fid^: pe lä^t ben ©l^a- 
raf ter ungeübt. ®er blofee ^ei§ im Semen mag immer^ 
l^in für ben ©d^üler als ©d^üler eine ßarbinaltugenb 
I;ei^en, toer'S aber feine Sebtage nid;t toeiter bringt, bleibt 
chtn ani) fein Seben lang fittlid^ unreif, „fd^ülerbaft"; 
unb tomn nid^t bem Seigrer baS ©d^ulleben felber ein 
©orrectit) böte, baS i^n jtt)ingt, ju anbern 3nbit)ibuen 
eine ©teHung einjunel;mert, fo toürben bie SSelege für bie^ 
fen ©afe nod) fläglid;er ausfallen gerabe bd ben irgenb^ 
toie ^)l^ilologif d^ Sef d^äftigten ; benn meiftenS beftimmte bief e 
bei ber aßa^l il^reS ©tubiumS „bie füfee ©etoo^n^eit bes 
©afeinS" in ber ©d^ule, bie bequeme ©elbftloftgfeit, mit 
tüdijex ber Sernenbe fid^ ^)affit) i^er^alten fann ju bem i^m 
bargebotenen ©toffe, möge biefcr nun mittels ber vox viva 
ober in ©ejlalt t)ergilbter ßobiceS unb ?ßalimit)fejle il^m 
nol^e gebrad^t »erben. S)em ft)iberfprid^t aud^ nic^t bie 



348 2)ie (Eommunioit3))to)}in|. 

SBibcrl^aariglcit, tocld^e man t)ielcn aRitglicbern biefer 
3unft nad^fagt; benn nur totx SSelt unb SRenfd^cn nid^t 
fcnnt, fieift fid^ felftftgefällig unb eigcnfinnig auf feine bot^ 
nirte 3nbit)ibualität. ®ar nid^t feiten finb in unfern Xa^ 
gen med^anifirter ©c^ulbreffur jene 2cnU, bie innerl^alb 
einer geftedtten grift ben 3Dlagen i^reg ®eijle^ „pd^ öoll- 
f dalagen" (toie ba^ Solf wm gebanlenlofen ^x^^tx fid^ 
au0brädEt) mit bem ©toff, toelc^en fte für irgenbeinen 
3tt)edt — meiften^ für ein d^inefifd^e^ 3RanbarineneEamen — 
gerabe ,,braud^en", unb bie bann — fei e§ infolge dunerer 
Umflänbe, fei eg t)ermöge ber ©c^toäd^e il^rer intellectuellen 
aSerbauung^Iraft — in^ ©todEen geraH^en an bem ^ßunfte 
i^rer Silbung, ft>o bie Steife eintreten, b. f). baiS abftract 
©rlcrnte in ein anfdbaulid^, nid^t blo§ begriffttd^, SSerfiam 
beneg fid^ umfefeen foHte — unb fo üiel fie nun aud^ 
fj)dter auf bemfelben med^anifd^en SBege nod^ julerncn 
mögen: alle^ bemeffen fie in i^rer Urt^eitölofigfeit nad^ 
ben paax Gegriffen, toeld^p i^nen öon irgenbeiner 3luto= 
rität jugeflöffen finb. Ueber baS a)ivo<; 29a bringen fie 
e§ nie i^inauS, unb fie ipebantifd^e 5princi))ienreiter gu 
nennen, ^ie§e i^nen nod^ ju t)iel 6^re antl^un, tt)eil aud^ 
tt)a^ fie für i^re „®runbfd|e" ausgeben, nur entlei^nte 
üReifierf))rüd^e finb. ©igcnfinn, SRed^tl^aberei unb bomirte 
SÄoutine muffen bei i^nen geitleben^ ben ß^arafter er= 
fe|en — unb nid^t anber^ toie im ^ßraltifd^en üer^alten 
fie fid^ in il^rer 2;^eorie unb Äritif. @o ^aben fie g. 95. 
einmal babon fj)red^en i^ören, bafe im 2)eutfd^en bie 5par= 
tici^)iaIconftructionen leidet fd^le^j^jenb toürben — unb öiel^ 
leidet ^ielt i^r eigener Seigrer e§ für nöt^iig, i^nen beren 
©ebraud^ fategorifd^ al3 unjuläflig ju unterfagen. S)ag 
bleibt benn für fie eine unberbrüd^lic^e Siegel, möglid^er- 
iDcife ber eingige 5ßaragra:j)l^ il^rer ©tiliftif (fie mußten ja 
getoö^nlid^ au^ bem Ueberfefeung^beutfd^ fid^ heraus- 
arbeiten) unb nun l^aben fie aufeer biefem armfeligen Äri= 
terium feinen tt>eitern Äanon für bie SSeurtl^eilung frember 
©iction, mdl^renb i^re eigene ,,elocutio" ein ungenießbare^ 



©efa^ren cinfeitig intcttectueHer Slu^bitbutig. 349 

©eban!en^ä(JfeI ift imb auf bem ©tanbi^unft finbifd^er 
©tillofigfeit öcr^arrt. 

©^ ift alfo feinc0tt)eg§ aEein bie Q\xtf)at ffeiptifdjcr 
Sleflepon , toeld^e fid^ leidet bei bem bloßen Si^l^eoretifcr 
einftettt, toorau^ ate auö einem jerfe^enben germent jene 
Sä^müng ju erflären ift; benn ein tomiQ SftefleEion, b. 1^. 
©elbftbefinnung, ftärft anbererfeit§ and) iDieber bie Äraft 
jur ©elbftüberlüinbung, n)ä^renb ba§ blo^ :|)affit)e Sernen 
fid^ nid^t über ben ©tanb:|)unft be^ ©goi^muS erl^ebt. 

Slufeerbem jjebod^ ift ju berüdfid^tigen, bafe öon ber 
©efammtfumme ber inbibibueUen Äraft in jjeber intettec? 
tueßen 2lnftrengung ein 2!]^eil ber ipraftifd^en SBiffeng:^ 
bet^ätigung entzogen tt)irb; ein Slntagoni^mu^, bontüeU 
d^em e§ ja gar i)erfd^iebenartige 6rfd^einung§lt)eifen gibt, 
e^ toirb j. SB. in SBa^nfinnigen nid^t nur bie Srritabiütät 
erl^öl^t , f onbern aud^ bie ipräfumtiöe Seben^bauer beträd^t= 
lid} V)erlängert: alfo fd;eint and) i)kt tvk in frül^er be^ 
fprod^enen ©rfd^eiuungen bie organifd^e Seben^fraftein^eit 
(ber SBitte im n)eitern Qinm) — nad^ einem ber garben- 
tI;eorie ©d^oipen^auer'^ entlehnten 3lu§brude — eine ,,qna^ 
litatit^e 2^l^eilung" il^rer 5C^ätig!eit V)orjunel^men — unb 
n)ie jtoifd^en ben 6om))lementärfarben ift aud^ t;ier ein 
polaxn Slntagoni^mu^ ba^ StefuÜat: töa^ babei bem 
(Sel^irn entjogen tüirb , lommt ber 3Ku^feIfraft unb 3icpxo^ 
buction jugute — tt)ie nmgelel^rt biefe beiben bei lieber- 
anftrengung ber ©enfibilitftt Slbbrud^ erleiben. 5p^^fifd;e 
Wie ^)f^d^ifd)e (moralifd^e unb intettectueEe) (Sefunbl;eit be- 
fielen nur bei einem getüiffen ©leid^genjid^t jUJifdjen biefen 
gactoren, tuennglei^ aud^ f)ier ein tueiter ©^^ielraum 
bleibt , innerhalb beffen feine eigentlidE»e Äranf ^eit auftritt, 
fo grofe aud^ ba§ Uebergeit)id}t be^ einen ober anbern 
?5ungiren^ fein mag. ©elbft auf ba^ un§ nod^ ertoartenbe 
Problem be0 ©igenfinn^ voirft bie^ fojufagen umgefel^rte 
SSer^ftltnife jtüifc^en ^o^f unb ^erj, Snteffect unb SBiffe 
ein Sid^t ^orau^: an fid^ d^arafterfd&U)ad)e Sttbit)ibuen 
^)fl[egen, it)o intettectueHe äornirt^eit ceteris paribiis bem 



350 Sie (Eomtnumond))roi»in). 

SBittm föaufagen einen Ueberf^u^ jur SSerfügung fiettt, 
fid^ eigenfinniger ju geberben, aU an^ bemf elften 2;eig 
©ebadene, bei benen aber ba^ mütterlii^e ®rbe eine^ glän- 
jenbem Sntellectö freiere ©ntfaltung fanb. 3Han benic 
nur an gtt)ei fürfllid^e Srüber, öon benen ber filtere ba^ 
traurige ®ä)au^pid bot, bie ß^aralterfd^toad^e beö SJater^ 
ju ^)er:|>etutren in einem ©d^toanfen, ba<§ feinet ©taatö 
5ßölitif unb jule|t il^n felber jerrüttete, trö| einer na^e 
an ®enie jlreifenben geiftigen Unit)erfalität unb Sßerfatilität, 
tofi^renb ber jüngere in feiner fiarrfinnigen ©nfeitigfeit 
wenigften^ nid^t tim fo grell bi^l^armonifd^e ^ßerfönlic^feit 
barfteHte. 



7. 2)ie 9iifmer!famfeit ali iai beutlid^fte B^ifi^ettgebirt 

Hon Spille itnb 3fnte0ect. 

Offne mm SBorgang, in toelc^em ber SBitte fid^ in 
Snteffect unb ber 3ntellect in SBiUe rein umgefe|t ju l;aben 
fd^eint, bleibt jeberStct ber Slufmerffamfeit ein fd^Ied^t- 
^in unerflfirlid^e^ 3tät^fel, ein an^ attem Si^f^^^^w^nl^ang 
mit fonftiger SBiotibation lo^gelöfie^ gactum. SBie in^be^ 
fonbere auc^ ba^ äfi^ctifd^e Dbject irgenbft)ie aU aWotit) 
— unb jtoar jur Eingebung ari feine gefammelte SBetradb- 
tung — toirfen mu^, fam ebenfalls bereite jur ©i)rad^e. *) 



*) (^äfoptnf^antx fe(6er ^ptiäft tDteberl^oIt (aud^ an Steffen ht9 
^a6fiaf\t9) babon, toix mügteu und t)or ein ^unfltDerf ßeHen unb ah* 
toaxtm, ,ttoa9 cö un« gu fagcn l^abc" — unb tocrfcnnt nid^t, ba^ bie 
toerfd^iebcncn Äün|!e einen toerfd^iebcnen @rab Tcbenbiger Sestejung 
gum SBttten l^ättcn. SBie fci^ftcr ijm fclbet ba« Problem erfd^ienen, 
betDeift feine SCb^anblung Uebei ha9 3ntere[fante, unb ha^ er biefetbe 
gurü(fgeiegt , bücfte atd tin 3<ugntg bafiir ftd^ anf|>red^en laffen , n>ie 
i^m felbei' bie bartn erretd^ite ülöfung nid^t genügt l^abe. ©ang ab< 
gefeiten ba))on, bag bartn burci^gel^enbd mit einer fieTaßaa«; zU aXXo 
Y^vo«; bie „^l^eitnal^me an einem gelben'' ber ,,(S^annung" auf ben 
Sortgang ber ^egebenl^eiten gletd^gefe^t tt)trb: e9 tk^t ftd^ \a ein (S^a* 



2)ie 3lufmet!fam!eit. 351 

3?ur m im flrengjlm ©innc bobenlofcr ©uali^mu^ !ann 
bie SlufHärung btefe^ 5probIcm3 in ebcnfo unbercd^tigter 
\t>k blo^ fd^einbarcr 3Beife [id^ ju etleid^tern V)erfuci^en. *) — 



ra!ter in feinem Sefen gat nid^t erfennen o^ne ^Mfxd^t auf bie @i< 
tuation, ha ja jebe äf^otiüation a\9 fold^e felber unter bem ®efe^ bed 
©runbe« unb ber golge fle^t, aJfo bie „Sbee" eine« ^eftegten unb 
ü!ebenbigen über^au^t nid^t o^ne bie ^etlj^eiligung be« @at^e« bom 
®runbe pd^ erfaffen Ifißt. Snfofern ifl eg ein naitoeö (gintenlen, njemi 
{(^Ueglid^ angegeben tcixh: bad ©entiltl^, b. 1^. eben ber SBille, b. ^. 
baö tt>aö Sntereffe nimmt, n>ürbe crmüben, toenn e8 nid^t an* 
(jercgt irürbe — eben gur „Slufmerffamleit". 

*) 3)ie Un^altbarfeit be8 @^trem3 , in toeld^em ©d^o^cnl^auer bie 
„Sfein^eit" be« ^uBjectö U\)aupitt, ergibt fid^ fd^on barauö, ha^ 
banad^ bie ^l^anomene ber 9{fi(rung unb bed SD^itleibd, atfo indbefon« 
bere ^^ränen, bei einem äfil^etifd^en ^etrac^ten unflatt^aft n>ären^ 
toenn ber SBiUe gängnd() aud bem ^en^ugtfein fd^mänbe; eine fotc^e 
Äälte ber Stuffaffung ttjürbe aber aud^ bem ©enuffc be« <Sd^önen alle« 
©tüdä^ntic^e benel^men. @o fie^t ftc^ benn aud^ ©d^o^en^auer felber 
genöt^igt, bei geftflettung be« begriff« „erl^aben" bem 555itten ftieber 
ein $inter^)förtd^en ju öffnen. (58 ifl atfo nur (gj^anfton, nid^t (Slu 
mination be« eigenen £etb|l, ttjaö in ber äjll^etifd^en ©etrad^tung«* 
tüeife toor ftd^ ge^t, unb felbfl bie greube am einfad^ @c^önen berul^t 
auf fold^em ^omogeneität«* ober 3bcntität«bett>u6tfein be« Tat twam 
asi: ba6 Sirfüd^e ifl nur M ba« je^t, momentan unb actuell, un« 
unb unfer „3ntcreffe" Slfficirenbc au« bem ©etoufitfeln entfernt. @« 
ifl fojufagen ein intentionett, virtualiter toirfenbc« Sntercffe, — ein 
Sntereffe in ber 5lttgemein^eit ber ^Ibflraction; nur augenblidEIid^ 
brängenbe ^totdt finb nic^t babei fühlbar — aber bie gange Sten* 
beug unfer« (S^aratter« a(« eine« menfc^üd^en ifl nid^t babei aufge«* 
gebetf: e« bleibt nid(it nur, fonbern e« tritt in ben ^orbergrunb ba« 
^onfoItbarität«ben)ugtfein be« nil humani a me alienum puto. 3e 
h?eiter (— um ben angefod^tcnen Som^saratiö : „allgemeiner'' gu öer* 
meiben — ) nun bie« 3ntereffc ijl, befio reiner tft atterbing« bie äftl^e» 
tifd^e Sluffaffung. Mein e« i|i ni^t (Srl^öbung ber „5Bir!ung", toeld^e 
ber ^ünftter al« ^^ünfilei crflrcbt unb au«übt, luenn ^om (S^eniegenben 
blo« ein mügige« ^pkhn unb @(^U}etgen ber ^^antafte gefud^t n)irb. 
2)ie 9?omanti!er mit i^rem „^f;antafu«" unb nad^ SJ^ögtid^fett geit« 
lofen ^robuctionen Joürben fonft bie einigen X^ptn ber 3been in 
i^rer größten 9iein^eit geliefert Ifiaben; bag fie bennod!^ fd^on ber je^i* 
gen Generation fo gut n)ie ungenießbar borfommen , flem^elt fie fennt» 
lid^ genug gn SBerivruugen eine« ba« Ännfl^rinci^ bbttig an«leerenben 



352 3)ie 6ommunton^))ro))ins. 

©0 ttjeit ber SBirtfamleit eines j[eben anbem 9Rotit)8 3?otl^= 
toenbigfeit jufommt, vm^ fold^e aud) ffitt bcffanpUt Ser- 
ben: baS geniale Snbiöibuum fann gar nid^t anber§, eS 
mufe fid^ in bie 6ontem^)lation ber „Qbeen" öerfenfen, bx^ 
ein ftärfer toirfenbeS 3Rotib ober itgenbein Sleij eS baüon 
lieber ablenft, ober bis bie Äraft ermübet; unb info= 
toeit ift benn aUerbingS bie fiftl^etifd^c SKuffaffung ber 
grunblofen SBilßör, bem abfohlten Selieben entl^oben — 
fo gut toie jebe anbere ^anblung, benn, toie öfter jd^on 
gefagt: bie Sefd^affenl^eit beS QntettectS ift, ioenn biefer 
für ein 5probuct beS SBiffenS gilt, ein integrirenber 2^^eil 
beS ei^arafterS, beS SBoHenS in feiner :|)l^änonienolo- 
gifd^en Gjiftenj felber. SBer feine anläge für äft^etifc^e 



3citgef(^macf3. 2Wag fein , baß bie ^Cepi^ettl ^egefö unb feiner @ci^ü* 
ler ©ci^o^en^aucr'n ba8 einfcitige betonen be« fittlid^en (Schalt« einer 
3)id^tnng verleibet ^>at — iebcnfatt« mußte er mit feiner O^^jofttion 
ind ©ebränge fommen bem ^rama gegenüber, tt^eld^em ftd^ nid^t fo 
leidet toic bem SRoman ba9 f:|)ccififd^ 2:ragifd^e fem l^alten lägt; — 
unb fein SBunfd^, baö ®efen ber ^ragöbic mit einer afcetifd^*^cf^ 
ftmif^ifd^en S^enben^ in ^Serbtnbung gu bringen , mußte biefc $erlegen=^ 
l^eit hx9 ju einem 5Btberf^)ru(^ fteigern; abgefel^en bai)onr boß eö fein 
9teagen8 Don fici^crer S[Bir!fam!ett filr SinBUd in bie ,,3bee" eine« 
SittentDefend gibt, a\9 eben ben ^robirflein be9 lOeiben^. lieber« 
bieg ifi i9, tok ftd^ M bad ^raftifd^e korrekt gu allem $^antaf)tf(^en 
— toa9 jenem romantifc^en ©efd^macf bie jufagenbflc S^a^rung ijt — 
bie ^rojcctenmad^erei unb 2lbcnteuerlirf;fcit ju erfennen gibt, fo andf 
ein ^jöd^fl bebcnüid^eö 3«<^f" ß^ bie äfll^etifc^e @m^föngli(^feit, toenn 
fold^e 2)ingc — hjogu namentltd^ bie Literatur ber 9?itter*« unb 9?ä«T6er* 
gefd^id^ten gebort — mit Vorliebe aufgefud^t h>crben; benn toenn bo* 
hti einmal ©dritter unb haß iOeibbibiiotbe!cn:|>ub(i!um fld^ begegnen, 
fo genügt eine (Srinncrung an baö duo si idem faciunt, non est 
idem — unb aliter pueri, aliter Grotius Terentium legunt, um 
beibe« in bem ©ebanfen gu öerfbbncn; obiectit>e, »on unmittelbar 
^roftifd^er Slutoenbung abfebcnbe SBelt* unb 3)lenfd^enlenntniß ift ber 
3toc(f be« ^unfigcnießeuben »ie eines jieben, ber ^bi^^^f'^^^^c ^^^^ 
fonfl eine X\)toxxt um ibrcr fetbfl totttcn betreibt, fobaß aud^ in bie* 
fem @innc @d^o:|)enbauer rec^t U\}Hit: ber ftabrc ^^ilofo^b niüffe 
ztxi>a9 bom Äünfller, ba« ttjabrc @^flem ettt>a« Dom Ännfitücrf in 
ftd^ b^^ben. 



3)te 5luftnerffam!eit. 353 

?ßerce^)tion befi|t, ttjirb ebenfo toenig jum „ intereffelo fen 
SCnfcl^auen", toie bcr bo^l^afte 6^ara!ter inm ebelmutl^ 
gelangen; unb tDO ber SBiKe unmittelbare, b. 1^. auf ®r= 
Haltung unb ^örberung be§ eigenen Snbit^ibuum^ gerid^tete, 
ainfiprüd^e ergebt unb bajtoifd^en tt)irft, ba toirb e^ fo gut 
mit bem ftft^etifd^en SBetta^ten unb ber genialen ßonce^j^ 
tion, toie mit jeber anbem Slrt t)on Slufmerffamfeit vorbei 
fein — benn ber gatt, toeld^en i)or einigen ;3al^ren bie 
Seitungen erjft^lten, ba§ ein ©elei^rter in einer SBibliotl^ef 
t)erl^ungert angetroffen fei, ift lüenigften^ fo lange feine t)oII- 
gültige ©egeninfianj, ate nid^t bie SJermutl^ung toiberlegt 
ift, e^ l^abe berfelbe ju imen Staturen gel^ört, bie niemals 
infünctiö jum ®ffen mal^nenben junger emipfunben unb 
nur burd^ ben ©lodenfd^lag baran erinnert loerben, 3laf}' 
rung ju fid^ ju nel^men ; — bann aber gel^ört er ber 5pa= 
tl^ologie an — unb bafe ©ofrate^ tage= unb näd^telang 
l^infiarrenb foH öerl^arrt l^aben, fann nur ate 33eif^)iel eine§ 
feltenen ©rabe^ öon Slu^bauer angefül^rt toerben. 

Slber aud^ ba§ t)ornel^mfte xa^ot; <p')X6(yo9ov — fei e^ 
auf f^)eculatii)e ober äftl^etifd^e ®rfenntnife gerid^tet — ift 
ber atterorbinärflen Slufmerffamfeit toefenötjernjanbt; unb 
biefe tl^eilt mit bem abelid^en a3ruber felbfi beffen fü^efteö 
^Privilegium: gum ©elbfit^ergeffen ju berl^elfen. @§ fommt 
gar nid^t barauf an, toa^ ba^ für ein Dbj[ect fei, bem e^ 
gelingt, bie Unraft ber ©eban!enflud^t ju l^emmen: man 
fielet j[a fd^on ba^ fogenannte 5patiencefi)iel unb eine nid^t 
aufgel^enbe aWonat^red^nung in biefer SBejie^ung ganj bie^ 
felben ©ienfie leiften, n)ie Äunft unb ^ßl^ilofoit^i^ie, ioeld^ 
lefetere befanntlid^ Gicero gern ju fold^em 5trofi' unb Se* 
fd^n)id^tigunggmittel l^erabfe|te, ol^ne fid^ f eiber bamit über 
biejienigen ju erl^eben, bie nad^ ganj berfelben ^ßf^d^o- 
logie i^rem S^abadf^faften bie finnige Sluffd^rift gaben: 
Dulce lenimen laborum. 

6^ berul^t ^im auf biefer „6om:|)enfation" ber jjf^s 
d^ifc^en Functionen aud^ ba^ SBerul^igenbe atter ©elbft^ 
objectii^irung, toa^ ©oetl^e fo oft antoenbete, unb nid^t 



354 3!)ie SommumonSprot)inj* 

minber, h>ag B^opmf^anex (bgl Sinbner unb grauenfiäbt, 
„Slrtl^ur ©d^o^jenl^auer. SSon il^m. Ueber il^n", ©. 284), ben 
eigentl^ümlic^m „Äntff" feinet (Sente^ nannte: bie %&f}iQ- 
feit, ba^ aUerertegtefte ^l^len fic^ tnnerlid^ mittefe intet 
lectuetter aSergegenftänblid^ung it)ie mit einer S)oud^e |)Iß|i 
lic^ abjufül^len: ju beibem ift bie ^Jftl^igfeit abl^ängig bon 
einem angeborenen Uebertoiegen ber Suft an inteßectualer 
2:i^Ätig!eit, bie in ber ,,5leflejion", auf fid^ f eiber fid^ 
jurütoenbet, um fid^ f eiber „©egenftanb" ^u toerben»*) 
Slbftracte^ ^mtm unb äftl^etifd^e SBetrad^tung fd^einen in 
biefer §infid^t fid^ nur bur^ ben ®rab ber ©d^toierigfeit 
be^ „Slufmerfeng", b. f). ber bamit berbunbenen Slnjlreiv: 
gung, ju unterf Reiben. 3!e mäd^tiger ein 3Rotito toirft, 
befto weniger lüirb ber aBiffe feiner eigenen, f|)ontanen 
Xl^ätigfeit inne, befto näl^er liegt ba^ ex^P-ai bem exo ■— 
fo ift'^ im ^praftifc^en, fo im 2;i^eoretifd^en — in beibeu 
%&Um bie tooHenbete Eingebung be^ ©ubject^ an ein £)b^ 
j|ectit)e§. ©onfl mfire e^, aU ftünbe ber SBitte l^inter ber 
StufmerffamJeit aU m rein Snbifferente^ — aU tt>äre er 
nid^t aud^ l^ierbei ba^ wnt SWotib ©ejogene. Unb ol^ne 
uns l^ier auf bie fd^toierige ^^^^age nad^ ber Orenjiinie 
jiüifd^en ^bee unb äCnfd^auungSbilb (,,5pi^antaSma") aU 
©runblage beS abfiracten Segrip einjulaffen, fönnen toir 
bod^ baran erinnern, bafe, je abftracter bie Segriffe finb, 
fie aud^ befto ferner bem 3!ntereffe beS SSittenS fiel^en, befto 
weniger beffen S^Jeden bienen — ja, unter Umftänben ju 
fold^em ©ienfi fd^led^tl^in unbrauchbar finb, fo gut ioie 
bie SBerfe beS ©eniuS, ate beren SlbelSbrief ©d^o^jen^auer 
eben baS Unnü^fein bejeid^net. 2Ber fid^ 3. 33. mit Äant 
in bie Äategorientafel unb Antinomien vertieft, bringt 



*) g« f€ftt ja Jcbc ©cIBflobiectbtruitg cbcnfo fcl^r btc ^Befreiung 
t)on ber Ouai h\9 gu einem getDtffen ®rabe f<i^on borauc;, mie fte 
izxnaä) biefelbe bcfbrbert, tocnn einmal bem objectib * tl^eoretifti^en 
aWotib bie SBal^n ber Sirffamfeit geöffnet tfl, unb in biefer Scci^fel* 
tDirfung liegt bie 3nittatibe auf feiten be9 , \^en tl^eilmeife ht\^xoxäf'>^ 
tigten, ©^merae«. 



3)ie 2lttfmcr!fotn!eit 355 

getoife für bcn im cigentltd^en ©innc !praltifd^en SBiffen fo 
tocntg l^eim, tote toer jid^ t)or Sftafaer^ l^eiKgc ßäcilie be^ 
trad^tenb l^ingefiellt — unb bod^ ertoeiji fid^ bic« rein ti^co* 
retifd^e Qntercffc mäd^tig genug, um wn allem fonfiigen 
SBorftettung^inl^alt abji^iel^en, unb toeil l^ierbei ein ntd^itum 
beträd^tHd^er Sluftoanb t>on Spontanität erforbetUd^ i% 
toirb fid^ ber aBitte feiner Slnfirengung fel^r tool^I betoufet. 
5Da f}at e^ ber toadere gtattid^ ganj ri^tig burd^fd^out, 
bafe biefen ®rab toon ©!pontaneitÄt nur ber Gl^olertfer be^ 
ft|t, t)on bem er unter anberm fagt (a. a. D., ©. 244): 
„er ift meifientl^eife ein Siebi^aber t)on SWetaJpl^^fici^ unb 
anbem Slbftracti^. SDie ©rfal^rung aber unb bie TOoraUa*) 
fd^einen il^m gering, toeil fold^e^ anbere unb befonber^ ge^ 
meine Seute auc^ lernen lönnen. Qe fd^toerer aud^ ettoa^ 
ju lernen ift, befto lieber tl^ut e0 ein dl^olericu^/' 3)iefer 
l^ol^e ©rab t)on Spontandt&t ift e§, toaS ber SKufmerffami 
leit ettoa^ bem ©igenftnn Slel^nlid^e^ gibt. 85Bie ber ©igem 
finn toitt, um ju tootten — (ber ^abfüd^tige i^aben toiff, 
um ju l^aben) — unb ba^ SEBotten um be^ aCBollend toiffen 
fo ini^altSleer bleibt, bafe laum eine Qualität be^ ©elbft 
babei lenntlid^ toirb, man be^l^alb bon ün^m felbftlofen 
©igentoitten f!pred^en möchte : f o ifl e^ auc^ überaus f d^toer, 
au« ber S^l^atfac^e ber Slufmerffamleit ben ©d^ein eine« 
liberum arbitrium IndififerentiaB ju entfernen, toeil l^ierin 
getoiff ermaßen ber SBiffe felbft, ate*3Bßiffentootten, afö fein 
eigene« 3Rotito auftritt, aber inbem bei atter eigentlid^en 
2)en!t^ätig!eit immer eine SSorftettung ba« Object ber n&6)^ 
ften toirb, fobafe fie fid^ in bie näd^fie toie ber Äem in 
bie §ülfe einfd^liefet (unb feine«toeg« ettoa blo« fetten^: 
mä^ig „anreil^t")/ fö toerben toir ehm anä) auf biefem 
SBege, unter SDlitbetrad^t ber ^^änomene ber äufmerffam^ 
leit, auf bie Slnnai^me t>om SBitten al« bem eigentlid^ ju^ 
fammenfd^lie^enben (Sentrum be« ^ä)^, bem urf!prünglid^n 
tjYeixovücov gefül^rt. Unb fo möge benn fd^liefelid^ unfer 



*) ^«ißt »Ol: ilRoral in ber gorm tmj>ctatti}if<]^er ^Ijrtomc. 

23* 



356 S)ie Gommuniond^totiin}, 

obetfter unb jugleid^ J^iet aU le|ter refultitenbet @a|: 
bie Sntettectfunctioncn finb al« f|)ecietter galt bet SHBitten^^^ 
functionen gu ftettad^tcn — an ber ipanb ber ©m^pirie nod^ 
ein toenig inbtoibualifirt unb ittuftrirt werben. 

Sßie fel^r bie fogenannte ^beenaffodation na6) ben 
®efe|en bet aJlotiJjation — b. l^. auf ©runblage beö je- 
toeiligen SBotten^ — t)or fid^ gel^t, geigt fid^ in nic^tö beut- 
lid^er al§ barin , bafe bie augenblidUd^ gerabe öorl^errf d^enbe 
©timmung bie 3Kc^tungen berfelben mitbeftimmt: bie^ 
fette aSorfteffung öerfnilpft fid^ in gebrüdter ®emütl^^i)et= 
faffung mit gang anbetn Sieil^en al^ in gel^obener (ein 
Xl^ema, bad bei ben älntinomien beS ©emüti^S gleid^faQ^ 
feine ©teile finbet, toie e^ vn^ bereite obm bei ber SKo- 
bificabilttät^frage befc^&ftigt ^at). Unb ni(^t minber fte^t 
bie 3tnaginatii)nö!raft unter ber ©intoirlung ber fittUd^en 
5Ratur beö Snbibibuum^ (— mie umgelei^rt beren Setl^ä- 
tigung abl^ängt t)on ber Sw^agination, tt>irb unten in ber 
©d^lu^betrad^tung über: ,,®tl^ifd^e^ unb ^atteti^ifd^eS" gu 
erh>Sl^nen fein — ) : ber i^erglof e SWenf d^ malt fi^ gar ni^t 
au^^ tt)ie fd^it^er eine allgemeine Kalamität ben @ingelnen 
treffe, unb toäl^renb er feinen 2Bünfd^en nad^gel^t, fommt 
i^m gar nid^t ber ®eban!e baran, gu fragen, ob ettoa 
beren ©rfüllung gu biefer bejlimmten 3^* befonber^ grofte 
D^fer toon feiten anberer erl^eifd^e. 

5Der Urf!()rung geWlffer, gemeiniglid^ aU blofee ,,©inne^- 
täufd^ungen" abgetl^aner, ©m^pfinbungen toon ber 2lrt mie 
bie, bafe man e0 am gangen Stbxpa glaubt Juden gu fül^len, 
toenn t)on Ungegiefer bie SRebe ifl (ba^ „aBöffem" be^ ^ftun- 
be^, toenn man toon Sedereien reben l^ört, ift äl^nlid^er 3la= 
tur, be^gleid^en ber ®IeI aU finnlid^eS ©efüi^l, too er 
auf bem 2Bege ber ®inbilbung0!raft bei ®riüäl^nung efet 
l^after Dinge entfielet), läfet fid^ nad^ bem i^ier bef|)rod^enen 
aSerl^Ältnife gtoifd^en SSiUe unb Sntellect etia>a burd^ fot 
genbe^ ©leid^nife (ber Sluffül^rung eine0 ©d^o!penl^auer'fd^en) 
t)eranf c^aulid^en : ber aßiHe tt)irb burc^ bie ©rinnerung an 
möglid^e Unbequemlid^feit ober fonftige Unannel&mlid^feit 



©d&ärfung fcer 6inne8tt)al()rne]^mungen. 357 

aöertirt mie ber ^l^rer einer gelbtoad^e : aU ra}):|3ortirenbe 
5ßofien lüerben t)orjug^tt)eife Dl^r unb Sluge, bod^ jutoeilen 
aud^ bie SWafe, fungiren, — aUbaib toirb ber ^nteffect — 
im befagten g^aHe in gorm ber ^autemj^finbung — au§* 
gefd^idft ate 9iecognofcirung^|)atrouiffe, b. 1^. bie ©m^jfin- 
bung concentrirt — ganj berfelbe aSorgang toie bei ieberlei 
Stufmerifamfeit — unb tt>k „ba^ gefpi|te Dl^r", ber ,,ges 
fd^ärfte SHd" (acies oculorum) n. f. f» S)inge tt)al^rnel^men, 
bie fonft nid^t in^ Selüu^tfein fallen, fo pnbet j|e|t bie 
^autem^jfinbung taufenb f leine Störungen, bie fonft unbe- 
nterft geblieben toären* S^fofem Hegt alfo gar feine 
eigentlid^e S^äuf^ung — ^attucination — t>or, fonbern 
ba§ SBal^rgenomtttene ift objectit) toirfli^ tjorl^anben unb 
toftre fonft nui( nid^t bead^tet. *) — SBir glauben ja aud^ 
bei ©rjäi^lung t>on fd^redflid^en ©d^merjen, jumal t>on ent= 
fe|lid^en D^^erationen, in ben ©liebern, beren ©rtoftl^nung 
gefd^iel^t, einen ©d^merj ju f|)üren — unb e§ finb ja 
leine^loeg^ blo0 bie ^^^^o^onbriften unter ben jungen 3We= 
bicinern, bie beim erften ©tubium ber ^atl^ologie fo jiem= 
lid^ t)on jeber Äranfl^eit, beren ©^m^Jtome i^nen befd^rieben 



*) ^i^t gaitg berfetbc IBorgang ifi e«, »orauf ba8 „©rennen 
alter SBunbcn'' I6eru^t (^einriö^ ^eine: 2)tc ©renabterc — Ul^Ianb: 
2)ie S)öffinger ©d^kd^t: 

3)a brennt il§n feine SRotbe, ha gart bet olte ®xoU — 

t>ergli(]^en mit: 

9(ttf bei Sibaffoabxütfe 
SBxad^en alte SDunben auf); 

benn aldbann gel^t jebedmal eine l^efttge ©emüt^sBemegung borauf, 
»eld^e ba6 iölut lefcl^after burti^ bie ^bem treibt unb auä) f'dvptxl^ 
ben @<3^merg erneuert: ba8 SSctoußtfetn , nmfonji gelitten gu jiaben, 
reist gleichseitig ben (^roH, unb e9 ben>irlt nur eine Steigerung 
beö öor^ianbcnen i^i^^jtfcä^en ©d^merggefü^Iö, bag jtd^ bie Stufmerffam* 
!eit babei ben ^larbenfieUen sun)enbet. $on ©emütl^^fd^mersen gilt 
baff e(be : befÜmmte (Srinnerungöanläffe beleben baö SBe^gcfülj)! um fo 
tntenjlber, je inniger fle fxäf mit bem ©etougtfein nu^^toö burd^ge* 
mad^ter ^äm:^fe t>erbtnben. 



358 Sie 6ommumongpro)}tn3« 

töcrben, bie Jprimitoen Stnjeic^en an fic^ fclber toal^rju^ 
nel^men meinen. 83etm ed^ten ^\)poä)Ot(t>xiahi^ fteigert fxä) 
bie^ nur ju einem anbauemben Rranfi^eit^toal^n ; übetaBt 
l^in ftreiJt bann ber geftngfligte SSitte — (mit ber Siebe 
jum Seben toirb man aud^ bie ^^j)od^onbrifd^en ©rillen 
grünbli^ Io§!) — feine gül^Ifäben au^; unb toeil niemals 
ein fd^led^tl^in gefunber Si^flö^^ ^^^ gcmjen Drgani^mu^ 
!t)räfumirt werben lann, fo entbe<Jt begreiflid^ertt)eife ba^ 
concentrirte ©m^jfinben aUemol irgenbiüie eine toirllid^e 
©törung; unb bafe biefe fonft unbead^tet bleibt, ift eben 
nur bie Äel^rfeite ju biefer ßoncentration in ber mel^rfad^ 
ertoäl^nten ©om^jenfation: ber 3«teffect ifl fonft eben anber= 
iüÄrt^ befd^äftigt — unb ber toirHid^ bon Ungejiefer Ueber= 
fäete toeife meiften^ gar nic^t^ bom 9iu<5^«- . S)agegen tritt 
l^emad^ bei 3Cbfd^ä|ungber toirflid^en Störung bie aufge= 
regte ©inbilbung^fraft mit in0 ©^3iel unb lä^t ba^ SBal^r^ 
genommene in ber abftracten 3Sergleid^ung mit bef^jrod^enen 
Seiben auffd^metten jur Imagination fd&tt)eren ©rfranftfein^. 
aber aud^ babei iji baS S3anb jtüifd^en ^intettect unb SBiUe 
feine^loeg^ ganj jerriffen: ba§ betoeifen äffe pfiffe, too 
Slngft t>or einer Äranll^eit beren 2lu§bru^ förbert (loe^^ 
l^alb jener Huge Slrjt jur SBerul^igung ber ob il^rer 2lngfi 
toor ber ßl^olera äCengftlid^en i)eröff entlid^en liefe : bie 2lngft 
fd^abe nid^t^), unb nod^beutlid^er biejenigen, loo, ol^nebie 
aJlöglid^feit irgenbloeld^er Slnftedfung, Äranfl^eiten fid^ f^m= 
:patl^ifd^ — infolge lel^l^aften aJKtgefüi^fö unb ©id^tragen^ 
mit bem Äranfl^eit^bilbe ~ an^^ ober einbilbeten (— fo 
ijerbreiten fi^ ja aud^ Äräm^jfe — aSeitötanj — unb fo= 
genannte geiftige e^ibemien, — be^gleid^en ba§ ®&f)nm, 
naä) einem finnigen SBolf^glauben aber nur äioifd^en fold^en, 
bie fid^ ,,gern l^aben")- — 85Bo fid^, toa^ mir ba^ Sftecog^ 
nofciren genannt l^aben, im ®ebiet be^ ganj Slbftracten 
^ält, lann bie §^^3od^onbrie bie ©eftalt annel^men, bafe 
aud^ ©eelenleiben affer 2lrt, beren aßöglid^feit bie ®^^!o= 
lie gern toorfül^rt unb beren toirllid^en (Eintritt fie in bem= 
felben SWafee leidet glaublid^ finbet, toirflid^ öorl^anben 



S)a§ ermübcnbe geiftiger Slnfpannung. 369 

fd^eincn — haffin gel^ören jur ft^en Qbee gett)orbene 9lal^= 
tung^fotgen, franf^afte ©iferfud^t — bie ja „mit ®tfer 
fud^t" — unb äJ^nlid^e^» 

enblid^ aber fei l^ier nod^ ber ©;t)annung aU ber auf 
ein l^erannol^enbe^ fiünftige^ geri^teten gorm ber Slufmerf- 
famfeit gebadet, '^mn in nic^t^ beftätigt fic^ ja bie SKd^tig- 
ieit unferer 3lfp[uEtl^eorie unmittelbar anfd^aulid^er aU in ber 
gewaltigen ,,nert)öfen ©rfd^Iaffung", toeld^e auf j|ebe^ ange= 
ftrengte 3lufl^orci^en folgt. $aben mir j. 33. eine SKauS im 
©d^laf jimmer rafd^eln l^ören, fo ift, toa^ un^ ben ©d^laf t>er= 
treibt, eben bie 5Rertoenerregung, unb toa^ ba§ ©el^irn er- 
mübet, ift nid^t ber med^anifd^e Slblauf ber SBorftellungen, 
toeld^er ftd^ ,,t)on felbft" t)offjie^t, fonbem ba^ t>on ber 
©j)ontaneität an^ bel^errfd^te S)en!en im eminenten Binnt. 
— SBäre nid^t ba^ Verfolgen be^ S^f^mmenl^ang^ ber ^mh 
objecte il^rem Sni^alte nad^ ba^ Slufreibenbe, fo loäre 
ber geiftig Sefd^äftigte nur l^alb fo t^ätig toie ber ^anb- 
arbeiter, toeit ja aud^ bei biefem bie inteUectueffe 2;i^ätig!eit 
in feinem h>ad^en Slugenblicle gänjlid^ rul^t. 2lber ba§ 
freie Uml^erfd^ioeifen gel^t be^l^alb mül^elo^ t)or.fid^, iüeil 
e^ faft nad^ bem ®ratoitation^gefe| t>on ®rudf, ©tofe unb 
gaff fid^ beioegt. ©agegen l;at bie ©eele beim eigentlid^en 
^mtm i^re ©officitation nur an il^ren eigenen latenten 
93en)egung§formen — unb ol^ne ©rlüedEung^mittel t)on 
aufeen muffen biefe innern ^proceffe i^r^ ©rregungSfermente 
gegenfeitig abforbiren: ber ©toffioed^fel be0 ©el^irnö mufe 
babei befd^leunigt, bie ßonfumtion bermel^rt lüerben, unb 
ba§ mad^t immer neuen Slfflu^ nötl^ig. 3Sieffeid^t lüirlt fo^ 
gar bie 5Rotl^lt)enbigIeit, entlegenere Drgantl^eile aufju- 
ttJü^len unb ju il^nen i^in bie Functionen ju t)er:|3flanjen, 
mit jur nad^folgenben ©d^laff^eit unb ©d^toäd^ung. SBBer 
nad^läfet t)om ftrengen ©enfen, bem fd^iefeen, bi^ er ettoa 
einfd^läft, biejenigen Sßorfteffung^rei^en auf, toeld^e fid^ 
an bie jüngften lebl^aften finnlid^en ®inbräde toon felber 
anlel^nen, unb lüerben fold^e 5lej)robuctionen — fei eö toeil 
man öon au^en l^er geftört it)orben ift (worauf ba« ger* 



360 S)ie 6ommuntond^tot)m§« 

mürbenbe jeber Unterbred^ung betul^t, wx toeld^er bm 
StxanUn ju lauten mä} glotencc ^iigl^tingale f o einbringlic^ 
ermal^nt), fei e^ lüeit bie eiafiicitftt bc§ SnteHectualorgan^ 
xf)u ®netgie in aHju fiarler ©el^nung t>erloren, — öber^ 
ntäd^tig, fo ifl cö mit ber äufmerlfamfeit gu ©nbe. 

©elbfi ber i)ieIbef^3roci^ene ftärfere SWeij bejS aSer^üfften 
finbet einjig l^ieran feine aulrei^enbe, toai^rl^aft ^^f^d^olo- 
gifd^e ertlärung. 3m SSitten — unb nid^t im fogenannten 
reinen ©ubject — liegt ^ier toie immer ba^ Ouälenbe. 
Sei jeber ©rtoartung (unb fold^e erregt aud^ bie SSeri^üt 
lung) ift e^ bie grage , ob bie SBirllid^f eit ber SSorfteffung 
entfj)red^en toerbe, it)a^ bie inteffectuette 2:i^dtigfeit in er= 
l^ö^te^ Seben t>erfe|t — unb ba^ ©d^manlen ber Ungc^ 
lüife^eit, bie mit biefem öerbunbene Unrul^e ber Stimmung, 
termag ben SBiUen ungleich mächtiger ju afficiren, al^ ber 
©inbrud ber entf!|>red^enben 3iealität felber. 

QfebeUngebuIb jeigt bie^ ^neinanbergreifen bon SBiHe 
unb S^tettect. ®er junger be^ i)egetatii)en Seben^ ^at in- 
nerl^alb bei ©emüt^llebenl an ber Ungebulb fein 2lnaIogon: 
©eignen unb ©c^mad^ten ift beiben gemeinfam. S)ie ©teige= 
rung burc^ SSorfteHung ber ännäl^erung bei erl^arrten 
©egenftanbel ift ebenfo fel^r prius all posterius ber \>ox:: 
gefteHten Slnnä^erung : bief e 38orftelIung nuirb immer mel^r 
bie aulfd^lie^lid^ toor^errfc^enbe: in SBec^fetoirfung bei 
änfd^lüellenl Ift^t fie leine anbern SSorfteHungen mbm fid^ 
jur 9lul^e f ommen , immer tüieber übertoiegt fie bie anbern, 
unb eben baburd^ it)irb bal ©efüi^l ber @ntbe]^rung leb- 
l^after, tt)eil jebe anbere ©ftttigungltoeife ber nad^ ^^^ätig^ 
feit trad^tenben ©^jontaneität (ügl. oben ©. 65 fg.) für jefet 
ijerfd^mäl^t toirb. ^a^ ^ingel^altentoerben jel^rt bie ©nergie 
auf, immer reizbarer loirb bal 5ßerlangen, je näl^er bie 
®rfüffung ju fommen fd^eint: bal^er bal ^löfelid^e ©d^laff- 
tt)erben \>ox bem ^id^ (bal j. 33. nad^ einem angeftrengten 
ajiarfd^e aud^ bie SWulfeln ergreift); bal^er aber aud^ bal 
3erftörenbe, mal jebe neuerregte Hoffnung für unfere 
©ebulb im Seiben mit fid^ bringt: biefe ift am größten 



Srmartung unb Ungebulb* 361 

angefid^tö be0 l^anbgretflici^ Unabftnberlid^en, am fd^toet- 
ften , it)0 nod^ eim SWöglid^f eit be§ SSiebergetoinnen^ fid^ un- 
feter 5ß]^antafie barbietet, jumal tvmn biefe fid^ baran 
Hämmert, bafe i)on TOenfd^enlüilßür — bie in abstracto 
fo leidet umjufiimmen fd^eint, toie fie in praxi fid^ un= 
beugfam ju jeigen |)Pegt — unfer ©d^idffal abfängt. 

2)em ^ßäbagogen aber mag fd^tie^Iid^ nod^ eine aSer:= 
Reifung auf 3ean ^auP^ „Sebana" ben SBin! ertl^eilen, 
ttid^t aHe^, \üa^ toon ber genialen, fojufagen !pofitit)en, 
aiufmerffamleit gilt, aud^ auf bie rein fonnale ober nega^ 
tit)e be^ blofeen SWid^tabgejogen^ unb Jlid^tgeftörtfein^ ju 
begiel^en; nod^ iveniger aber bie „ allgemein ^menfd^lid^e" 
Slufmerffamfeit („ßetoana", §. 133) immer nur mit gräm= 
lid^em ^uge ol^ m ^emmnife be^ Unterrrid^t^ ju be= 
trad^ten, ftatt fie für beffen 3^^^^ jw öertoertl^en, fie in 
ben ©ienft ber Selel^rung ju nel^men. Unb tt)ie überl^au^t 
^^an ^anV^ jartbefaitete ©eele beffer flimmt jum fanftem 
SBiberl^att an^ einer 3Wäbd^enbruft , aU iffx Qbealigmu^ 
ben „©efunben" (ju beren iperau^lennen ba^ Urti^eil ge- 
rabe über $itan ^aul ja ein0 ber fid^erften ^ülf^mittel 
ift) tauglid^ fd^eint bei ©rjiel^ung jur „3Rännlid^leit" für 
bie raul^e SCBirllid^f eit : fo bürfte aud^ bie Sieugier be^ 
meiblid^en ©efd^led^ts leichter in eine ben SernjtoedEen 
beffelben entf|)red^enbe SBi^begierbe umjutoanbeln fein, ate 
be^ Änaben „^)raftifd^er ®inn'' fid^ feffeln läfet burd^ ein Qn^ 
tereffe am blo^ SCI^eoretifd^en — tjollenb^ in einer g^t, 
too faft atte SSäter il^ren ©öl^nen einfd^ärfen, toorjug^toeife 
bag ju lernen, toa^ fie irgenbtoo ober irgenbtoie einmal 
h>erben „braud^en" fönnen. Qtoimer aber bleibt bie „Se:= 
i)ana" ein ijortrefflid^e^ SBud^ jum ©c^u^e jener jarten 
Äinbematuren , bie unter glüdlid^en SSerl^Ältniffen ben 
©türmen be^ SebenS fönnen entjogen bleiben, — unb 
für biefe^ Sob ift e0 leine ßinf d^rftnlung , ba^ baffelbe 
33ud^ irreleiten !ann in ber §ärte unb Änorrigfeit ber 
^Realität, itue fie aud^ im ed^ten Suben fid^ lunbgibt. SWur 
t)erfte^e man bie« nid^t fo, afö ob nid^t Qean 5ßaur« 



362 3)te GommunionSptooin). 

l^ciliget ®fer für ba« SRed^t ber Äinber and) eine manmi- 
n)ärbige ä3egeifterung n>äre. Have pia animal 



8. mt^t ober weniger tion beut S^erl^ättnt^ it9 StSend 
3itm 3fttteflect abl^Sitgtge ^^araftereigettfd^aften. 

®ani toon fetter fd^Iiefet fid^ an eine S3efj)reci^ung be^ 
Sufammen^ang^ jlüifc^en SSille nnb Snteffect um 35e- 
trad^tung fold^er Snbteibualitätömerfmale an, beren aWo^ 
bificabilitat ^anb in $anb gei^t mit allen ©d^h>anfungen, 
toeld^en jene^ Sßerl^ältnife au^gefe^t ift — unb toir toerben 
banad^ brei Lebensalter ju unterf^etben l^aben: baS auf* 
fteigenbe, too bie gactoren bem ©leid^getoid^t juftreben — 
bie Sllme, too pe fid^ ins (Sleid^e gefe|t l^aben unb beSl^alb 
bie aSolföf!prüd^e fo finnig ben „©tiHefianb"*) btS^anpUn, 
unb baS abfleigenbe, tt)o lieber eine Soderung jtoifd^en 
beiben, eine ftetig junel^menbe Störung, lurj: bie ©ecre^ 
fceng, eintritt. ®ie Unfid^erl^eit ber berührten SSottSregel 
f^iegelt babei nur bie objectitje Unmögli^feit ab, naä) Soi^s 
ren ober aud^ nur nad^ Sal^rjel^nten fefte ©renjen anju^ 
geben: Älima, SRaffe, ©itte, Seitalter, erjiel^ung unb bie 
SnbibibualitÄt felber geben jebem einzelnen feine eigenen, 
nur fid^ felber gleid^en, SebenSabfd^nitte. ®aS ariflote= 
lifd^e: „liebe greunbe , eS gibt leine ^eunbe!" I^at in un^ 
fem 2^agen bei ben granjofen fein !parobirenbeS Seiten- 
ftüdt befommen: „liebe Äinber, eS gibt feine Äinber!"**) 
— unb anbern l^intoieberum blül^te bie Slfme bis nal^e an 
bie ©tufe, toeld^e baS SSolfsmort bem „Äinberf^ott" !preis^ 
gibt. Unb tt>er bead^tet i^ot, toie feit ^omer, ©oi)l^oKeS 
unb Pato bis Äant unb ©oet^e (pmn man toiH: ©d^eU 
ling unb Sllejanber toon ^umbolbt) bie Sanglebigfeit fid^ 



*) $gl. mf^txi9 in SaloB ®nmm'« 9tebe UeBer ha& mux. 
**) Ober tt)ie c« f(]^on bei SÄoItere (Le Malade imaginaire, II, 
11) lautet: Ah, il n' y a plus d'enfaDts. 



11 



SBitte unb SnteHect in ben bcrfd^iebenen Sebenlaltern. 363 

auffattenb l^äuflg gerabe in bcr fo Keinen S^ffl ber 9Kftn? 
ner t)on ®enie einfinbet, ber toixi nid^t erft au^ einem 
©efjjräd^e ©^oj^enl^auer'^ mit grauenft&bt („3Son ti^m. 
Ueber tl^n", ©. 184) fid^ l^aben anregen laffen, in biefer 
frctppanten 5Cl^atfad^e mel^r aU bloßen S^^f^^ß i^ erlennen 
unb einem ®efe|, ioielleic^t gar einem teleologifd^en, bartn 
nad^jufpüren- 2)enn fie f^eint ju betoeifen, ba^ bie toirfc 
Kd^ geniale Äraft aud^ i^^^ftfd^ ciuf jener jäl^en gefiigfeit 
j&l^er ®Eiftenj baftren muffe, bie, toon Ändern 3ufättigfeiten, 
tt>ie Slnftednng, Sßerunglüdfungen u. bgl. (fold^e lönnte nur 
bie i)on ©d^o^^eni^auer, a. a. D., angebeutete unitJerfale 
5CeIeoIogie ablüenben) abgefel^en, eine ungettJöi^nlid^ lange 
fieben^bauer ju garantiren t>ermag. — ©c^ttjad^ angelegte 
Organismen (ju fold^en mad^t aber fo lüenig fd^on jeber 
beliebige ©efect in einem Drgane, lt)ie er ettoa bei SB^ron 
i)orlag, aU eine Äranll^eit, bie man ftc^ l^erebitär ober 
burd^ unbiätetifd^e SebenStoeife jugejogen, toie ©dritter 
feine Sruftfd^ttJäd^e) fd^einen feine toal^rl^afte ®rft§e ber 
intettectuetten Begabung jujulaffen: ober ©d^o:|3enl^auerifd^ 
auSgebrüdEt : im ® enie mu§ ftd^ ber SEBiffe jum Qtbm ani) 
nad^ ber irritabeln unb re^)robuctit)en (t^egetatitoen) ©eite 
mit befonberer Energie betl^ätigen. 

2)er ©d^erj öom ©d^toabenalter J)a§t freili^ leidet 
auf mand^e ©tämme beffer aU gerabe auf bie ©d^toaben 
— aber bie il^m ju ©runbe liegenbe allgemeine 2Ba^rl^eit 
ift biefe: eS gibt Seute genug, bie erft mit t)ierjig Salären 
tl^re „Sugenbfünben" loS iverben, unb anbere, bie fein 
Sllter „t>or S^^orl^eit fd^ü^t". 2Biff man aber i)on ben 
©d^toaben jugeben, ba§ fie toirfUd^ fel^r ^p&t bie „blöbe 
Qfugenbefelei" ablegen, fo l^eifet eS bod^ gerabe baS ©egen^ 
t^eil beg 9Wd^tigen treffen, toenn bieS aus einer ©d^toäd^e 
il^reS gntettects l^ergeleitet n^erben foH. *) Sßielmel^r ifi eS 



*) Unb inbem td^ toieberum auf bad t)er»etfer n>ad ^Idttiäf, 
a. a. O.f @* 271 fg*, 321, 333 unb 407 vorbringt, um ^ox UcBer* 
(faflung unb ^erfrü^ung gu toarnen unb anbererfeitd barüBer )U Be» 



364 S)ie SommumotiSptot^m;, 

bte biefen ganjen ©tamm bel^ertfd^enbe anläge für ^ta^^ 
li^mn^ unb S)taleltif (i^r ©efteniücfen mufe nur aug bcm 
®e[xä)t&pnntt bcr D!p!pofition gegen bie ntoeffirenbe abflracte 
Äird^enboctrin getoürbigt toerben, um l^ierfür einen ber 
fd^lagenbften SBelege abzugeben) in SSerbinbung mit 
einem SOBillen^fern t)on ungettJöl^nlid^er ©nergie 
unb^ SReid^J^altigleit, toeld^er e^ il^m fd^toerer maä)t 
atö bem oberfläci^Iic^ rejptectirenben Storbbeutfd^en (tjiettei^t 
[teilen bie ©d^Iefier, Reffen unb ©d^Ie^toiger ben ©d^toaben 
in bief em ©tüde am näd^flen), ©ubjectibe« unb Dbjlectiöe^ 
gegeneinanber ins SReine ju bringen unb an ber eigenen 



ruhigen, ha^ ed mit festem Unterri^t feine iRotl^ ^aU, folange nur 
ttoc(i ber ,,$erflanb ni^t berroßet ifl^', möd^te xäf gerabe an bem 
natben $nmor biefer ed^ten <^c^tt)abenfee(e htn Wiftanh aufmeifen 
3ti>tf(]^en feinen nid^t feiten barocf^bnlgSren , aber allemal fc^tagenben, 
ia meifi tief finnigen ©leid^niffen unb bem ^a^ujinabenton, totläftn tt)ir 
norbbeutf(i^e @eifili(i^e fo leici^t anfcl^lagen l^ören, tt>enn fit fi(^ aufs 
,,boIfdtpmIid^e'^ $rebigen berlegen, naib fein tDoHen unb nur ind 
^lattt über gar S^ol^e ))erfal!(en. 2)a9 Uebertoiegen naiter ^nfd^auung 
-~ eben j[ene9 Clement, tDeld^ed ai9 täft ^oetifd^ed ba9 fd^tDäbifd^e 
Seben mit einem ibealen 2)uft überjie^t, toie bie i!uft))erf))ectibe feine 
Äouje 2ttb — berbinbet fld^ mit einer Steigung , ba« einzeln — unb 
gtoar tief unb rid^tig — ^ngef(]^aute in feiner gangen inbibibuetten 
^Mt auf einen abfiract allgemeinen Sudbrud gu erl^eben; unb bie 
babei not^toenbig gu £age lommenben ©egenfS^e gtt)ifd^en bem Sn* 
bibibueüen unb bie Sncongrueng gtoifi^en abfhactem begriff unb an«' 
fd^au(i(]^er ^orfleüung (morein ja ^d^o^enl^auer ba9 fBefen aUed 
Säd^erlid^en fe^t), geben ebenfo fe(ir bad germent l^er gu ben bialef^ 
tifd^en Liebhabereien biefed fBollB , roeld^e ben Siberf:|)rud^ aU realen 
^inpetten (©d^iller'ö SJorliebe für Stntit^efen gehört ^lierl^er unb 

®o lang ed ©d^tDaben gibt in ^6itoaf>txt, 
Xßi¥b $egel au^ )6etDunberet l^aben), 

tote gu feinem $umor, ber ed fSl^ig mad^t, aud^ in unreflectirter 
i^olfdauffaffungsioeife (finaudgufommen über bie ^d^ioere bed (Srben^ 
bafein^r fobag felbfl bad ?llltäglid^e unb am meiflen ^rofaifd^e bort 
nid^t fo fd^toerfäEig bel^anbelt n^irb n^ie bom 9lorbbeutfd^en, ber, flatt 
Sein gu trinlen, bidfe iRebeUuft at^men unb ben Obern anl^alten 
mn^, um ftd^ nid^t bie Lunge bon fdj^neibenbem Slorbofl gerfleifd^en 
gu laffen. 



SBide unb ^ntcßect in ben Dcrfi^iebcncn SebcttSaltem. 365 

Sttbtoibualität beten ©inHang barjufieCcn. SBie üb^ffaupt 
bo^ geniale 3nbit)ibuum am f;t)äteften jur „9ieife" im ptah 
tifc^en Sinne fommt, ipeil feine 5Rait)etät il^m nid^t S^t 
läfet, t)iel über ben Umfang feiner eigenen Äräfte ju re^ 
flectiren, fo gelangt aud^ ba^ SEßeib, tro| feiner fonftigen 
rafd^ern ©ntoidelung, meiften^ nur bann ju einem er= 
toorbenen ßl^arafter, toenn ba§ Seben e^ in eine firenge 
©c^ule nimmt (toomit jebod^ feine^megg gefagt fein fott, 
bafe nid^t aud^ beim 3Ranne ba^ redete Dauerobfi feiner 
Ueberjeugungen erft ioon ber ^i|e be§ Seben^mittag^ gar 
gefod^t tt)irb; ©rfenntnife mn^ reifen toie SEßein, fonft tJer^ 
gärt fid^ ba§ UnHare nid^t). S)enn bie bei ii^m, n>ie bmt 
©enie, übertoiegenbe Intuition fielet, toie toir fd^on bei 
anberer ©elegenl^eit gefeiten, il^rem SBBefen unb Urf!prung 
nad^ bem SEBitten ju na^e, um fid^ t)on il^m fo leidet ju 
emanci^)iren, toie baS abftracte S)enfen. Unb tt>mn man 
bie^ am SBeibe nid^t immer gelüal^r wixi , f o liegt ba^ nur 
(xw, feinen beiben ©ejualpribilegien: 2^aft unb Gontenance, 
t)on benen toenigften^ jener un« beim Uebergang ju ben 
Slntinomien be^ ©emüt^^ nod^ ju fd^affen mad^en toirb* 

^Dagegen beflätigt ba0 ©. 43 fg. über ba^ Sßaturell 
©efagte bie l^ier bargelegte Sluffaffung. SßJa^ man t)or- 
jugätoeife bem toeibltd^en Oefc^led^t nad^jufagen ^jjflegt, 
finb jum großen S^i^eil ^t(\. fold^e ©igenfd^aften, toeld^e 
o.u biefer ©teile jur @!prad^e fommen muffen, toeil fie bem 
Sugenbalter, atö ber ^eriobe t)or ber au^gleid^enben 9ieife, 
befonber^ eigentl^ümlid^ finb: Seid^tfinn, ©igenfinn, Unfte^ 
tiflfeit, '^^x\okjXtxi!it\i , 3lait)etät, ©itelfeit — t)ietteid^t aud^ 
5Rafd^l^aftigieit, n^iemol biefe geeigneter fd^eint, un^ ju ber 
Semerfung l^inüber jufü^ren, ba§ gleid^fatt^ bem abfteigenben 
Sllter mit ber Swg^^b mel^rere 9Rer!male gemeinsam finb; 
<x^ feinem anbem ©runbe, ate n^eil ber ,,öerfnöd^erte" 
SnteHect mit bem nod^ nid^t entfalteten bie Unfäl^igfeit tl^eilt, 
bie t)on il^m vorgehaltenen aJlotitoe mit bem nötl^igen SRad^s 
brud au^jufiatten. 

Unb ba e^ enblid^ aud^ eine angeborene ©d^toäd^e be^ 



366 S)ie (Eotnmunion^proom). 

SnteOectö gibt, fo treten aU t)terte^ @{ieb in biefe @e-^ 
noffenfd^aft neben ben unenttoidelten, ben übettoiegenb itu 
tuititoen unb ben abgefiumijften S^t^ff^ct bie \>on ipaufe auä 
©nfÄltigen ober bie eigentlid^ Somirten, benen entf!()reci^enbe 
g^araftereigenfd^aften beigegeben finb- 

©d^on ba« Bpxiiftooxt f!peciaKftrt biefe 3«f<^»««^w- 
jleBung, inbem eä bel^auj)tet: „SRarren unb Äinbet fagen 
bie SBoJ^rl^eit." älber toäl^renb au^ Äinbern ttieifien« ber 
unt)erbotbene ©inn rebet, toeld^er nod^ nid^t^ batoon toeife, 
bafe SWenfd^en bie Bpxa6)c anä) tooücn bdommen l^aben, 
um 3Ri^brauci^ bamit gu treiben, finb l^ier mit ben ,,3lar- 
ren" offenbar fold^e gemeint, toeld^e bie golgen i^rer Stuf- 
richtig! eit nid^t l^inlänglid^ überf d^auen , alfo aud^ bie SDlög= 
lid^leit ober aSal^rfd^einlid^feit biefer folgen nid^t afö 
toamenbe abftracte aWotitoe auf fid^ lönnen mirfen lajfen, 
eben toeil fte übntyiv^t für bie SBirffamleit fold^er toenig 
jugänglid^ finb — gerabe fo toie ©reife „finbifd^" — inö- 
befonbere eigenfinnig, gefd^n^ä^ig unb ©d^ledter — toerben, 
inbem fie mit ber gdl^igfeit, auf abftracte SWotibe ju rea= 
giren, auc^ bie ßuft an abftracten 9leijmitteln verlieren. 
(S)em tt>iberf!prid^t ber ®eij unb bie Sftu^mfud^t anberer 
©reife nid^t, benn biefe, gerabe auf bie fid^ überfc^Iagenbe 
SCbftraction gepeilten, Seibenfd^aften bel^errfd^en nur fold^e 
©reife, bie eben nod^ nid^t ifinbifd^ geworben finb; unb 
fc^on glattid^, a. a. D., ©. 171, ^at bemerft, bafe nid^t^ 
fo fe^r ba^ Äinbifd^lüerben befd^Ieunigt, aU baS ^ntüd= 
jiel^en öon ber getool^nten SBefd^äftigung unb ben in biefer 
gegebenen Slnregungen.) ^ 

derlei „Unarten" (b. f}. Slbtoeid^ungen t>om SDhttel^ 
ma§ ber „Sttrt") finb aber au^ bemfelben ©runbe itiU 
lebend bie unjertrennlid^e ©efeHfd^aft berer, bei benen bie 
einfeitigfeit unb „Sefd^rönfti^eit" ^abituett finb, an^ 
ioeld^em fie ate d^arafteriftifd^e SKerftnale an ben äufeerften 
6nben ber SebeniBalter fi^ jufammenfinben. 3lad^ bem 
©. 52 Stnm. geftgefteHten fann e^ alfo feinem 3Mi^öerfiänb- 
ni^ mel^r unterliegen, toenn h>ir je|t junäd^ft befj)red^en: 



S)er ^[ugenb etgent^ümlidfte Untugenben« 367 



9. @tmoe im Sfttgenbatter at^ Parafter:|i]^iitt0mette Hör- 

angötoeife eioentl^jimntle ^^Utttagertben^^; mit einem (S^ut» 

ülier 3erftrettt]^eit urtb 3erfa^ren]^eit 

„S)er aSerftanb lommt nun einmal nid^t toor ben Qai^s 
ten" unb „Qugenb miH austoben" finb ja jtoei Slrofi* 
fi)rücl^e, mit benen fo mand^er fd^on auf gerietet ipürbe, 
ber bereite an feinen „Suben" toerjtoeifeln toottte — unb 
ö)ag befaßt nid^t aHe^ biefer „SSerftanb", ber rid^tiger ,ßex^ 
nunft" unb t)on biefer abl^ängige ^.Sefonnenl^eit" l^eifeen 
müfete? unb m^ fäHt nid^t affeg unter bo^ ,,2:oben"? 

— „glüc^tigfeit" — „^erfa^ren^eit" — ,,5Bergefelic^feit" 

— „2;ro|" unb „©tarrfinn" — „^ifef ö^figWt" — ,;8eic^t* 
rmn" — ,,aJlut^toiae" — ,,®ebanf enlofigfeit" — finb ebenfo 
toiel SSer^d^en au^ ben ÄlageKebem ber ©rfimlinge toie 
an^ ben si;t)oIogien ber felber 3!ugenbfrifc^en unter ben 
®rjiel^em — unb fämmtUd^ i^aben fie il^ren Urfj)rung in 
bem aSer^ältnife be§ 3fnteaectg jum SBitten. *) ©om'eit fie 
©ad^e ber ,, ©emdl^nung " finb, geben fie Slu^fid^t auf 
„SBejferung" — unb toer nad^ je^n Sauren einen iüieber^ 
fielet, ben er in ber ©d^ule afö ,,2Bilbfang" ober „2;ro|- 
fo!i)f" lannte, mag oft erftaunen, h>aS für ein „gefefeter" 
unb „befd^eibener" „foßber" junger SKann barau^ gettjor^ 
bem 2lu^ jtoei i^übfd^e 5IReta|)^ern! ,,gefe|t" erinnert an 



*) Unb fo l^at fit auäf %latti^ angefe^en: „Wlan fann balb 
ma^fftUf bag eittem ^albe bad springen bergel^t, man barf e9 nur 
htVLfiaim fd^Iagcn" (a. a. O., @. 263). glüd^tigfett i|l ba« ®c* 
gcntl^cU i)on Ucbertcgnng; and^ ®ef<3^citcn fe^It eö oft an Uebcrfc* 
gung, @. 230 fg., 315. 9htn benft aber ber9J2enf(^ am mei« 
fitn bem naci^, toa9 il^m^erbrug bereitet ^at — bal^er fc^abet 
ed nic^t, junge Seute im Heinen einmal anlaufen gu laffen (berbrann^ 
M S^nh ^üxäfttt geuer) unb bann auf bie Urfad^e l^inaufül^ren unb 
red^t aufmerffam ju mad^en, @. 230 fg. Hber: 3P in ber 3ugcnb 
ber innere 3^d^tmeißer nid^t ba, fo ^tlft bie Sugere S^äft koenig, 
@. 233 (gan3 ba« ©eneca'fdje Velle non discitur). 



368 2)ie &ommunion§pro))in). 

ben Sttieberfc^lag an^ ber ©ftrung — „befd^eiben" an bte 
©rengfd^eibefuttfi: c8 tt)iD nid^t mel^r ,,tnit bem Äoj>f burd^ 
btc aSanb rennen", toer ber ©d^ranfen frine^ SRed^tö tote 
feiner Äraft inne geworben. 3)er aWangel aber an ©infid^t 
in baS eigene SBefen unb in beffen S^fötnmen^ang mit 
bem SBeltlauf erjeugt jenen ^el^ler, toeld^en toir Seid^tfinn 
nennen. ®g ift alfo unlogifd^, toeil eine ji.sTaßaac<; d<; 
aUo Y^voc, öom Unterfd^ieb leid^tftnniger unb boi^l^after 
©ünber, toie eg noc^ l^ier unb ba ju gefd^el^en fd^eint, atö 
t)on einem bloS grabueffen ju fj)red^en. Seic^tfinn afö 
fold^er ift gar fein etl^ifd^er SBegriff; brüdt toielme^r mei:^ 
ften^ nur einen 9Wangei an befonnener Älugl^eit im §an? 
beln für0 eigene S^tereffe au« ; l^at e^ birect gar nid^t mit 
bem SJlaterialen ber ^anblungen ju tl^un, fonbern bejeid^^ 
net eine blofee gormbeflimmt^eit an benfelben, infofern 
alfo ettoa^ ben 2^em!()erament^unterfd^ieben fel^r äl^nlid^e^; 
ber Seid^tfinnige tjerfäl^rt nid^t nac^ jenen felbftgegebenen 
Siegeln, bie tt)ir ®runbfft|e ober 9Wajimen nennen, fonbern 
läfet fid^ leiten Don ben Eingebungen be^ gegenwärtigen 
aRomenti^, folgt überl^au!pt mel^r anfd^aulid^en ate ab^ 
ftracten 3Kotit)en, furjfid^tig ben ©elüflen be^ Slugenblidt^ 
nad^gebenb. ©o fann ja ber eble ©l^arafter leid^tpnnig 
l^anbeln fo gut ioie ber felbjlfüd^tige (j. 35. toenn er äufs 
Gattungen bei^ SWitleib^ folgenb einem ©ftufer jum Sit 
mofen gibt, toofür er feiner eigenen gamilie S3rot laufen 
fottte). aSenn alfo ber Seid^tfinn banad^ afö eine et^ifc^ 
inbifferente (gigenf^aft erfd^eint, fo läfet fid^ bod^ fagen: 
ber geid^tfinnige toirb na^ leiner ©eite l^in ejcettiren, ioe^ 
ber im ®uten nod^ im ©d^limmen. Seid^tlinn ifl eine 
©igenfd^aft ber SBeiber unb ftinber unb meift aud^ eine 
be« ©enie«, bem bie Älug^eit ber „ftinber biefer SBelt" 
fel^lt unb ba0 irbifd^en SBortl^eil ijerfd^mäl^t gu ©unfien fei^ 
ner greil^eit unb Unabl^ftngigfeit im S)ienfi ber SBal^rl^eit. 
— 2)e^l^alb unb toeil ber Seid^tfinnige unbebenflid^ ben 
il^m ioon anbem bargebotenen ©nbrüden fid^ l^ingibt, mad^t 
eine getoiffe S)ofii^ Don Seid^tfinn fo „lieben^toürbig". 



S)cr 8ei*trmn. 369 

2)er Seid^tfittn f)at in bem aWafec bie ^ßräfumtion 
einer Wobificabttität für fid^, aU bie inteHectueHe Segabung 
ein SBad^fen an ©infid^t unb baö SBoHen eine fefte ©tetig- 
leit ju garantiren fd^eint. S6|tereS SSer^ältnife irirb jum 
größten ^i^eil burd^ ba« ^enH)erament au^gebriidtt — 
jutoeilen in SBerbinbung mit bem ^jofob^nifd^en Factor fo:: 
gar nad^ bem SSerfal^ren ber umgelel^rten Slegelbetri. — 
©enn unter ben d^olerifd^en h\)^okof4 lann e^ fold^e geben, 
toeld^e mit ben Salären immer leid^tfinniger toerben: je 
mel^r nämlid^ au« ber Seben«erfal^rung baj^ gro^e dis- 
appointment (desengano) refultirt, befto geneigter toirb 
man, in refignirenber Untertoerfung unter bie SBergebßd^:: 
feit be« Vorbauen« unb 5piänef d^miebenö , affeö gelten ju 
laffen toie eö toiH — toeil, toie fd^on ber Äol^eletl^ toeife 
{Stap. 9, 11): „jum Saufen nid^t l^ilft fd^neff fein, ivm 
©treit nid^t l^ilft ftarf fein, jur SRal^rung l^ilft nic^t ge^; 
fd^idt fein, ivm SReid^tl^um ^ilft nid^t flug fein; ba^ einer 
angenel^m fei, l^ilft nid^t, ba^ er ein ®ing hDol^I lönne, 
fonbern alle« liegt an ber 3eit unb ©lüdE". 3a, 
©oetl^e (unb mit il^m ©d^ojjenl^auer in bem Srief^ an 
SRofenfrang über Äant) fül^rt ba« Seid^tfinnigfein unter ben 
normalen ©igenfd^aften be« ©reifenalter« auf: 

Orabfd^rift: 

^U ^nabe toerfci^Ioffen unb trut^ig, 
^19 Süngüng anmagüd^ unb findig, 
%i9 9)7ann gu Z\fattn toxUiQ, 
9CI9 ®xtx9 (etd^tfinntg unb grtdigl 
Sluf beinern ®rabflein totrb man lefen: 
^ad ifi fütttat^r ein SD^enfd^ geioefenl 

©ohDeit bagegen ber „ßeid^tfinn" al« eine beftimmte ^orm 
ber „6^aralterfd^tt)äd^e" ju beurtl^eilen ift, behalten tt)ir 
ii^in mit biefer einer befonbern SBetrad^tung t)or. 

gi^m glei^ al« ein birecter 3lu«Pu^ be« inbiüibuetten 
aSerl^Ältniffe« git)ifd^en Sntellect unb SBiffe unb inäbefonbere 
be« no^ nid^t überhDunbenen ©d^toanlen« biefer beiben 
gegeneinanber fielet bie „3^tfci|ftenl^eit", öon ber man ju^ 

8aHfen, C^aratterologie. I. 24 



370 S)ie ©ommuniongprpüinj. 

näd^ji jtoeifeltt lam, ob man fie afe „©emüt^^berfaffung", 
n)0 ni^t gar atö f^non^m mit ®runbfa|lofigfcit im etifu 
fd^en ©inne, ober ate reine Snt^Hecteigenfd^aft ju fubfu= 
miren .j^abe. S^benfatt^ l|>at jte il^r SBefen am Oegenfa^ 
ju „Sammlung" unb innerer ©inl^eit, ünb i)on ber blofeen 
Serjireutl^eit untertreibet fie fic^ nid^t allein toie iebe^ 
ßonftante i)on einem 5Womentanen, fonbem aud^ burd^ 
il^ren ungleid^ engern S^^fö^menl^ang mit bem ©efammt- 
d^arafter, afe mit toeld^em ba^ 3^tfti^^«tf^i« it)enig ober 
gar nid^t^ in t^un l^at, ba e^ nur in einem augenblidt 
lid^en ©etl^eiltfein ber inteHectuetten ^nctionen befielet. 
3)en ^erftreuten ©d^üler ober ^nf}bxex fann man jule|t 
„feffeln", aber gegen bie ^tx^af)xm\)at bleibt aSerbeut^ 
lid^ung*) fo erfolglos toie ^ntereffantf ein ; im ©egentl^eil: 
jerfa^rene 5Wenfd^en ^jflegen geioiffen Siebl^abereien eine 
gro^e f^)ontane Slufmerffamleit entgegenjubringen, toä^renb 
ber jerftreute ©d^üler fid^ nur leidet ftören unb abjiel^en 
lä^t bom Unterrid^t. 

■ ©ar ju einfad^ barf man fid^ jebod^ ben Unterfd^icb 
t)on „jerftreut" unb „jerfa^ren" aud^ nid^t beulen: jeber 
biefer beiben SBegriffe bilbet für fid^ ein eigene^ ^)f^d^olo= 
gifd^eiS ^Problem. ^tt^nntf)tit im engern ©inne ift dn 
jeittoeilige^ Unterbunbenfein ber Slbern jioifd^en Qnteffect 
unb SSßiHe, eine momentane ©tauung in ben bie 6ommu:= 
nion^^jrobinj burd^furd^enben Äanälen (bie be^l^alb befom 
ber^ leidet im 3uftö«i> för!|3erlid^er unb geiftiger ®rmübung 
ober gar ©d^Iaftrunfenl^eit eintritt). SBir feigen an bem 
3erftreuten ein ^anbeln, in toeld^em fid^ 3fKd^tigfeit be^ 
SBotteng, ber abfic^ten, mit SSerfe^rtl^eit be^ SluSfü^ren^ 



*) SCud^ borüBcr ffagt %iatti^ (@. 278): „Söcnn man einem' 
tttoa9 nod^ fo (eid^t unb beutlid^ ma^t, unb er ht'fyHU feinere« 
bauten nid^t beifammen, fo l^üft ed aUed ni(^t$ ; ja, je beutUd^er 
man einem tttoa^ maä^t, be|!o weniger fagt er'ö, toeil manbnrd^bie 
2)entlid^feit tttoa^ »eitlSnfig h>irb, unb ein fold^er furg benft, 
unb 9let(^ lieber tttt>a€ anbered''. 



3erfa]f^reitl^eit unb 3c'^ft^^t]S)ett 371 

toerbinbet: e^ freujen fid^ fojufagett bie SluSfü^rungen 
jtoeier ^anblungen, unb S)inge, bie nad^einanber ganj 
getl^an hDerben foHten, werben gleid^jcitig jebe^ jur einen 
i&ftifte getl^an: i)on ber ausgegebenen Drbre t)oBftje(ft bie 
§anb bie^älfte bonbent, tt>a^ bem5IWunb, unb berSWunb 
bie ^ftlfte bon bent, n^aS ber $anb aufgetragen n^ar. ®er 
Qnteffect gel^t feinet SBegeS tüeiter, ol^ne fid^ gu t^erge- 
Ziffern, ob unb toie baS motorifd^e ©Aftern tl^ätig gehDefen 
— fo l^at er im näd^ften SlugenblidE bergeffen, hDaS in= 
gn^ifd^en ber SWed^aniSmug bereits g^fci^cifft i^at — ober 
fielet nur ntit'l^albem 2luge ju, ob bie %i)üx, \>ox ber er 
ftelift, aud^ bie fei, in n^eld^e er i^ineintoollte — ben 
SKed^aniSmuS überlädt er ber vis inertise ber ©en^ol^ni^eit, 
ol^ne etloa toeränberte Umftftnbe ju berüdfid^tigen ; nirgenbS 
läfet er fid^ ^dt jur ^Prüfung beS t^atfäd^Iid^ Sßorl^anbenen 
unb ftol!pert fo in eine SReil^e lomifd^er aSerlegenl^eiten 
i^inein (bafür iffS t^^jifd^, in allen SBinfeln bie SBriffe fud^en, 
bie man auf ber SRafe l^at) : f d^on ©et^aneS t^ut er nod^= 
malS, jum Herten unb fünften mal — ju 5C^uenbeS unter^^ 
l&fet er, ioeil er, feine 3SorfteBung t)on ber SluSfüi^rung 
mit biefer felbft tjerhDed^felnb, eS für fd^on geti^an i^ält. 
®ie ®inbrü(ie beS SBirfUd^en gelangen bei il)m nid^t ju 
lebenbiger 5ßerce!|3tion, foba^ für i^n ber Unterfd^ieb ber- 
fd^ioinbet gioifd^en ber ©d^toäd^e bloßer ^pi^antaSmata unb 
ber Energie objectiber finnlid^er SBal^rnei^mungen, unb in 
bem ©etl^eiltfein jtoifd^en gtoei aSorftellungStoal^rnel^mungen 
i^ält er baS 5Räd^fte, toaS i^m unter bie ginger fommt, für 
baS, toonad^ er gerabe greifen n^oHte, unb barauf grünbet 
ber ©d^abernad feine 3lnf daläge: f^jielt il^m einen fremben 
^ut, diod, ©todE, ^auSt^ürfd^lüffel in bie ^änbe, um fid^ an 
ben aSerloidfelungen eines fold^en Quibjjroquo ju ergö|en. 
35aju ftimmt bie ©rfal^rung, ba^ gerabe „©elel^rte" — 
fagen irir beffer: contem:>3latit)e Jlaturen, alfo fold^e, ioeld^e 
fid^ einen „Ueberfd^ufe" beS ^nteHectS über feine bem 
SBBitten unmittelbar bienftbaren Functionen erübrigen möd^- 
ten — am ei^eften bem S^i^fti^^utfein anl^eimfatten — unb 

24* 



372 ^ie Gommuniondprot^in}. 

bamit einer gorm ber Stomrt, toel^e fo-l^anbgreiflid^ tote 
laum ettoa^ anbetet bie Sftid^tigfeit ber ©d^oj)enl^auer'f(i^en 
(grflärung be^ Sä^erli^en, afö einer S)l8crej)anj bonXn^ 
fd^auUd^em unb 33egriff, belegen mufe. — S)er SnteHect 
jlettt bem Slufgebot be« SBiUeng nur bie ^älfte ber au8= 
gef^riebenen SRannf^aft, unb ber SBille räd^t fi^ bamit, 
bafe er ben Unbotmäßigen bem SRibicule bloßjieHt, muß 
aber jule|t bod^ felber lieber bie Äoften für 3nfcenefe|ung 
biefer Äomöbie tragen, toeil bie ^raftif^en folgen ber 
3toe(ftoibrig!eit feinen eigenen Sntereffen jum ©d^aben ge- 
reiben. S)a^ ©d^o^j^enl^aueffd^e SBunber xolx i^oxri^ , bie 
©in^eit be^ toottenben unb erfennenben ^^, f^eint jur 
^älfte fu^!|3enbirt, unb jtoar beibe tbm baburd^ tl^eiltoeife 
gef Rieben, bafe bag, toa^ für bo^ tl^eoretif^e ^6) „un- 
mittelbare^ Dbject" ift (ber £eib), jugleid^ unmittelbare^ 
5ßrobuct unb 2Berf jeug be^ Jjraftif^en 3d^^ ift. Sleu^erlid^ 
ober fann biefer „el^elid^e 3^ift"/ ^o 1^^^^^ f^ne eigenen 
SBege gel^t — aud^ eine fxtxpa [xavta! — ebenfo oft eine 
©eftalt annel^men, in toeld^er ber SBiUe burd^ ben SnteHect 
irregeleitet fc^eint, afe jene anbere eineö mi^lingenben unb 
fid^ felbft bejirafenben (Smanci^jation^berfud^e^ biefer bon 
jenem. (Ouanbt l|>at in ©u^loto'^ „ Unterl^altungen ata 
^äu^lid^en ^erb", SReue golge, I, 3lx. 25, bieg ^l^änomen 
in „anregenber" SBeife jur @|)rad^e gebraut unb babei 
auf So^anneg aRüIIer^g „§anbbud^ ber 5ß^t;ifiologie", 
©. 513, bertoiefen.) SBo aber bie S)o^)pel^eit innerl^alb 
ber intettectueHen aSorgänge bleibt, ba ^aben toir bie 3er= 
ftreut^feit im Leitern ©inne aU ben allgemeinen ©egenfafe 
jum @ef ammeltf ein ; alfo in jenem ©inne, in loelc^em bor^ 
l^er ber jerftreute ©^üler bem ju Unaufmerffamleit nei= 
genben gleid^geftettt lourbe. S)em gegenüber fe^en toir bie 
©rfd^einungen ber S^^^^xmf)üt in 4l^ren borübergel^enben 
jjormen am beutli^ften im SBillen tourjeln, nämlid^ ba, 
ioo fogenannte „Sefangeni^eit" SBiffen unb §anbeln auS^ 
einanberreifet. ®g fällt bieg toieber unter bag ®efe|, nad^ 
toeld^em bag SEBiffen um unfer SJI^un, ba« Steflectiren auf 



3erfa^rcnl&eit unb 3«fttcutl&cit 373 

baffette, biefe« unftd^er mad^t — unb uns ettoaS eben 
beSte)egen nid^t red^t gelingen U)iII, toeil toir eS red^t gut 
mad^en möd^ten; nad^ toeld^em nur baS inftincttoe ^an^ 
beln mit bottet t^^ftigWt erfolgt. SBer j. 33. anfängt, auf 
fein ©pred^en ju ad^ten, toer fid^ um ben !paffenbfien %n^^ 
brudt erfl bemül^t, toer mit 33eit)ufetfein jebem lapsus lin- 
gu8ß borbeugen möd^te: ber gerabe fommt in ©efa^r, fid^ 
ju ,,i>^mmnm^^ (iuie ber ©d^toabe mit 3Sermeibung ber 
3rt)eibeutig!eit fagt für: fid^ berf^jred^en) , ber läfet bie 
näd^filiegenbe unb einfad^fie Segeid^nung unbenu^t unb ber^ 
fättt auf eine, bie „getoäl^lt" ober „gefud^t", unb gerabe 
be^toegen nur i^alb jutreffenb ift. S)a^ §infel^en fojufagen 
beS innem ©innS auf bie SSBeife, n)ie bie motorifd^en Ster- 
ben fid^ anfd^iden, bie empfangenen Stufträge ju t)oII= 
ftreden, fiört biefe in il^rer 2;^ätigfeit, unb jtoar gerabe 
vermöge ber einl^eitlid^en Statur beS QnbibibuumS, aU 
toeld^e nid^t bulbet, bafe man ba eine obfolute ©imulta^ 
neität (nämlid^ jtoifd^en Functionen berfd^iebener 2leufee= 
rungSformen ber einen „©eele") erjioingen tooUe, too 
attein eine in fiörungSfreier SSBeife geregelte alternirenbe 
©uccefpon bie SbentitätSfräftigfeit beS ®efammt:=3d;S 
JU erl^alten bermag. ©onft unterbrid^t eins baS anbere 
unb jerftört bie 6ontinuität; gerabe toie auf rein inteHec- 
tueHem ©ebiet jebeS „bergleid^enbe", „erioägenbe" 2;^un 
unmöglid^ loirb, lx)o eS an fold^er gefiigfeit ber Qbentität 
beS ©enfenS ober SBetoufetfeinS mit fid^ f eiber fel^lt; alfo 
ba, too jebe momentane Slblenlung bom jetoeiligen Sop 
ftettungSberlauf fofort beffen bollftänbige S^^öttung jur 
golge i^at. 33ei getoiffen formen ber ©eifteSfranl^eit, beS 
ßretiniSmuS, beS befultorifd^en „^l^antafirenS" in gieber^ 
juftänben erreid^t biefe Unfäl^igfeit jur ©elbftbel^auptung 
beS ®enfenS inmitten beS lebiglid^ bom ^u^aU bel^errfd^ten 
glujuS ber SBorftellungen il^ren l^öd^ften unb bejie^ungSs 
weife an6) längft an^altenben ®rab. Umgefel^rt: tt)o jene 
t^eftigfeit jur ©tarrl^eit n^irb unb hu Setoeglid^feit jtoifd^en 
bem Slttemirenben auf ein 3Kinimum rebucirt ift, ba l^aben 



374 3)ic (EommunionSprot)inj. 

tüxt bic (grfd^einungeu a^jat^ifd^er „©tu!()ibität" (— ^on 
einem d^aralteriftifd^en 3wfatnmen^ang mit Stupor) — unb 
baö Sßer^ältnife jrt)ifd^en beiben ®egenfä|en tt)irb affemal 
ba^ 9Jla& für ben ®rab ber Sefft^igung ju ^j^ilofo^jl^ifci^em 
^enfen geben; benn biefe^ beruht auf ber ?jd^igfeit, jtd^ 
einerfeitö „objectit)" unb t)on jufäBig angeregten ©eiten- 
bliden ungeftört in einen Oegenflanb ju „t)erfenfen", unb 
bod^ barüber bem iQin unb §er bialeftifd^er ©egenfä^lid^feit 
nidft unjugänglid^ ju tt)erben, t)ielme^r fein 3)enlen bon 
biefem in bie redete Dfciffation t)erfe|en ju laffen — in 
bie ,,red^te", toeil ^ben ein Uebermafe l^ieröon e^ ift, toa^ 
„gerfa^ren" mad^t. ^ie 2lufmerffamleit ift bemnad^ feinet:: 
toeg^ eine ganj abftracte, fojufagen rein pnnctmUc 3ben= 
tität ber 3tid^tung be§ ®enfen^. Söeil fein Object fd^Ied^t^ 
l^in einfa^ ifi, toeil jebea eine aSiell^eit bon SWerfmalen 
umfaßt, toeil ^ortfd^ritt ol^ne ^inau^blidfen auf ein jenfeit^ 
beö gegenwärtig ®rreid^ten Siegenbe^ nid^t möglid^ ifl: fo 
barf bie Slufmerlfamfeit ftd^ nid^t auf ein ^inrid^ten ber 
inteffectualen ©^)ontaneität in einer beftimmten Sinie bc- 
fd^ränlen, fonbern mu^ fid^ eine ^läd^e, einen Umfang, 
eine ©^jl^öre t)on untereinanber berbunbenen, irgenbeine 
einl^eit conftituirenben SBorfteffungen jum ^id nei^men* 
aSon biefer Setrad^tung fäfft ein Sid^t t)orau^ auf etrt)a^, 
toa^ toir f^äter ju bef^red^en l^aben U)erben: ben 2lntago- 
ni^mu^ jit)ifd^en Oebäd^tnife unb ©rinnerung; — jene^, 
nid^t biefe, mu^ in feiner ©tärfe ju bem, \m^ borl^er bie 
Sbentität^feftigfeit genannt tourbe, in getoiffem ©inne in 
einer umgef ehrten ^projjortion fielen: benn ba^ leidet auf- 
faffenbe ©ebäd^tni^ t)errät]^ eine geringe JReaction^fäl^igfeit 
ber ba^ Seipu^tfein augenblidElid^ gerabe occu})irenben SBor- 
fteffungen; benn je gefd^loffener beren (Sini^eit (ix^ie mate= 
riale, logifd^e ober anfc^aulid^e ©ongruenj fie ^erftefft) ftc^ 
ertoeift, befio fräftiger toirb fie gegen fofortige Slufna^me 
frembartiger (Slemente fid^ fträuben. ®er (Srab biefer @e= 
fd^Ioffen^eit aber toerl^Ält fi^ jum Orabe jener 3bentität^= 
fräftigfeit ungefähr toie bie SWu^felftärfe jur ©id^tiglett 



4 

3erfal^ren^ett unb Setftrcutl^eit 375 

iinb Q&ffiQldt i^rer gafertejtur. ®ieg alles aUt ftnbet 
feine SSeftÄtigung bei Seobad^tung ber 3^^<^^tenen, mag 
man nun l^inabge^en jum SSertoed^feln bon einjelnen Sau^ 
ten im ©^red^en unbl Sud^fiaben im ©d^reiben, ober auf= 
fteigen ju ben logifd^en ^nconcinnitäten in i^rer ganjen 
^arfleHungStoeife. ©S fel^It il^nen toeber an ©ebäd^tnife, 
nod^ an Intuition, nod^ felbft an Urtl^eil — aber in jebe 
biefer brei Sntettectualfunctionen mifd^t fid^ bei xf)ntn leidet 
^tttjaS „Sßerbre^teS" ein. 2lud^ 3li(i)t^^tt^af)xmm Jj^affirt 
es ja leidet genug, bafe bei ganj flarem ®enfen bie ^unqe 
bie Saute eines ober mel^rerer SBörter, bie auSjuf^jred^en 
i^r aufgetragen ift, anagrammatifd^ umfteHt. ®aS Sc- 
tüuM^i« ift — ä^nlid^ toie eS fid^ t)orl^er beim 3^iftreuten 
jeigte — fd^on l^alb l^inauS über baS auSjuf})rec^enbe — 
ober beim ©id^berfd^reibcn über baS nieberjufd^reibenbe 
— aSort, controlirt ben motdrifd^en 5Rert) nid^t mel^r fidler, 
iinb biefer em!pfängt toie taj)^)enb feine ©inioirfung bon 
irgenbeiner anbem nad^jittemben aSorfteUung, ober — iuo 
ein älnagramm l^erauSfommt — bon ben fid^ Ireugenben 
^injelfd^loingungen jtoar nod^ gegenU)ärtiger, aber in= 
einanbergeflojfener SSorfteHungen. Unb loeil baS ©d^reiben 
no^ t)iel langfamer als baS ©:>3red^en bem Oebanfenfluge 
folgt, fo erftredt fid^ dn fold^eS SSeritDec^feln beim ©d^reiben 
leidet auf gange ©a|reil^ett unb il^re gegenfeitigen aSerl^ält^ 
niffe; unb felbfi bei giemlid^ ^o^em ©rabe ber QbentitätS^ 
Iräftigfeit foftet eS bem ber geber borauSeilenben Äo^fe 
einige Slnfirengung , bem ©id^überftürjen unb (Sinanber- 
überl^olen ber ©ebanJenletten fo ioeit ju toel^ren, bafe nid^t 
baS ©efd^riebene ein ©urd^einanber bon ©ebanfenbru^- 
tl^eüen ioerbe. 6r mu^ ber ©ebanfenl^aft einen S^i^wi <J"' 
legen; fonft ergel^t eS il^m, bermöge ber angegebenen BpaU 
tung ber ©eelenfunctionen, n)ie einem aSortefenben, ber in 
bem 33eftreben, baS ©injelne rid^tig unb auSbrudESbott ju 
©el^ör gu bringen, fobiel abforbirt — ober, bei großer 
©eifteSbeibeglid^feit, fobiel unberioenbet behält unb an 
„9lebengebanfcn" abgibt, weil i^m beim lauten ©^red^en 



376 2)ie (EommumonSprotjms, 

ber SSorjieHungglauf ju langfam gel^t — ba§ er fetter öon 
bem ©elefenen am aUertDenigften l^aftenbe (glnbrüde ge^ 
tviant "S&tnn aber S^v^af^vmt gerabe burd^ Sebi^aftigfeit 
ber 2lnfci^auung unb glüdlid^e Sefd^affeni^eit il^re^ ©ebäd^fc 
niffe^ fid^ au^jeid^nen, fo bietet baö ein 2lnaIogon ju ben:= 
ienigen^2^enti)eramentöformen, bie eine ungettjö^nlid^ rafd^e 
3lece^tit)it&t unb pd^tige Sieagibilität auf ber Orunblage 
eine^ mel^r afe mitteltttäfeigen ©nergiegrabe^ berbinben — 
unb aud^ biefe Slnalogie toirb nid^t feiten atö eine ^betu^ 
titftt fid^ au^toeifen. ©esi^att ift aud^ nid^t^ unfritifd^er^. 
al^ ^n^af^xmifdt mit intettectueHer ^mbeciUität ober gar 
©umm^eit unb Urtl^eitölofigfeit (©infalt) ju üertoed^feln; 
ein Qrrti^um, toeld^em man bennod^ oft genug gerabe in 
ber Sei^rertoelt begegnen bürfte. 3GBol^l fann fid^ bie Qcx^ 
fal^renbeit mit biefen ©efecten intellectueller Äraft jufammen^ 
finben unb in il^ren %olQm fogar ben ©rfd^einung^toeifen 
berfetten gleid^en, aber il^rem SBefen nad^ ift fie )ocn il^nen 
fo unabl^ängig loie üerfd^ieben. 2lm öfteften toirb bie 
Serfa^renl^eit fid^ in benjenigen Functionen üerrati^en, für 
loetd^e Sogil unb ©tiüftif bie ®efe|e gu formuliren f)abm; 
toeil e§ babei nid^t folool auf bie materielle 9iid^tig!eit ber 
einzelnen Segriffe unb 3lnfd^auungen in il^rer Qfolirt^eit, 
toie auf bie formale ßorrect^eit il^rer SBerfnü^jfung am 
fommt, atö loeld^e ganj ba^ aSerf ber oben bejeid^neten 
3bentität^feftigfeit be^ »ettjufetfein^ ift. ^m 3ln!nüi)fen 
ber SRebenfä^e, in ben ^pronominalen SRüdbejiel^ungen, beim 
SBrüdenfd^lagen ber Uebergänge jioifd^en jtoei Slbf d^nitten 
(loobei e^ aUemal barauf anf ommt , bafe an jebem ber bei^ 
ben Ufer ein l^altbarer unb fid^tbar aufragenber Pfeiler 
fte^e unb ba^ 83inbeglieb auf beiben jugleid^ aufliege, 
b. f). folool bie SBorfteHung , oon ioeld^er man l^erfommt, 
im!|3licire, aU au6) biejenige anfünbige, ju loeld^er e^ ^in= 
überleiten foll, loe^l^alb bie 9Serfnü})fung um fo gefd^icfter 
fein ttjirb, je Weniger biefer ®o})})elgel^alt naöt ju 3;age 
liegt, je me^r alfo red^t eigentlid^ ein ^toi^dfm^ ober 
„SWittelgebanfe" au^gefjj^rod^en ober burd^ ©onjunctionen. 



3erfal&rcn]S)eit unb 3crftrcut]^eit. 377 

b. "f). tbm SBinbeiDörter, tote „bennod^", „alfo" u. f. f. 
bag 5parttci^)iren am aSor= unb SRüÄtoärt^ toenigften^ an= 
gebeutet iji) — ba finb bie (Sdfteine, an benen bie 3^- 
fal^renen ju gatt f ommen ; unb gro^e ©tärle ber Sntuition 
bei groiset Unfid^eri^eit im logifd^en ©enfen ift nid^t t)er= 
tDunberlid^er aU toie größte logifd^e ßorrect^eit ncbm 
einer beinal^e intuition^Iofen älbfiracti^eit ber 3lnfd^auungg= 
fd^tüäd^e, tDObon bod^ bie jpl^ilofojji^ifd^e Literatur gerabe 
3)eutfc^lanb^ bie Seifjjiele legionentoeife geliefert l^at. 3^ 
ne^ erftere 3«fÄmmenf ein fommt namentlid^ ^äufig bei 
aSeibern t>ox. ©elbft im Slfferelementarften ber Sogif, in 
ber ©id^erl^eit ber 33ilbung unb ber f^rad^lid^en aSertoen^ 
bung be^ 33egrip mit aWerfmalen, tritt bieS 3tntinomi= 
ftifd^e im SBefen ber ^tx\af}utü)dt jutoeilen ju ^^age. Sie 
3>nter^unftion Jjlaubert e^ a\x^, totnn bie Siegel: „jtoifd^en 
jtoei nebeneinanberftel^enbe Slbiectiba fe^e dn Äomma!" oud^ 
auf aSerbinbungen toie „ber erfte !|3unifd^e Ärieg" ange- 
toanbt, ober ein fteigernber 3^f<^fe ^i^ ^ne 3l^)^)ofition be= 
^anbelt toirb. Site ©ubfumtion^fel^ler d^arafterifirt e^ fid^, 
toenn „natio" ober ,,gens" aU 5Wa^cuIina gebrandet werben, 
jufolge einer 2l^})Iication t)on „®ie Scanner, SBößer u. f. \t>/% 
ioeld^e nid^t unterfc^eibet jtoifd^en nomen appellativum unb 
proprium. ®ie Seder'fd^e ©afellaffififation finbet an xf)m 
il^ren unbetoufeten ©atirifer, tomn ein ©a| mit finalem 
ut ein „6aufalfa|" genannt toirb. ®er Slbfd^nitt ber 
®ö|inger*fd^en Orammatif i)on ber „Ueberfd^außc^feit ber 
aSejiel^ungen" mufete bie 2lu^lefe feiner craffeften SBarnung^^ 
beif^)iele bei SKttern bon ber 3^^fö^^^nl^^it aufteilen; benn 
in leinem ©tüde fünbigen biefe me^r aU gerabe l|>ierin — 
öiel feltener in ©^Uogi^men, toeil bie )oid naiver am Sln^ 
fd^aulid^en il^re ©bibenj l^aben. ®er 3^^fö^t:ene liebt e^ 
j. S^ SHelatiba auf ben allgemeinen Sefianbtl|>eil eine^ 
©^jecialbegriff jS jurädjubejiel^en , unb tt)ie il^m üUxffanpt mit 
logifd^en 3)iftinctionen fd^toer beijufommen ift, fo entgeht 
il^m t)oIlenb^ leidet ber Unterfd^ieb jtoifd^en jjr&bicatiöem 
unb attributivem ©ebraud^ eine^ Slbjectit)^. 3*od^ fefter 



378 3)ic (Eommuniongproüinj. 

öerl^ättt tritt ber öon il^m gemad^te %ef)Ut auf, too ein- 
5Berbum mit einem !()räbicattt) gebraud^ten ^bjectiü jufammen 
erfl einen S5egriff auömad^t (für n^el^en in biegfomern 
©^ta^en auä) ein SBort au^reid^en tüürbe), unb bod^ 
nad^l^et gefonbert ttjirb, iuie toenn eine blo^ attributit>e 
aSertoenbung t>orIäge (man t)ergleid^e ettoa : „franfe pfee 
befommen" mit „franfe 2;^iere aufnehmen")- ^^^ 3^^- 
fal^rcne gibt fid^ beim D!()eriren mit fold^en 33egtipt)erbin= 
bungen gan§ nad^ ber einen ^älfte ber ^oppü^ ober 
Slri^leioorftellung l^inüber, unb bie 2lufmertfamfeit ber 
©e(bflbeobac^tung fd^ü^t il^n t>or SBieber^oIung beffelben 
S5en!fel^Ier^ t)iel weniger, aU fte imStanbe iji, beim in= 
tuitiben Seobad^ten nad^jul^elfen. 3Sor SSerfiöfeen ber an= 
gegebenen 2lrt fid^ert nur baS angeborene rid^tige ©enfen, 
unb Äu^erft feiten gelingt e^ bem • controlirenben Seigrer, 
bon fold^er SBerfe^rtl^eit gu l^eilen. Qu nid^t^ tool jeigt 
fid^ beutUd^er, toie bie Sßernunft ein bon ber Intuition 
toto genere t)erfd^iebene^ Sßermögen ifl: bie generalia, 
älttgemein^eiten, mit meldten e^ jene ju t^un l^at, finb ja 
jum S^^eil ba^ ^robuct einer mehrmaligen ^eftillation, 
eine^ mit ben 2lIIgemeinl^eiten biefer t)orgenommenen 
©u^jergeneralifLrung^jjroceffe^, unb in ber ^anbl^abung bie= 
fer ©eftillate lann einer grofee Unfid^er^eit jeigen unb brandet 
barum bod^ fo toenig bon flarer Stuffaffung anfd^aulid^ 
gegebener SBer^dltnijfe, toie ettoa bom jartftnnigen aSer^ 
ftänbnife für fünftlerifd^e ©efüi^fönuancen auSgefd^loffen gu 
fein. — S5od^ e§ ift 3^it, fid^ gu befinnen, ba& in bie ®ar= 
ftettung J^er 3^tfa§ren^eit leidet ettüa^ bon ber ©a^e felbft 
^ineinlommen lönnte, loenn ioir un^ nid^t beeilten, ou^ 
bem bi§curfit):=bianoiologifd^en @ECur§ jurüdjulenfen jur 
befcri^Jtiben ß^arafterologie, bie au^ jenem refumiren mag. 
Sm gangen fe^It e^ bem 3^tfa^renen an ©olibität — 
aud^ fein 2;^un i)at etioa^ „Safetige^" — tüie er f^rid^t, 
el^e er fein Renten unter baö SSanb einer Siegel gebellt 
i^at, fo ^anbelt er o^ne bie Qbentität ber 3^^dfmä|igleit 
— nimmt balb bie^, balb jene^ \)or, ol^ne irgenbettoa^ ju 



@nbe ju bringen — l^5rt an allen Seiten bie ©lodten 
läuten, aber fe^rt fid^ balb linfö balb re^t^, tüeit er nir^^ 
genbS ber SWid^tung fidler ifi* (Seine SlntitJorten pnb ta!p- 
^enb, feine S)arfteffungen confu^ — feine Slbfid^ten fd^toan= 
!enb, feine Slu^fü^rungen juüerfid^t^log. (Sin nid^t feiten 
ebleg aSoHen läfel fld^ burd^ jebe neue Anregung ablmlm 
üon bem faum eingefd^lagenen SBege — jebe Steuerung 
fielet er für ben Slugenblid atö flegreid^e SSerbefferung an 
— fein UnglüdE ift, bafe er gehört, nad^ %>m fül^rten 
öiele SDBege — fo f|)ringt er t)om einen auf ben anbern 
über, oft an ben 2lnfang jurüdt unb fommt alfo nie t>or^ 
toärt^. aSon ntand^erlei Slnlagen fpürt er in fid^ bie Äeime, 
fo glaubt er, fie alle gleid^ fel^r cultibiren ju muffen, unb 
toed^felnb ioie feine 3Keinung öon fid^ felber finb feine 
Siebl^abereien. ®er 3^t:fal^rene flol|)ert forttoäl^renb über 
feine eigene S^nge, ift oft glüdlid^ in einzelnen ©d^lag= 
ioörtern, toirft mit treffcnben »roden um fid^, aber münb- 
lid^ ioie fd^riftlid^ gibt er nid^t leidet einen ©a| \>on fic^, 
ol^ne jioei donftructionen ober itod ^l^raf en f o burd^= 
finanberjurüi^ren, bafe ber erfien ^älfte ber einen bie 
jioeite Hälfte ber anbern folgt (toa^ natürli^ nid^t ^in= 
bert, bafe gerabe biefe (Sigenfd^aften ii^m ba^ 3^g Ju 
einem SSolföagitator geben fönnen) — er ift, ol^ne alle ©on^ 
tinuitÄt in feinem ©arfleHen, mel^r unbel^olfen al^ i)er= 
fd^roben, mel^r barod atö bijarr. — ©o toirb e^ jur toaf)= 
ren 2;ortur, ©d^riftflüde t)on fold^en Acuten ju lefen* 
SKand^e l^alten bergleid^en für eine blofee Ungetoanbtl^eit, 
für 5Wangel an ftiliftifd^em ©eübtfein; aber eX|Utraque 
parte laf[en fid^ Belege gegen biefen 3[rrt^um aufbringen : 
oft überraf^en nn^ ganj einfädle Seute burd^ bie Älar^eit 
unb ©ef^loffenl^eit il^^rer 2lu^brud^ft)eife, obglei^ biefe 
t)iellei^t t)on ©^ni^em gegen Drtl^ogra^)l^ie unb ©^nfaj 
ioimmelt; itJä^renb in einigen gamilien jeneg grett beful= 
torifd^e ©i)red^en unb ©d^reiben getoiffermafeen erblid^ ju 
fein fd^eint — unb jloar, loenn me^rfad^e 33eobad^tung 
nid^t trügt, al^ ein ©rbt^eil öom SSater, ioa^, nac^ ©d^o})en= 



380 3)ie Gommuniondprot^m)* 

l^auer'f^en ännal^men, barauf beuten »ürbe, bafe ber 
©tunb mei^r im SWangel an fefier innerer ®inl^eit be^ 
aEBiUen^lem^, ate in einem S)efect ber inteHectuetten Äraft 
ju fu^en fei. 3m ®egentl|>eil: ein l^o^er ©rob ftft^etifd^er 
unb materialer Silbung ijl bamit fe^r tüo^l vereinbar — 
aber ba^ reiche SSiffen entbel^rt gänglid^ ber f^flematifd^en 
ßoncentration ; unb too baneben felbfl ^ßrobuctiöität er^ 
fd^eint, ba bel^ftlt fie bie gorm be^ 3lj)l^orijiifd^en, grag- 
mentarifd^en* ®er geifireid^en guitf en f^)rü^en genug, aber 
nie gibf^ eine jietige glamme — unb ba§ Slbgeriffene, 
baÄ toir fo toenig objectiö toie fubjectib nad^ feinem gu^ 
fammeni^ang verfolgen fönnen, bleibt fib^ttinifd^ bunlel unb 
oraleli^aft öielbegüglid^. SSiettei^t ift'^ ba^ l^ier in Siebe 
©te^enbe, toaS einem ipamann ben S3einamen „SDlagu^ 
im Jlorben" eingetragen. 

Site eine fojufagen ^)at]^oIogifd^e ®rfd^einung be§ 
^ugenbalter^ gel^t bie S^tfal^renl^eit nad^ ©enefi« unb $eil^ 
barfeit bie !|3äbagogifd^e 2;i^era^)eutif an, — 2Bo glüd^tig- 
feit unb ©ebanfenlofigfeit baju ^)rftbi«^)onirt, tt)irb febr 
leidet ettoa^ in berSReti^obe berfe^en, unb für fold^e Äin« 
ber toirb bie S^l^eilnai^me an öffentlid^em Unterrid^t oft 
gerabeju eine ©efal^r. *) Äommt bann aber bie Unbor= 
fid^tigfeit l^inju, ba§ man ben ©d^üler in eine ju l^oi^e 
Älaffe ftedt ober gar ioieber^olt unreif t)erfe^t, fo toirb 
bie ^rognof e überaus ungünftig , unb im beften gaUe gelten 
toenigflen^ S^^i^re einer ftetigen ©nttoidelung untoieber:: 
bringlid^ berloren, unb nur ber größten SBel^utfamfeit ber 
ße^renben unb Seitenben fann e^ gelingen, tinen langfam 
in^ redete @Iei^ jurüdEjubringen, berfo gerfal^renift, ioeil 
fein SfbenStoägelein grünblid^ft b erfahren iourbe. — ©ot 
d^en Staturen gegenüber ifi ein getoiffer ^pebantiömu^ ganj 
atS ^la|e, nämlid^ jener, toeld^er mit ber ©ebulb ibentifd^ 
ifl, feine l^albfertige Seiftung für boH anjunel^^men — nid^t 



*) SJQl. ^tatdäf, e. 306, sub iRr. 212. 



?Päbagogif<i&e Sej^anblung ber S^t^a\fxm\)t\t 381 

juttt rul^igern SRitf^öler überjufipringett, fobaö) ienet fid^ 
in feiner ,,§ibbeUgleit" \)ertannt f)at, fonbem fein SBeftn- 
nen abjutoatten unb inSbefonbere fid^ nid^t mit einer 9Raut 
fertigleil jufrieben ju geben, toeld^e in einzelnen l^erauös 
geipolterten SBörtem nur jeigt^ ba^ fie einigermaßen üom 
©egenflanbe ber %taQt SBefd^eib toeiß. 35enn ba^ ©ebfi^t 
niß ^jflegt beim ^^affxmm niäft f^tüad^ ju fein, aber 
tooran e^ gebri^t, ift bie logifd^e Q\x6)t be^ 3)enlen^. 
Äennen ber Siegeln ift ba, aber nid^t ba^ Äönnen il^rer 
Slntoenbung. — Unb nid^t minber t)errät^ fid^ bag Un- 
gegügettfein ber Sleagibilität in ij^raftifd^er Sejiel^ung. ®er 
3erfa^rene ift ber ©j)ielball jjebe^ augenbßdlid^en SWotit)^; 
untoiberftel^lid^ jiel^t e^ \i)n ju SCHotrii^ — unb jene fitt-^ 
lid^e ©d^toäd^e, tüeld^e auf ber Stufe be^ ßretini^mu^ afö 
Völlige Unem^)fänglid^!eit für abfhracte 3Rotit)e auftritt, fin* 
bet in ben fd^Iimmfien gätten ber ^ct^af)xm\)txt gewiffers 
maßen Uebergang^formen bon einer fc^toer be!j)rimirenben 
©rabation, bie ai)})rojimatit) jene felbft »erreid^en, tüo jie 
bie t)ierje]^nte unferer 2;em!()erament^f ormen jur SBafi« l^aben. 
SJroi ciBebem aber geigt bie @rfal^rung , baß bie Slu^s 
fluten bei jerfai^renen Äinbem nid^t fo burd^au^ befjjerat 
jtnb, toie e^ nad^ bem 33i^l^erigen jid^ ertoarten Keße. SBi^s 
toeilen bauert'^ nid^t einmal bi^ jum ©intritt bei8 5ßuber? 
tätaalter^, el^e ein „gefeitere«" SBefen fi^ einftettt. SBo 
bie „glatterl^aftigfeit" mel^r bon rafd^er 9lecei)tit)ität afö 
toon flüd^tiger SReagibilität l^errü^rt, fel^^en mir „guter Seute 
Äinb" untjerl^offt eine größere Straffheit unb aHmäl^lid^ 
fefier tüerbenbe ©elbftcontrote geix^innen. ®ie SBed^fet 
bejie^ung felber jtüifd^en SBitte unb ^fntettect ift erftarft, 
unb als Slnfang ber Sefonnenl^^eit l|>at jtd^ bie gäl^igfeit 
eingefunben, aus ber Qcv^ixtntf}üt — ber SluSeinanber- 
gejogenl^eit — distraction — fid^ ju „f ammetn" ; bag Un^ 
vermögen, „an bie ©ad^e fi^ gu l^alten", bie airpo(js$ia, 
ifl übemjunben, unb eins ber für ben ©rgiell^er unmittel- 
bar erfreulid^ften SRefultate ift erreid^t* 6S l^at aHmfti^lid^ 
aufgel^ört, baß jeber ßeinfte (Sinbrudt bie J)f9d^ifd^e SReac^: 



382 ^ie ^ommunionSprot^in). 

tion tt>a6)xn\t, nnb bamit bie gal^I ber „fiörenben" SBor^ 
fommniffe beträd^tlid^ abgenommen, unb biefer, bie ^ex^ 
fal^ren^eit gunft^ft minbernbe, ?ßroce^ toirb l^intoieberum 
geförberl burd^ bag öom 33en)u^tfein enblid^ gelingenber 
ßrfolge gefrftftigte Qntereffe am Unterrid^töobjecte felber. 
®er Rmhe ober ba^ 9Räbd^en bekommen ie|t ,,®efd^nta(I" 
am Semen (l'app^tit vient en mangeant), beiden ]^erj= 
l^after an, unb bi^n^eilen J)Iö|Hd^ unb überrafd^enb, toeil 
fd^einbar unvermittelt, „gel^t i^nen ein Sid^t auf" über 
®inge, bie il^nen fonft bunfel blkben — fte l^aben fi^ 
orientirt in ber fo lange fremben SBelt, unb mit bem er- 
ften SSerfiÄnbnife jugleid^ ertoad^t ba« aSerlangen nai) mU 
term; ber Serntrieb vereinigt bann fd^on beibeS: ber aBitte 
ftad^elt benQntettect, i^m neuen ©toff jujufül^ren, unb ber 
Snteffect näl^rt biefen ®ifer — loenn nid^t ba^ Unglüdt 
n)itt, baj5 bem ^ungemben toieber ber 5IWagen überlaben 
toirb, unb biefer bann in bie alte ©d^Iaffl^eit jurüdtftnft. 
gafi ©a| für ©a| fte^t biefer Darlegung bie 2luto= 
rität ^lattid^*^ jur ©eite, unb toeit fie gro^entl^eitö von 
ber Slrt ifi, bafe bie au^ Unerfal^renl^eit 5pebantifd^en fie 
befreiten ober toenigften^ me^r !|3araboj atö toaf)x finben 
iverben, fo tooffen ioir ei^ nid^t verfd^mäi^en, tt)a§ unab= 
l^ängig von biefem ivürbigen Sunbe^genoffen gefunben unb 
au§gef!|3ro^en ivar, burd^ ?ßaraffelftetten au^ i^m ju ftü|en. 
©0 Vergleid^e man benn, a. a. D., ©. 259, 282, 
289, 290: SBer curioS ift, ber benft gern. SBenn 
man alfo einen curio^mad^en fann, fo fannman 
aud^ mad^en, bafe er gern beult. ©. 291: ©al^er 
aud^ einem 5IWand^en nad^benf Itd^e ©ad^en ober ein gefd^eiter 
3)iscurä lieber ift, afö bie befte SWal^ljeit ober anbere er= 
gö|lid^feiten* ©benbafelbft: ©^ finb unterfd^ieblid^e ^inber=: 
niffe, tt)eld^e mad^en, bafe bei jungen Seuten ber aSerftanb 
nic^t red^t tofid^ft, j. SB. toenn fie trag ftnb, nad^jubenfen, 
toenn fie ffüd^tig finb, toenn fie ju viel memoriren, 
ivenn fie ber 5ß^antafie gu Viel ben Sauf laffen, ivenn 
fie 3)inge lernen,* bie über il^^ren ^orijont finb. 



$dbagogif(i^e 9e(^anblun<) hex Qtx\a\)xtni)t\U 383 

toenn fic immer einerlei tl^un, toenn jte ni^t^ Steuer mel^r 
lernen fönnen. — ©. 206: ®^ l^at mir aber bieg Oelegen^ 
l^eit gegeben, eine Sleflefion ju machen, tüarum' fo toiele 
junge unb ertoad^fene Seute tl^eite nur eine S^t l^ng, 

tl^eil« aber Wttig ftittfiel^en toie bag Sieben be^ 8Baf= 

ferS feinen getoiffen ®rab erreid^t, tomn man aud^ baS 
geuer nod^ f o grofe ma^t , toie ber 3Renfd^ bei bem SBa^g:^ 
t^um feinei8 Seibe^ feinen ®rab ber ®rö^e erreid^t, toenn 
er aud^ gleich immerfort ifet, toie t)orl^er. coli. ©• 207. 
^aiM ©. 183: @inige junge Seute nel^men bei il^rem Ser^ 
nen immer um etoa^ ju« ©inige aber lernen immer, unb 
bennod^ äußert fid^ bei il^nen lange 3^* ^^^ SBad^^t^um, 
bod^ gefd^iel^t eS, bafe bei fold^en öftere auf einmal 
ba^ Sid^t aufgellt, n)eld^eg man im ©jjrid^wort alfo 
au^jubrüdEen pfiegt : ©^ fei ber Äno^f gebrod^en. ®g ge^t 
nämlid^ bei bem SBad^^tl^um ber ©eele ebenfo, tt)ie bei 
bem SEßad^^tl^um beg Seibe^. . . , 9Wan mu^ bemnad^ bei 
einem jungen 5Wenfd^en ber 3^ü ertoarten unb i^n ja nid^t 
übertreiben, coli. ©. 201: SBBenn junge ßeute il^re 
^ortfd^ritte toal^rne^men, fo befommen fie eine 
Suft jum Semen. 

Um biefer })f^d^ologifd^en ®rfal^rung n^itten barf man 
aud^ bie 2lnloenbung toürjl^after SReijmittel nid^t ganj \)er= 
fd^mäl^en. *) — (5Wand^er t)erbanfte erft fjjäter „2lnregung" 
burd^ einen „geifireid^en" ©ocenten bie ©elbfterlenntnife 
feiner inbi\)ibuellen ©eifie^anlagen.) ?lur f offen bie ©timu= 
iantia nid^t an bie ©teffe ber SRal^rungiSmittel felber tre- 
ten — unb fd^on barum em))fiel^It eS fi^, jeben ©d^üler 
me^rem Sel^rern gugleid^ ju übergeben, bamit tm ©in- 
feitigfeit bie anbere au^gleid^e: ber 5pi^iIolog bie be^ 5IWa- 



*) glatt^, 0. a. £)., @. 260, fiugcrt ftd^ bo^in: Tlan muß bcn 
^inbem erfl Stet in ben Tlnnh fliegen, bann getoö^nen fte ftd^ 
felbfl 3u effcn. Wlan t^ut aBer ntc^t« für fiäf fclbjl (b. ^. f|>ontan), 
folange man ed nid^t gern tl^nt — man mng bamm 9|)^etit gum 
fernen mad^en, a)?^etitma<i^enbe @^etfen i^crtegen* 



384 S)ie 6ommumonSptot)mj, 

tl^cmatifcri^, ber Sogifer bie bc^ äeftl^ctifer^, bcr „(Sin= 
jjaufcr" bie bc« genialen „SBdtblidnmitexa^'. — 3ta^ 
Dbigem verliert au6) ber tritjiale äui^brud: mand^e ©d^ü- 
ler tooHen fid^ in unb au^ jeber Älaffe erft burd^fi|en, 
fein äbfurbeS unb ®el^&fftgeö *) — man mag ei3 mit einer 
ber ©^rad^e ber 5ßferbejüd^ter entlel^nten SWetoipl^er dn 
geijHgeg ^urd^gel^aferttoerben nennen**) — au^ bie „ge= 
funbefte" unb „frftftigfte" Äoft mn^ ja tjerbauKd^ fein unb 
toirfßd^ t)erbaut toerben, um SBlut in bie 3lbem unb 9Warf 



*) Unb toieber lann glattt(]^ Reifen, mit einer bur(i^fd^(agenben 
Unterf(i^etbung bie ^KgemetngiUtiglett bed (betagten gu erl^ärten unb an« 
fd^aulid^ ju belegen, a. a. O., @. 347 fg. (ögl. oben @. 10 ^itnm.) Ttan 
Dcr»ed(if ele ntd^t fd^toad^e Sngenten unb ingenia tarda ; bief e flnb ben 
ingemis prsBcocibus entgegcngefe^t — bieSöcibeaäd^flrafd^er 
aU bet (Si^'bavLm; ingenia tarda fönnen bie gtünblid^flen Seute 
toerben — man mn^ nurbad %tntXf ba9 fie t)on ben f(i^b)a(^en nnter« 
fc^eibet, l^erau«crfenncn (übrigen« ,, brandet man nid^t tanter Sid^ter 
in ber Söelt, man toitt and^ ^ßn^fd^eren l^abcn"!) — fie memoriren 
fd^ioer, begreifen (angfam, i^r SJ^ebium if! bad ©d^reiben o^ne @e« 
be^e, @. 198r 447. 

**) S^x 3(u$»abl, toenn^S einer ^übjd^er ober „ebter" finbcn 
fottte, fe^en loir ba« entf^red^enbe glattid^'fd^e ©leid^nig &er (@. 192 fg.) : 
(i9 gibt t)ierer(ei ^eder: Einige ftnb gut oben, toeiter unten fd^Ied^t; 
anbere oben fd^Ied^t unb toeiter unten gut, anbere oben unb 
unten gut, anbere oben unb unten fd^Ied^t. ©bcnfo gibf« viererlei Äb^fe: 
bei ben erflen xoxti e« i)txna^ nid^t n^eiter, bei ben jtoeiten gel^t ed erfl bart, 
baß fie fclber unb anbere ben 3Äutb finfen loffen — \pättx gebt e« gut, 
toann fie einen anbern $oben, nämlid^ ba« Subictum, er« 
reid^en. ^ie (Srflen taugen gu einer fu^erficieKen^enntniß unb gu 
^pxad^m (!), ©ijlorte, ®cogra|)^ie u. f. to. unb fbnnen vielerlei 
lernen. — 2)ie 3^^^^^^ f^nb nid^t ju bielertei aufgelegt (bertangen 
atfo Non multa, sed multum) unb taugen gu fd^ujeren unb tieffln* 
nigen fingen, ^ie 2)ritten ftnb gu allem gefc^idt, fon)ol[ gu ^ifto^ 
rifi^en a(« ingenibfen unb nad^benf(id{ien fingen, unb toenn fie 
geratben, fo gibt e« öortreffUd^e Scute. „^Ifo foU man iti 
gutem Anfang nid^t gu (aut fd^reien, nodft hti fd^Ied^tem 
gleid^ öergagt fein." — 25a«, frage id(i nun, bebarf e« nad^ bie« 
fem nod^ toeiter 3cugnig für ba« fo oft t)on mir gegebene unb fafi 
ebenfo oft be^rittene ©ignatement ber bloßen „Sjtemporalefö^fe'', 
ber eigentUd^en 9ie^r&fentanten für bie erflbefagte SBobengattung ? 



$äbagogif(J^e Se^anblung ber 3^^fA^^^nl^cit 385 

in bie Änod^cn ju btingen. äCBein nur ,,©ettflefyen mad^t 
fett"! ttjie ein aSBort ber SSoIfötoei^l^eit lautet, mit toeld^em 
t)or lurgem nid^t übel in einem })reu§if(i^en ©d^ul^rogramm 
eine 9ieii^e bel|ierjigung^n>ertl^er ipAbagogifc^er SSetrad^ftungen 
eingeleitet tourbe**) 

Unb iDie jur (Srgftnjung mag l^ier ein ^^uä einge^ 
flod^ten toerben, bejjen Umfel|irung ing ©aljmann'f d^e ,,Äreb^5 
büd^lein" gel|i6ren toürbe, ettoa unter ber Ueberfd^rift : SBie 
bringt man e^ fidler bal^in, ba§ einer „fid^bumm lerne"? 
afe :t)robatejleg 3Rittel l^ier ju toürbe ^atti^ em})f ol^len l^aben, 
men nur red^t ju „übertreiben" b. f). ju ^e|en, ju for- 
ciren unb mit aUiu fd^toetem ©toff ju überfüttern**) 
(pQlB. 16 fg.). SWit Siegeln überfd^üttet, beiberen 3lntt)en= 



*) ^(atttd^, naäf einem oft Don i^m gebrand^ten SieBIingdbUbe, 
@. 292 f9. coli. 181 fg.: Sie bie ©Reifen burd^ Qgffen in benilÄagen 
unb bux(i^ bie ^erbauung in ben Seib gelangen ^ fo bad Gelernte bnrd^ 
^ttfmerlfamfeit {hit fomit bem be»u6t*fj)ontan/n (Sffen entf^rid^t) in bie 
®eele, unb burd^ bieUeberlegung unb eigene^ 9lad^benfen (ba^ tote ber 
^igefltond^voceg nid^t feiten in einer unbetougten ,,9{uniination'', nad^ 
<gd^o^en^aner'fd^em Sluebrucf , bor jld^ ge^t, f. glattid^, @. 181) toirb 
ed in ber <^ee(e Mftig unb fontmt ium Sad^dt^um; benn (@. 249) 
man fann nur burd^ eigenes 9lad^benlen gefd^eit »erben — ber Se^rer 
fann nur aufmuntern (tote jum @ffen)^ geigen, fagen, toad unb 
toie man eö ti^un fo(I — man fann aber fo toenig für einen an* 
beru lernen, koie für il^n effen. 

**) glattid^, a. a. D., @. 182 fg. coU. 443 fg., @. 319: Senn 
man träge unb Derbrieglid^e 2tviti gu ))ie(em fernen gtoiugt , fo Der«» 
lieren fie fafi alle ^ctioitSt, »erben immer bümmer unb un« 
braud^barer — coli. @. 326: toenn g. (g. eine« (Bäht im 9'iad^benlen 
befielet, unb er bind^d^^^ ^^n fd^Ied^te« (9eb£d^tnig ^at, fo toürbe 
man mebr t)erb erben al« gut machen, wenn man i(n mitblo« 
gem SD^emoriren quSIen tooffte. @. 381: @d toirb ber Sille 
nid^t burd^d i^efe^ten gemacht, toedwegen aud^ Volo fei* 
nen 3m^eratit) ^at. <S. 378 toirb »egen barau« folgenber 
^d^toSd^ung t)or Ueber^afhtng anöf bei febr lernbegierigen ®d^ülertt 
^etoarnt. (Snblid^ <^. 306: ^a« 9tad^benlen unb Ueberlegen fann 
man nid^t ergtoingen. 3a, ie mebr man ed er^toingen toill, 
beflo bümmer »erben bie iungen Seute, inbem fie ba« 
burd^ confu« toerben, unb biegurcbt unb 9ngfl mad^t, bag 
fie nic^t nad^benfen fdnnen; coli. ®. 181 fg. 

Sa^nfen, S^aTatteioIogte. I. 25 



386 2)ie (Eommunion^pro))in}. 

hutiQ er aUemal ba^ SRol^eur ^at ^/fel^ljugteifen^^ n[)etl er 
fie ni(^t Derflanben unb be^l^alb blinblingg tafienb juta})}3t, 
toertoirrt O^berbieftert") ftd^ ber ©(^üler immer mel^r, toirb 
alle Xa^c confufer unb l^ätte bod^f ein Reinere^ Quantum 
Semfioff ganj ö)0l|il betoftltigen fßnnen, toenn eS il^m i)er^ 
flattet getoefeit toäre, in 5Berl|iaitniffen ju bleiben, bie für 
Ärüge mit fo engen §ftlfen — nad^ bem Stuöbrud Duin= 
tilian*^ — bie })affenben ^Jrid^ter angutoenben erlauben, 
aber aud^ bie^ ifl einer ber g&tte, tüo man gern unbefel^en^ 
bem Seigrer bie ©d^ulb gibt, afö l^abe er e^ bamit ber- 
fel|ien, SBafjer auf flad^e ©d^üffeln ju ftürgen, tok tomn 
er Tonnen bor fi^ l^fttte — er barf io6) au6) t)erlangen, 
ba§ man il^m auf l^öl^em ©tufen au^fd^Iiefelid^ (Sefä^e 
üon ber S^iefe toenigfien^ eineö Äübefe unterrüde. — ©tatt 
beffen fielet er fid^ freilid^ mand^er Drten burd^ Oefefee für 
©d^ulorganifation, beren Intentionen ebenfo toeit au^er- 
tialb ber rein i^ftbagogifd^en, toie ber toiffenfd^aftßd^en 
3n)e(Ie liegen (fofern fie gett)iffe Siedete unb SSorred^te bon 
abfotoirten ^enfen abl^ängig mad^en), genötl^igt, fd^toad^e 
©eifter mit allerlei adminixjulis toie am <Bpalm gro6ju= 
jiel^en, auf Unfofien naturlid^ ber au^ fid^ f eiber l^erau^ 
ftrebfamen ©d^üler, tt)eld^e injtoifd^en unbefd^äftigt unb 
infolge beffen üerbammt bleiben, auf bem 3lii:>eau ber aWittet 
mä^igfeit ju tjerl^arren ober fid^ SlHotrii^ jujutoenben, 
toeil il^nen t)on ben befteHten Äoftgebem ba^ redete, il^nen 
angemeffene SRal^rung^mittel i:>orentl^alten toerben mu^. 

Unb ba§ SBiberfpiel gu bem, toa^ toir fo auf rein 
inteKectuellem ©ebiete tjorgel^en fe^n, l^aben toir in pxah 
tifd^en SSerl^ältniffen ba, too ber „gute SBiUe", bem e^ an 
Urtl^eil -gebrid^t, „fojjffd^eu" toirb. ©o mand^er möd^te e^ 
einem anbem gern in attem „red^t mad^en", unb bod^ toill 
i^m ba^ nie gelingen, toeil er fid^ toie ein ©flai:>e ol^n' 
ade Unterfd^eibung („©i^cretion") in traurigfter Sud^fl&b:: 
lid^feit an gelegentlid^ unb für befonbere gätte geäußerte 
SBünfd^e unb SBorfd^riften flammert unb biefe, atö ob fie 
unbiegfame unb unbebingt gültige ©efe^e fein follten. 



£o)rffd^eulE^ett utib 3)idfeOid!eit. 387 

ftngfttid^ au^fftl|irt. 2)e^l^al6 bod^ immer toiebet gefd^oltw 
ober minbepen^ Älagen über feinen Unt^erftanb nid^t ent 
gel^enb, toirb er julefet gftnjUd^ irre an feinem Äßnnen unb 
gibt bie SJerfud^e ju bef riebigen auf, fei e8 in S^rol, toeil 
er e^ f att f}at, ftd^ ftetö lieber t)ergeben^ ju fragen : ,,ob*^ 
fo tool gut ift?", fei e^, bei tjortoaltenber ©utmütl^igleit, 
in betrübtem SSerjagtfein, ba^ er fid^ auflagt: ,,id^ bin 
benn ja alfo ju gar nid^ft^ ju gebraud^fen". *) 



10. ^nttxmmo: ^idfettigfeit — ®utmUt|igfeit — huh 

itnhts ^usffatxtn. 

Qene erftere Slrt ber Äo!t)ffd^eul^eit fielet ber fogenannten 
S)i(JfeIIigfeit fel^r nal^e, unb toeilin biefe aud^ bie ju lange 
auf bie ^robe geftettte ©utmüt^igfeit gern umfd^lftgt, m&^ 
gen t)on beiben ein paax SBorte überleiten ju jener ®e= 
bulb, bie nid^t an^ ber matten ©|)ontaneitftt , fonbern au^ 
bem bett)u^ten ©id^fügen ftammt unb bal^er mit bem er^ 
ftarfenben Qntellect it)ad^fen fann. 

®S ift fd^on bejeid^nenb^ bafe man immer nur t)on 
bidfettig toerben, bidEf ellig mad^en fi)rid^t — man benft 
alfo babei nid^t an fold^e, bie fd^on i)on §aufe au^ 
5ßad^^bermata finb. Qm ©egentl^eil, eine getoiffe jarte 
(Sm|)fÄnglic^feit für bie ©inloirfung frember 33Billen§äu6e= 
rungen mu| t)oraufgel^en; e^ finb an fid^ „loyale" 3la^ 
turen, bie unter untoeifer S3el^anblung fid^ ijerl^ärten. **) 
©omeftifen unbSolbaten, alfoSeute, bie urf^jrünglid^ fein 



*) glattidj, ©. 255: ,,3« "«« 3«it i""«* "« junger iKcnW, 
er fi^nne tttoa^ unb l^at guten ^ntif, gu einer anbern S^t fü^It er 
feine @(^n)ädi>e, er benft, er Wnne nid^t« unb ijl toerjagt. — 2)ie* 
ienl[6n}eci^fe(ungen finb bie gleigigflen am meiflen unter«« 
njorfen.'' 

**) 2)er Urf)>rung ber Wlttap\ftx totxft und ja anäf ni(^t auf ben 
®fe( an fiii^r fonbern auf ben unter gn)e(fIofem prügeln in feinem 
(i^igenfinn t>erfle(tten (Sfel, a(fo aud^ auf bie burd^ anberer iSaunen« 
^aftigfeit erft ^robedrten „Sft&dtn**. 

25* 



388 S)ie Sommumon^;i)roi>tn|* 

5tt|el t>Dn independence fU(^t^ bie ^iäme^t im 9eti>u|t= 
fein i^ter Unfelbfiänbigfeit unb üfx^ „b^äfxäxitm Unter- 
t^anenbetflanbe^^^ bereit genug f^nb, ft(^ leiten ju laffen^ 
fUtc^ten ^6) enblid^ hinter S)idfeOigIeit^ t^enn be^ ^ubelnS 
)u biel unb bed SujonirenS fein @nbe n^irb. ©ie befc^ei^ 
ben ftc^ eine 3^ ^Q ^^t gem^ nic^t immer bif Slbft^t 
bei ben il^nen ertl^eilten Sßeifungen i^rer SSorgefegten )u 
bur(^f(^auen — fie bringen fogar eine getoiffe gutmiUf^ige 
aSertrauenSfeligfeit benfelben entgegen. Slber toenn immer 
jid^tbarer bie reine SBittlür fid^ borbrängt, toenn fie gänj^ 
lid^ imdlo^ in bem Keinen 9teß il^rer )>erfdnli(^en ^ei- 
^eit fid^ gefränft fül|ilen, tomn fie merfen, eiS fei nur 
barauf angelegt, pd^ in leeren ©jiperimenten i^re^ unbt=^ 
bingten ©e^ord^en^ ju öerftd^em, toenn ba^ t^nen gejlem 
unb l^eute äCuf getragene fid^ fi<^tlid; genug toiberf ^rid^t : 
bann bämmert in i^nen ettoa^ auf toon bem »etou^tfein: 
„tt)ir finb bod^ aud^ 5!Wenfd^en fo ju fagen!" unb felbfl ber 
biSl^er l^ünbifc^ „Äufd^enbe'' unb Äried^enbe leiert jule|t 
eine ftiurrenbe unb fnorrige Siffigleit l^erau^, jtoar nid^t 
fogleid^ gegen bie „aSorgefe|ten", aber im Äreife ber ©leid^- 
gefleHten (Äafernenttjftnbe unb ©efinbeftubcn toürben mand^ 
aSer^lein ^iert)on ftngen fönnen), unb er lä^t e^ bod^ ,,erfl 
fe^r an jxd^ l^eranfornmen", e^e er toieber ,,Drbre panxf'. 
S)a^ Jeau|)tmotib l^ierbei ifl alfo eine inftinctib fritifd^e 
©fe))fl3 an ber Autorität : ber ©idtfeHige ifi irre geworben 
an ber intettectuetten unb moralifd^en ©u})erioritÄt beffen, 
ber „i^m ettoa^ ju fagen l^at". *) 



*) 98ie fid^ fcld^e Stimmung j. 9. enmidett, tt>o ein (^ittd^err 
o^ne rechte (Sinfidjit allerlei iReuerutigen mit feinen ^^Seuten'' ^erfud^t 
imb fid^ babei einmal über bad anbete eine $li)ge (,,ein SD^mentt'') 
gibt , i^ tteffUd^ bargeflellt in ^ri^ 9leuter'« : Ut mine ettomtib, too 
gerabe ha9 92atureII bed mecflenburgifd^en ST^enfd^enfc^tagd olle $or« 
bebingnngen für einen berartigen $roce§ il^m entgegenbringt, ^amtt 
mag ^ier benn gleid^ ba9 &(in(id^e $(änomen jnfammengeßeQt toerben, 
bag bis bal^in ruhige, in fi($ getebrte, i^^Iegmatifd^e iRoturen pU^^ 
a($ ,,nUtV\äf** tt>erben: xft bad SRag ber ^ebulb enblii^ üoU, fo 



2)ie ®utntüt]^ig!eit. 389 

®atau§ crtiftrt fid^ tjon fetter, toarum nur SBöHet 
flaiDifd^en unb germanifd^en ©tomtneg biefe ©rfd^einung 
jeigen'unb fd^toerlid^ jemate Stotnanen, benen baju bie 
langmütl^tge ®ebulb abgei^t — fie toerben nid^t einmal ein 
SEßort bafür l^aben; benn ber bloßen Saune fe^en fte lieber 
actiöen ate })afftt)en SBiberjlanb entgegen, unb ein ener= 
gifd^ereg SRed^tögefül^l mac^t bei il^nen weniger geberlefen« 
mit ber aßiHfür; — felbfl ber t)erl^altene ©rimm ift bei 
iifmn glül^enber ate beim ^eutfd^en, bem burd^ unb burd^ 
©utmütl^igen". SBenn bei biefem bie „5pietftt" gegen ba« 
angefiammte" gürflenl^aug unb „ SWed^tögefül^l " coHibiren, 
trägt lüol getoöl^nlid^ jene ben ©ieg baöon unb toirft ba:^ 
mit ein grelle^ Sid^t auf ba^ eigentlid^e SBefen ber meijien§ 
allen toillfommenen, aber bod^ t)on ben Älugen fiet^ be^ 
läd^elten „Sutmüt^igfeit". ©enn toie mand^erlei gel^t nid^t 
ein in biefe „breiige" ©ubftanj! Slu^brüde toie „ein gut= 
mütl^iger Xf}ox'' — „gutmütl|iig aber bumm" u. ftl^inl. t^er- 
rati^en beutlidji genug, „tt)eJ3 ©eifte^ Äinb" bie „©nfalt" 
ift, toeld^e beim ©utmütl^igen burd^brid^t. ®ie geiftige 
„aSefd^rftnfti^eit" l&^t il^n ebenfo tt)enig merfen, tt)ie man 
ii^n mii^braud^t, feine „©ef&Cigfeit" ausbeutet, um i^m 
fd^lie^lid^ mit einem l^öi^nifd^en „®er 3Hf>f)X lann gelten"! 
feine ©imiffion gu geben*), aU fie il|in fd^ig mad^t, jemals 



ff 



ISuft e9 ü6er nnb bann aud^ gleid^ gang (eer. Wlanäftaal Uvnfft bied 
auf bem unDermntl^eten @r»ad^en bed @elbflt)ertrauend, nad^bem bie 
eigene traft einen befiimmten ^ö^e^unft erreid^t ^at, unb lünbtgt ftc^ 
bann tool an bnr<^ einen fünfind^en, auf bem ^ege ber S^efle^ion erzeugten 
3orn, iveld^er fld^ borfagt: id^ barf mir bied ober ba9 nid^t mel^t ge« 
faSen kffen. $[ber nur nnfid^ere iRaturen finb fold^em Slufbraufen 
auögefe^t — om meinen tinber unb SBeiber — unb eö ^angt gu» 
fammen mit bem (angräd^igen )Q$efen ber S)eutf($en, t^rem anfam» 
meinben ,,9{a(9tragen'' erlittener Unbilben; ber toal^^rl^aft Sefonnene 
SD'^ann totrb fid^ hzi geiten gu toe^ren »iffen unb z9 fo n>ett gar 
nid^t erjl !ommen laffen. 

*) SßQl bad aaerUeb^e ®ebid^t bon iRiloIaud i^edfer (bem ^er« 
faffer be« SJl^einliebe« , tta« biefe« felber in feinem forcirten Orimme 
c^aralteriftrt), ^ie treue $aut 



390 3)ie SommumonSpro)}in$. 

na6) feften ®runbfä|cn ju l^anbcln. ©o erflfirt Unn 
feine UnjutJeflftfflgfeit neben feiner ,,^a(Jefeligfeit" ^in- 
iänglid^ bie SBerad^tung, tt)elc^e il^m jutl^eil toirb, bi^ ein= 
mal auä) fein ,,@ebulb^faben reifet" unb nun bie ^lunH3e 
Unbel^olfenl^eit be^g ,,ttippi^i)m SKefelein^" (toie ^einrid^ 
§eine bie beutfd^e Station foH genannt l^aben) mit il^rem 
blinben Stufbraufen unb 2)reinf(i^Iagen ebenfo fomifd^ iDirft, 
lüie t)or^er ba§ Sitten ^ftci^ 5 gefatten4affen. iSo tritt am 
beutlid^ften in ber enblid^ fid^ ergebenben ©idfeffigfeit jene 
SSerbinbung ju SJage, meldte im ©rofeen unb ^ifiorifd^en 
toie im Äleinen unb Slfftftgttd^en un^ fo geläufig ifi: gut 
mütl^ig aber eigenfinnig. ®ine geö)iffe Seid^tgl&ubigfeit 
ift ber befte ®ung für bie S3ereittt)ittigfeit, fid^ gutmüt^ig 
^ftnfeln ju laffen, unb t^ipifd^ hierfür ift e^, bafe bie ©eut- 
fd^en benfelben Subtoig ben frommen genannt l^aben, 
meld^er ben granjofen le D^bonnaire l^eifet. ^enn bie 
mattl^erjige (Snergielofigfeit beö SBo^tooIIen^ , toeld^e bie 
©utmütl^igfeit d^arafterifirt, ift gar toeit t)erfd^ieben öon 
einer ebeln Sel^arrlid^feit, bie jebod^ mit jener jutoeilen 
baö ©ine gemein l^at, bafe fie fid^ nid^t mag „toi^igen" 
laffen burd^ SSerfennung unb ^WiSerfolge, unb lieber il^r 
§erj toill t^erbluten, afö i^r ^od^finnige^ ©treben fahren 
laffen. greilid^ jiel^t aud^ juit)eilen ein 6l^ara!ter, ben 
tl^atfrftftigere^ SBoffen unb umfid^tige Jtlugl^eit bei einem 
entfi^red^enben ®nergiegrabe n)er!tl;ätigen SJlitgefül^lg länger 
aufredet erl^ftlt, enblid^ fid^ trauernb in fid^ felbft jurüdf, 
tomn immer toieber bem reblid^en Semül^en nid^t^ afö Un= 
banf unb Slblel^nung loi^nt — unb aud^ tomn fold^ ein 
Sirad^ten äufeerlid^ jule|t nad^läfet, b. 1^. jeben ©ingreifen^ 
in bie 6om:j)leje ber ipraftifd^en 3Birflid^feit fid^ entl^&lt, 
läfet e^ fid^ bod^ nid^t erbittern, obgleid^ eS bem Unerfennt= 
lid^en aud^ nid^t ben .2;rium^)^ ber Ueberlegenl|ieit gönnt. 
63 repgnirt mit ber aUerfd^merjlid^ften ®ntfagung felbfl 
auf Setl^ätigung be^ beften SBoUen^ — unb bielleid^t erfl 
bie 5rtad^tt)elt i:>ernimmt ben legten ©eufjer ber fo gefnidCten 
»ruft, it)ie in ^o^epf)'^ IL felbftgetoäl^lter ©rabfd^rift^ 



©elaffenl^ett unb @tge6ung« 391 

%bn Qani flanglo^ t^offjiei^t ftd^ oft baffelbc SWart^tium 
ungeal^nt in tnanci^ treuem grauenbufen, jumal an ber 
©eite toller, au^fd^toeifenber ®atten. *) 

SRirgenbtoo anberö aber fornmen ijietteid^t religiöfe 
SRotibe fo toirffam in^ Qpid afe in %&Uen tt)ie ben l^ier 
befiprod^enen — unb toeil bie ®mi)fanglid^!e{t für folc^e 
bod^ tt)enigften^ tl^eitoeife aud^ ©ad^e be^ SBerl^ältniffeS 
jtoifd^en 33Bitte unb ^nteUect ift, fann e^ nid^t für ein 
alienum a proposito gel^alten n)erben, tl^rer an biefer 
©teile einmal f^jeciett ju gebenfen. 

S3ig auf bie ©rfd^einung^toeife ber einfad^ften d^arafc 
terologifd^en (Elemente erftredEt fid^ bie ©eftaltung burc^ jene 
3Jlotit>e. SBie fd^tt)er ^ält e^ j. 83. oft, ju ergrünben, ob 
tt)ir angeborene ©ufolie ober2)^^foüe \>ox un^ ^aben, too 
ein toirflid^ ,, lebenbige^ " ®ottt>ertrauen über ba^ ganje 
SBefen bie friebeijotte 3tul^e ber ®elaffenl^eit l^inbreitet! 
3Ba^ i)om griboßn gefagt ift: 

2)od^ au6f ber Saunen UeBcrmutl^ 

^ätV er geeifert gu erfüllen 

^Klit greubigleit um ©otted totden! 

ifi bie S)et)ife für biefe ganje ©attung, ate beren 3itpx&^ 
fentanten mir bei ©dritter aujserbem nod^ ben alten SSater 
S^^ibaut b'3lrc l^aben in ben Slnfd^auungen, au^ toeld^en 
bie SBerf ennung feiner SJod^ter motibirt toirb, toie ftd^ am 
beutlid^ften im ^rolog jur ,,3ungf rau* ijon Orleans" au^- 
]pxx6)t 

„ßrgebung" nennen toir e^, toenn ber menfd^Iid^e 
®igentt)ille caipitulirt in Slnerfennung göttlid^en SBitten^ 
unb SBalten^ mit l^ingebenber Untertoerfung unter göttlid^e 



*) SBer aber gu „totidf" ifl, gu »enig ^Jeflflenjlraft ^at, um 
bidfelltg gu toerben ober jur SReflgnatton gu getangen , ber fann unter 
berfetben, unaudgefe^t ni5rge(nben, 8e^anblung gu(eQt , an fld^ felbet 
irre toerbenb, — ,,ben ©erpanb öcrüeren". 



392 3)ie SommuntonSptoi^in). 

Sßdd^eit; — fte ffot aU fold^e aEemal i^r SDttelat m einer 
„©^idunfl" ober „gügung", toel(^er ber „fromme Sinn" 
fid^ ein= unb unterorbnet, in toeld^e er balb „ft^ ju finben" 
loeife; loä^renb ber ©toici^mu^ nur „©tanb l^ftlt" bem 
unab&nberli(^en $atum unb mit einem 9tefi t)on $romo- 
tJ^eu^'^ro^e ^agt: ^u lannfl jule^t mir bod^ im innerßen 
Aem nic^tö angaben! 

!93er l^alf mir 

SBibcr ber 2^itancn Ucbcrmut^? 

föer rettete t>otn £obe mtd^^ 

»on ©flatocrci? 

$afi bn ni<i^t aUtß felbfl t>oSenbet, 

^txÜQ glü^enb ^era? 

Sa bid^ iSta^) c^rcn? SBofür? 

^afi bu bte ©d^mergen geltnbert 

3e bed Selobenen? 

$af! bu bie ^(rSnen gefÜQet 

3e be« ©eSngfleten? 

$at niäft mit^ gum SDi^anne gefd^miebet 

2)te aUmäd^tige 3^^^ 

Unb ba9 etoige <Sc^i(ffaI, 

SDieine $errn unb beinc? 

SEBo^ aber ftä^tt, ifl l|iier loie bort bie einfielt in bie 
SRotl^toenbigfeit. ®amit l^ört nid^t auf toa^r ju fein, toa^ 
tt>ir oben (©, 65 fg.) erfannt: e^ gefte t)on ber ©ebulb me^r 
ci& t)on anberer „2;ugenb" baö SBort Sarod^efoucaulb'^, 
baJ3 fie „2^enH3eramentöfad^e" fei — aber ebenfo geioi^ 
ifi: too fie aU i^re eigene 3tt)ittitig^fci&tt)ejier in ber ®eflalt 
ber ®elaff enl^eit auftritt : ba ift fte aud^ au^ jener ©infid^t 
geboren. 3iur barum fteKt fid^ ber ©äugling fo unge^ 
berbig, it)eil er fold^er ©infid^t nod^ gftnjlid^ bar; nur 
barum ioirb ber ©reiö fo leidet jum ftörrigen, jäl^en, mo^ 
rofen laudator temporis acti, toeil er lein neue§ ®efe|, 
baö nid^t fc^on in feiner Qugenb gegolten, toiff gelten 
laffen — unb nur barum betounbem toir bie StuSnal^men 
ifutoon öorjug^toeife ob il^rer „3ugenblid^!eit", toeil nid^t^ 



Su^ige UiUettocrfung unter bic JlotlEiwettbigfeit. 393 

fo fel^r bie betoal^tte grifd^c, SBette unb eiafticitftt be^ 
3ntettcctö befunbet, tote bie^ ^tttt^e am gortfd^ritt ber 
3eit, bie^ SBürbigen neuer ^l^atfad^en nad^ neuen ©efid^tö^ 
:t)unften, bie^ ©id^l^ineinleben in ungetool^nte SBerl^ältniffe, 
bieg ©id^6eIei^renIaffentt)otten burd^ eine nad^getoad^fene 
©eneration. SSietteid^t rettet ein ^iftorifer ftd^ leidster biefe 
©erec^tigfeit ber Dbjectiijit&t afe mt ©ic^ter ober ,,@es 
mütJ^^menf d^ " — ein ©d^loffer unterfd^eibet fid^ barin 
bort^eill^aft t)on einem ©oeti^e; unb einem alten ^errn 
t^erjeii^en toir gern feinen „confert)atit>en", ja ,,reactionftren" 
©ifer, toenn tt)ir getoal^r toerben, bajs e^ feinem §erjen 
fd^toer toirb, ju laffen t)on ber ,,®emütl^Iid^feit" eine« 
,,lanbegi:>äterlid^en", „ipatriard^alifd^en Slbfoluti^mu^", mag 
aud^ fein Äojjf toa^ il^m ©lauben^^ b. ff. ^erjen^fad^e ift 
einf leiben in bie l^artflingenbe ©octrin: ,,ein gut 9legi= 
ment gel^t über atte^!" — nur too biefelbe „©efinnung" 
an^ eigenfüd^tiger D:t)f eruntoiUigfeit ftammt, pxowdxt fie bie 
Sntoleranj be^ ®egner§. ^mn aU ein blo^ angftlid^e« 
SBetoad^en ber eigenen ©tanbe^intereffen üerftß^t fie nid^t 
blog toiber ba^ Noblesse oblige, fonbern toirb aud^ jum 
geraben ©egentl^eil i>on jener ed^t re^jublifanifd^en SBürger^ 
tugenb, bie auf ftaatlic^em ©runbe ba^ toürbige ©eiten- 
jWidE bübet jur bal^rl^aft frommen golgfamleit gegen gött« 
lid^e aSorfd^rift S)enn ber „gute SBürger" jeigt fid^ ate 
fold^en barin, ba§ er „ol^ne 3Rurren", toeil mit ©elbft- 
betou^tfein, ben gorberungen be^ ju SRed^t befte^enben 
®efe|eg" toiffig Dp^et bringt unb nur bieg afe feine 
^eil^eit" in Stnfiprud^ nimmt, toftl^renb biefelbe Sürger^ 
tugenb bem „juf ftßigen" Selieben eineg ^c^potm mit atten 
Äräften toiberftrebt , toeil biefe nur eine „fubjectit^e 5Kotl^= 
toenbigfeit" l^at, alfo nid^t beftel^en fann \>ox bem, aud^ 
ol|ine Slnerfennung eineg ^)oftti^)en ©ogmengel^altg antoenb^ 
baren, Äanon: man foff ©Ott mel^r gel^ord^en ate ben 
3Renf(^en. — ®a§ aber felbft ein Sut^er wx bem ®i= 
lemma,, toeld^eg aug bem 3«föwwt^«^Ält^« i>i^f^^ Äanong 
mit bem beliebteren : „f eib untertl^an ber Dbrigf eit, bie ©e- 



ff 



394 S)te ^0mmuniondptot)in}. 

toalt über cud^ l^at", entfiel^en mu^, in« ©d^toarxlcn gerattert 
lonnte, erinnert unö baran, tote nid^t iebem ^Reformator 
eine ©romtoeEnatur innetoo^nt mit bem unbebingten SRutl^e, 
&beraB in freiefter Slutonomie nur ber „fubjectiöen Ueber^ 
jeugung" ju folgen, ba, bei ber SBBanbelbarfeit affeö menfd^s 
Uelzen „SRed^t^'', jule^t boc^ nur biefe im ©tanbe ifl, be^ 
fümmte ©rengen ju jie^en, bie um fo weniger fefle unb 
fidlere fein fönnen, je leidster fie gerabe mit religiöf en 2ln- 
fd^auungen ju Gonfficten führen. ©^ ift alfo^ aud^ t>on 
biefer ©eite betrad^tet, fein gar fo einf ad^e^ S)ing, immer 
bie ©rfüHung ber ftaat^bürgerüd^en unb 3lmt§j)flid^ten mit 
ben affgemein et^ifd^en SRormen in ©inHang ju erhalten, 
toorauf gelegentlid^ nod^ eine befonbere ©^arafterjeid^nung 
be^ „^Patrioten" jurüdfü^ren fönnte. 



IL %ii(fgang: .@tn :|iaar Sorte über bie ^rognofe nail^ 
ben 3fugenb:|i^Snomenen im aOgemeinen. 

S)a§ e^, ungead^tet fo mand^er Hoffnungen, toeld^ean 
bie SKobificabilität getoiffer Qugenbeigenfd^aften jid^ !nü})fen 
laffen, unter ben 3ögßngen in ©d^ule unb ^au^ bereu 
gibt, bei benen „^oipfen unb 3Kalj ijerloren" bleibt, toeil 
eö am „guten Sefien" fel^lt, mag Sleltern, bie an il^ren 
Äinbem in ber ©d^ule toenig greube erleben, geredeter 
ftimmen in xffxm gorberungen unb ©rtoartungen, toelc^e 
fie t)on ber jjäbagogifd^en Äunft liegen; bod^ toirb ber 
©d^ufter ftet§ bereit fein, ba^ non ex quovis ligno Mercu- 
rius lieber auf fein Seber ate auf fein eigen gleifd^ unb 
33lut anjutoenben — unb ber geloiffenl^afte ©(^ulmann 
mufe ba^ über fid^ ergel^en laffen. SJorläufig mag aber 
jener aud^ bamit pd^ trßften, bafe in ber SBelt meiftenS „aiou- 
tine" ol^ne SBerflftnbniB leidster il^r „©lud mad^t", ate ein- 
fid^t«i;)offe 2:i^eorie o^ne ^raftifd^e „@ett)anbtl|ieit", unb ba& 
„bummbreifie" aRaul = unb ©d^lagfertigfeit eö oft weiter 



3)ie ^rognofe nad^ ^lugenbpl^dnomenen* 396 

bringt atö pmibU ©rünblid^leit, bie in ®cfal^r fontmt, 
,,ben SSBalb bor lauter SBäumen nid^t ju feigen". 

Stnbcrerfeit^ aber mögen fic^ biejenigen nic^t ju fefl 
auf il^re 9Wenf(l^enlenntni§ ijerlaffen, toeld^e au^ ben ,,tDffen 
©treid^en" i^rer „Stangen" einfl feden Seben^mutl^, au^ 
ü^rer „SKafetoeiS^eit" einfl manneStoürbigen greimut^ er^ 
blühen ju fe^en hoffen — bie meifien ,,toben" fo grünbli^ 
an^, baj^ bie buefffild^tigfien ,,6or^)§burfd^en" fid^, fobalb 
ber Sugenbraufd^ öeriflogen, ju actenbürrften Sureaufraten 
— fogar mit einer getoijfen Slegelm&feigleit — \>cxpv:p\>m, 
tooju bie gormel be^ 3laturgefe|e^ nid^t fd^toer ju flnben 
tfl; benn ba^ /rforfd^e SBefen" be^ Gotp^burfd^en, tok ber 
jugefnö:j)fte, abi^eifenbe ©ünfel be^ SBureaufraten berul^en 
beibe barauf, ba§ ba§ ©efül^l J)erfönlid^er Ueberlegenl^eit 
bei einer ©enoffenfd^aft unb il^rem esprit de corps fid^ 
in Slffecuranj gegeben — unb umgefel^rt l^odte man^ f^ä- 
terer „®emagog" auf Uniberfitftten unter ben „Äamelen", 
ö)eil il^m ba0 flotte S^reiben ber anbern nid^t „emfl" 
genug tt)ar, feine Äräfte baran ju öergeuben; \oot>on 
griebrid^ t)on ©äffet gefungen: „(Sin fd^ön nm Sieb t)on 
einem paxi^n ©tubenten, ben fte anfangt für einen ^ud^ 
mftufer gel^alten l^aben." 

Unb ö)eil l^ier einmal i)on unerfüfft bleibenben $offs 
nungen (jebem Qfingling fefet man \a baö epitheton ornans 
,,l^offnung3t)Dff" in bie iobe^anjeige) bie 3lebe ifl, fo mag 
aud^ nod^ baö Ingenium prsßcox barin bem ,,altKugen Äinbe" 
gleid^geftefft toerben, ba^ beibe in ber Siegel rafd^ genug 
auf bem Slit^eau be^ ,,®ett)öl^nlid^en" [teilen bleiben — je^ 
ne^, toeil ber affju frül^ in "^n^ gef ommene Snteffect balb 
erflarrte, biefe^, toeil für feine rtelijerrufene ,,Unleiblid|f- 
feit" nid^t fotool e§ felbfl aU feine Umgebung, bie barin 
gel^örten ®efj)r&d^e u. bgL t^eranttoortlid^ ju machen ftnb. 
S)ennod^ ifi bei biefem bie ^prognbfe ettoa^ günfttger afö bei 
jenem, toeil o^ne ein jeitig fid^ funbgebenbe^ inteffectueBe^^ 
Sntereffe toon bem ©e^örten aud^ nid^tö „aufgefc^nai)jrt" 
toirb — alfo mel^r ein 9Ri«t)er^ältnife jtoifd^en bem afp- 



396 S)ie 6oininunioni$ptolHn|. 

milirten ©toff unb ben Salären atö jtoifd^en biefen nvi> 
ber Äraftenttoidelung fclber befleißt — erfictc^ aber com^ 
pm[ixen bte S^i^re balb f eiber, fofem man nx<f)t anjus 
neffmm braud^t, ba^ au^ bem aÜHugen Jlnoben oSemal 
ein greifenl^aft benfenbet SWann toetbe — toa^ freilui^ auä) 
\)otlonmt, jumal tt)o bie äOtflugl^eit \>on ^au^e attö burd^ 
5ßrftcocitftt gefteigert toar. 



S)tc Sttcrgtcgfabc 

uttb 

n)a8 bamtt jufammcnpngt 

1. %tx Sigenfltin^ an {til^ n»b in feitter bSmomf^eit 

Statut* 

In vetitum nitimur unb: eble SRaturen toiberftteben 
bem Stoange — batmt l^aben toir ba^ erfte 5paar t)on 
®cgenfä|en, pA\&i^ toeld^cn bie SBetrad^tung be^ ©gen- 
finn^ fid^ l^iin^ unb l^erbetoegen mu§; ba^ Oemeinfame 
barin ift bie ©eC&ftbel|iaui)tung be§ eigenen SBotten^ gegen 
t)Dn aujsen ^et cmbrftngenbe frembe SBitten^befiimmungen 
afö einziger unb legtet 3^^<5- ipöret mit SBerbieten auf: unb 
tl^r entjiel^t bem ©genfinn be« Äinbe^ feinen breiteften 
aiummetplal ; benn nun lodt il^n fein „bu barfft nid^t!" 
nod^ „bu foffteflnid^t!" I^erau^ ju einer jtoedlofen SBetJ^ä- 
tigung eine^ i)on material - egoiftifd^em 3leij ööHig freien 
©elüfte^ — ber SReij liegt in bem abflracten: Qd^ f ann'^ 
(t^un ober laffen). ©er Snl^alt feinet SBoaen« ijl il^m 
beinahe gleid^gültig ; e^ fommt i^m \^^x(i ,,3)urd^fe|en'' 
feiner SBoHen^mDmente nid^t fotool auf ba^ SBa^, al^ nur 
auf ba^ ©afe ^xi, unb t% ift infofem aUerbing^ bie abftract 
j)Dtengirte SInlage unb Sleu^erung be^ egoiflifd^en ^ßrincij)^ 
— nur be^i^alb im frül^eften Äinbe^alter in feiner ganjen 
Siadtl^eit l^ertjortretenb, toeil fid^ biefem bie SBelt ber con^ 
creten SWotitje no^ nid^t erfd^Coffen l|iat — unb barum 
aud^ beim ^äbd^en l&nger anbauemb al^ beim ^obtxi, 
toeil öberl^au))t bem äSeibe nur ein fd^mälereS ^elb ber 
erfüHung mit })raltifd^en Seben^jtoedfen offen flel|it. — ^öret 



398 3)ie Sitergiegrabe utCt toa^ bamtt ^ufammen^Angt. 

mit gorbern auf: unb xf}X mtfftbt ha& eble ©emüti^ ber 
^ein, toeld^e i^m f eiber barau^ l^eröorge^t, bafe e^ eud^ 
euer SBerlangen abf dalagen mu^, toetl in feinem 3nnem 
ein SBibetl^alen ifi, ben e^ fid^ ausreiften müftte toie bie 
SSiene ben eigenen ©tad^el, el^e eiS euerm »ege^ren toitt= 
f ai^ren f önnte — mag biefeS an fid^ au^ auf ettoaS l|ier j^ • 
lid^ ©leid^gültige« gerid^tet fein: aber bie 3unge ift x\)m 
tt)ie gelahmt, bie &ippm toie aneinanbergefd^miebet, tomn 
e« eud^ SRebe [teilen foH auf eine f^rage. Unb forf^t man 
nad^ einem ©rflärungSgrunb, toarum bieg eben ebeln 3la^ 
turen üorgugSiDeife eigen ift, fo toirb er ju fud^en fein in 
einer mel^r ober toeniger Rar betouftten (Seltenbmad^ung 
beS autonomif(^en 5ßrinci^)S. ©er 6ble toitt im \yoUm 
©inne ber S^i^äter feiner eigenen 2;^aten, nicj^t boi^ toer^ 
anttoortungSlofe 3Webium fremben SBoDenS fein — fo lann'S 
au& i^m mit einem ^ro| Hingen toie auS ^utten: SSoS id^ 
getl|fan l^ab' , baS l|iab' id^ get^an, SWid^t gebeten, nid^t ge^ 
nöt^igt, fonbem ganj aus fid^f unb feinem SQSefen l|ierau«, 
b. f). toa^r^aft frei, toiK eS l^anbeln unb unterlaffen. 

®aS Äinb fürd^tet eure ©träfe für fein unartig eigene 
finnig ©d^reien: aber laffen fann eS bas bod|^ nid^t — fo 
fd^reit eS: „id^ toitt artig, jiiff fein", unaufl^örlid^, unb 
eben in ber Sleufeerung beS entgegengefe|ten 3Jorfa|eS 
beftel|ft ie|t feine Unart. 

©0 begegnen toir aud^ beim ©igenfinn toieber jenem 
Siid^ttooffen im SBBotten unb SBotten im 3lid^ttooffen, toeld^eS 
tt)ir bie Orunbantinomie ber 6l|iarafteroIogie ju nennen 
bered^tigt finb. ®aS ift, nad^ obiger SBeftimmung biefeS 
33egrip, baS ©ftmonifd^e im (Sigenfinn. S)er ßigen^ 
finnige loüti^et red^t eigentlid^ toiber fein eigen %lü\6f — 
gerftört ftd^ fetter, toie in blinbem SRutJ^loiUen, bie fd^öm 
jien ©tunben feine« &^btn^: bie Siebe ruft, er l&fet fi<^ 
feffeln tjon irgenbeinem Ouarf, ben er gerabe unter ben 
^änben l|fat; bie Äiebe toamt unb fle^t, er aber bel|iorrt 
in bem ol^n' inneres Sebürfnift einmal vorgenommenen 
%f)nn — unb inmitten feiner aSBbnnemomente gibt er ben 



< 3)er eigenfmn in feiner bämonifc^en 9latur. 399 

blue devils ßinla^ unb toetteifert fo an SfBtberfinnigfeit 
unb 2;^orl^eit mit beut in ftd^ gefjjaltencn Oemütl^ — unb 
infotoeit toenigftenö ifl ein guter ©inn in beut SBefenntni^, 
baö tt)oI ntel^r atö einer fid^ ober anbem abgelegt: „id^ 
toar ftetö ©emüti^Menfci^ unb bar um eigenfinnig" — 
l^aben bod^ (Sigenfinn unb Oemütl^ aud^ bie tiefe Qfm^ref^ 
fionobilität unb bie nad^l^altige Sleagibilität gemeinfam — 
baju meift fd^toad^e ©j)ontaneität: mit einem SEBort bie 
$au:t)telemente beö Slnftmatifer«. 

S)em ©igenfinn iüefentlid^ ift aud^ ein ^anbeln it)iber 
beffereg 2Biffen. (Segen baS eine grofee, rationette 
3HoÜo, toeld^e^ il^m fofort ein ®nbe mad^en müfete, fül^rt 
er eine unüberfei^bare ©d^ar iüal^rer 5p^gmäenmotit)e in§ 
gelb: Älug^eit unb SÖBei^^eit feigen fid^ umflattert t)on 
einem ©d^toarm gemein-:t)fiffigen ©efd^meifee^ — bem SBer- 
nunftgebot: fofort! fiefft er ein enblofeS: nur nod^ einen 
Slugenblid! entgegen — unb biefe Slugenbliöe toeife er ge^ 
nau bi^ ju bem 5ßunfte au^jubel^nen, h)o ba^ unerbittlid^e: 
3u f^)ät! il^n angrinft — bann lÄfet er enblid^ ab — benn 
„er l^at \a bod^ feinen SBitten". ©o ift'^ für feine 3i^^<t 
toibrigfeit ein t\fpi\6)e^ ©^mbol, toenn toix bem jufel^en, 
it)ie gefd^eite unb im übrigen tool^Iüberlegt l^anbelnbe 
Seute nad^ bem verlorenen ^Pfennig fud^en unb barüber ein 
©rofd^en^lid^t ijerbrennen — obenbrein ober ganj unfd^ä|:: 
bare unb unbejal^Ibare ©tunben an ba^ nid^tige 2^l^un 
t)ergeuben — ber ©nglänber lönnte e^ penny-wise and 
pound-foolish nennen; unb ber ©ad^e nad^ iji e^ ja ganj 
einerlei, ob ettoa ba^ ©efud^te ein 6itat ift, not worth a pin, 
unb über baS ©ud^en bie ©tunben eigener frifd^er ^probucs 
tionöfraft unioieberbringlid^ entrinnen. 2lber ber SBerfianb 
nid^t nur, aud^ baö ^erj fommt babei ju lurj: au§ Xifa- 
ten be^ @igenfinnS quitten nid^t bie toenigften ber 2:i^rÄnen, 
t)or benen ber S)id^ter toamt — umfonft toamt, benn toer 
fid^ loamen liefee, bebürfte ja ber SBamung nic^t: 

2)ann fntefl bu nteber an ber ©ruft 
Unb birg^ bie ^ugen trüb unb nag 



400 3)ie (Snergiegrabe unb toad bamit sufatnmen^dngt. 

— @te fe^n btn anhtxn nimmermehr — 
3n9 lange, fend^te Jtir(i^l^ofgra9. 

Unb f|>rtd^fi: „O \ä^au auf mid^ ^ecab, 
2)er ^ier an bemem ®raBe toetnt; 
Vergib, bag td^ ge{r&n!t bid^ ^ab\ 
«et @ott, ed iDar niä^t böf gemeint! 

SCud^ babci l^atten bte t)erffil^rcrifd^en Slnteijungm t)er= 
tröflct auf bic folgcnbe ©ecunbe, bie alled toiebcr gut 
tnad^en, aUe^ SBerlorene toicbcr einl^olcn foBtc — unb 
toetitt nid^t atteg, fo bod^ ba^ jule|t baran gefe|te — ober 
bet SWoIod^ (Sigenfinn gibt Uint» ber Dj)fer gurüd, bie bu 
in feinen geuerbauc^ geworfen — erfeftt feine erlittene 
©inbufee, aud^ nid^t einmal einen 2)^eil berfelben — er 
lodft nur irrlid^tartig nedtifd^ toeiter — unb l^ierin eben 
befielt feine beflridtenbe SWad^t: er untf fingt ba« SBoffen 
toie mit feftgefd^nürten SBanben — aber ba^ »etoufetfein 
bleibt Har — man toeife, bafe e« ein SBal^n ift, )a>a^ mm 
im aSerf eierten bel^arren lä^t — man toeife, bajs ber 5Ber= 
fül^rer ni^t SBort ^&It — unb bennod^ bleibt feine SRad^t 
unübertoinblid^ ; — er ftemmt pd^ gegen jeben aSorfa| au 
refigniren , f olange bie SReftgnation nod^ ein 2lct beg freien 
entfd^luffeS toäre — eö foll bem fd^abenfrol^en 3)ämon 
ba^ l^ö^nifd^e ©efid^er nid^t entgelten, toenn eg nun fo it^eit 
i|l, bafe einer angefid^t« beS SSemid^teten nur gum J^ol^ne 
nod^ fann gefragt toerben: biji bu bereit, barauf gu t>er- 
jid^ten? 



2. Sottfe^nng. %e$l^abetei unb Ditetlö|)figleit 

2)ief er innere SBiberf^jrud^, mit toeld^em ber eigenftnn 
bel^aftet ijl, mac^t i^n, m bie nöt^ige „Unfd^äblid^feit" 
bewai^irt toerben Jann, ju einem fo toirffamen ©toff ber 
Äomif, bie t)on i^m bereiteten Slantalu^ualen be« en>{g 
erneuten SBerfud^^, ,, feinen SBillen gu belommen", bürfen 
bann nur nid^t bie 3Riniaturbimenftonen fleinlid^en unb 



9te(]^t]^aberei unb Duer!5))fi9{eit. 401 

Ileinltc^flen SBegei^iteng überfd^teiten — er jle^t barin bem 
®etge unb bem Äofettentl^um afe etoaS ganj ©leid^artigeö 
an ber ©eite: e8 tft bie Äontlf be§ ben 3^^<äf negirenben 
3Wittel8, fei e^, bafe man SSerlome^ ä tout prix retten 
tt)ill, unb barüber mel^r unb Unerfe|ltd^eS t)erltert — fei 
es, ba^ man red^tjeitig feine ©intoiöigimg ju etiüaS t)er^ 
fagt unb barüber fid^ in bie Sage bringt, J^ernad^ t)iel 
größere gorberungen sujugcflel^en, \>xd fd^merglid^ere D^>fer 
ftd^ abjtoingen ju laffen. äud^ ber ©genjtnn — nid^t bloS 
bie SRu^mbegierbe, tt)eld^e an [x6) freilid^ oft genug ben 
(gigenftnn ali 3Roment in ftd^ trägt — l^at fein: aut Cae- 
sar, aut nihil — unb langt beSl^olb oft genug beim nihil 
an; — unb bie S^ottÜi^nl^eit, gu loeld^er ber ©igenfinn in 
®l^renfad^en loie in Siebegaffairen anjujiad^eln jiarl genug 
fein lann, ifi bann fo gut berfd^ioenbet, loie bie jäl^eSe- 
bulb, toeld^e loir il^n bei anbem ©elegenl^eiten. aufbieten 
fe^en. „©d^obe brum" — l^ört man bann Äußern — „fo 
t)iel aufgeloenbeter ®ifer loäre lool^I eineg.beffem ©egem 
flanbeS loertJ^;" Unb loer baran jioeifelt, ber bered^ne nur 
einmal, n^ie t)iel Äraft jal^rauS jal^rein t)on ber 5perrälen= 
gelel^rfamfeit unb il^ren Xagelöl^nem barangefe^t tt)irb, 
für irgenbeine mifrologifd^e ^ifpot^c^c 33elege auf jujiöbem. 
SBie ber ©eijige in feiner 3Wonomanie t)er]^ungert unter 
©d^a^en, fo t)erfd^mad^tet baS 3Wenfd^entl^nm in ber SBruft 
bei8 bloS auflefenben SRotijenfrfimerS, loeld^er unter bem ©om^ 
mein Don ©tüfeen für eine SeSartenconjectur aud^ nid^t 
ben leifeften $aud^ beS gewaltigen ©eijleS t)erf^)ürt, ber 
i^ in ben ©enfmalen beö Slltertl^umS umtoel^t. Unb ob 
biefe Stajfe tt)irHid^ j[e|t am Sluöflerben ift? man mufe 
es begloeifeln, folange bie Sad^mannS unb SUtfd^tö no^ 
immer, aud^ unter ber 3«9^nb, in verba raagistri fd^loö= 
renbe ©eiounberer ^aben. SBer aber beSl^alb, ioeil loir 
fold^en SRef^ject nid^t tl^eilen., loieber bes 5ßietätSmangefö 
gegen eine ßigeni^eit unferS SSolfö nn^ jeil^en möd^te, ben 
t)ertoeifen loir nod^matö an bie fd^önere Segeifierung, mit 
toeld^er suaviter in verbis, sed fortiterin re baS ioirflid^ 

Sal^nfen, CEJ^araltetoIoeie. i. 26 



402 2)te @nergiegtabe unb toad bamit aufammenl^&ngt 

ed^t beutf^e ©elc^rtengemütl^ cine^ Qafob ®rittim in ber 
@eben{r^e auf Sac^ntann folc^ treiben als A&rmertreue 
(i^arolterifirt ffat ^atutn flel^en tx>xx au^S) nid^t an^ bie 
anbete gorm, in toelc^er ber ©igenfinn auf rein intettec= 
tueQem @ebiet fid^ binbgibt^ bod^ nod^ eine @tufe f)&ffex 
ju jleHen, S)er f^)eculatit)e „Ouerfoi)f' t^eitt mit bem ©l^ia- 
tafter, im Untetfc^iebe t)on bem in ©injell^ieiten fidjf bet- 
gettelnben @igenfinn, boc^ )t)enigfienS bie ein^eitlid^en 
@tunb}äge bet {td^ felbet gleid^bleibenben Sonfianj; unb 
mag et in feinem — nid^t si, fonbetn faji quia — omnes 
patres sie, ego non sie, aud^ gat fel^t unleiblid^, tomn 
niijt lAd^etlic^ fein, fo n)ei| et bod^ \t)aS et toiS unb torXi 
es motgen n)ie l^eute unb tt)ie et eS gefietn geiDoEt älDein 
i)om eigenjtnn l^at et baS Sid^ntid^tsübetjeugen-noc^toiber^ 
legen4af[en^n)oQen; tagt abet äbet ben bloS 9led^t^abetifd^en 
infofetn ^inauS, afö feine gä|e auf einem fejien unb feft 
bel^au:t>teten ®tunbe, nid^t auf einem bloßen ©infaU beS 
älugenblids flei^en. ^et SRed^tl^abetifd^e betflodt fid^ bem 
toaS et einmal auf gefteUt ^ät }u Siebe, toenn'S anbetS nid^t 
gel^t, in logifd^e ©onfufion — bet Ouetfö^)fige ijl unan^ 
gteifbat in bet f^jlematifd^en ©onfequenj feinet ^poiitionen, 
unb i^m gegenitbet gilt baS: eontra prineipia negantem 
non est disputandum. S)ie 9Ritte jtDifd^en beiben l^ält 
gett)iffetma|en bet in 5ßtinci^ienteitetei SSetrannte. 5Bom 
Uttl^eil beS iQuet!öi)figen mufe man fagen, bafe eS bet ge^: 
toöl^nlid^en SWeinung nid^t fotool „jutoibetläuft", alä eine 
ba}u im ted^ten Sßinfel entgegenliegenbe ätid^tung nimmt 
— et ifl nid^t botnitt, obet bie anbetn nennen il^in „ber^ 
fd^toben" obet „betbtel^t". S)em Sied^t^abetifd^en bagegen 
fel^lt es gemeiniglid^ äbetl^au))t an @infid^t unb gefunbem 
Uttl^eil — et betfd^liefet fld^ bet SSelel^tung nidjft fotool, 
tDeil et feine älnfid^t liebgett^onnen, als tt^eil eS i^n be^ 
mütl^iigen n)ütbe, ftd(f füt übettDunben etKäten )u muffen. 
(©enaueteS l^ieriibet finbet man in bet „StuSSltt^ut ®6)0pm^ 
^auet'S ^anbfc^tiftlic^em Sttac^lafe" betöffentlic^ten „etiflif'O 
S)en ^tincipienteitet enblid^ f ennjeid^net bie @infeitigleit, in 



9^dft\}aUm unb DtterI5))ft9leit. 403 

toeld^er i^n Wc vis inertiae bet einmal begonnenen Setoe^ 
QunQ forttreibt: er fielet nid^t toa^ red^tö nod^ \oa^ linU 
liegt, fobalb el ,,in feinen ftram nid^t paj^if% toäl^renb ber 
üuerlo^jf für bie^ aUe^ ein ganj offene^ unb unt)erblen= 
bete§ SSuge l^oben fann, unb fein ©treben nur barauf ge= 
rid^tet ift, eg fo ju toenben unb jujujlu|etT, bafe eg in fei- 
nen SBau fid^ eirtorbnen lajfe — bleiben bann fd^roff bor^ 
f^jringenbe Tanten ftel^en, fo ftört i^n ba8 nid^t toeiter — ift 
feiner ßiebi^iaberei furiS SBarodte t)iellei(i^t fogor toilHonttnem*) 



*) Äaum eine anbcre SStffcnfd^aft bürfte fo tyiti claffifd^c ©jcm* 
Opiate ber £luerfB))fisfett (tefern «il9 tote ^l^tlologtfd^^^l^tflonfd^e* Wlan 
fe^e nur 3. $• gu, tote ba in atramqae partem geffinbtgt tfl; toeld^er 
Sufmanb bon ^(i^arffinn, toeld^er ^aUafl bon Öele^rfamleit, um 
eine {^^^pot^efe gu fluten, in bie man fld^ einmal rr^^nant" l^atl 
SDa lernt man fennen, mad ein ,,(ogif4^er 9{a))tud" ifi. fSuf ber 
einen @eite bie dieflitutiondl^iflorifer, bie an9 pVLxtx O:))|)ofttion gegen 
9Hebu]^r , ä^ommfen unb @d^n)egler auä^ bie fd^Ied^tefien Ouellen mit 
^aut unb $aar vertreten — toie ®er(a^ — ; auf ber anbern bie 
,,beflructiben Äritifcr", bie, einem CSinfaß g. 5r. Soip« ober Sad^* 
mann^d gu Siebe, .ed gar nid^t fatt friegen Tonnen, bie {^omerifd^en 
©ebid^te unb bad 9hbe(ungen(ieb in lauter ge^en unb gäben gu ger« 
gn^fen. Ober toollen toit an bie iDeilonb ^ela^gertiteratnr erinnern? 
ober on bie ga^Uofen ^^d^riften de situ paradisi? Wan IBnnte eS 
für obfolet l^alten — brum feien bie mel^r al9 fipagl^aften l^erfud^e 
erm&l^ntr mit falbem Riffen gu et);mo(ogiftren unb im $eimat6« 
bialelt bie Urf^pradf^e gu entbedten. Sud^ bie Sn^tl^ologie ifl fold^ ein 
2:ummet^tat ber Ouerfö^pfe — unb feitbcm ?obcd ber gord^iammer** 
f<!^en SBaffertl^eorie bad 

olandite Jam rivo8, pneri, sat prata biberunt 

entgegenrief, l^aben ^ottf^ unb 3. ^aun mit i^rer ^Oertettung 
bed ^eUenifd^en an9 bem Orient unb Segv^ten ben iüngern ^t* 
toeiö geliefert, bag SJctranntfein in ©ebanfcn „mit einem Äömdjcn 
SBal^rl^eit'' auf beutfd^er @tben nod^ immer „nid^t auögcj!orBen fei", 
©aß e^ übrigen« audj bei ben 3üngem ber fogenannten ejacteu 
SBiffciifdJaften ntd^t au OuerW^figfeit fe^It, betoeifen bie nod^ immer 
mieber bon Seit gu 3eit anftaud^enben i^erfud^e, an bie (Stelle bed 
Äo<)ernicanifd^en (S^pem« längfl wiberlegte Stl^corien gu fc^en. @benfo 
gelten ben iRctotonianern — alfo ber SWaiorität — alle Vertreter ber 
©oet^e'fd^en garbentl^eorte für bloge OuerI9))fe. 

26* 



404 2)te energie^rabe unb toad bamit jufammenl^dngt. 



3* 9ottft$nng. @i^no)U)iitifil^e Wgteiijitiig M Sigen- 
finnS gegm nemitnUe CEigtifi^afteii« 

^ie QtbÜ)dlunQ itoVjifm )>em Sigenfinn \mt> feiner 
ja^lreid^en SSetterfd^ft — a;ro|, ©tattfinn, ©iflentoiHe, 
fotnmt ben SBafen : ^artnädigteit, ^l^ftartigleit, Se^art^ 
l^teit, 3Biaen^feftig!eit u. 9(. - ^ Txäf ba^ Tribunal 
ber St^nont^miler t^eitoeije Iei(^ter gemad^t, ol^ toofüt ein 
S^ron jte gehalten, too et („Don Juan", XIV, 89 fg.) 

that lurking demon 
Of double natnre, and thus donbly named — 

Fimmess yclept in heroes, kinga and aeamen, 
That ifi, when they succeed; bat greatly blamed 

As ohstinacyj both in men and women, 

Whene'er their trinmph pales or atar la tamed: — 

And ^t foiU perplex the etuuist t» iMraiity 

To fix the due hatmds of this dangeraus quäUty 

Had Buonaparte won ad Waterloo, 

It had been firmness; now 't ia pertinacity: 

Must the event dedde between the two? 
I leave it to your people of scigacity 

To draw the line hetween the faUe and tfuey 
If such can e'er he dravm hy man's capctcity. 

SEBirflid^ toirb ber eventus atö magister stultorum ge* 
nteiiuglid^ bem unfritifd^en Setoufetfein bo^ einjige Arite:' 
rium l^ergeben; aber a\x6) ol^ne ä(nf)}ru(i^ auf befonbere 
sagacity u>erben Xoix eine determinatio t>erfu(^en bärfen, 
Smmerl^in ijl in beni „©^non^mifd^en SBörterbud^" Don 
©ber^arb unb SWaajs — 3. 3lufl., I^ierau^gegeben Don ©ruber 

— ber ärtifel: „eigenfinnig ©törrig" (II, 153 fgO, 

unter bie mit löblid^er ©c^ärfe ber S)ifUnction au^gefil^rten 
ju jäl^len — aber benno^ fann unö ba^ $ert)orl^eben ber 
Unterfc^eibungi^merfmale nac^ bem ©egenflanb unb bem 
SluSgang be^ ftd^ gleid^bleibenben ©treben^ nid^t red^t be^ 
friebigen, toeil ej3 toieberum bie objectiDe- ©eite auf itoften 



SHe S^non^men ju (Stgenfmtt. 405 

be^ fubiectit)en Urfjmtttg« unb aSefen^ biefer d^atafteto= 
logtfd^en 5pi^&nomenc betont — entfjJted^enb ber t)or=, ja 
jum SCi^iell antisftantifd^en ©tettung be§ SegtttnberS btcfe^ 
SBerteS. ®od^ mögen einmal — gut SKufttation beffen, 
toa^ ©♦ 57 fg. über ba« aSerJ^Ältnife ber ©l^atalterologie jut 
©^non^mil gefagt toorben — ün \>aat ©d^Iagltd^ter auf 
einige ^unUt be^ 2)etaifö fallen. 3w^*ci^ft ft^^i^gt bie 
Unjulänglid^feit in bie Slugen, mit toeld^et „fränieinbe, 
üble &anm'^ ju bem einzigen »anbe gemad^t toirb, an 
bem ber ©genfinn mit ber eti^ifd^en unb 5;em:t)eramentö= 
feite beg ganjen S^bibibuald^arafterö jufammenl^angen foff. 
©obann ijl ber bort befd^riebene (gigenfinn pd^tlid^ genug 
nur eine befonbere unb obgefd^ioäd^te ©rfd^einung^form beS 
toirfüd^en ®igenfinn§ in feiner Sieinl^eit. S)iefer fe|t atte- 
mal borauö, bafe ba§ im ^^legma mitborl^anbene SWo^ 
m^nt *e^ Sel^arren^ in feiner formalen Slbftractl^eit für 
fld^ l^erbortrete, ober loie e8 bei ©d^o^jenl^auer („^arali^ 
})omena", 1. «ufl., H, §. 321) l^eifet: „Sltter ©igenfinn he-^ 
tnfft barauf , bafe ber SBiHe fid^ an bie ©teile ber (Srfennt^ 
ni§ gebr&ngt ^at." ®anad^ ifl e^ alfo gerabeju berfel^rt, 
bem (gigenfinn ein ^anbeln nur nad^ unjureid^enben 3Ko= 
tiben beizulegen (®berl^arb, a. a. D), flatt baS SBefen 
bejfelben in bie tJöHige Untoirffamfeit inteHectueHer S9c= 
ftimmung^grünbe ju fe|en. SKnbererfeit^ aber l^errfd^t bag 
t)on ©d^o^)enl^auer l^eröorgelel^rte SKerfmal be§ stat pro 
ratione voluntas aufeerbem in nod^ anbern 5Raturformen 
be§ 3BiIlend — inSbefonbere in Slffect unb Seibenfd^aft — 
genügt miti^iin beSgleid^en nid^t jur Äenntlid^mad^ung bej^ 
©igenfinn^ al« fold^en. SSielmei^r ftreifen ioir and) i^ier 
ioieber an SRuancen, beren eigenartige Slingirung foiool an 
Qualitäten beS moralifd^en (Sl^aralterö it)ie beS Öntettect^ 
il^re Goefftcienten l^at. 

3?ad^ einem wn §egers glüdtid^en Sluöbrüden ijl ber 
eigenfinn „bie ^ßarobie be§ 6l^arafter§" — unb barauö 
mögen ton loenigftenS f o t)iel afö ridjtig entnel^men, ba§ e^ 
miölid^ fein ibürbe, an bem ©runbioefen be§ (Sigenfinnö 



4Qß 3)ie 6nergie0¥a^e tit^ mad batnit jufatntnenl^dngt. 

unb bet i|fm bemanbten Srfd^einungen eine 0en)iffe Unu 
tjerfalttät ju öerfennen. 3« «od^ gtöjaerer S8orfii(ft abct 
müfete e§ aufforbem, ba§ ^egel'd 3ä«0^t »ofenfranj (m 
feiner ,,5pf^(^ofogie", 3. Sluff*, ©. 83) ben ©genfinn in 
ncU^em Swfammenl^ang ju bem fe|t, tooS ü^nt meland^o- 
lifc^e^ 2;emi)erament l^eifet, toenn bem tdijt bereits t)or== 
gefelj^en toäre burd^ baS, toaS oben über ben ©genfinn 
ber ©emütl^dmenfd^en beigebracht ifi; iDomit ^8 burd^auS 
^)ereinbar bleibt, bafe aud^ ber ©genftnn in bem ju tout- 
jeln fc^eint, toa« in ©Jjontaneitftt unb 3leagibilität ben 
^l^legmatifer a unb c d^arafterifirt unb tooxan im unter- 
fd^eibenben SJeri^i&ltnife ium ©anguinifer aud^ bie gormen 
a unb b beiS S^oIeriferS ii^r ^l^eit l^aben, tüt^f^ bei 
biefen ber @igenfinn bie @eftaU bei^ Sro|ed annehmen 
lann. äluS einem eigenftnnigen ^inbe n)irb nämlid^ leidet 
ein trofeiger Änobe (ber be^l^alb nod^ lein ,,unbänbiger" 
ju fein brandet — benn bieg ^jflegt größere i)l^^ftf(^e Äraft 
al# S3afiS t)orauiSjufe|en). Ueberl^au))t entf^ric^t ber %xo^ 
Qaxii bem @ntti)id!elungsftanb!|)unft bes ^abenalterS unb 
finbet fid^ im Sünglingg:: (ganj feiten h)ol aud^ im ^ftarv^ 
ne§-) älter nur bei fold^en, xelatx\> xof) gebliebenen, 3nbi= 
i)ibuen, toeld^e bie Steife beS Änabenalterä innerlich nid^t 
überfd^ritten l^aben. S)aS fd^lie^t jebod^ nid^t au«, ba§ 
fid^ im Xxo% unleugbar ber Äeim fünftigen SRanne^fteljeS 
offenbaren fann. SDem Xroligen ift eS toefentlid^, bie il^n 
bebro^enbe Äraft gegen fid^ l^erauSguforbem — er jjrobo- 
cirt mit einem lauten ober in feinen SJhenen fld^ au§= 
fi)red^enben ^uxn\: t)erfud^*S, ob bu mid^ nieberf dalagen 
unb bänbigen lannfl! — unb nur loo er fid^ ganj mad^ts 
loS toeife, bemütl^igt er fid^ fotoeit, mit bem, in feinen 
„Saunen" verleiten, ©d^toäd^ling bloS ju „maulen"- — 
2Beil bemnad^ ber Xrofe auf einer „ SJermeffenl^eit" b. f). 
unrichtigen 2lbfc^Ä|ung ber eigenen Äraft, berui^t, fo ift er 
im Saufe ber 3«^^^ leidster „ju 9laifon ju bringen" ate 
bie blofee „Saune". S)iefe ^at ni^t fotool baS aRotiö 
bes 2;ro|e«: id^ toiH mir bieg ober jeneä „nid^t gefallen 



Die S^tton^men ju Sigenfmit. 407 

laffctt", als bie einzige, unfeltge Formel: car tel est notre 
plaisir — too fie im SSefii bet SWad^t tft, toitb fie jur 
beiS^jotifd^en SBillfüt, ble burd^ fortgefe|te^ SKci^tad^ten 
fremben SRed^tö fo tief erbittert tt)ie nid^tS anbere» — 
unb fold^e SBirfung fd^on burd^ il^ren bloßen ©d^ein l^er^ 
beiffi^rt, afö toeld^er aKemal entfielt, tt)o ber ®e^ord^en= 
fottenbe feinen tjemünftigen 3^^ ^^ irgenbeiner ju 6e= 
folgenben SInorbnung abfielet. S)ie &anm l^anbelt nad^ 
abfolutem SSelieben, bie SBiUfür nad^ einem jebe SRed^en^ 
fd^aft bertoelgemben „®utbönlen". 

^a^ i^iäufige aSorfomwen be§ ©igenfinn^ in ben ®p 
tremen ber Seben^atter -^ beim Äinbe unb beim ©reife — 
toie aud^ beim toeibßd^en ®efd^led^t, toeld^em ©d^o^jen^auer 
eine „geiflige aR^oi)ie" nad^fagt, leitet un^ an, baS unter== 
fd^elbenbe SWerhnal in einem SDefect be^ SnteHect^, red^t 
eigentlid^ in SBomirtl^eit, aufjufud^en; — unb jene ftarr= 
fö^jfigen (stubborn) unb l^ateflarrigen (augenfd^einlid^, toie 
fd^on ®berl^arb gefeiten, bom ©tier entlehnte 3Ret(tt)^em!) 
SW&nner, benen mit SSernunftgrünben nid^t beijufommen 
ifl, leiten fo toenig toie bie S^l^iere, bie fid^ burd^ @igen= 
ftnn au^jeid^nen (9Knb unb @f eQ, wn biefer ©i)ur ah. 3a, 
e3 ifl gerabeju einj^ ber traurigjlen ©^:t)tome über= 
toud^ember ©reifenl^aftigfeit, fid^ mit jftl^em ©igenfinn in 
ber Unfäl^igteit jur Unterfd^eibung jtoifd^en SRed^t unb Um 
red^t ju berl^ifirten unb fein nod^ fo trügerifd^e^ 9laifonne= 
ment pinvxpis^tt ©o:t)l^iflü ju t)?rfd^mäl^en, um bamit ben 
SRefl eine^ immerl^in nod^ toiberftrebenben ©etoijfenS jii 
befd^ioid^tigen. SBo fold^ bomirte ®l^rlid^IeitSt)eBeität auf 
bem 2;i^rone ft|t, ba feiert bie rabuliftifd^e @efe|eöbeutelei 
i^re Drgien — unb ganj t)on bemfelben ©eure ift ja ber 
3Ri^braud^ , toeld^en frömmelnber ^anati^mu^ mit ber ©cru= 
j)ulofität be8 altemben Soui^ XIV. treiben burfte. (6^ 
gibt ja überl^au!t)t eine 2^enbenjlogif, bie man einen el^r- 
lid^en ©elbftbetrug nennen möd^te, too loirflid^ unbetoufet 
ber SBiUe bem ftojjfe fogar bie S)enfgefe^e, nid^t blo§ 
ben ©enfinl^alt, borfd^reibt.) 



408 3)ie ^nergtegmbe unb maS bamit {ufammenl^ängt. 

gut jene Sd^afelammer bcr SBei^l^eit im Ä(H)ttel ,,3Som 
5ßrimat beö aBitten^ im Seteftbctoufetfein" („SDie SSdt ate 
SBitte unb aSorjieHung", S3b. 2) liefert gerabe bie S3eobad^tung 
beö Äinbe^alter^ toaste ©abinetöjiüde, unb ber ©igenfitin 
f eiber ift fo gut ein folc^e^ toie bie %^aVia6)t, baß Don 
allen formen ber (Bpxa6)e^ bo^ Ätnb juerft ben Swi^J^citiö 
^erfiel^en lernt unb f eiber, lanm ftammelnb, feine Umge* 
bung mit einem ewigen „31. toiU bag ober bo^" verfolgt. 
5)amit l^oben toir aber fd^on bie beiben ©lemente be^ ©igen* 
finn^: e^ bebarf, um il^n gu erzeugen , nid^t^ aU ein 
SSBoHen unb ein ^emmen biefe^ SBoHen^ — unb je mel^r 
lefetere^ ate toirflid^er S^^^Ö/ ^t^<i^ i^ t^^^ *>^^^ jw 
unterlaffen, auftritt: bepo energifd^er reagirt ber SBiUe — 
infofern l^at jeber 3;ro| fein ©orrelat an einem irgenblDie 
gegen ben SBiUen loirfenben S^anQ^, — Ueberatt feigen 
toir bie ©elbftbel^aujjtung um ber ©elbftbel|iaui)tung toitten, 
ben feine SDlotitoe rein nur auö pd^ unb feiner angeblid^en 
©elbftgleid^^eit fd^ö|)fenben unb eo ipso fid^ ber rationeHen 
aKütiijation entjiel^enben SBiUen: ein ©idlj-nid^t^ijon^aulen- 
afficiren^laffen-tootten; unb loaö SKommfen in feiner „9lö= 
mifdben ©efd|^id|^te" t)on 3lntiod^u§ bem ©rofeen V)on Serien 
fagt: „er ioijrbe bel^errfd^t öou ber gurtet bei^errfd^t ju 
toerben", liefert l^ierijon eine e£entj)larifc^e ©^jecialität- 
Snfoioeit ber fo [id^ ijerl^ärtenbe SBitte bereites einen anber* 
toeitigen ^nl^alt i^at, f|)red^en loir aud^ lool toon ®igem 
loillen, im Unterfd^ieb bom ©igenfinn, unb biefer le^tere 
bejeid^net atöbann bie nod^ abjitractere, ganj formale, mei? 
fien^ nur negatib — im aSertoeigern — fid^ äu§ernbe 
Se^arrung. (®iefe unfere Sluffaffung be^ ©igenioillenö 
enthält jugleid^ bie burd^greifenbfte äbloeid^ung toon ber 
in biefem 5ßunfte ganj t)agen ©arfiettung ©berl^arb*^, für 
ioeld^en gerabe umgefe^irt ber ©igentoiffe bie abftractere 
gorm ift.) 

©er ©igenfinn aU fold^er ift alfo ioefentlid^ o^ne mo^ 
terialeä 5ßrincip, ioäl^renb ber ßigentoitte be^ ©reifen an 
früher aufgenommenen ©el^alt fid^ feftftammert, alten ^& 



2)ie ©^ttotti^mcii ju ©igenftnn, 409 

«nb alte, ntd^t minber ungeted^te, aSorlfebe nid^t fal^reit 
laffen tt)ia — toeil „bie em!i)fängli^feit beö Sttteffect^ für 
anbete ^nbtiliJe unb babutd^ bie SBetoeglid^feit be^ aSBittenä 
im6) l^injuflrömenbe SWottoe abgenommen IJ^at" („3)ie 
SBelt afö SBiae unb SSorfleaung", 2. SCufl., ©, 240; 3- SKufl., 
II, 267). Unb h)ie ganj baffelbe auf bm gelbe ber SC^eorie 
gilt, jeigen j[a jjene flarrfmnigen ßöi)fc?, bie nid^t baä ge^ 
tHngfte ©tftubd^en fid^ tt)oIlen abfeieren laffen in ber ^nmptU 
lammer il^reg S)enfen^. 

„6ajf>rtce" (toof)l möd^te man ein SBortfitrfel toagenb 
bai^ et^mon lieber in capere aü in caper fud^en) unb 
Sauncttl^aftigleit finb bem ©igenfinn ebenfo eng \>ex^ 
fd^tt)i[tert, iöie Sfted^tl^aberei in ber S)ebatte unb 5ßroce§= 
jud^t i)or ©erid^t. S)er @igenfinn ft)itt ja n)aS er toill 
nid^t au§ 3ntereffe an bem erfannten S^l^^alt beffen toa^ 
er toiH; fein QnteHect beflnbet fid^ im 3iiftanbe iperma^^ 
nenter SBer jIdä tl^eit : ber igafeftarrigfeit im SSertoeigern 
lommt nad^ UmjiÄnben bie ^artnädigleit im gorbern unb 
(Srftreben t)öttig gleid^; beibe beftel^ien fogar mit großer 
:t)€rfönlid^er ©inbufee auf einmal auSgef^jrod^cnen S5orfä|en; 
fie toollen thm nur jeigen, bag fie tooHen unb e^ il^nen 
nid^t barauf anlommt, too^ e^ foftet, an fold^em SBoHen 
f eft}ul^alten ; unb \omn aUe^, toa^ augerl^alb einer (S^au^ 
falität^rei^e aufzutreten fd^eint, m SBunber i^eifet, fo fielet 
in ber 2;i^at ber reine ©igenfinn an^ toie ein ^jf^d^ologifd^e^ 
SJBunber, eine Slrt bon creatio ex nihilo liberi arbitrii 
indififerentisß/ benn feinem %f)nn (öfter SRid^ttl^un) fel|ilen 
bie begreipid^ mad^enben aWotitje; gibt e^ boc^ fogar fonft 
fel^r lenlfame 3Kenfd^en, bie ju jeiten ober in einjelnen 
©tüdten toiber SBitlen eigenfinnig finb (ioenn fie 
etttHi irgenbioie blo^ „il^r 3Äfitl^d^en fül^len" tooffen ober 
\>on einer alten toertljflofen ©eiool^nl^eit ober einer ^ßfeubo^ 
majime falfd^er ©^jarfamfeit, fei e^ in ^infid^t auf 3^it 
ober (Selb, u. bgl. loie unter bämonifd^em 3^i^ber fid^ ge= 
bannt fül^len) — eine contradictio in adjecto, bie ent- 
toeber einen „realen aßiberfprud^" — ©elbflentjtoeiung — 



410 Sie enetgiegtabe unb mad bamit }ufammenl^&ngt. 

B^eid^net ober auf ettoa« toie SBal^nflnn beutet — iebeit^ 
faff^ aber bem beijuorbnen i% toa« — Dom forenftfd^^e^ 
btclnlfd^ien ©tanbi)unft — Dr. 3«fiu^ Äno^) unter bem 
%M: ,,^arabojie be8 SBiUeniJ ober ba^ freitoitttge ^an^ 
beln bei imierm aBtberjlreben" (Set^)gtg 1863), b^an= 
belt l|iat. @enauerer SSetrad^tung l^&It freilid^ oud^ bieiS 
SButtber nld^it flanb, obgleid^ e8 bem „SBunber xar* i^ox"^^" 
— ttrfe ja ©(i^oi)enl^auer bte (Sinl^eit be8 looHenben unb 
erlennenben 3(^ nennt — nid^t aBju fem fielet. SDenn 
toaiJ ben ©d^ein erjeugt, afö l^fttten toir im ©genftnn ein 
»eif^nel jener abfoluten SBal^Ifreü^eit: ba^ bie SWotiöe bo^^ 
bei ganj immanente, „ganj im SBiUen Uegenbe" loftren, — 
ba^ Iftfet fid^ als ein ebenfo ungenauer Slu^brudt loie ettoa 
„©elbftbel^errfd^ung" nad^loeifen. ©o ioenig loie hierbei 
ein ©elbft hinter bem anbem agirenb unb befHmmenb 
fielet, ebenfo toenig ifl ber (Sigenftnnige ganj unabl^fängig 
t>on SRötiben. ©ogar fein ©runbmotiio: bie unbebingte 
©elb{ibel^au))tung in lal^Ifier Slbfhaction nimmt jebe^mal 
nad^ ben befonbem Umfl&nben bed Sinjelfaltö eine con^ 
cretere garbe an: — e8 fommen j. 33. jjerfönlid^e Stuti* 
^jatl^ien gegen bie gumutl^enben mit inS ©})iel, toenn bie 
blinbe ©elbflbejal^ung nid^tS tüiU, atö ftd^ t)on anbem 
nid^t Derneinm laffen — unb fo toie bie fogenannte ©effift^ 
bel^errfd^ung ioefentlid^ befielet in ber burd^ Uebung er^ 
toorbenen ober bod^ üerflftrften gertigfeit, abftracte SWotit)e 
ebenfo ftarf auf fid^ ioirim ju laffm tt)ie anfd^aulid^e: fo 
ifl ber ©genfinn getoijferma^en bie auf il^rer ©t)i|e fid^ 
loiber fid^ felbfl f el|>renbe möglid^ l^öd^jie 5ßotenjirung biefer 
felbigen gertigteit. SebenfaffiS mn^ bem ßigmfinnigen m 
geioiffer ®rab fold^er ©elbfibel^errfd^ung innetool^nen; benn 
Iör})erlid^en ©c^merj (j. 85. ©daläge bei Äinbem) unb ber= 
gleid^m 9leije erioeifen fid^ bei il^m mad^tloi^ gegm bie ab- 
flractere Sftegel: „id^ toiH ej^" (ober: „loitt eg nid^t'O- 



S)ie pdt>agogtf(i^e SBel^anblung beg StgenftnnS. 411 



L Sie ipäbagogifd^e SBel^anblttng ht9 Stgenftnn?« 

®amtt finb fd^on einige 3&inU gegeben für bie fo 
öfieraug fd^toierige SBel^anblung beS (SigenfinnS. — Um 
ben aSetfud^, ii^in gu ,;bred^en", toirb eS meifien^ ein mi^^ 
Ud^ 2)ing fein; gemeinigli^ teid^t man toeiter bei Ü^m mit 
bem @tab ©anft atö mit bem @tab SBel^e; benn eine 
SttatuT, bie feinen S^atiQ leiben tt)in, ijerl^ärtet fid^ am 
el^eften, too fie eine auf fold^en l^injielenbe Slbfid^t getoal^rt. 
aber anberetfeit^ ift jebe unreife SRad^giebigfeit ebenfo 
tjetfel^tt; benn fte reid^t bem ©igenfinn baS fluttet be§ 
„Sßerjiel^en^" unb „SBertoöl^nenS"» SSttfo ol|>ne auf ba^ be^ 
benllid^e „S)ie SBal^rl^eit toirb tt)ol in bet SWitte liegen" 
unfern SKidtjug ju nel^men, muffen tt)ir bod^ dm SDKfd^ung 
wn ©trenge unb ©anftmutl^ etttj)fel^len — fd^on toeil bie 
©rfal^rung le^rt, bafe finge aWütter attemal beffer mit ben 
,,eigenfinnigen 9langen" fertig tt)erben atö jäl^jornige SSäter. 
©ebulb! ijl aud^ l^ier baS gaubertoort — ©ebulb aud^ jur 
rul^gen ^Prüfung, ob ber im gegebenen gaUe ju bt^an^ 
belnbe ©igenfinn t)erf^)rid^t ium ,;Iid&enStoärbigen" ju tt)er= 
ben, alfo „ein %on, toietool ein öerftimmter, berfelben 
©aite ift, toeld^e einft in d^arafterbotter geftigfeit erflingen 
fonn"; ober ob er ©^m^)tom rüdffid^t^Iofer, aKe^, ioa^ 
il^r 2Biberjianb leiftet, t)or fid^ nieberifoerfenber ©elbftfud^t 
l^eifeen mufe, toofür ba« fid^erfie Äennjeid^en fein loirb, 
toenn er mit ipeftigfeit forbernb fid^ geberbet. Qm 
fold^em gaUe mag man eg immerl^in mit bem SBeugen unb 
SSred^en be§ Xxo^top^c^ t)erfud^en, ioäl^renb in jenem an= 
bern als einjig rid^ttge SWetl^obe ein ebenfo feftes toie 
freunblid^eS Senfen be« SnteHectS inbicirt ift. äßan gebe 
bem bel^arrlid^en ffiiffen einen t)emänftigen Snl^alt, fo l^at 
man il^n eben bamit fd^on jum „ßi^arafter" gemad^t. 3Ran 
e^re baS an fid^ nid^t t)ertoerflid^e SSBiberftreben gegen ben 
QtoaxiQ als fold^en infotoeit, als man feine unmotibirten 
®ebote ober SSerbote auffieHt unb inSbefonbere fid^ lautet, 



412 Sie Gnevgiegrabe utib mad bamit sttfamntenl^angt 

bo^ ftinb mit ©d^eingetDAl^irungen ober r^SSetfagungen ju 
„ncdten", toa^ eben nid^tö anbetet befagt atö: ben ©gert:: 
finn gtt)C(flo8 ju reijen. Unb tocil ja bag in vetitum ni- 
timur ju aSermeifi eben t)on bem (Sigenftnntgen gilt, fo 
fotbere man nid^t blinbe Untertoetfung unter eine ganj= 
lid^ uni>erftanbene älutorität; — man n^arte baiS \t>0f}U 
bered^tigte: äBarum foll id^ hai Üfm ober nid^t tl^un? 
gar nid^t erft cib, bann brandet man eS nid^t afö 9lafe= 
n>ei51^eit — b. f). oft genug nur: ,,ttnbequemHd^fcit" — 
abjutt^etfen; aber man laffe aud^ nt(^t fd^to&d^lid^ bem 
llinbe feinen SBäiBen, toenn biefeiS afe gebietenber ^errfd^er 
aufiutrum))fen ftd^ unterfängt ober feinen 6tgenfxnn auc^ 
auf ben ^nteffect au^bei^nt unb fid^ jirftubt, ,,SBemttrtft 
anjunei^imen"; — man jeige il^m bidmel^fr, lt)o e« not^- 
t^ut^ bag ber 93emunft aud^ ^d^t beitDofint, unb anti« 
ci)>ire fo geu^iff ermaßen baiS rid^tige Urtl^eil, tt^eld^es ftd^ 
bann meifleniS balb nad^trftglid^ etnfieUen tvirb. Unb it>i> 
ber ©genfinn mit Slffect üerbunben atö Xxf>^, //?5a|igleit", 
Unbefd^etbenl&eit, Ungebül^r, ©ntpflnblidjff eit *) fid^ gibt, ba 
b&nbigt man il^n am {t(^er{len, inbem man nit^t ,,unge- 
l^alten" toirb, t)ielmel^r an fid^ f eiber ha& 83eif})iel ber 
Selbfibel^errfd^ung, be^ 9{ieberIäm))feniS aufbraufenben Un^ 
mut^i^, barbietet, mitl^in im))onirt burd^ ben Slugenfd^etn, 
bafe bie SBemunft bie ^errfd^aft in Jpftnben l^at. — (Um^ 
geleiert ijl e^ bei „inbolenten ©d^lafmöfeen" oft gerat^en, 
loenigfien« nid^t übel angebrad^t, bem „l^eiligen 3«>*^" 
einen energifd^em 3lu0brud ju leil^en, al^ ber eigenen 
momtntanm ©rregti^eit entf))red^en mag : fold^ ein S^^B^ng 



*) ßm^flnblid^ ifl, toer mit bcrl^attcnem Slberflrcfccn ju erfeu* 
ncn gibt, et l^altc irgcnbctncit ^Sorwutf für m^t öcrbtcnt ober tx>tU 
tete in einer tool^Igemeinten ^orbaltang bie 9[bfi^t gn frMen. ((Sm« 
)>{tnblt41eit ifl a(fo nid^t an t)ern)e(^fe(n mit einer Unaufriebenl^ett mit 
ftd^ felber, bie fld^ bei ert^etlten ^ermeifen a(9 ^ctrübntg äugert.) 
^emgemäg bebarf ed gar ntd^t erfl bed f,%ii\mndtn9'\ um bad 
Urt^eil gu redjtferttgen, ein S^abel fei ntti^t mit «efd^cibcn^eit Ein- 
genommen« 



3)te pdbagogif^fe Sel^anblung beS (Sigenfttm^. 413 

mufe fef^en , bofe man „oud^ böfe toerbw fann"; bamit er 
einen l^eilfamen 6l^oc belomme unb ntd^t feinen ©tuttH)f? 
[ihn mit tt)eif er 3Wäfetgung Dertoed^f ele, nod^ umgef el^rt btefe 
mit jenem.) Äurj: bie SBorfd^riften be§ 3efu8 ©irad^ über 
ben redeten ®ebraud^ ber Slutl^e finb cum grano salis am 
juttJenben» 9Wan fei fo geredet, \>on Äinbem nid^t mel^r 
ju f orbern afö t)on fid^ felbcr: oft befeitigt man bie SKn^ 
ioanblung eigener übler Saune ja aud^ nur burd^ ®ntfer* 
nung t)om Slnlafe jum SSerftimmtfein, S)afe barüber bie 
aBai^irl^eit be^ 'O piYi Sopel^ av^pcwccx; ou TcatSsueTat nid^t 
gu lurj fomme, bafür fann man ber Siegel nad^ getrofl 
bai^ „Seben" forgen laffen, tt>el(^e§ fd^on Situationen l^er^^ 
belfül^ren toirb, in toeld^en „bie f dürfen ©den fid^ ab- 
flogen "• SBir tootten am allenoenigfien fd^load^müti^iger 
aSerjärtelung baS SBort reben unb nur noc^ an siouffeau'^ 
SÄegel erinnern: „atö Vernünftig toirb biejenige ©träfe l^in* 
genommen, loeld^e mit bem ©l^ralter einer natumotJ^toen^ 
bigen golge feinei^ S^l^un« an ben Sefiraften l^erantrltt", 
— im anl^nggloeife aud^ ju biefen Äa^^iteln loieber un^ 
fer^ gtattid^ S^ftttumung einjul^olen, ©eine rid^tige 
©runbanfd^auung leud^tet un^ fd^on auö einer fd^einbar 
^ier f aum l^ergel^örenben Setnerfung entgegen , bie offenbar 
bai^ über bie ^rinci|)ienreiterei ©efagte erl^&rten fann 
(a. a. D., ©. 240)* „Solange man im SQBlfiien ifl (nad^ 
moberner Slu^brudfjStoeife: jtd^ in ber abftracten 3;i^eorie be- 
tt>egt) unb barinnen feinen gortgang unb ©tärfe emj)finbet, 
fo ift man aufgeblafen. SBBenn man aber in8 %i)\xn l^inein- 
fommt, unb toenn man in ber SBelt foH hxanijbax fein, 
fo emjjfinbet man gemeiniglid^ feine ©d^loftd^e unb Iftfet 
ben 3Wutl^ finfem SBe^toegen aud^ ^ßractici t)iel 
tjerträglid^er finb aU blofee 2;i^eoreticl/' Unb 
al^ locus classicus jum @ingang auf ©. 397 (a* a. D«, 
©• 301): „6^5 ift bem aWenfd^en an feinem freien 8GBit 
len fe^r i)iel gelegen, ba§ er fid^ fold^en t)on einem 
anbern SDlenfd^en nic^t ioiH nel^men laffen, ioie benn nie- 
manb toüufd^t, ein ©!lat)e )u fein. Sluc^ ftinber unb 



414 3)ie (Snetgitgtobe unb toad bamtt fttfammenl^gt. 

iuxiQt £eute toel^ten [idf fe^t um i^ten freien äBiOen; t>a^ 
^er (!) fobalb man i^nen ettDad Derbietet, fo tDoQen fie 
gemeiniglich nad^ bem @t}rid^b)ort Nitimur in vetitum 
eben t>a& SSerbotene. älbfonberlid^ koitb man in ebeln 
@emätl^ern toal^rnel^men, ba^ fie loon fid^ felber 
@uted tl^un*)unb au^ eigenem £tieb toa^ lernen 
toollen^ fobalb fie aber gejtDungen merben^ fo ge^ 
fd^iel^t ed il^nenfauer'^ u. f.tt). ^aju @. 444 unb 454. 
@))ecieEer auf bie ))fV(^ologif4 inbicirte S3el^anblung bed 
@igen{innd )[)on feiten ber ©rjie^er gelten folgenbe ©teSen 
ein (a. a. D., ©. 297): ^^^an mu^ jjunge Seute toor 
bem @igen{tnn foioiel b)ie möglid^ beu>al^ren^ aber nic^t 
meinen, (d^ toenn man mit @ett)alt il^n brechen unb nei^- 
mm !5nnte^^ unb boS ^^olgenbe, koeld^e^ — n)ie aud^ 
©. 298 — mit fd^lagenben SQSorten eine toeife, Ueberlegem 
^eit be!unbenbe Stad^giebigteit enq)fie^lt« @nblid^ @. 367 : 
,;3m SQSiQen flecft eine größere Araft, atö man fid^ öftere 
t)or{leDt. SJlan bentt getoöl^nlid^, man fönne einem ben 
äBiilen burd^ 3^<(ngSmittel fd^on mad^en; allein ge)9)öl^m 
lid^, tomn bie S^anQßmittü aufhören, fo l^ört auc^ ber 
aSiae auf' u- f. to. 

©d^Üe^lid^ fei nod^ be^ )[)ielem))fol^lenen unb bei man- 
d^en al^ Uni))erfalmittel gegen ben @igen{mn beliebten 
3folirung!$üerfa]|freniS gebadet älfö ©träfe lamt eiS ebenfo 
n)ie bod, beinahe atö feine ibeeSe äSorftufe anjufel^enbe, 
Sgnoriren beS @igenftnnigen oft am $la|e fein — ald 
^rtoentit) ober ^xopf^tjUai^ ift e^ mel|fr al^ bebentlid^* 
^a| ein Ainb, toeld^e^ burd^ feinen 6igenftnn fid^ auf {td^ 
felber fteUt, bafUr eine Q^ lang bed gefelligen @enuffed 
entbel^rt, ifl ebenfo fel^r in ber Drbnung, tt)ie bag man 
i^m baburd^ gugleid^ bie @elegenl|feit ent)ie^t, feinen @igen^ 



"") ^qu ptmmt to>l{rtn(^ ber $o(!$f))rud^ an9 2)eutfd^e Snf^riften 
an ©au« unb ©erfit^ (©erlin 1865): 

(Sin Qbeltc^d Oemut^ 



S)te päbadogifci^e SSteJ^anblung btö gigenfiniti^. 415 

finn an irgenbeinem oitöjulajfen. 3(6et anbetetfeitö tmüft 
(tt)ie unter anbetn ©ber^arb rid^tig bemwlt) ber @igenfinn 
f eiber ungef ellig, unb bie Sfolwung toirb bann gar nid^t atö 
©träfe emipfunben — unb umgele^rt: bie UngefeHigleit, 
ba^ i)iele ätteinfein, jiel^t ben @igenfinn gro§. Qnfofem 
ifl eg gcrat^en, Äinber, bie fid^ eigenfinnig benel^men, toiel 
mit il^re^gleid^en toerf eieren ju laffen, bamit fte nid^t immer 
nur fojufagen mit Slef:j)ect3l)erfonen ju tl^un l^oben, fon- 
bem fid^ an bie ftatifd^e ^UiSgleid^ung in jebem ©efeSfd^aft^- 
leben genDäl^nen unb fo eine Sll^nung baioon belommen, bag 
frember SBitte nid^t nur in gorm beg iM)n einer äutoritftt 
emanirenben ®ebot2 ober SSerbot^ bem unfern ©d^iranlen 
fe^t, fonbem für ba^ blofee 3ttf ^mmenfein . mit anbem 
fd^on eine getoiffe gfigfamfeit unb SBad^giebigfeit bie uner* 
la^lid^e ä3ebingung ift. SD^an tt>äi)U be^l^alb ium Umgang 
mit eigenfinnigen Äinbem nid^t befonberS fanftmütl^ige unb 
friebfertige ®ef})ielen, fonbem laffe gelegentlid^i einen i^arten 
Äoi)f am anbem fid^ bie Jeörner obflo^m. — Unb gemä| 
ber negatiioen Statur, toeld^e ber (Sigenfinn meiflen^ f eiber l^at, 
ift bei il^m aud^ ba8 negatiöe ©traföerfal^ren ber ®nts 
jiel^ung ober SSerfagung meiften^ beffer angebrad^t ate baj5 
l)ofitiöe ber Süd^tigwg, unb entf})rid5it ganj ber Siegel 
^ant'd: ,>enn iaä fiinb unS nichts )u (Gefallen t^ut, fo 
tl^un toir aud^ il^m toieber nid^tä ju ©efaHm", SWan benfe 
bei @nt}iel^ung nur nid^t ettoa lebiglid^ an eine ipungercur 

— fonbem an en^icJ^ung aUer Slrt toon ®mu^, bie ber 
ZaQ in feinem Saufe bem ^inbe )i>^\pnäft 9!)od^ eine 
äBamung fei l^injugefttgt: dn ungered^ter Slutl^enfhreid^ ifi 
fd^limm, aber er l&|t fld^i enblid^ bod^ »erfd^merjm — eine 
(n^enn aud^ nur fd^einbar) avä bloßer übler haxme Der- 
i^ängte Sn^iel^unggfirafe — boQenb^ toenn babei eine nid^t 
alle S^agc ioieber angebotme greube, ein Äinbcrfefl u. bgl., 
\oa^ fd^on jugefagt toar, nad^tr&glid^ t)orentl^ltm toirb 

— toirb jeitleben^ nid^t »ergeffen. ®ag loirb fctft jeber 
bezeugen tonnen, ber auf feine eigene Ainb^eit mit einiger^ 
ma|en flarer Grinnemng jurüdtblidt @S erforbert olfo 



416 3)te Sntr^te^abe unb woS tamit }ufammenl^&ndt. 

aOerbingiS bie Xntpenbung be$ @trafmtttel^ ber @nt^tel^ung 
nod^ gtd|ete ä9e|futfatn{eit al^ jebe anbete (aber e» ^ei^t 
über ba^ Si^l l^tnau^fd^iefeen, bei^i^alb, tt>ie neuerbing^ 
me^rfad^ gefd^e^en^ baffelbe äberl^u))t Dertoerfen yu tooUm) 
— unb nur ber l^ftd^ften äutorttftt für ba^ Ätnb !ann 
feine SluMbung jufte^en. — S)ie ©j)arfattifeit, mit toeld^er 
e§ pi l^anbl^aben ift^ inüotoirt bereitö, bag nur in gan; 
t>ereinjelten unb befonbem gätten ein ©riafe fölci^er ©träfe 
auf bem SBege ber Slmneftie ftatt^aft fein tuirb. — S)ie aRittet 
{lra|e türm aud^ l^ierfür bi&milm burd^ eine Slnbrol^ung 
führen, bei ttjeld^er man e^ gtoeifel^aft lafet, ob biedern 
tualttftt, für toel^e fie öertoirHid^t toerben föttte, tyoBfkftn- 
big eingetreten ober nid^t. @^ mujs aud^ babei ba$ ©traf^ 
Derfal^ren bem SSergel^en ^araOel foufen^ unb loaS ^an 
$ßaul in feiner fein beobad^^tenben SQäeife an einer ©teile 
ber ,,18ebana" V)om 9lad^jittern eine« fd^on l^albtoeg^ über^» 
tounbenen S;ro|e^ fagt, re^tfertigt ben (grjiel^er, toenn 
er aud^ fein Ultimatum nid^t nad^ ber ©ecunbe t)oO[ftredft^ 
fonbern eine fojufagen neutrale 5ßaufe be^ Unentfd^ieben^ 
fein^ }ugibt. $ier nun aber fto|en ton an bie RÜppc 
be^ ,,%adtln^'% bie bem „Ouadeln" fo mf}c benad^bart 
ifi. S5a^ aSerle^rte l^ieran befielet barin, ge^iffermafeen 
erft abtoarten ju tooUen, toie-toeit einer in feiner aBiber= 
f^)enfiigfeit ju gelten gebeult, ftott fofort beutlid^ genug 
merfen ju laffen: l^ier ifi ein SRiegel v>orgef droben. SDaju 
bebarf e^ nid^t allemal be^ toemcl^mlid^en ober gar ^jol- 
ternben S^rufä: bi^ l^ierl^er unb nid^t toeiter ! Qebeg 3<^«i>«^« 
mit einer berartigen aSBillenöfunbgebung bringt bie @efa^r 
mit fid^, ba§ bie ©egenftrebung 3rtt bäovxtne, um fid; 
über hm ^unft l^inou^jufteigent, jenfeit tt^eld^eö fie fid^ 
nid^t me^r fofort am SBiberftanb bred^en, fonbern nur ju 
Äu^erfter Äraftanftrengung er^i|en l&|t. &.n Äinb, mit 
bem loidöerl^olt gefädelt loorben ift, öerfud^t'^ nun gern 
erfi, ob ber, toie eg balb ^erau^fül^lt, ol^ne redeten ©ruft 
angebrol^te ©trafact jur aSottftredung fommen ifoerbe ober 
nid^t. daraus jiel^t fid^ t>on f eiber bie ^nmrm: toex einem 



^nbe 3la6)^iä)t angebeii^en laffen toiQ, mujs eS nid^t in 
3ö>eifel batüber lajfen, bafe nur fd^onenbe Siebe, nid^t 
fd^toad^e Unentfd^Ioffenl^eit mit ber fül^lbarem Sefttafung 
i)erjiel^e; — benn fonft toitb bie^ SBerjie^en ium SBer^ 
jiel^en, aU toeld^e^ ja feine^toeflS blo^ im aSerl^Ätfci^eln 
befielet. SRid^tö ift unreifer atö ein SJerfal^ren, toeld^e^ bie 
gurd^t ijor ©träfe ungeregelt lä|t — ein ©rtoerfen ber 
JÖoffnung auf fernere SWilbe läj^t bo« Slu^bleiben biefer 
als eine Ungered^tigfeit emipfinben — toer einmal 3Rilbe 
atö SBiafür, b. f). unmotitoirt, tt)alten liefe, Don beffen ißanb 
erfd^eint fortan an^ bie gered^tefte ©träfe in ben Slugen 
bes SöglingS lei^t ate ein äct ber SBilHür unb mad^t 
,,berftoöt"; bie »efferung für mnüi^ l^altenb, toeil im^^ 
mer unb überall ungered^te ©träfe pird^tenb, frevelt ber 
©igenflnnige bann lieber barauf loS, um bie ©träfe toe^ 
nigftenS mit bem ©efül^le ju empfangen: er l^abe fie jje^t 
loirflid^ einmal öerbient. 



5. ^irfliii^e nnb f^einbare (Sl^aralterfii^toä^e^ gegen Die 
(Srf^etnung^taieife t^ttt äS^iflen^ftörle gel^atten. 

2)er (Sigenfinn atö bie „^ßarobie beS ß^arafterS" fül^rt 
uns barauf, gerabe bei feiner SBetrad^tung nad^juforfd^en, 
toeld^e SBebingungen eS finb, beren Slbioefenl^eit nid^t geftattet, 
bafe er für ed^ten Sl^arafter gelte, ©d^on baS SBiSl^erige 
entl^ielt einen ^i^gerjeig, bafe biefer SKangel tl^eilloeife nur 
in ber Unreife unb Unfräftigfeit ber QneinSbilbung öon 
SSitte unb 3ntettect befielet. SlUein too aud^ im reifem 
SebenSalter ber ©igenfinn fortioud^ert, ba fiofeen toir auf 
bie britte Slntinomie, njeld^e bie SBeurt^^eilung beffelben er- 
fd^toert ^mn in abstracto Iftfet fld^ nid^t entfd^eiben, ob 
ber Sigenfinn auf einer gett)iffen gefiigfeit ober auf einer 
©d^to&d^e beS äBoQenS berul^t. 

©0 firtb es benn bie \)erfd^iebenen ©nergiegrabe bes 
SBoUenS, ioel^e an biefer ©teile nod^ nad^träglid^ eine 



418 S)ie foetgiegtabe unb mad bamit pfammoi^Angt. 

felbflAtibige Störterung erl^fd^en — tmb biefer hai Sßefen 
bed @igmfinni^ }ur $otte ju Q^bm, to>irb ftd^ atö eine 
fötberlid^e äRetl^obe ertoeifen. 

@d t)errätl^ ftd^ ber @igenftnn aiSbaSb al^ eine befon^ 
bete ^ornt ber vis inertise bed Sl^atatter^ ; unb babei er- 
gibt ftd^ ebenfo bolb^ ba^ bie vis inertise l^ier fo gut tt)ie 
überall onber^too eine bi))}))elte @rfd^einung^tt>eife f)aU SBe- 
l^orren in ber Stulpe unb gortfe^en ber einmal begonnenen 
äSetoegung ^ bi^ eine übertD&ltigenbe @egent9irtung biefelbe 
auf^bt. @igenfiinnig ifl nid^t minber^ toer in tr&ger SSer- 
fio^tl^eit t^ ftd^